Dreifaltigkeit

Früh am Morgen stand Mose auf und ging auf den Sinai hinauf, wie es ihm der Herr aufgetragen hatte. Die beiden steinernen Tafeln nahm er mit. Der Herr aber stieg in der Wolke herab und stellte sich dort neben ihn hin. Er rief den Namen des Herrn aus. Der Herr ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Der Herr ist der Herr, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue. (Ex 34,4-6)

Gibt es Gott? Wie ist Gott? Wer ist Gott? Immer wieder stellen Menschen diese Fragen. Es mag Zeiten gegeben haben, in denen viele die Existenz Gottes als selbstverständlich angenommen haben und in denen die Mehrheit der Menschen das ihnen von Kindheit an vermittelte Gottesbild nicht hinterfragt habt. Aber doch beschäftigt nicht nur den Zweifler, sondern auch den gläubigen Menschen die Frage nach Gott.

Am Dreifaltigkeitssonntag präsentiert uns die Kirche eine Lesung aus dem Buch Exodus, die von einer ganz besonderen Gotteserfahrung des Mose spricht. Das Alte Testament kennt kein Gottesbild, ja es verbietet sogar aufs Schärfste, dass sich die Menschen ein Bild von Gott machen. Das war damals sehr ungewöhnlich, denn alle Völker rings um Israel machten sich Bilder und Statuen von ihren Göttern und verehrten sie. Es entspricht dem Wesen des Menschen, dass er alles greifbar und verständlich vor sich haben möchte.

Der Gott Israels aber will den Menschen auf eine andere Weise nahe sein. Er will nicht durch einen äußerlichen Kult verehrt werden, sondern er will im Herzen des gläubigen und gerechten Menschen wohnen. Gott ist nicht dem besonders nahe, der die reichsten Opfergaben bringt, sondern dem, der sich an die Gebote Gottes hält. Die Übermittlung der Zehn Gebote ist auch der Zusammenhang, in dem dieser Text steht.

Was war geschehen? Gott hat Israel durch Mose aus Ägypten geführt, sie sind lange durch die Wüste gezogen und nun schließt Gott mit dem Volk einen Bund, indem er ihm durch Mose seine Gebote übergibt. Aber während Mose lange Zeit auf dem Berg allein mit Gott ist, wird das Volk ungeduldig und macht sich ein goldenes Kalb, das fortan sein Gott sein soll. Es ist leichter für das Volk, ein goldenes Standbild zu verehren, als einen Gott, der im Verborgenen ist.

Als Mose vom Berg herab kommt sieht er das goldene Kalb und wie das Volk es mit kultischem Tanz verehrt. Voller Zorn zerschmettert er die Tafeln, auf die Gott selbst die Zehn Gebote geschrieben hat. Was wird nun geschehen? Wird Gott das Volk vernichten, weil es sich so schnell von ihm abgewandt hat? Nein, Gott ist geduldig. Mose zerstört das goldene Kalb und macht neue Tafeln aus Stein, mit denen er erneut zu Gott auf den Berg steigt, um die Zehn Gebote zu empfangen.

Obwohl das Alte Testament kein Bild von Gott kennt, schildert es ihn doch oft sehr menschlich. Er kann in Zorn geraten, dann aber von einem besonders frommen Menschen wie Mose oder einem Propheten wieder besänftigt werden. Wenn er erscheint, dann geschieht das oft in Verbindung mit Blitz und Donner, aber sein wahres Gesicht verbirgt sich im erfüllten Schweigen. Gott ist für den Menschen nicht fassbar. Er kann dem Menschen nahe kommen, aber doch kann niemand sein Gesicht sehen. Man merkt förmlich, wie schwer es den Verfassern fällt, das, was sich durch menschliche Worte nicht ausdrücken lässt, in Worte zu fassen.

Und dann wird Gott plötzlich doch sichtbar für den Menschen, er kommt als Mensch in diese Welt in seinem Sohn Jesus Christus. Doch damit nicht genug. Christus verheißt, dass nach seinem Weggang der Heilige Geist seine Stelle unter den Menschen einnehmen wird. Zu allen Zeiten haben die Menschen damit gerungen, was das für ein Gott ist, der als Vater im Himmel ist, der seinen Sohn auf die Erde sendet und der dann im Heiligen Geist unter den Menschen gegenwärtig bleibt. Und bei all dem sind es keine drei Götter, sondern Vater, Sohn und Geist sind der eine Gott.

Vielleicht ist es gerade die Angewohnheit des Menschen, alles greifbar und verstehbar machen zu wollen, die uns den Blick auf dieses Geheimnis verstellt. Die Konzilien der Alten Kirche haben versucht, das Unfassbare und Worte zu fassen, Worte, die oft aus langem Streit entstanden sind und wieder Streit und Spaltung verursacht haben, Worte, die bis heute gelten, aber bis heute oft unverstanden und vor allem erklärungsbedürftig sind. Gott will sich nicht in Bilder zwängen lassen, aber auch nicht in Worte.

Gibt es dann überhaupt eine Antwort auf die Frage des Menschen nach Gott? Ich glaube ja. Zu allen Zeiten ist Gott ein Gott der barmherzig, gnädig, langmütig und reich an Huld und Treue ist. Er will das Heil des Menschen. Als Gott des Heils hat er sich den Menschen des Alten Testaments gezeigt, als Heilsbringer ist Jesus Christus aufgetreten und dieses Heil wirkt der Heilige Geist in der Welt. Dieses Heil will Gott uns auch heute schenken. Daran erkennen wir Gott. Wenn wir nach Gott fragen, so müssen wir auch immer danach fragen, wo für uns das Heil sichtbar und erfahrbar wird. Und in diesem Heil erkennen wir den verborgenen Gott.

Pfingsten

Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch. – Mit diesen Worten des Propheten Joel (Joel 3,1) beginnt Petrus seine Predigt am Pfingsttag (Apg 2,17) und will damit sagen, dass eine Sehnsucht des Volkes Israel an diesem Tag in Erfüllung geht. Es ist etwas Unerhörtes. Nicht mehr nur auserwählten Anführern, Priestern und Propheten schenkt Gott seinen Geist, sondern er gießt ihn unbegrenzt aus über die ganze Welt.

Der Geist Gottes, der Heilige Geist, ist Gottes unsichtbare Kraft, die alles durchdringt und heiligt. Wir können ihn nicht sehen, aber wir können sein Wirken spüren. Wind, Feuer und Taube sind Bilder, die uns sein Wirken veranschaulichen sollen. Der Geist ist friedfertig wie eine Taube, er erwärmt alles in seiner Nähe wie die Kraft des Feuers, und er treibt an wie der Wind, wenn er in die Segel eines Schiffes bläst.

Gottes Geist ist überall, aber er kommt zu uns nicht ungefragt. Nur wer ihn einlässt, erfährt seine Kraft. Aber wir fragen oft auch: Wo ist sein Wirken geblieben, warum vertreibt er mit seiner machtvollen Kraft nicht alles Übel und alles Böse aus der Welt? Warum fühle ich selbst mich selbst oft so schwach, obwohl ich täglich um den Heiligen Geist bete?

Vertrauen wir seiner Kraft, die oft auch im Verborgenen wirkt. Es braucht lange, um ein kaltes Herz aus Stein wieder zum Glühen zu bringen. Er will es nicht einfach fortwehen, sondern wartet geduldig, ob es sich nicht doch für seine Wärme öffnet. Gott will mit seinem Wirken die ganze Welt erfüllen, nicht nur die Frommen. Er hat ja alles geschaffen und liebt alle, auch wenn viele sich gegen ihn verschließen.

Beten wir jeden Tag und heute am Pfingstfest ganz besonders darum, dass die Welt sich öffnet für das Wirken des Heiligen Geistes. Nur so geschieht Heil und entsteht Heilung und Heiligkeit.

Komm, Heiliger Geist, komm herab über alles Fleisch, damit die ganze Welt Gottes Heil erfahre. Wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt, lenke, was den Weg verfehlt!

Paulus auf dem Areopag

Bei seiner 2. Missionsreise kommt Paulus auf seinem Weg durch Griechenland auch nach Athen. Diese Stadt hatte damals ihre politische Bedeutung verloren, die sie einst als mächtiger griechischer Stadtstaat gehabt hatte. Dennoch lebte ihr Ruhm als Stadt der Philosophen weiter und das Erbe der großen Philosophen wie Aristoteles, Platon und Epikur wurde hier weiter gepflegt. Doch trotz der differenzierten philosophischen Weltanschauung war auch der traditionelle Götterglaube in Athen fest verwurzelt und überall standen die Statuen dieser Götter. Griechische Bildhauerei war in der Antike berühmt, griechische Statuen besonders auch in Rom begehrt und noch heute können wir in vielen Museen solche antiken Statuen bewundern. Für Paulus aber waren sie keine wertvollen Kunstwerke, sondern erregten vor allem seinen Zorn. Wie viele Juden hatte er eine tiefe Verachtung gegenüber der heidnischen Vielgötterei.

Auch in Athen beginnt Paulus sogleich von seinem Glauben an Jesus Christus zu erzählen. Hier sind es aber nicht wie in vielen anderen Städten die Juden, mit denen er über die Auslegung der Heiligen Schriften und deren Deutung auf Jesus Christus hin diskutiert, sondern die Mitglieder der Philosophenschulen. Diese werden bald auf den fremden Wanderprediger aufmerksam und wollen mehr über seine Lehre erfahren. Sie laden Paulus ein, auf dem Areopag, dem altehrwürdigen Versammlungsort Athens, eine Rede zu halten.

Sicher war das damals eine besondere Ehre und es zeigt, dass Paulus als ernstzunehmender Diskussionspartner wahrgenommen wurde. Für Paulus war eine solche Rede aber weit schwieriger als die Predigt unter Juden und Gottesfürchtigen, bei denen er mit der Heiligen Schrift argumentieren konnte, die er in und auswendig kannte. Wahrscheinlich hatte Paulus in seiner Erziehung aber auch die Grundzüge griechischer Philosophie gelernt und genau dieses Wissen baut er nun geschickt in seine Rede ein.

Doch obwohl Paulus seine Rede mit einem Lob der Athener als besonders fromme Menschen beginnt und auf dem Höhepunkt seiner Rede sogar einen Philosophen wörtlich zitiert – was sicher bei seinen Zuhörern Eindruck machte – lehnen die meisten Athener seine Lehre ab. Zu stolz sind sie auf das Erbe ihrer großen Philosophen und zu fremdartig erscheint ihnen das, was Paulus sagt. Auferstehung passt in keines der philosophischen Konzepte und ein Erlöser aus dem unbedeutenden Judäa war auch nicht gerade attraktiv.

Es wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn sich die Schüler der Philosophen so schnell für den christlichen Glauben entschieden hätten. Die Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie prägt die ersten Jahrhunderte des Christentums. Und selbst als im 6. Jahrhundert unter Kaiser Justinian die letzte Philosophenschule in Athen geschlossen wurde, lebte die Lehre der Philosophen noch weiter fort. Gerade Platon und Aristoteles spielen bis heute eine bedeutende Rolle in der Theologie.

Während die Götter Griechenlands verschwunden sind, besteht die Kunst philosophischen Denkens bis heute fort und es ist gut, wenn sich Philosophie und Theologie gegenseitig ergänzen, denn in beiden Wissenschaften geht es ja um das Wahre, Schöne und Gute und um die rechte Lebensweise. Der Erfolg des Paulus war zwar nicht direkt offensichtlich, nur wenige Anhänger findet er in Athen, aber er stößt eine Entwicklung an, die bis heute von großer Bedeutung ist.

Er verkündete Christus

Philippus aber kam in die Hauptstadt Samariens hinab und verkündete dort Christus. (Apg 8,5)

Dieser Satz aus der Apostelgeschichte erscheint zunächst unscheinbar, aber es lohnt sich, länger bei ihm zu verweilen. Lukas hat zuvor berichtet vom Pfingstfest, von der Urgemeinde in Jerusalem, von der Verfolgung durch Saulus und den Tod des ersten Märtyrers Stephanus. Genau wie Stephanus gehört auch Philippus zu den sieben Diakonen (Apg 6,1-7), die von der Urgemeinde ausgewählt wurden. Philippus nahm unter ihnen den zweiten Platz nach Stephanus ein.

Während die Apostel in Jerusalem blieben, begleiteten die Diakone die durch die Verfolgung zerstreute Gemeinde. Samarien lag in direkter Nachbarschaft zu Judäa und war somit der nächstgelegene Fluchtpunkt für die Verfolgten. Vor allem hatten die Anführer der Juden dort keinen Einfluss, denn es galt als entwürdigend für einen Juden, mit den Samaritern zu verkehren und ihr Gebiet zu betreten. Auch in den Evangelien ist der Streit zwischen Juden und Samaritern ein Thema und Jesus lehrt seine Jünger, dass die Samariter ebenso Kinder Gottes sind wie die Juden. Die Begegnung mit der Samariterin am Jakobsbrunnen und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter sind zwei Beispiele, wie Jesus die Ausgrenzung der Samariter durchbricht.

Jesus hat also bereits den Grund dafür gelegt, dass das Evangelium in Samarien verkündet werden kann. Die Bewohner Samariens sind die ersten Fremden, zu denen die junge Kirche kommt. Vielleicht erinnern sich manche von ihnen noch daran, wie Jesus durch ihr Gebiet gezogen ist und hören nun voller Staunen, was Philippus über diesen Wanderprediger erzählt, dass er in Jerusalem hingerichtet wurde, nach drei Tagen aber auferstanden ist.

Philippus verkündet Christus. Er verkündet das Wesentliche. Er spricht von der Person, auf die allein es im Christentum ankommt. Er spricht von Christus, von der Erlösung, die er durch seinen Tod und seine Auferstehung bewirkt hat, das neue Leben, das alle erwartet, die an ihn glauben. Und er macht das Reich Gottes erfahrbar, indem er ebenso wie Christus heilt und Dämonen austreibt.

Philippus tritt auf wie Christus. Er hat nichts anderes zu sagen, als das, was Jesus kurze Zeit davor gepredigt hat. Er tut, was Christus getan hat. In seinen Boten wird Christus erfahrbar und durch die Boten Christi erfährt jeder Gläubige das Wirken Christi selbst. So geht Glaube. Glaube bedeutet nichts anderes, als Christus erfahren. So ging Glaube damals und so geht Glaube heute.

Es ist eigentlich ganz einfach. In diesem einen Satz ist alles zusammengefasst. Er verkündet Christus. Christus lebt, Christus rettet, Christus heilt. Er ist auferstanden, in ihm ist das Leben. Als der Auferstandene ist er in seiner Kirche immer gegenwärtig. Sein Wirken bleibt allezeit erfahrbar. Das muss auch unsere Verkündigung heute sein. Nichts wissen, außer Christus, nichts tun, außer das, was Christus getan hat. Das ist alles und wenn wir so Christus die Ehre geben, wird sein Heil auch heute gegenwärtig und erfahrbar.

Psalm 34 (2)

Ich will den Herrn allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund. Meine Seele rühme sich des Herrn; die Armen sollen es hören und sich freuen. Preist mit mir die Größe des Herrn, lasst uns gemeinsam seinen Namen erheben! (Ps 34,2-4)

Gott rettet. Davon kündet der Psalm 34. Für diese Rettung gebührt Gott in erster Linie Dank und dieser Dank steht am Anfang. Vor jeder Bitte oder Klage kommt der Dank. Das mag etwas ungewöhnlich erscheinen, aber Bitte und Klage machen nur Sinn, wenn sie aus dem Vertrauen heraus kommen, dass Gott uns bereits gerettet hat. Dies ist auch ein zutiefst neutestamentlicher Gedanke. So sagt Jesus: „Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“ (Mk 11,24) Lobpreis und Dank zuerst! Hierin sind uns die Psalmen ein Vorbild für unser persönliches Gebet.

Gott loben, mit Mund und Seele, also nicht nur mit Worten, sondern mit dem ganzen Bewusstsein. Lob, das nicht nur so daher gesagt ist, sondern eine feste Überzeugung ist, die aus dem Grund des Herzens kommt. Lobpreis, nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern so, dass ihn auch andere hören können, damit immer mehr Menschen von Gottes Rettung hören, daran glauben und sie dann auch selbst im eigenen Leben erfahren. Lobpreis im Chor der Geretteten, gemeinsam mit vereinter Stimme, ein Jubel, der die ganze Welt umspannt.

Gottes Name ist groß. Diese orientalisch-biblische Tradition lebt heute vor allem im Islam weiter, während zumindest wir westlichen Christen weitgehend davon abgekommen sind, Gottes Namen zu rühmen. Für die Juden ist dieser Name Gottes so groß, dass sie ihn nicht mehr aussprechen und daher heute niemand mehr genau weiß, wie dieser Name, mit dem Gott sich am Sinai offenbart hat, genau klingt. Der Islam kennt die 99 Namen Gottes, die der Gläubige in seinem Gebet aufsagt.

Vielleicht ist es gerade der Glaube an den dreifaltigen Gott, der den Namen Gottes uns Christen hat fremd werden lassen? Kann ein dreifaltiger Gott einen Namen haben? Für uns Christen soll der Name „Jesus Christus“ die Bedeutung haben, dass in diesem Namen Rettung und Heil sind und dass diesem Namen unser Lobpreis gebührt. Es gibt ein Fest vom Namen Jesu, das aber weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Große Heilige haben sich das Christus-Monogramm JHS über dem Herzen eingeritzt. In der Ostkirche gibt es die Tradition des Herzensgebetes, bei dem ein Satz wie „Herr Jesus, erbarme dich meiner“ ständig gebetet wird.

Gottes Name ist etwas Wunderbares. In seinem Namen sind Rettung und Heil. Wenn wir das wieder neu lernen und Gott wie eine uns vertraute Person mit Namen ansprechen, wenn uns der Name Gottes wieder neu vertraut wird, dann können wir so zu einer neuen und tieferen Begegnung und Vertrautheit mit Gott finden und seine wunderbaren Taten in unserem Leben erfahren.

Psalm 34 (1)

Von David. Als er sich vor Abimelech wahnsinnig stellte und dieser ihn wegtrieb und er ging. (Ps 34,1)

Psalm 34 wird in der Überschrift als Davidpsalm gekennzeichnet und wie viele dieser Psalmen mit einer Begebenheit aus dem Leben des großen Königs in Verbindung gebracht. Es wird Bezug genommen auf 1Sam 21. Wenn wir uns diese Stelle jedoch etwas genauer ansehen, treten einige Unklarheiten zutage. In 1Sam 21,1-10 ist nämlich von einem Priester Ahimelech die Rede, der David unterstützt hat und ihm und seinen Männern auf seiner Flucht vor Saul die heiligen Schaubrote zu essen gab (auf diese Stelle nimmt Jesus in Mk 2,25-26 Bezug). Dieser kann also nicht der genannte Abimelech sein

Die Stelle, auf die sich Psalm 34 bezieht, folgt im Anschluss an diese Begebenheit bei der weiteren Flucht Davids und wird in 1Sam 21,11-16 geschildert. David flieht vor Saul außer Landes zu den Philistern, zum König Achisch von Gat. Diesem aber ist der große Krieger Israels, der Goliat und viele andere Philister im Kampf besiegt hat, verdächtig. Als David merkt, dass er hier keine Unterstützung bekommt, stellt er sich verrückt, so dass die Philister ihn fortjagen und er sich anderswo in Sicherheit begeben kann.

Warum aber wird der Philisterkönig Achisch hier Abimelech genannt? Wahrscheinlich war Abimelech („mein Vater ist König“) eine allgemein gebräuchliche Bezeichnung der Philisterkönige. Der Name begegnet uns mehrmals im Buch Genesis (Gen 20,1-18; 21,22-34; 26,1-26). Abraham und später auch sein Sohn Isaak haben mit dem Philisterkönig Abimelech zu tun. Wir sehen hier ganz deutlich, wie über bestimmte Namen die verschiedenen Erzählungen der Bibel wie durch einen roten Faden miteinander verbunden werden, denn auch in Gen 20 und 26 ist von Rettung die Rede. Hier handelt es sich jeweils um die Rettung der Ahnfrau. Sowohl Abrahams Frau Sarah als auch Isaaks Frau Rebekka wurde von Abimelech in dessen Harem aufgenommen in der Annahme, dass sie nicht die Frau, sondern nur die Schwester von Abraham bzw. Isaak ist. Durch das Eingreifen Gottes wird dieses Missverständnis offenbar und die Frauen werden unversehrt und reich beschenkt zu ihren Männern zurückgeschickt.

Gott rettet, das ist die Grundaussage, die im Psalm 34 auf vielerlei Weise besungen wird. Ps 34,21 trifft dann noch eine weitere bedeutungsvolle Aussage. „Er behütet all seine Glieder, nicht eins von ihnen wird zerbrochen“, heißt es dort. Diese Stelle bezieht sich auf Exodus 12,46. Dort wird über das Paschalamm neben anderen Vorschriften angeordnet, dass die Israeliten bei dessen Verzehr „keinen seiner Knochen zerbrechen“ sollen. Diese Stelle wiederum wird vom Evangelisten Johannes aus Jesus am Kreuz bezogen (Joh 19,36) und zeigt im Sinne dieses Evangelisten Jesus als das wahre Lamm Gottes. Gott rettet, er rettet die erwählten Väter des Hauses Israel, er rettet den erwählten König und er rettet seinen auserwählten Sohn. Durch den Tod hindurch ersteht der gekreuzigte Christus zu neuem Leben und mit Christus werden alle gerettet die an ihn glauben, so wie Gott bereits sein Volk von Urzeit an immer wieder errettet hat.

Im deutschen Text nicht mehr erkennbar ist Psalm 34 als Akrostichon aufgebaut. Dies bedeutet, dass jeder Vers des Psalms mit einem Buchstaben in der Reihenfolge des Hebräischen Alphabets beginnt. Die lateinische Vulgata hat diesen Aufbau bewahrt, indem sie den entsprechenden hebräischen Buchstaben jeweils an den Anfang des Verses schreibt. Akrostichie ist oftmals Kennzeichen von Lehrgedichten, die sich durch diesen Aufbau besser im Gedächtnis einprägen. Auch Psalm 34 hat lehrhaften Charakter und beschreibt die Vorzüge eines Lebens in Gottesfurcht.

Seelenhirte (1Petr 2)

Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber habt ihr euch hingewandt zum Hirten und Hüter eurer Seelen. (1Petr 2,25)

Der 4. Sonntag der Osterzeit ist der Sonntag vom Guten Hirten. Als Evangelium hören wir an diesem Sonntag aus dem 10. Kapitel des Johannesevangeliums, wo Jesus von sich als dem Guten Hirten spricht. Bereits in den Psalmen und bei den Propheten begegnet uns dieses Bild vom Guten Hirten. Er kümmert sich um seine Schafe und führt sie auf satte Weiden, bei denen es auch frisches Wasser gibt.

Der Apostel Petrus wird von Jesus zum Hirten bestellt (vgl. Joh 21,14-19). Davon ausgehend sieht die Kirche seit alters her die Bischöfe als Hirten, und deren Bischofsstab entspricht dem Hirtenstab und ist Zeichen für ihre Hirtensorge um die Gemeinde. Daher spielt der Petrusbrief an dieser Stelle, die im Lesejahr A am Sonntag vom Guten Hirten gelesen wird, sicher auch auf die Funktion des Petrus als Bischof und Hirten an (in der alten Übersetzung stand hier statt Hüter noch explizit Bischof).

Doch Petrus und die Bischöfe und Päpste sind nicht Hirten aus sich selbst, sondern immer nur als Abbilder Christi. Sie zeigen Gottes Sorge um die Menschen. In den vorangegangenen Versen hat der Petrusbrief ja den Hirtendienst Jesu beschrieben. Jesus hat sich hingegeben für die Menschen. Er hat Heilung gebracht durch sein Blut, das er am Kreuz vergossen hat.

Jesus geht bis ans Äußerste, um die Menschen zu retten. So wie ein guter Hirte durch unwegsames Gelände geht, um ein verlorenes Schaf zu suchen und die Gefahr wilder Tiere nicht scheut, um die Herde zu retten, so hat es Jesus mit dem mächtigsten Gegner der Menschen aufgenommen, dem Tod. Nach seinem Sieg hat der Tod keine Macht mehr über die Menschen. Auch wenn er hier auf Erden noch mit seinen Kräften spielt und die Menschen durch seine Waffen wie Krankheit und Leiden bezwingt, so kann er die Toten nicht für immer behalten, sondern durch den Tod führt der Weg in ein neues Leben bei Gott.

Viele Menschen verirren sich. Viele Menschen sind wie Schafe, die in der Herde laufen und sich dann gemeinsam verirren, weil einer dem anderen folgt. Viele sehen nicht die Gefahren, sondern folgen blind dem Mainstream, der Meinung, die gerade populär ist und den angesagten Vergnügungen, ohne darüber nachzudenken, ob das wirklich gut ist für sie und andere Menschen.

Wenn wir unser Leben Christus anvertrauen, dann sind wir wirklich gerettet. Diese Botschaft war es, die den ersten Christen den Mut gab, auch in Verfolgungen standzuhalten. Welche Bedeutung hat Christus für mich? Kann ich glauben, dass er für mich sorgt und dass ich in ihm das Leben habe, dass er mir mehr gibt als die Welt je geben kann?

Auferstehung – Rettung

Und wenn ihr den als Vater anruft, der jeden ohne Ansehen der Person nach seinem Tun beurteilt, dann führt auch, solange ihr in der Fremde seid, ein Leben in Gottesfurcht! Ihr wisst, dass ihr aus eurer nichtigen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold. (1Petr 1,17-18)

Rettung, Loskauf, Heil, das sind Stichworte, die den gesamten Ersten Petrusbrief sowie alle Schriften des Neuen Testaments wie ein roter Faden durchziehen. Christus ist der Retter der Welt, die Geretteten all jene, die an ihn glauben.

Rettung – aber wovon? Mir kommt hier ein Vers aus dem Kreuzeshymnus des Venantius Fortunatus in den Sinn, in dem es heißt: „du, die Planke, die uns rettet aus dem Schiffbruch dieser Welt“. Die Menschheit hat Schiffbruch erlitten durch ihre unstillbare Gier und ihr Streben nach Macht und Erfolg. Allein das Kreuz Christi bietet die letzte Hoffnung auf Rettung vom drohenden Untergang.

Doch wir werden leicht skeptisch, wenn jemand mit einer Botschaft von Untergang und Rettung daherkommt. Verschwörungstheoretiker nutzen die Angst der Menschen aus, und bieten Alternativkonzepte an, die aber bei genauem Hinsehen eher den Niedergang fördern als ihm entgegenzusteuern. Ist es nicht das tatkräftige und einmütige Zusammenwirken der Menschheit, das Rettung bringt? Brauchen wir da noch einen Gott als Retter?

Das sind Fragen einer aufgeklärten Menschheit und vielleicht sind sie der Grund dafür, warum sich in unserer westlichen Welt immer weniger Menschen für das Christentum interessieren. Dabei steht der heutige Mensch der Religion an sich ja nicht ablehnend gegenüber, aber viele suchen eher nach einer Religion, die ihnen neue Perspektiven zu einem erfüllteren Leben eröffnet, als nach einer Religion, die das Leben mit Gesetzen und Geboten einzuengen scheint.

Daher finde ich es wichtig, die befreiende Botschaft des Christentums wieder mehr in den Vordergrund zu stellen. Was ist das Besondere am Christentum? Lebensregeln und Rituale hat jede Religion, oft hängen diese von der Zeit und dem Ort ab, an dem diese Religion entstanden ist. Allgemein in der Gesellschaft übliche Lebensregeln werden durch die Religion göttlich legitimiert, um ihre Einhaltung noch wirkungsvoller steuern zu können.

Wenn wir auf Jesu Botschaft in den Evangelien blicken so sehen wir, dass er viele der jüdischen Vorschriften nicht gelten lassen wollte und sie bewusst gebrochen und infrage gestellt hat. Ihm ging es stets um den Kern der Gebote. Gott hat sie gegeben, um den Menschen das Zusammenleben zu erleichtern und nicht, um es schwerer zu machen. Gesetze und Gebote sind notwendig, um das Zusammenleben der Menschen zu gestalten, aber nicht alle davon sind in Stein gemeißelt und müssen sich stets an die Veränderungen der Gesellschaft anpassen.

Christi Rettungstat und der Kern des Christentums liegt also nicht in bestimmten Geboten und Ritualen, nach denen die Christen leben. Diese sind wandlungsfähig. Der Kern der christlichen Botschaft besteht meines Erachtens in dem Glauben daran, dass Jesus Christus die Fülle der Offenbarung Gottes gebracht hat und durch seine Auferstehung den endgültigen Sieg über den Tod bewirkt hat und damit bereits auf Erden das Reich Gottes Wirklichkeit geworden ist. Christliches Leben besteht in einem Leben gemäß dieser Hoffnung, dass Leben stärker ist als Tod und dass über allem die Liebe triumphiert. Ein Leben nach dieser Liebe, von der Jesus oft spricht und die alles – Gott, Menschen und Schöpfung – miteinander verbindet, ist die Herausforderung aller Gläubigen und muss erfinderischer sein als die bloße Befolgung festgesetzter Gesetze und Gebote.

Der Glaube daran, dass mit Jesus Christus etwas unüberbietbar Neues in die Welt gekommen ist, bestimmt auch das Gespräch mit anderen Religionen. Da kann man sicher davon sprechen, dass es bei vielen Bräuchen Ähnlichkeiten unter den verschiedenen Religionen gibt, aber wie bereits gesagt, diese rühren daher, dass es sich dabei um den Ausdruck allgemeiner Umgangsformen handelt, die nur sekundär Teil der Religion sind.

Wenn wir aber davon sprechen, dass Christus die Fülle der Offenbarung gebracht hat und mit seiner Auferstehung etwas unüberbietbar Neues gesetzt hat, sehen wir, dass wir dabei auf unvereinbare Gegensätze mit anderen Religionen stoßen. Die Juden erkennen Jesus nicht als den Messias an, der allein so etwas tun könnte. Der Islam sieht Jesus zwar als großen Propheten an, reiht in aber ein in die Reihe der Propheten, die erst mit Mohammed ihren Höhepunkt findet. Nach Sicht der Muslime hat Christus nicht die Fülle der Offenbarung gebracht und auch kein solch entscheidendes Zeichen wie die Auferstehung gesetzt.

Mit dem Glauben an die Auferstehung steht und fällt die Einzigartigkeit des Christentums. Allein die Auferstehung ist die Triebfeder christlichen Handelns. Sie schafft das entscheidend Neue für die Menschheit. Wer an Christus glaubt, hat jetzt schon Anteil an dieser Auferstehung. Er führt ein Leben, das zwar immer noch bedroht ist von Krankheit und Leid, das aber durch keine Macht vernichtet werden kann, weil es trotz Tod und Leid bereits verwandelt ist in ein neues, unvergängliches Leben.

Wir sollten Auferstehung nicht so sehr als Vertröstung auf ein Jenseits sehen. Nur wenn wir verstehen, was Auferstehung schon jetzt mit unserem Leben macht, ermessen wir ihre wahre Kraft. Dies zu erkennen ist die Erfahrung des Heils. Wir sehen uns dann als Gottes Kinder, für die Gott schon hier auf Erden sorgt, wie es Jesus immer wieder sagt. Wer sich so von Gott geliebt und beschenkt erfährt, der wird auch seinen Mitmenschen mit Liebe und Barmherzigkeit begegnen.

Auferstehung – Hoffnung

Gottes Kraft behütet euch durch den Glauben, damit ihr die Rettung erlangt, die am Ende der Zeit offenbart werden soll. Deshalb seid ihr voll Freude, wenn es für kurze Zeit jetzt sein muss, dass ihr durch mancherlei Prüfungen betrübt werdet. Dadurch soll sich eure Standfestigkeit im Glauben, die kostbarer ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist, herausstellen – zu Lob, Herrlichkeit und Ehre bei der Offenbarung Jesu Christi. (1Petr 1,5-7)

Der Erste Petrusbrief richtet sich an Gemeinden in Kleinasien, die unter Verfolgungen zu leiden haben. Gleich zu Beginn macht der Verfasser, der wahrscheinlich nicht mit dem Apostel Petrus identisch ist, den Kern der christlichen Botschaft deutlich: die Auferstehung Jesu Christi. Christus lebt und mit ihm haben alle Gläubigen Anteil an einem neuen Leben im Reich Gottes.

Welche Antwort geben wir, wenn wir nach dem Grund dafür gefragt werden, warum wir Christen sind? Sind wir es einfach nur, weil unsere Eltern uns haben taufen lassen, oder weil wir es so gewohnt sind? Gehen wir nur zur Kirche, weil sie so gute Angebote für Kinder und Gruppen bietet? Haben wir uns daran gewöhnt, die Auferstehung für etwas ganz Gewöhnliches zu halten, oder staunen wir auch heute noch, wenn wir dieses Wort hören – Auferstehung – und versuchen immer tiefer zu verstehen, was das bedeutet?

Der Glaube an die Auferstehung und ein neues, unvergängliches Leben war sicher für viele Menschen des 1. Jahrhunderts der Grund dafür, dass sie sich zum Christentum bekehrt haben. Viele konnten damals noch die Apostel als die ersten Zeugen der Auferstehung mit eigenen Ohren hören, wie sie voller Begeisterung davon berichtet haben, dass Jesus, der am Kreuz gestorben ist und begraben wurde, plötzlich wieder in ihrer Mitte stand.

Der auferstandene Christus ist in der ganzen Welt gegenwärtig, es gibt keinen Ort der Gottferne mehr, nicht einmal das Reich des Todes, die Unterwelt und auch nicht die Hölle. Es gibt keine Situation, in der Christus nicht bei uns sein kann, es gibt keinen Weg, den er nicht mit uns geht. Und doch machen wir oft die Erfahrung der Gottferne, fragen uns, wie Gott das zulassen kann.

Auch die frühen Christen haben angefangen, an ihrer Begeisterung von der Auferstehung zu zweifeln, als sie plötzlich wegen ihres Glaubens verfolgt und von ihren Mitmenschen gemieden wurden. Der Erste Petrusbrief mahnt zur Standhaftigkeit, will den Zweifelnden sagen, dass nach der Zeit der Verfolgung eine Zeit kommen wird, in der sich der christliche Glaube vor aller Augen als erhaben erweisen wird. Aber ist das wirklich so?

Die Kirchengeschichte zeigt uns den Weg der Ausbreitung des Christentums. Verfolgungen konnten das Christentum nicht auslöschen. Schließlich wurde es im 4. Jahrhundert zur offiziellen Religion im Römischen Reich, hat dessen Untergang überdauert und prägt die Kultur des Abendlandes bis heute. Aber das ist nur eine Seite der Geschichte. Nur wenig erfahren wir über die Kirchen des Ostens, die gleichzeitig mit denen im Römischen Reich entstanden sind und ebenso wie diese apostolischen Ursprung haben.

Ich frage mich oft, warum wir so wenig über das Leben der Apostel nach Pfingsten wissen. Das meiste davon stammt aus dem Bereich der Legende und wird von der historischen Forschung als weitgehend wertlos verworfen. Wir können gut die Mission des Paulus verfolgen, der rastlos das Römische Reich durchwandert hat, wir wissen, dass Petrus im östlichen Mittelmeerraum missioniert hat und ebenso wie Paulus nach Rom gekommen ist. Mit Johannes verbinden wir die Mission in Kleinasien. Die meisten Apostel aber sind nach Osten gewandert, nach Syrien uns Mesopotamien und darüber hinaus bis nach Indien wie der Apostel Thomas. Aber darüber haben wir kaum zuverlässige Berichte. Anscheinend bot allein das Römische Reich die Möglichkeit, dass Schriften wie die Paulusbriefe bis in unsere Zeit überdauert haben.

Ebenso wenig wie über die Mission der Apostel im Nahen und Fernen Osten wissen wir über die christliche Welt, die dort nach deren Wirken entstanden ist. Es gab blühende christliche Gemeinden in Syrien, Persien, Zentralasien und Indien. Diese blieben auch nach der islamischen Eroberung dieser Gebiete weitgehend bestehen. Erst im 14. Jahrhundert verschwanden diese Kirchen zunehmend und was sich seither noch erhalten hat wird in der heutigen Zeit nahezu vollständig ausgelöscht.

Oder blicken wir auf Kleinasien. Dort ist nach der Zeit der Verfolgungen in den ersten Jahrhunderten die Kirche tatsächlich für über tausend Jahre aufgeblüht. Heute aber finden wir dort so gut wie keine Christen mehr. Auf Zeiten der Verfolgungen können also durchaus Zeiten der Blüte folgen, aber sie können auch die nahezu vollständige Auslöschung des Christentums mit sich bringen.

Ich glaube dass es uns Menschen nahezu unmöglich ist, eine Antwort auf das „Warum“ dieser Tatsache zu geben. Die Frage nach dem Schicksal des christlichen Glaubens in den einzelnen Regionen dieser Welt muss genauso unbeantwortet bleiben wie die Frage nach dem Schicksal jedes einzelnen Gläubigen. Wir kennen viele Beispiele dafür, dass Menschen aus großer Not durch die Kraft des Glaubens gerettet wurden, aber wir kennen genauso viele Beispiele dafür, dass gläubige Menschen vom Leid überwältigt wurden.

Was bleibt also von der großen Hoffnung des Glaubens? Gilt auch für das Christentum und jeden einzelnen Christen das ganz normale Schicksal aller Menschen, das einige zu Gewinnern und andere zu Verlierern macht? Oder sind einfach unsere Maßstäbe falsch, mit denen wir zwischen Gewinnern und Verlierern unterscheiden? Vielleicht trösten uns einige fromme Antworten über so manche Zweifel hinweg, vielleicht lässt uns der Blick auf die Ecclesia Triumphans des Abendlandes die geschundene Kirche des Ostens vergessen, wie es über viele Jahrhunderte hinweg geschehen ist.

Doch heute merken wir auch in unserer abendländischen Welt, dass die Kraft der Kirche erlahmt ist. Viele wenden sich von ihr ab. Die Frage geht um: wie können wir die Menschen heute erreichen? Und es werden immer neue Konzepte erarbeitet, um Menschen für den Glauben zu gewinnen. Wie wird die Kirche diese Zeit überstehen?

Jesus lebt, diese Tatsache muss uns aufhorchen lassen. Es ist kein leeres Wort. Kraftvoll können wir uns mit der Macht des Auferstandenen auf der ganzen Welt verbinden. Überall ist Christus gegenwärtig, wo auch nur zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Glauben wir an seine Gegenwart in unserer Mitte.