Taufe des Herrn – Gottes Stimme über den Wassern (Ps 29)

Bringt dar dem Herrn, ihr Himmlischen, bringt dar dem Herrn Ehre und Macht! Bringt dar dem Herrn die Ehre seines Namens, werft euch nieder vor dem Herrn in heiliger Majestät!

Ps 29,1-2

Psalm 29 ist ein Psalm der Theophanie, er beschreibt in machtvollen Bildern die Erscheinung Gottes vor der Welt. Man nimmt an, dass diese Bilder aus der Umwelt Israels stammen und von den Gläubigen auf ihren Gott übertragen wurden. Wie der kanaanäische Hauptgott El erhebt sich der Gott Israels inmitten der Versammlung der Götter und fordert deren Unterwerfung. Er ist der Gott, dem allein Ehre und Anbetung gebührt. Wie der Gott Baal offenbart er sich im Gewitter und zeigt so seine Macht über die Erde.

Die Stimme des Herrn über den Wassern: Der Gott der Ehre hat gedonnert, der Herr über gewaltigen Wassern. Die Stimme des Herrn voller Kraft, die Stimme des Herrn voll Majestät.

Ps 29,3-4

Gottes stimme erschallt voll Macht über den Wassern. Der Psalm greift hier das Bild eines heftigen Gewitters auf. Bis heute staunen die Menschen über Gewitter und heftige Stürme. Bis heute haben die Menschen kaum Mittel dazu, sich deren Macht entgegenzustellen. Es bleibt nur das Staunen über die Mächte der Natur und über den, der noch größer ist als die Naturgewalten.
Und doch ist die gewaltige Erscheinung im Sturm nur ein Bild dafür, wie Gott sich der Welt offenbart. Dem Prophet Elija erscheint Gott am Horeb nicht in diesen Naturphänomenen, sondern sein wirkliches Angesicht erscheint erst, als diese vorüber sind, in einem sanften Säuseln, einer „Stimme verschwebenden Schweigens“ (Martin Buber).
Die „Stimme des Herrn über den Wassern“ lässt uns auch noch an ein anderes Ereignis denken, in dem in ganz besonderer Weise Theophanie, Erscheinung Gottes, geschieht. Es ist die Taufe Jesu im Jordan, bei der Gottes Stimme aus dem Himmel Jesus Christus als Gott geliebten Sohn offenbart.
Am Jordan erschallt die Stimme Gottes nicht machtvoll wie ein Gewittersturm, sondern wohl eher unscheinbar, denn nur wenige erkennen, was hier geschieht, allen voran Johannes der Täufer selbst. Gott offenbart seinen Sohn vor der Welt, aber nur wer bereit ist, Gottes leise Töne zu hören, erkennt ihn. Ein weiteres Mal ertönt die Stimme Gottes bei der Verklärung Jesu. Selbst hier tun sich die drei Apostel, die bereits längere Zeit mit Jesus unterwegs sind, schwer, diese Stimme zu hören, und meinen eher einen entfernten Donner gehört zu haben.
Gottes Stimme – machtvoll und leise zugleich. Gottes Wort setzt sich durch und bewirkt, wozu es ausgesandt ist, wie der Prophet Jesaja sagt: „Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,11).
Und doch tun wir uns schwer, Gottes Wort zu hören. Wäre es doch machtvoll wie ein Gewittersturm, dann würden die Menschen niederfallen und Gott anbeten, denken wir vielleicht. Aber Gott will nicht, dass die Menschen aus Furcht vor ihm niederfallen. Er will uns auf Augenhöhe begegnen, will unser Gesprächspartner sein. Er will keine Massenhuldigung, sondern will das vertraute Gespräch mit jedem einzelnen. Und doch ist Gott anders und größer als wir. er lässt sich von den Menschen nicht beeinflussen und entzieht sich jedem Versuch der Manipulation.
Gottes Stimme ist immer da, auch wenn es niemand gäbe, der bereit ist, sie zu hören. Wir können Gott nicht totschweigen, er findet immer einen Weg, sich Gehör zu verschaffen. Gott ruft zu allen Zeiten Menschen, die seine Stimme hören, und in seinem Namen zu den Menschen sprechen.
Um Gottes Stimme zu hören, müssen wir unser Gehör schulen, wir müssen lernen, die Stille zu hören, Zeiten finden, in denen der Lärm des Alltags von uns weg bleibt, Zeiten, in denen wir mit seinem Wort, das uns in der Heiligen Schrift überliefert ist, allein sind. Dann werden wir die Kraft erfahren, die in Gottes Wort steckt, und die machtvoller ist als der stärkste Donner.

Herr, mein Gott,
machtvoll bis du
und voll Herrlichkeit
und doch wendest du dich
in Liebe jedem einzelnen zu.
Du willst uns nahe sein
durch dein Wort,
so wie du der Welt nahe warst
im Erdenleben Jesu Christi.
Er ist dein geliebter Sohn,
dein Wort,
durch das du vor Urzeiten
die Welt erschaffen hast,
und in ihm sprichst du zu uns
bis heute.
Lass uns auf sein Wort hören.
Amen.

Erscheinung des Herrn

Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Geschenke, die Könige von Saba und Seba kommen mit Gaben. Alle Könige werfen sich vor ihm nieder, es dienen ihm alle Völker.

Ps 72,10-11

So beten wir in Psalm 72, der ein Lied ist auf den Messias, den König von Israel. Mit der Sehnsucht nach einem neuen großen und gerechten Herrscher Israels aus dem Hause David wird der Psalm zugleich zu einem messianischen Psalm, der aus christlicher Sicht auf Jesus Christus hinweist. Verse des Psalms haben so Eingang gefunden in die Liturgie des Epiphanie-Festes, an dem die Erscheinung des Herrn vor der Welt gefeiert wird, die sich in der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland zeigt. Sie sind die Repräsentanten der Völker, die gekommen sind, dem neugeborenen König Israels zu huldigen und ihm ihre Gaben zu bringen.
Menschen aus dem fernen Orient übten seit jeher eine Anziehungskraft auf die Menschen der mediterranen und später der westlichen Welt aus. Der Orient galt als Land unvorstellbarer Reichtümer und war zugleich eine verborgene und unzugängliche Welt. Kostbare Luxusgüter fanden über weite Handelsrouten den Weg in den Westen, Seide, Gewürze, Duftstoffe und vieles mehr. Bis zur Entdeckung der Seewege in den Fernen Osten am Beginn der Neuzeit ist kaum ein Mensch der westlichen Welt dorthin gelangt.
Die Königin des legendären Saba am Hof Salomos geht vielleicht auf ein Ereignis zurück, das sich wegen seiner Einzigartigkeit tief in das Gedächtnis Israels eingeprägt hat. Ähnlich wie der Elefant, den Jahrhunderte später der Sultan an den Hof Karls des Großen senden ließ, zeigt dies eine außerordentliche freundschaftliche Begegnung zwischen sich ansonsten fremden und unverständlichen Kulturkreisen.
Eine ebenso wunderbare Begegnung ist der Besuch der Magier beim neugeborenen König von Israel. Hier erfüllt sich die Verheißung der Psalmen und Propheten. Der lange ersehnte und viel besungene neue König von Israel ist geboren. Aber nicht in Jerusalem, nicht am Hof des herrschenden Königs Herodes. Dieser Herodes war wie viele Könige Israels vor ihm ein Potentat, ein kleiner Herrscher mit Größenwahn, dessen Regierungsstil nicht im Entferntesten an die Weisheit und Gerechtigkeit heranreichte, die dem ersehnten Messias-König zugesprochen wird.
Sie finden den neugeborenen König der Juden nicht im königlichen Palast der Hauptstadt Jerusalem, sondern in einem einfachen Haus im kleinen Ort Betlehem. Aber dennoch: dieses kleine Betlehem ist die Geburtsstadt des großen Königs David, und Josef, der Mann der Mutter des Kindes, ist ein Nachkomme dieses Königs. Das Kind aber, und diese Nachricht ist noch staunenswerter als der Besuch der Männer aus dem fernen Orient, ist Gottes Sohn, der aus Maria geboren wurde.
Mit diesem neugeborenen König aus dem Haus David bricht ein neues Zeitalter an. Zwar wird er zu seinen Lebzeiten auf Erden das kleine Land Israel nicht verlassen, nur einige wenige, meist arme Leute, schließen sich ihm an, den Mächtigen ist er fremd und gefährlich und sie werden ihn letztendlich wie einen Verbrecher töten. Aber es geschieht das Unerwartete und Wunderbare, das noch nie Gehörte, er steht aus dem Grab auf zu neuem Leben und kehrt zu seinem Vater zurück.
Es ist auf den ersten Blick eine unglaubliche und auch unglaubwürdige Geschichte, was sich da ereignet hat, aber von Anfang an spüren die Menschen, die an diesen Jesus Christus glauben, eine Kraft, die sie erfüllt, und die mit nichts Irdischem zu erklären ist. Sie merken, dass es wirklich ein neues Leben gibt, dass Gott die Menschen befreit von allem, was sie gefangen hält, dass Gott Heilung schenkt und neues Leben, das machtvoller ist als der Tod.
So breitet sich der Glaube an Jesus Christus über die ganze Erde aus, zunächst noch verfolgt von den Mächtigen, dann aber bekehren sich auch Herrscher, Könige und ihr Gefolge zu diesem Jesus Christus und bringen ihm ihre Schätze dar. Die ganze bekannte Welt wird eins im Glauben an den König und Gottessohn Jesus Christus.

Herr Jesus Christus,
König und Gottessohn,
Herrscher über die ganze Welt,
führe alle Menschen zu dir
und lass sie dein Heil erfahren.
Führe die Völker zu dir
dass Friede herrsche
auf der ganzen Erde
in deinem Namen.
Amen.

Erntedankfest

Vielen Menschen in den Städten ist es gar nicht mehr bewusst, wie Getreide, Obst und Gemüse reifen und geerntet werden. Das war früher anders. Als noch viele auf dem Land lebten und arbeiteten, waren die Menschen enger mit dem Kreislauf der Natur verbunden und wussten um die Bedeutung der Natur für die Ernte. Sie wussten, wie sehr eine gute Ernte nicht nur von der Arbeit des Menschen, sondern auch von gutem Wetter abhängt. Die Ernte war also nicht nur die Frucht der Mühe des Menschen sondern auch ein Geschenk, ein Geschenk von Gott, der alles geschaffen hat und erhält. Das Erntedankfest in eine Art von vielen, Gott dafür Dank zu sagen.

Wenn die Arbeit auf dem Feld beendet ist und die Früchte geerntet sind, ist es ein uralter Brauch, Gott Dank zu sagen für die Gaben, die er uns geschenkt hat. Wir danken ihm mit Gebeten und Liedern für die vielen Früchte, die er hat wachsen lassen. Wir danken ihm, dass wir das ganze Jahr hindurch zu essen und zu trinken haben.

Herr, wie zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen. (Ps 104,24)

So heißt es in Psalm 104. Der ganze Psalm ist voll vom Lob Gottes, der alles so wunderbar geschaffen hat und am Leben erhält.

Du lässt Gras wachsen für das Vieh, auch Pflanzen für den Menschen, die er anbaut, damit er Brot gewinnt von der Erde und Wein, der das Herz des Menschen erfreut, damit sein Gesicht von Öl erglänzt und Brot das Menschenherz stärkt. (Ps 104,14-15)

Gott schenkt uns Menschen durch seine Schöpfung das, was uns am Leben erhält, das tägliche Brot. Gott lässt das Getreide wachsen, das der Mensch durch seine Arbeit anbaut. Doch Gott schenkt noch viel mehr. Gott schenkt uns auch Dinge, die uns erfreuen sollen, wie den Wein für fröhliche Feste mit lieben Menschen oder das Öl für die Schönheitspflege.

Denken wir heute am Entedankfest einmal darüber nach, welche Dinge für uns notwendig, lebens- notwendig sind. Denken wir an die Menschen, die dafür gearbeitet haben. Sagen wir auch Gott Dank dafür!

Welche Dinge machen mir besonders Freude? Was sehe ich als das schönste Geschenk in meinem Leben an? Danke, Gott, dafür! Danke Gott, dass wir uns von deiner Fülle beschenken lassen dürfen!

Wir sagen dir Dank, guter Gott,
für die Schönheit deiner Erde und des Meeres,
für den Reichtum der Berge, Ebenen und Flüsse.
Wir sagen dir Dank, Herr,
für die Vögel des Himmels,
die Fische in den Meeren und Flüssen,
für die ganze Tierwelt, die sich auf Erden regt.
Für all diese guten Gaben loben wir dich und bitten,
dass wir Menschen sie schützen mögen,
um ihrer selbst willen und für die,
die nach uns kommen.
Hilf uns, dass wir wachsen in Dankbarkeit
für deine reiche Schöpfung
und in unserer Freude an ihr,
zur Ehre und zum Preis deines Namens,
jetzt und für alle Zeit.
Amen.

Psalm 146 (2) – Gottes Treue

Verlasst euch nicht auf Fürsten, auf Menschen, bei denen es doch keine Hilfe gibt.

Haucht der Mensch sein Leben aus und kehrt er zurück zur Erde, dann ist es aus mit all seinen Plänen. (Ps 146,3-4)

Nun wechselt die Perspektive des Psalms. Nach dem Lob des unvergänglichen Gottes kommen vergängliche Menschen ins Blickfeld. Das kommt nicht von ungefähr. Auch Menschen, gerade die großen und mächtigen, die hier als Fürsten bezeichnet werden, lassen sich gerne loben. Sie erwarten, dass andere zu ihnen aufsehen, ja manchmal sogar, dass sie angebetet oder als Heilbringer verehrt werden.

Doch die Größe des Menschen ist nur Schein. Der Mensch ist vergänglich. Er folgt seinen eigenen Interessen. Daher führt es in die Irre, sich zu sehr auf andere zu verlassen. Und all die großen Pläne sind dahin, wenn es mit dem Menschen zu Ende geht. Gott allein hat Bestand, Gott allein bringt wirklich Hilfe und Heil.

Wohl dem, dessen Halt der Gott Jakobs ist und der seine Hoffnung auf den Herrn, seinen Gott, setzt.

Der Herr hat Himmel und Erde gemacht, das Meer und alle Geschöpfe; er hält ewig die Treue. (Ps 146,5-6)

Vertraut nicht auf Menschen – vertraut auf Gott, so könnte man die Aussage von Psalm 146 zusammenfassen. Nur Gott ist allen Lobes würdig. Die Menschen sollen sich darauf besinnen, dass sie sterblich, vergänglich, fehlerhaft sind. Es gibt gewiss große Menschen, es braucht Menschen, die die Führung übernehmen. Aber wenn sich diese Menschen überheben, sich selbst in den Mittelpunkt stellen, sich gar wie Götter gebaren und verehren lassen, dann läuft etwas gewaltig schief. Gott hat Himmel und Erde gemacht, das Meer und alle Geschöpfe. Wie klein ist doch selbst das größte Menschenwerk angesichts der Wundertaten Gottes.

Und noch etwas zeichnet Gott aus: er hält ewig die Treue. Menschliche Freundschaft ist vergänglich, menschliche Hilfe begrenzt. Es geschieht häufiger, dass Menschen einander ausnutzen, als dass wirklich uneigennützige Hilfe geschenkt wird. Die negativen Folgen menschlichen Eigennutzes kennen wir zur Genüge. Der Psalm setzt dieser Willkür der Menschen die Güte Gottes entgegen. Gott sorgt für die Durchsetzung dessen, was machgierige Menschen oft anderen rauben.

Recht verschafft er den Unterdrückten, den Hungernden gibt er Brot; der Herr befreit die Gefangenen.

Der Herr öffnet den Blinden die Augen, er richtet die Gebeugten auf.

Der Herr beschützt die Fremden und verhilft den Waisen und Witwen zu ihrem Recht.

Der Herr liebt die Gerechten, doch die Schritte der Frevler leitet er in die Irre. (Ps 146,7-9)

Was hier als Gottes Werk gepriesen wird, erinnert an die Werke der Barmherzigkeit, von denen Jesus spricht (vgl. Mt 25,35-36). Es sind die Taten, die Gott von den gerechten Menschen erwartet. Taten für andere Menschen, in denen der Mensch aber letztlich Gott ehrt.

Recht verschafft Gott denen, die von anderen um ihr Recht gebracht worden sind und er erwartet von uns, dass auch wir für Gerechtigkeit eintreten.

Gott gibt den Hungernden das Brot, das Notwendige zum Leben, das ihnen andere geraubt haben, die in ihrer Gier nach immer größerem Reichtum anderen die Lebensgrundlage entziehen. Millionen Menschen müssen hungern, damit einer Millionär werden kann. Gott gibt den Hungernden zurück, was ihnen geraubt wurde, und er will, dass wir uns nicht an der Gier nach Reichtum beteiligen, sondern mit anderen teilen.

Gott befreit diejenigen, die zu Unrecht gefangen gehalten werden, die verfolgt werden auf Grund ihres Glaubens und ihrer Überzeugungen. Gott setzt sich ein für die Durchsetzung der Menschenrechte und er will, dass auch wir anderen ihr Recht verschaffen, gerade dort, wo es keine Rechtssicherheit gibt.

Gott öffnet den Blinden die Augen. Die Blindenheilung ist nach der Totenerweckung eines der größten Wunder in der Bibel. Doch nicht nur die Blindheit der Augen, auch die Blindheit des Herzens muss geheilt werden. Und wenn wir es nicht vermögen, das Wunder der Blindenheilung zu vollbringen, so können wir doch denen, die im Herzen blind sind, ein Wort sagen, das sie aufhorchen lässt.

Gott richtet die Gebeugten auf, diejenigen, die niedergedrückt werden von der Last des Lebens, von den Sorgen um ihre Familie, die ausgebeutet werden und hart schuften müssen für einen kargen Lohn, die unterdrückt werden, weil sie nicht dazu gehören, die ausgegrenzt werden, wegen ihrer Andersheit. Gott will, dass wir anderen helfen, ihre Lasten zu tragen und die Ausgegrenzten aufnehmen.

Gott beschützt die Fremden. In der antiken Gesellschaft war ein Fremder rechtlos. Keiner kümmerte sich darum, wenn ihm Unrecht geschah. Ohne die Bande der Familie war er schutzlos. Heute leben viele Fremde unter uns. Wie begegne ich ihnen?

Gott verhilft Witwen und Waisen zu ihrem Recht. Sie waren ebenso schutzlos wie die Fremden, denn sie hatten niemand, der sich für sie einsetzte. Oft waren sie gezwungen zu betteln. Vor allem aber ist es die Einsamkeit, das Fehlen der Familienbande, was für Witwen und Waisen auch heute noch schmerzhaft ist. Gott will, dass wir ihnen einen Ort geben, an dem sie Nähe und Geborgenheit erfahren.

Wer so handelt, wie Gottes Handeln hier geschildert wird, der zählt zu den Gerechten, zu den von Gott Geliebten. Seinen Weg leitet Gott auf fruchtbaren Wegen, wie es schon Psalm 1 ausführlich beschrieben hat. Doch der Weg der Frevler geht in die Irre.

Der Herr ist König auf ewig, dein Gott, Zion, herrscht von Geschlecht zu Geschlecht. (Ps 146,10)

Der Psalm schließt mit einem Jubelruf auf Gott den ewigen König. Seine Herrschaft steht fest. Gerade angesichts der miserablen Könige, die kaum mehr an das große Vorbild Davids erinnerten, hat sich in Israel das Vertrauen auf das Königtum Gottes gefestigt. Gott steht über den irdischen Königen und er lässt sich von ihnen auch nicht instrumentalisieren. Auch wenn die Könige sich auf „Gottes Gnaden“ berufen, wird Gott nicht gutheißen, was sie an Unrecht tun.

Gott ist König auf ewig. Das ist die Hoffnung aller, die nicht bereit sind, einem irdischen Herrscher zuzujubeln, die vielmehr für Gerechtigkeit eintreten, auch wenn sie selbst dadurch Nachteile zu erwarten haben. Sie vertrauen darauf, dass Gott bei ihnen ist und sie durch alle Verfolgungen hindurch bewahrt. Daher singen sie Gottes Lob, gerade auch in Not und Bedrängnis. Gott ist König, in ihm allein ist das Heil der Welt.

Psalm 146 (1) – Gotteslob

Halleluja! (Ps 146,1a)

Halleluja, preist den Herrn! Dieser freudige Aufruf zum Gotteslob findet sich nur an wenigen Stellen in der Bibel. Auch in den Psalmen ist er nicht so häufig, wie wir vielleicht denken. Im Christentum hat sich dieser jüdische Gebetsruf viel stärker verbreitet als im Judentum selbst. In der Heiligen Messe ertönt der Halleluja-Ruf vor (und neuerdings oft auch nach) dem Evangelium. Das Halleluja steht in ganz besonderer Weise mit der Auferstehung Jesu Christi in Zusammenhang. Nach dem Verstummen des Halleluja-Gesangs während der Fastenzeit singen wir es neu und feierlich in der Osternacht. In der Osterzeit findet sich das Halleluja in vielen Liedern und wird im Stundengebet an nahezu jede Antiphon angefügt.

Ursprünglich werden aber nur wenige Psalmen mit Halleluja gesungen. Am deutlichsten tritt es bei den letzten Psalmen des Psalters hervor. Wie viele Psalmen zunächst als Klageruf beginnen und dann in frohem Lob und Dank an Gott für seine Rettungstat enden, so ist es auch beim ganzen Psalter. Sein Abschluss ist noch einmal geprägt von einem frohen und überschwänglichen Lob an Gott.

Lobe den Herrn, meine Seele! Ich will den Herrn loben, solange ich lebe, meinem Gott singen und spielen, solange ich da bin. (Ps 146,1b-2)

Diese Worte kann man eigentlich nicht im Sitzen beten, man muss dazu aufstehen, so wie man sich zum Halleluja-Ruf vor dem Evangelium erhebt. Körper und Geist, Leib und Seele vereinen sich zum Lob Gottes. Der Mensch wird ganz ein Gott-Lobender. Er steht auf, hebt seine Hände, ruft mit voller Stimme aus ganzem Herzen das Lob Gottes. Das ist die Bestimmung des Menschen, das ist das Ziel des Menschen, allezeit Gott zu loben mit seinen Worten und seinem Tun. Das soll unser ganzes Leben und Dasein prägen.

Versuchen wir uns diese Einstellung zu eigen zu machen. Egal was geschieht, es ist immer Zeit, Gott zu loben. Gott ist immer da, um mich zu retten. Gott hört meinen Lobpreis allezeit. Ich brauche mich nicht zu fürchten, nicht zu verzweifeln, denn Gott ist da. In der Bibel lesen wir immer wieder, wie Menschen gerade in der größten Bedrängnis Gott gepriesen haben. Die Apostel und die ersten Christen in der Verfolgung haben im Gefängnis Loblieder gesungen und so ihre Zuversicht zum Ausdruck gebracht. Das Gotteslob drang nach draußen und hat auch andere dazu ermutigt, sich zu diesem Gott zu bekennen, der seinen Gläubigen diese Hoffnung gibt.

Sind wir als Christen nicht zu kleinlaut geworden? Wo hört man heute noch unser Gotteslob auf den Straßen? Haben wir den Mut, unserem Gott zu lobsingen, mit lauter Stimme, mit Leib und Seele, jederzeit und überall.

Psalm 110 (3) – Mensch

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5 Der Herr steht dir zur Seite; er zerschmettert Könige am Tage seines Zornes.

6 Er hält Gericht unter den Völkern, er häuft die Toten, die Häupter zerschmettert er weithin auf Erden.

Nachdem so der Priesterkönig von Gott selbst in sein Amt eingesetzt worden ist, zeigen die folgenden Verse die Taten des Königs. Während die ersten Verse des Psalms sehr erhaben waren, geht es nun recht handfest zu. Der König tut das, was Könige tun, nämlich Krieg führen. Siegreich ist er unter den Völkern, er stürzt fremde Könige und unterwirft deren Gefolge.

Uns mögen diese Verse abstoßend erscheinen. Daher wird Vers 6 auch im deutschen Stundenbuch weggelassen. Hier zeigt sich die Problematik, wenn wir alttestamentliche Texte auf Christus deuten. Der Sieg über die Feinde wird glorifiziert, Das war durch alle Jahrhunderte so. Erst nach der Erfahrung der Grausamkeit zweier Weltkriege kam ein neues Friedensbewusstsein auf. Nie wieder sollen Menschen einander auf so grausame Weise töten. Doch es gibt weiter Krieg und Gewalt in der Welt. Während wir in Westeuropa in den letzten Jahrzehnten in einer Oase des Friedens lebten, gab es in vielen Ländern der Welt grausame Kriege. Und nun rückt der Schauplatz des Krieges scheinbar unausweichlich immer näher auf uns zu, eines Krieges, der nicht mehr wie früher an klaren Fronten geführt wird, sondern der durch den Terrorismus bereits mitten unter uns gegenwärtig ist.

Was können wir tun, um den Frieden zu wahren? Haben wir uns vielleicht doch allzu lange in unserer Oase des Friedens ausgeruht und die Augen verschlossen vor den Konflikten, die sich um uns immer mehr ausgebreitet haben? Wir müssen uns aktiv für den Frieden einsetzen, und das nicht nur, indem wir unsere Abwehrkräfte verstärken. Es gilt, klare Position zu beziehen gegen Menschen, die den Hass predigen. Diese gilt es zu bezwingen, dass sie nicht die Menschen mit ihren Reden vergiften.

Wir haben nach dem zweiten Weltkrieg gesehen, wie schnell es gehen kann, dass verfeindete Mächte Frieden schließen, den Hass überwinden und zu neuer Freundschaft finden. Das kommt nicht von allein. Dazu bedarf es politischen Willens. Es braucht Persönlichkeiten, die glaubwürdig für den Frieden eintreten.

Wer Wind sät wird Sturm ernten.

So heiß es nach einem Zitat aus Hosea 8,7. Im Jakobusbrief 3,18 aber heißt es:

Wo Frieden herrscht, wird (von Gott) für die Menschen, die Frieden stiften, die Saat der Gerechtigkeit ausgestreut.

Jesus hat uns gezeigt, wie ein Friedenskönig regiert. Er helfe uns, seinen Spuren zu folgen.

7 Er trinkt aus dem Bach am Weg; so kann er (von neuem) das Haupt erheben.

Der letzte Vers des Psalms stellt uns ein schönes Bild vor Augen. Der Held ist ermattet vom Kampf. Das zeigt die menschliche Seite des Königs. Doch seine körperliche Schwäche wird rasch gestärkt durch einen kühlen Trunk von einem Brunnen oder aus dem Bach am Wegesrand.

Geliebter, wunderbarer Gott,

Quelle des Lebens, ewiger Strom der Liebe.

Öffne mit deiner Liebe die Herzen der Menschen.

Löse auf in deinem Licht die Gefühle von Angst, Hass und Ohnmacht.

Schenke uns allen die Einsicht, dass Frieden in uns selbst beginnt

und dass nur Gedanken der Liebe und Versöhnung den Weltfrieden

und das Überleben der Erde sichern.

Erfülle unser Denken, Fühlen und Handeln mit deiner Liebe

und dem Vertrauen in deine machtvolle Gegenwart.

Wir danken Dir, geliebter, ewiger Gott.

Amen.

 

Psalm 110 (2) – Priester

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3 Dein ist die Herrschaft am Tage deiner Macht (wenn du erscheinst) in heiligem Schmuck; ich habe dich gezeugt noch vor dem Morgenstern, wie den Tau in der Frühe.

Psalm 110 ist im Neuen Testament der meistzitierte alttestamentliche Text. Kein anderer Psalm macht so deutlich, was die Menschen von Jesus Christus glauben. Auch in diesem Vers bekommen die Bilder aus dem altorientalischen Königsritual im Licht Christi eine ganz neue Bedeutung. Die orientalischen Könige waren prächtig gekleidet als Zeichen ihrer Erhabenheit und ihrer Entrücktheit in den Bereich des Göttlichen. Kein gewöhnlicher Mensch durfte ihr Gesicht sehen, der Thron war durch eine Reihe von Schleiern verhüllt, hinter denen der König hervortrat, wenn er sich offenbarte, das heißt dem Volk zeigte.

Doch die Erwähnung prächtiger Kleider allein reicht nicht aus, um die Majestät des Königs ausreichend zu schildern. Es werden Bilder aus der Schöpfung bemüht. Prächtig wie der Morgenstern, der nach der Nacht am Himmel glänzt und der niemals untergeht und der Tau in der Frühe, der sich auf wundersame Weise über die trockene Erde legt und eine wohltuende Erfrischung spendet, ein glitzernd prächtiges Kleid, das sie Schöpfung über Nacht anlegt.

Die frühe Kirche, der anders als uns heute die Pracht orientalischer Könige lebendig vor Augen stand, wusste um die enge Verbindung des Psalms mit Jesus Christus. Am Hochfest Epiphanie, dem ursprünglichen Weihnachtsfest der orientalischen Kirche, verwendet die erste Antiphon der Laudes das Bild dieses Psalms und besingt so Christus den Herrn, der vor aller Zeit vom Vater gezeugt, sich als göttlicher Heiland im ewigen Heute aller Welt offenbart.

Ante luciferum genitus, et ante saecula, Dominus Salvator noster hodie mundo apparuit.

Gezeugt vor dem Morgenstern und vor aller Zeit, ist der Herr, unser Heiland, heute der Welt erschienen.

4 Der Herr hat geschworen und nie wird’s ihn reuen: „Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.“

Orientalischen Königen kam oft neben ihrer Herrscherrolle auch die Würde des höchsten Priesters zu. Zwar war in Israel diese Rolle streng getrennt, da nur der Stamm Levi den Dienst am Altar verrichten durfte und den Nachkommen Aarons in besonderer Weise das Priestertum zukam. David und seine Nachkommen aber gehörten dem Stamm Juda an. Dennoch wird von David berichtet, dass er Opfer dargebracht hat. Als Psalmendichter kommt ihm die Ehre zu, Lieder für den Gottesdient geschaffen zu haben. Sein Sohn Salomo lässt den Tempel errichten. So trägt auch David priesterliche Züge.

Der Hebräerbrief gibt in den Kapiteln 4-10 eine lange und ausführliche Deutung darüber, wie durch Jesus Christus der alttestamentliche Gottesdienst durch das neue und unvergängliche Priestertum Jesu Christi abgelöst wird. Hierbei spielt die Person des Melchisedek eine entscheidende Rolle und Psalm 110,4 ist eine wichtige Legitimation für das königliche Priestertum, das Jesus Christus nach Gottes Verheißung zukommt.

Dieser Melchisedek, König von Salem und Priester des höchsten Gottes; er, der dem Abraham, als dieser nach dem Sieg über die Könige zurückkam, entgegenging und ihn segnete und welchem Abraham den Zehnten von allem gab; er, dessen Name „König der Gerechtigkeit“ bedeutet und der auch König von Salem ist, das heißt „König des Friedens“; er, der ohne Vater, ohne Mutter und ohne Stammbaum ist, ohne Anfang seiner Tage und ohne Ende seines Lebens, ein Abbild des Sohnes Gottes: dieser Melchisedek bleibt Priester für immer. (Hebr 7,1-3)

So deutet der Hebräerbrief Genesis 14, wo die Begegnung zwischen Abraham und Melchisedek geschildert wird. Das Priestertum des Melchisedek wird höherwertiger als das levitische Priestertum gesehen, da durch den Stammvater Abraham auch dessen Nachkomme Levi dem Melchisedek den Zehnten darbrachte und somit dessen unvergängliches Priestertum anerkannte. Melchisedek vereint Königtum und Priestertum in seiner Gestalt und wird so zum Vorbild Jesu Christi. Melchisedek wird zum Zeichen dafür, dass das Priestertum des Neuen Bundes auf rechtmäßige Weise das levitische Priestertum des Alten Bundes abzulösen vermag und zudem auch das jüdische Gesetz seine Bedeutung verliert.

Denn sobald das Priestertum geändert wird, ändert sich notwendig auch das Gesetz. Der nämlich, von dem das gesagt wird, gehört einem anderen Stamm an, von dem keiner Zutritt zum Altar hat; es ist ja bekannt, dass unser Herr dem Stamm Juda entsprossen ist, und diesem hat Mose keine Priestersatzungen gegeben. Das ist noch viel offenkundiger, wenn nach dem Vorbild Melchisedeks ein anderer Priester eingesetzt wird, der nicht, wie das Gesetz es fordert, aufgrund leiblicher Abstammung Priester geworden ist, sondern durch die Kraft unzerstörbaren Lebens. Denn es wird bezeugt: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks. (Hebr 7,12.17)

Psalm 110 (1) – König

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1 [Ein Psalm Davids.] So spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten und ich lege dir deine Feinde als Schemel unter die Füße.

In poetischen Worten wird hier die Inthronisation eines Königs besungen. Der König thront aber nicht nur vor den Menschen, sondern auch zur Rechten Gottes. Er wird so zum Erfüller Göttlichen Willens. Gott beruft sich seinen König. Die mysteriös anmutende Gottesrede kann als innergöttlicher Dialog verstanden werden, wie beispielsweise das ebenso mysteriöse Wort aus Psalm 42,8 „Flut ruft der Flut zu beim Tosen deiner Wasser“ oder die Wendung „ich habe bei mir geschworen“ in Gen 22,16 und Jes 45,23. Gott steht mit sich selbst im Dialog und trifft und festigt so seine Entscheidungen.

Der innergöttliche Dialog ist kein Selbstgespräch. Als Christen glauben wir, dass Gott dreifaltig ist, Vater, Sohn und Heiliger Geist, ein Gott in drei Personen. Gott ruft den Menschen in seine Gemeinschaft. Allen Menschen voran hat der König das Vorrecht, in diese Gemeinschaft einzutreten. Er, der auf Erden über allen Menschen steht, sitzt im Himmel zur Rechten Gottes. Hier werden orientalische Königsbilder verwendet, die den König weitgehend der menschlichen Welt entrücken und in die Sphäre des Göttlichen erheben.

Doch kein menschlicher König ist wirklich Gott. Er bleibt ein Mensch und handelt menschlich mit allen menschlichen Fehlern und Schwächen, was uns auch der letzte Vers des Psalms deutlich zeigen wird. Diese Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit war den Gelehrten Israels bewusst. Daher richteten sie ihre Hoffnung auf den Messias-König, der von Gott eingesetzt ist. Dann geschah das Unerhörte, aus jüdischer Sicht unglaubliche, dass Gottes Sohn selbst Mensch wird. Jesus Christus ist der König, den der Vater an seine rechte Seite erhebt, um mit ihm zu herrschen über Himmel und Erde.

2 Vom Zion strecke der Herr das Zepter deiner Macht aus: „Herrsche inmitten deiner Feinde!“

Die Evangelien berichten uns vom Königtum des Gottessohnes. Ein König, der mitten unter den Menschen ist, der die Menschen heilt, der die Hungrigen speist und den Nackten Kleidung gibt, der die Kranken und Ausgestoßenen besucht und das Volk eint in der Liebe zu Gott und untereinander. So sieht es aus, wenn Gott sein Zepter erhebt, um in der Welt zu herrschen. Jesus Christus ist ein König, der für sein Volk stirbt, um alle zu befreien von der Macht der Finsternis und des Todes. Sein irdischer Thron ist das Kreuz, aber gerade durch seine Erniedrigung ist er würdig geworden, zur Rechten Gottes erhöht zu werden.

Nicht mit weltlicher Macht gebietet er über seine Feinde. Er hat den Satan besiegt, der ihm zu Füßen liegt und mit diesem Sieg hat er jeder widergöttlichen Macht endgültig die Herrschaft genommen. Auch wenn die Bösen weiter toben, werden sie nie mehr die Oberhand gewinnen. Und Gott herrscht in allen Menschen, die sich zu ihm bekehren, in den Geretteten, die seiner Liebe glauben. Hieronymus sagt:

Es heißt nicht: Töte deine Feinde, sondern: Herrsche inmitten deiner Feinde. Mach, dass deine Feinde, die dir fern waren, anfangen, zu dir zu gehören. … Diejenigen sind Feinde, die unter einer fremden Herrschaft stehen, jetzt also erbittet der Psalmist, dass Gott seine Feinde beherrscht und sich gnädig herablässt, ihr Herr zu sein.

Psalm 23 – Der Gute Hirte (2)

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Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.

Der Beter des Psalms weiß, dass im Leben nicht alles glatt geht, dass es auch dunkle Schluchten zu durchwandern gilt. Der Weg führt weg von der Weide ins dunkle Tal. Die hebräische Formulierung lässt keinen Zweifel, woran der Beter denkt: An das Tal der Todesschatten, an den Tod selbst. Auch in dieser ausweglosen Situation hat der Beter keine Angst, weil er sich bei Gott weiß. Diese Nähe Gottes kommt auch sprachlich zum Ausdruck. Die Anrede Gottes wechselt plötzlich vom Er zum Du. Aus dem eher ungleichen und unpersönlichen Verhältnis des Schafes zu seinem Hirten ist ein persönliches Verhältnis der Freundschaft mit Gott geworden.

Der Weg durch die Finsternis schweißt zusammen. Viele Heilige haben Gott erst im Dunkel besonders erfahren, sie mussten einen Zustand der scheinbaren Gottferne durchschreiten, um Gottes Nähe zu entdecken. Auch von menschlichen Freundschaften kennen wir dies, dass eine tiefe Nähe gerade bei Extremsituationen entsteht. Hier zeigt sich auch der wahre Freund, mit dem man durch Dick und Dünn gehen kann.

Selbst in der tiefen dunklen Schlucht fürchtet sich der Beter nicht. Stock und Stab sind Keule und Hirtenstab des orientalischen Hirten. Die Keule ist da, um wilde Tiere zu vertreiben, mit dem krummen Hirtenstab angelt der Hirt das Schaf herbei, das vom Weg abgerät. So kommt die Herde sicher durch die Schlucht und wie wir gleich sehen werden, erwartet sie danach etwas, das noch herrlicher ist als die schönsten Weiden, auf denen sie bisher gelagert haben.

Der Weg durch die finstere Schlucht ist wichtig für unser Leben. Wir können auf der saftigen Weide bleiben und es uns dort gemütlich machen. Dann werden wir aber nie entdecken, was hinter dem nächsten Hügel ist. Mag sein, dass vielen Menschen die eigenen vier Wände genug sind. Was braucht man mehr? Unsere moderne Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft gaukelt uns ja vor, dass dies die größte Erfüllung ist. Viele wollen uns zu Menschen machen, die einfach nur Konsumieren, sich berieseln lassen und damit zufrieden sind.

Wer mehr sehen will, wir gefährlich. Wer aufbricht und sich auf den Weg macht, kann Dinge entdecken, die ihn unruhig werden lassen. Wer nicht aufbricht, bleibt das dumme Schaf. Erst wer aufbricht wird zum Freund und Partner Gottes, der mit ihm die Welt gestaltet und Gottes Schöpfung denen entreißt, die sie plündern und zerstören. Nur wer aufbricht kann zur Fülle des Lebens finden, das Gott in die Schöpfung gelegt hat und wer den Grund dieses einmal entdeckt hat, wird alles daran setzen, es zu schützen und zu bewahren vor den Feinden des Lebens.

Mit Gott gelingt uns der Aufbruch. Er ist bei uns. Stehen wir auf. Gehen wir. Wir kennen den Weg nicht. Er führt uns durch unbekannte Landschaften. Es ist ein enger und schwerer Weg. Aber Gott geht mit uns. Er kennt das Ziel. Wenn wir uns von ihm leiten lassen, werden wir selbst unsere Erfüllung finden.

Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl, du füllst mir reichlich den Becher.

Nun wechselt die Perspektive des Psalms. Zunächst hat der Beter die Fürsorge Gottes als des guten Hirten erfahren. Dann ist er mit Gott durch die finstere Schlucht gewandert und aus dem eher unpersönlich für ihn sorgenden Gott ist die Erfahrung eines Gottes geworden, der ein Freund und Begleiter ist, ein lebendiges Du, das mit dem Beter den Weg des Lebens geht. Die neu erfahrene Nähe Gottes zeigt sich im Bild der Gastfreundschaft, bei dem der Beter Geborgenheit findet, und zwar für immer.

Als guter Gastgeber beschützt Gott den Beter vor seinen Feinden und bereitet ihm ein reiches Mahl. Wie es Brauch ist, salbt er den Gast mit Öl, was zum einen ein Reinigungsritual ist, zum anderen aber auch die Würde des Gastes betont. Könige und Propheten werden gesalbt. Gott gibt dem Menschen Anteil an seiner Würde. Indem der Mensch sich von Gott leiten – regieren, oder auch dirigieren – lässt (im Anklang an Vers 1), wird er selbst zu einem, der andere leiten kann. Nun gibt es nicht mehr nur frisches Grün und sprudelndes Wasser, sondern köstliches Speisen und kostbaren Wein.

Zugleich bringt dieser Vers aber ein Bild, das uns leicht irritiert. Es ist von den Feinden die Rede, vor deren Augen das alles geschieht. Warum reicht es nicht, dass Gott den Beter so beschenkt? Warum muss hier noch besonders zur Sprache kommen, dass er es vor den Augen der Feinde tut? Wir haben im letzten Abschnitt bereits gesehen, dass derjenige, der sich mit Gott auf den Weg macht, anecken wird, weil es viele gibt, die ihn nicht verstehen, oder mehr noch, die ihn von diesem Weg abhalten möchten.

Für den Beter des Psalms sind die Feinde eine nicht wegzudenkende Realität. Israel war schon immer von Feinden umgeben, die es bedroht haben. Aber Gott beschützt sein Volk, er schützt jeden Menschen, der ihm vertraut. Die Feinde können ihm nichts anhaben, ja mehr noch, Gott wird ihn vor ihren Augen erhöhen. Was kann dies besser schildern als das Bild von einem Menschen, der in Ruhe am gedeckten Tisch sitzt und es sich schmecken lässt, während rings herum die Feinde toben, aber nicht an ihn heran kommen. Er sitzt wie hinter einer unzerstörbaren Glasscheibe, die ihn von den Feinden trennt.

Als Glaubende haben wir schon hier in dieser Zeit Anteil an Gottes ewigem Reich. Wir sind Kinder Gottes und gehören damit seinsmäßig zu einer anderen Wirklichkeit. Die Kinder dieser Welt können den Kindern Gottes zwar äußerlich Schaden zufügen, sie aber nicht wirklich besiegen. Das zeigen und die Märtyrer. Zwar mussten sie große Schmerzen leiden und wurden grausam hingerichtet, aber man konnte ihnen ihr Vertrauen auf Gott nicht nehmen. Ihre Peiniger konnten ihr Leben nicht auslöschen, denn nicht das irdische Leben ist ihr höchstes Gut, sondern das ewige Leben, und in dieses sind sie sicher hinübergegangen. Sie saßen, um im Bild des Psalms zu bleiben, bereits voller Freude beim himmlischen Gastmahl, während die Feinde an ihnen die grausame Marter vollzogen. So wird das Bild der Salbung auch zum Zeichen des Sieges, den Gott dem Beter schenkt.

Die Salbung mit Öl ist eine rituelle Handlung. Der Gesalbte ist Priester und König. Priestertum und Königtum im Sinne der Schrift sind nicht zunächst Funktionen, sondern Seinsweisen. Der Gesalbte gehört der göttlichen Sphäre an, nimmt teil an den Gesetzen der göttlichen Welt und an ihrer Grundverfassung: der Freude. Königlich ist die Tafel, an der er Platz nimmt, königlich der Becher.

(Robert Spaemann)

Die Christen haben dann auch schon sehr früh diesen Vers des Psalms auf die Eucharistie gedeutet. Hier haben die Menschen schon in dieser Welt Anteil am himmlischen Hochzeitsmahl.

Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.

Der letzte Vers des Psalms nimmt Bezug auf den Anfang und überbietet ihn zugleich. Der Beter ist nicht mehr das vom Hirten umsorgte Schaf, dem es auf seiner Weide gut geht, das aber vielleicht doch einmal geschlachtet wird. Er ist auch mehr als der im vorhergehenden Vers gezeigte Gast, der die Fürsorge des Gastgebers genießt. Der Beter ist vielmehr zum Freund Gottes geworden. Er sitzt mit Gott zu Tisch und zwar nicht nur für drei Tage, wie es der Pflicht des Gastgebers entspricht, sondern viele Tage lang, was so viel bedeutet wie unbegrenzt.

Es sind jetzt auch nicht nur die einen oder anderen Dinge, und mögen sie noch so schön und nützlich sein, die er bekommt. Wir sehen hier nochmals eine Seigerung. Sind zuvor aus frischem Grün und fließendem Wasser ein köstliches Mahl und erlesener Wein geworden, so sind es nun Gottes Güte und Huld, die dem Beter geschenkt werden. Nahrung brauchen wir zum Überleben, aber Gottes Güte und Huld schenken uns Leben, wahres, unvergängliches Leben, Leben in Fülle.

So will uns der Beter zeigen, was das Entscheidende im Leben ist. Die begehrenswertesten materiellen Güter verblassen angesichts dessen, was Gott uns schenken kann. Sie übertreffen das Vorausgehende nicht allein in ihrer Unvergänglichkeit. Es ist alles, was ein Mensch sich erhoffen kann. Gott schenkt sich ihm selbst aus der Fülle seines Herzens. Bei Gott darf ich wohnen, mit ihm sein und seine Zuneigung genießen – unvergänglich in Ewigkeit.