Nachfolge

Als sie auf ihrem Weg weiterzogen, redete ein Mann Jesus an und sagte: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. (Lk 9,57-58)

Als Jesus auf dem Weg nach Jerusalem ist, kommen mehrere junge Männer auf ihn zu, mit dem Wunsch, ihm nachzufolgen. Ihnen allen macht Jesus deutlich, dass sie sich bei der Nachfolge auf ein entbehrungsreiches Leben einstellen müssen. Sie müssen bereit sein, ihr Zuhause zu verlassen, ihre Familien und ihren gesamten Besitz. Er verspricht ihnen nicht ein besseres Leben, wohl aber ein erfülltes Leben und einen ewigen, unvergänglichen Lohn, der größer und wertvoller ist als aller Besitz und alle Gemeinschaft auf Erden.
Die von dem jungen Mann geäußerte Bereitschaft, Jesus zu folgen, „wohin er auch geht“, könnte unbedacht ausgesprochen sein. Oft kann man sich vorher nicht vorstellen, wie viel eine Entscheidung letztlich von einem fordert. Vielleicht hat er nur die schönen Seiten des Umerziehens Jesu mit seinen Jüngern gesehen, die euphorische Aufnahme ihres Kommens in den einzelnen Orten, die Gastfreundschaft. Es scheint Jesus und seinen Jüngern an nichts gefehlt zu haben, nahezu überall waren sie beliebt und wurden sogar von reichen Leuten zu Gastmählern eingeladen.
Wer aber in die Nachfolge Jesu eintritt, sollte es nicht wegen dieser augenscheinlichen Annehmlichkeiten tun. Ja, es ist ein schöner Nebeneffekt, wenn man wegen der Verkündigung des Glaubens Gastfreundschaft findet. Aber der erste Schritt ist zunächst die Heimatlosigkeit. Es ist der Verzicht auf ein eigenes Zuhause, das Geborgenheit und Behaglichkeit bietet. Das ist der erste und wesentliche Schritt. Wie radikal dieser Schritt ist macht Jesus mit einem Vergleich deutlich. Sogar Tiere haben einfache Behausungen, die Füchse haben ihre Höhlen, die Vögel ihre Nester, wer aber mit Jesus umherzieht, hat nicht einmal das. Er ist auf das angewiesen, was er angeboten bekommt, und er muss damit rechnen, dass er überhaupt keinen Schlafplatz hat.
Sicher, unter freiem Himmel zu schlafen mag im warmen Klima Israels leichter möglich gewesen zu sein als hierzulande, wo es im Winter gar tödlich sein kann. Zumal sind wir heute einige Annehmlichkeiten gewohnt, anders als Leute früherer Zeiten, die kein weiches Federbett hatten, sondern gewohnt waren, auf Stroh oder auf dem Boden zu schlafen. Aber doch können wir Jesu Worten auch heute eine Botschaft an uns entnehmen.
Für alle Christen mag sie heißen, dass wir nicht vergessen sollen, dass es Menschen gibt, denen es nicht so gut geht wie uns. Wir sollen unseren Blick offenhalten für die Nöte von Obdachlosen, Heimatlosen und Flüchtlingen. Wir sollen uns nicht in die Idylle unseres Zuhause zurückziehen, sondern uns der Nöte der Welt bewusst bleiben und wenn möglich und erforderlich, selbst anderen Gastfreundschaft anzubieten.
Es gibt aber auch heute noch Menschen, an die der Ruf Jesu zu radikaler Nachfolge ergeht. Wer diesen Ruf vernimmt, muss sich fragen, ob er bereit ist, seine Heimat zu verlassen, und Jesus dorthin zu folgen, wohin er ruft, auch wenn zunächst nicht klar ist, wohin es geht. Wer Jesus nachfolgt, lässt sich führen, im Vertrauen darauf, dass Gott bereits den Ort bereitet hat, an dem das Leben fruchtbar werden kann.

Station 4: Ölberg

Dann verließ Jesus die Stadt und ging, wie er es gewohnt war, zum Ölberg; seine Jünger folgten ihm.

Lk 22,39

Nach dem letzten Abendmahl mit dem Hinweis auf den Verräter und einem abschließenden Wort an Petrus und die anderen Jünger verlässt Jesus zusammen mit ihnen die Stadt. So hat er es auch bereits in den vergangenen Tagen, an denen er mit seinen Jüngern in Jerusalem war, gemacht. Sie haben ihr Übernachtungsquartier in Betanien, auf der anderen Seite des Ölbergs. Nun aber geht er nicht direkt dorthin, sondern macht bei einem Grundstück am Fuße des Ölbergs halt. Anders als Matthäus und Markus erwähnt Lukas den Namen Getsemani des Grundstücks nicht. Auch weist Jesus bei Lukas die Jünger nicht an, auf ihn zu warten, während er sich zum Gebet zurückzieht, sondern er fordert sie auf zum Gebet und geht dann selbst weg, um zu beten, allein, ohne Petrus, Jakobus und Johannes, wie es die anderen Evangelisten berichten.

Als er dort war, sagte er zu ihnen: Betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet! Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Steinwurf weit, kniete nieder und betete.

Lk 22,40-41

Lukas ist sehr präzise, wenn er die Entfernung mit der Weite eines Steinwurfs angibt. Wahrscheinlich war das die Distanz, die sich Jesus gewöhnlich von seinen Jüngern entfernte, um in das vertraute Gespräch mit seinen Vater einzutreten. Die Jünger wussten um das Besondere dieser Beziehung Jesu zum Vater, auch wenn Sie es wahrscheinlich nicht vollkommen verstehen konnten. Alle drei Synoptiker berichten den Inhalt des Gebetes Jesu:

Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.

Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.

Lk 22,42-44

Jesus weiß um das, was ihm bevorsteht. Er hat Angst. Sein Schweiß tropft dick wie Blut auf den Boden. Aber er bekommt Kraft im Gebet. Vielleicht ist es nicht so sehr seine Angst um sein eigenes irdisches Leben, die ihn beschäftigt, sondern die Sorge um seine Jünger, die Sorge um das Reich Gottes. Wird das, was nun geschehen wird, den Aufbau des Reiches Gottes fördern? Sind die Jünger schon reif dafür, ohne seine irdische Anwesenheit das Reich Gottes aufzubauen, oder werden sie zerstreut und aufgerieben werden? Wie Jesus nach seinem Gebet die Jünger vorfindet, ist nicht gerade ermutigend.

Nach dem Gebet stand er auf, ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend; denn sie waren vor Kummer erschöpft. Da sagte er zu ihnen: Wie könnt ihr schlafen? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet!

Lk 22,44-46

Betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet! Dieses Wort Jesu ist aus meiner Sicht der zentrale Punkt des Gebetes Jesu am Ölberg. Es geht Jesus nicht um sich, nicht um seine eigenen Ängste, es geht Jesus um uns. Er weiß was ihm bevorsteht, er weiß, dass der Wille des Vaters für ihn gut ist. Aber was wird mit den Jüngern geschehen, wenn sie das erleben? Wenn sie ihn am Kreuz sterben sehen? Noch kennen sie nicht die Kraft der Auferstehung, noch kennen sie nicht den Sieg des Lebens über den Tod. Werden sie beisammen bleiben, bis die Kraft des Heiligen Geistes, den Jesus senden wird, ihnen die Kraft zum Zeugnis geben wird?

Werden die Jünger in der Versuchung standhalten? Judas Iskariot ist ihr bereits erlegen und wird in der nächsten Szene die Truppen anführen, die Jesus gefangen nehmen. Jesus weiß, mit welch hinterlistigen Argumenten der Versucher an die Menschen herantritt, um sie zu täuschen. Er findet Argumente, um das Böse gut erscheinen zu lassen und das Gute böse. Es erfordert viel Kraft und Ausdauer, um seinen Einflüsterungen zu widerstehen. Die wichtigste Waffe gegen ihn ist das Gebet.

Wenn wir uns am Gründonnerstag zur Ölbergstunde zum Gebet zusammenfinden, wollen wir besonders daran denken, wie wichtig es für uns ist, zu beten, dass wir nicht in Versuchung geraten, dass wir in der Versuchung standhaft sind und uns nicht von den scheinbar so einleuchtenden Argumenten des Versuchers verführen lassen. Jesus steht uns bei im Kampf gegen das Böse. Seine größte Sorge galt seinen Jüngern und damit auch uns, dass wir standhaft bleiben in der Versuchung und so zu aufrichtigen Zeugen des Reiches Gottes werden. Wie viele sind dem Versucher zum Opfer gefallen und haben die Kirche in Verruf gebracht. Beten wir auch für sie, verurteilen wir sie nicht. Wir wissen, dass auch wir selbst anfällig sind für die Versuchung. Wenn uns der Versucher bedrängt, denken wir an die Ölbergstunde Jesu und seine Sorge um uns. Schöpfen wir die Kraft, dem Versucher zu widerstehen, aus dem festen Vertrauen darauf, dass Jesus uns allezeit nahe ist.

Station 3: Der Messias

Da fragte er sie: Wie kann man behaupten, der Christus (Gesalbte/Messias) sei der Sohn Davids?

Lk 20,41

Christus ist die griechische Übersetzung für „Messias“, was zu Deutsch „der Gesalbte“ heißt. Gesalbte waren die Könige Israels, beginnend mit Saul bis hin zu König Zidkija. Das Haus Saul wurde aber von Gott verworfen und mit König David eine neue Dynastie eingesetzt, die bis zum babylonischen Exil Bestand hatte. Erst Nebukadnezzar führte mit der Gefangennahme Zidkijas und der Hinrichtung von dessen Söhnen das Ende des Hauses David herbei.

Bis dahin waren alle Könige Gesalbte und diese Salbung machte sie zu besonderen Mittlern zwischen Gott und den Menschen. Auch wenn viele von ihnen dieser besonderen Rolle nicht gerecht wurden, trug der König doch stets vor Gott die Verantwortung für sein Volk. Alle Könige wurden an dem Idealbild gemessen, nach dem die Heilige Schrift den König David beschrieben hat. An ihn ist auch die Verheißung des Propheten Natan ergangen:

Dein Haus und dein Königtum werden vor dir auf ewig bestehen bleiben; dein Thron wird auf ewig Bestand haben. (Sam 7,16)

Das bedeutet, dass es dem Haus David nie an einem Nachkommen fehlen wird. Nun aber war das davidische Königtum im babylonischen Exil untergegangen. Also musste dieses Wort der Schrift noch eine tiefere Bedeutung haben. Für viele gläubige Juden nach dem babylonischen Exil bis heute erwuchs daraus die Erwartung, dass Gott seinem Volk einen neuen Gesalbten senden wird, der das davidische Königtum erneuern und das Volk zu neuem Ruhm führen wird.

Es gab in den einzelnen jüdischen Gruppierungen ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie das Kommen dieses Messias erfolgen würde. Sein Erscheinen wurde immer mehr mit dem Anbruch der Endzeit in Verbindung gebracht. Er sollte vom Ölberg her nach Jerusalem einziehen und dabei die Toten zu neuem Leben führen, weshalb der Ölberg bis heute der bevorzugte Begräbnisort vieler gläubiger Juden ist.

Jesus zog vom Ölberg her nach Jerusalem ein und vielen Menschen erschien Jesus als der Messias, der sein Volk retten wird. Die „Hosanna“-Rufe bei seinem Einzug in Jerusalem machen das deutlich. Doch viele haben sich den Messias anders vorgestellt. Er sollte kämpferischer sein, sein Volk von der Besatzungsmacht der Römer befreien, vor allem sollte er dem Tempelkult und den religiösen Führern der Juden mehr verbunden sein. Einen solchen Messias wie Jesus konnten sie nicht akzeptieren.

Vielleicht lag das auch daran, dass viele lieber einen „menschlichen“ Messias gehabt hätten, der wie viele Könige der alten Zeit sich auf die Seite der Mächtigen stellt und ihren Einfluss gegenüber der einfachen Bevölkerung noch vergrößert. Einen Messias, der sich der einfachen Menschen annimmt und dessen Gefolge aus Fischern und Handwerkern aus der Provinz Galiläa besteht, den wollte man in Jerusalem nicht.

Wo ist denn das Königliche an Jesus? Die religiösen Führer waren blind dafür. Die Evangelisten aber möchten uns die Augen dafür öffnen. Jesus stammt durch seinen Adoptivvater Josef aus dem Haus Davids, er erfüllt die Verheißungen, die in der Heiligen Schrift über den Messias gemacht werden und sein Weg ans Kreuz ist eine verborgene Krönungszeremonie.

Jesus, der Gesalbte, der Christus, der Messias, ist eben nicht deshalb Messias, weil er den Erwartungen der Mächtigen entspricht und wie ein weltlicher Herrscher mit seinen Stärken und Schwächen auftritt, sondern weil er mehr ist als ein König. Er ist nicht Sohn und Nachfolger Davids, sondern steht über David, ist dessen „Herr“, weil er der Sohn Gottes und Gott ist. Dies macht Jesus mit einem Zitat aus dem Königspsalm 110 deutlich:

Denn David selbst sagt im Buch der Psalmen: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten, bis ich dir deine Feinde als Schemel unter die Füße lege! David nennt ihn also Herr. Wie kann er dann sein Sohn sein?

Lk 20,42-44

Der Messias ist anders, als ihr euch das vorstellt, das will Jesus den religiösen Führern deutlich machen. Doch auch wir müssen unsere Gottesbilder immer wieder überprüfen. Gestehen wir Gott zu, dass er anders ist? Dass er nicht dazu missbraucht werden will, den Einfluss der Mächtigen zu stärken? Dass er sich wirklich der Armen und Unterdrückten annimmt und sie nicht nur ruhig stellt durch Almosen, sondern dass er sie wirklich in die Freiheit und Unabhängigkeit führen will?

Hüten wir uns davor, Gottes Wort in die engen Schubladen unserer Kleinkrämerei zu packen. Geben wir ihm seine Sprengkraft wieder, mit der Jesus die Fesseln des Todes zerbrochen hat. Nur so können auch wir das neue Leben erfahren, das Jesus der ganzen Welt gebracht hat. Er allein ist König, er allein ist Herr, ihm allein wollen wie dienen und ihn allein anbeten.

Jesus, du Herr meines Lebens, sei du allein mein Herr.

Station 2: Einzug nach Jerusalem

Und es geschah: Er kam in die Nähe von Betfage und Betanien, an den Berg, der Ölberg heißt, da schickte er zwei seiner Jünger aus und sagte: Geht in das Dorf, das vor uns liegt! Wenn ihr hineinkommt, werdet ihr dort ein Fohlen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Bindet es los und bringt es her! Und wenn euch jemand fragt: Warum bindet ihr es los?, dann antwortet: Der Herr braucht es.

Die Ausgesandten machten sich auf den Weg und fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte. Als sie das Fohlen losbanden, sagten die Leute, denen es gehörte: Warum bindet ihr das Fohlen los? Sie antworteten: Weil der Herr es braucht.

Lk 19,29-34

Alle Evangelien berichten davon, dass Jesus auf einem Esel reitend in Jerusalem eingezogen ist. Es ist ein junger Esel, auf dem vorher noch niemand gesessen hat. Jesus beauftragt seine Jünger, diesen bei gewissen nicht näher genannten Leuten zu holen. Da die Evangelien von dem Esel und seiner Beschaffung doch relativ ausführlich berichten, liegt die Vermutung nahe, dass dieser Vorgang eine tiefere Bedeutung hat.

Jesus sagte voraus, dass niemand sie hindern werde, vielmehr auf ihre Worte hin alle zu diesem Tun schweigen würden. … Irrig wäre die Meinung, der Vorgang habe nicht viel zu bedeuten. Denn wie kamen diese Landleute, die wahrscheinlich arm waren, dazu, sich ohne Widerspruch ihr Eigentum entführen zu lassen? … Zwei sehr auffallende Umstände: sie sagten gar nichts dazu, dass man ihre Lasttiere wegführte und willigten noch ohne Widerrede ein, als sie hörten, der Herr bedürfe ihrer; und dabei sahen sie ihn selbst nicht einmal, sondern nur seine Jünger. (Johannes Chrysostomus)

Johannes Chrysostomus deutet dies zum einen als ein Zeichen dafür, dass Jesus auch leicht seinem Leiden hätte entgehen können, wenn er es gewollt hätte. Wie die Besitzer des Esels seinem Wunsch willig folgten, so hätte er sich auch die Gunst der Juden erwerben können. Doch nach Gottes Willen sollte es anders kommen.

Jesus wollte die Jünger, die über seinen bevorstehenden Tod betrübt waren, ermutigen und ihnen zeigen, dass er sich dem ganzen Leiden freiwillig unterzog. (Johannes Chrysostomus)

Der Esel, der so willig sich zum Herrn führen lässt und sich von ihm in Dienst stellen lässt, wird aber auch zu einem Bild der Kirche und jedes einzelnen Gläubigen.

Beachte dabei, wie fügsam das Füllen ist. Obwohl noch nicht zugeritten und noch an keine Zügel gewohnt, schreitet es doch ruhigen Schrittes dahin, ohne sich zu bäumen. Auch in diesem Umstand liegt eine Prophezeiung: es wird angedeutet, wie willig sich die Heiden zeigen und mit welcher Bereitwilligkeit sie sich in die neue Ordnung fügen werden. (Johannes Chrysostomus)

Wenn schon die Heiden sich so willig zu Christus hin bekehren, wie viel mehr müssen dann die Gläubigen ihm dienen. Jesus zeigt den Aposteln und uns allen, dass wir bereit sein sollen, ihm alles zu schenken. Dieses Schenken zeigt sich ganz besonders auch im Dienst an den Armen, dem Almosengeben, zu dem wir in der Fastenzeit besonders aufgerufen sind.

Christus verlangt nur, dass wir den Bedürftigen geben, und verheißt uns dafür das Himmelreich. … Seien wir also nicht so kleinlich, nicht so unmenschlich und grausam gegen uns selbst, sondern ergreifen und betreiben wir vielmehr dieses vorzügliche Geschäft, dann werden wir glücklich hinübergehen und es zugleich auch unseren Söhnen hinterlassen können; dann werden wir auch der ewigen Güter teilhaftig werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem mit dem Vater und dem Heiligen Geiste Ruhm, Macht und Ehre sei jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen! (Johannes Chrysostomus)

Johannes Chrysostomus stellt uns also den Palmesel geradezu als Vorbild hin. Der Esel, der eigentlich ein störrisches Tier ist, fügt sich ganz dem Willen Jesu und als er dann auf dem Esel Platz genommen hat, kann der festliche Einzug in Jerusalem beginnen.

Dann führten sie es zu Jesus, legten ihre Kleider auf das Fohlen und halfen Jesus hinauf. Während er dahinritt, breiteten die Jünger ihre Kleider auf dem Weg aus. Als er sich schon dem Abhang des Ölbergs näherte, begann die Schar der Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten. Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe!

Lk 19,35-38

Wie vor einem König breiten die Jünger vor Jesus ihre Kleider auf der Straße aus und zieren den Weg mit Palmzweigen. Wir kennen es heute noch, dass ein roter Teppich ausgelegt wird, wenn hohe Staatsgäste oder Prominente empfangen werden. Es ist ein wahrhaft königlicher Einzug, den Jesus in Jerusalem inszeniert, ganz anders als wir es von seinem bisherigen Auftreten gewohnt sind. Jesus erfüllt die Messias-Weissagung des Propheten Sacharja:

Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. (Sach 9,9)

So ist das Reiten Jesu auf einem Esel sicherlich zunächst ein Zeichen seiner Demut.

Er kommt also nicht auf einem Wagen, wie andere Könige, nicht um Steuern einzuheben, nicht mit Groß und Leibwache, sondern er bekundet auch hierin eine große Bescheidenheit. (Johannes Chrysostomus)

Wenn Jesus aber auf einem Esel in Jerusalem einzieht, so macht er damit zugleich seinen Anspruch deutlich, der Messias, der neue König von Israel zu sein. Die Menschen wissen dieses Zeichen zu deuten. Die einen hoffen nun auf den Anbruch der neuen Gottesherrschaft, die anderen versuchen diese mit allen Mittel zu verhindern. Womit aber wohl keiner rechnet, ist das, was in den nächsten Tagen in Jerusalem geschehen wird: Dass der Messias-König seine Herrschaft antritt als König am Kreuz.

Station 1: Vor Jerusalem

Weil Jesus schon nahe bei Jerusalem war, meinten die Menschen, die von alldem hörten, das Reich Gottes werde sofort erscheinen. Daher erzählte er ihnen ein weiteres Gleichnis. (Lk 19,11)

Lk 19,11

Als letzte Szene vor dem Einzug Jesu in Jerusalem schildern Matthäus und Markus die Heilung des Blinden bei Jericho. Es ist bei ihnen das letzte Wunder, das Jesus vollbringt, bevor er die Stadt betritt. Lukas aber fügt hier noch zwei weitere Ereignisse an. Während für Matthäus und Markus die Blindenheilung ein wichtiges Zeichen vor den Ereignissen in Jerusalem ist – nur, wem Jesus die Augen öffnet, kann den Sinn der folgenden Ereignisse in Jerusalem verstehen und so Jesus nachfolgen -, gewichtet Lukas anders. Er stellt nochmals die Bekehrung eines Zöllners in den Mittelpunkt und redet – wie so oft – vom Geld.

Schauen wir uns das Gleichnis vom anvertrauten Geld, das Jesus den Menschen unmittelbar vor seinem Einzug in Jerusalem erzählt, genauer an.

Er sagte: Ein Mann von vornehmer Herkunft wollte in ein fernes Land reisen, um die Königswürde für sich zu erlangen und dann zurückzukehren. Er rief zehn seiner Diener zu sich, verteilte unter sie zehn Minen und sagte: Macht Geschäfte damit, bis ich wiederkomme!

Lk 19,12-13

Wir können den Mann von vornehmer Herkunft mit Jesus gleich setzen. Er kam vom Vater im Himmel, zu ihm kehrt er nun auch wieder zurück. Das bevorstehende Leiden Jesu wird von Lukas in besonderer Weise als Inthronisation beschrieben. Am Kreuz erweist Jesus sich als König der ganzen Welt. Um diese Würde zu erlangen, muss Jesus sich von seinen Jüngern entfernen. Die vertraute Gemeinschaft mit ihnen endet mit dem letzten Abendmahl. Danach sind die Jünger zunächst auf sich gestellt, bis Jesus als der Auferstandene wieder unter ihnen ist.

Aber Jesus wird nicht mehr in menschlicher Weise bei seinen Jüngern sein. Bis zu seiner Rückkehr am Ende der Tage liegt es in der Verantwortung der Jüngerinnen und Jünger Jesu überall auf der Welt mit den ihnen anvertrauten Fähigkeiten am Aufbau des Reiches Gottes mitzuarbeiten. Und es ist sehr viel, das Jesus jedem einzelnen schenkt und anvertraut. Nach seiner Rückkehr erwartet der neue König Rechenschaft darüber, wie sie mit dem ihnen anvertrauten Geld umgegangen sind.

Der erste kam und sagte: Herr, deine Mine hat zehn Minen eingebracht. Da sagte der König zu ihm: Sehr gut, du bist ein guter Diener. Weil du im Kleinsten zuverlässig warst, sollst du Herr über zehn Städte werden.

Der zweite kam und sagte: Herr, deine Mine hat fünf Minen eingebracht. Zu ihm sagte der König: Du sollst über fünf Städte herrschen.

Nun kam ein anderer und sagte: Herr, siehe deine Mine. Ich habe sie in einem Schweißtuch aufbewahrt; denn ich hatte Angst vor dir, weil du ein strenger Mann bist: Du hebst ab, was du nicht eingezahlt hast, und erntest, was du nicht gesät hast.

Der König antwortete: Aus deinem eigenen Mund spreche ich dir das Urteil. Du bist ein schlechter Diener. Du hast gewusst, dass ich ein strenger Mann bin? Dass ich abhebe, was ich nicht eingezahlt habe, und ernte, was ich nicht gesät habe? Warum hast du dann mein Geld nicht auf die Bank gebracht? Dann hätte ich es bei der Rückkehr mit Zinsen abheben können.

Und zu denen, die dabeistanden, sagte er: Nehmt ihm die Mine weg und gebt sie dem, der die zehn Minen hat! Sie sagten zu ihm: Herr, er hat doch schon zehn. Ich sage euch: Wer hat, dem wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.

Lk 19,16-26

Um den in unseren Ohren harten Schluss des Gleichnisses zu verstehen, müssen wir an dessen Anfang zurückblicken. Jesus erzählt das Gleichnis, weil viele denken, dass nun mit seinem unmittelbar bevorstehenden Einzug nach Jerusalem das Reich Gottes anbrechen wird. Aber Jesu Königsherrschaft wird nicht in dieser Weise sichtbar sein in der Welt, wie viele es sich vorstellen. Jesus wird fern sein, sein Reich verborgen. Seine Nähe und seine Macht werden nur denen offenbar, die ihm nachfolgen. Aber es wird der Tag kommen, an dem sich alles entscheiden wird und Jesus sich der ganzen Welt in all seiner Königsmacht zeigen wird.

Bis zu diesem Tag können seine Feinde es sich überlegen, ob sie ihn doch noch als König haben möchten. Bis zu diesem Tag sind die Dienerinnen und Diener des Königs aufgerufen, mit dem, was ihnen anvertraut worden ist, gute Gewinne zu machen, nicht ängstlich das, was sie bekommen haben, zu verstecken, sondern mutig und entschlossen damit zu handeln. Wer mit der – eigentlich recht überschaubaren – anvertrauten Summe gut gewirtschaftet hat, wird eine unbeschreibliche Belohnung bekommen, indem er die Herrschaft über mehrere Städte erhält.

Dabei kommt es nicht einmal so sehr auf die Leistung des einzelnen an. Die guten Diener sagen nicht: Schau her, so und so viel habe ich mit deiner Miene gemacht. Sondern vielmehr: „deine Mine hat zehn / fünf Minen eingebracht“, oder noch etwas genauer übersetzt: „deine Mine hat sich verzehnfacht / verfünffacht“. Es scheint also, dass sich das Geld ganz von selbst vermehrt hat. Allein weil sie im Vertrauen auf ihren Herrn gehandelt haben, wurde ihnen Erfolg zuteil.

Nicht wachsen konnte die Mine aber bei dem, der sie versteckt hat in seinem Tuch, aus Angst vor dem Herrn, vielleicht auch aus Angst vor anderen. Er wollte nicht, dass jemand anderer als er selbst sie sieht. Vielleicht hat er sie heimlich bei Nacht ausgepackt, und sich an ihrem Glanz im Kerzenschein erfreut. Aber der Herr gibt seine Gaben nicht, dass wir sie für uns selbst behalten, er will, dass wir davon an alle austeilen und so Gewinn machen. Nur wer schenkt, bekommt hinzu, nur wer gibt, kann auch empfangen.

Das ist das Geheimnis dieses Gleichnisses. Jeder, der dem Herrn nachfolgt, bekommt von ihm ein Geschenk. Dieses Geschenk aber ist dazu da, ausgepackt zu werden, damit jeder damit auch andere erfreut. Es ist dazu da, die Welt schöner und lebendiger zu machen.

Herr Jesus,

zeige mir, was du mir geschenkt hast.

Ich will dieses Geschenk öffnen

und voll Freude allen zeigen.

Ich will es nicht für mich behalten,

sondern mit anderen teilen,

damit alle sich freuen an deiner Güte,

und die ewige Freue erlangen,

wenn du einst wiederkommst.

Amen.

Der Zöllner Zachäus

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Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt. (Lk 19,1)

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Jericho ist die letzte größere Stadt vor Jerusalem, bevor der Weg durch unwegsames Gelände von der Jordansenke in das judäische Bergland hinaufführt. In allen Evangelien geschieht vor dem Einzug Jesu in Jerusalem noch einmal ein bedeutendes Wunder. Bei Johannes ist es die Auferweckung des Lazarus in Betanien, bei den Synoptikern ist Jericho die letzte Station Jesu vor Jerusalem. Sie berichten uns von der Heilung eines Blinden (bei Matthäus sind es zwei) in dieser Stadt, Markus nennt diesen Blinden mit Namen, Bartimäus, und macht ihn so zu einem der großen „Stars“ der Evangelien. Bei den anderen bleibt er namenlos. Lukas erwähnt als einziger Evangelist einen anderen „Star“, der in Jericho ein ganz besonderes Erlebnis mit Jesus hatte.

Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich. (Lk 19,2)

Zachäus war ein beim ganzen Volk verhasster Mensch. Wir werden in den nächsten Versen sehen, dass sich diesmal nicht nur die besonders frommen Juden über die Begegnung Jesu mit diesem Menschen aufregen, sondern das ganze Volk. Zachäus gehörte zu den Zöllnern, ja er war sogar der oberste Zollpächter der Stadt. Wie wir wissen, durften Zöllner damals eigentlich nur den festgesetzten Zoll abkassieren, den sie an die römische Besatzungsmacht abzuliefern hatten, sie kannten aber ihre speziellen Tricks, wie sie die Menschen betrügen konnten, um selbst mehr Gewinn zu machen. Mit gefälschten Gewichten beispielsweise wird die zu verzollende Ware natürlich schwerer und teurer. So hatte Zachäus, wie viele seiner Kollegen, auf Kosten seiner Landsleute ein beträchtliches Vermögen angehäuft.

Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein. Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. (Lk 19,3-4)

Zachäus war klein. Er ist vielleicht der einzige Mensch in den Evangelien, dessen Körpergröße wir bis heute kennen. Dies mag zum einen daher kommen, dass Lukas uns verständlich machen will, warum er auf einen Baum steigen muss, um Jesus zu sehen. Wir können uns aber auch vorstellen, dass Zachäus zur Gemeinde der frühen Christen gehört hat und man seine Geschichte, die Lukas dann in seinem Evangelium aufgenommen hat, gerne als Anekdote erzählte. Schaut mal, da ist der Zachäus. Er hat Jesus persönlich getroffen. Frag ihn mal, wie es damals war. So ähnlich können wir uns ein Gespräch unter den ersten Christen vorstellen.
Zachäus ist neugierig. Er will Jesus sehen. Hat er eine besondere Erwartung an ihn, oder ist es einfach nur der Wunsch, diesen Wunderheiler, von dem die Leute so viel erzählen, mit eigenen Augen zu sehen? Wir wissen es nicht. Es muss damals ein ganz schönes Gedränge gegeben haben, als Jesus durch Jericho zog. Wir können uns gut vorstellen, wie Zachäus hinter den Menschen, die dicht gedrängt an der Straße standen, immer wieder hochgehüpft ist, um doch einen Blick auf Jesus zu erhaschen. Durch die Menge hindurch nach vorne ist er nicht gekommen. Er wurde sofort erkannt und überall, wo er durchschlüpfen wollte, schlossen sich die Menschen noch fester zusammen.
Da sieht Zachäus diesen Baum und er weiß, dass seine einzige Chance, Jesus zu sehen, darin besteht, auf eben diesen Baum zu klettern. Ihm ist es in diesem Moment egal, dass er sich damit zum Gespött der Menschen machen könnte. Er muss Jesus einfach sehen, koste es, was es wolle.

Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein. Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. (Lk 19,5-6)

Zachäus musste Jesus unbedingt sehen, und genau deshalb muss Jesus auch unbedingt in seinem Haus zu Gast sein. Jesus sieht in ihm nicht den verhassten Zöllner, sondern einen von Gott geliebten Menschen. Jesus hat bemerkt, dass Zachäus etwas ganz außergewöhnliches getan hat und darum schenkt er ihm auch eine außergewöhnliche Begegnung. Dies macht die Liebe deutlich, die Gott allem schenkt, was er geschaffen hat. Denn Gott hasst zwar die Sünde, aber nicht den Sünder, der ja als Mensch ein Geschöpf Gottes ist. Gott ist immer wieder dazu bereit, einen Menschen anzunehmen, wenn er sich nur von Gott lieben lassen will. Das ist die wahre Schöpfungsordnung Gottes, dass über allem seine Liebe steht.
Machen wir uns einmal bewusst, wie wir auf andere Menschen blicken. Da gibt es zum einen prominente Persönlichkeiten. Presse und Fernsehen vermitteln uns ein Bild von diesen Menschen. Ah das ist der und der, sagen wir, wenn wir von ihnen hören. Sie gehen für uns ganz in ihrer Rolle auf und nur selten sehen wir den wahren Menschen hinter dieser Rolle. So hatte auch Zachäus eine Rolle in Jericho. Er war der oberste Zollpächter. Als solchen sah ihn das Volk. Aber den Menschen, der dahinter stand, kannten sie nicht. Jesus aber sieht diesen Menschen Zachäus mit seinen Freuden und Schmerzen, seinen Fragen und dem, was ihn bewegt. Diesen Menschen ruft Jesus vom Baum herab und kehrt bei ihm ein.

Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. (Lk 19,7-8)

Mit Zachäus geschieht nun etwas Außergewöhnliches. Umkehr nennen wir das auch und es ist wirklich eine Wende um 180 Grad. Zachäus ist bereit, auf seinen ganzen Reichtum, den er im Laufe der Jahre angehäuft hat, zu verzichten. Die eine Hälfte seines Vermögens schenkt er den Armen und die andere Hälfte wird wohl dafür drauf gehen, dass er denen, von denen er zu viel verlangt hat, dies vierfach ersetzt.
Die Menschen aber sind entsetzt. Wie kann Jesus gerade bei diesem Sünder einkehren. Sie wissen nichts von der Umkehr des Zachäus und wissen nur wenig von Gottes Barmherzigkeit. Auch heute können wir mit Gottes Barmherzigkeit wenig anfangen. Es ist leichter, nach vorgefertigten Mustern zu denken, als sich immer wieder seine vorgefasste Meinung auf den Kopf stellen zu lassen. Doch Jesus nachfolgen heiß auch, nie über einen Menschen geringschätzig zu denken oder ihn zu verurteilen, sondern immer neu mit dem Wunder der Barmherzigkeit Gottes zu rechnen.

Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. (Lk 19,9-10)

Soviel wir auch gesündigt haben, Gott ist immer wieder bereit, uns anzunehmen, wenn wir aufrichtig umkehren zu ihm. Er fragt auch uns heute:

Warum klagt ihr mich an, wenn ich Sünder aufrichte? Denn soweit entfernt von mir ist der Hass auf die Sünder, dass ich ihretwegen gekommen bin. Als Arzt bin ich gekommen, nicht als Richter; deshalb werde ich zum Gast der Kranken und ertrage ihren Gestank, um ihnen Heilmittel zu verschaffen. (Johannes Chrysostomus)

Jesus ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. Lassen auch wir uns von Jesus finden, so wie Zachäus auf einen Baum gestiegen ist, damit Jesus ihn auf jeden Fall finden kann. Die Sünde muss sich verstecken, wer aber umkehrt und das Gute tut, der darf sich offen zeigen, auch wenn er sich dadurch vielleicht auch mal zum Narren macht. Das Ergebnis lohnt den Einsatz.

Das Flehen der Witwe (Lk 18,1-8)

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Jesus will den Glauben und den Mut der Jünger stärken. Es scheint manchmal so hoffnungslos zu sein, eine Welt, in der statt Gerechtigkeit das Recht des Stärkeren regiert, eine Gesellschaft, die nicht nach Gott fragt, Menschen, die den Jüngern ablehnend gegenüberstehen. Wie soll das weiter gehen? Wer kann gerettet werden? Wie können wir Zeugen für Gottes Liebe sein und Glaube und Gerechtigkeit unter den Menschen stärken?

Gott wird Hilfe bringen. Jesus sagt den Jüngern: Schaut her, da in ein gottloser Richter, der nur auf seinen Vorteil bedacht ist, der bei den Reichen ein und aus geht und selbst ein großes Vermögen hat. Und da ist eine arme Witwe. Jemand hat ihr wohl zu Unrecht auch noch das wenige weggenommen, das sie besaß. Vielleicht war es ein kleines Vermögen ihres verstorbenen Mannes, auch das ein anderer Anspruch erhoben hat. In einem Gerichtsverfahren hätte die Witwe Aussicht auf Erfolg. Aber ein solches Verfahren kostet Geld. Vielleicht gehört ihr Gegner auch zu den Reichen und Mächtigen, so dass keiner sich mit ihm anlegen möchte. Wen kümmert schon das Schicksal einer armen Witwe.

Doch sie gibt nicht auf. Jeden Tag läuft sie auf der Straße hinter dem Richter her, um ihn anzuflehen. Er wendet ihr keinen Blick zu, seine Diener halten die Frau zurück, aber doch wird ihm die Sache langsam lästig. Irgendwann erwischt ihn die Frau doch und sie könnte ihm ins Gesicht schlagen. Das wäre eine Schande vor allen Leuten. Daher gibt er eines Tages nach. Nicht, weil er Gott fürchten würde oder der Frau etwas Gutes tun wollte, einfach nur aus eigenem Interesse, damit er endlich Ruhe vor ihr hat.

Wenn schon der gottlose Richter der Frau hilft, sagt Jesus seinen Jüngern, wie viel mehr wird Gott denen helfen, die ihn bitten! Gott liebt die Menschen. Er will uns Gutes tun. Vielleicht liegt es eher an unserem Kleinglauben, dass Gott nicht hilft? Jesu Warnung am Ende des Gleichnisses sollte uns zu denken geben. Nicht Gott verlässt die Menschen, Gott kann nichts Gutes tun, wenn die Menschen nicht an seine Hilfe glauben.

Du bist erhört worden? Danke deswegen Gott, weil du erhört worden bist. Du bist nicht erhört worden? Bleibe in Gottes Nähe, um erhört zu werden.

Hl. Johannes Chrysotomus

Das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus

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Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. (Lk 16,19-21)

Da liegt ein armer Bettler vor der Tür eines reichen Mannes, zur Zeit Jesu und auch zu anderen Zeiten ein vertrautes Bild. Normalerweise kann ein Bettler darauf hoffen, von dem, was im Haushalt eines Reichen übrig bleibt, etwas abzubekommen und davon satt zu werden. Doch der reiche Prasser im Evangelium gewährt dem armen Schlucker nicht einmal diese kleine Gunst. Im Evangelium hat der Arme sogar einen Namen – Lazarus. Der Reiche bleibt namenlos und das sicher nicht ohne Grund. Gregor der Große sagt dazu:

Bemerke wohl, dass die Leute gewöhnlich viel eher die Namen der Reichen wissen als die der Armen. Der Herr aber nennt den Namen des Armen – und den des Reichen nicht. Denn Gott kennt und anerkennt die Niedrigen, und die Stolzen kennt er nicht.

Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. (Lk 16,22-23)

Lazarus stirbt und ebenso der reiche Mann. Lazarus wird in Abrahams Schoß getragen, der Reiche jedoch leidet Qualen in der Unterwelt. Wir wollen nicht darüber nachdenken, ob Jenseitsvorstellungen wie diese der Wirklichkeit entsprechen oder nicht. Ich wehre mich auch gegen eine Deutung, die nur auf eine Vertröstung auf das Jenseits ausgerichtet ist. Sicher will uns Jesus mit diesem Gleichnis nicht sagen, dass wir uns um die Armen keine Sorgen machen müssten, weil sie ja für ihr Elend auf Erden im Himmel umso mehr mit Glück beschenkt werden.

Die kritische Person im Evangelium ist der reiche Prasser. Er hat keinen Namen und wird so zu einer Mahnung an uns alle, dass wir nicht werden wie er! Aus den Worten des Evangeliums entnehmen wir deutlich, dass er seine Chance auf ein gelungenes Leben vertan hat. Seinen ganzen Luxus kann er nicht mit ins Grab nehmen. Hätte er nur ein klein wenig mehr auf seine Mitmenschen geachtet, würde es ihm jetzt nicht so schlimm ergehen. Ich denke, Jesus will uns darauf hinweisen, dass wir unser Leben bewusst leben und unsere Augen und Herzen offen halten sollen, um im entscheidenden Moment richtig – das heißt barmherzig – zu handeln.

Lazarus wird nach seinem Tod direkt in Abrahams Schoß getragen. Die Juden verbanden damit die Vorstellung von einem Ort der größten Sicherheit und Geborgenheit, von einem Ort des höchsten Glücks. Dies darf nun der genießen, der in seinem Leben nichts Gutes erfahren hat.

Das Gleichnis vom klugen Verwalter (2)

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Am Ende des Gleichnisses steht die Warnung Jesu:

Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon. (Lk 16,13)

Wenn Christus die beiden Herren gegenüberstellt, Gott und Mammon, so bedeutet das nicht, dass er sie gleichwertig sieht. Nur Gott ist Herr. Es gibt keinen Herren außer ihm. Der Mammon wird Herr genannt, weil er den Menschen beherrscht. Gottes Herrschaft aber öffnet dem Menschen den Weg zu wahrer Freiheit und einen erfüllten Leben.

Siehst du, wie ganz allmählich der Herr die Zuhörer von den irdischen Dingen abzieht, indem er zum wiederholten Mal auf die Verachtung des Besitzes zu sprechen kommt, und so die Tyrannei der Habsucht bricht? … Wenn er aber sagt: „Kein Sklave kann zwei Herren dienen“, so sind unter den zweien hier solche zu verstehen, von denen der eine das Gegenteil des anderen befiehlt. Denn wäre dies nicht der Fall, so wären es auch nicht zwei. Jesus aber will zeigen, dass die Bekehrung zum Besseren ganz leicht ist. Damit du nämlich nicht sagst: Ich bin ein für allemal zum Sklaven des Mammon geworden, ich bin von der Geldgier beherrscht, so zeigt er, dass eine Umkehr möglich ist, und dass man, wie vom ersten zum zweiten, so auch vom zweiten zum ersten kommen kann. … Die Liebe zum Geld nimmt den Verstand ein wie eine Festung, sendet von da aus täglich ihre Befehle aus, die jeglicher Ungerechtigkeit voll sind, und es gibt keinen, der ihr den Gehorsam versagen würde. Grüble also nicht über nutzlose Ausflüchte nach. Gott hat einmal sein Urteil gefällt und gesagt, es sei nicht möglich, zugleich dem einen und dem anderen zu dienen. Behaupte also nicht du, es sei möglich. … „Herr“ aber nennt Christus hier den Mammon, nicht ob dessen besonderer Natur, sondern wegen der erbarmungswürdigen Lage derer, die sich unter sein Joch gebeugt haben. … Es ist in der Tat ein unaussprechliches Unheil, das diese trifft, Streit, Verwünschungen, Händel, Elend, Blindheit der Seele. Das Schlimmste von allem aber ist, dass ein solcher der höchsten Gnaden verlustig geht, nämlich der Dienstschaft Gott. So hat also der Herr auf jede Weise gezeigt, wie die Verachtung des Geldes so nützlich ist gerade zur Bewahrung des Geldes, sowie zum Glück der Seele, zur Erlangung wahrer Lebensweisheit und zur Sicherung der Frömmigkeit.
Johannes Chrysostomus

Das Gleichnis vom klugen Verwalter (1)

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Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. Ich sage euch: Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es mit euch zu Ende geht. (Lk 16,8-9)

Durch Freigebigkeit gegenüber den Armen nämlich sollen wir uns die Gunst der Engel und der übrigen Heiligen erwerben. Der Verwalter erfährt auch keinen Tadel. Wir ersehen daraus, dass wir selbst nicht Herren, sondern nur Verwalter fremden Eigentums sind. Hat nun jener auch gefehlt, wird er gleichwohl gelobt, weil er sich aus der Barmherzigkeit des Herrn Kapital für die Zukunft geschlagen hat. Sinnig aber sprach der Herr vom „ungerechten“ Mammon, denn die Habsucht versucht unser Herz durch die mannigfachen Lockungen des Reichtums zu verleiten, auf dass wir willentliche Sklaven des Reichtums werden. (Ambrosius)