Treue im Glauben (2Tim)

Du aber bleibe bei dem, was du gelernt und wovon du dich überzeugt hast. Du weißt, von wem du es gelernt hast; denn du kennst von Kindheit an die Heiligen Schriften, die dich weise machen können zum Heil durch den Glauben an Christus Jesus. Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes gerüstet ist, ausgerüstet zu jedem guten Werk. (2Tim 3,14-17)

Diese Worte, die Paulus an Timotheus schreibt, lösen in mir positive und negative Empfindungen aus. Zum einen ist das „Bleiben“ bei dem Überlieferten und Gelernten gut und wichtig, zum anderen aber hat jede Zeit, und ich denke besonders auch die heutige mit ihren raschen globalen Veränderungen, ihre ganz eigenen neuen Herausforderungen und Fragen, die wir nicht allein mit den Argumenten aus früheren Zeiten beantworten können.
Die Heiligen Schriften, von denen hier die Rede ist, sind in erster Linie die Schriften des Alten Testaments. Sie weisen hin auf Jesus Christus. Für die ersten Christen war es besonders wichtig zu zeigen, dass Jesus Christus der Messias ist, in dem die Verheißungen der Propheten ihre Erfüllung finden. Wer die Heiligen Schriften studiert, findet in ihnen den Beleg dafür, dass das, was Paulus und die anderen Apostel über Jesus Christus lehren, der Wahrheit entspricht, und er findet in ihnen auch die Argumente dafür, dass die verschiedenen Irrlehrer, sei es aus dem Bereich des Judentums oder der Gnosis, nicht in der Tradition der Wahrheit stehen.
Somit muss das „Bleiben“ in der Tradition nicht unbedingt rückständig sein. Nur wer das Alte gelernt hat, kann dem Neuen begegnen. Es gibt eine Wahrheit, die durch alle Veränderungen der Geschichte hindurch feststeht. Sie zeigt uns den Menschen als von Gott geschaffenes und auf Gott hin ausgerichtetes Wesen und sie zeigt uns Gott als den Menschen zugewandt, so sehr, dass er in Jesus Christus Mensch wird, um uns zu begegnen und uns den Weg zum wahren Menschsein zu zeigen.
Aber wie können wir heute an einen Gott glauben, der den Menschen erschaffen hat? Wir wissen heute, dass die Schöpfungsberichte der Bibel nur Mythen sind. Wir wissen heute, dass die Welt nicht in sechs Tagen erschaffen worden ist, sondern dass es Milliarden von Jahren gedauert hat, bis die Erde zu einem bewohnbaren Planeten geworden ist. Wir wissen, dass die Erde im Universum keinerlei Sonderstellung hat. Wir sind nicht der Mittelpunkt der Welt, wie es bis vor nicht allzu langer Zeit allgemeiner Konsens war. Warum sollte gerade der Mensch, ein kleines Lebewesen auf einem im Nirgendwo eines riesigen Universums gelegenen Planeten solch eine Bedeutung haben, dass er Gottes Ebenbild ist? Und noch drängender die Frage: Gibt es überhaupt so etwas wie einen Gott im Universum?
Können wir solche Fragen einfach wegwischen mit dem Hinweis, dass die Heiligen Schriften es uns doch so lehren, dass es diesen Gott gibt? Nicht allein der Hinweis auf das Alter dieser Schriften ist Beleg für ihren Wahrheitsgehalt. Ich glaube vielmehr, dass es darauf ankommt, diese Schriften immer wieder neu mit Leben zu füllen. Wichtigstes Argument für Gott ist meiner Ansicht nach die Erfahrung jedes Menschen, der sich wirklich auf ein Leben mit Gott einlässt, dass dieser Gott zu allen Zeiten hält, was er verheißen hat. Gott schafft auch heute Leben, schenkt uns erfülltes Leben, wenn wir ihn zum Herrn unseres Lebens machen.
Die Heiligen Schriften, die Überlieferung der Kirche, das Zeugnis der Heiligen, all das zeigt uns den Weg, wie wir Gott finden, ihm begegnen können, wie es uns gelingt, mit ihm zu leben. Wir können glauben, dass Gott nicht existiert und so leben, als gäbe es ihm nicht. Aber wir können auch daran glauben, dass Gott existiert und so leben, dass er der Herr unseres Lebens ist. Nur wer sich auf das Abenteuer des Glaubens einlässt, kann Gott begegnen und die Erfahrung machen, dass es sich lohnt, den Weg mit ihm zu gehen.
Nur wer selbst lernt, Erfahrungen macht und so zu einer Überzeugung kommt, kann anderen Zeugnis geben. Verbinden wir das Alte mit dem Neuen, vor allem machen wir uns selbst auf den Weg mit diesem Gott, damit wir auch heute Zeugnis geben können vom Heil, das dieser Gott den Menschen schenken möchte. Die Zeit drängt und an jeden von uns ist der Aufruf aus dem Zweiten Timotheusbrief gerichtet:

Ich beschwöre dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden und der Toten, bei seinem Erscheinen und bei seinem Reich: Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne, in aller Geduld und Belehrung! (2Tim 4,1-2)

Verloren im Universum
oder geborgen bei Gott?
Für alles offen
oder auf der Suche nach dem einen Weg?
Verirrt
oder von Gott gefunden?
Nur Menschenworte
oder Gottes Wort, das lebendig ist?
Ich will leben
um zu erfahren
ich will erfahren
um Zeugnis zu geben
für das Leben
und den Gott des Lebens.
Amen.

Ammon, Wüstenvater

Es war um das Jahr 330, als Ammon sich in der südlich der Großstadt Alexandria gelegenen Wüste, die Nitria genannt wird, niederließ. Dort schlossen sich ihm mehrere Schüler an. Ammon kannte damals bereits Antonius den Großen, der weiter südöstlich, auf der anderen Seite des Nils, als Einsiedler lebte. Wir wissen nicht, wie oft Ammon den 13-tägigen Fußmarsch zu Antonius zurückgelegt hat, aber er hat ihn sicher mehrere Male besucht. Es wird berichtet, wie Ammon sich auf diesem Weg einmal verirrt hat und dann durch eine wie eine Hand aussehende Wolke von Gott auf den richtigen Weg gewiesen wurde oder auch, wie er von Engeln auf wundersame Weise über den Nil getragen wurde. Auch Antonius hat Ammon besucht.

Abbas Antonius kam einmal, um Abbas Ammon auf dem Berg Nitria zu besuchen, und als sie sich trafen sagte Ammon: „Durch dein Gebet nimmt die Zahl der Brüder zu und einige von ihnen möchten mehr Zellen bauen, in denen sie in Frieden leben können. Wie weit entfernt von hier sollen wir die Zellen bauen?“ Antonius antwortete: „Lass uns zur neunten Stunde essen und dann in die Wüste gehen, um die Gegend zu erkunden.“ So gingen sie in die Wüste hinaus und wanderten bis zum Sonnenuntergang. Dann sagte Antonius: „Lass uns beten und hier das Kreuz aufstellen, so dass jene, die das möchten, hier bauen können. Wenn diejenigen, die zurückbleiben, jene, die hier leben, besuchen wollen, dann können sie zur neunten Stunde etwas essen und dann kommen. So können alle untereinander in Kontakt bleiben, ohne dass ihre Gedanken abgelenkt werden.“ (Apophthegmata Patrum)

Es war also wichtig, dass die Brüder so nah in Kontakt standen, dass sie sich gegenseitig aufbauen konnten, aber doch so weit entfernt waren, dass sie einander nicht störten, das bedeutet, dass sie einander nicht sehen und hören konnten, wenn sie, wie es damals üblich war, laut beteten oder in der Heiligen Schrift lasen. Zugleich sollte der Weg aber nicht zu weit sein, damit sie sich zur gemeinsamen Feier der Eucharistie am Sonntag treffen konnten. Nur wenige der Mönche waren Priester.
In der Einsamkeit kam es auch immer wieder vor, dass einzelne Brüder Fehler begingen. Hier zeigt sich die große Barmherzigkeit der Väter. Denn ihnen lag nicht daran, dass jene, die gefallen waren, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden, sondern dass sie Barmherzigkeit erfuhren und so neue Kraft erhielten, in der nächsten Anfechtung standhaft zu bleiben. Dazu gibt es folgende Geschichte über Ammon:

Der Altvater Ammon kam einmal irgendwo hin, um zu essen. Dort befand sich einer, der einen schlechten Ruf hatte. Es begab sich, dass eine Frau daherkam und in das Kellion des Bruders mit dem üblen Ruf ging. Als die Bewohner des Ortes das erfuhren, gerieten sie in Aufregung und taten sich zusammen, um ihn aus seinem Kellion zu vertreiben. Als sie erfuhren, dass Ammon im Ort sei, gingen sie zu ihm und forderten ihn auf, mit ihnen zu kommen. Als der Bruder das merkte, nahm er die Frau und versteckte sie in einem großen Fass. Als nun die Menge eintraf, wusste der Altvater Ammon bereits, was vorgefallen war, doch um Gottes willen verdeckte er die Sache. Er trat ein, setzte sich auf das Fass und ordnete eine Durchsuchung des Kellions an. Aber, obwohl sie sorgsam suchten, fanden sie die Frau nicht. Da sagte der Altvater Ammon: „Was ist das? Gott soll euch vergeben!“ Er ließ ein Gebet verrichten und schickte alle hinaus. Dann nahm er den Bruder bei der Hand und ermahnte ihn: „Gib auf dich acht, Bruder!“ Nach diesen Worten ging er weg. (Apophthegmata Patrum)

Zu Lebzeiten von Ammon gehörten etwa 500 Mönche zur Gemeinschaft von Nitria und Kellia. Später ging ihre Zahl in die Tausende. Ammon starb vor seinem Freund und Gefährten Antonius, denn es wird berichtet, dass Antonius sah, wie die Seele von Ammon in den Himmel getragen wurde.

Offenbar mit Christus (Kol 3)

Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit. Darum tötet, was irdisch an euch ist: Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Begierde und die Habsucht, die Götzendienst ist! (Kol 3,4-5)

Christus lebt! Das ist die zentrale Botschaft des Christentums. Wir haben uns wahrscheinlich schon zu sehr an diese Aussage gewöhnt, so dass sie kaum mehr Begeisterung in uns weckt. Aber wir müssen uns immer wieder neu lebendig vor Augen führen, was das bedeutet. Es gibt jemand, der durch den Tod in ein neues Leben hinüber gegangen ist, der uns dann von dieser Welt „jenseits“ des Todes begegnet ist und uns zweifelsfrei versichert hat, dass auch wir zu diesem neuen Leben gelangen können.

Das wird an einem Tag sein, an dem Christus wiederkommt. An dem er vor der Welt offenbar wird, sichtbar, wie er es eine gewisse Zeit lang für seine Jünger gewesen ist. Die ersten Christen haben geglaubt, dass dieser Tag bald sein wird. Jetzt sind schon etwa 2000 Jahre vergangen und noch immer ist dieser Tag nicht eingetreten. Wir wissen nicht, wann er kommen wird, aber wir glauben dennoch daran, dass Jesus uns die Wahrheit gesagt hat. Wenn dann jener Tag kommt, werden diejenigen, die dessen würdig sind, bei Jesus sein. Wie Christus dann vor aller Welt offenbar wird, so werden auch die Gläubigen mit ihm offenbar werden, so dass alle Welt sehen kann, wer zu ihm gehört.

Versuchen wir einmal uns vorzustellen und nachzufühlen, wie es ist, wenn wir plötzlich vor den Augen aller bei Christus stehen. Fühlen wir vielleicht, dass da in uns noch etwas ist, was dem widerspricht? Merken wir, dass jemand, der in Sünde lebt, dieses Platzes nicht würdig ist? Halten wir uns stets diesen Tag vor Augen, an dem wir vor den Augen aller Welt neben Christus stehen werden. Prüfen wir uns jeden Tag, ob wir leben, dass wir dessen würdig sind.

Dabei kommt es nicht allein auf uns an. Wollten wir aus eigener Kraft und Vollkommenheit auf diesen Platz gelangen, dann würden wir es nie erreichen. Christus hat uns rein gemacht und geheiligt. Weil er uns liebt, will er uns in sein Reich holen. Aber doch erwartet er von uns, dass wir unser Leben auf dieses Ereignis hin ausrichten. Jesus lässt sich nicht täuschen, er sieht unser Herz. Im Christentum kommt es nicht auf Äußerlichkeiten an. Heiligkeit beginnt im Herzen und von dort strahlt sie in die Welt.

Herr Jesus,

lass mich stets daran denken

dass du mich geheiligt hast.

Lass mich nie vergessen,

welche Würde du mir geschenkt hast.

Ich will stets so leben,

wie du es mir gezeigt hast.

Hilf du mir dabei

und verzeih mir,

wenn ich schwach geworden bin.

Lass mein Herz rein sein,

dass du darin wohnen kannst

und so durch mein Herz

deine Liebe in die Welt strahlt

als Zeichen deiner Herrlichkeit

sie jetzt schon in der Welt ist

und einmal in ihrer Fülle

offenbar werden wird.

Amen.

Christus auf Welle (Kol 3)

Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. In aller Weisheit belehrt und ermahnt einander! Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in euren Herzen! Alles, was ihr in Wort oder Werk tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Dankt Gott, dem Vater, durch ihn! (Kol 3,16-17)

Der Kolosserbrief im Ganzen ist eine Erinnerung der Christen daran, was es heißt, sich ganz auf Christus hin auszurichten und das im täglichen Leben umzusetzen, was mit der Taufe begonnen hat. Mir kam hier das Bild von einem Radio in den Sinn. Wenn ich einen bestimmten Sender suche, muss ich das Radio auf eine ganz bestimmte Frequenz einstellen. Heute geht das meist sehr einfach, weil das Radio per Knopfdruck selbst die Sender sucht. Aber bei manchen Modellen muss man auch heute noch wie früher an einem Knopf drehen und so die einzelnen Frequenzen nach dem gewünschten Sender absuchen. Dabei muss ich ganz genau sein, denn wenn ich nur ein klein wenig zu viel nach links oder rechts drehe ist der Empfang nicht mehr ganz klar und von Rauschen gestört.

Ähnlich will auch der Kolosserbrief, dass die Menschen den Empfang genau auf Jesus Christus einstellen, auf die Botschaft, das Wort, das ihnen verkündet wurde. Nur wenn sie den Sender richtig einstellen, können die Menschen den ganzen Reichtum und die ganze Fülle dieses Wortes empfangen. Haben sie nicht die richtige Frequenz, tritt Rauschen auf, vermischen sich Aberglaube und Irrlehre mit dem Glauben und die christliche Botschaft wird verzerrt. Mit dem Rauschen treten dann neben Jesus Christus andere Dinge. Wird der Empfang zu weit nach rechts gedreht, gewinnt ein immer stärkerer Formalismus an Bedeutung, dann sind Äußerlichkeiten, Riten und Regeln plötzlich wichtiger als der reine Glaube des Herzens. Dreht man zu weit nach links, dann wirft man leicht manche Regeln und Riten, die im Glauben weiterhelfen, über Bord und steuert auf einen allzu freizügigen Umgang mit überlieferten Geboten zu.

Die Mitte ist immer schwer zu finden, aber genau in der Mitte findet man Jesus Christus so wie er ist, findet man die wahre Weisheit, die er uns lehren will. Wir sollen einerseits auf dem Boden der Tradition stehen, andererseits aber auch den Mut haben, unseren ganz persönlichen Weg mit Jesus Christus zu gehen, im festen Vertrauen darauf, dass er uns führt und wir uns nicht an irgendwelche überholten Rituale halten müssen. Jesus schenkt uns die Freiheit des Herzens, die aber zugleich auch die Aufgabe in sich enthält, verantwortungsvoll mit dieser Freiheit umzugehen.

Ein schwieriger Weg, aber wer ihn findet, wir die Kraft des Glaubens spüren, wird befreit und von Gott getragen seinen Weg gehen und Gott aus ganzem Herzen Lob und Dank sagen. Gott will nicht, dass unser Loblied müde und gezwungen über unsere Lippen kommt. Er will, dass wir aus ganzem Herzen singen, weil wir befreit sind und unendlich beschenkt.

Leben aus Gottes Kraft (Kol 2)

Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch auferweckt, durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat. Ihr wart tot infolge eurer Sünden und euer Fleisch war unbeschnitten; Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und uns alle Sünden vergeben. Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat. (Kol 2,12-14)

Der Brief an die Kolosser möchte die Gläubigen stärken im Vertrauen auf Jesus Christus. Es scheinen kurze Zeit nach der Entstehung der christlichen Gemeinde fremde Lehrer aufgetreten zu sein, die die Menschen verunsichert haben. Gibt uns der Glaube an Jesus Christus wirklich alles, was wir brauchen? Ist unser Leben „sicher“, wenn wir uns allein auf Christus verlassen?

Seit allen Zeiten suchen die Menschen nach etwas, das ihnen Halt gibt. Wir kennen Talismane, besondere Gebete und Opfer, Beschwörungsformeln und vieles mehr, das diesen Zweck erfüllen soll. Die Menschen wollen sich die Mächte des Schicksals wohlgesonnen machen, damit die im Leben Erfolg haben.

Das Christentum hat von Anfang an solche Praktiken abgelehnt. Sie bringen nichts, sie führen nur in Abhängigkeiten und Zwänge. Zwar mag der einzelne glauben, dass er gerade dann Erfolg hat, wenn er gewisse Praktiken befolgt oder dass Misserfolg auf der Vernachlässigung solcher Praktiken beruht, doch diese subjektive Wahrnehmung hält einer objektiven Überprüfung nicht stand. Es ist aber schwer, den Menschen dies plausibel zu machen. Aus diesem Grund haben selbsternannte Wunderheiler und Scharlatane immer wieder Erfolg und können andere überzeugen, meist mehr zu ihrem eigenen Vorteil als zum Nutzen der anderen.

Das Christentum hatte von Anfang an mit allen möglichen Formen von Aberglauben zu kämpfen. Oft behalten die Neubekehrten etwas von dem, was ihnen aus alter Zeit vertraut war. Solche Gegenstände und Gewohnheiten sind nicht immer so offensichtlich aus der Welt zu schaffen, wie es Bonifatius beispielsweise durch das Fällen der Donar-Eiche praktiziert hat. Vielerorts wurden alte mystische Orte einfach verchristlicht und leider hat man damit nicht immer das alte abergläubische Denken aus den Köpfen der Menschen vertrieben. Selbst manche frommen Christen glauben, dass sie durch eine bestimmte Zahl fester Gebete mehr Hilfe von Gott bekommen, als durch ein im gläubigen Vertrauen auf Gott gesprochenes kurzes persönliches und frei formuliertes Gebet.

Aberglaube ist allgegenwärtig, auch in unserer modernen Zeit. Der Mensch braucht etwas, woran er sich halten kann. Gerade das ist eine der großen Hürden für das Christentum zu allen Zeiten, denn es ist eine Religion, in der sich Gott von den Menschen nicht durch besondere Handlungen und Opfer manipulieren lässt, eine Religion, die sich nicht auf Äußerlichkeiten beschränkt, sondern vielmehr die Reinheit des Herzens fordert. Der Gott der Christen ist ein Gott, der erwartet, dass der Mensch alles vor ihm offenlegt und ganz auf ihn vertraut, weil er sich ganz dem Menschen schenken will und nicht weniger vom Menschen erwartet, als dass dieser sich ebenso vollkommen an ihn ausliefert.

Leider vergessen die meisten Christen diese radikale Seite des Christentums. Hier steht es aber ganz deutlich. In der Taufe werden wir mit Christus begraben, unser altes Leben wird gänzlich ausgelöscht und durch die Teilhabe an der Auferstehung Christi werden wir zu vollkommen neuen Menschen. Wir sind nun Christus ähnlich, sind mit ihm verbunden und dazu berufen, ihm immer ähnlicher zu werden. Wir brauchen keine äußerlichen Zeichen für diesen Glauben, weil wir selbst als Ganzes ein solches Zeichen sind. Das Christentum zeigt sich nicht in einzelnen Symbolen, sondern lebendig und leibhaftig in jedem einzelnen Gläubigen.

Herr Jesus,

lass mich begreifen,

dass ich durch dich zu einem

neuen Menschen geworden bin,

dir ähnlich

und dazu berufen,

dein Bild in der Welt zu sein.

Lass mich leben aus deiner Kraft

und hilf mir,

ganz auf dich zu vertrauen

und mir stets dessen gewiss sein,

dass ich außer dir nichts brauche

in meinem Leben,

dass du mir alles schenkst,

was notwendig ist.

Herr Jesus,

nimm mich mir

und gib mich ganz zu eigen dir.

Amen.

Reich des Lichtes und der Liebe (Kol 1)

Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind. (Kol 1,12)

Was ist die Mitte christlichen Glauben, der Anlass zu höchster Freude und überschwänglichem Dank? Es ist nichts Geringeres als die Tatsache, dass wir schon jetzt zusammen mit den Heiligen leben. Als Gläubige sind wir verbunden mit der Welt des Lichts, in der es keine Schatten gibt, in der Gottes Herrlichkeit sichtbar leuchtet und alles erfüllt, in der alle durchdrungen sind von Gottes Licht und in diesem Licht eins sind mit dem Vater und dem Sohn im Heiligen Geist.

Als Gläubige sind wir bereits hier auf der Erde, wo es neben dem Licht auch Finsternis und Schatten gibt, mit Gottes Reich verbunden. Christus hat das Himmelreich auf die Erde gebracht und spricht davon in seinen Reden und Gleichnissen, um das Kommen dieses Reiches beten wir täglich im Vater Unser. Für dieses Rech lohnt es sich, alles aufzugeben, weil es bedeutungslos ist im Vergleich zu der Fülle, die wir von Gott empfangen.

Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. (Kol 1,13)

Der Vater hat uns in das Reich seines Sohnes aufgenommen. Die Finsternis hat keine Macht mehr über uns, weil das Licht stärker ist als die Finsternis. Auch wenn, solange wir noch auf der Erde leben, es neben Gottes Licht auch Schatten gibt, herrscht doch keine vollkommene Finsternis mehr. Es gibt hier auf der Erde keinen Ost, den die Strahlen von Gottes Licht nicht erreichen könnten. An jedem Ort, und mag er uns noch so finster erscheinen, ist auch ein Strahl von Gottes Liebe, der stärker ist als die Finsternis. Seien wir uns stets dessen bewusst, was Gott uns geschenkt hat und danken ihm stets dafür. Wir brauchen nicht weiter zu suchen, wir haben bereits die Fülle empfangen.

Danke, Vater,

dass du dich uns zugewandt hast in deinem Sohn.

Danke Herr Jesus Christus,

dass du für uns Mensch geworden bist

und das Reich deines Vaters

auf die Erde gebracht hast.

Es ist dein Reich,

das Reich des Lichtes und der Liebe,

in dem alle leben,

die bereits vollkommen sind,

zusammen mit denen,

die dir immer ähnlicher werden wollen.

Amen.

Das Wort ist dir nahe

Denn dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten. (Dtn 30,11-14)

Gott hat dem Volk Israel seine Gebote gegeben. Neben dem Herzstück, den Zehn Geboten, sind dies etliche weitere Vorschriften, die das Zusammenleben des Volkes mit seinem Gott und untereinander regeln. Gott hat mit Israel einen Bund geschlossen der besagt, dass Israel in Frieden in seinem Land leben wird, wenn es diese Gebote befolgt.

An erster Stelle steht das Gebot der Einzigkeit Gottes. Israel soll seinen Gott als den einzigen Herrn erkennen und anerkennen und keine fremden Götter verehren. In den einzelnen Vorschriften über den Kult wird ausgeführt, wie die Verehrung Gottes erfolgen soll. Die weiteren Gebote regeln das Zusammenleben der Menschen untereinander. Es geht um den Zusammenhalt der Familie und um die Regeln für ein friedliches Miteinander der Menschen.

Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass die Gebote nicht schwer zu befolgen sind, sie sind nicht etwas Unnatürliches, das dem Menschen fremd wäre oder über seine Kraft hinausginge. Sie zu befolgen ist nichts Unmögliches, wie in den Himmel hinaufzusteigen oder über das Meer zu fahren (Israel war kein Seefahrer-Volk. Nur von Salomo wird berichtet, dass er eine Flotte hatte. Das Meer hatte für Israel stets etwas Bedrohliches, galt geradezu als Überbleibsel des Ur-Chaos, und man konnte sich nicht vorstellen, dieses zu bezwingen).

Die Gebote sind dem Menschen nicht fremd, sondern sie sind etwas Naheliegendes, geradezu Selbstverständliches. Wer darüber nachdenkt, wie eine gerechtes Zusammenleben unter Menschen möglich ist, wird zu dem Schluss kommen, dass das Gesetz des Alten Testamens eine der besten Lösungen dafür ist. Zumindest wenn wir dessen Kern, die Zehn Gebote, betrachten. Einige Vorschriften sind in der Tat nicht mehr zeitgemäß, gerade was die Überordnung des Mannes über die Frau betrifft oder die Anwendung der Todesstrafe.

Einzelne Gesetze ändern sich im Laufe der Zeit, aber ihr Kern bleibt gleich. Es ist die Frage danach, wie ein gerechtes Zusammenleben unter Menschen möglich ist. Wie kann die Familie als Keimzelle der Gesellschaft geschützt werden, und sichergestellt werden, dass Menschen auch im Alter und in Krankheit noch menschenwürdig leben können? Wie kann der Besitz des einzelnen vor dem geschützt werden, der sich auf Kosten anderer bereichern will? Wie können Menschen geschützt werden vor Mord oder Verleumdung? Warum ist es besser, der Wahrheit und Gerechtigkeit den Vorzug zu geben vor Lüge und Ausbeutung?

Jeder Mensch weiß eigentlich, was wahr und gerecht ist. Wir sprechen hier vom Gewissen, das jeder Mensch hat. Aber obwohl er es weiß, tut der Mensch nicht immer das, was wahr und gerecht ist, vor allem deshalb, weil Lüge und Ungerechtigkeit mitunter einen größeren materiellen Vorteil bieten. Hier ist es dann Aufgabe von Gesetzen, durch Androhung von Strafen dafür zu sorgen, dass der mögliche Vorteil durch eine mögliche Strafe soweit unattraktiv wird, dass es dann doch besser erscheint, sich an die Regeln zu halten.

Der Staat kann jedoch mit dem ihm zur Verfügung stehenden Mitteln nicht in allen Fällen für die Einhaltung der Ordnung der Gesetze sorgen. Gerade wenn sich die Verstöße häufen, muss er sich auf die Ahndung schwerwiegender Vergehen beschränken. Es war aber schon immer so, dass auch die Gesellschaft selbst für die Einhaltung der Gesetze sorgt, sei es, dass durch die Aufmerksamkeit anderer kleinere Diebstähle und Betrügereien verhindert werden, sei es, dass mutige Bürger das Wort ergreifen, wenn andere durch Rüpeleien bedroht werden.

Natürlich geht es hier nicht darum, Selbstjustiz zu üben, für die Ahndung von Straftaten ist allein der Staat zuständig. Ich meine aber, dass das friedliche Miteinander von Menschen im Kleinen auch durch das mutige Aufstehen von Menschen vor Ort gestaltet werden kann. Es geht darum, auf breiter Basis wieder ein Gespür für das eigene Gewissen zu wecken. Viele Menschen testen immer wieder aus, wie weit sie gehen können und wenn sie keinen Widerstand spüren, werden sie immer mehr ihren eigenen Vorteil suchen und immer weniger auf andere Rücksicht nehmen.

Viele nehmen in unserer Gesellschaft eine wachsende Ungerechtigkeit wahr, eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Reich und Arm. Immer weniger Menschen besitzen einen immer größeren Teil des Vermögens. Zudem steigen Mieten und Lebenshaltungskosten, so dass für viele Menschen immer weniger zum Leben bleibt. Immer mehr rutschen in Langzeitarbeitslosigkeit und fühlen sich am Rand der Gesellschaft. Junge Menschen sehen in der bestehenden Ordnung keine Perspektive mehr. Es kommen immer mehr Flüchtlinge in unser Land, die trotz materieller Hilfe zu wenig Hilfe bei der Eingliederung in unsere Gesellschaft bekommen. Es genügt nicht, hier auf staatliche Aktivitäten zu warten. Natürlich muss der Staat hier im Großen verschiedene Maßnahmen in die Wege leiten. Es kommt aber auch auf das kleine Engagement der Menschen vor Ort an. Was sagt mir mein Gewissen, wie ich in meiner Umgebung der wachsenden Ungerechtigkeit entgegensteuern kann? Welchen kleinen Beitrag kann ich dazu leisten? Hier ist Kreativität gefragt und der Mut, auch einmal aus den gewohnten Bahnen auszubrechen. Oft reicht nur eine Kleinigkeit. Wir müssen nicht die Sterne vom Himmel holen oder einen Schatz vom anderen Ufer des Meeres. Der Stern ist in uns, die Schätze vor unserer Tür, wir müssen sie nur entdecken und dann mit anderen teilen.

Priska und Aquila

Hierauf verließ Paulus Athen und ging nach Korinth. Dort traf er einen aus Pontus stammenden Juden namens Aquila, der vor Kurzem aus Italien gekommen war, und dessen Frau Priscilla. Claudius hatte nämlich angeordnet, dass alle Juden Rom verlassen müssten. Diesen beiden schloss er sich an, und da sie das gleiche Handwerk betrieben, blieb er bei ihnen und arbeitete dort. Sie waren Zeltmacher von Beruf. (Apg 18,1-3)

Auf seiner zweiten Missionsreise kommt Paulus nach seiner Mission in Athen nach Korinth. Diese blühende Stadt, mit Einwohnern aus allen bekannten Völkern mit ihren verschiedenen Religionen, bot ein breites Missionsfeld. Zunächst sucht Paulus, wie in anderen Städten auch, die jüdische Gemeinde auf. Dort begegnet er Aquila und dessen Frau Priszilla (oder Priska), die ihn bei seiner weiteren Missionstätigkeit unterstützen werden.
Aquila und Priska/Priszilla sind griechisch-römische Namen, Aquila bedeutet Adler, Priszilla ist die Verkleinerungsform von Priska, „die Ehrwürdige“. In den Paulusbriefen finden wir den Namen Priska, während Lukas in der Apostelgeschichte den Namen Priszilla verwendet. Oft wird Priska vor ihrem Mann Aquila genannt, was möglicherweise darauf hinweist, dass Priska eine bedeutendere Stellung hatte als ihr Mann. Ein schickliches „ladies first“ wie heutzutage kannte man in der patriarchalisch ausgerichteten Gesellschaft der Antike nicht. Auf jeden Fall wird die große Wertschätzung des Apostels für das Ehepaar deutlich und deren wichtige Bedeutung für das Missionswerk des Paulus.
Priska und Aquila waren Juden. Aquila kam ursprünglich aus Pontus an der Südküste des Schwarzen Meeres, während Priska wahrscheinlich aus Rom stammte. Die beiden lebten als Ehepaar zusammen in Rom und sind höchstwahrscheinlich bereits dort zu Christen geworden. Wann die christliche Gemeinde in Rom genau entstanden ist und wer dort als erstes missioniert hat, wissen wir nicht mit Sicherheit. Paulus schreibt seinen Römerbrief bereits an eine christliche Gemeinde in Rom, um dieser vor seinem Besuch seine Lehre darzulegen. Wahrscheinlich ist die Gemeinde auch noch vor der Ankunft des Petrus entstanden, der ja bekanntlich in Rom gewirkt hat und dort das Martyrium erlitten hat. Bei der vielfältigen Reisetätigkeit im Römischen Reich und bei der Bedeutung Roms als Mittelpunkt des Reiches ist es nicht verwunderlich, wenn bereits kurze Zeit nach Jesu Tod Menschen aus Judäa oder Syrien nach Rom gekommen sind, die Jesus und die Urkirche kannten und den Glauben in Rom verkündet haben.
In Rom war es dann auch zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Juden und Judenchristen gekommen, die den Kaiser Claudius im Jahr 49 dazu veranlasst haben, die Unruhestifter aus der Stadt zu weisen. Der römische Geschichtsschreiber Sueton berichtet in seiner Vita der römischen Kaiser, dass Claudius die Juden aus Rom verwiesen hat, weil „sie wegen eines gewissen Chrestus Unruhen anzettelten.“ (Iudaeos impulsore Chresto assidue tumultuantis Roma expulit.)
So mussten auch Priska und Aquila Rom verlassen und kamen nach Korinth, wo sie Paulus begegnet sind. Zufälligerweise übten sie das gleiche Handwerk aus wie dieser. Sie waren Zelttuchmacher, ein wie die meisten Handwerksberufe im Römischen Reich nicht sehr angesehener, dafür aber sehr anstrengender Beruf. Zelttücher brauchte man nicht nur für Zelte, wie sie unter anderem das Militär benutzte, sondern auch als Sonnenschutz für Marktstände oder Theater und Arenen. Paulus arbeitete mit den beiden zusammen. Er wird später im Ersten Korintherbrief (1Kor 4,12 und 9,15) darauf hinweisen, dass er sich in Korinth seinen Lebensunterhalt eigenhändig verdient hat, und nicht wie es manch andere Missionare tun und wie es einem Missionar auch zustehen würde, auf Kosten der Gemeinde gelebt hat.
Doch bald nachdem seine Mitarbeiter Silas und Timotheus eingetroffen sind, widmet sich Paulus ganz der Mission und wohnt nun im Haus eines gottesfürchtigen – das bedeutet dem Judentum nahestehenden – Heiden. Wegen entstehender Unruhen unter den Juden grenzt Paulus sich nun mehr und mehr von der Synagoge ab und wendet sich an die Heiden, was aber zu erneutem Streit mit den Juden führt, vor allem weil sich auch weiterhin Juden zum Christentum bekehrten und sich taufen lassen.

Paulus blieb noch längere Zeit. Dann verabschiedete er sich von den Brüdern und segelte zusammen mit Priscilla und Aquila nach Syrien ab. In Kenchreä hatte er sich aufgrund eines Gelübdes den Kopf kahl scheren lassen. Sie gelangten nach Ephesus. Dort trennte er sich von den beiden; er selbst ging in die Synagoge und redete zu den Juden. (Apg 18,18-19)

Bei seiner Abreise aus Korinth nimmt Paulus das Ehepaar Priska und Aquila mit nach Ephesus. Von einer Mission des Paulus in dieser Stadt erfahren wir zu diesem Zeitpunkt wenig. Lediglich in der Synagoge hat Paulus gepredigt, wollte aber nicht länger in Ephesus verweilen, denn er hatte es eilig, nach Jerusalem zu kommen, das er auf dem Seeweg über Cäsarea erreichte. Lukas berichtet nicht weiter über den Jerusalemaufenthalt des Paulus. So schnell wie er dort angekommen ist, scheint er nach dem Bericht des Lukas die Stadt auch wieder verlassen zu haben. Nun wandert Paulus auf dem bereits vertrauten Weg von Antiochia durch das galatische Land und auf der alten Königsstraße weiter nach Ephesus.

Während der Jerusalemreise des Paulus sind Priska und Aquila in Ephesus geblieben. Lukas berichtet nichts genaues, aber wahrscheinlich haben sie während der Abwesenheit des Paulus dort missioniert. Sie begegnen in Ephesus einem aus der ägyptischen Metropole Alexandria stammenden Juden namens Apollos. Dieser war ähnlich wie Paulus als Missionar tätig. Paulus erwähnt ihn in seinen Briefen und es wird deutlich, dass die beiden nicht immer einer Meinung waren und Paulus darum bemüht war, sein Missionsfeld von dem des Apollos klar abzugrenzen.
Zunächst aber benötigt Apollos noch eine tiefere Unterweisung im Glauben an Jesus Christus. Wir wissen nicht, von wem er zuerst die christliche Botschaft gehört hat. Jedenfalls kannte er zu diesem Zeitpunkt nur die Johannestaufe und nicht die Taufe auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Ein Jude namens Apollos kam nach Ephesus. Er stammte aus Alexandria, war redekundig und in der Schrift bewandert. Er war unterwiesen im Weg des Herrn. Er sprach mit glühendem Geist und trug die Lehre von Jesus genau vor; doch kannte er nur die Taufe des Johannes. Er begann, mit Freimut in der Synagoge zu sprechen. Priscilla und Aquila hörten ihn, nahmen ihn zu sich und legten ihm den Weg Gottes noch genauer dar. Als er nach Achaia gehen wollte, schrieben die Brüder den Jüngern und ermunterten sie, ihn aufzunehmen. Nach seiner Ankunft wurde er den Gläubigen durch die Gnade eine große Hilfe. Denn mit Nachdruck widerlegte er die Juden, indem er öffentlich aus der Schrift nachwies, dass Jesus der Christus sei. (Apg 18,24-28)

Priska und Aquila leisten einen bedeutenden Beitrag zur Vertiefung des Glaubens. Und es wird nicht nur Apollos gewesen sein, den sie unterrichtet haben, sondern auch viele andere. Ihre Spur verliert sich hier in der Apostelgeschichte. Für Paulus bleiben sie weiterhin wichtige Mitarbeiter bei seinem Missionswerk. Wahrscheinlich sind sie im Jahr 54 nach dem Tod des Kaisers Claudius, wie viele andere Juden wieder nach Rom zurückgekehrt. Als Paulus um das Jahr 56/57 von Korinth aus seinen Brief an die Römer schreibt, sind Priska und Aquila ein wichtiger Bezugspunkt zur Gemeinde dieser Stadt, in der das Ehepaar mittlerweile eine Schlüsselposition eingenommen hat. Paulus schreibt am Schluss dieses Briefes:

Grüßt Prisca und Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus, die für mein Leben ihren eigenen Kopf hingehalten haben; nicht allein ich, sondern alle Gemeinden der Heiden sind ihnen dankbar. Grüßt auch die Gemeinde, die sich in ihrem Haus versammelt! Grüßt meinen lieben Epänetus, der die Erstlingsgabe der Provinz Asien für Christus ist! Grüßt Maria, die für euch viel Mühe auf sich genommen hat! Grüßt Andronikus und Junia, die zu meinem Volk gehören und mit mir zusammen im Gefängnis waren; sie ragen heraus unter den Aposteln und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt. (Röm 16,3-7)

Priska und Aquila hatten in Rom eine Hausgemeinde, in der sich ein wichtiger Teil der Christen Roms versammelt hat. Sie konnten den Römern von Paulus berichten. Was sie genau für Paulus getan haben, als sie für sein Leben ihren Kopf hingehalten haben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Aber allein schon die Tatsache, dass die beiden bereit waren, für den Völkerapostel ihr eigenes Leben hinzugeben, zeigt die enge Beziehung dieses Ehepaares zu Paulus. Interessant ist, dass Paulus mit Andronikus und Junia noch ein weiteres Ehepaar erwähnt, dass ihm sehr nahe steht und das gemeinsam für die Verkündigung des Glaubens eine so große Bedeutung hatte, dass Paulus sogar sagt, dass sie unter den Aposteln herausragen. Da sie bereits vor Paulus zu Christen geworden sind, müssen sie sich bald nach Jesu Tod in Jerusalem oder Judäa den ersten Christen angeschlossen haben. Möglicherweise gehören sie auch zu den ersten Christen, die nach Rom gekommen sind.
Eine weitere Erwähnung von Priska und Aquila findet sich im Ersten Korintherbrief, den Paulus um das Jahr 54/55 schrieb, als er sich zusammen mit Priska und Aquila in Ephesus aufgehalten hat. Priska und Aquila lassen durch diesen Brief ihre Grüße nach Korinth übermitteln. Hier sehen wir, dass die beiden in Ephesus ebenso wie später in Rom eine Hausgemeinde hatten und somit für die Mission in Ephesus eine entscheidende Bedeutung hatten.

Es grüßen euch die Gemeinden in der Provinz Asien. Aquila und Prisca und ihre Hausgemeinde senden euch viele Grüße im Herrn. Es grüßen euch alle Brüder. Grüßt einander mit dem heiligen Kuss! (1Kor 16,19-20)

Eine weitere Erwähnung finden Priska und Aquila im Zweiten Brief an Timotheus. Die Stelle ist sehr interessant, weil uns hier viele bekannte Namen begegnen:

Lukas ist als Einziger bei mir. Nimm Markus und bring ihn mit; denn er ist für mich nützlich zum Dienst. Tychikus habe ich nach Ephesus geschickt. Wenn du kommst, bring den Mantel mit, den ich in Troas bei Karpus gelassen habe, auch die Bücher, vor allem die Pergamente! Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses getan; der Herr wird ihm vergelten, wie es seine Taten verdienen. Nimm auch du dich vor ihm in Acht, denn er hat sich unseren Worten heftig widersetzt!
Bei meiner ersten Verteidigung ist niemand für mich eingetreten; alle haben mich im Stich gelassen. Möge es ihnen nicht angerechnet werden. Aber der Herr stand mir zur Seite und gab mir Kraft, damit durch mich die Verkündigung vollendet wird und alle Völker sie hören; und so wurde ich dem Rachen des Löwen entrissen. Der Herr wird mich allem bösen Treiben entreißen und retten in sein himmlisches Reich. Ihm sei die Ehre in alle Ewigkeit. Amen.
Grüße Prisca und Aquila und das Haus des Onesiphorus! (2Tim 4,11-19)

Wir begegnen hier Lukas und Markus, bei denen es sich wahrscheinlich um die beiden Evangelisten handelt und deren enge Verbindung zu Paulus hier deutlich wird. Der Brief spielt an die Situation der Mission in Ephesus an, die wir aus der Apostelgeschichte Kapitel 19 kennen. Unter Juden und Heiden kann Paulus in dieser Stadt viele Menschen für den Glauben an Jesus Christus gewinnen. Die christliche Gemeinde ist bereits so groß, dass die zahlreichen Silberschmiede, die ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Andenken der großen Artemis von Ephesus verdienen, um ihr Geschäft fürchten. Der Artemis-Tempel in Ephesus zählte zu den Weltwundern der Antike und wurde jedes Jahr von unzähligen Menschen besucht. Die Silberschmiede zetteln einen ungeheuren Tumult an, der die Stadtältesten sogar eine Intervention römischer Truppen fürchten lässt. Paulus kommt mit einem blauen Auge davon, macht sich aber schnell auf, die Stadt zu verlassen. Priska und Aquila setzen zusammen mit Timotheus, Onesiphorus und anderen die Mission in Ephesus fort.
Wenn wir die Anzahl der Nennungen von Priska und Aquila mit denen anderer Personen im Neuen Testament vergleichen, so wird deutlich, welch große Bedeutung diesem Ehepaar in der Verkündigung des Glaubens in der Frühzeit des Christentums zukommt. Zwar stehen sie stets im Schatten des Paulus, aber es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn wir sagen, dass sie in den Städten Korinth, Ephesus und Rom nachhaltiger für die Festigung des Glaubens gesorgt haben, als der Apostel Paulus selbst. Paulus hat die Menschen begeistert, hat mit seinen Briefen den Gemeinden eine ausführliche Darlegung des Glaubens und eine Anweisung zum christlichen Leben hinterlassen. Aber Glaube wird vor allem da lebendig, wo sich Menschen Sonntag für Sonntag im Namen Jesu versammeln.
Paulus war eine bedeutende Persönlichkeit und hat die Menschen beeindruckt. Aber er hatte kaum Zeit für den Einzelnen und war ständig unterwegs. Kaum hatte er in einer Stadt Fuß gefasst, musste er weiter ziehen. Priska und Aquila blieben. Zunächst in Ephesus und später in Rom haben sich die Christen in ihrem Haus versammelt. Hier hat man zusammen Eucharistie gefeiert und sich danach zur Agape getroffen, bei der sich die Einzelnen über ihre Erfahrungen mit dem Glauben ausgetauscht haben, und einander davon erzählten, welche Bedeutung Jesus Christus für ihr Leben hat, wo man auch über die Sorgen und Nöte des Alltags sprach und darüber, welche Lösungen man gemeinsam als Christen finden konnte.

Priska und Aquila sind Vorbilder dafür, wie Glauben lebendig wird. Auch in unseren Gemeinden brauchen wir solche Menschen. Gemeinde lebt davon, dass sich die Menschen neben der Eucharistie auch zum gegenseitigen Austausch treffen, dass die Christen wieder lernen, über ihren Glauben zu sprechen, dass jemand da ist, der von seinem Glauben an Jesus Christus erzählt, nicht nur der Priester in der Predigt, sondern Menschen, die einander davon erzählen, was Jesus Christus für sie und ihr Leben bedeutet.