Epiphanie / Dreikönig

Steh auf, werde licht, denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Herrn geht strahlend auf über dir. (Jes 60,1)

In einer freudigen Lichtvision spricht hier der Prophet von Jerusalem und sieht die Stadt in herrlichem Glanz erstrahlen, der von Gottes Herrlichkeit kommt. Mit Tritojesaja, aus dem diese Verse stammen, befinden wir uns in der Zeit nach dem Exil. Die Juden sind aus Babylon wieder zurückgekehrt in ihr Land und sind dabei, die Stadt Jerusalem und den Tempel neu aufzubauen. Sie sehen eine neue Heilszeit angebrochen, in der Jerusalem in neuem Glanz erstrahlt.

Im Exil in Babylon hat man viel darüber nachgedacht, was der Plan Gottes mit seinem Volk ist. Die Juden wurden mit der Religion des Zweistromlandes konfrontiert und haben vor allem auch in Abgrenzung zu diesen fremden Einflüssen ihren eigenen Glauben neu reflektiert. Nach dem Schock über den Verlust des verheißenen Landes musste man vor allem auch neu darüber nachdenken, was die Erwählung durch Gott bedeutet. Nicht mehr das Land, nicht mehr der Tempel sind Zeichen der Erwählung, sondern das Gesetz das Gott durch Mose und die Propheten dem Volk gegeben hat.

Im neuen Bewusstsein der Erwählung, dem Ziel, das Gesetz treu zu befolgen und der Arbeit am Wiederaufbau Jerusalems sah man das neue Heil Wirklichkeit werden, das Gott seinem Volk schenken will. Das neue Jerusalem mit einem gesetzestreuen Volk sollte von nun an unter den Völkern ein Zeichen für Gottes Herrlichkeit sein. Doch der Euphorie wich bald die Einsicht, dass auch die neue Zeit ihre eigenen Probleme mit sich bringt und so richtete sich die Vision vom Heil bald wieder auf die Zukunft.

Ein Licht über Gottes heiliger Stadt und ihrem Volk, diese Vision wird in der Geburt des Sohnes Gottes Wirklichkeit. Gott zeigt die Menschwerdung seines Sohnes durch ein lichtvolles Zeichen an, durch eine Himmelserscheinung. Dies entdecken sternkundige Magier im Morgenland und machen sich auf, um den zu suchen, den dieses Zeichen angekündigt hat. Ist die Reise der Magiern oder Heiligen Drei Könige, wie man sie seit dem Mittelalter nennt, nur eine schön ausgedachte Geschichte des Matthäus (Mt 2,1-12) oder liegt ihr eine historische Tatsache zugrunde?

Die Sternbeobachtung hatte im Alten Orient eine lange Tradition und es gab in den dortigen Hochkulturen sternkundige Priester, die vor allem für die Bestimmung der Festzeiten zuständig waren, aber es auch verstanden, besondere Himmelserscheinungen zu deuten. Ob eine solche zur Zeit der Geburt Jesu vorlag und wie diese konkret aussah, damit beschäftigen sich Astrologen von der Antike bis heute. Es kommt dafür vor allem ein Komet, eine Supernova oder eine besondere Konjunktion von Planeten in Frage.
Moderne astronomische Berechnungen ergeben, dass durchaus die Möglichkeit besteht, dass Sternkundige in der damaligen Zeit ein besonderes Ereignis beobachtet haben. Trotz vieler Versuche konnte aber nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, welches Ereignis das genau war und ob es auch wirklich auf die Umgebung von Jerusalem hingewiesen hat. Wir müssen also sagen, dass der Stern von Betlehem wissenschaftlich weder genau belegbar, aber auch nicht unmöglich ist.

Gott lässt über seinem Volk ein Licht aufgehen, das die Völker herbeiruft. Das Zeichen deutet auf die Geburt eines neuen Königs aus dem Haus David hin. Die Sterndeuter aus dem Morgenland sind die ersten, die dieses Licht sehen und sich auf den Weg machen. Sie finden ein Kind, Gottes Sohn, dem sie huldigen. Mit den Magiern aus dem Orient beginnt die Wallfahrt der Völker zu Gottes heiligem Volk. Das Ziel dieser Wallfahrt aber ist nicht mehr Jerusalem mit dem Tempel, oder das Volk, das nach dem Gesetz Gottes lebt, sondern der Sohn Gottes. Alle Heiden werden durch ihn gerufen, zu Gottes neuem Volk zu werden, das im Licht Gottes wandelt.

Das will uns Matthäus mit seinem Bericht über die Magier aus dem Osten sagen. Jesus Christus ist das verheißene Licht, in dem Gottes Herrlichkeit über seinem Volk aufgeht. Und so lautet der Name des Festtags bis heute, Epiphanie, Erscheinung des Herrn. Die Herrlichkeit des Sohnes Gottes wird zum ersten Mal sichtbar durch den Stern, dem die Magier gefolgt sind. Sie zeigt sich dann zum ersten Mal dem Volk Gottes bei der Taufe Jesu im Jordan und sie zeigt sich den Glaubenden bei Jesu Wunder bei der Hochzeit zu Kana, von dem es heißt, dass Jesus dadurch seine „Herrlichkeit offenbarte“ (Joh 2,11).
Gottes Licht ist aufgestrahlt in Jesus Christus. Stehen auch wir auf und gehen wir hin zu diesem Licht, lassen wir uns von ihm erleuchten und so selbst licht und hell werden und strahlen in diese Welt!

Allherrschender Gott,
durch den Stern, dem die Weisen gefolgt sind,
hast du am heutigen Tag
den Heidenvölkern deinen Sohn geoffenbart.
Auch wir haben dich schon im Glauben erkannt.
Führe uns vom Glauben
zur unverhüllten Anschauung deiner Herrlichkeit.
(Tagesgebet am Hochfest Epiphanie)

Weihnachten

Ja, ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. (Jes 9,5a)

Dieser Vers wird in der lateinischen Kirche seit alters her als Eröffnungsgesang der Messe am Weihnachtstag gesungen. Nach der modernen Leseordnung hören wir ihn in der Lesung in der Heiligen Nacht. Jesaja verheißt die Geburt eines Kindes, das mehr ist als nur ein besonderer Mensch, ein Königssohn und Thronfolger. Er verheißt die Geburt eines Kindes, in dem Gott selbst mitten unter uns ist, eines Kindes, das Gottes Sohn ist. Als Christen sehen wir in der Geburt Jesu Christi, die wir an Weihnachten feiern, die Erfüllung der Weissagung des Jesaja.

Wir haben uns an die Darstellungen der Krippe von Betlehem, an die Romantik mit Ochs und Esel und Hirten, eingehüllt in ein warmes Licht, vielleicht so sehr gewöhnt, dass uns das Ungeheuerliche, das dahintersteht gar nicht mehr bewusst wird. Gott wird ein Kind. Götter sind doch groß und erhaben, dem Zugriff der Menschen entzogen, vielleicht kommen sie in manchen Mythen als Helden auf die Welt. Dass aber Gott ein kleines, schwaches Kind wird, das hat man noch nie gehört. Zudem ist es auch gar kein Wunderkind, sondern einfach ein ganz normales Kind.

Gott will uns seine Macht in der Machtlosigkeit eines Kindes zeigen. Gott will uns zeigen, dass er so mächtig ist, dass er gerade durch ein hilfloses Kind die Menschen retten kann. Wir Menschen schauen oft nur auf das Äußere, auf imposante Gesten, lassen uns von der Zurschaustellung von Macht beeindrucken. Die Werbung heutzutage gaukelt uns mit schönen Bildern vor, dass jedes noch so wertlose Zeug etwas ist, das wir unbedingt haben müssen und uns zu einem besseren Menschen macht und wir wundern uns, warum wir so unzufrieden sind, obwohl wir doch so vieles haben.

Wertvoll sind Menschen und Dinge nicht durch den äußeren Schein, nicht durch Werbung oder dadurch, dass sie viele „Follower“ in den sozialen Netzwerken haben. Wahre Werte, das was Menschen oder Dinge wirklich wertvoll macht, ist etwas, das nicht in Geld gemessen werden kann. Wir können uns Unterhaltung, Dienstleistungen und auch Spaß mit Geld kaufen, aber wahre Liebe gibt es nicht für Geld. Menschen, die in wirklich allen Lebenslagen zu uns stehen, sind unbezahlbar, gerade auch deshalb, weil sie keinen Lohn für ihre Zuwendung erwarten.

Gott hat uns an Weihnachten ein unbezahlbares Geschenk gemacht. Er ist zu uns gekommen als ein kleines Kind. Vielleicht finden wir Gott auch heute wieder am leichtesten in der Betrachtung dieses Kindes. Gott ist uns so nahe, dass wir ihn in die Arme nehmen können, wie ein kleines Kind. Und wie Kinder mit ihrem Lächeln die Menschen verzaubern können und selbst die härtesten Herzen anrühren, so will Gott uns mit seiner Nähe verzaubern und unsere harten Herzen öffnen.

Weihnachten ist das Fest der Nähe. Näher konnte Gott uns nicht kommen als in der Geburt seines Sohnes, der Mensch, der Kind werden wollte für uns. In unserem Bruder Jesus aber sind auch wir einander nahegerückt. (Klaus Hemmerle)

Mit seiner Geburt will Gott auch uns Menschen zusammenführen, dass wir zusammen feiern, Menschen verschiedener Klassen und Schichten, Menschen verschiedener Rassen und Kulturen. In der Gegenwart des göttlichen Kindes soll Frieden sein und Freude. Draußen bleiben alle, die mit Weihnachten nur Geld verdienen möchten, die weihnachtliche Gefühle in den Menschen wecken, um sie zum Konsum zu motivieren. Verbannen wir den Kommerz von unserem Weihnachtsfest. Ja, ein paar kleine Geschenke sind schön, für Erwachsene und ganz besonders auch für Kinder, aber sie sind wertlos, wenn das Wichtigste an Weihnachten fehlt, die Erfahrung, dass Gott zu uns gekommen ist mit seiner Liebe, die Erfahrung, dass Gott uns mehr geschenkt hat, als wir jemals werden schenken können.

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

Freudenbote (Jes 61)

Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. (Jes 61,1a)

SEIN, meines Herrn, Geist ist auf mir.

So übersetzt Martin Buber Jesaja 61,1a. Wer ist es, der hier spricht? Das Kapitel 61 des Jesajabuches gehört zu Tritojesaja. Hier wurden prophetische Worte aus nachexilischer Zeit unter dem Namen des berühmten Propheten Jesaja gesammelt, um zu zeigen, dass die Worte des Propheten nicht nur für eine ferne Vergangenheit Gültigkeit hatten, sondern sich im Hier und Heute erfüllen. So sehen ja auch die Evangelisten in Jesus Christus die Erfüllung der Verheißungen der Propheten des Alten Bundes.

Es ist von einem Gesalbten die Rede. Die rituelle Salbung ist im Alten Testament ein besonderer Akt der Legitimation. Durch sie wird einem herausgehobenen Menschen Kraft, Stärke, Macht und Einfluss übereignet. Der so Gesalbte bekommt Anteil an Gottes Macht und Stärke und an seinem Geist. So werden Könige, Propheten und Priester gesalbt.

Der hier spricht ist also ein Mensch, der einen besonderen Auftrag von Gott hat. Es kann ein Prophet sein, aber auch ein fiktiver Herrscher, den sich das Volk ersehnt, weil er die Gerechtigkeit neu aufrichtet und das Volk auf den Weg mit seinem Gott führt. In der nachexilischen Zeit, als Israel wieder in seinem Land lebte, stand es immer in Gefahr, seine Eigenständigkeit durch den Einfluss fremder Kulturen, vor allem des Hellenismus, zu verlieren, und seine Regenten ließen sich allzu leicht von der Macht blenden, vergaßen den Gott Israels und beuteten das Volk aus. Dagegen gab es immer wieder religiöse Bewegungen, die sich für die Aufrechterhaltung des überlieferten Glaubens einsetzten.

Das Volk Gottes bedarf der beständigen Erneuerung, der Rückbesinnung auf seine Wurzeln. Dafür braucht es Menschen, die sich in besonderer Weise von Gott gesandt wissen, die mit Gott, ihrem und aller Herrn in einer besonderen Beziehung stehen, die sich von seinem Geist leiten lassen, die nicht ihren, sondern seinen Willen tun. Auch das Christentum kennt die Salbung. In der Firmung empfängt der Gläubige das Siegel des Heiligen Geistes. Somit kommt jedem einzelnen Gläubigen die Aufgabe zu, nach den ihm gegebenen Möglichkeiten zur Vertiefung und Ausbreitung des Glaubens und zur Durchsetzung der Gerechtigkeit Gottes beizutragen. Was das konkret bedeutet, zeigen die nächsten Verse:

Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt der Verzweiflung. (Jes 61,1b-3a)

Aufgabe des von Gott Gesandten ist es, Freudenbote zu sein. Eine frohe Botschaft für die Armen soll er verkünden. Wir denken hier an die Bergpredigt, in der Jesus die Armen seligpreist. Wer sind diese Armen? Das können Menschen sein, die alles verloren haben, die nicht weiter wissen im Leben, für die unserer Gesellschaft keinen Platz hat. Zu allen Zeiten werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Reichtum konzentriert sich in den Händen weniger und je mehr Reichtum sich die Reichen anhäufen, desto größer wird die Armut der Vielen. Obwohl genug für alle da ist, sind die Schätze der Erde ungerecht verteilt.

Eine frohe Botschaft für die Armen. Das heißt, Teilen konkret werden lassen. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten dem Armen beistehen. Nicht nur ein kleines Almosen geben, sondern den Armen wirklich ernst nehmen, annehmen, ihm eine Heimat geben. In unserer Gesellschaft entsteht Armut oft auch durch schwierige Verhältnisse, Kinder wachsen in zerrütteten Familien auf, bekommen zu wenig Zuwendung und schaffen daher keinen guten Schulabschluss. Armut gebiert oft neue Armut.

Die Wunden heilen in den Herzen der Menschen. Zuwendung schenken, Liebe und Geborgenheit. Menschen neue Hoffnung geben und sie befreien aus den Fesseln der Unfreiheit und der Schuld. Menschen die Möglichkeit geben, sich zu verändern, sich zu bessern, ein neues Leben beginnen. Neue Perspektiven schenken.

Schmuck, Freudenöl, Jubel, die Gemeinde des Herrn ist keine Gruppe von Trübseligen, die missmutig mit schwarzen Gewändern und ausdruckslosem Gesicht brav in den Kirchenbänken sitzt. Mit Gott sind wir immer auf der Siegerseite, wir dürfen jubeln und uns freuen. Glauben heißt, Hoffnung haben, gerade auch dort wo es keine Hoffnung zu geben scheint. Gott ist mit uns, er hat uns befreit, er schenkt uns Kraft, er zeigt uns den Weg. Erheben wir uns und gehen wir den Weg mit unserem Gott, den Weg aus der Finsternis des Todes in das Licht des Lebens.

Trost und Befreiung (Jes 40)

Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. (Jes 40,1)

Mit diesem Ruf beginnt das Buch Deuterojesaja, das den zweiten Hauptteil des Jesajabuches bildet. Wir befinden uns in der Zeit, als das Volk Israel im Exil in Babylon (597-539 v.Chr.) gelebt hat. Etwa 150 Jahre nach dem Auftreten des Propheten Jesaja (ca. 740-701 v.Chr.) wurde sein Buch von einem oder mehreren namentlich unbekannten Propheten weitergeschrieben. Jesaja gilt als der größte unter den Propheten. Im Neuen Testament ist oft nur von „dem Propheten“ die Rede, wenn Jesaja gemeint ist. Darum ist es nicht verwunderlich, dass Propheten in seinem Namen auch nach seinem Tod gesprochen haben.

Jesaja hat das Volk Israel vor dem Untergang gewarnt, falls es sich in trügerischer Hoffnung wiegt und nicht bereit ist, umzukehren. Nun ist die Katastrophe eingetreten, Jerusalem und der Tempel des Herrn wurden zerstört, das Volk lebt im Exil im fremden Babylon. Doch auch dort ist Gott seinem Volk nahe. Nun ist es die Aufgabe des Propheten, nicht mehr zu warnen und zu drohen, sondern zu trösten und dem Volk Mut zu machen, dem Volk zu zeigen, dass Gott auch in der Fremde bei ihm ist und es bald wieder heimführen wird.

Gott wird einen Neubeginn mit seinem Volk machen. Doch bis es soweit ist, muss das Volk warten, muss die Härte des Exils ertragen. Die Texte des Deuterojesaja hören wir besonders in der Adventszeit, die uns auch immer wieder neu bewusst macht, dass wir als Christen Wartende sind. Wir leben in der Fremde und warten auf die Wiederkunft des Herrn, auf den Tag, an dem wir als Kinder Gottes offenbar werden, wenn Jesus Christus uns zum Vater führen wird.

Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. (Jes 40,3-4)

Gott selbst wird sein Volk aus dem Exil führen, er wird ihm vorangehen, so wie er einst vorangezogen ist, als Israel aus Ägypten ausgezogen ist. Kein Hindernis wird es auf dem Weg geben, den Gott mit seinem Volk gehen wird. Es ist ein gewaltiger Weg, der für Gott gebahnt werden soll, Berge sollen abgetragen und Täler zugeschüttet werden, so dass ein ebener Weg ohne Hindernis entsteht. Ein Weg, der würdig ist, dass Gott auf ihm reist, ein Weg, auf dem Gott Einzug halten kann bei seinem Volk, ein Weg für das Kommen Gottes in diese Welt. Jetzt ist die Zeit gekommen für die Heimkehr Israels, und wenn Gott etwas beschlossen hat, dann macht er es richtig. Nichts kann sich ihm in den Weg stellen, kein Hindernis kann ihn aufhalten.

Steig auf einen hohen Berg, Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! Sag den Städten in Juda: Seht, da ist euer Gott. Seht, Gott der Herr, kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm. Seht, er bringt seinen Siegespreis mit: Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her. (Jes 40,9-10)

Der Zug der Heimkehrer wird freudig angekündigt. Gott kehrt mit seinem Volk zurück, wie ein reicher Hirte mit seiner großen Herde. Diejenigen, die einst schmachvoll in die Verbannung geführt wurden, kehren heim wie Sieger. Gott schenkt Glück und Freude, er führt aus jeder Not. Gott kommt jedem Menschen entgegen, um ihm das Glück als Geschenk anzubieten.

Ist das nicht alles nur ein schöner Traum, zu schön, um wahr zu sein? Fühlen wir uns nicht allzu oft wie in der Verbannung, in einer Welt, in der Gott keinen Platz mehr zu haben scheint und unser Leben ein Frondienst ist für den schnöden Mammon?

Aber es steht unumstößlich fest: Gott beschützt die Seinen, er führt sie durch die Tiefpunkte der Geschichte und des eigenen Lebens hindurch. Wer Gott vertraut, für den gibt es immer einen Ausweg, auch wenn es vielleicht etwas länger dauert, bis er sichtbar wird. Wir brauchen Geduld. Wer zu früh aufgibt, wird nie das Schöne erfahren, das das Leben noch bereit hält.

Herr, gib uns Geduld
gib uns die Kraft zu Warten,
lass uns niemals verzweifeln
und lass uns nie die Hoffnung verlieren
dass nach jedem Leid eine Freude
und nach jeder Niederlage ein Sieg
auf uns wartet.
Schenke uns deinen Trost,
wenn wir am Boden sind
und lass uns die Freude
zusammen mit dir erfahren.
Amen.

Das Weinberglied (Jes 5)

Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ein Lied vom Weinberg meines Liebsten. (Jes 5,1a)

Mit dem Weinberglied beginnt die sogenannte Immanuelschrift. Sie umfasst den Abschnitt Jesaja 5,1-9,6 und gilt als Kern der Worte des Propheten. Im Mittelpunkt steht die Verheißung des Immanuel (Jes 7,1-25). Das Weinberglied (Jes 5,1-7) stellt den kunstvollen Prolog zu dieser Schrift dar. Es folgen Wehrufe und Worte des Zorns über Israel (Jes 5,8-30). Die Wichtigkeit der Immanuel-Verheißung wird durch die Schilderung der Berufung des Propheten (Jes 6,1-13) verstärkt.

Der Prophet singt ein Lied von einem Weinberg, dem Weinberg eines Freundes. Am Ende des Liedes wird kein Geringerer als der Herr der Heere, der Gott Israels, als der Besitzer des Weinbergs genannt. Der Weinberg ist das Haus Israel. Aber auch ohne diese Erklärung wird sofort klar, dass der Prophet über das Verhältnis Gottes zu seinem Volk spricht.

Das Lied beginnt als Liebeslied, es wird der geliebte Freund genannt und seine Fürsorge für den Weinberg. In seiner Liebe tut er alles erdenklich mögliche, um einen hohen Ertrag aus dem Weinberg zu erzielen. Er wählt einen fruchtbaren, hochgelegenen Platz, in dem die auf guten Boden gepflanzten Rebstöcke die besten Bedingungen zu gutem Wachstum haben. Er entfernt Steine, baut eine schützende Mauer und eine Kelter.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe. Er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den edelsten Reben. Er baute mitten darin einen Turm und hieb eine Kelter darin aus. Dann hoffte er, dass der Weinberg süße Trauben brächte, doch er brachte nur saure Beeren. (Jes 5,1b-2)

Plötzlich auf seinem Höhepunkt bricht das Liebeslied abrupt ab. Es ist etwas geschehen, was diese Liebe stört. Der Weinberg bringt statt der süßen Trauben nur saure und faulige Beeren hervor. Warum? Woran liegt es, dass die erhofften Früchte für einen guten Wein ausbleiben? Eines steht fest: es liegt nicht an der mangelhaften Fürsorge des Besitzers. Er hat alles Nötige und mehr als das getan. Der Prophet ruft die Einwohner Judas und Jerusalems auf, sich selbst ihr Urteil zu bilden über das, was hier geschehen ist.

Nun sprecht das Urteil, Jerusalems Bürger und ihr Männer von Juda, im Streit zwischen mir und dem Weinberg! Was konnte ich noch für meinen Weinberg tun, das ich nicht für ihn tat? Warum hoffte ich denn auf süße Trauben? Warum brachte er nur saure Beeren?
Jetzt aber will ich euch kundtun, was ich mit meinem Weinberg mache: Ich entferne seine schützende Hecke; so wird er zur Weide. Seine Mauer reiße ich ein; dann wird er zertrampelt. Zu Ödland will ich ihn machen. Man soll seine Reben nicht schneiden und soll ihn nicht hacken; Dornen und Disteln werden dort wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu spenden. (Jes 5,3-6)

Dem Besitzer des Weinbergs ist die Freude an seinem Weinberg vergangen. All seine Kraft und Fürsorge hat er in ihn gesteckt und doch wollte keine süße Beere darin reifen. In seiner Wut zerstört er den Weinberg. Er entfernt seinen Schutz, so dass Tiere die Reben fressen und zertrampeln. Ohne Pflege verkommen die Reben und werden von Dornen und Disteln überwuchert. Der grüne Weinberg wird zum Ödland, nicht einmal mehr Regen fällt auf ihn.

Ja, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel und die Männer von Juda sind die Reben, die er zu seiner Freude gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch – doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit – doch siehe da: Der Rechtlose schreit. (Jes 5,7)

Wie aus einem sorgfältig angelegten Weinberg ein Stück Ödland werden kann, konnten sich damals alle Leute vorstellen, haben es vielleicht schon selbst gesehen. Auch für uns ist dies ein leicht verständliches Bild. Wie diesem Weinberg wird es Juda und Jerusalem ergehen. Das einst blühende Land wird von den Feinden verwüstet. Schuld daran sind seine Bewohner, vor allem die Mächtigen, die das Recht brechen und nur ihren eigenen Gewinn suchen. In den folgenden Wehrufen wird der Prophet dies noch präzisieren.

Jesaja sagt zu einer Zeit, in der es Juda und Jerusalem noch relativ gut gegangen ist, der Stadt und dem Land den Untergang voraus. Es sind harte Worte, die niemand hören wollte. Doch Jesaja muss sie sagen, denn so, wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Doch er prophezeit nicht nur den Untergang, sondern auch den Neuanfang, den Gott mit seinem Volk machen wird in der Gestalt des Emmanuel, des „Gott mit uns“.

Immer wieder braucht es Menschen, die ihren Finger auf die Wunde der Gesellschaft legen. Immer wieder wächst die Ungerechtigkeit in Staaten, wenn der Wohlstand wächst, aber die Mächtigen immer mehr für sich beanspruchen und die Zahl der Armen steigt. Immer wieder führt ein solches Szenario in die Katastrophe und es braucht einen Neuanfang. Echte Propheten zeigen neben ihrer Kritik auch die Chance dieses Neuanfangs auf. Gott führt die Menschen nicht ins Verderben, sondern er will die Rettung der Menschen.

Aus christlicher Sicht wird die Verheißung des Emmanuel auf Jesus Christus hin gedeutet. Er ist der „Gott mit uns“, in dem Gott den Menschen auf unüberbietbare Weise seine Nähe zeigt. Auch das Weinberglied hat einen Anklang im Neuen Testament, im Gleichnis von den bösen Winzern (Mt 21,33-46 und Parr.). In diesem Gleichnis wird Gott mit einem Gutsbesitzer verglichen, der genau wie im Weinberglied geschildert, einen Weinberg anlegt. Im Gleichnis aber sind es die vom Gutsbesitzer eingesetzten Verwalter, die ihm seinen Anteil an dem Ertrag verwehren. Der Weinberg bringt Frucht, aber die Verwalter wollen sie für sich allein, daher werden sie mit Gewalt abgelöst und der Weinberg anderen übergeben.

Gottes Sorge

Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht – Spruch des Herrn. (Jes 49,14-15)

Die Worte des Propheten Jesaja sind ein Trost für ein Volk, das an seinem Gott zweifelt. Israel musste in die Verbannung. Der Prophet verheißt die baldige Heimkehr. Doch kann man seinen Worten vertrauen? Zu tief sitzt die Erfahrung der Vertreibung, zu sehr quält die Not, in der Fremde leben zu müssen.

Wenige Verse davor hat der Prophet davon gesprochen, dass es Nahrung geben wird auf kahlen Bergen und sprudelnde Quellen in einem Land, das von Hitze ausgedörrt ist. Gott schenkt neues Leben in einer lebensfeindlichen Welt. Gerade heute, wo wir so viel Zerstörung in unserer Welt durch den Eingriff des Menschen sehen, gewinnen diese Worte eine ganz neue Aktualität.

Wir sehen so viel Hunger und Durst in der Welt. Bei uns gibt es alles in Hülle und Fülle, aber andernorts fehlt es am Nötigsten für das Leben. Das Trinkwasser wird immer knapper, Dürren und Naturkatastrophen bedrohen die Ernten. Vieles davon ist menschengemacht, weil vielerorts ohne Rücksicht auf die Natur gewirtschaftet wird. Manches ist bedingt durch Veränderungen, die es in der Erdgeschichte immer wieder gegeben hat.

Manche Wissenschaftler glauben, dass es Aufgabe der Menschheit ist, durch immer mehr Fortschritt neue Nahrungs- und Energiequellen zu finden, um unabhängiger von den Einflüssen der Natur zu werden. Andere meinen, dass die Menschheit nur überleben kann, wenn sie wieder lernt, mehr im Einklang mit der Natur zu leben. Wer schaut hier noch auf Gott? Dürfen wir überhaupt Gott in die Verantwortung nehmen für das, was Menschen angerichtet haben?

Gott sorgt für die Welt, die er erschaffen hat, aber er hat seine Schöpfung zugleich dem Menschen anvertraut. Wie müssen wir Christen uns verhalten angesichts der Herausforderungen unserer Zeit? Die Thematik ist komplex. Ich denke, zunächst müssen wir uns über Hintergründe informieren und versuchen, die Dynamik zu verstehen, die hinter dem System der Weltwirtschaft steht, aber auch lernen, die Natur zu verstehen. Es gibt kein Patentrezept. Jeder ist aufgefordert, sich hier selbst ein Bild zu machen und sich mit seinem Engagement einzubringen.

Vor allem aber ist es die Aufgabe von uns Christen, die Rede auf Gott zu bringen und das nicht mit einer weltfremden Frömmigkeit, sondern auf dem Hintergrund fundierten Wissens um die Zusammenhänge unserer Gesellschaft. So können wir Menschen, die von der gegenwärtigen Entwicklung verunsichert sind, Trost und Halt geben, aber auch für viele Suchende eine neue Perspektive eröffnen.

Gottes Sorge um die Welt ist keine billige Ausrede, mit der wir uns vor einem Engagement in den Herausforderungen unserer Zeit drücken könnten. Der Glaube an eine Welt, die Schöpfung Gottes ist, drängt uns vielmehr dazu, uns für diese Schöpfung einzusetzen und das Feld nicht denen zu überlassen, die die Welt allein in der Hand des Menschen sehen.
Gott sagt uns seine Nähe zu. Er wird mit uns sein, wenn wir für seine Schöpfung eintreten. Er gibt uns Halt und Trost, wenn wir an der Welt, wie wir sie erleben, verzweifeln. Er wird uns neue Perspektiven eröffnen, wenn wir angesichts der Herausforderungen nicht mehr weiter wissen. Vertrauen wir auf die Zusage Gottes, dass er uns nie vergisst. Selbst wenn das Unerhörte unter Menschen geschehen kann, dass eine Mutter ihr Kind im Stich lässt, Gott wird so etwas nie tun.

Kraft des Lichtes

Gottes Gerechtigkeit ist seine Barmherzigkeit, das hat Gott uns nicht erst in Jesus Christus offenbart. Gerechtigkeit bedeutet nicht menschliche Selbstgerechtigkeit und Heuchelei, die nur äußerer Schein sind, der das ungerechte Herz verbirgt. Gerecht ist der Mensch, der anderen zu ihrem Recht verhilft. Der ungerecht Gefangene hat ein Recht auf Befreiung, der Versklavte hat ein Recht auf Freiheit, der Hungrige hat ein Recht auf Nahrung, der Obdachlose hat ein Recht auf eine menschenwürdige Wohnung, der Nackte hat ein Recht auf Kleidung und der Verwandte hat ein Recht darauf, dass seine Familie ihn in einer Notlage unterstützt.

Auch nach der Formulierung der Menschenrechte besteht in unserer Welt noch enormer Handlungsbedarf, damit wirklich Gerechtigkeit herrscht. Wir erleben vielmehr, wie die Ungerechtigkeit immer weiter zunimmt, wie reiche und mächtige Staaten auf Kosten armer Länder leben, wie Reiche immer mehr Reichtum anhäufen, während die Armen immer ärmer werden. Die Finsternis nimmt zu auf unserer Welt.

Doch Resignation ist keine Lösung. Werden wir zu Lichtbringern in der Welt, indem wir für die Gerechtigkeit eintreten. Nicht mit großen Parolen und Programmen, sondern konkret in unserem Alltag. Nicht auf andere mit dem Finger zeigen, dem Hungrigen Brot schenken und dem, der unsere Hilfe braucht, liebevoll begegnen, das sind kleine Schritte auf dem Weg zur Gerechtigkeit, kleine Lichter, die aber ein helles Licht ergeben, wenn viele sie entzünden.

Es heißt, dass weniger als zehn Prozent der Bevölkerung mehr als neunzig Prozent des Reichtums besitzen. Das mag uns wütend und deprimiert machen. Aber wir können uns einmal überlegen, was geschehen würde, wenn die große Masse der neunzig Prozent sich zusammen tun würde, und jeder von ihnen ein Licht der Gerechtigkeit entzünden würde. Wie hell würde dieser Schein die Welt erleuchten und über all die Ungerechtigkeit triumphieren.

Vertrauen wir darauf, dass Gott mit denen ist, die für seine Gerechtigkeit eintreten.

Licht in der Finsternis

Mit dem Fest der Taufe des Herrn befinden wir uns bis zum Aschermittwoch, an dem die Österliche Bußzeit beginnt, in der Zeit im Jahreskreis. Nach der Leseordnung der katholischen Kirche haben wir das Lesejahr A, in dem wir vor allem Perikopen aus dem Evangelium nach Matthäus hören. An den ersten Sonntagen des Jahres werden wir von der Taufe des Herrn über das erste Auftreten Jesu und die Berufung der ersten Jünger hingeführt zur großen Rede Jesu, die bei Matthäus als die Bergpredigt bekannt ist.

Mit dem Auftreten Jesu strahlt ein Licht in die Welt und es erfüllt sich die Verheißung des Propheten Jesaja:

Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. (Jes 9,1)

Bevor wir die Deutung dieses Wortes bei Matthäus auf Jesus Christus näher betrachten, möchte ich zunächst kurz darüber nachdenken, wie dieses Wort beim Propheten Jesaja selber einzuordnen ist.

Das Wort steht bei Jesaja im großen Rahmen der Immanuelschrift, die den Abschnitt Jesaja 5,1-9,6 umfasst. Diese großartige Komposition stammt aus der Zeit vor dem babylonischen Exil und bildet den Kern der Botschaft des Propheten Jesaja. Sie beginnt mit einem Blick auf die unheilvolle Situation im Volk Israel, das sich von Gott abgewandt hat und unter der Bedrohung durch äußere Feinde zu leiden hat. Daher beruft Gott Jesaja als Propheten, um dem Volk die Worte Gottes zu vermitteln, die durch diese schwere Zeit führen sollen.

Das entscheidende Eingreifen Gottes zeigt sich in der Geburt eines Kindes aus einer Jungfrau. Dieses Kind wird ein Zeichen der Nähe Gottes setzen, weshalb es den Namen Immanuel – Gott mit uns – trägt. Vielleicht war damit nur ein neuer König aus dem Haus David gemeint, der nach Gottes Willen regieren wird. Doch nie wurde in Israel ein König so nahe an Gott erhoben, wie dieser Immanuel. Es konnte also nicht nur ein neuer König gemeint sein, sondern viel mehr als das, ein wunderbarer göttlicher Retter, der Messias, Gottes Sohn. Er wird die Not seines Volkes wenden. Die drohenden Feinde werden nicht das letzte Wort haben, sondern Gott wird zeigen, dass er mit seinem Volk ist und die Finsternis verscheucht.

Denn wer jetzt in Not ist, der bleibt nicht im Dunkel. (Jes 8,23)

Gott wird die Not wenden, in die das Volk auch aus eigener Schuld geraten ist, weil es seinen Gott vergessen hat. Mehr als Strafe wird Gott seinem Volk Rettung bringen. Das folgende Danklied (Jes 9,1-6) schildert mit freudigen Worten die Herrschaft des Immanuel, des göttlichen Kindes. Er überbietet alle Könige Israels, er ist ein Licht inmitten des Volkes. Alle freuen sich über ihn. Er macht der Unterdrückung ein Ende, sowohl von außen als auch im Volk. Er beendet Gewalt und Versklavung und schafft Recht und Gerechtigkeit.

Licht der Völker

Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht. (Jes 49,6)

Das zweite Lied vom Gottesknecht, das wir heute in der Ersten Lesung hören, betont den universalen Anspruch Gottes, der sich an alle Völker richtet. Anders als im ersten Gottesknechtslied, das einen legitimierenden Ausspruch Gottes über seinen Knecht darstellt, spricht hier der Knecht selbst von seiner Berufung. Er weiß um seine Erwählung und Sendung. Gott hat zu ihm gesprochen. Sein Auftrag ist es zunächst, Israel zu sammeln und heimzuführen. Aber das ist zu wenig. Er soll das Licht aller Völker sein, damit Gottes Heil bis an die Enden der Erde reicht.

Das Volk Israel hat sich stets mit dem Gottesknecht identifiziert und sah sich als Zeichen Gottes unter den Völkern, als Sakrament der Gegenwart Gottes. Bei seiner Befreiung aus dem babylonischen Exil durch den Perserkönig Kyros stand Israel plötzlich im Mittelpunkt der Weltgeschichte. Dieses kleine Volk hatte es zu internationaler Bedeutung gebracht. Zudem gab es nun nicht mehr nur in Israel Juden, sondern sie waren infolge der damals immer globaler werdenden Welt in allen Ländern der Welt präsent.

Mit Jesus Christus ist dieser Anspruch, Zeichen der Gegenwart Gottes in der Welt zu sein, auf die Kirche übergegangen. Dies macht das Zweite Vatikanische Konzil in der dogmatischen Konstitution über die Kirche, die nach ihren Anfangsworten den bezeichnenden Titel „Lumen gentium“ (Licht der Völker) trägt, deutlich:

Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten, indem sie das Evangelium allen Geschöpfen verkündet (vgl. Mk 16,15). Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit. Deshalb möchte sie das Thema der vorausgehenden Konzilien fortführen, ihr Wesen und ihre universale Sendung ihren Gläubigen und aller Welt eingehender erklären. Die gegenwärtigen Zeitverhältnisse geben dieser Aufgabe der Kirche eine besondere Dringlichkeit, dass nämlich alle Menschen, die heute durch vielfältige soziale, technische und kulturelle Bande enger miteinander verbunden sind, auch die volle Einheit in Christus erlangen.

Wie kann diese Einheit aussehen? Die Kirche kann heute nicht mehr mit dem Absolutheitsanspruch früherer Zeiten auftreten, wenn sie unter allen Menschen ein glaubhaftes Zeugnis für Gottes Gegenwart geben will. Es muss eine Einheit in der Vielfalt sein, die Raum gibt für die Eigenständigkeit unterschiedlicher Kulturen, aber dennoch am Kern des Evangeliums festhält.
Ziel der Sendung des Gottesknechtes ist es, Gottes Heil den Menschen bis an das Ende der Erde zu bringen, Friede, wo Krieg herrscht, Versöhnung, wo Streit die Menschen entzweit, Heilung, wo Krankheit quält. Bitten wir Gott darum, dass wir zu Boten seines Heils werden, zu Zeugen der Liebe Gottes.

Allmächtiger, ewiger Gott, durch dein fleischgewordenes Wort, deinen Sohn unseren Herrn Jesus Christus, dem Licht aller Völker, schenkst du den Menschen die Versöhnung. Befreie alle Völker durch das Licht des Wortes und den Geist der Gnade von der Finsternis der Sünde und lass sie den Weg zum Heil finden.

Taufe des Herrn (2)

Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. (Jes 42,1)

Beim Propheten Jesaja finden wir vier Lieder vom Gottesknecht. Diese Texte wurden schon früh auf Jesus Christus hin gedeutet. Das erste Lied vom Gottesknecht ist der Lesungstext am Fest der Taufe des Herrn.

Das entscheidende Charakteristikum des Gottesknechtes ist, dass Gott seinen Geist auf ihn gelegt hat. Er handelt nicht aus eigenem Antrieb und sucht nicht seinen eigenen Vorteil, sondern er ist von Gott berufen und tut das, was Gott ihm aufträgt. Der Auftrag Gottes aber an ihn ist, den Völkern das Recht zu bringen. Die Sendung des Gottesknechtes ist also eine weltweite Sendung. Nicht nur Israel, sondern allen Völkern bringt er das Recht. Und diesem Auftrag bleibt er bis zuletzt treu.

Was aber meint dieses Recht, das er den Völkern bringt und auf das die Inseln warten (42,4)? Es ist die Botschaft von der Gerechtigkeit Gottes, die den Armen und Unterdrückten ihr Recht verschafft. Es ist die Botschaft von Gottes Barmherzigkeit, die den Sünder zur Umkehr ruft, und ihm Vergebung schenkt. Es ist die Zusage, dass alle Menschen ein Recht haben auf ein Leben in Freiheit.

Seinen Auftrag erfüllt der Gottesknecht in vollkommener Sanftmut. Er umgibt sich nicht mit Armeen, die einen „Befreiungskrieg“ führen, am Ende aber nur das eine System der Unterdrückung gegen ein anderes austauschen. Nicht in dröhnenden Soldatenstiefeln marschiert er einher, und er verkündet seine Botschaft nicht in schallendem Befehlston. Vielmehr bleibt er verborgen und unscheinbar. Und doch bleibt sein Auftreten nicht ohne Wirkung.

Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein. (Jes 42,6)

Gott identifiziert sich mit seinem Knecht. Der Knecht tut das, was er Gott tun sieht. In ihrem Handeln sind der Gottesknecht und Gott nicht zu unterscheiden. Dies erinnert mich an die Worte Jesu im Johannesevangelium, die sicher die treffendste Auslegung zu dieser Stelle sind:

Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn. Denn der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er tut, und noch größere Werke wird er ihm zeigen, sodass ihr staunen werdet. (Joh 5,19-20)

Und an anderer Stelle sagt Jesus:

Ich und der Vater sind eins. (Joh 10,30)

Jesus ist der Gottesknecht in vollkommener Weise. Als Gottes Sohn ist er eins mit dem Vater im Heiligen Geist. Bei ihm ist die Verbindung mit Gott im Heiligen Geist, die allen Glaubenden verheißen ist, nicht etwas, das zu seinem Wesen hinzutritt, sondern ist untrennbar mit ihm verbunden. Jesus tut unmittelbar das, was er den Vater tun sieht.
Für uns Menschen ist das schwieriger. Zwar ist uns der Heilige Geist geschenkt, aber wir müssen immer wieder lernen, seine Stimme von den vielen Stimmen zu unterscheiden. Wir lassen uns ablenken, verführen, tun das, was unserem eigenen Vorteil dient und übersehen allzu leicht den Willen Gottes.

Wo aber Menschen sich von Gottes Geist leiten lassen, da wird konkret, wozu der Gottesknecht gesandt ist:

Blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien. (Jes 42,7)

Das ist das Recht, für das der Gottesknecht eintritt, dass die Blinden wieder sehen, dass niemand unschuldig gefangen gehalten wird und dass jene, die im Dunkel sitzen, befreit werden. Dunkel, das ist das Exil, in dem Israel zur Zeit des Propheten leben musste. Dunkel, das sind ungerechte Lebensbedingungen, Menschen, die unter Krieg und Terror zu leiden haben, Menschen, die auf der Flucht sind, Menschen, die für einen Hungerlohn schuften müssen, Menschen, die in Armut und Not leben. Wir brauchen nur die Augen öffnen und sehen dieses Dunkel. Manche von uns kennen es auch aus eigenem Erleben. Wie befreiend ist da das Licht und wie nötig sind Menschen, die wahre Lichtbringer sind.