Bekehrung des Apostels Paulus

Die Bekehrung des Apostels Paulus, die sich wahrscheinlich im Jahr 36 ereignet hat, ist ein sowohl für Paulus selbst als auch für die gesamte Weltgeschichte einschneidendes Ereignis. An diesem Tag wird aus dem Schriftgelehrten, der mit jüdischem Namen auch Saulus heißt, ein Verkünder des Evangeliums von Jesus Christus in nahezu der gesamten damals bekannten Welt. Aus der jungen Kirche wird eine Weltkirche, die bald im gesamten Römischen Reich und darüber hinaus vertreten ist.

Jesus Christus war gestorben und auferstanden. Die Botschaft davon haben zunächst die Zwölf Apostel in Jerusalem und Umgebung verkündet. Sie sind Jesus nachgefolgt und haben von ihm gelernt und verkünden nun das, was Jesus gesagt hat. Sie verkünden den Anbruch der Gottesherrschaft, die sich in einem gerechten Leben, Heilungen und der Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott zeigt. Jesus Christus lebt und er schenkt allen, die an ihn glauben und ihm nachfolgen neues Leben.

Diese Botschaft der Erlösung und Befreiung fiel bei vielen Menschen auf fruchtbaren Boden. Die obersten Führer der jüdischen Religion aber, Hohepriester und Schriftgelehrte, sahen darin einen Angriff auf die jüdische Religion. Jesus und die ersten Jünger waren Juden, aber sie gingen einen Weg, der nicht mehr dem entsprach, was die jüdischen Lehrer vorgaben. Mit seinen Predigten hatte Jesus das Gesetz des Mose, auf dem der jüdische Glaube beruht, neu ausgelegt und die Autorität der Schriftgelehrten massiv angegriffen.

Es kam zu Verfolgungen der ersten Christen in Jerusalem und Umgebung, an denen Paulus maßgeblich mitgewirkt hat. Er war anwesend, als Stephanus als erster Märtyrer für den Glauben an Jesus Christus sein Blut vergossen hat. Er will die Anhänger des neuen Weges aufspüren und vernichten und reist dazu im Auftrag der Hohenpriester bis nach Damaskus. Auf dem Weg nach Damaskus aber geschieht etwas, das sein Leben grundlegend verändert hat.

Vor Damaskus sieht Paulus ein helles Licht, das ihn zu Boden wirft und er hört eine Stimme, die zu ihm spricht. Paulus ist von diesem Ereignis überwältigt. Er braucht Tage, um sich davon zu erholen. Für ihn ist von nun an sicher, dass Jesus Christus selbst zu ihm gesprochen hat und ihn zum Apostel berufen hat, zum Verkünder des Glaubens an Jesus Christus in der ganzen Welt. Das junge Christentum hat einen neuen Apostel, der den Kreis der Zwölf ergänzt.

Paulus – Ruhm im Kreuz

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Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. (Gal 6,14)

Wir hören heute das Schlusswort des Galaterbriefes. Paulus schreibt es eigenhändig, wie er wenige Zeilen vorher betont. Das ist eine besondere Auszeichnung, die seine Verbundenheit mit den Galatern deutlich machen soll. Die Aussöhnung mit ihnen liegt ihm wirklich am Herzen. Es geht ihm nicht um seinen eigenen Ruhm. Er will nicht, wie er es seinen Gegnern vorwirft, Menschen gefallen, sondern Gott. Ihm geht es um das Heil der Menschen.

Seine Gegner scheinen sich damit gebrüstet zu haben, dass sie die Galater zur Beschneidung „bekehrt“ haben. Paulus hat deutlich gemacht, dass die Beschneidung nichts ist, womit man sich rühmen kann. Allein das Kreuz Jesu Christi ist entscheidend. Unser Ruhm ist, dass Christus für uns gekreuzigt wurde. Worin andere eine Schande sehen, darin sehen wir Christen das Zeichen der Liebe Gottes und unseres Heiles. Durch das Kreuz Jesu Christi eröffnet sich eine neue Dimension. Nicht mehr die Dinge dieser Welt sind entscheidend. Wir leben nun nach anderen Maßstäben.

Unter Welt versteht er hier nicht den Himmel oder die Erde, sondern die irdischen Dinge, das sind Menschenlob, äußere Macht, Ruhm, Reichtum und alles dergleichen, das glänzend zu sein scheint. Dieses nämlich ist für mich tot. So muss der Christ beschaffen sein, dieses Wort muss immerdar in seinen Ohren ertönen. (Johannes Chrysostomus)

Der Christ lebt in der Welt, ist aber nicht mehr von dieser Welt. Seine Heimat ist im Himmel. Die irdischen Dinge besitzen für ihn keinen Wert mehr in sich, sondern nur, insofern sie dem Himmlischen dienen. Er hat sich freigemacht von den Verlockungen dieser Welt und lässt sich allein Locken von den Seligkeiten des Himmels. Das ist das Zeichen der neuen Schöpfung.

Denn es kommt nicht darauf an, ob einer beschnitten oder unbeschnitten ist, sondern darauf, dass er neue Schöpfung ist. Friede und Erbarmen komme über alle, die sich von diesem Grundsatz leiten lassen, und über das Israel Gottes. (Gal 5,15-16)

Dieser Satz ist eine knappe Zusammenfassung dessen, was Paulus im Brief ausführlich dargelegt hat. Mit Jesus Christus ist etwas Neues entstanden. Gott hat seinen Bund mit den Menschen erneuert. Der Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hat, bezog sich nicht nur auf Israel, sondern auf alle Menschen. Nun ist die Zeit da, in der sich diese Ausweitung des Bundes vom Volk Israel auf die ganze Welt vollzieht. Die Beschneidung aber hat in diesem neuen Volk Gottes, das sich auf den Glauben an Jesus Christus gründet, keine Bedeutung mehr.

In Zukunft soll mir niemand mehr solche Schwierigkeiten bereiten. Denn ich trage die Zeichen Jesu an meinem Leib. (Gal 6,17)

Noch einmal betont Paulus, welche Stellung er hat. Wie er am Anfang des Briefes seine apostelgleiche Berufung durch Jesus Christus deutlich gemacht hat, so macht er nun deutlich, dass er die Zeichen Jesu an seinem Leib trägt. Was meint er damit? Vielleicht will Paulus mit diesen Worten den Leser am Ende des Briefes noch einmal zum Nachdenken bringen. Das Zeichen Jesu an seinem Leib ist sicher nicht das Zeichen der Beschneidung, das Paulus als Jude trägt. Das Zeichen Jesu ist ein neues Zeichen. Warum aber spricht er hier von einem Zeichen am Leib, wenn er doch vorher so sehr die Geistigkeit des Glaubens betont hat?

Zeichen am Leib, Stigmata, wie es im griechischen Text heißt, kennen wir von manchen Heiligen, so zum Beispiel von Franziskus von Assisi oder Pater Pio. Die Wundmale der Kreuzigung Christi kommen bei diesen Heiligen zum Vorschein. Was nach außen hin als eine besondere Auszeichnung der Heiligkeit erscheint, ist für den Träger der Stigmata ein großes Leiden. Es ist nichts, das man sich wünschen sollte. Wer kann es ertragen, die Zeichen des Leidens Jesu am eigenen Leib zu tragen!

War Paulus auch stigmatisiert, oder meint er hier etwas anderes? Eine weitere Deutung dieser Stelle macht darauf aufmerksam, dass in der Antike religiös motivierte Tätowierungen üblich waren. So waren zum Beispiel die Priesterinnen und Priester gewisser Kulte tätowiert. Die Tätowierung bringt die Zugehörigkeit zu einer Person oder Gottheit zum Ausdruck. Sklaven trugen das Brandmal ihres Herrn, Soldaten oft das SPQR des römischen Reiches. Der selige Heinrich Seuse, in einer späteren Zeit, hat sich mit einer spitzen Feder das Christusmonogramm JHS über seinem Herzen eingeritzt. Es wäre also durchaus möglich, dass Christen sich damals ein solches Erkennungsmal in die Haut brennen ließen.

Am wahrscheinlichsten aber erscheint mir die Deutung, dass Paulus hier die Wunden meint, die er um Christi willen zugefügt bekam. Diese schildert er ausführlich in 2Kor 11,23-33. Wegen seiner Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi wurde er mehrmals ausgepeitscht, geschlagen und gesteinigt, er ist gezeichnet von den Strapazen seiner Reisen, den langen Fußmärschen oft durch karge Landschaften, er ist gezeichnet von den im Gebet durchwachten Nächten und häufigem Fasten. Darin zeigt sich sein Einsatz für Jesus Christus auch körperlich. Das sind die wahren Zeichen des Glaubens am Leib. Dem gegenüber ist die Bescheidung eine lächerliche Kleinigkeit. Die Zeichen, die Paulus am Leib trägt, sind mühsamer erworben und, was das entscheidende ist, nicht bloß äußerer Schein, sondern Ausdruck tiefer Ausdauer und wahrer Frömmigkeit.

Die Gnade Jesu Christi, unseres Herrn, sei mit eurem Geist, meine Brüder. Amen. (Gal 6,18)

Es ist ein versöhnlicher Gruß, mit dem Paulus den Brief an die Galater abschließt. Lange hat er um die Gunst der Adressaten gerungen und ihnen gegenüber seine Überzeugung verteidigt. Nun geht er davon aus, dass die Galater seine Argumente annehmen und auf seiner Seite stehen. Die hoch emotional aufgeladene Stimmung soll nicht mehr das einträchtige Verhältnis zwischen Paulus und seinen Gemeinden trüben. Nicht allein durch Argumente, auch durch sein Gebet und seine Bitte um den Segen Gottes, will er die Galater vor den Irrlehrern schützen.

Petrus und Paulus

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Nicht der Todestag der beiden Apostel Petrus und Paulus wird am 29. Juni gefeiert, sondern die Übertragung ihrer Reliquien in die Katakombe an der Via Appia, nahe bei der heutigen Kirche San Sebastiano in Rom. Bereits in der Mitte des 3. Jahrhunderts wurde der Festtag der beiden Apostel an diesem Tag gemeinsam begangen.

Die Heilige Schrift berichtet uns viel über die beiden Apostel. Von Petrus erfahren wir vor allem aus den Evangelien. Er, der Fischer am See von Galiläa, wird von Jesus zum Apostel berufen. Unter ihnen nimmt er bald den ersten Platz ein. Ihm werden von Jesus selbst die Schlüssel des Himmelreiches anvertraut. Dennoch hat Petrus lange gebraucht, bis er Jesus verstanden hat. Er musste lernen, dass das Bekenntnis „Jesus, du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ auch das Leiden und Sterben des Messias am Kreuz einschließt. Auf das Wort Jesu: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen!“ folgt unmittelbar der Ausruf: „Weg von mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“

Noch in der Stunde der Passion hat Petrus nicht den Mut, zu Jesus zu stehen. Dreimal verleugnet er den Herrn. Doch er bereut und Jesus nimmt ihn an, indem er ihn als der Auferstandene dreimal fragt: „Liebst du mich?“ Nun hat Petrus die Kraft, das Werk Jesu fortzuführen und der jungen Christengemeinde vorzustehen. Die Apostelgeschichte berichtet von Wundertaten des Petrus in Jerusalem und Umgebung, dann schweigt die Heilige Schrift über ihn.

Paulus hat von Jesu Erdenleben keine Notiz genommen. Wahrscheinlich ist er erst später von Tarsus nach Jerusalem gekommen. Im Gegensatz zum einfachen Fischer Petrus ist Paulus ein Mann von Welt. Er hat das jüdische Gesetz studiert und gehört zu den Gelehrten. Als sich die frühe Kirche in Jerusalem und Umgebung ausbreitet, wird er auf die Christen aufmerksam und verfolgt diese mit großem Eifer. Dann aber begegnet ihm Christus vor Damaskus, ein Ereignis, das sein Leben grundlegend verändert. Aus dem Verfolger wird einer der eifrigsten Verkünder der Botschaft Jesu Christi.

Die Begegnung mit Jesus vor Damaskus wird für Paulus zugleich zur Legitimation, sich Apostel nennen zu dürfen. Immer wieder betont er in seinen Briefen, dass er den übrigen Aposteln um nichts nachsteht. Wie diese wurde er vom Herrn selbst berufen und in das Evangelium eingeführt. Daher geht er nach seiner Berufung auch nicht nach Jerusalem, um sich dort die Legitimation der anderen Apostel zu holen und von ihnen zu lernen, sondern beginnt sofort zu predigen. Die Apostelgeschichte und seine eigenen Briefe geben Zeugnis von der umfangreichen Missionstätigkeit des Paulus im östlichen Mittelmeerraum und seinen Wunsch, das Evangelium auch in Rom und darüber hinaus weiter im Westen zu verkünden.

Erst Jahre später geht Paulus nach Jerusalem und begegnet dort zum ersten Mal Petrus. Seine Reise nach Jerusalem hatte allein den Zweck, Petrus den Fels (Kephas) kennenzulernen. Nicht, um von ihm zu lernen oder sich von ihm die oberhirtliche Bestätigung für seine Missionstätigkeit einzuholen, sondern allein aus Respekt und Freundschaft dem Petrus gegenüber ist Paulus nach Jerusalem gegangen. Er hat sonst keinen anderen der Apostel kennengelernt, außer Jakobus, den Bruder des Herrn, der damals wohl die Leitung der Jerusalemer Gemeinde innehatte.

In Petrus und Paulus wird die ganze Bandbreite christlicher Berufung sichtbar. Gott schaut nicht auf die Person. Gott sieht das Herz. Er kennt die Fähigkeiten jedes einzelnen und ruft jeden dazu, diese in den Dienst des Reiches Gottes zu stellen. Das bedeutet für jeden Menschen, seine eigenen Pläne aufzugeben und Jesus nachzufolgen. Doch wohin geht der Weg? Gott ist es, der diesen Weg bahnt und der Mensch erkennt ihn erst nach und nach im immer neuen Suchen und Fragen, in der ständigen Begegnung mit Jesus Christus.

Trotz so vielfältiger Berichte über Petrus und Paulus schweigt die Heilige Schrift über deren letzte Lebensjahre. Wir erfahren nichts mehr über Petrus, nachdem er Jerusalem verlassen hat, und auch der Bericht über Paulus endet, als dieser in Rom als Gefangener angekommen ist. Der hl. Isidor schreibt:

Nachdem Petrus die Kirche von Antiochia gegründet hatte, reiste er unter Kaiser Claudius nach Rom, um gegen Simon den Magier vorzugehen. In Rom predigte er 25 Jahre lang und wurde Bischof dieser Stadt. Im 36. Jahr nach dem Leiden des Herrn wurde er von Nero gekreuzigt, mit dem Haupt nach unten, wie er es selbst gewollt hatte.

Zuverlässige außerbiblische Quellen und die Tradition der Kirche geben Zeugnis davon, dass Petrus der erste Bischof von Rom gewesen ist und dass er zusammen mit Paulus dort das Martyrium erlitten hat. Viele Legenden schmücken die letzten Tage der beiden Apostel in Rom und deren Zusammentreffen und gemeinsamen Gang zum Martyrium. Auch der Wettstreit der beiden mit dem bereits in der Apostelgeschichte genannten Simon den Magier gehört zu diesen Legenden. Simon war inzwischen zu einem Vertrauten des Kaisers geworden und wetteiferte mit Petrus und Paulus darum, wer die größten Wunder vollbringen konnte. Am Ende war er mit seiner Zauberei der Glaubenskraft der Apostel unterlegen.

Als sicher gilt das Martyrium der Apostel Petrus und Paulus unter Kaiser Nero (54-68) um das Jahr 67, wie es heißt am gleichen Tag. Petrus wurde auf seinen eigenen Wunsch hin, da er sich nicht für würdig hielt, wie der Herr zu sterben, mit dem Kopf nach unten gekreuzigt, Paulus aber, der als Römischer Bürger nicht gekreuzigt werden durfte, starb durch Enthauptung und wird daher mit dem Schwert dargestellt, zugleich Symbol für die Kraft seines Wortes. Petrus aber hält die Himmelsschlüssel in der Hand.

Um das Jahr 450 predigte Papst Leo der Große in Rom zum Festtag der beiden Apostelfürsten:

Über die Verehrung hinaus, die dem heutigen Fest mit Recht auf dem ganzen Erdkreis entgegengebracht wird, ist es doch in unserer Stadt mit besonderem und ureigenem Jubel zu feiern, denn dort, wo die Apostelfürsten im Tod verherrlicht wurden, soll am Tag ihres Martyriums auch die höchste Freude herrschen.

Petrus und Paulus, die so grundlegend voneinander verschieden waren, sind beide zum Fundament geworden, auf dem Jesus Christus seine Kirche gebaut hat. An der Stätte des Petrusgrabes wurde der Petersdom errichtet, das Zentrum der Christenheit. Paulus wurde der Überlieferung nach auf einem heidnischen Friedhof an der Via Ostiense beigesetzt. Über seinem Grab wurde die Basilika Sankt Paul vor den Mauern errichtet, eine der vier Hauptkirchen Roms.

Christus als Gewand

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Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus. Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheißung. (Gal 3,26-29)

Auf immer wieder neue Weise will Paulus den Galatern deutlich machen, was es heißt, an Jesus Christus zu glauben. Wer glaubt und sich taufen lässt, ist zu einem neuen Menschen geworden. In Gal 2,20, der Lesung am vergangenen Sonntag, hat Paulus das so erklärt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Er wollte damit zeigen, dass der Glaube den Menschen in seinem Innersten so verändert, dass er in seinem Denken, Fühlen und Wollen Christus immer ähnlicher wird. Nun zeigt er, dass Glaube und Taufe den Menschen auch äußerlich verändern:

Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt.

Christus als Gewand anlegen, was meint Paulus damit? Wer „Gewand Christi“ bei Google eingibt, der stößt dabei schnell auf den heiligen Rock in Trier. Hier haben wir ein Gewand, das Christus selbst getragen haben könnte. Zu den großen Wallfahrten können wir dieses Gewand Christi ansehen und verehren. Doch Paulus meint mit seinen Worten etwas anderes, als dass wir dieses Gewand Christi selbst anziehen sollten.

Wenn wir über das Thema Kleidung nachdenken, so fällt uns auf, dass wir bei uns in großen Menschenmassen selten zwei Menschen sehen, die gleiche Kleidung tragen. So vielfältig ist das Angebot an Kleidungsstücken, so groß ist unser Drang nach Individualität, dass wir uns von anderen unterscheiden wollen. Andererseits schafft das bewusste Tragen der gleichen Kleidung Gemeinsamkeit. Das sehen wir spielerisch, wenn zwei Menschen im „Partnerlook“ gehen. Autoritäre Staaten möchten gerne ihre Bürger in Einheitskleidung stecken. Ähnliche Kleidung macht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe deutlich. Offizielle Anlässe verlangen nach einer angemessenen Kleidung, die Uniform der Soldaten macht die Vielen zu einer Truppe. Im kirchlichen Bereich kennen wir das Ordensgewand, das die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft zum Ausdruck bringt, oder das Kollar, das einen Priester kenntlich macht.

All dies hilft uns, das Wort des Apostels Paulus besser zu verstehen. Wir sollen als Christen unsere Ähnlichkeit mit Jesus Christus äußerlich zum Ausdruck bringen. Nicht durch uniforme Kleidung, die reine Äußerlichkeit bliebe, sondern durch eine Gemeinschaft über alle nationalen und gesellschaftlichen Grenzen hinweg. Der gemeinsame Glaube und die gemeinsame Ausrichtung auf Jesus Christus überbrückt alle Unterschiede aufgrund der ethnischen oder sozialen Herkunft. Ob einer reich oder arm, Mann oder Frau, Europäer oder Afrikaner ist, jeder Mensch kann Abbild Jesu Christi sein und ist gleichwertig in der Gemeinschaft der Glaubenden.

In dem speziellen Zusammenhang des Galaterbriefes geht es Paulus vor allem darum, den Galatern zu zeigen, dass sie auch ohne Übernahme der jüdischen Tradition der Beschneidung vollwertige Mitglieder in der Gemeinschaft der Kirche sind. Damals sind bei den Galatern judenchristliche Missionare aufgetreten, die in fälschlicher Berufung auf die Apostel in Jerusalem von den Heidenchristen die Beschneidung gefordert haben. Nur durch die Beschneidung, so meinten sie, könnten auch die Heiden Erben der Verheißung werden, die Gott an Abraham gerichtet hat. Gott hat ihrer Meinung nach das Heil an das Zeichen der Beschneidung gebunden. Paulus widerspricht dem. Im neunen Bund, den Christus gestiftet hat, ist nicht mehr die Beschneidung das verbindende Bundeszeichen, sondern allein die Taufe.

Paulus betont, dass sowohl die Juden, die das Bundeszeichen der Beschneidung tragen, als auch die Heiden, die dieses Zeichen nicht tragen, durch die Taufe das Heil Gottes erlangen und Kinder Gottes sind. Er geht noch darüber hinaus und argumentiert, dass es nach der Taufe gar keine Unterschiede aufgrund menschlicher Herkunft mehr geben kann.

Für uns heute mag diese Auseinandersetzung weit weg, die Abgrenzung zwischen Juden und Christen ist bald nach Paulus deutlich, vielleicht allzu deutlich, vollzogen worden. Wir können uns aber dennoch fragen, wo wir heute trotz Christentum und allgemeiner Erklärung der Menschenrechte, nach der alle Menschen die gleiche Würde haben unabhängig von „Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand“, immer noch Unterschiede in der Würde des Menschen gelten lassen und andere diskriminieren.

Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt.

Paulus gebraucht diesen Ausdruck, weil er so gewaltig ist. Denn wenn Christus Sohn Gottes ist, du aber ihn angezogen hast, so bist du, weil du den Sohn in dir hast und ihm ähnlich gestaltet wurdest, in eine Verwandtschaft und Form mit ihm gebracht worden. … Er begnügt sich aber auch mit dieser Redensart nicht, sondern erklärt dieselbe, dringt tiefer ein in die Art dieser Verbindung und schreibt: „Ihr alle seid einer in Christus Jesus“, das bedeutet, ihr alle habt eine Gestalt, eine Form, die Form Jesu Christi. Gibt es etwas, was gewaltiger ist als dieses Wort? Ein Mensch, der zuvor Heide oder Jude oder Sklave war, wandelt nun einher in der Gestalt nicht eines Engels, nicht eines Erzengels, nein, in der Gestalt des Alleinherrschers selber und vergegenwärtigt Christus in seiner Person. (Johannes Chrysostomus)

Ähnlich wie Johannes Chrysostomus ruft uns auch Papst Leo der Große in einer Predigt dazu auf, das Unglaubliche, das Gott an uns gewirkt hat, stets vor Augen zu haben und uns dessen würdig zu erweisen:

Christ, erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde. Denk an das Haupt und den Leib, dem du als Glied angehörst! Bedenke, dass du der Macht der Finsternis entrissen und in das Licht und das Reich Gottes aufgenommen bist.

Wir haben Christus als Gewand angelegt. Wir gehören zu Jesus Christus und sind dazu berufen, unser Leben seinem Leben ähnlich zu machen. Leben wir gemäß unserer Berufung. Tragen wir unseren Glauben in die Welt hinaus. Leben wir so, dass durch unser Tun den Menschen das Heil erfahrbar wird, das Gott der Welt geschenkt hat. Das bedeutet nicht, dass wir alle im Gleichschritt marschieren müssen, Nachfolge ist individuell und vielfältig, jeder hat seine je eigene Berufung. Aber doch gibt es einen gemeinsamen Ursprung, einen gemeinsamen Mittelpunkt, ein gemeinsames Ziel: Jesus Christus geht den Vielen voran, die er in seine Nachfolge ruft, auf ihn gilt es zu schauen.

Paul Claudel hat es einmal so formuliert:

Heilige sind Menschen, die in die Fußstapfen Jesu getreten sind, doch jeder mit seiner eigenen Schuhgröße.

Wir alle sind als Heilige berufen und dazu auserwählt, in dem Gewand des neuen Lebens zu wandeln, das Gott für jeden von uns in seiner Größe passend bereit gelegt hat.

Galater 2 – Leben in Christus

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Ich aber bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat. Ich missachte die Gnade Gottes in keiner Weise; denn käme die Gerechtigkeit durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben. (Gal 2,17-21)

Paulus will den Galatern deutlich machen, welche Freiheit ihnen der Glaube an Jesus Christus schenkt. Er will ihnen zeigen, wie der Glaube an Jesus Christus Leben bedeutet, die Übernahme des Gesetzes aber, die seine Gegner von den Galatern verlangen, den Tod.

Das Gesetz stellt eine unmögliche Anforderung an den Menschen. Es verlangt, genau dies und jenes zu tun und genau dies und jenes zu unterlassen. Es regelt das menschliche Leben bis ins kleinste Detail. Wer vollkommen nach dem Gesetz handelt, der ist gerecht vor Gott. Der Mensch kann sich durch das Gesetz also selbst vor Gott rechtfertigen, wenn er es bis ins kleinste Detail einhält. Aber, und das wissen auch die frommen Juden, kein Mensch kann das Gesetz bis ins kleinste Detail befolgen. Daher ist kein Mensch gerecht vor Gott, jeder ist ein Sünder und daher dem Tod geweiht, denn der Tod ist die Folge der Sünde, die aus der Übertretung des Gesetzes folgt.

Das Gesetz befiehlt nämlich, alle Vorschriften zu beobachten, und bestraft den Ungehorsam. Folglich sind wir ihm alle abgestorben, da keiner es ganz erfüllt hat. – Beachte auch hier die Zurückhaltung, mit der er gegen das Gesetz ankämpft! Er sagt nicht: das Gesetz ist mir gestorben, sondern: ich bin dem Gesetze gestorben. Der Sinn seiner Worte ist der: Wie ein Toter, ein Leichnam nicht imstande ist, auf die Vorschriften des Gesetzes zu hören, ebenso wenig bin ich es, der ich durch den Fluch desselben gestorben bin. Denn durch seinen Ausspruch bin ich dem Tode verfallen. (Johannes Chrysostomus)

Gott aber befreit die Menschen von dieser Gefangenschaft des Todes. Jesus Christus, der Sohn Gottes, hat selbst hat die Verurteilung des Gesetzes auf sich genommen und ist für alle in den Tod gegangen. Das Gesetz Gottes hat somit Gott selbst getötet. Doch dadurch, dass der Vater den Sohn von den Toten auferweckt, schenkt Gott neues Leben allen, die mit Christus in den Tod gehen. Die Taufe ist dieser Tod, aus dem jeder, der sich taufen lässt, als neuer Mensch hervor geht. In der Taufe erhält der Mensch Anteil an diesem neuen Leben, das Gott schenkt.

Durch die Worte: „mit Christus bin ich gekreuzigt worden“, spielt er an die Taufe an, durch die Worte aber: „doch nicht mehr ich lebe“ auf den darauffolgenden Lebenswandel, der unsere Glieder abtötet. Was aber besagt der Zusatz: „Christus lebt in mir?“ Er will sagen: Nichts geschieht meinerseits gegen Christi Willen. Wie er nämlich unter Tod nicht den gewöhnlichen Tod versteht, sondern den der Sünde, so versteht er auch unter Leben die Befreiung von derselben. Gott leben kann nur, wer der Sünde abgestorben ist. (Johannes Chrysostomus)

Das neue Leben, das Gott in der Taufe schenkt, ist für jeden Gabe und Aufgabe zugleich, Gabe, weil Gott es umsonst gibt, Aufgabe aber, weil jeder Mensch die ihm verliehene Gabe Wirklichkeit werden lassen muss. Jeder Getaufte ist dazu berufen, eine lebendige Ikone Jesu Christi zu sein und sich damit des neuen Lebens würdig zu erweisen, das Gott schenkt. In diesem neuen Leben aber spielt das alte Gesetz keine Rolle mehr. Gleichwohl aber gibt es auch für Christen Gebote, an die sie sich zu halten haben.

Wahrscheinlich ist das neue Leben aus dem Glauben sogar anspruchsvoller als das Leben nach dem Gesetz. Denn das Gesetzt machte klare Vorschriften. Stellt man aber das ganze Leben unter das Gebot der Liebe – und zwar auch der Liebe zu den Feinden – so wird weit mehr von uns verlangt, als es das Gesetz tut. Aber wir brauchen dabei nicht zu verzagen, denn nun ist es Christus, der durch uns handelt und uns Kraft gibt zu unserem Tun.

Nun wartet nicht mehr der Tod auf uns, weil wir es ja nicht schaffen, das Gesetz zu erfüllen. Gott weiß um unser Versagen. Nun warten Gottes liebende Hände auf uns, die uns immer wieder aufrichten, wenn wir fallen, und ihm unsere Hände entgegenstrecken, damit er uns aufhilft.

Christus, lebe du in mir.

Unterwirf mein Leben den Gesetzen deines Lebens.

Mach mein Leben deinem Leben gleich.

Lebe du in mir, bete du in mir, leide du in mir.

Mehr verlange ich nicht.

Denn wenn ich dich habe, bin ich reich.

Wer dich gefunden hat, hat die Kraft und den Sieg

seines Lebens gefunden.

Gebet nach Karl Rahner

Paulus – Galaterbrief

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Ich erkläre euch, Brüder: Das Evangelium, das ich verkündigt habe, stammt nicht von Menschen; ich habe es ja nicht von einem Menschen übernommen oder gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi empfangen. (Gal 1,10-12)

Das Missionswerk des Paulus in Galatien ist in seinem Kern bedroht durch Prediger, die von den heidnischen Galatern die Beschneidung und damit auch die Einhaltung der jüdischen Reinheitsvorschriften fordern. Paulus sieht sich als Apostel der Heiden, der die Kirche Christi unter den Heiden aufbaut, die zwar auf dem Fundament des Alten Bundes steht, aber nicht mehr an den alten Riten festhält. Das Christentum ist keine jüdische Sekte, sondern eine neue Religion.

Die Gegner des Paulus berufen sich darauf, nach der Lehre der Apostel zu handeln. Für sie ist Paulus kein richtiger Apostel, da er erst nach der Auferstehung Jesu zum Glauben gekommen ist. Daher erkennen sie seine Lehre nicht an. Sicher konnten sie auch viele andere mit ihren Argumenten überzeugen, denn auf den ersten Blick betrachtet sind die Apostel, die Jesus selbst berufen hat und die mit Jesus beisammen waren, bedeutender als Paulus, der Jesus nicht wirklich erlebt hat.

Daher ist es Paulus so wichtig zu betonen, dass er Jesus Christus gesehen hat. Der Auferstandene ist auch ihm erschienen und hat ihm den Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums unter den Heiden anvertraut. Wie die anderen Apostel von Jesus zu seinen Lebzeiten gelernt haben, so hat Paulus von ihm durch eine Offenbarung gelernt. Paulus hat es daher nicht nötig, erst bei den anderen Aposteln in die Lehre zu gehen. Bevor er dies näher ausführt, zeigt er, wie die Offenbarung Christi sein eigenes Leben grundlegend verändert hat.

Ihr habt doch gehört, wie ich früher als gesetzestreuer Jude gelebt habe, und wisst, wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte. In der Treue zum jüdischen Gesetz übertraf ich die meisten Altersgenossen in meinem Volk und mit dem größten Eifer setzte ich mich für die Überlieferungen meiner Väter ein. (Gal 1,13-14)

Paulus war vor seiner Bekehrung ein gesetzestreuer Jude, der in seiner Befolgung des jüdischen Gesetzes vorbildlich war und in seinem Eifer die meisten seiner Zeitgenossen übertraf. In diesem Eifer wollte er auch das Christentum, in dem er zunächst eine jüdische Sekte sah, die den Glauben der Väter verfälschte, im Keim ersticken. Alle Welt hat seiner Meinung nach davon gehört. Bis ins ferne Galatien ist der Ruf von ihm gedrungen. Dann aber ist etwas geschehen, das sein Leben und auch seine Überzeugungen grundlegend geändert hat. Er erkannte, dass dieser Christus, dessen Anhänger er verfolgte, wirklich der Sohn des Vaters war, des Gottes, für den er so eifernd kämpfte und dass Gott der Welt durch ihn eine neue Offenbarung geschenkt hat.

Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Heiden verkündige, da zog ich keinen Menschen zu Rate; ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück. (Gal 1,15-17)

Paulus weiß sich von Gott berufen, und das schon von Mutterleib an. Er stellt sich damit auf eine Stufe mit den Propheten und großen Gestalten des Alten Bundes. Oft gibt es über diese einen Bericht davon, dass schon bei ihrer Empfängnis und Geburt durch besondere Zeichen deren Erwählung deutlich wurde. So hören wir es ja auch im Lukasevangelium von Johannes dem Täufer. Oft sind es stilisierte Erzählungen, die einem gewissen Schema folgen, und somit zwar erbaulich sind, uns aber historisch als wertlos erscheinen. Von Paulus gibt es keinen Kindheitsbericht in der Heiligen Schrift. Wir lernen ihn nur als erwachsenen Mann kennen. Und doch gilt auch für ihn, dass seine Erwählung durch Gott bereits im Mutterschoß erfolgt ist.

Weil Paulus seine Offenbarung direkt von Gott erhalten hat, braucht er nicht erst zu Menschen in die Lehre zu gehen, bevor er selbst lehrt, auch nicht zu den Aposteln in Jerusalem. Die Offenbarung Gottes hat ihn in den gleichen Stand versetzt wie diese. Es ist daher nicht ein Zeichen von Überheblichkeit, dass er nicht zu den Aposteln geht, sondern Gottes Wille. Wenn er sich erst die Unterweisung und den Auftrag der Apostel für seine Verkündigung einholen müsste, würde er Gottes Auftrag nicht treu erfüllen.

Drei Jahre später ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Von den anderen Aposteln habe ich keinen gesehen, nur Jakobus, den Bruder des Herrn. (Gal 1,18-19)

Schließlich ist Paulus doch nach Jerusalem gegangen, aber erst nach drei Jahren, nachdem er in Arabien das Evangelium verkündet hat. Von dieser Missionstätigkeit des Paulus erfahren wir leider nichts Weiteres und auch in seinen Briefen geht es nicht mehr darauf ein. Seine Reise nach Jerusalem hatte allein den Zweck, Petrus den Fels (Kephas) kennenzulernen. Nicht, um von ihm zu lernen oder sich von ihm die oberhirtliche Bestätigung für seine Missionstätigkeit einzuholen, sondern allein aus Respekt und Freundschaft dem Petrus gegenüber ist Paulus nach Jerusalem gegangen. Er hat sonst keinen anderen der Apostel kennengelernt, außer Jakobus, den Bruder des Herrn, der damals wohl die Leitung der Jerusalemer Gemeinde innehatte.

Wir dürfen also aus dieser Stelle keinen Konflikt zwischen Paulus und Petrus herauslesen. Wenn auch in Gal 2,11 und anderen Stellen der Heiligen Schrift von einer Auseinandersetzung zwischen Petrus und Paulus die Rede ist, so handelt es sich dabei nur um die Klärung strittiger Punkte und nicht um eine grundsätzliche Differenz oder gar Feindschaft. Petrus war mit seinem Verhalten und seiner Lehre noch tiefer im Judentum verwurzelt als Paulus. Dem Fischer vom See Gennesaret ist es schwerer gefallen, seine von Kindheit an gelernte religiöse Praxis aufzugeben als dem gebildeten und weitgereisten Paulus.

Weil Petrus seine Verwurzelung im Judentum deutlich machte, konnten sich die Gegner des Paulus, die von den Heiden die Übernahme eben jener Bräuche forderten, auf ihn, den ersten der Apostel, berufen. Daher muss Paulus so deutlich machen, dass er selbst Petrus in nichts nachsteht und mit ihm in gegenseitigem Einvernehmen, ja sogar Freundschaft verbunden ist. Es ist ja auch tatsächlich so, dass sich die Apostel darauf geeinigt haben, von den Heidenchristen weder die Beschneidung noch die Einhaltung der jüdischen Reinheitsvorschriften einzufordern.

Vielleicht können wir hier Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus als Vergleich nehmen. Für Papst Benedikt XVI. sind die traditionellen Riten der katholischen Kirche besonders wichtig. Unter seinem Pontifikat kam es zu einer Stärkung traditioneller Gottesdienstformen. Papst Franziskus setzt andere Akzente. Und doch stehen beide fest auf dem Fundament des katholischen Glaubens. Jeder der beiden hat verschiedene Gruppen, die ihn besonders verehren, aber doch genießen beide als Papst das gleiche Ansehen. Ähnlich mag es auch mit Petrus und Paulus gewesen sein. Während Petrus mehr die Judenchristen angesprochen hat, war diesen Paulus stets verdächtig. Und doch sind beide von Christus berufen und stehen fest im Glauben an den Herrn. Die Kirche hat dies in ihrer Tradition auch immer betont, da sie die beiden Apostel am gleichen Tag (29.6.) gemeinsam feiert.

Was ich euch hier schreibe – Gott weiß, dass ich nicht lüge. Danach ging ich in das Gebiet von Syrien und Zilizien. Den Gemeinden Christi in Judäa aber blieb ich persönlich unbekannt, sie hörten nur: Er, der uns einst verfolgte, verkündigt jetzt den Glauben, den er früher vernichten wollte. Und sie lobten Gott um meinetwillen. (Gal 1,20-24)

Nach seinem Besuch in Jerusalem zieht Paulus weiter und missioniert in Syrien und Zilizien. Mit den Gemeinden in Judäa hatte er aber nichts zu tun. Diese gehörten zum Missionsfeld des Petrus und der anderen Apostel. Hier mischt sich Paulus nicht ein. Doch sein Ruf als Missionar dringt bis zu ihnen und sie freuen sich darüber, dass durch ihn Jesus Christus in der Welt bekannt gemacht wird. Dafür loben und danken sie Gott.

Der Galaterbrief

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Paulus, zum Apostel berufen, nicht von Menschen oder durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und durch Gott, den Vater, der ihn von den Toten auferweckt hat, und alle Brüder, die bei mir sind, an die Gemeinden in Galatien. (Gal 1,1-2)

Bereits mit dem Eingangsgruß des Galaterbriefes macht Paulus die Autorität deutlich, auf der seine Verkündigung beruht. Er hat den Galatern das Evangelium gebracht, und nun sind diese im Begriff, anderen Missionaren zu folgen, die eine ganz andere Lehre vertreten als die des Paulus. Er aber ist nicht irgendein Missionar unter vielen, sondern von Gott berufener Apostel. Das, was er lehrt, stammt nicht von ihm selbst und er wurde nicht von Menschen in sein Amt eingesetzt. Seine Vollmacht stammt von Gott, von Jesus Christus und dem Vater, der Christus von den Toten auferweckt hat. Die Auferweckung Jesu Christi ist das entscheidende Ereignis, unter dem alles, was nun folgt, zu betrachten ist. Hier hat Gott etwas Neues gewirkt, das alles Vorhergehende in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Der Brief an die Galater ist nicht, wie sonst üblich, an die Gemeinde einer bestimmten Stadt adressiert, sondern an eine ganze Region. Galatien ist eine Gegend im Zentrum Kleinasiens und zugleich Name einer römischen Provinz, wobei beide Gebiete nicht deckungsgleich sind. Bei den Galatern handelt es sich um ursprünglich aus Gallien kommende Volksstämme, die auf wechselvolle Weise in diese Gegend gelangt sind und sich dort angesiedelt und mit der einheimischen Bevölkerung vermischt haben.

Die am Rand des galatischen Gebietes gelegenen Städte Lystra und Ikonion hat Paulus bereits bei seiner ersten und zweiten Missionsreise besucht. Auf seiner dritten Missionsreise durchwandert er das Innere des Landes. Hier wird Paulus einem ganz anderen und einfacher gestrickten Menschenschlag begegnet sein, als in den dichtbevölkerten multikulturellen Küstenstädten, in denen er bisher missioniert hat.

Betrachtet man das oft in seinen Briefen zum Ausdruck kommende Selbstverständnis des Paulus als Apostel der Heiden, so kann man verstehen, warum er sich die Mühe machte, diese abgelegene und nur über anstrengende Bergpässe erreichbare Gegend zu besuchen. Irgendwo hier mag ihm auch der Gedanke gekommen sein, dass seine Missionsarbeit in der östlichen Reichshälfte erledigt ist und es an der Zeit war, in den ihm weitgehend unbekannten westlichen Teil des Reiches aufzubrechen, wie er es im Römerbrief deutlich macht.

Paulus hat den Brief an die Galater wahrscheinlich in der Zeit zwischen den Jahren 53 und 55 geschrieben. Anlass ist das dortige Wirken von Missionaren, die entgegen der Lehre des Paulus die Beschneidung der Heidenchristen fordern und diese so enger an das Judentum binden wollen, was auch die Einhaltung der jüdischen Reinheitsvorschriften zur Folge hat. Paulus dagegen vertritt die Eigenständigkeit des Christentums, das zwar seine Wurzeln im Judentum hat – Jesus Christus, die Apostel, die ersten Christen und auch Paulus selbst sind Juden – aber nicht die Übernahme jüdischer Gesetzte für Heidenchristen bedeutet.

Die Streitfrage, wie weit von Heidenchristen die Einhaltung jüdischer Vorschriften gefordert ist, war auf dem Apostelkonzil in Jerusalem dahingehend entschieden worden, dass von den Heidenchristen weder die Beschneidung noch die Einhaltung jüdischer Reinheitsvorschriften gefordert ist. Für die Juden war aber gerade die Beschneidung das Zeichen dafür, dass ein Mensch sich dem Bund anschließt, den Gott mit Abraham geschlossen hat, und die strenge Einhaltung der jüdischen Vorschriften sollte Gottes Reich auf Erden sichtbar werden lassen. Beides war daher aus jüdischer Sicht unabdingbar, um das Heil zu erlangen.

Paulus aber vertritt die Ansicht, dass ein Mensch nicht mehr durch diese äußeren Zeichen Anteil am Heil Gottes erhält, sondern allein durch den Glauben an Jesus Christus, der sichtbar wird in der Taufe und einem Leben nach dem Gebot der Liebe. Sicher hat Paulus, der früher selbst ein eifriger Verfechter des jüdischen Gesetzes war, hier lange um eine schlüssige Erklärung gerungen. Im Galaterbrief und ebenso im Römerbrief macht Paulus deutlich, was es heißt, Anteil zu haben am Heil, das Gott den Menschen durch Jesus Christus geschenkt hat.

Diese Lehre vom Heil und der den Menschen durch Gott geschenkten Freiheit sieht Paulus nun von Irrlehrern bedroht. Es geht nicht um die Auseinandersetzung um irgendwelche Streitfragen, sondern um den Kern des christlichen Glaubens. Daher muss Paulus seine Autorität als Apostel so deutlich herausstellen und seine Lehre, die letztlich von Gott stammt, entschieden gegen die Irrlehrer verteidigen, wobei er sich nicht scheut, seine Gegner aufs Heftigste anzugreifen.

Christus ergreifen

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Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. (Phil 3,10-12)

Jesus Christus ist für Paulus die Mitte des Glaubens. Er, der die Menschen durch seinen Tod und seine Auferstehung gerecht macht vor Gott. Durch ihn sind wir hinein genommen in Gottes liebendes Herz. Das bedeutet Friede und Freude, im Herzen Gottes zu ruhen. Aus dieser Liebe und der Gerechtigkeit des Glaubens heraus sollen wir leben in der Freiheit der Kinder Gottes, die nicht ängstlich auf irdische Regeln bedacht sind, sondern sich als Menschen wissen, die von Gottes Fülle beschenkt sind.
Paulus wird hier sehr persönlich. Er sagt der Gemeinde, dass selbst er als Apostel nicht vollkommen ist. Kein Mensch ist vollkommen. Aber darauf kommt es auch nicht an. Die Vollkommenheit wird uns erst noch geschenkt, wenn wir einmal mit Christus beim Vater sind. Hier auf Erden sind wir Suchende, die sich nach der Vollendung sehnen. So werden wir mehr und mehr Christus ähnlich.

Dass wir noch fern vom Ziel sind und uns des Siegespreises nicht gewiss sein können, soll für uns Ansporn sein zu noch größerem Eifer. Auch wenn der Siegespreis ein reines Geschenk von Gottes Gnade ist, so ist er doch nicht ohne unsere Anstrengung erreichbar. Hier wird das Geheimnis von Gottes Gnade deutlich. Wenn wir nur die eine oder nur die andere Seite betrachten, gehen wir in die Irre. Das Heil erwerben wir nicht allein durch unsere Anstrengung, aber ohne unsere Anstrengung werden wir es verlieren. Es wird uns ganz von Gott geschenkt, aber wir müssen so leben, dass wir uns des Geschenkes Gottes würdig erweisen.

Wir können uns auch nicht auf vergangenen Lorbeeren ausruhen. Der Siegespreis kommt am Ende. Jetzt stehen wir im Wettkampf in immer neuen Runden. Wir sammeln Punkte, aber doch können wir immer wieder neu beginnen. Sieger wird nicht, wer am meisten Punkte hat, sondern wer bis zum Ziel durchhält. Dieses Bild ist tröstlich, aber es rüttelt uns auch auf. Es stellt uns vor eine ständige Herausforderung, aber es ist auch ein Bild großer Hoffnung.
Wir können jeden Tag neu mit dem Training beginnen. Auf das, was hinter uns liegt, brauchen wir nicht zu schauen. Natürlich, wir sind auch geprägt von unserer Vergangenheit und wenn wir großen Mist gebaut haben, sollten wir das auch irgendwie in Ordnung bringen, aber solange wir leben wird es nie einen Punkt geben, an dem wir nicht neu anfangen können.
Vergessen, das heißt nicht: sich nicht mehr erinnern, die Vergangenheit auslöschen wollen, sondern: nicht mehr darin verhaftet sein, loslassen können, damit auch: frei werden können, Raum schaffen für etwas Neues, für Gottes schöpferisches Handeln in meinem Leben. Es kann auch heißen: sich versöhnen mit der eigenen Lebensgeschichte. Alles beginnt mit dieser bewussten Entscheidung der Kehrtwendung und Hinwendung auf Neues hin.

Wenn dein Herz wandert oder leidet,
bringe es behutsam an seinen Platz zurück,
und versetze es sanft
in die Gegenwart deines Herrn.
Und selbst wenn du in deinem Leben
nichts getan hast,
außer dein Herz zurückzubringen
und wieder in die Gegenwart Gottes zu versetzen,
obwohl es jedes Mal wieder fortlief,
nachdem du es zurückgeholt hattest,
dann hast du dein Leben wohl erfüllt.

Franz von Sales

2. Fastensonntag – Gemeinschaft mit dem Herrn

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Ahmt auch ihr mich nach, Brüder, und achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt. Denn viele – von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche – leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott der Bauch; ihr Ruhm besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn.

Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann.

Darum, meine geliebten Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Ehrenkranz, steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn, liebe Brüder. (Phil 3,17-4,1)

 Es ist ein inniges Anliegen, das Paulus hier am Herzen liegt und sichtlich schmerzt. Er erinnert sich an viele, die ihm wohl seit der Zeit seiner Missionstätigkeit sehr vertraut waren. Jetzt aber gehen sie andere Wege. Sie halten sich nicht an das Evangelium, das Paulus in seinen Gemeinden verkündet hat. Was sie genau zu Feinden des Kreuzes Christi gemacht hat, erwähnt Paulus nicht. Vielleicht haben sie ihre Position in der Gemeinde zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt, haben es dann mit dem Glauben nicht mehr so ernst genommen und sich eine eigene Religion zusammen gebastelt, die dem nicht mehr entsprach, was Paulus über Jesus Christus verkündet hat.

Umso mehr ermahnt Paulus diejenigen, die ihm und seinem Evangelium bisher treu geblieben sind, das auch weiterhin zu bleiben. Wer seinem Beispiel folgt, geht sicher auf dem Weg des Heiles und soll sich von anderen vermeintlichen Heilsbringern nicht verunsichern lassen.

Unsere Heimat ist im Himmel. Jesus Christus, der für und gestorben und auferstanden ist, ist Garant für unser Heil. In ihm ist Gott uns nahe gekommen und bleibt uns nahe. In ihm hat Gott uns die Gemeinschaft mit sich angeboten.

Paulus weist darauf hin, dass der Leib vergänglich ist. Christus wird unseren Leib verwandeln. Er meint damit sicher nicht, dass wir unseren Leib vernachlässigen sollen, aber wir sollen ihn auch nicht vergöttern. Der Leib ist das irdische Zuhause unserer Seele und sie soll es dort gut haben, im Himmel aber bekommt sie eine neue Wohnung von Gott geschenkt.

Daher lohnt es nicht, nach Irdischem zu streben. Es ist vergänglich und Christus wird es sich letztlich unterwerfen. Als Christen sind wir schon zu Bürgern des himmlischen Reiches geworden. Auch wenn wir jetzt noch in der Fremde leben, ist Christus uns dennoch nahe.

Weil aber unsere wahre Heimat noch verborgen ist, lassen sich viele beirren. Noch dazu, wenn es so viele Irrlehrer gibt. Was ist richtig, was ist wahr? Wie kann ich bei all dem den richtigen Weg finden?

Das Richtige ist nicht immer das, was sich gut anhört und selbst auch nicht immer das, was sich gut anfühlt. Es gilt auch einige Entbehrungen auf sich zu nehmen und Durststrecken zu durchschreiten, um zum Ziel zu gelangen. Aber doch ist der Weg nicht so schwer, dass das Ziel unerreichbar wäre.

Es ist gut, Vorbilder im Glauben zu haben, wie Paulus ein Vorbild für seine Gemeinden war. Wir brauchen solche Vorbilder. Das sind Menschen die mehr gesehen haben von Gottes Größe, wie die drei Apostel am Berg Tabor oder Paulus bei seiner Berufung vor Damaskus, als ihm der Herr begegnet ist. Solche Menschen können uns den Weg weisen, uneigennützig, und mit einer tiefen Sehnsucht im Herzen, dass alle das Heil erlangen.