Seht das Lamm Gottes

Letzten Sonntag, am Fest der Taufe des Herrn, haben wir gehört, was uns Matthäus von der Taufe Jesu berichtet. Heute schildert uns Johannes dieses Ereignis und tut dies auf eine ganz andere Weise. Muss bei Matthäus der Täufer erst von Jesus belehrt werden, so ist er bei Johannes schon der Wissende. Gott hat ihm offenbart, dass der, auf den er den Geist wie eine Taube herabkommen sieht, der ist, der mit Heiligem Geist taufen wird.

Weil Johannes in Jesus den Sohn Gottes erkennt, kann er Zeugnis geben für ihn und die Menschen auf den hinweisen, für den er selbst Wegbereiter ist:

Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. (Joh 1,29)

Johannes nennt Jesus das Lamm Gott. Ist das nicht ungewöhnlich? Was wäre, wenn diese Worte, die Johannes damals zu seinen Jüngern gesprochen hat, heute jemand voller Begeisterung zu uns sagen würde: Schau, da ist das Lamm Gottes … Was denken wir bei diesen Worten?

In jeder Heiligen Messe wird das „Agnus Dei“ gebetet: „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt…“; und der Priester spricht beim Erheben der Hostie vor der Kommunion die Worte: „Seht das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünde der Welt.“ Oft ist uns der Ablauf der Messe ja so vertraut, dass uns manches gar nicht mehr auffällt oder einfach ganz selbstverständlich geworden ist. Wer hat sich schon einmal bewusst Gedanken gemacht über den Ausdruck „Lamm Gottes“?

Den Menschen damals war das Lamm vertraut als Opfertier. Es hatte eine wichtige Bedeutung im jüdischen Tempelkult. Am Vorabend des Paschafestes wurden die Lämmer im Tempel geschlachtet, die dann am Festtag gegessen wurden. Das geschah in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Das Buch Exodus berichtet davon, wie sich die Israeliten in der Nacht des Aufbruchs versammelten, um das Paschalamm nach der Vorschrift Gottes zu essen.

Damals hatten die Israeliten ihre Türpfosten mit dem Blut des Lammes bestrichen. So wurden sie gerettet, während bei den Ägyptern in jener Nacht jede Erstgeburt hinweggerafft wurde. Eine für unser Verständnis grausame Szenerie, nicht weniger grausam als der Tod Jesu, der sich nach der Chronologie des Johannesevangeliums (abweichend von den anderen Evangelien) genau zu jener Stunde ereignete, als die Lämmer im Tempel geschlachtet wurden.

Der heutige Mensch wehrt sich gegen solche Gedanken des Opfers und hält sie für nicht mehr zeitgemäß. Ist nicht der Gedanke an das Opferlamm eine gewaltsame Umdeutung des Bildes, das uns das Lamm eigentlich geben will? Das Lamm ist wie jedes junge Tier doch ein so niedliches Wesen. Es ist ein Zeichen für Reinheit, Unschuld, Friedfertigkeit. Lammfromm nennt man jemanden, der keiner Fliege etwas zu Leide tun kann. Der Wolf wohnt beim Lamm, das ist eines der Bilder für das Friedensreich Gottes bei Jesaja.

Und doch gibt es das grausame Bild des geopferten Lammes, das vom Exodus her hineinreicht über den Tod Jesu Christi bis in jede Heilige Messe heute. Dieses Bild meint aber nicht, dass Gott von uns Menschen grausame Opfer verlangt. Gott selbst opfert sich für uns. Opfer ist so nicht Zeichen von Unterwerfung, wie viele meinen, sondern von Freiheit. Wie das Schlachten der Lämmer in engster Verbindung steht zum Exodus, der Befreiung Israels von der Sklaverei in Ägypten, so steht der Tod Jesu für die Erlösung aller Menschen, für die Befreiung aller Menschen von der Sünde.

Christus ist das Osterlamm, das wahre Paschalamm. Die Hingabe Jesu am Kreuz zu unserem Heil ist die Klammer, die das ganze Johannesevangelium umspannt. Jesus selbst weist im Johannesevangelium immer wieder hin auf die Stunde, für die er gekommen ist. Diese Stunde erfüllt sich bei seinem Kreuzestod.

Die enge Verbindung, die der Begriff „Lamm Gottes“ zwischen dem Geschehen am Jordan und der Stunde auf Golgota herstellt, zeigt uns sehr schön der bekannte Isenheimer Altar. Dort steht Johannes der Täufer neben dem Kreuz und sagt auf Jesus deutend die Worte: „Seht das Lamm Gottes.“

Auch der Maler des Isenheimer Altares wusste, dass das so historisch nicht korrekt ist, da der Täufer ja nach dem Bericht aller Evangelien schon lange vor der Kreuzigung Jesu von Herodes hingerichtet wurde. Was er darstellen will, ist eine theologische Deutung, die uns den tieferen Sinn der Worte „Seht das Lamm Gottes“ verstehen lehrt.

Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.

Johannes muss mit diesen Worten eine Sehnsucht angesprochen haben, die die Menschen in sich getragen haben. Die Menschen haben sich danach gesehnt, dass einer kommt, der sie erlöst, der sie befreit von ihren Sünden. Da kein Mensch dies vermag, musste Gott selbst Mensch werden. Johannes erkennt den, der dies vermag, den Sohn Gottes und er zeigt auf ihn. Seht her, sagt er zu den Leuten, er ist es, den ihr ersehnt, er allein kann euch Rettung und Heil schenken. Wecken diese Worte auch in uns diese Sehnsucht nach Rettung und Heil?

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