Wertvoll

Jetzt aber – so spricht der Herr, der dich erschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir! Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen.

Denn ich, der Herr, bin dein Gott, ich, der Heilige Israels, bin dein Retter. Ich habe Ägypten als Kaufpreis für dich gegeben, Kusch und Seba an deiner Stelle. Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist und weil ich dich liebe, gebe ich Menschen für dich und für dein Leben ganze Völker.

Jes 43,1-4

„Jetzt aber!“ Mit diesen Worten beginnt etwas Neues, dieser Ruf des Propheten steckt voller freudiger Erwartung. Jetzt ist die Zeit vorbei, da sich die Menschen von Gott verlassen fühlten. Gott zeigt sich ganz neu als Vater und Beschützer der Seinen. Er sagt einem jeden von uns: Fürchte dich nicht, ich habe dich erschaffen und in die Welt gebracht, ich werde dich auch beschützen. Ich kenne deinen Namen, ich kenne den Namen jedes einzelnen Menschen. „Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt“, (Mt 10,30) sagt Jesus einmal zu seinen Jüngern. Wie könnten wir da meinen, dass Gott sich nicht um uns sorgt und uns nicht kennt?

Selbst in den größten Gefahren ist Gott nahe, er leitet den Weg sicher durch reißende Ströme und loderndes Feuer, durch die Hitze der Wüste. Gott erweist sich als Retter. Er löst sein Volk aus der Gefangenschaft aus, ganze Völker gibt er als Kaufpreis für sein Volk, ja er selbst gibt sich für sie hin.

In Jesus Christus ist diese Zuwendung Gottes zu den Menschen selbst Mensch geworden. In allem, was er tut, zeigt Jesus, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen. In Krankheit und Not schenkt er Rettung und Heil, ja er hat selbst die Kraft, Tote zum Leben zu erwecken. Die Gesetze des Verfalls scheinen nicht mehr zu gelten. Alles wird neu im Licht der Liebe Gottes.

Wir zweifeln oft daran, dass es eine Kraft geben kann, die alles erneuert. Schicksalsergeben fügen wir uns dem Lauf der Geschichte. Doch die Welt gehört denen, die den Mut haben, aufzustehen und die Zukunft selbst zu gestalten. Wir haben jederzeit die Möglichkeit, dieses „Jetzt aber!“, von dem der Prophet hier spricht, in unserem Alltag Wirklichkeit werden zu lassen.

Ostern ist für uns das beste Beispiel dafür. Alles läuft darauf hinaus, dass Jesus vernichtet wird. Scheinbar schicksalsergeben fügt Jesus sich dem, was geschieht. Aber wenn wir die Evangelien genau lesen, so entdecken wir, dass Jesus selbst das Geschehen lenkt. Er nimmt bewusst an, was seine Feinde ihm zufügen, weil er weiß, dass es zur Rettung der Menschen geschieht. Er wehrt sich nicht dagegen, sondern gestaltet die Ereignisse selbst mit. Somit wird aus der scheinbaren Erniedrigung Jesu die Inszenierung seiner Krönung zum König der ganzen Welt.

Vielleicht helfen uns die Worte des Propheten Jesaja, das Geschehen um Jesu Tod besser zu verstehen. Jesus Christus gibt sich für uns hin, weil er weiß, dass dies der Preis dafür ist, alle Menschen aus der Macht der Sünde und des Todes zu retten.

Wie leicht lassen wir uns von den Gegnern des Christentums treiben, indem wir versuchen, auf ihre Argumente einzugehen und nur reagieren, anstatt selbst zu agieren. Wir brauchen wieder neu die Flamme des Heiligen Geistes, die uns dazu fähig macht, den Gegnern das Heft aus der Hand zu nehmen und selbst Regie zu führen.

Denken wir stets daran: wir sind von Gott geliebt, alle Menschen sind von Gott geliebt. Gott ist Herr der ganzen Welt und er hat die Macht, alles zu bestimmen. Vertrauen wir uns dieser Macht Gottes an und lassen wir uns nicht von den Mächten der Welt gefangen nehmen. Haben wir den Mut, unser Leben von Gott bestimmen zu lassen und so stets getragen zu sein vom Strom seiner Liebe.

Gottes Worte, die uns Kraft geben und uns an seine Zusage erinnern, sollen wir nie vergessen:

Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll, und weil ich dich liebe, geb‘ ich für dich alle Länder und Völker und für dein Leben mich selbst.

Gott – Herr der ganzen Erde

Singt dem Herrn ein neues Lied, seinen Ruhm vom Ende der Erde her, die ihr das Meer befahrt, seine Fülle, die Inseln und ihre Bewohner! Die Wüste und ihre Städte sollen sich freuen, die Dörfer, die Kedar bewohnt. Die Bewohner von Sela sollen singen vor Freude und jubeln auf den Gipfeln der Berge. Sie sollen dem Herrn die Ehre geben, sein Lob auf den Inseln verkünden.

Jes 42,10-12

Der Prophet ruft zu einem Loblied auf für Gott, das auf der ganzen Erde erschallen soll. Es ertönt auf dem Festland und über dem Meer, in der Ebene der Wüste mit ihren Städten und Dörfern und auf den Gipfeln der Berge, also einfach überall in der damals bekannten Welt, in der man noch nichts wusste von fernen Kontinenten, die man über das Meer erreicht, und von fernen Ländern, die sich hinter dem Horizont auftun.

Der Gott Israels ist Herr der ganzen Erde und das unscheinbare Volk Israel sah sich im Zentrum der Weltgeschichte. Die großen Mächte hatten es auf dieses kleine Volk abgesehen und Gott hatte erlaubt, dass sie es besiegen durften. Doch nun bedient sich Gott erneut der fremden Völker und zwar des größten aller Herrscher, um sein Volk zu retten. Er erwählt den mächtigen Perserkönig Kyros zum Retter, der sein Volk heimführen wird aus der Verbannung.

Warum soll da nicht die ganze Welt widerhallen vom Lob Gottes, ist er es doch, der die Geschicke aller Völker lenkt, der darüber bestimmt, welches Volk Erfolg hat im Krieg und mächtig wird und welches untergeht.

Der Herr zieht in den Kampf wie ein Held, er entfacht seine Leidenschaft wie ein Krieger. Er erhebt den Schlachtruf und schreit, er zeigt sich als Held gegenüber den Feinden. Ich hatte sehr lange geschwiegen, ich war still und hielt mich zurück. Wie eine Gebärende will ich nun schreien, ich stöhne und ringe um Luft. Die Berge und Hügel dörre ich aus und lasse ihr Gras völlig vertrocknen. Flüsse mache ich zu Inseln und Teiche lege ich trocken.

Jes 42,13-15

Gott hat lange wie ein unbeteiligter Zuschauer das Geschick seines Volkes mitverfolgt und zugelassen, dass es in die Verbannung geführt wird. Damit ist nun aber Schluss. Gott greift wieder aktiv in die Geschichte ein und zeigt damit, dass in seiner Hand das Geschick der ganzen Welt liegt. Sein Eingreifen ist unüberhörbar wie der Schrei einer Gebärenden und übersehbar ist das, was er tut.

Gott macht aus dem fruchtbaren grünen Land ein trockenes Ödland wegen der Schuld seiner Bewohner, ein Bild, das wir so öfter in der Heiligen Schrift finden, und das gerade heute wieder an Brisanz gewinnt. Auch die Menschen früherer Zeiten erlebten bereits Klimaveränderungen. Ganze Völker gingen unter, weil es plötzlich nicht mehr genug Regen gab, damit genügend Getreide geerntet werden konnte, um die Bevölkerung zu ernähren und den Wohlstand des Landes zu sichern.

Die Gier der Menschen und die Zerstörungen durch den Krieg vernichten immer wieder große Flächen an Kulturland. Sie vernichten Gottes Schöpfung, die ja wie ein üppig grüner Garten von Gott angelegt worden ist. Was bleibt ist dürres Land, dem die Menschen mit all ihrer Mühe kaum einen Grashalm entlocken können. Doch die Menschen fahren fort in ihrer Gier, versuchen mit immer aufwändigeren Methoden, Herr über die Natur zu werden, und erkennen nicht, wie einfach es wäre, die zerstörte Natur widerherzustellen, wenn sie im Einklang mit Gott und seiner Schöpfung leben würden.

Aber damit dies geschehen könnte, müsste ja jeder verzichten auf vieles, das ihm lieb ist, müssten alle lernen, bescheidener zu sein und verantwortungsvoller mit den Geschenken der Natur umzugehen. Vor allem müssten die Menschen erkennen, dass diese Geschenke für alle da sind und nicht nur der Bereicherung einiger weniger dienen, die sich dann noch untereinander bekämpfen.

Wie können wir es schaffen, in Frieden miteinander zu leben? Beten wir täglich für diesen Frieden. Beten wir täglich darum, dass die Menschen lernen, verantwortungsvoll mit Gottes Schöpfung umzugehen. Beten wir täglich darum, dass die Menschen lernen, miteinander zu teilen, anstatt sich auf Kosten anderer zu bereichern.

Fünfter Fastensonntag

Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?

Jes 43,18-19a

Das ganze Kapitel 43 des Jesajabuches ist voll positiver Energie und schildert mit machtvollen Worten die Befreiung des Volkes aus dem Exil in Babylon durch seinen Gott. Das Volk war voller Trauer über den Verlust des Heiligen Landes, ja mehr noch, es fühlte sich von seinem Gott verlassen, denn eigentlich hätte es nie zu dieser Katastrophe kommen dürfen.

Doch Gott macht einen neuen Anfang mit seinem Volk. Durch die Worte des Propheten, der von der Bibelwissenschaft Deuterojesaja genannt wird, macht er seine Liebe zu seinem Volk deutlich. Nichts mehr wird dem Volk Gottes Schaden zufügen. Die Menschen können bald wieder in Frieden und Sicherheit in ihrem Land wohnen. Gott führt sie aus der Gefangenschaft, wie er einst das Volk aus Ägypten durch die Wüste geführt hat. Alles wird neu werden, und der Anfang dieses Neuen ist schon jetzt spürbar, wenn auch das Volk noch in Babylon lebt und die Heimkehr in scheinbar weiter Ferne liegt.

Die Liturgie präsentiert uns diesen Text am Fünften Fastensonntag, dem Passionssonntag. An diesem Tag werden die Kreuze verhüllt und bleiben es bis zum Karfreitag. Die Feier von Jesu Leiden und Auferstehung steht nahe bevor, die österliche Bußzeit neigt sich ihrem Ende zu und bald kommt die frohe Osterzeit. Auch in der Natur sprießt frisches Grün und wir erfreuen uns an den ersten warmen Frühlingstagen.

Gott macht alles neu, er schenkt Wärme nach dem eisigen Winter, schenkt Trost in der Trübsal und Freude nach einer Zeit der Schmerzen. Das Evangelium dieses Sonntags berichtet von der Rettung und Vergebung, die Jesus der zur Steinigung verurteilten Ehebrecherin schenkt.

Gottes neue Welt braucht aber auch Menschen, die sich dafür einsetzen, die dem Beispiel Jesu folgen und andere nicht verurteilen, sondern nach Wegen der Vergebung suchen, Menschen, die für andere da sind und einander annehmen, auch über die Gräben von Vorurteilen hinweg. Bei Deuterojesaja ist es der Gottesknecht, der die ihm von Gott zugedachte Aufgabe der Rettung seines Volkes ausführt. Die Exegeten sind sich nicht einig darüber, wer dieser Gottesknecht ist. Etwa der Prophet selbst? Oder der Perserkönig Kyros, der die Heimkehr des Volkes aus dem Exil ermöglicht und Mittel zum Wiederaufbau Jerusalems zur Verfügung stellt?

Der Gottesknecht aus dem Buch Jesaja ist auch Vorausbild für Jesus Christus. Er ist der Retter aus dem Gefängnis von Sünde und Tod, er öffnet den Weg zu neuem Leben in unüberbietbarer Weise. Es braucht aber zu jeder Zeit „Gottesknechte“, die Jesu Botschaft immer wieder neu lebendig werden lassen und für die Menschen das befreiende dieser Botschaft erfahrbar werden lassen, die andere hinführen zu einer lebendigen Begegnung mit Jesus Christus.

Die Worte des Propheten Jesaja sind also nicht nur für Menschen einer fernen Vergangenheit gesprochen. Sie wurden auch für uns heute aufgezeichnet. Sie sollen uns Mut machen und Kraft schenken, unser Leben in Gottes Licht zu stellen und mit ihm unser Leben zu gestalten, so dass Gottes Licht so auch auf andere übergeben kann.

Immer wieder einen neuen Anfang machen, das war ein Lebensmotto der frühen Wüstenväter. Wir machen immer wieder Fehler, aber es bringt nichts, wenn wir uns deswegen ständig Vorwürfe machen. Fehler sind dazu da, aus ihnen zu lernen und dann mit neuer Kraft weiter zu gehen. Es bringt auch nichts, einer schönen Vergangenheit nachzutrauern. Wir können sie nicht zurückholen. Es gilt vielmehr, in der Gegenwart zu leben und an einer Zukunft zu bauen, die noch schöner wird als die Vergangenheit.

Haben wir Mut, das Neue anzunehmen, das Gott uns schenken will. Lassen wir uns von ihm überraschen und sagen wir Ja zu dem was kommt, im festen Vertrauen darauf, dass alles, was Gott uns schenkt, das Beste für uns ist das uns passieren kann.

Weihnachten – Licht des Heils

Um Zions willen werde ich nicht schweigen, um Jerusalems willen nicht still sein, bis hervorbricht wie ein helles Licht seine Gerechtigkeit und sein Heil wie eine brennende Fackel.

Jes 62,1

Ich kann nicht schweigen und ich werde nicht schweigen. Es gibt wenig Menschen, die den Mut haben, durch Widerstände und Ablehnung hindurch ihrer Überzeugung treu zu bleiben und dafür Zeugnis zu geben. Hier ist es Gott der redet, der niemals schweigt. Das Schweigen Gottes war schon immer ein Bild für die Gottferne einer Zeit. Hier zeigt sich Gott als der Nahe, als der Redende. Er verschafft seiner Botschaft Geltung, auch dort, wo die Menschen sie nicht hören und annehmen wollen. Gott kann niemand zum Schweigen bringen.

Gott redet nicht um seiner selbst willen. Wenn er redet, dann geht es ihm nicht darum, dass die Menschen ihm Opfer bringen. Gott redet um der Menschen willen. Er will den Menschen Gerechtigkeit und Heil bringen. Seine Worte richten sich gegen die Ungerechtigkeit und Sünde der Menschen. Gott tritt ein für die Schwachen und Unterdrückten. Ihnen will er mit seinen Worten Recht verschaffen.

Gott ist ein lästiger Mahner. Immer wieder haben Mächtige versucht, mit seinem Namen ihre Macht zu rechtfertigen. Zu allen Zeiten missbrauchen diejenigen, die sich seine Diener nennen, seinen Namen dazu, sich selbst Vorteile und Einfluss zu sichern. Doch Gott lässt auf Dauer nicht zu, dass man seinen Namen missbraucht. Gott ist kein toter Götze, der nur die Fassade bildet für das Machtgebaren seinen Diener. Gott ist lebendig. Er ruft und schreit, er handelt und bestimmt selbst das Geschick der Welt.

Gottes Wort findet seinen Weg zu den Menschen. Das wird ganz besonders an Weihnachten deutlich. Wir feiern die Fleischwerdung des Wortes. „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ So bringt es der Evangelist Johannes zum Ausdruck. Gottes Wort wird ein kleines, hilfloses Kind. Die Worte aber, die Gottes Sohn auf der Erde gesprochen hat, haben auch heute, über 2000 Jahre nach dieser Fleischwerdung, nichts von ihrer Macht verloren.

Gottes Wort bringt Licht ins Dunkel. Es ruft nach Gerechtigkeit, wo Menschen ungerecht behandelt werden. Es bringt Heil, wo Menschen im Unheil leben. Gottes Wort, Fleisch geworden in Jesus Christus, machtvoll bis heute in jedem, der an ihn glaubt.

Weihnacht
Licht im Leben
von Gott entzündet
Wort des Heils
von Gott gesandt
Mensch geworden
um die Menschen
Menschlichkeit zu lehren
und um Gottes Licht
unauslöschlich zu entzünden
mitten in der Welt
Licht, das bis heute leuchtet
Wort der Gerechtigkeit
und des Heils
das nie verstummt
Licht der Hoffnung
in einer unheiligen Zeit.

Dritter Advent

Herr, mein Gott

schweigend stehe ich vor dir

du bist da,

auch wenn ich dich nicht sehe.

Ich befinde mich im Raum deiner Liebe.

Durchdringe mich ganz mit deiner Liebe.

dass ich immer mehr Liebe werde,

so wie du die vollkommene Liebe bist.

Mach mich zum Boten deiner Liebe

dass die Menschen um mich herum

deine Liebe spüren.

Lass uns Menschen eins sein in der Liebe

dass das Fest des Lebens niemals endet.

Amen.

Samuel

In jenen Tagen schlief der junge Samuel im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr Samuel, und Samuel antwortete: Hier bin ich.
Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen.
Der Herr rief noch einmal: Samuel! Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen!
Samuel kannte den Herrn noch nicht, und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden.
Da rief der Herr den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte.
Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich wieder ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder.
Da kam der Herr, trat zu ihm heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel antwortete: Rede, denn dein Diener hört. (1Sam 3,3-10)

In der Lesung aus dem Alten Testament geht es um einen ganz anderen Gottsucher, den Propheten Samuel. Er wurde als Kind in das Haus Gotts in Schilo gebracht, um dort bei dem Propheten Eli in die Lehre zu gehen. Eli war ein weiser Mann, aber zu seiner Zeit war das Volk Gott fremd geworden. Worte Gottes waren selten. Die Religion war zur Tradition erstarrt und bot keine neuen Impulse.

Samuel ist der von Gott Erwählte, der wieder neues Leben in die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk bringen wird, eine neue Dynamik. Doch noch ist Samuel jung. Er hat zwar schon einiges von Eli gelernt, er kennt die Gebete und weiß, wie man sich im Haus Gottes zu verhalten hat, aber noch ist ihm Gott fremd, er ist Gott noch nicht begegnet.

Doch eines Nachts ruft ihn Gott. Samuel kennt die Stimme Gottes noch nicht, er denkt, dass es Eli ist, der ihn ruft. Dreimal ruft Gott und Samuel geht zu Eli und fragt, was das Rufen zu bedeuten hat. Dann erinnert sich der alte Mann an seine eigene Berufung. Plötzlich wird ihm klar, wer es ist, der den jungen Mann ruft. Es ist kein Traum, kein Hirngespinst, es ist Gott, der anklopft und Einlass sucht in das Leben dieses Menschen.

Eli gibt Samuel die letzte Lektion in seiner Ausbildung. Wenn Gott wieder ruft, so soll Samuel antworten: “ Rede, Herr; denn dein Diener hört.“ Und so geschieht es. Nun ist es nicht mehr Eli, der Samuel unterweist, sondern Gott selbst hat die Führung übernommen, er hat sich seinen Propheten erwählt, der das Volk wieder mit Gott und seinem Wort bekannt macht.

Die Berufung des Samuel ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie Berufung geschieht. Samuel hat sich vorbereitet auf den Dienst vor Gott, er betet, er verrichtet den Dienst im Haus Gottes. Aber es fehlt ihm etwas ganz Entscheidendes: die persönliche Begegnung mit Gott. So geht es auch uns, wenn wir im Glauben erzogen werden. Wir werden von unseren Eltern hingeführt zum Glauben, lernen Beten, gehen in die Kirche, tun den Dienst als Ministrant.

Wenn wir dann älter werden, stehen wir vor der Entscheidung: wollen wir den Weg mit Gott weitergehen? Werden wir auch als Erwachsene weiterhin zur Heiligen Messe gehen? Wollen wir uns in der Gemeinde einbringen? Oder wird uns die Kirche fremd? Geben wir Gott die Möglichkeit, uns zu begegnen? Beten wir auch weiterhin, wenn wir in der Ausbildung und im Beruf stehen, wenn wir eine Familie gründen, geben wir unseren Kindern den Glauben weiter?

Behalten wir in unserem Leben den Raum, dass Gott uns rufen kann? Haben wir ein offenes Ohr für Gott? Es kann lange dauern, bis Gott uns ruft. Es wird bei jedem Menschen anders sein. Aber Gott will sich jedem Menschen zeigen. Manche haben eine besondere Berufung, zum Priester, zur Ordensfrau oder zu einem anderen kirchlichen Beruf. Aber auch die Laien haben ihre besondere Berufung. Ich muss nicht Priester sein, um von Jesus Christus Zeugnis zu geben.

Es gilt, immer ein offenes Ohr für Gott zu haben, treu zu sein im Dienst an Gott, in den täglichen Gebeten, auch wenn es nur wenige Minuten sind, im Gottesdienst, auch wenn es nicht jeden Sonntag ist. Dann wird Gott auch bei mir anklopfen und mich mit ihm vertraut machen.

Weihnachten

Ja, ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. (Jes 9,5a)

Dieser Vers wird in der lateinischen Kirche seit alters her als Eröffnungsgesang der Messe am Weihnachtstag gesungen. Nach der modernen Leseordnung hören wir ihn in der Lesung in der Heiligen Nacht. Jesaja verheißt die Geburt eines Kindes, das mehr ist als nur ein besonderer Mensch, ein Königssohn und Thronfolger. Er verheißt die Geburt eines Kindes, in dem Gott selbst mitten unter uns ist, eines Kindes, das Gottes Sohn ist. Als Christen sehen wir in der Geburt Jesu Christi, die wir an Weihnachten feiern, die Erfüllung der Weissagung des Jesaja.

Wir haben uns an die Darstellungen der Krippe von Betlehem, an die Romantik mit Ochs und Esel und Hirten, eingehüllt in ein warmes Licht, vielleicht so sehr gewöhnt, dass uns das Ungeheuerliche, das dahintersteht gar nicht mehr bewusst wird. Gott wird ein Kind. Götter sind doch groß und erhaben, dem Zugriff der Menschen entzogen, vielleicht kommen sie in manchen Mythen als Helden auf die Welt. Dass aber Gott ein kleines, schwaches Kind wird, das hat man noch nie gehört. Zudem ist es auch gar kein Wunderkind, sondern einfach ein ganz normales Kind.

Gott will uns seine Macht in der Machtlosigkeit eines Kindes zeigen. Gott will uns zeigen, dass er so mächtig ist, dass er gerade durch ein hilfloses Kind die Menschen retten kann. Wir Menschen schauen oft nur auf das Äußere, auf imposante Gesten, lassen uns von der Zurschaustellung von Macht beeindrucken. Die Werbung heutzutage gaukelt uns mit schönen Bildern vor, dass jedes noch so wertlose Zeug etwas ist, das wir unbedingt haben müssen und uns zu einem besseren Menschen macht und wir wundern uns, warum wir so unzufrieden sind, obwohl wir doch so vieles haben.

Wertvoll sind Menschen und Dinge nicht durch den äußeren Schein, nicht durch Werbung oder dadurch, dass sie viele „Follower“ in den sozialen Netzwerken haben. Wahre Werte, das was Menschen oder Dinge wirklich wertvoll macht, ist etwas, das nicht in Geld gemessen werden kann. Wir können uns Unterhaltung, Dienstleistungen und auch Spaß mit Geld kaufen, aber wahre Liebe gibt es nicht für Geld. Menschen, die in wirklich allen Lebenslagen zu uns stehen, sind unbezahlbar, gerade auch deshalb, weil sie keinen Lohn für ihre Zuwendung erwarten.

Gott hat uns an Weihnachten ein unbezahlbares Geschenk gemacht. Er ist zu uns gekommen als ein kleines Kind. Vielleicht finden wir Gott auch heute wieder am leichtesten in der Betrachtung dieses Kindes. Gott ist uns so nahe, dass wir ihn in die Arme nehmen können, wie ein kleines Kind. Und wie Kinder mit ihrem Lächeln die Menschen verzaubern können und selbst die härtesten Herzen anrühren, so will Gott uns mit seiner Nähe verzaubern und unsere harten Herzen öffnen.

Weihnachten ist das Fest der Nähe. Näher konnte Gott uns nicht kommen als in der Geburt seines Sohnes, der Mensch, der Kind werden wollte für uns. In unserem Bruder Jesus aber sind auch wir einander nahegerückt. (Klaus Hemmerle)

Mit seiner Geburt will Gott auch uns Menschen zusammenführen, dass wir zusammen feiern, Menschen verschiedener Klassen und Schichten, Menschen verschiedener Rassen und Kulturen. In der Gegenwart des göttlichen Kindes soll Frieden sein und Freude. Draußen bleiben alle, die mit Weihnachten nur Geld verdienen möchten, die weihnachtliche Gefühle in den Menschen wecken, um sie zum Konsum zu motivieren. Verbannen wir den Kommerz von unserem Weihnachtsfest. Ja, ein paar kleine Geschenke sind schön, für Erwachsene und ganz besonders auch für Kinder, aber sie sind wertlos, wenn das Wichtigste an Weihnachten fehlt, die Erfahrung, dass Gott zu uns gekommen ist mit seiner Liebe, die Erfahrung, dass Gott uns mehr geschenkt hat, als wir jemals werden schenken können.

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

Freudenbote (Jes 61)

Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. (Jes 61,1a)

SEIN, meines Herrn, Geist ist auf mir.

So übersetzt Martin Buber Jesaja 61,1a. Wer ist es, der hier spricht? Das Kapitel 61 des Jesajabuches gehört zu Tritojesaja. Hier wurden prophetische Worte aus nachexilischer Zeit unter dem Namen des berühmten Propheten Jesaja gesammelt, um zu zeigen, dass die Worte des Propheten nicht nur für eine ferne Vergangenheit Gültigkeit hatten, sondern sich im Hier und Heute erfüllen. So sehen ja auch die Evangelisten in Jesus Christus die Erfüllung der Verheißungen der Propheten des Alten Bundes.

Es ist von einem Gesalbten die Rede. Die rituelle Salbung ist im Alten Testament ein besonderer Akt der Legitimation. Durch sie wird einem herausgehobenen Menschen Kraft, Stärke, Macht und Einfluss übereignet. Der so Gesalbte bekommt Anteil an Gottes Macht und Stärke und an seinem Geist. So werden Könige, Propheten und Priester gesalbt.

Der hier spricht ist also ein Mensch, der einen besonderen Auftrag von Gott hat. Es kann ein Prophet sein, aber auch ein fiktiver Herrscher, den sich das Volk ersehnt, weil er die Gerechtigkeit neu aufrichtet und das Volk auf den Weg mit seinem Gott führt. In der nachexilischen Zeit, als Israel wieder in seinem Land lebte, stand es immer in Gefahr, seine Eigenständigkeit durch den Einfluss fremder Kulturen, vor allem des Hellenismus, zu verlieren, und seine Regenten ließen sich allzu leicht von der Macht blenden, vergaßen den Gott Israels und beuteten das Volk aus. Dagegen gab es immer wieder religiöse Bewegungen, die sich für die Aufrechterhaltung des überlieferten Glaubens einsetzten.

Das Volk Gottes bedarf der beständigen Erneuerung, der Rückbesinnung auf seine Wurzeln. Dafür braucht es Menschen, die sich in besonderer Weise von Gott gesandt wissen, die mit Gott, ihrem und aller Herrn in einer besonderen Beziehung stehen, die sich von seinem Geist leiten lassen, die nicht ihren, sondern seinen Willen tun. Auch das Christentum kennt die Salbung. In der Firmung empfängt der Gläubige das Siegel des Heiligen Geistes. Somit kommt jedem einzelnen Gläubigen die Aufgabe zu, nach den ihm gegebenen Möglichkeiten zur Vertiefung und Ausbreitung des Glaubens und zur Durchsetzung der Gerechtigkeit Gottes beizutragen. Was das konkret bedeutet, zeigen die nächsten Verse:

Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt der Verzweiflung. (Jes 61,1b-3a)

Aufgabe des von Gott Gesandten ist es, Freudenbote zu sein. Eine frohe Botschaft für die Armen soll er verkünden. Wir denken hier an die Bergpredigt, in der Jesus die Armen seligpreist. Wer sind diese Armen? Das können Menschen sein, die alles verloren haben, die nicht weiter wissen im Leben, für die unserer Gesellschaft keinen Platz hat. Zu allen Zeiten werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Reichtum konzentriert sich in den Händen weniger und je mehr Reichtum sich die Reichen anhäufen, desto größer wird die Armut der Vielen. Obwohl genug für alle da ist, sind die Schätze der Erde ungerecht verteilt.

Eine frohe Botschaft für die Armen. Das heißt, Teilen konkret werden lassen. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten dem Armen beistehen. Nicht nur ein kleines Almosen geben, sondern den Armen wirklich ernst nehmen, annehmen, ihm eine Heimat geben. In unserer Gesellschaft entsteht Armut oft auch durch schwierige Verhältnisse, Kinder wachsen in zerrütteten Familien auf, bekommen zu wenig Zuwendung und schaffen daher keinen guten Schulabschluss. Armut gebiert oft neue Armut.

Die Wunden heilen in den Herzen der Menschen. Zuwendung schenken, Liebe und Geborgenheit. Menschen neue Hoffnung geben und sie befreien aus den Fesseln der Unfreiheit und der Schuld. Menschen die Möglichkeit geben, sich zu verändern, sich zu bessern, ein neues Leben beginnen. Neue Perspektiven schenken.

Schmuck, Freudenöl, Jubel, die Gemeinde des Herrn ist keine Gruppe von Trübseligen, die missmutig mit schwarzen Gewändern und ausdruckslosem Gesicht brav in den Kirchenbänken sitzt. Mit Gott sind wir immer auf der Siegerseite, wir dürfen jubeln und uns freuen. Glauben heißt, Hoffnung haben, gerade auch dort wo es keine Hoffnung zu geben scheint. Gott ist mit uns, er hat uns befreit, er schenkt uns Kraft, er zeigt uns den Weg. Erheben wir uns und gehen wir den Weg mit unserem Gott, den Weg aus der Finsternis des Todes in das Licht des Lebens.

Gott als Hirte (Ez 34)

Das Wort des Herrn erging an mich: Menschensohn, sprich als Prophet gegen die Hirten Israels, sprich als Prophet und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden? Ihr trinkt die Milch, nehmt die Wolle für eure Kleidung und schlachtet die fetten Tiere; aber die Herde führt ihr nicht auf die Weide. Die schwachen Tiere stärkt ihr nicht, die kranken heilt ihr nicht, die verletzten verbindet ihr nicht, die verscheuchten holt ihr nicht zurück, die verirrten sucht ihr nicht und die starken misshandelt ihr. (Ez 33,1-4)

Im vorangegangenen Kapitel wurde der Prophet Jesaja von Gott dem Volk Israel zum Wächter gegeben, um dem Volk das Wort Gottes mittzuteilen und die zu warnen, die in Sünde gefallen sind. Hier nun wird gezeigt, warum diese Wächterfunktion des Propheten notwendig geworden ist. Die Führer Israels kümmern sich nicht mehr um das Volk. Sie sehen nur noch auf den eigenen Vorteil. Sie bedienen sich am Vermögen des Volkes ohne für Gerechtigkeit zu sorgen und die Schwachen zu unterstützen.

Dieser Text aus Ezechiel wurde als Lesung am Christkönigssonntag im Lesejahr A gewählt. Im Evangelium hören wir vom Jesus, der als Weltenrichter erscheint. Als solcher wird er mit einem Hirten verglichen, der die Schafe von den Böcken trennt. Die Schafe sind die Auserwählten, die Böcke die Verworfenen. Grund für ihre Verwerfung sind ihre Vergehen, die sehr ähnlich lauten wie das, was Ezechiel hier den schlechten Hirten vorwirft:

Ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben;
ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;
ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen;
ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben;
ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht. (Mt 25,42-44)

Die Hirten tun ihre Pflicht nicht, sie bedienen sich an Milch, Wolle und Fleisch der Herde aber führen sie nicht auf die Weide und geben ihr so keine Nahrung. Sie kümmern sich nicht um die schwachen, kranken und verletzten Tiere und suchen nicht die verirrten. Darum fordert Gott Rechenschaft von ihnen und entzieht ihnen Gott das Hirtenamt.

So spricht Gott, der Herr: Nun gehe ich gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe von ihnen zurück. Ich setze sie ab, sie sollen nicht mehr die Hirten meiner Herde sein. (Ez 34,10)

Gott rettet die Schafe aus der Hand der schlechten Hirten. Mehr noch, er wird sich von nun an selbst um seine Schafe kümmern.

Denn so spricht Gott, der Herr: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern. Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert an dem Tag, an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben, so kümmere ich mich um meine Schafe. (Ez 7,11-12)

Gott kümmert sich um sein Volk, das sagt der Prophet dem Volk Israel zu und in Jesus Christus wird diese Hirtensorge Gottes um alle Menschen konkret. Jesus selbst sagt von sich, dass er der gute Hirte ist (Joh 10), im Gleichnis vom verlorenen Schaft zeigt er, wie wichtig ihm die Sorge auch um die verirrten Schafe ist. Der gute Hirte lässt die 99 Schafe auf der Weide zurück, um das verirrte Schaft zu suchen (Mt 18,12-14). Gott kümmert sich als der gute Hirte um sein Volk, damit auf den rechten Weg finden. Er heilt die Wunden und will alle auf eine fruchtbare Weide führen, damit sie sich stärken können und glücklich sind (vgl. Ps 23). Gott will, dass keiner verloren geht.

Mein Heiland trauert über meine Sünden. Mein Heiland kann sich nicht freuen, solange ich in Verkehrtheit bleibe. (Origenes)

So ist auch die Gemeinschaft der Heiligen nicht vollendet und die Freude der Gerechten nicht vollkommen, solange nicht alle Erwählten an ihr teilhaben. Diese Sorge Gottes müssen wir stets vor Augen haben, wenn wir vom Gericht Gottes reden. Ja, auch zum Gericht wird der Herr kommen wie ein Hirte.

Alle Völker werden von ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. (Mt 25,32)

Doch dieser endgültigen Trennung von Schafen und Böcken, von Guten und Bösen, geht die unermüdliche Hirtensorge Gottes voran, der ständig die verirrten sucht und nach ihnen ruft, der sich ständig um die verletzten kümmert und ihre Wunden heilt und der alle auf fruchtbare Weide führt, dass sie stark und kraftvoll bleiben. Nur wer diese Hirtensorge Gottes zurückweist, wer sich bewusst gegen sie entscheidet, die Stimme Gottes hört, aber ihr nicht folgt, und die liebende Hand, die sich ihm entgegenstreckt schroff abweist, und wer nicht bereit ist, seinen Mitmenschen auch nur den kleinsten Liebesdienst zu erweisen, der läuft in Gefahr, dass ihm diese ewige Verdammnis trifft.

Immer wieder neu versucht der Prophet Ezechiel deutlich zu machen, wie groß Gottes Fürsorge für sein Volk ist. Kann es da noch sein, dass jemand nicht gerettet werden kann?

Ich werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen – Spruch Gottes, des Herrn. Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist. (Ex 34,15-16)

Gott als Hirte – das ist eine Ergänzung zu dem Bild von Gott als Richter. Viele lehnen die Vorstellung eines richtenden Gottes ab. Gott als Richter, das ist doch Angstmache, das widerspricht doch dem Gott der Liebe, den uns das Neue Testament schildert. Vielleicht stellen wir uns das Gericht Gottes aber einfach nur zu menschlich vor. Wir erwarten, dass Gott wie ein Mensch richten wird. Dabei sollten wir doch wissen, dass Gott stets anders ist, als wir ihn uns vorstellen und dass er alle unsere Gedanken übersteigt. Was wissen wir Menschen schon davon, wie Gott, der ganz Liebe ist und der nichts anders kann als lieben, über eine Welt richten wird, die er aus Liebe geschaffen hat. Gott will die Rettung aller und es schmerzt ihn jeder Mensch, der sein Angebot der Liebe zurückweist.

Von Gott gerufen (Jes 45)

So spricht der Herr zu Kyrus, seinem Gesalbten, den er an der rechten Hand gefasst hat, um ihm die Völker zu unterwerfen, um die Könige zu entwaffnen, um ihm die Türen zu öffnen und kein Tor verschlossen zu halten. (Jes 45,1)

Der Perserkönig Kyrus, von dem hier die Rede ist, hat innerhalb weniger Jahre sein ererbtes persisches Kernland zu einem Weltreich erweitert, das von Indien bis ans Mittelmeer reichte. Das Reich des legendären lydischen Königs Krösus hat er erobert und auch das einst mächtige Babylon. Das neubabylonische Reich hat unter König Nebukadnezzar große Eroberungskriege geführt und viele Völker, die sich ihm widersetzten, deportiert, darunter auch die Israeliten, die nach der Eroberung Jerusalems in Babylon angesiedelt wurden.

Viele sahen nun in Kyros einen Befreier vom harten Joch Babylons. Auch die Israeliten setzten große Hoffnungen in ihn. Er wird als ein gerechter Herrscher stilisiert, ein Bild, das sich nicht nur die Bibel, sondern auch andere Quellen von ihm zeichnen. Vielleicht wundern wir uns darüber, wie fromme Juden diesen heidnischen König so glorifizieren konnten, doch seine Befreiung Israels vom Joch Babylons konnten sie nicht hoch genug loben.

Kyrus galt in den Augen der Juden als Gottes Werkzeug zur Befreiung seines Volkes. Obwohl er wahrscheinlich nicht das geringste Interesse am Gott Israels hatte, sahen die Juden in ihm einen Erwählten Gottes. Ihr Gott war es, der Kyros herbeigerufen hat und ihm die Macht für seine Eroberungen gegeben hat. Wir können hier denken: Wie können die Juden von sich behaupten, dass ihr Gott die Geschicke der ganzen Welt lenkt? Sie sind doch nur ein kleines, unbedeutendes Volk und ihr Gott ist einer von vielen. Sind nicht die Götter Babylons und die Götter der Perser weit größer als dieser Gott?

Doch Israel glaubt daran, Gottes auserwähltes Volk zu sein. Sie glauben, dass sie vom einzigen wahren Gott der ganzen Erde als sein besonderes Eigentum bestimmt worden sind. Wenn wir auf die Geschichte zurückblicken, erscheint das gar nicht mal so unglaubwürdig. Wer kennt noch die Götter Babylons, wer die Götter der Perser? Der Gott Israels aber wird in der ganzen Welt verkündet und verherrlicht von den Juden und von den Christen, die sich durch Jesus Christus als das neue Volk dieses Gottes sehen.

Die ganze Welt ist in der Hand unseres Gottes. Wenn er zulässt, dass seine Auserwählten von anderen Völkern unterdrückt werden, dann dient das zur Strafe und zur Läuterung seines Volkes. Wenn die Zeit der Strafe vorbei ist, wird Gott sofort dafür sorgen, dass sein Volk Rettung erfährt, und zwar auch durch die Hand fremder Herrscher. Was uns auch geschieht, Gott ist bei uns und am Ende wird er uns retten. In dieser Zuversicht lebte das Volk Israel, in dieser Zuversicht dürfen auch wir leben.

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. (Jes 45,4)

Von diesem Satz, der hier von Kyrus gesagt wird, darf sich jeder Mensch angesprochen fühlen. Gott kennt jeden einzelnen mit Namen. „Bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt“, sagt Jesus einmal. Für Gott ist jeder Mensch wichtig. Unter Millionen von Menschen erkennt er jeden einzelnen. Er ruft nicht nur einen mächtigen Herrscher wie Kyrus beim Namen, er ruft auch dich und mich. Jeder Mensch ist in Gottes Augen ein Werkzeug für seinen Dienst, jeder ist gerufen und berufen, den Willen Gottes zu tun.

Gott ruft jeden Menschen beim Namen. Gott kennt jeden Menschen. Gott kennt mich, auch wenn ich ihn nicht kenne.

Für Gott ist jeder Mensch wichtig. Gott befasst sich nicht mit der Menschheit als solcher, er befasst sich mit jedem Menschen ganz persönlich. Gott versendet keine unpersönlichen Standardbriefe. Er spricht jeden Menschen persönlich an. Er sagt zu mir: Fürchte dich nicht, ich bin bei dir. Ich kenne deine Stärken und deine Schwächen, deine Wünsche und deine Sehnsüchte. Ich bin bei dir, um dir meine Liebe zu zeigen.

Gott kennt mich mit Namen. Ich bin wichtig für ihn. Gottes Ruf ist unabhängig von unserem eigenen Verdienst. Er zeigt Gottes Liebe zu jedem von uns. Wenn es hier um Könige und Mächtige geht, soll sich niemand zu niedrig und zu klein fühlen. Ich bin kostbar in Gottes Augen. Er kennt mich mit Namen. Ich gelte vor ihm genauso viel wie ein König. Denke nicht selbst schlecht von dir, wenn Gott von dir so groß denkt.