Psalm 34 (2)

Ich will den Herrn allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund. Meine Seele rühme sich des Herrn; die Armen sollen es hören und sich freuen. Preist mit mir die Größe des Herrn, lasst uns gemeinsam seinen Namen erheben! (Ps 34,2-4)

Gott rettet. Davon kündet der Psalm 34. Für diese Rettung gebührt Gott in erster Linie Dank und dieser Dank steht am Anfang. Vor jeder Bitte oder Klage kommt der Dank. Das mag etwas ungewöhnlich erscheinen, aber Bitte und Klage machen nur Sinn, wenn sie aus dem Vertrauen heraus kommen, dass Gott uns bereits gerettet hat. Dies ist auch ein zutiefst neutestamentlicher Gedanke. So sagt Jesus: „Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“ (Mk 11,24) Lobpreis und Dank zuerst! Hierin sind uns die Psalmen ein Vorbild für unser persönliches Gebet.

Gott loben, mit Mund und Seele, also nicht nur mit Worten, sondern mit dem ganzen Bewusstsein. Lob, das nicht nur so daher gesagt ist, sondern eine feste Überzeugung ist, die aus dem Grund des Herzens kommt. Lobpreis, nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern so, dass ihn auch andere hören können, damit immer mehr Menschen von Gottes Rettung hören, daran glauben und sie dann auch selbst im eigenen Leben erfahren. Lobpreis im Chor der Geretteten, gemeinsam mit vereinter Stimme, ein Jubel, der die ganze Welt umspannt.

Gottes Name ist groß. Diese orientalisch-biblische Tradition lebt heute vor allem im Islam weiter, während zumindest wir westlichen Christen weitgehend davon abgekommen sind, Gottes Namen zu rühmen. Für die Juden ist dieser Name Gottes so groß, dass sie ihn nicht mehr aussprechen und daher heute niemand mehr genau weiß, wie dieser Name, mit dem Gott sich am Sinai offenbart hat, genau klingt. Der Islam kennt die 99 Namen Gottes, die der Gläubige in seinem Gebet aufsagt.

Vielleicht ist es gerade der Glaube an den dreifaltigen Gott, der den Namen Gottes uns Christen hat fremd werden lassen? Kann ein dreifaltiger Gott einen Namen haben? Für uns Christen soll der Name „Jesus Christus“ die Bedeutung haben, dass in diesem Namen Rettung und Heil sind und dass diesem Namen unser Lobpreis gebührt. Es gibt ein Fest vom Namen Jesu, das aber weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Große Heilige haben sich das Christus-Monogramm JHS über dem Herzen eingeritzt. In der Ostkirche gibt es die Tradition des Herzensgebetes, bei dem ein Satz wie „Herr Jesus, erbarme dich meiner“ ständig gebetet wird.

Gottes Name ist etwas Wunderbares. In seinem Namen sind Rettung und Heil. Wenn wir das wieder neu lernen und Gott wie eine uns vertraute Person mit Namen ansprechen, wenn uns der Name Gottes wieder neu vertraut wird, dann können wir so zu einer neuen und tieferen Begegnung und Vertrautheit mit Gott finden und seine wunderbaren Taten in unserem Leben erfahren.

Psalm 34 (1)

Von David. Als er sich vor Abimelech wahnsinnig stellte und dieser ihn wegtrieb und er ging. (Ps 34,1)

Psalm 34 wird in der Überschrift als Davidpsalm gekennzeichnet und wie viele dieser Psalmen mit einer Begebenheit aus dem Leben des großen Königs in Verbindung gebracht. Es wird Bezug genommen auf 1Sam 21. Wenn wir uns diese Stelle jedoch etwas genauer ansehen, treten einige Unklarheiten zutage. In 1Sam 21,1-10 ist nämlich von einem Priester Ahimelech die Rede, der David unterstützt hat und ihm und seinen Männern auf seiner Flucht vor Saul die heiligen Schaubrote zu essen gab (auf diese Stelle nimmt Jesus in Mk 2,25-26 Bezug). Dieser kann also nicht der genannte Abimelech sein

Die Stelle, auf die sich Psalm 34 bezieht, folgt im Anschluss an diese Begebenheit bei der weiteren Flucht Davids und wird in 1Sam 21,11-16 geschildert. David flieht vor Saul außer Landes zu den Philistern, zum König Achisch von Gat. Diesem aber ist der große Krieger Israels, der Goliat und viele andere Philister im Kampf besiegt hat, verdächtig. Als David merkt, dass er hier keine Unterstützung bekommt, stellt er sich verrückt, so dass die Philister ihn fortjagen und er sich anderswo in Sicherheit begeben kann.

Warum aber wird der Philisterkönig Achisch hier Abimelech genannt? Wahrscheinlich war Abimelech („mein Vater ist König“) eine allgemein gebräuchliche Bezeichnung der Philisterkönige. Der Name begegnet uns mehrmals im Buch Genesis (Gen 20,1-18; 21,22-34; 26,1-26). Abraham und später auch sein Sohn Isaak haben mit dem Philisterkönig Abimelech zu tun. Wir sehen hier ganz deutlich, wie über bestimmte Namen die verschiedenen Erzählungen der Bibel wie durch einen roten Faden miteinander verbunden werden, denn auch in Gen 20 und 26 ist von Rettung die Rede. Hier handelt es sich jeweils um die Rettung der Ahnfrau. Sowohl Abrahams Frau Sarah als auch Isaaks Frau Rebekka wurde von Abimelech in dessen Harem aufgenommen in der Annahme, dass sie nicht die Frau, sondern nur die Schwester von Abraham bzw. Isaak ist. Durch das Eingreifen Gottes wird dieses Missverständnis offenbar und die Frauen werden unversehrt und reich beschenkt zu ihren Männern zurückgeschickt.

Gott rettet, das ist die Grundaussage, die im Psalm 34 auf vielerlei Weise besungen wird. Ps 34,21 trifft dann noch eine weitere bedeutungsvolle Aussage. „Er behütet all seine Glieder, nicht eins von ihnen wird zerbrochen“, heißt es dort. Diese Stelle bezieht sich auf Exodus 12,46. Dort wird über das Paschalamm neben anderen Vorschriften angeordnet, dass die Israeliten bei dessen Verzehr „keinen seiner Knochen zerbrechen“ sollen. Diese Stelle wiederum wird vom Evangelisten Johannes aus Jesus am Kreuz bezogen (Joh 19,36) und zeigt im Sinne dieses Evangelisten Jesus als das wahre Lamm Gottes. Gott rettet, er rettet die erwählten Väter des Hauses Israel, er rettet den erwählten König und er rettet seinen auserwählten Sohn. Durch den Tod hindurch ersteht der gekreuzigte Christus zu neuem Leben und mit Christus werden alle gerettet die an ihn glauben, so wie Gott bereits sein Volk von Urzeit an immer wieder errettet hat.

Im deutschen Text nicht mehr erkennbar ist Psalm 34 als Akrostichon aufgebaut. Dies bedeutet, dass jeder Vers des Psalms mit einem Buchstaben in der Reihenfolge des Hebräischen Alphabets beginnt. Die lateinische Vulgata hat diesen Aufbau bewahrt, indem sie den entsprechenden hebräischen Buchstaben jeweils an den Anfang des Verses schreibt. Akrostichie ist oftmals Kennzeichen von Lehrgedichten, die sich durch diesen Aufbau besser im Gedächtnis einprägen. Auch Psalm 34 hat lehrhaften Charakter und beschreibt die Vorzüge eines Lebens in Gottesfurcht.

Psalm 95 – Mahnung

Würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören! Verhärtet euer Herz nicht wie in Meriba, wie in der Wüste am Tag von Massa! Dort haben eure Väter mich versucht, sie stellten mich auf die Probe und hatten doch mein Tun gesehen. (Ps 7b-9)

Das Volk Israel hat einen Gott, der es wirklich gut mit ihm meint, aber nicht immer erweist das Volk ihm die nötige Dankbarkeit. Es vergisst seine Gebote, die doch dazu da sind, dass die Menschen in Frieden und Freiheit zusammen leben. Stattdessen treten Macht und Gier in den Vordergrund. Das Volk wendet sich anderen Göttern zu, deren berauschende Kulte interessanter erscheinen als die Schriften des Gottes Israels.

Höre! Immer wieder taucht in der Heiligen Schrift und in der geistlichen Literatur der Aufruf zum Hören auf. Der Gott Israels ist ein Gott, der zu seinem Volk spricht. Wenn die Heiligen Schriften vorgelesen werden, hört das Volk die Worte Gottes. Gott hat mit Mose von Angesicht zu Angesicht gesprochen. Immer wieder erwählt sich Gott Propheten, durch die er zu seinem Volk spricht. Christlicher Glaube sieht in Jesus Christus die höchste Offenbarung Gottes. Gottes Sohn, der zugleich Gottes Wort ist, durch das im Anfang die Welt erschaffen wurde, wird Mensch und redet so in ganz menschlicher Weise zu den Menschen.

Warnendes Beispiel dafür, welche schlimmen Folgen es haben kann, wenn das Volk nicht auf Gott hört, ist die Wüstenwanderung des Volkes Israel, die 40 Jahre gedauert hat, weil das Volk so starrsinnig war, nicht auf Gott vertraut hat und ihn immer wieder auf die Probe gestellt hat. Der Tag von Meriba (Num 20) wurde zu einer Art Wendepunkt des Exodus. Mose sollte dem Volk beweisen, dass Gott ihren Durst mit Wasser aus dem Felsen stillen kann. Doch Mose ließ sich beeinflussen vom Murren des Volkes und zweifelte selbst an dem, was er tat. Zwar spendete Gott das Wasser aus dem Felsen, aber der Zweifel dieses Tages war der Grund dafür, dass Mose nicht in das verheißene Land einziehen durfte.

Immer wieder gerät das Volk in die Versuchung, nicht auf Gott zu vertrauen, seine Wunder zu vergessen. Die Geschichte ist stets eine Mahnung an die gegenwärtige Zeit. Doch von Zeit zu Zeit begeht die Menschheit immer wieder die gleichen Fehler und läuft in die Irre, was meist teuer mit dem Blut vieler Menschen bezahlt werden muss.

Es kommt auf jeden einzelnen an, die Stimme Gottes zu hören. An jedem Morgen wird der Beter daran erinnert. Das bringt der Hl. Benedikt im Prolog seiner Regel sehr anschaulich zum Ausdruck:

Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht, und hören wir mit aufgeschrecktem Ohr, wozu uns die Stimme Gottes täglich mahnt und aufruft. „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!“

Regel des Hl. Benedikt, Prolog

Der Exodus ist nicht nur ein vergangenes Ereignis, er geschieht zu jeder Zeit. Immer ruft Gott Menschen dazu, den Weg mit ihm zu gehen, den Weg in das Land der Verheißung, der Ruhe und des Friedens. Dieses Land ist nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern überall. Wer Gottes Ruf folgt, muss sich nicht auf Wanderschaft begeben. Es ist der Weg des Menschen in das Innere seiner selbst, der Weg, auf dem der Mensch danach strebt, ganz Gott zu gehören und sich ganz von ihm führen zu lassen, der Weg, auf dem der Mensch lernt, sich vom Irdischen zu lösen und ganz auf Gott zu vertrauen.

Dieser Weg ist an keine Zeit gebunden. Er findet statt im immerwährenden Heute der Gegenwart Gottes. Jeder Tag ist ein guter Tag, diesen Weg zu beginnen, jeder Tag ist ein guter Tag, einen Schritt weiter auf diesem Weg zu gehen. Das Heute dauert so lange, bis das Morgen kommt. Das Morgen, das ist der Tag des eigenen Todes oder der Tag, an dem der Herr wiederkommt in Herrlichkeit. Das Morgen ist jener Tag, von dem keiner weiß, wann er kommt. Darum sollten wir das Heute hochschätzen, denn es bietet uns unbegrenzte Möglichkeiten. Je früher wir anfangen, den Weg mit Gott zu gehen, umso mehr Zeit bleibt uns, diesen Weg einzuüben. Das Heute hält unvorstellbare Chancen für uns bereit. Nutzen wir sie. Jetzt.

Vierzig Jahre war mir dieses Geschlecht zuwider und ich sagte: Sie sind ein Volk, dessen Herz in die Irre geht, sie kennen meine Wege nicht. Darum habe ich in meinem Zorn geschworen: Sie sollen nicht eingehen in meine Ruhe. (Ps 95,10-11)

Das Volk, das Gott sich erwählt hat, ist ihm zuwider geworden, weil es ständig jammert und klagt, anstatt im Vertrauen auf Gott seinen Weg zu gehen. Egal wie viele Wunder Gott auch tut, am nächsten Tag schon sind sie wieder vergessen und das Jammern fängt von neuem an. Das Jammern darüber, wie schlecht es uns geht, durchzieht die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte. Dabei sollten wir dankbar sein für all die Wunder, die Gott uns täglich schenkt, allein schon für das Wunder, dass wir leben. Letztlich ist es unser Jammern, das Gott daran hindert, uns mit seiner Fülle zu beschenken. Wer jammert, versinkt immer tiefer in seinem Elend. Wir denken, wenn wir jammern, dann bekommen wir etwas geschenkt, aber das ist ein großer Trugschluss. Wer bittet, der soll seine Bitten mit Dank und Lobpreis vor Gott bringen, mit dem festen Vertrauen, dass Gott schon längst das für mich bereithält, worum ich ihn bitte. Wer dieses Vertrauen hat, den führt Gott zum Ziel seiner Wünsche und Sehnsüchte, in das Land seiner Ruhe.

Psalm 95 – Lobpreis

Kommt, lasst uns jubeln dem Herrn, jauchzen dem Fels unsres Heils! Lasst uns mit Dank seinem Angesicht nahen, ihm jauchzen mit Liedern! (Ps 95,1-2)

Psalm 95 ist der klassische Psalm zum Invitatorium, der Eröffnung des täglichen Stundengebetes. Die erste Hore des Tages (entweder die Lesehore/Matutin oder die Laudes) beginnt mit dem Ruf: „Herr, öffne meine Lippen. / Damit mein Mund dein Lob verkünde.“ Darauf folgt der Psalm 95 (in modernen Formen des Stundengebets auch ein anderer geeigneter Psalm). Für jeden Wochen- und Festtag gibt es eine eigene Antiphon zu diesem Invitatoriumspsalm, die nicht nur am Anfang und Ende des Psalms, sondern auch nach jedem Abschnitt wiederholt wird. Das Invitatorium wird so zu einer Art Weckruf, der dabei hilft, den besonderen liturgischen Charakter des jeweiligen Tages zu verinnerlichen. Die einzelnen Abschnitte, nach denen die Antiphon wiederholt wird, entsprechen den Abschnitten, in die ich die Auslegung des Psalms aufgeteilt habe.

Am Anfang jedes Tages steht das Lob Gottes. Das soll mein erster Gedanke sein, wenn ich aus dem Schlaf erwache. Ich will Gott loben, der mich in der Nacht behütet hat und mir diesen neuen Tag schenkt. Gott ist der Fels unseres Heils. Mit Gott kann ich sicher durch den neuen Tag gehen, auf Gott kann ich mein ganzes Leben bauen, er gibt mir festen Grund. Das will ich mir an jedem Morgen neu bewusst machen, in dieser Zuversicht in den Tag starten und freudig den preisen, der mir diesen Halt und diese Zuversicht verleiht. In einer geistlichen Gemeinschaft beginnt nicht nur jeder einzelne den Tag mit seinem ganz persönlichen Gotteslob, sondern die ganze Gemeinschaft versammelt sich früh am Morgen, um das Lob Gottes zu singen.

Denn ein großer Gott ist der Herr, ein großer König über allen Göttern. In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, sein sind die Gipfel der Berge. Sein ist das Meer, das er gemacht hat, das trockene Land, das seine Hände gebildet. (Ps 95,3-5)

Gott ist Herr und König. Diese Tatsache stellt die Heilige Schrift an vielen Stellen heraus, in den Psalmen ganz besonders in der Gruppe der JHWH-Königs-Psalmen (Ps 93-99), zu denen dieser Psalm gehört. Besonders in nachexilischer Zeit, in der die Endredaktion vieler alttestamentlicher Schriften erfolgt ist, fand im Judentum ein entscheidender Wandel statt. Das Volk hatte keinen König mehr. Zudem lebten viele Juden in der Diaspora über die ganze damals bekannte Welt zerstreut. War in früherer Zeit in Israel – ebenso wie in vielen anderen antiken Kulturen auch – das Königtum das Bindeglied zwischen Gott und Volk, kam es nun zu einer Unmittelbarkeit zwischen Gott und Volk, die ohne die Vermittlung eines Königs auskam, mit anderen Worten, Gott selbst nahm die Funktion des Königs ein. Somit ist es nun auch Gott selbst, der dem Volk die Gesetze gibt und für deren Einhaltung Sorge trägt.

Das Königtum Gottes umfasst die ganze Erde, die als Schöpfung Gottes gesehen wird. Tiefen (Unterwelt) und Höhen (Berge und das Gewölbe des Himmels), Meer und Land, die Welt in ihrer Ganzheit, stammt von Gott und gehört Gott. Auch wenn es in anderen Völkern andere Götter geben mag, so steht der Gott Israels über ihnen und ist für sein Volk der einzige Gott. Es gibt in der gesamten Welt keinen Ort, an dem der Gott Israels nicht gegenwärtig wäre. Das macht die Geschichte des Propheten Jona anschaulich und war für die Juden, die fern vom Land Israel lebten, eine entscheidende Tatsache. Die Verehrung des Gottes Israels war nicht an ein Land gebunden, bauchte keinen König als Vermittler und schließlich nicht einmal unbedingt den Tempel, sondern jeder, der zum Volk Israel gehörte, konnte seinen Gott überall in gleicher Weise verehren, denn es ist der Gott, dem die ganze Erde gehört.

Kommt, wir wollen uns niederwerfen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem Herrn, unserem Schöpfer! Denn er ist unser Gott, wir sind das Volk seiner Weide, die Herde, von seiner Hand geführt. (Ps 95,6-7a)

In Gesten wird die Anbetung Gottes in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht. Wer Gott lobt, steht nicht nur einfach da und singt ein eintöniges Lied. Das Lob Gottes ist voller Schwung und Rhythmus und zeigt sich in Tanz und anderen Gesten des Körpers. Erhobene Hände sind Zeichen des Lobpreises, Niederknien und Verneigen sind Zeichen besonderer Verehrung und Anbetung. In Israel gebühren sie letztendlich nur dem einen Gott, keinem anderen Gott und auch keinem Menschen, und möge er eine noch so hohe Stellung innehaben.

Das Bild vom Königtum Gottes ist stets auch mit dem Bild des Hirten verbunden. Das Volk Israel war von seinem Ursprung her ein Hirtenvolk und zu allen Zeiten waren Hirten mit ihren Herden präsent. Jeder wusste, was einen guten Hirten ausmacht. Er gibt seiner Herde Schutz, verteidigt sie gegen wilde Tiere und führt sie jeden Tag auf eine saftige Weide, in deren Nähe es auch frisches Wasser gibt, in den kargen Wüstengegenden des Nahen Ostens sicher keine einfache Sache. Aber Gott kann es und das Volk vertraut auf seinen Schutz und darauf, dass Gott der Erde gute Fruchtbarkeit schenkt.

Gott des Friedens (Ps 85)

Ich will hören, was Gott redet: Frieden verkündet der Herr seinem Volk und seinen Frommen, sie sollen sich nicht zur Torheit wenden. [Sela]

Fürwahr, sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten, seine Herrlichkeit wohne in unserm Land. (Ps 85,9-10)

Gott redet vom Frieden. Passen wir einmal auf, wovon die Menschen reden, insbesondere auch dann, wenn sie wirklich die Wahrheit sagen. Wovon reden die Mächtigen hinter verschlossenen Türen, wo keine Presse und keine Öffentlichkeit es hören kann? Auf wen kann ich mich wirklich verlassen, dass er die Wahrheit spricht? Aber auch die Frage: Wovon rede ich?

Der Beter des Psalms lauscht auf Gottes Rede. Gott spricht vom Frieden. Und dabei denkt er nicht insgeheim an Krieg und Unterdrückung, sondern er redet wirklich vom Frieden. Der Friede ist ein Herzensanliegen Gottes und er möchte, dass allen Menschen der Friede genauso am Herzen liegt, wie ihm. Deshalb hat er seine Propheten gesandt, deshalb hat er seinen Sohn gesandt.

Friede ist die Botschaft, die vom Stall in Betlehem ausgeht. Gottes Sohn ist nicht unter den Mächtigen geboren, sondern unter einfachen Hirten. Er ist nicht unter Mächtigen aufgewachsen, sondern in einer ganz normalen Familie in Nazaret. Jesus hat nicht die Mächtigen in seine Nachfolge gerufen, sondern einfache Fischer. Gott baut sein Friedensreich auf nicht mit den Menschen, die groß sind in dieser Welt. Alle Menschen, und wenn sie noch so unbedeutend erscheinen, können am Aufbau des Reiches Gottes mitwirken.

Friede muss das wichtigste Erkennungszeichen der Christen sein. Und doch gab es von Anfang an Streit und Zwietracht in den christlichen Gemeinden. Es fällt den Menschen so schwer, den Frieden zu leben. Wir merken es ja auch an uns selbst, wie leicht wir uns zum Unfrieden hinreißen lassen. Hören wir auf Gott, hören wir auf seine Worte des Friedens, lassen wir sie wirken auf unsere Herzen und werden wir so immer mehr zu Menschen des Friedens.

Es begegnen einander Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich.

Treue sprosst aus der Erde hervor; Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder.

Ja, der Herr gibt Gutes und unser Land gibt seinen Ertrag.

Gerechtigkeit geht vor ihm her und bahnt den Weg seiner Schritte. (Ps 85,11-14)

Der Schluss des Psalms zeichnet ein Bild des Friedens. Huld und Treue, Gerechtigkeit und Friede, diese Tugenden bilden ein vertrautes Team, ja mehr noch, eine innige Gemeinschaft, vereint in gegenseitiger Liebe. Umspannt mit diesem Band der Einmütigkeit haben die Feinde des Friedens keine Chance. Die Tugenden sind stärker als ihre Feinde. Und wo sich die Menschen an diese Tugenden halten, wird der Friede aufblühen und mit ihm das ganze Land. Es bringt reichen Ertrag und Wohlstand für alle Menschen.

Die Menschheit aber verfällt immer wieder dem Wahn, dass reicher Ertrag nur durch Ausbeutung erzielt werden kann. Die Mächtigen raffen den Besitz der einfachen Menschen an sich und bekriegen sich dann gegenseitig, um noch mehr Reichtum zusammen zu raffen und am Ende versinkt die Welt in Krieg und Elend. Wann werden wir begreifen, dass im einmütigen Miteinander mehr Gewinn liegt als im einsamen Kampf um den Reichtum? Wann werden wir erkennen, dass wahrer Reichtum darin besteht, mit allen zu teilen, so dass alle genug haben? Friede ist, wenn Gier und Habsucht verschwinden und die Menschen mehr an das Wohl aller als an das eigene Wohl denken.

Herr,

ich will deine Worte des Friedens hören.

Es sind leise Worte,

die im allgemeinen Geschrei oft untergehen.

Ich will zur Stille kommen,

damit ich besser hören kann.

Gott,

lass mich diese Adventszeit

als Chance ergreifen,

deinen Frieden zu finden.

Amen.

Taufe des Herrn – Gottes Stimme über den Wassern (Ps 29)

Bringt dar dem Herrn, ihr Himmlischen, bringt dar dem Herrn Ehre und Macht! Bringt dar dem Herrn die Ehre seines Namens, werft euch nieder vor dem Herrn in heiliger Majestät!

Ps 29,1-2

Psalm 29 ist ein Psalm der Theophanie, er beschreibt in machtvollen Bildern die Erscheinung Gottes vor der Welt. Man nimmt an, dass diese Bilder aus der Umwelt Israels stammen und von den Gläubigen auf ihren Gott übertragen wurden. Wie der kanaanäische Hauptgott El erhebt sich der Gott Israels inmitten der Versammlung der Götter und fordert deren Unterwerfung. Er ist der Gott, dem allein Ehre und Anbetung gebührt. Wie der Gott Baal offenbart er sich im Gewitter und zeigt so seine Macht über die Erde.

Die Stimme des Herrn über den Wassern: Der Gott der Ehre hat gedonnert, der Herr über gewaltigen Wassern. Die Stimme des Herrn voller Kraft, die Stimme des Herrn voll Majestät.

Ps 29,3-4

Gottes stimme erschallt voll Macht über den Wassern. Der Psalm greift hier das Bild eines heftigen Gewitters auf. Bis heute staunen die Menschen über Gewitter und heftige Stürme. Bis heute haben die Menschen kaum Mittel dazu, sich deren Macht entgegenzustellen. Es bleibt nur das Staunen über die Mächte der Natur und über den, der noch größer ist als die Naturgewalten.
Und doch ist die gewaltige Erscheinung im Sturm nur ein Bild dafür, wie Gott sich der Welt offenbart. Dem Prophet Elija erscheint Gott am Horeb nicht in diesen Naturphänomenen, sondern sein wirkliches Angesicht erscheint erst, als diese vorüber sind, in einem sanften Säuseln, einer „Stimme verschwebenden Schweigens“ (Martin Buber).
Die „Stimme des Herrn über den Wassern“ lässt uns auch noch an ein anderes Ereignis denken, in dem in ganz besonderer Weise Theophanie, Erscheinung Gottes, geschieht. Es ist die Taufe Jesu im Jordan, bei der Gottes Stimme aus dem Himmel Jesus Christus als Gott geliebten Sohn offenbart.
Am Jordan erschallt die Stimme Gottes nicht machtvoll wie ein Gewittersturm, sondern wohl eher unscheinbar, denn nur wenige erkennen, was hier geschieht, allen voran Johannes der Täufer selbst. Gott offenbart seinen Sohn vor der Welt, aber nur wer bereit ist, Gottes leise Töne zu hören, erkennt ihn. Ein weiteres Mal ertönt die Stimme Gottes bei der Verklärung Jesu. Selbst hier tun sich die drei Apostel, die bereits längere Zeit mit Jesus unterwegs sind, schwer, diese Stimme zu hören, und meinen eher einen entfernten Donner gehört zu haben.
Gottes Stimme – machtvoll und leise zugleich. Gottes Wort setzt sich durch und bewirkt, wozu es ausgesandt ist, wie der Prophet Jesaja sagt: „Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,11).
Und doch tun wir uns schwer, Gottes Wort zu hören. Wäre es doch machtvoll wie ein Gewittersturm, dann würden die Menschen niederfallen und Gott anbeten, denken wir vielleicht. Aber Gott will nicht, dass die Menschen aus Furcht vor ihm niederfallen. Er will uns auf Augenhöhe begegnen, will unser Gesprächspartner sein. Er will keine Massenhuldigung, sondern will das vertraute Gespräch mit jedem einzelnen. Und doch ist Gott anders und größer als wir. er lässt sich von den Menschen nicht beeinflussen und entzieht sich jedem Versuch der Manipulation.
Gottes Stimme ist immer da, auch wenn es niemand gäbe, der bereit ist, sie zu hören. Wir können Gott nicht totschweigen, er findet immer einen Weg, sich Gehör zu verschaffen. Gott ruft zu allen Zeiten Menschen, die seine Stimme hören, und in seinem Namen zu den Menschen sprechen.
Um Gottes Stimme zu hören, müssen wir unser Gehör schulen, wir müssen lernen, die Stille zu hören, Zeiten finden, in denen der Lärm des Alltags von uns weg bleibt, Zeiten, in denen wir mit seinem Wort, das uns in der Heiligen Schrift überliefert ist, allein sind. Dann werden wir die Kraft erfahren, die in Gottes Wort steckt, und die machtvoller ist als der stärkste Donner.

Herr, mein Gott,
machtvoll bis du
und voll Herrlichkeit
und doch wendest du dich
in Liebe jedem einzelnen zu.
Du willst uns nahe sein
durch dein Wort,
so wie du der Welt nahe warst
im Erdenleben Jesu Christi.
Er ist dein geliebter Sohn,
dein Wort,
durch das du vor Urzeiten
die Welt erschaffen hast,
und in ihm sprichst du zu uns
bis heute.
Lass uns auf sein Wort hören.
Amen.

Erscheinung des Herrn

Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Geschenke, die Könige von Saba und Seba kommen mit Gaben. Alle Könige werfen sich vor ihm nieder, es dienen ihm alle Völker.

Ps 72,10-11

So beten wir in Psalm 72, der ein Lied ist auf den Messias, den König von Israel. Mit der Sehnsucht nach einem neuen großen und gerechten Herrscher Israels aus dem Hause David wird der Psalm zugleich zu einem messianischen Psalm, der aus christlicher Sicht auf Jesus Christus hinweist. Verse des Psalms haben so Eingang gefunden in die Liturgie des Epiphanie-Festes, an dem die Erscheinung des Herrn vor der Welt gefeiert wird, die sich in der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland zeigt. Sie sind die Repräsentanten der Völker, die gekommen sind, dem neugeborenen König Israels zu huldigen und ihm ihre Gaben zu bringen.
Menschen aus dem fernen Orient übten seit jeher eine Anziehungskraft auf die Menschen der mediterranen und später der westlichen Welt aus. Der Orient galt als Land unvorstellbarer Reichtümer und war zugleich eine verborgene und unzugängliche Welt. Kostbare Luxusgüter fanden über weite Handelsrouten den Weg in den Westen, Seide, Gewürze, Duftstoffe und vieles mehr. Bis zur Entdeckung der Seewege in den Fernen Osten am Beginn der Neuzeit ist kaum ein Mensch der westlichen Welt dorthin gelangt.
Die Königin des legendären Saba am Hof Salomos geht vielleicht auf ein Ereignis zurück, das sich wegen seiner Einzigartigkeit tief in das Gedächtnis Israels eingeprägt hat. Ähnlich wie der Elefant, den Jahrhunderte später der Sultan an den Hof Karls des Großen senden ließ, zeigt dies eine außerordentliche freundschaftliche Begegnung zwischen sich ansonsten fremden und unverständlichen Kulturkreisen.
Eine ebenso wunderbare Begegnung ist der Besuch der Magier beim neugeborenen König von Israel. Hier erfüllt sich die Verheißung der Psalmen und Propheten. Der lange ersehnte und viel besungene neue König von Israel ist geboren. Aber nicht in Jerusalem, nicht am Hof des herrschenden Königs Herodes. Dieser Herodes war wie viele Könige Israels vor ihm ein Potentat, ein kleiner Herrscher mit Größenwahn, dessen Regierungsstil nicht im Entferntesten an die Weisheit und Gerechtigkeit heranreichte, die dem ersehnten Messias-König zugesprochen wird.
Sie finden den neugeborenen König der Juden nicht im königlichen Palast der Hauptstadt Jerusalem, sondern in einem einfachen Haus im kleinen Ort Betlehem. Aber dennoch: dieses kleine Betlehem ist die Geburtsstadt des großen Königs David, und Josef, der Mann der Mutter des Kindes, ist ein Nachkomme dieses Königs. Das Kind aber, und diese Nachricht ist noch staunenswerter als der Besuch der Männer aus dem fernen Orient, ist Gottes Sohn, der aus Maria geboren wurde.
Mit diesem neugeborenen König aus dem Haus David bricht ein neues Zeitalter an. Zwar wird er zu seinen Lebzeiten auf Erden das kleine Land Israel nicht verlassen, nur einige wenige, meist arme Leute, schließen sich ihm an, den Mächtigen ist er fremd und gefährlich und sie werden ihn letztendlich wie einen Verbrecher töten. Aber es geschieht das Unerwartete und Wunderbare, das noch nie Gehörte, er steht aus dem Grab auf zu neuem Leben und kehrt zu seinem Vater zurück.
Es ist auf den ersten Blick eine unglaubliche und auch unglaubwürdige Geschichte, was sich da ereignet hat, aber von Anfang an spüren die Menschen, die an diesen Jesus Christus glauben, eine Kraft, die sie erfüllt, und die mit nichts Irdischem zu erklären ist. Sie merken, dass es wirklich ein neues Leben gibt, dass Gott die Menschen befreit von allem, was sie gefangen hält, dass Gott Heilung schenkt und neues Leben, das machtvoller ist als der Tod.
So breitet sich der Glaube an Jesus Christus über die ganze Erde aus, zunächst noch verfolgt von den Mächtigen, dann aber bekehren sich auch Herrscher, Könige und ihr Gefolge zu diesem Jesus Christus und bringen ihm ihre Schätze dar. Die ganze bekannte Welt wird eins im Glauben an den König und Gottessohn Jesus Christus.

Herr Jesus Christus,
König und Gottessohn,
Herrscher über die ganze Welt,
führe alle Menschen zu dir
und lass sie dein Heil erfahren.
Führe die Völker zu dir
dass Friede herrsche
auf der ganzen Erde
in deinem Namen.
Amen.

Erntedankfest

Vielen Menschen in den Städten ist es gar nicht mehr bewusst, wie Getreide, Obst und Gemüse reifen und geerntet werden. Das war früher anders. Als noch viele auf dem Land lebten und arbeiteten, waren die Menschen enger mit dem Kreislauf der Natur verbunden und wussten um die Bedeutung der Natur für die Ernte. Sie wussten, wie sehr eine gute Ernte nicht nur von der Arbeit des Menschen, sondern auch von gutem Wetter abhängt. Die Ernte war also nicht nur die Frucht der Mühe des Menschen sondern auch ein Geschenk, ein Geschenk von Gott, der alles geschaffen hat und erhält. Das Erntedankfest in eine Art von vielen, Gott dafür Dank zu sagen.

Wenn die Arbeit auf dem Feld beendet ist und die Früchte geerntet sind, ist es ein uralter Brauch, Gott Dank zu sagen für die Gaben, die er uns geschenkt hat. Wir danken ihm mit Gebeten und Liedern für die vielen Früchte, die er hat wachsen lassen. Wir danken ihm, dass wir das ganze Jahr hindurch zu essen und zu trinken haben.

Herr, wie zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen. (Ps 104,24)

So heißt es in Psalm 104. Der ganze Psalm ist voll vom Lob Gottes, der alles so wunderbar geschaffen hat und am Leben erhält.

Du lässt Gras wachsen für das Vieh, auch Pflanzen für den Menschen, die er anbaut, damit er Brot gewinnt von der Erde und Wein, der das Herz des Menschen erfreut, damit sein Gesicht von Öl erglänzt und Brot das Menschenherz stärkt. (Ps 104,14-15)

Gott schenkt uns Menschen durch seine Schöpfung das, was uns am Leben erhält, das tägliche Brot. Gott lässt das Getreide wachsen, das der Mensch durch seine Arbeit anbaut. Doch Gott schenkt noch viel mehr. Gott schenkt uns auch Dinge, die uns erfreuen sollen, wie den Wein für fröhliche Feste mit lieben Menschen oder das Öl für die Schönheitspflege.

Denken wir heute am Entedankfest einmal darüber nach, welche Dinge für uns notwendig, lebens- notwendig sind. Denken wir an die Menschen, die dafür gearbeitet haben. Sagen wir auch Gott Dank dafür!

Welche Dinge machen mir besonders Freude? Was sehe ich als das schönste Geschenk in meinem Leben an? Danke, Gott, dafür! Danke Gott, dass wir uns von deiner Fülle beschenken lassen dürfen!

Wir sagen dir Dank, guter Gott,
für die Schönheit deiner Erde und des Meeres,
für den Reichtum der Berge, Ebenen und Flüsse.
Wir sagen dir Dank, Herr,
für die Vögel des Himmels,
die Fische in den Meeren und Flüssen,
für die ganze Tierwelt, die sich auf Erden regt.
Für all diese guten Gaben loben wir dich und bitten,
dass wir Menschen sie schützen mögen,
um ihrer selbst willen und für die,
die nach uns kommen.
Hilf uns, dass wir wachsen in Dankbarkeit
für deine reiche Schöpfung
und in unserer Freude an ihr,
zur Ehre und zum Preis deines Namens,
jetzt und für alle Zeit.
Amen.

Psalm 146 (2) – Gottes Treue

Verlasst euch nicht auf Fürsten, auf Menschen, bei denen es doch keine Hilfe gibt.

Haucht der Mensch sein Leben aus und kehrt er zurück zur Erde, dann ist es aus mit all seinen Plänen. (Ps 146,3-4)

Nun wechselt die Perspektive des Psalms. Nach dem Lob des unvergänglichen Gottes kommen vergängliche Menschen ins Blickfeld. Das kommt nicht von ungefähr. Auch Menschen, gerade die großen und mächtigen, die hier als Fürsten bezeichnet werden, lassen sich gerne loben. Sie erwarten, dass andere zu ihnen aufsehen, ja manchmal sogar, dass sie angebetet oder als Heilbringer verehrt werden.

Doch die Größe des Menschen ist nur Schein. Der Mensch ist vergänglich. Er folgt seinen eigenen Interessen. Daher führt es in die Irre, sich zu sehr auf andere zu verlassen. Und all die großen Pläne sind dahin, wenn es mit dem Menschen zu Ende geht. Gott allein hat Bestand, Gott allein bringt wirklich Hilfe und Heil.

Wohl dem, dessen Halt der Gott Jakobs ist und der seine Hoffnung auf den Herrn, seinen Gott, setzt.

Der Herr hat Himmel und Erde gemacht, das Meer und alle Geschöpfe; er hält ewig die Treue. (Ps 146,5-6)

Vertraut nicht auf Menschen – vertraut auf Gott, so könnte man die Aussage von Psalm 146 zusammenfassen. Nur Gott ist allen Lobes würdig. Die Menschen sollen sich darauf besinnen, dass sie sterblich, vergänglich, fehlerhaft sind. Es gibt gewiss große Menschen, es braucht Menschen, die die Führung übernehmen. Aber wenn sich diese Menschen überheben, sich selbst in den Mittelpunkt stellen, sich gar wie Götter gebaren und verehren lassen, dann läuft etwas gewaltig schief. Gott hat Himmel und Erde gemacht, das Meer und alle Geschöpfe. Wie klein ist doch selbst das größte Menschenwerk angesichts der Wundertaten Gottes.

Und noch etwas zeichnet Gott aus: er hält ewig die Treue. Menschliche Freundschaft ist vergänglich, menschliche Hilfe begrenzt. Es geschieht häufiger, dass Menschen einander ausnutzen, als dass wirklich uneigennützige Hilfe geschenkt wird. Die negativen Folgen menschlichen Eigennutzes kennen wir zur Genüge. Der Psalm setzt dieser Willkür der Menschen die Güte Gottes entgegen. Gott sorgt für die Durchsetzung dessen, was machgierige Menschen oft anderen rauben.

Recht verschafft er den Unterdrückten, den Hungernden gibt er Brot; der Herr befreit die Gefangenen.

Der Herr öffnet den Blinden die Augen, er richtet die Gebeugten auf.

Der Herr beschützt die Fremden und verhilft den Waisen und Witwen zu ihrem Recht.

Der Herr liebt die Gerechten, doch die Schritte der Frevler leitet er in die Irre. (Ps 146,7-9)

Was hier als Gottes Werk gepriesen wird, erinnert an die Werke der Barmherzigkeit, von denen Jesus spricht (vgl. Mt 25,35-36). Es sind die Taten, die Gott von den gerechten Menschen erwartet. Taten für andere Menschen, in denen der Mensch aber letztlich Gott ehrt.

Recht verschafft Gott denen, die von anderen um ihr Recht gebracht worden sind und er erwartet von uns, dass auch wir für Gerechtigkeit eintreten.

Gott gibt den Hungernden das Brot, das Notwendige zum Leben, das ihnen andere geraubt haben, die in ihrer Gier nach immer größerem Reichtum anderen die Lebensgrundlage entziehen. Millionen Menschen müssen hungern, damit einer Millionär werden kann. Gott gibt den Hungernden zurück, was ihnen geraubt wurde, und er will, dass wir uns nicht an der Gier nach Reichtum beteiligen, sondern mit anderen teilen.

Gott befreit diejenigen, die zu Unrecht gefangen gehalten werden, die verfolgt werden auf Grund ihres Glaubens und ihrer Überzeugungen. Gott setzt sich ein für die Durchsetzung der Menschenrechte und er will, dass auch wir anderen ihr Recht verschaffen, gerade dort, wo es keine Rechtssicherheit gibt.

Gott öffnet den Blinden die Augen. Die Blindenheilung ist nach der Totenerweckung eines der größten Wunder in der Bibel. Doch nicht nur die Blindheit der Augen, auch die Blindheit des Herzens muss geheilt werden. Und wenn wir es nicht vermögen, das Wunder der Blindenheilung zu vollbringen, so können wir doch denen, die im Herzen blind sind, ein Wort sagen, das sie aufhorchen lässt.

Gott richtet die Gebeugten auf, diejenigen, die niedergedrückt werden von der Last des Lebens, von den Sorgen um ihre Familie, die ausgebeutet werden und hart schuften müssen für einen kargen Lohn, die unterdrückt werden, weil sie nicht dazu gehören, die ausgegrenzt werden, wegen ihrer Andersheit. Gott will, dass wir anderen helfen, ihre Lasten zu tragen und die Ausgegrenzten aufnehmen.

Gott beschützt die Fremden. In der antiken Gesellschaft war ein Fremder rechtlos. Keiner kümmerte sich darum, wenn ihm Unrecht geschah. Ohne die Bande der Familie war er schutzlos. Heute leben viele Fremde unter uns. Wie begegne ich ihnen?

Gott verhilft Witwen und Waisen zu ihrem Recht. Sie waren ebenso schutzlos wie die Fremden, denn sie hatten niemand, der sich für sie einsetzte. Oft waren sie gezwungen zu betteln. Vor allem aber ist es die Einsamkeit, das Fehlen der Familienbande, was für Witwen und Waisen auch heute noch schmerzhaft ist. Gott will, dass wir ihnen einen Ort geben, an dem sie Nähe und Geborgenheit erfahren.

Wer so handelt, wie Gottes Handeln hier geschildert wird, der zählt zu den Gerechten, zu den von Gott Geliebten. Seinen Weg leitet Gott auf fruchtbaren Wegen, wie es schon Psalm 1 ausführlich beschrieben hat. Doch der Weg der Frevler geht in die Irre.

Der Herr ist König auf ewig, dein Gott, Zion, herrscht von Geschlecht zu Geschlecht. (Ps 146,10)

Der Psalm schließt mit einem Jubelruf auf Gott den ewigen König. Seine Herrschaft steht fest. Gerade angesichts der miserablen Könige, die kaum mehr an das große Vorbild Davids erinnerten, hat sich in Israel das Vertrauen auf das Königtum Gottes gefestigt. Gott steht über den irdischen Königen und er lässt sich von ihnen auch nicht instrumentalisieren. Auch wenn die Könige sich auf „Gottes Gnaden“ berufen, wird Gott nicht gutheißen, was sie an Unrecht tun.

Gott ist König auf ewig. Das ist die Hoffnung aller, die nicht bereit sind, einem irdischen Herrscher zuzujubeln, die vielmehr für Gerechtigkeit eintreten, auch wenn sie selbst dadurch Nachteile zu erwarten haben. Sie vertrauen darauf, dass Gott bei ihnen ist und sie durch alle Verfolgungen hindurch bewahrt. Daher singen sie Gottes Lob, gerade auch in Not und Bedrängnis. Gott ist König, in ihm allein ist das Heil der Welt.