Gott als Hirte (Ez 34)

Das Wort des Herrn erging an mich: Menschensohn, sprich als Prophet gegen die Hirten Israels, sprich als Prophet und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden? Ihr trinkt die Milch, nehmt die Wolle für eure Kleidung und schlachtet die fetten Tiere; aber die Herde führt ihr nicht auf die Weide. Die schwachen Tiere stärkt ihr nicht, die kranken heilt ihr nicht, die verletzten verbindet ihr nicht, die verscheuchten holt ihr nicht zurück, die verirrten sucht ihr nicht und die starken misshandelt ihr. (Ez 33,1-4)

Im vorangegangenen Kapitel wurde der Prophet Jesaja von Gott dem Volk Israel zum Wächter gegeben, um dem Volk das Wort Gottes mittzuteilen und die zu warnen, die in Sünde gefallen sind. Hier nun wird gezeigt, warum diese Wächterfunktion des Propheten notwendig geworden ist. Die Führer Israels kümmern sich nicht mehr um das Volk. Sie sehen nur noch auf den eigenen Vorteil. Sie bedienen sich am Vermögen des Volkes ohne für Gerechtigkeit zu sorgen und die Schwachen zu unterstützen.

Dieser Text aus Ezechiel wurde als Lesung am Christkönigssonntag im Lesejahr A gewählt. Im Evangelium hören wir vom Jesus, der als Weltenrichter erscheint. Als solcher wird er mit einem Hirten verglichen, der die Schafe von den Böcken trennt. Die Schafe sind die Auserwählten, die Böcke die Verworfenen. Grund für ihre Verwerfung sind ihre Vergehen, die sehr ähnlich lauten wie das, was Ezechiel hier den schlechten Hirten vorwirft:

Ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben;
ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;
ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen;
ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben;
ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht. (Mt 25,42-44)

Die Hirten tun ihre Pflicht nicht, sie bedienen sich an Milch, Wolle und Fleisch der Herde aber führen sie nicht auf die Weide und geben ihr so keine Nahrung. Sie kümmern sich nicht um die schwachen, kranken und verletzten Tiere und suchen nicht die verirrten. Darum fordert Gott Rechenschaft von ihnen und entzieht ihnen Gott das Hirtenamt.

So spricht Gott, der Herr: Nun gehe ich gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe von ihnen zurück. Ich setze sie ab, sie sollen nicht mehr die Hirten meiner Herde sein. (Ez 34,10)

Gott rettet die Schafe aus der Hand der schlechten Hirten. Mehr noch, er wird sich von nun an selbst um seine Schafe kümmern.

Denn so spricht Gott, der Herr: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern. Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert an dem Tag, an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben, so kümmere ich mich um meine Schafe. (Ez 7,11-12)

Gott kümmert sich um sein Volk, das sagt der Prophet dem Volk Israel zu und in Jesus Christus wird diese Hirtensorge Gottes um alle Menschen konkret. Jesus selbst sagt von sich, dass er der gute Hirte ist (Joh 10), im Gleichnis vom verlorenen Schaft zeigt er, wie wichtig ihm die Sorge auch um die verirrten Schafe ist. Der gute Hirte lässt die 99 Schafe auf der Weide zurück, um das verirrte Schaft zu suchen (Mt 18,12-14). Gott kümmert sich als der gute Hirte um sein Volk, damit auf den rechten Weg finden. Er heilt die Wunden und will alle auf eine fruchtbare Weide führen, damit sie sich stärken können und glücklich sind (vgl. Ps 23). Gott will, dass keiner verloren geht.

Mein Heiland trauert über meine Sünden. Mein Heiland kann sich nicht freuen, solange ich in Verkehrtheit bleibe. (Origenes)

So ist auch die Gemeinschaft der Heiligen nicht vollendet und die Freude der Gerechten nicht vollkommen, solange nicht alle Erwählten an ihr teilhaben. Diese Sorge Gottes müssen wir stets vor Augen haben, wenn wir vom Gericht Gottes reden. Ja, auch zum Gericht wird der Herr kommen wie ein Hirte.

Alle Völker werden von ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. (Mt 25,32)

Doch dieser endgültigen Trennung von Schafen und Böcken, von Guten und Bösen, geht die unermüdliche Hirtensorge Gottes voran, der ständig die verirrten sucht und nach ihnen ruft, der sich ständig um die verletzten kümmert und ihre Wunden heilt und der alle auf fruchtbare Weide führt, dass sie stark und kraftvoll bleiben. Nur wer diese Hirtensorge Gottes zurückweist, wer sich bewusst gegen sie entscheidet, die Stimme Gottes hört, aber ihr nicht folgt, und die liebende Hand, die sich ihm entgegenstreckt schroff abweist, und wer nicht bereit ist, seinen Mitmenschen auch nur den kleinsten Liebesdienst zu erweisen, der läuft in Gefahr, dass ihm diese ewige Verdammnis trifft.

Immer wieder neu versucht der Prophet Ezechiel deutlich zu machen, wie groß Gottes Fürsorge für sein Volk ist. Kann es da noch sein, dass jemand nicht gerettet werden kann?

Ich werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen – Spruch Gottes, des Herrn. Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist. (Ex 34,15-16)

Gott als Hirte – das ist eine Ergänzung zu dem Bild von Gott als Richter. Viele lehnen die Vorstellung eines richtenden Gottes ab. Gott als Richter, das ist doch Angstmache, das widerspricht doch dem Gott der Liebe, den uns das Neue Testament schildert. Vielleicht stellen wir uns das Gericht Gottes aber einfach nur zu menschlich vor. Wir erwarten, dass Gott wie ein Mensch richten wird. Dabei sollten wir doch wissen, dass Gott stets anders ist, als wir ihn uns vorstellen und dass er alle unsere Gedanken übersteigt. Was wissen wir Menschen schon davon, wie Gott, der ganz Liebe ist und der nichts anders kann als lieben, über eine Welt richten wird, die er aus Liebe geschaffen hat. Gott will die Rettung aller und es schmerzt ihn jeder Mensch, der sein Angebot der Liebe zurückweist.

Von Gott gerufen (Jes 45)

So spricht der Herr zu Kyrus, seinem Gesalbten, den er an der rechten Hand gefasst hat, um ihm die Völker zu unterwerfen, um die Könige zu entwaffnen, um ihm die Türen zu öffnen und kein Tor verschlossen zu halten. (Jes 45,1)

Der Perserkönig Kyrus, von dem hier die Rede ist, hat innerhalb weniger Jahre sein ererbtes persisches Kernland zu einem Weltreich erweitert, das von Indien bis ans Mittelmeer reichte. Das Reich des legendären lydischen Königs Krösus hat er erobert und auch das einst mächtige Babylon. Das neubabylonische Reich hat unter König Nebukadnezzar große Eroberungskriege geführt und viele Völker, die sich ihm widersetzten, deportiert, darunter auch die Israeliten, die nach der Eroberung Jerusalems in Babylon angesiedelt wurden.

Viele sahen nun in Kyros einen Befreier vom harten Joch Babylons. Auch die Israeliten setzten große Hoffnungen in ihn. Er wird als ein gerechter Herrscher stilisiert, ein Bild, das sich nicht nur die Bibel, sondern auch andere Quellen von ihm zeichnen. Vielleicht wundern wir uns darüber, wie fromme Juden diesen heidnischen König so glorifizieren konnten, doch seine Befreiung Israels vom Joch Babylons konnten sie nicht hoch genug loben.

Kyrus galt in den Augen der Juden als Gottes Werkzeug zur Befreiung seines Volkes. Obwohl er wahrscheinlich nicht das geringste Interesse am Gott Israels hatte, sahen die Juden in ihm einen Erwählten Gottes. Ihr Gott war es, der Kyros herbeigerufen hat und ihm die Macht für seine Eroberungen gegeben hat. Wir können hier denken: Wie können die Juden von sich behaupten, dass ihr Gott die Geschicke der ganzen Welt lenkt? Sie sind doch nur ein kleines, unbedeutendes Volk und ihr Gott ist einer von vielen. Sind nicht die Götter Babylons und die Götter der Perser weit größer als dieser Gott?

Doch Israel glaubt daran, Gottes auserwähltes Volk zu sein. Sie glauben, dass sie vom einzigen wahren Gott der ganzen Erde als sein besonderes Eigentum bestimmt worden sind. Wenn wir auf die Geschichte zurückblicken, erscheint das gar nicht mal so unglaubwürdig. Wer kennt noch die Götter Babylons, wer die Götter der Perser? Der Gott Israels aber wird in der ganzen Welt verkündet und verherrlicht von den Juden und von den Christen, die sich durch Jesus Christus als das neue Volk dieses Gottes sehen.

Die ganze Welt ist in der Hand unseres Gottes. Wenn er zulässt, dass seine Auserwählten von anderen Völkern unterdrückt werden, dann dient das zur Strafe und zur Läuterung seines Volkes. Wenn die Zeit der Strafe vorbei ist, wird Gott sofort dafür sorgen, dass sein Volk Rettung erfährt, und zwar auch durch die Hand fremder Herrscher. Was uns auch geschieht, Gott ist bei uns und am Ende wird er uns retten. In dieser Zuversicht lebte das Volk Israel, in dieser Zuversicht dürfen auch wir leben.

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. (Jes 45,4)

Von diesem Satz, der hier von Kyrus gesagt wird, darf sich jeder Mensch angesprochen fühlen. Gott kennt jeden einzelnen mit Namen. „Bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt“, sagt Jesus einmal. Für Gott ist jeder Mensch wichtig. Unter Millionen von Menschen erkennt er jeden einzelnen. Er ruft nicht nur einen mächtigen Herrscher wie Kyrus beim Namen, er ruft auch dich und mich. Jeder Mensch ist in Gottes Augen ein Werkzeug für seinen Dienst, jeder ist gerufen und berufen, den Willen Gottes zu tun.

Gott ruft jeden Menschen beim Namen. Gott kennt jeden Menschen. Gott kennt mich, auch wenn ich ihn nicht kenne.

Für Gott ist jeder Mensch wichtig. Gott befasst sich nicht mit der Menschheit als solcher, er befasst sich mit jedem Menschen ganz persönlich. Gott versendet keine unpersönlichen Standardbriefe. Er spricht jeden Menschen persönlich an. Er sagt zu mir: Fürchte dich nicht, ich bin bei dir. Ich kenne deine Stärken und deine Schwächen, deine Wünsche und deine Sehnsüchte. Ich bin bei dir, um dir meine Liebe zu zeigen.

Gott kennt mich mit Namen. Ich bin wichtig für ihn. Gottes Ruf ist unabhängig von unserem eigenen Verdienst. Er zeigt Gottes Liebe zu jedem von uns. Wenn es hier um Könige und Mächtige geht, soll sich niemand zu niedrig und zu klein fühlen. Ich bin kostbar in Gottes Augen. Er kennt mich mit Namen. Ich gelte vor ihm genauso viel wie ein König. Denke nicht selbst schlecht von dir, wenn Gott von dir so groß denkt.

Gottes Festmahl (Jes 25)

Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den besten und feinsten Speisen, mit besten, erlesenen Weinen. (Jes 25,6)

Der Prophet Jesaja spricht von einem Festmahl Gottes. Der Text steht im Zusammenhang der Jesaja-Apokalypse, die die Kapitel 24 bis 27 umfasst. Dort geht es zunächst um das Gericht Gottes über die Erde. In düsteren Worten malt Jesaja aus, wie die Feste auf der Erde verschwinden und die Bewohner darben, bis schließlich die Erde selbst zerbricht.

Doch dann ändert sich das Bild. Nach den Worten vom Untergang der Erde folgt eine befreiende Schilderung über Gottes neue Welt. Auf dem Zion, seinem heiligen Berg, wird Gott die Gerechten zum Mahl laden. Feinste Speisen, erlesenste Weine, unübertrefflich ist das, was Gott hier anbietet. Gott bereitet ein Festmahl, das größer und freudiger ist als jedes irdische Festmahl. Doch es kommt nicht allein auf Essen und Trinken an. Bei diesem Festmahl besteht auch eine innige Gemeinschaft, ein fester und friedlicher Zusammenhalt aller Menschen aus allen Nationen und letztlich auch eine unverhüllte Gemeinschaft mit Gott.

Er zerreißt auf diesem Berg die Hülle, die alle Nationen verhüllt, und die Decke, die alle Völker bedeckt. (Jes 25,7)

Es gibt zu allen Zeiten die Sehnsucht, dass die Menschen friedlich zusammenleben, dass es keine Schranken mehr gibt zwischen Stämmen und Nationen. Heute ist die Welt so nahe zusammengerückt wie noch nie. Früher unüberwindbare Distanzen kann man heute in wenigen Stunden bewältigen. In den Städten leben Menschen aus allen Teilen der Erde zusammen.

Wir haben die Vision einer friedlichen, multikulturellen Gesellschaft. Zugleich aber werden die Gräben deutlich, die noch zwischen den Menschen verschiedener Kulturen bestehen. Es ist nicht einfach, alle Menschen zusammenzubringen. Zu groß sind die Vorurteile auf allen Seiten, zu unterschiedlich aber auch die Vorstellungen von einem Zusammenleben. Nicht alle Menschen sind friedfertig und gut. Viele Menschen streben nach Macht. Das schafft Konflikte. Wird es uns gelingen, schon hier auf Erden eine friedliche multikulturelle Gesellschaft aufzubauen, oder bleibt dies für immer eine Vision, die nur Gott in seinem Reich verwirklichen kann?

Er beseitigt den Tod für immer. Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht. Auf der ganzen Erde nimmt er von seinem Volk die Schande hinweg. Ja, der Herr hat gesprochen. (Jes 25,8)

Gott kümmert sich um die Menschen. Es wird eine Zeit kommen, in der der Tod ein Ende haben wird, in der es keine Trauer und kein Leid mehr geben wird. Zu allen Zeiten fragen Menschen nach dem „Warum?“. Warum müssen wir sterben, warum müssen wir leiden? Warum hat Gott eine Welt geschaffen, in der es Leid und Tod gibt?

Die Heilige Schrift versucht, mit der Erzählung vom Sündenfall darauf eine Antwort zu geben. Gott hat für den Menschen die beste aller Welten geschaffen. Zu dieser Welt gehört aber auch die Freiheit des Menschen. Und in dieser Freiheit kann sich der Mensch gegen das Gute entscheiden und bringt so das Leid in die Welt, Tod, Streit und Krieg. Es wird aber ein Tag kommen, an dem Gott die Menschen vom Bösen befreien wird, mit dem sie sich eingelassen haben.

Lassen wir die Vision des Jesaja auf uns wirken, das Festmahl der Völker in Frieden und Freude. Vielleicht gelingt es uns ja, die Macht des Bösen hier auf Erden in Grenzen zu halten. Es ist die Entscheidung eines jeden, an jedem Tag und zu jeder Stunde, welchen Weg er wählt, den Weg des Hasses oder den Weg der Liebe, den Weg der Abgrenzung oder den Weg der Freundschaft, den Weg der Angst oder den Weg der Zuversicht.

Das Weinberglied (Jes 5)

Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ein Lied vom Weinberg meines Liebsten. (Jes 5,1a)

Mit dem Weinberglied beginnt die sogenannte Immanuelschrift. Sie umfasst den Abschnitt Jesaja 5,1-9,6 und gilt als Kern der Worte des Propheten. Im Mittelpunkt steht die Verheißung des Immanuel (Jes 7,1-25). Das Weinberglied (Jes 5,1-7) stellt den kunstvollen Prolog zu dieser Schrift dar. Es folgen Wehrufe und Worte des Zorns über Israel (Jes 5,8-30). Die Wichtigkeit der Immanuel-Verheißung wird durch die Schilderung der Berufung des Propheten (Jes 6,1-13) verstärkt.

Der Prophet singt ein Lied von einem Weinberg, dem Weinberg eines Freundes. Am Ende des Liedes wird kein Geringerer als der Herr der Heere, der Gott Israels, als der Besitzer des Weinbergs genannt. Der Weinberg ist das Haus Israel. Aber auch ohne diese Erklärung wird sofort klar, dass der Prophet über das Verhältnis Gottes zu seinem Volk spricht.

Das Lied beginnt als Liebeslied, es wird der geliebte Freund genannt und seine Fürsorge für den Weinberg. In seiner Liebe tut er alles erdenklich mögliche, um einen hohen Ertrag aus dem Weinberg zu erzielen. Er wählt einen fruchtbaren, hochgelegenen Platz, in dem die auf guten Boden gepflanzten Rebstöcke die besten Bedingungen zu gutem Wachstum haben. Er entfernt Steine, baut eine schützende Mauer und eine Kelter.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe. Er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den edelsten Reben. Er baute mitten darin einen Turm und hieb eine Kelter darin aus. Dann hoffte er, dass der Weinberg süße Trauben brächte, doch er brachte nur saure Beeren. (Jes 5,1b-2)

Plötzlich auf seinem Höhepunkt bricht das Liebeslied abrupt ab. Es ist etwas geschehen, was diese Liebe stört. Der Weinberg bringt statt der süßen Trauben nur saure und faulige Beeren hervor. Warum? Woran liegt es, dass die erhofften Früchte für einen guten Wein ausbleiben? Eines steht fest: es liegt nicht an der mangelhaften Fürsorge des Besitzers. Er hat alles Nötige und mehr als das getan. Der Prophet ruft die Einwohner Judas und Jerusalems auf, sich selbst ihr Urteil zu bilden über das, was hier geschehen ist.

Nun sprecht das Urteil, Jerusalems Bürger und ihr Männer von Juda, im Streit zwischen mir und dem Weinberg! Was konnte ich noch für meinen Weinberg tun, das ich nicht für ihn tat? Warum hoffte ich denn auf süße Trauben? Warum brachte er nur saure Beeren?
Jetzt aber will ich euch kundtun, was ich mit meinem Weinberg mache: Ich entferne seine schützende Hecke; so wird er zur Weide. Seine Mauer reiße ich ein; dann wird er zertrampelt. Zu Ödland will ich ihn machen. Man soll seine Reben nicht schneiden und soll ihn nicht hacken; Dornen und Disteln werden dort wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu spenden. (Jes 5,3-6)

Dem Besitzer des Weinbergs ist die Freude an seinem Weinberg vergangen. All seine Kraft und Fürsorge hat er in ihn gesteckt und doch wollte keine süße Beere darin reifen. In seiner Wut zerstört er den Weinberg. Er entfernt seinen Schutz, so dass Tiere die Reben fressen und zertrampeln. Ohne Pflege verkommen die Reben und werden von Dornen und Disteln überwuchert. Der grüne Weinberg wird zum Ödland, nicht einmal mehr Regen fällt auf ihn.

Ja, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel und die Männer von Juda sind die Reben, die er zu seiner Freude gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch – doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit – doch siehe da: Der Rechtlose schreit. (Jes 5,7)

Wie aus einem sorgfältig angelegten Weinberg ein Stück Ödland werden kann, konnten sich damals alle Leute vorstellen, haben es vielleicht schon selbst gesehen. Auch für uns ist dies ein leicht verständliches Bild. Wie diesem Weinberg wird es Juda und Jerusalem ergehen. Das einst blühende Land wird von den Feinden verwüstet. Schuld daran sind seine Bewohner, vor allem die Mächtigen, die das Recht brechen und nur ihren eigenen Gewinn suchen. In den folgenden Wehrufen wird der Prophet dies noch präzisieren.

Jesaja sagt zu einer Zeit, in der es Juda und Jerusalem noch relativ gut gegangen ist, der Stadt und dem Land den Untergang voraus. Es sind harte Worte, die niemand hören wollte. Doch Jesaja muss sie sagen, denn so, wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Doch er prophezeit nicht nur den Untergang, sondern auch den Neuanfang, den Gott mit seinem Volk machen wird in der Gestalt des Emmanuel, des „Gott mit uns“.

Immer wieder braucht es Menschen, die ihren Finger auf die Wunde der Gesellschaft legen. Immer wieder wächst die Ungerechtigkeit in Staaten, wenn der Wohlstand wächst, aber die Mächtigen immer mehr für sich beanspruchen und die Zahl der Armen steigt. Immer wieder führt ein solches Szenario in die Katastrophe und es braucht einen Neuanfang. Echte Propheten zeigen neben ihrer Kritik auch die Chance dieses Neuanfangs auf. Gott führt die Menschen nicht ins Verderben, sondern er will die Rettung der Menschen.

Aus christlicher Sicht wird die Verheißung des Emmanuel auf Jesus Christus hin gedeutet. Er ist der „Gott mit uns“, in dem Gott den Menschen auf unüberbietbare Weise seine Nähe zeigt. Auch das Weinberglied hat einen Anklang im Neuen Testament, im Gleichnis von den bösen Winzern (Mt 21,33-46 und Parr.). In diesem Gleichnis wird Gott mit einem Gutsbesitzer verglichen, der genau wie im Weinberglied geschildert, einen Weinberg anlegt. Im Gleichnis aber sind es die vom Gutsbesitzer eingesetzten Verwalter, die ihm seinen Anteil an dem Ertrag verwehren. Der Weinberg bringt Frucht, aber die Verwalter wollen sie für sich allein, daher werden sie mit Gewalt abgelöst und der Weinberg anderen übergeben.

Ezechiel 18 – Umkehr ist möglich

So spricht der Herr: Ihr sagt: Das Verhalten des Herrn ist nicht richtig. Hört doch, ihr vom Haus Israel: Mein Verhalten soll nicht richtig sein? Nein, euer Verhalten ist nicht richtig. Wenn der Gerechte sein rechtschaffenes Leben aufgibt und unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. Wenn sich der Schuldige von dem Unrecht abwendet, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. (Ez 18,25-28)

Das Evangelium am vergangenen Sonntag hat uns gezeigt: Ja oder Nein, nicht das bloße Wort zählt, sondern die Entscheidung zum Handeln gibt den Ausschlag. Nicht der Sohn, der zwar „Ja“ sagt, sich dann aber gegen dieses „Ja“ entscheidet erfüllt den Willen des Vaters, sondern der Sohn, der zunächst „Nein“ sagt, dann aber doch der Bitte des Vaters Folge leistet. Der Text aus dem Propheten Ezechiel gibt uns eine Erläuterung zu diesem Gleichnis.

Ezechiel spricht seine Worte in die Zeit des Untergangs der Stadt Jerusalem. Er ist zusammen mit vielen Einwohnern der Stadt bereits in der Verbannung in Babylon, die in Jerusalem Verbliebenen werden bald folgen. Sie glauben, dass ihr Schicksal die Strafe ist für die Verfehlungen der Generation ihrer Eltern. Doch Ezechiel macht deutlich, dass es ihre eigene Schuld ist. Sie werden nicht für die Taten ihrer Eltern bestraft. Sie selbst sind es, die nicht verstanden, worauf es ankommt. Sie vertrauen auf den Gott Israels, den sie mit ihren Lippen ehren, ihr Tun aber ist ganz anders. Heimlich verehren sie auch andere Götter und missachten das Gesetz Gottes.

Ihr Denken ist verkehrt. Sie sagen sich: Gott hat Israel erwählt. Er wird Jerusalem beschützen, egal was wir tun. Wir sind Gottes auserwähltes Volk. Doch die Erwählung Gottes bedarf auch ständig ihrer Annahme durch den Menschen. Gott erwartet von seinen Erwählten ein Leben, das dieser Erwählung entspricht. Die Menschen können sich nicht auf ihr Erwähltsein verlassen. Die Erwählung zeigt sich in einem Bund zwischen Gott und dem Volk Israel. Zu diesem Bund gehören auch die Gebote. Wenn das Volk diese Gebote Gottes missachtet, läuft es Gefahr, den Status des Erwähltseins zu verlieren.

Gott ist treu, er steht zu seiner Erwählung Israels, und darum gibt er auch immer wieder die Möglichkeit der Umkehr. Wenn die Eltern gesündigt haben, haben die Kinder dennoch die Möglichkeit, es besser zu machen. Immer wenn Menschen erkennen, dass sie dem Bund mit Gott nicht entsprochen haben, schafft Gott den Raum für eine Umkehr. Wer sich aber auf sein Erwähltsein verlässt und sich bewusst immer weiter von Gottes Geboten entfernt, der läuft Gefahr, den Status der Erwählung zu verlieren.

Herr, lass mich meine Fehler erkennen,
gib mir den Mut, einzusehen, wo ich deinem Willen nicht entsprochen habe.
Gib mir die Kraft, umzukehren, die Kraft, loszulassen, was mich von dir trennt.
Du wartest stets auch mich mit deinen geöffneten Armen.
Lass mich zu dir eilen in die Arme deiner Barmherzigkeit.

Jes 55 – Gottes Wort wirkt

Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe. (Jes 55,10-11)

Der zweite Teil des Buches Jesaja beinhaltet Worte, die ein ansonsten unbekannter Prophet zur Zeit des babylonischen Exils gesprochen hat. Seine Worte wurden als sogenannter Deuterojesaja in das Buch Jesaja integriert. Von ihm stammen unter anderem die Lieder vom Gottesknecht und die hoffnungsvollen Worte über die Befreiung aus dem Exil in Babylon.

Die Verse über die Wirkkraft des Wortes Gottes stehen am Ende des Deuterojesaja. Sie sollen die Aussage des Propheten bekräftigen. Seine Worte sind nicht bloßes Gerede. Wenn Gott spricht, so wohnt seinem Wort auch die Kraft inne, das zu erfüllen, was er verheißen hat. Konkret heißt das hier, dass die Rede von der Befreiung aus dem Exil in Babylon nicht nur ein schöner Text ist, sondern dass diese Befreiung Wirklichkeit werden wird.

Der Prophet nutzt dazu den Vergleich mit Regen und Schnee. Bedenken wir einmal, wie lebenswichtig es ist, dass Wasser vom Himmel kommt. Wenn es zu wenig regnet, trocknet die Erde aus, die Pflanzen verdorren, die Fruchtbarkeit geht zurück und irgendwann merken auch wir Menschen, dass das Wasser knapp wird, das wie selbstverständlich aus unseren Leitungen fließt. Wie wichtig ist es, dass es genug regnet, wie zerstörerisch kann zu heftiger Niederschlag sein. Wenn genügend Regen fällt, dann wachsen die Pflanzen, und Mensch und Tier können gut leben.

Im trockenen Land sehnen sich die Menschen nach Regen. In manchen Teilen der Erde ist Regen auf eine bestimmte Jahreszeit beschränkt. Wenn die Erde immer mehr austrocknet, warten die Menschen sehnsüchtig auf den Beginn der Regenzeit. Bleibt sie aus, so führt das meist zu einer katastrophalen Hungersnot. Doch wenn der Regen kommt, wird aus dem ausgetrockneten Land nach kurzer Zeit eine grüne Welt.

So wie die Menschen sich im trockenen Land nach Regen sehnen, so ist auch Gottes Wort ein Sehnsuchtsziel des Menschen. Gottes Wort lässt seine Nähe erfahrbar werden, es zeigt, dass Gott um die Nöte der Menschen weiß und sich ihrer annimmt. Es gibt dem Leben Richtung und Ziel. Dass Gott zu uns Menschen spricht ist irgendwie ein Wunder, wie auch Regen und Schnee irgendwie ein Wunder sind. Regen und Schnee sind zwar einerseits ganz selbstverständliche Ereignisse und wissenschaftlich erklärbare Phänomene. Aber wenn wir etwas genauer hinsehen, entdecken wir wie einzigartig die Kristalle einer Schneeflocke sind oder wie verzaubernd die Stimmung an einem Regentag sein kann.

Gottes Wort bewirkt, was Gott will, es wirkt, so wie Gott es will. Es wirkt zu allen Zeiten, zur Zeit der alten Propheten, zur Zeit Jesu und auch heute. Immer gibt es Menschen, die vom Wort Gottes getroffen werden und dann ihr ganzes Leben nach diesem Wort ausrichten. Das soll uns Mut machen, wenn wir meinen, gerade heute würde das Wort Gottes ungehört verhallen. Machen auch wir uns bereit, sein Wort aufmerksam zu hören.

Der Friedenskönig (Sach 9)

Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft. (Sach 9,9a)

Viele Exegeten gehen davon aus, dass der zweite Teil des Buches Sacharja, aus dem dieser Ausspruch stammt, im 4. Jahrhundert v.Chr. entstanden ist, jener Zeit, in der Alexander der Große mit der Eroberung seines Weltreichs die ganze Welt des Nahen Ostens erschüttert und für alle Völker einschneidende Veränderungen gebracht hat. Seine Nachfolger teilten dann in zahlreichen Kriegen das Erbe unter sich auf. Es war eine Zeit der Globalisierung. Noch nie gab es ein Reich, das einen so weiten Raum umspannt und so viele Völker unter einer Herrschaft vereinigt hat. Man ist noch heute fasziniert vom Mut Alexanders des Großen, aber zugleich auch abgeschreckt von der Brutalität seiner Nachfolger. Sicher hat man sich damals bereits viele Geschichten über diese Ereignisse erzählt.

Der Friedenskönig, von dem der Prophet hier spricht und der auf dem Berg Zion in Jerusalem regiert, ist ein Gegenpol zu diesen Herrschern. Doch egal auf welche Zeit und Ereignisse der Spruch des Propheten zurückgeht, es gibt zu allen Zeiten Herrscher, die Krieg über die Erde bringen und Menschen unterdrücken. Jeder Herrscher steht in der Versuchung, sich zu überheben, und sich von der Gier nach immer größerer Macht blenden zu lassen. Somit ist die Sehnsucht nach einem Friedenskönig zu allen Zeiten lebendig. Was sind die Kennzeichen eines solchen Königs?

An erster Stelle steht die Gerechtigkeit. Der Friedenskönig sucht nicht seinen eigenen Vorteil und den seiner Getreuen, er entscheidet nicht blind zugunsten der Reichen, sondern er will Gerechtigkeit für alle. Er prüft auch die Klagen der einfachen Leute und schützt sie vor Ausbeutung und den Übergriffen der Mächtigen. Er hilft, oder besser gesagt er bringt das Heil. Viele Herrscher ließen sich als Heilsbringer verehren, aber brachten großes Unheil über die Völker. Die Sehnsucht der Menschen nach Heil wurde so oft enttäuscht.

Heilig und Heil sind Worte, die uns heute weitgehend fremd geworden sind und die im öffentlichen Wortschatz kaum mehr zu finden sind, sicher auch deshalb, weil sie zu oft missbraucht wurden. Heil ist aber ein wesentliches Produkt christlichen Lebens, das wir aufgrund unserer Berufung zur Heiligkeit mit Gottes Hilfe in der Welt konkret werden lassen sollen. Ein Heiliger ist ein Mensch, der Heil wirkt, in dessen Umgebung Wunden heilen, körperliche und geistige. Der Friedenskönig schafft die Voraussetzungen dafür, dass dieses Heil allen zuteilwerden kann.

Er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. Ich vernichte die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem, vernichtet wird der Kriegsbogen. Er verkündet für die Völker den Frieden; seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Eufrat bis an die Enden der Erde. (Sach 9,9b-10)

Der Friedenskönig ist demütig, was dadurch zum Ausdruck kommt, dass er auf einem Esel reitet. Der Esel ist damals im Nahen Osten ein seit vielen Jahrhunderten bewährtes Lasttier, das sich auch einfache Leute leisten konnten. Im Gegensatz zum Pferd, das als Streitross und Zugtier für die schnellen Streitwagen diente und auf dem die Herrscher sich in allem Stolz präsentieren konnten, ist der Esel ein Bild für Bescheidenheit und Friedfertigkeit. Im Krieg kann der Esel allenfalls das für den Tross nötige transportieren, kommt aber sicher nicht im Kampf zum Einsatz.

Im Reich des Friedenskönigs gibt es keine Streitwagen und Kriegspferde und keine Bogenschützen. All das sind Kennzeichen der expandierenden Großmächte, die mit ihren Heeren einen schnellen Angriffskrieg führen. Doch nicht die Heere, die mit ihren Streitwagen die Erde verwüsten und Angst und Schrecken verbreiten, sind das Leitbild der Zivilisation. Das Reich des Friedenskönigs ist nicht auf Expansion ausgerichtet, sondern auf Stabilisierung im Innern. Der Friede, den er bringt, schafft die Voraussetzung dafür, dass sich eine Kultur des Friedens ausbreiten kann, dass Kunst, Kultur und Religion sich entwickeln können.

Was aber ist das für ein König, der statt auf einem Streitross auf einem Esel reitet? Wie setzt er sein Reich der Gerechtigkeit durch und kann dabei auf Streitwagen und Kriegsbogen vernichten? Welcher König bringt der Welt wirklich den Frieden? Die Heilige Schrift sieht diese Verheißung in Jesus Christus erfüllt, der am Palmsonntag als Friedenskönig auf einem Esel reitend in Jerusalem einzieht, und dem das Volk zujubelt. Jesus Christus als Friedenskönig hat keine andere Waffe als die Liebe Gottes zu seinem Volk. Daher wird er von den Mächtigen auch schnell aus dem Weg geräumt. Doch wir glauben, dass mit ihm das Friedensreich Gottes in dieser Welt angebrochen ist, über das er als der Auferstandene nun herrscht.

Oft wurde die Herrschaft Gottes falsch verstanden. Könige von Gottes Gnaden regierten im Namen Gottes mit der Gewalt des Schwertes. Aus Gottes Friedensreich wurde ein Reich wilder Krieger. Doch wer Gottes Herrschaft auf dieser Welt verteidigen will, muss den Weg Jesu gehen, in aller Demut und Heiligkeit, ohne Kriegswaffen, allein in der Liebe. Er muss dabei aber auch damit rechnen, dass ihn das gleiche Schicksal treffen kann wie Jesus Christus. Aber gerade in der Schwachheit erweist sich Gottes Kraft und wir dürfen darauf vertrauen, dass er selbst es ist, der seiner Liebe zum Sieg verhilft.

Elischa und die Frau aus Schunem

Eines Tages ging Elischa nach Schunem. Dort lebte eine vornehme Frau, die ihn dringend bat, bei ihr zu essen. Seither kehrte er zum Essen bei ihr ein, sooft er vorbeikam. (2Kön 4,8)

Schunem ist eine Stadt in Israel, etwa 30 km südlich des Sees Gennesaret zwischen dem Berg Tabor und Jesreel gelegen. Sie gehört zum Gebiet des Stammes Issachar. Wir wissen nicht, warum der Prophet Elischa hier regelmäßig vorbeikam. Möglicherweise lag der Ort an der wichtigen Handelsstraße, die von der Mittelmeerküste über Megiddo und Hazor weiter nach Damaskus verlief. Es wird berichtet, dass Elischa auch in Damaskus tätig war.

In Schunem lebte eine vornehme Frau, ihren Namen erfahren wir nicht. Ihr war aufgefallen, dass Elischa hier öfter auf der Durchreise ist. Der Prophet war kein Unbekannter und sicher sorgte sein Erscheinen überall für Aufregung und die Menschen kamen zusammen, um ihn zu sehen. Wir wissen um die Gastfreundschaft in orientalischen Ländern. So ist es nahezu eine Selbstverständlichkeit, dass Elischa auf der Reise mit Essen, Trinken und einem Nachtlager rechnen kann.

Die vornehme Frau aber tut noch mehr. Sie bittet ihren Mann, eines der Zimmer im Haus dauerhaft für den Propheten herzurichten. Die Erwähnung eines gemauerten Hauses mit Obergemächern zeigt, dass es sich wirklich um eine reiche Familie handelte, die wahrscheinlich das größte Haus im Ort besaß. Auch Bett, Stuhl, Tisch und Leuchter waren damals Einrichtungsgegenstände, die sich nur reiche Leute leisten konnten.

Als Elischa fragte seinen Diener Gehasi, was man für die Frau tun könne. Dieser sagte: Nun, sie hat keinen Sohn, und ihr Mann ist alt. Da befahl er: Ruf sie herein! Er rief sie, und sie blieb in der Tür stehen. Darauf versicherte ihr Elischa: Im nächsten Jahr um diese Zeit wirst du einen Sohn liebkosen. (2Kön 4,15-16)

Elischa will der Frau für ihre Gastfreundschaft etwas zurückgeben. Die Frau aber lehnt zunächst dankend ab. Sie hat alles, was sie braucht. Neben dem Reichtum ihres Mannes lebt sie zudem inmitten ihrer Verwandten, was ihr zusätzliche Sicherheit verleiht, wenn ihrem Mann einmal etwas zustoßen sollte. Familienbande waren im Alten Orient von größter Bedeutung und mehr wert, als eine Empfehlung beim König.

Doch Gehasi, der Diener Elischas, weiß um den Schwachpunkt der auf den ersten Blick so perfekten Familie. Die Frau ist kinderlos und das ließ sie trotz ihres Reichtums im Ansehen der Menschen sinken. Zudem gab es dadurch keinen Stammhalter, der den Reichtum und das Ansehen der Familie in der nächsten Generation hätte bewahren können.

Elischa gibt der Frau daher die Verheißung, dass sie im nächsten Jahr ein Kind, ja sogar einen Sohn, haben wird. Das ist der größte Lohn, den sie für ihre Gastfreundschaft erhalten kann. Die Frau ist zunächst skeptisch, eine verbreitete Reaktion auf solche Verheißungen, wie wir es bereits bei Abrahams Frau Sarah sehen. Umso größer erscheint dann das Wunder, dass die Frau tatsächlich schwanger wird und zur verheißenen Zeit einen Sohn zur Welt bringt.

Die Geschichte aber geht noch weiter. Als das Kind einige Jahre alt ist, stirbt es plötzlich. Wir können uns den Schmerz der Frau vorstellen und zudem ihre Verwirrung. Denn warum hat Gott ihr ein Kind geschenkt, wenn er es ihr wieder nimmt? Da wäre es besser gewesen, kinderlos zu bleiben, als diesen zusätzlichen Schmerz zu ertragen. Sie eilt zu Elischa, ihrer einzigen Hoffnung. Und der Prophet wirkt ein noch größeres Wunder, er erweckt den toten Sohn wieder zum Leben.

Die Erzählung zeigt uns die wundermächtige Kraft des Propheten Elischa und die Macht Gottes, der sich um sein Volk sorgt und den Schoß eine kinderlosen Frau öffnen, ja sogar Tote zum Leben erwecken kann. Sie zeigt aber auch den Lohn der Gastfreundschaft. Diese ist keine einseitige Zuwendung. Gastfreundschaft bedeutete die Pflicht, dem Gast das Kostbarste, das man bieten konnte, vorzusetzen, ja sogar die letzten Vorräte aufzutischen. Umso größer wird der Lohn für diejenigen sein, die dazu bereit sind.

Von diesem Lohn für die gastfreundliche Aufnahme der Jünger spricht auch Jesus im heutigen Evangelium.

Prophet Jeremia

Ich hörte das Flüstern der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze: Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.
Doch der Herr steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und kommen nicht auf. Sie werden schmählich zuschanden, da sie nichts erreichen, in ewiger, unvergesslicher Schmach. Aber der Herr der Heere prüft den Gerechten, er sieht Herz und Nieren. Ich werde deine Rache an ihnen erleben; denn dir habe ich meine Sache anvertraut. Singt dem Herrn, rühmt den Herrn; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter. (Jer 20,10-13)

Es ist Krieg in Jerusalem, ein furchtbarer Krieg. Die Stadt wird von den Feinden eingeschlossen, das Elend ist groß, Hunger und Krankheiten fordern täglich mehr Opfer. Doch die Menschen verstehen nicht, was geschieht. Das Volk und seine Anführer glauben weiterhin daran, dass Gott sein auserwähltes Volk verschonen wird, dass die Stadt mit dem Tempel des Herrn niemals von Feinden eingenommen werden kann.

Doch sie täuschen sich. Längst hat der Herr schon durch die Propheten das Unheil der Stadt vorausgesagt, weil ihre Bewohner nicht mehr nach dem Willen des Herrn leben. Sie geben zwar noch vor, fromm zu sein, aber es ist äußerer Schein. In ihrem Inneren werden sie bestimmt von der Grier nach Reichtum und Genuss. Die Oberschicht bereichert sich auf Kosten der Armen und der Gottesdienst ist zu einem leeren Ritual geworden.

In dieser Zeit hält Jeremia den führenden Männern der Stadt ihr Unrecht vor, sagt ihnen deutlich, dass es die Folge ihrer Vergehen ist, was nun mit der Stadt geschieht, und er macht ihnen klar, dass Gott sie nicht retten wird. Gott hat einen Neuanfang beschlossen und damit dieser geschehen kann, muss erst die alte Stadt untergehen. Das bevorstehende Exil in Babylon wird das Denken Israels und seine Beziehung zu Gott entscheidend verändern.

Jeremia ist den führenden Männern lästig. Sie können es nicht ertragen, dass da einer die Wahrheit sagt und noch dazu, dass er im Namen Gottes den Untergang der Stadt prophezeit. Sie sperren Jeremia ein, er sitzt in einem finsteren Loch und ist kurz vor dem Verhungern. Er denkt an seinen Dienst für Gott und wohin ihn dieser Dienst nun geführt hat. Vielleicht zweifelt er auch an diesen Gott, in dessen Namen er aufgetreten ist. Behandelt Gott so seine Diener?

Doch der Prophet ist durch und durch von Gott ergriffen. Er kann Gott nicht verleugnen und kann nicht aufhören, von dem zu reden, was Gott ihm gezeigt hat. Er wird die Worte Gottes verkünden, egal was seine Gegner ihm antun mögen. Dabei ist er sich sicher, dass Gott ihn retten wird. Gott wird seinen Propheten nicht verlassen. Auch wenn er jetzt in der Dunkelheit des Kerkers dahinschmachtet, er kann das Licht der Rettung sehen und glaubt an die Größe Gottes, der sein Wort in Erfüllung gehen lässt.

Herr, ich habe dir meine Sache anvertraut.

Du wirst nicht säumen, Herr,
wenn ich hoffend auf dich warte.

(Hl. Johannes vom Kreuz)

Die Vision des Ezechiel

So spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel. Wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole, dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig und ich bringe euch wieder in euer Land. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich habe gesprochen und ich führe es aus – Spruch des Herrn. (Ez 37,12-14)

Der Prophet Ezechiel hat eine Vision. Der Herr führt ihn in eine Ebene voller Gebeine, ausgetrockneter Gebeine. Es erinnert uns an ein Schlachtfeld, in dem Leichen verstreut liegen. Ein erschütterndes Bild. Es ist das Bild für das Volk Israel in der Verbannung in Babylon. Das Volk siecht dahin. Die Menschen leben, aber sie sind wie tot. Trauer über den Verlust ihrer Heimat, Hoffnungslosigkeit angesichts des Lebens in der Fremde.
Ein Bild zugleich für die Vielen zu allen Zeiten, denen die Lebensfreude abhandengekommen ist, die nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen, die von einem Schicksalsschlag gezeichnet sind und keine Hoffnung mehr haben. Ausgetrocknet, innerlich verdorrt. Wie können solche Menschen wieder zum Leben finden? Fromme Sprüche helfen da wenig.
Gottes Geist vermag die vertrockneten Gebeine mit neuem Leben zu erfüllen, kann den Hoffnungslosen neuen Lebensmut geben. Gottes Geist wirkt machtvoll, dort wo kein Mensch mehr helfen kann. Gott wirkt. Gott schaut nicht von fern dem Elend der Menschen zu und bleibt abseits stehen. Gott greift ein. Gott gibt den Lebensgeist, macht die Gebeine lebendig mit Sehnen, Fleisch und Haut. Er schenkt erneut den Lebensatem, mit dem er schon den ersten Menschen lebendig gemacht hat.

Gott ist ein Gott des Lebens, ein Gott, der Leben schenkt, ein Gott, der den Tod besiegt, ein Gott, der den Menschen nicht im Stich lässt. Gott greift ein. Gott wirkt. Mit diesem Wirken Gottes dürfen wir immer rechnen.

Der Lebensquell des Volkes Israel ist der Glaube an den einen Gott und die Freude daran, im verheißenen Land zu leben. Beides war durch das Exil in Babylon in Frage gestellt worden. Gott schien sein Volk verlassen zu haben. Er hat es nicht vor den Feinden beschützt. Die Feinde haben das Volk Israel seines Landes beraubt und durch die Zerstörung des Tempels auch scheinbar ihres Gottes.

Doch im Exil wird Israel eine ganz neue Erfahrung machen: Gott ist bei seinem Volk auch in der Verbannung. Gott ist unter seinem Volk gegenwärtig, auch wenn es keinen Tempel mehr besitzt, in dessen Allerheiligstem das Volk sich die Gegenwart Gottes vorgestellt hat. Das heißt aber nicht, dass Heimat und Tempel verloren sind. Es wird eine Zeit kommen, in der Israel wieder in sein Land zurückkehren wird und auch den Tempel wieder aufbauen wird und Gott von neuem darin Wohnen wird.

Das Leben aus dem Geist ist nicht an Irdisches gebunden, das wird Paulus ausführlich im Römerbrief darlegen. Durch das Kommen Jesu Christi gibt Gott den Geist unbegrenzt. Jeder Mensch auf der ganzen Erde, egal, aus welchem Volk, egal aus welchem Land, kann aus dem Geist Gottes leben, wenn er an Jesus Christus glaubt und sich vom Geist Gottes leiten lässt.

Gottes Geist macht lebendig. Er macht sein Volk lebendig, das in der Verbannung in Babylon in Verzweiflung lebt, er wird auch die Kirche heute lebendig machen, die uns oft so vertrocknet und mutlos erscheint wie die Gebeine in der Vision des Ezechiel. Das kann überall dort Wirklichkeit werden, wo sich Menschen von Gottes Geist erfüllen und leiten lassen. Erbitten wir das mit dem bekannten Gebet:

Herr, erwecke deine Kirche
und fange bei mir an!
Herr, baue deine Gemeinde
und fange bei mir an!
Herr, lass Frieden überall auf Erden kommen
und fange bei mir an!
Herr, bringe deine Liebe
und Wahrheit zu allen Menschen
und fange bei mir an.