Unergründliche Tiefe

O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! (Röm 11,33)

So schreibt Paulus im Römerbrief. Gottes Weisheit bleibt Menschen letztlich verborgen.Wer Gottes Weisheit verstehen will, muss innehalten und in die Tiefe gehen. Menschen fällt es jedoch leichter, sich für etwas zu entscheiden, das kompakt und verständlich daher kommt. Doch gerade das, was einfach erscheint, hat viele Mängel. Wir können uns nicht mit allem im Detail beschäftigen. Unser Wissen bleibt zwangsläufig begrenzt. Aber gerade deshalb müssen wir uns eine gesunde Distanz zu allem bewahren, was uns einfache Erklärungen liefern will. Wir müssen uns stets eine gesunde Offenheit bewahren für die verborgenen Geheimnisse der Wirklichkeit, die sich hinter den vielen Meinungen verbergen.

Haben wir Mut, in die Tiefe zu gehen und nicht an der Oberfläche stehen zu bleiben. Ja, wir müssen uns eine Meinung bilden, wir müssen Stellung beziehen zu den Fragen dieser Zeit. Aber unsere Meinung sollte nicht auf den Parolen der Populisten jedweder Richtung basieren, sondern auf dem Hinterfragen von allem, was man uns vorlegt. Vor allem müssen wir uns immer dessen bewusst sein, dass die Meinung, die wir uns gebildet haben, nicht der Wahrheit entspricht, sondern allenfalls eine Annäherung daran ist. Daher müssen wir auch stets den Mut haben, unsere Meinung zu ändern, wenn wir etwas entdeckt haben, mit dem wir der Wahrheit näher kommen als bisher.

Herr, mein Gott,
lass mich dich in allem erkennen, denn du bist der Schöpfer von allem und du hast deine Spuren in alles gelegt.
Lass mich stets wachsam sein, wenn andere mich mit ihrer Meinung beeinflussen wollen. Lehre mich tiefer zu blicken, nachzuforschen, und den Dingen auf den Grund zu gehen.
Lass mich nicht getrieben sein vom Gewirr der Meinungen, sondern gib mir eine feste Überzeugung, die ich gegen andere Meinungen verteidigen kann.
Aber gib mir auch den Mut, meine Überzeugung zu revidieren, wenn ich einen Fehler darin erkannt habe.
Lass mich die Welt immer mehr mit deinen Augen sehen, mit den Augen der Liebe, die das Sein hinter dem Schein entdeckt und erkennt, worauf es wirklich ankommt im Leben.
Amen.

Vertrauen

Herr, schenke auch mir ein hörendes Herz, das auf deine Stimme achtet. Lass mich nicht auf die Stimmen hören, die mich dazu drängen, immer mehr zu besitzen, lass mich nicht auf die Stimmen hören, die über andere lästern, lass mich nicht auf die Stimmen hören, die mir Angst machen wollen, vor dem was kommt. Lass mich auf deine Stimme hören, die mir zeigt, was wirklich wichtig ist im Leben, lass mich mit deinem Blick der Liebe auf die Menschen schauen und gib mir die Zuversicht, dass du in allem, was geschieht, zu mir sprichst und du alles zum Guten führen wirst, wenn ich auf dich vertraue. Amen.

Römer 8 – Hoffnung

Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. (Röm 8,18)

Die Worte, die Paulus hier schreibt, sind Hoffnungsworte. Wir wissen, dass wir auch als erlöste Christen nicht frei sind von den Leiden dieser Welt. Auch viele fromme Menschen werden von Schicksalsschlägen getroffen, sie leiden unter Krankheiten, den plötzlichen Verlust eines lieben Menschen, Kriegen und Verfolgungen. Oft wird hier die Frage nach dem „Warum?“ gestellt. Leid ist keine Strafe für Sünde. Diese ach so leichte Erklärung konnte noch nie eine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Leid geben. Kein Mensch wird diese Frage beantworten können.

Wir können dem Leid nur mit der Hoffnung begegnen. Der Hoffnung, dass Gott auch im Leid für uns sorgt, dass er eine schwere Krankheit heilen kann, die Hoffnung, dass auch sinnlos erscheinendes Leid nicht sinnlos ist, die Hoffnung, dass es immer einen Weg durch das Leid hindurch gibt, und dass Gott diesen Weg mit uns geht. Und nicht zuletzt auch die Hoffnung, dass ein neues Leben bei Gott auf uns wartet, in dem es kein Leid mehr geben wird.

Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung: Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden. (Röm 8,19-23)

Zusammen mit uns Menschen wartet die gesamte Schöpfung auf die Zeit des Heils. Überall in der Schöpfung stoßen wir auf Leid. Die Natur ist kein Ort der Harmonie, sondern es tobt auf allen Ebenen ein Kampf ums Überleben. Auch hier wissen wir keine Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“. Gott hat alles gut, ja sehr gut geschaffen. Kommt das Leid in der Schöpfung durch das Wirken des Menschen zustande? Oder ist eine Kraft am Werk, die Gottes Schöpfung stören und zerstören will?

Paulus gibt uns keine Antwort auf diese Frage. Für ihn ist das Leid eine Tatsache, die wir annehmen müssen. Zugleich aber gibt es Hoffnung für den Menschen und die gesamte Schöpfung. Gott lässt seine Schöpfung nicht allein. Er hört das Seufzen und Stöhnen der Schöpfung und der Menschen in ihr. Gott will den Menschen und die gesamte Schöpfung befreien von der Macht der Sünde und des Todes und er will die ganze Schöpfung mit sich vereinen.

Paulus spricht hier von Wehen, unter denen die Schöpfung seufzt. Wehen gehen der Geburt voraus. Durch den Schmerz der Wehen hindurch wird neues Leben geboren. Wenn das Kind dann auf der Welt ist, sind die Schmerzen der Wehen bald vergessen und es überwiegt die Freude über die Geburt des Kindes.

So ist auch die Zeit zwischen Jesu Auferstehung und seinem Kommen in Herrlichkeit eine Zeit der Wehen. Durch die Taufe werden Menschen neu geboren zu Kindern Gottes, aber sie leben weiterhin in einem irdischen Leib, der an die irdischen Umstände gebunden ist. Ihr Offenbarwerden als Kinder Gottes steht noch bevor. Wir leben in der Spannung zwischen dem „Schon“ und „Noch nicht“. Wir sind bereits erlöst, unser Leib ist neu geboren aus dem Wasser der Taufe, wir sind Kinder Gottes, aber wir leben noch nicht bei Gott, wir leben noch auf der Erde.

Aber es gib Hoffnung, Hoffnung dass Gott bereits hier seinen Kindern einen Geschmack der Ewigkeit gibt, indem er das Leid mitträgt und seine Gaben schenkt. Hoffnung, dass die ganze Schöpfung wieder zu dem Paradies werden kann, das Gott geschaffen hat. Wir sind berufen, diese Hoffnung mir Gottes Hilfe Wirklichkeit werden zu lassen. Gott braucht Menschen, die seine Hoffnung in sich tragen und sie anderen weiter schenken.

Leben in Christus

Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben. (Röm 6,3-4)

Paulus will den Römern veranschaulichen, was Erlösung bedeutet. Im vorangehenden Kapitel hat er gezeigt, wie durch die Gnade Gottes die Sünde Adams getilgt wurde. Die Sünde ist durch die Verfehlung Adams in die Welt gekommen und gelangte so zur Herrschaft über alle Menschen. Durch die Gnade Gottes aber wird der sündige Mensch zu einem Gerechten. Die Gnade Gottes erweist sich umso mächtiger, je größer die Macht der Sünde ist. Das heißt aber nicht – wie vielleicht einige Paulus in den Mund gelegt haben – dass er damit lehrt, dass die Christen nun fleißig sündigen sollen, damit sich Gottes Gnade umso größer erweisen kann. Der Erweis der Gnade ist einmalig. Gott nimmt dem Menschen in der Taufe die Sünden hinweg. Von nun an ist der Mensch für die Sünde tot, das heißt, er lebt nicht mehr unter ihrer Herrschaft, sondern unter der Herrschaft Gottes.

Wie aber geschieht diese Verwandlung des Menschen? Jesus Christus ist am Kreuz gestorben und wurde begraben, ist aber aus dem Grab mit der Kraft neuen Lebens auferstanden. Ebenso stirbt der alte, von der Sünde beherrschte Mensch in der Taufe und der Getaufte bekommt ein neues Leben geschenkt, in dem er von der Macht der Sünde frei ist. Dies wird symbolisiert durch das Untertauchen in Wasser, wie es früher bei der Taufe praktiziert wurde und auch heute noch bei einigen christlichen Gemeinschaften üblich ist. Der alte Mensch verschwindet unter dem Wasser und taucht als neuer Mensch aus dem Wasser auf, rein gewaschen von der Sünde. Auch das weiße Taufgewand symbolisiert diese Reinheit, die aus der Taufe hervorgeht.

Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein. Wir wissen doch: Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde und wir nicht Sklaven der Sünde bleiben. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Denn durch sein Sterben ist er ein für allemal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für Gott. So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus. (Röm 6,5-11)

Gottes Gnade schenkt dem Menschen in der Taufe ein neues Leben. Auch wenn sich der Mensch rein äußerlich dadurch nicht verändert hat, ist er doch in seinem Inneren vollkommen neu. Sünde und Tod haben keine Macht mehr über ihn. Er lebt ein neues Leben als Kind Gottes. Dies gilt es stets vor Augen zu haben. Gott schenkt dem Menschen diese Würde. Der Getaufte aber muss dieses neue Leben in Ehren halten. Er darf nicht wieder in die alte Sünde zurückfallen.

Am Wichtigsten ist, sich stets des kostbaren Guts bewusst zu sein, das Gott uns geschenkt hat. Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es. Unser Leben leben wir für Gott. Dieses Bewusstsein müssen wir stets in uns wachhalten. Wir müssen immer mehr danach streben, diese Erfahrung zu machen, was es heißt, Kind Gottes zu sein.

Nimm mich Herr
und verwandle mich.
Lass mich durchdrungen sein
von deiner Gegenwart.
Lass mich ergriffen sein
von der Kraft des neuen Lebens
das du mir geschenkt hast.
Lehre mich beten,
lehre mich in seiner Gegenwart zu leben,
lehre mich so zu leben
dass ich der Ehre würdig bin
Kind Gottes zu sein.
Amen.

Gerecht aus Glauben (2)

Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. (Röm 5,8)

Paulus schreibt im Römerbrief von der Liebe Gotts den Menschen. In dieser Liebe hat Gott seinen Sohn dahingegeben, um die Menschen zu erlösen. Er hat die Sünde der Welt hinweg genommen und den Menschen von einem Feind Gottes zu einem Freund Gottes gemacht. All dies hat Gott für uns getan, als wir noch Sünder waren. Jetzt aber, nachdem er uns durch den Tod Jesu Christi gerecht gemacht hat und wir Freunde Gottes sind, wieviel mehr Liebe wird er uns da noch schenken! Versuchen wir uns immer wieder neu, Gottes grenzenlose Liebe zu uns Menschen vorzustellen. Johannes Chrysostomus sagt:

Man muss also, will der Apostel sagen, um den Glauben an Gottes Liebe zu festigen, nicht an den Tod Christi allein denken, sondern auch an das, was uns durch diesen Tod zuteil geworden ist. Schon das allein, dass er für uns, die wir im Zustand der Sünde waren, gestorben ist, war der höchste Erweis von Liebe. Wenn aber klar wird, dass er in seinem Tod uns noch beschenkt, so reich beschenkt, uns, solch unwürdige Menschen beschenkt, dann offenbart das ein Übermaß von Liebe und muss den Schwachgläubigsten zum Glauben bringen. Denn kein anderer ist es ja, der uns retten soll, als der, welcher uns, als wir noch Sünder waren, so geliebt hat, dass er sich selbst dahingab. …

Jetzt aber sind wir Gottes Freunde geworden, und wenn Gott mit uns als Feinden so schonend verfuhr, dass er seinen Sohn nicht verschonte, wie sollte er nicht auf unserer Seite stehen, nachdem wir seine Freunde geworden sind und es nicht mehr gilt, den Sohn dahinzugehen? Dass einer einen andern oft nicht rettet, kommt daher, dass er es entweder nicht will, oder, wenn er es will, nicht kann. Keines von beiden lässt sich von Gott sagen, nachdem er seinen Sohn dahingegeben hat. Dadurch hat er gezeigt, dass er uns retten will und dass er es auch kann. Er hat es dadurch gezeigt, dass er uns als Sünder gerechtfertigt hat. Was kann uns also noch ein Hindernis sein, die zukünftigen Güter zu erlangen? Gar nichts.

Die Liebe Gottes, die uns Jesus Christus offenbart hat,

sei vor unseren Augen ein lockendes Ziel,

in unseren Herzen die treibende Kraft

und unter unseren Füßen der tragende Grund.

Gerecht aus Glauben (1)

Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. (Röm 5,1)

In den vorangegangenen Kapiteln hat Paulus bereits erläutert, was die Gerechtmachung aus Glauben bedeutet und dass diese allen zuteilwird, die an Jesus Christus glauben, sowohl Juden als auch Heiden. Er zeigt damit einen ganz neuen Heilsweg auf, den weder Juden noch Heiden bisher gekannt haben.

Gerecht sein, das war für den frommen Juden das Ziel seines Lebens und die größte Auszeichnung. So wird beispielsweise von Ijob gesagt, dass er „gerecht und gerade“ war (vgl. Ijob 1,1). Gerecht wurde man durch die genaue Erfüllung des Gesetzes. Auch Paulus lebte bis zu seiner Bekehrung als strenger Eiferer für das Gesetz. Nach seiner Bekehrung aber versuchte er die traditionelle Auslegung des mosaischen Gesetzes und das Evangelium, das Jesus Christus gebracht hat, miteinander in Einklang zu bringen. Jesu Lehre steht ja auf dem Fundament des Gesetzes, wie er selbst sagt, dass er nicht gekommen ist, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen. Massiv stellte sich die Frage nach dem Gesetz, als sich das Christentum zu den Heiden hin öffnete. Müssen Heiden, die Christen werden möchten, das ganze jüdische Gesetz befolgen? Das Apostelkonzil in Jerusalem hat über diese Frage entschieden und man kam – unter Mitwirkung des Heiligen Geistes – zu dem Entschluss, dass dies nicht notwendig ist.

Mit Jesus Christus hat Gott die Gerechtmachung allen geschenkt, die an Jesus Christus glauben, Juden und Heiden. Aber warum bedarf es überhaupt der Gerechtmachung des Menschen? Durch den Sündenfall des Menschen im Paradies war das Verhältnis zwischen Gott und Mensch gestört worden. Die Sünde ist zwischen Gott und Mensch getreten. Durch die freie und bewusste Abwendung von Gott wurde der Mensch von einem Freund Gottes zu seinem Feind. Die Geschichte vom Sündenfall steht für Tendenz aller Menschen, eher das Böse als das Gute zu tun. Adam ist das Bild für den Menschen, der in Sünde lebt, das Bild für die Menschheit bis zum Kommen Jesu Christi.

Es war dem Menschen nicht möglich, von sich aus die Freundschaft mit Gott wiederherzustellen. In seiner übergroßen Liebe zu uns Menschen hatte Gott aber den Plan zu unserer Rettung und hat seinen Sohn Jesus Christus in die Welt gesandt, um uns mit Gott zu versöhnen und den Frieden mit Gott wiederherzustellen. In seinem Leben hat Jesus Christus von der Liebe Gottes Zeugnis gegeben und hat diese Liebe bis in den Tod hinein bezeugt. In der Auferweckung Jesu Christi hat Gott gezeigt, dass seine Liebe stärker ist als Sünde und Tod. Christus, das Lamm Gottes, hat alle Sünde der Welt auf sich genommen und sie an das Kreuzesholz getragen. Gott selbst hat in Christus das gestörte Verhältnis zwischen Gott und Mensch wieder in Ordnung gebracht, hat die Gerechtigkeit, das rechte Verhältnis zwischen Gott und Mensch wieder hergestellt.