Johannes der Täufer

In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf. Er verkündete in der Wüste von Judäa: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. (Mt 3,1b-2)

Johannes der Täufer ruft mit den gleichen Worten, die der Evangelist auch Jesus in den Mund legt (Mt 4,17). Beide stehen für den Ruf zur Umkehr und für den Anbruch des Reiches Gottes, das bei Matthäus als Himmelreich bezeichnet wird. Matthäus sieht ebenso wie auch die anderen Evangelisten in Johannes die Verheißung des Propheten Jesaja erfüllt:

Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen! (Mt 3,3)

Matthäus zitiert hier wörtlich Jes 40,3. Ursprünglich meint der Prophet damit einen Weg aus der Gefangenschaft in Babylon heim ins Gelobte Land. In einer Zeit, als die Straßen noch holprige Wege waren, die über viele Kurven bergauf und bergab dem Gelände folgten, war eine Straße, die gerade und eben Berge und Täler überwindet, ein Wunder. Doch bereits im alten Persien gab es die Königsstraßen, auf denen ein Kriegsherr schnell in entlegene Provinzen gelangen konnte. Die Römer waren bekanntlich Meister im Straßenbau und Matthäus mag wie viele andere seiner Zeit diese befestigten Straßen bewundert haben.

Auch für Gott entsteht eine Straße, wir würden heute vielleicht sagen eine Autobahn, die sein Kommen zu den Menschen einfach macht. Wenn es einen ebenen und geraden Weg gibt, kann man leicht und schnell auch in entlegene Gegenden kommen. Johannes der Täufer ist so ein Wegbereiter für Gott, aber nicht indem er mit Hacke und Schaufel eine Trasse für eine Straße baut, sondern indem er die Herzen der Menschen vorbereitet.

Harte Herzen sind das größte Hindernis für das Kommen Gottes in diese Welt. Daher müssen die Herzen der Menschen vorbereitet werden. Nicht alle hatten ein offenes Herz für Gott. Einige Verse weiter werden wir sehen, wie der Täufer bereits den Widerstand der Pharisäer und Sadduzäer zu spüren bekommt, die sich später auch Jesus in den Weg stellen und für seine Hinrichtung sorgen. Aber von den einfachen Menschen kommen viele zu Johannes und später zu Jesus. Sie sind bereit zur Umkehr, bereit zu einer ganz neuen Begegnung mit dem Gott Israels, der allen Menschen auf der ganzen Welt das Heil schenken möchte.

Wie sieht es heute aus mit den bereiten Herzen? Bei vielen Menschen findet Gott heute keinen geraden und breiten Weg in die Herzen vor, sondern einen mit vielen Hindernissen, der oft auch noch mit schweren Barrieren verschlossen ist. Die Menschen scheinen Gott heute weniger zu brauchen als eh und je. Viele Mysterien, die Menschen früher auf göttliche Kräfte zurückgeführt haben, lassen sich heute rein wissenschaftlich erklären. Für das geistige Wohlbefinden kann man sich an einen Psychologen wenden. Und mit dem Begriff Heil kann kaum mehr jemand etwas anfangen.

In jenen Tagen …

In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf. (Mt 3,1a)

Matthäus hat sein Evangelium mit der Kindheitsgeschichte Jesu begonnen, die in der Erzählung von den Sterndeutern, dem darauf folgenden Kindermord in Betlehem und der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten ein für die christliche Frömmigkeit bedeutsames und einmaliges Eigengut enthält. Wie bei den anderen Evangelien auch, steht bei Matthäus am Beginn des öffentlichen Auftretens Jesu die Schilderung des Wirkens Johannes des Täufers. Bevor wir dieses näher betrachten, lohnt es sich, bei den ersten Worten dieses Abschnitts zu verweilen.

„In jenen Tagen“, schreibt Matthäus, trat Johannes am Jordan auf. Lukas ist hier sehr präzise und ordnet jene Tage in das Gefüge der Weltgeschichte ein: „Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und der Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene.“ (Lk 3,1) Markus schließt das Wirken des Täufers ohne Zeitangabe direkt an die Überschrift zu seinem Evangelium an.

Was aber meint Matthäus mit „jenen Tagen“, von denen er schreibt? Das vorangehende Kapitel endet ja mit dem „Umzug“ der Heiligen Familie nach Nazaret und da war Jesus noch ein Kind und es liegen etwa 30 Jahre zwischen diesen Ereignissen und jenen, die nun geschildert werden. Ich glaube, dass Matthäus hier bewusst auf prophetische Texte anspielt, die von den Tagen des Heils künden. Mit dem Auftreten des Täufers beginnt die Heilszeit, die im Wirken Jesu ihren Höhepunkt und ihre Erfüllung findet.

Einen schönen Beleg für den Charakter jener Tage finden wir in den letzten Worten des Buches Joel, die auch in einer Antiphon zum ersten Adventssonntag eindrucksvoll vertont worden sind:

Und es wird geschehen an jenem Tag: Da triefen die Berge von Wein, die Hügel fließen über von Milch und in allen Bächen Judas strömt Wasser. Eine Quelle entspringt im Haus des Herrn und tränkt das Schittim-Tal. Ägypten wird zur Wüste, Edom wird zur verödeten Steppe, wegen der Gewalttat an den Kindern Judas, in deren Land sie unschuldiges Blut vergossen. Juda aber wird für immer bewohnt sein und Jerusalem von Geschlecht zu Geschlecht, ich erkläre ihr Blut für unschuldig, das ich vorher nicht für unschuldig erklärte, und der Herr wohnt auf dem Zion. (Joel 4,18-21)

Gott wohnt unter seinem Volk und befreit es von seinen Sünden. Das Land wird gesegnet sein und trieft von Wasser, Milch und Honig. Wasser steht für Fruchtbarkeit, Milch und Honig für überfließenden Reichtum, der ein Kennzeichen des Segens Gottes ist. Diese Heilszeit ist nun da, Gott spendet seinen Segen. Johannes der Täufer steht ebenso wie der Prophet Joel für den Ruf zu Umkehr und Buße, die eine entscheidende Voraussetzung für den Anbruch der Heilszeit sind. Anders jedoch als die früheren Propheten schaut Johannes nicht in eine ferne Zukunft, sondern erlebt selbst das Kommen des Messias, des Sohnes Gottes, der das Heil in überfließender Fülle schenkt.

Johannes der Täufer

Dies ist das Zeugnis des Johannes: Als die Juden von Jerusalem aus Priester und Leviten zu ihm sandten mit der Frage: Wer bist du?, bekannte er und leugnete nicht; er bekannte: Ich bin nicht der Messias. Sie fragten ihn: Was bist du dann? Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein. Da fragten sie ihn: Wer bist du? Wir müssen denen, die uns gesandt haben, Auskunft geben. Was sagst du über dich selbst? Er sagte: Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat. (Joh 1,19-23)

Wer ist dieser Johannes der Täufer? Diese Frage haben sich die religiösen Führer der Juden gestellt. Er ist einer, der den Menschen die Vergebung ihrer Sünden verspricht und zwar durch eine Wassertaufe im Jordan und nicht durch ein Opfer im Tempel, wie es nach dem Gesetz der Juden üblich war. Damit verlor die offizielle Priesterschaft sowohl an Ansehen als auch einen Teil ihrer Einnahmen. Daher war Johannes ihnen höchst verdächtig.

Wahrscheinlich wollten sie ihn mit ihrer Frage in eine Falle locken, um ihn wegen Gotteslästerung anklagen zu können. Aber Johannes reagiert bescheiden. Er ist nicht der Messias und auch nicht Prophet Elija, dessen Wiederkunft man für die Tage der Endzeit erwartete. Sicher, es gab im Volk Stimmen, die in Johannes Elija oder gar den Messias sahen. Aber Johannes gibt sich nicht als einer von diesen aus. Er will sich nicht einmal Prophet nennen lassen.

Aber wer ist Johannes dann? Und vor allem, warum tauft er und mit welchem Recht nimmt er sich die Vollmacht, Sünden zu vergeben? Johannes nennt sich einen von Gott Gesandten, er sieht sich als Boten Gottes, der das Volk für die Ankunft eines Größeren vorbereitet. Mit seiner Predigt und seiner Taufe zur Vergebung der Sünden tut er den Dienst, den Gott ihm aufgetragen hat.

Johannes sieht seine Berufung in einem streng asketischen Lebensstil, ein raues und wüstes Aussehen, einfachste Kleidung und karge Ernährung sind das, was er sich gewählt hat. In der Wüste lebt er ganz in der Nähe Gottes. So ist er der erste, der weiß, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Er ist der einzige Prophet, der den sieht, den er verkündet.

Unter den Abgesandten waren auch Pharisäer. Sie fragten Johannes: Warum taufst du dann, wenn du nicht der Messias bist, nicht Elija und nicht der Prophet? Er antwortete ihnen: Ich taufe mit Wasser. Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt und der nach mir kommt; ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Dies geschah in Betanien, auf der anderen Seite des Jordan, wo Johannes taufte. (Joh 1,24-28)

Nicht nur Johannes ist den Pharisäern fremd, sondern noch viel mehr der, auf den er hinweist. Sie können Johannes nicht verstehen, umso weniger werden sie Jesus verstehen. Sie hören nicht auf den Ruf des Johannes zur Umkehr, stellen sich dem Weg entgegen, den er für  Gottes Kommen vorbereitet. So verhindern sie, dass Gott bei seinem Volk so ankommt, wie er es will. Sie verhindern, dass Gott mit seinem Kommen bereits das grenzenlose Heil für sein Volk Wirklichkeit werden lässt. Wegen ihrem Widerstand wird Gott einen anderen Weg wählen, um die Menschen zu retten, einen schmerzhafteren Weg. Aber doch wird Gott seinen Plan ausführen.

Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt.

Kennen wir Jesus? Wir wissen von ihm durch die Evangelien und die Verkündigung der Kirche. Vieles wird uns von Jesus erzählt. Aber kennen wir ihn dadurch schon? Die Begegnung mit ihm ist anders als die mit gewöhnlichen Menschen. Wir können ihn nicht leiblich sehen. Aber doch haben wir die Möglichkeit, ihn in unserem Innersten zu erfahren.

Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt.

Selbst viele Menschen, die mit Jesus gelebt haben, haben ihn nicht erkannt. Wen wundert es da, dass er auch heute vielfach nicht erkannt, ja sogar verkannt wird. Der Unglaube bringt viele Argumente gegen Gott vor. Religion als Illusion, Vertröstung, Schwindel, eines denkenden Menschen unwürdig. Doch wird der Mensch wirklich mehr Mensch, wenn man ihm Gott nimmt? Braucht es nicht vielmehr heute, in einer vielleicht immer gottloser werdenden Welt, wieder Rufer wie Johannes, Menschen, die mit Gott leben und die Menschen auf den Gott hinweisen, der oft unerkannt mitten unter uns ist, der die Menschen liebt und der selbst ein Mensch unter Menschen geworden ist? Es braucht Menschen, die in der Wüste von seichter Unterhaltung, von Kommerzialisierung und Habgier zeigen, was wahres Menschsein bedeutet.

Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt.

Gott ist uns Menschen nahe gekommen, damit wir ihn erkennen, ihn immer mehr kennenlernen. Gewähren wir ihm Einlass in unsere Herzen, damit er sich uns zeigen kann. Haben wir Sehnsucht nach der Begegnung mit Gott und wecken wir immer mehr diese Sehnsucht nach dem, der uns Leben und Freude schenkt. Freuen wir uns, dass wir einen Gott haben, der mitten unter uns ist und danken wir ihm für dieses Geschenk.

Seht das Lamm Gottes

Letzten Sonntag, am Fest der Taufe des Herrn, haben wir gehört, was uns Matthäus von der Taufe Jesu berichtet. Heute schildert uns Johannes dieses Ereignis und tut dies auf eine ganz andere Weise. Muss bei Matthäus der Täufer erst von Jesus belehrt werden, so ist er bei Johannes schon der Wissende. Gott hat ihm offenbart, dass der, auf den er den Geist wie eine Taube herabkommen sieht, der ist, der mit Heiligem Geist taufen wird.

Weil Johannes in Jesus den Sohn Gottes erkennt, kann er Zeugnis geben für ihn und die Menschen auf den hinweisen, für den er selbst Wegbereiter ist:

Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. (Joh 1,29)

Johannes nennt Jesus das Lamm Gott. Ist das nicht ungewöhnlich? Was wäre, wenn diese Worte, die Johannes damals zu seinen Jüngern gesprochen hat, heute jemand voller Begeisterung zu uns sagen würde: Schau, da ist das Lamm Gottes … Was denken wir bei diesen Worten?

In jeder Heiligen Messe wird das „Agnus Dei“ gebetet: „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt…“; und der Priester spricht beim Erheben der Hostie vor der Kommunion die Worte: „Seht das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünde der Welt.“ Oft ist uns der Ablauf der Messe ja so vertraut, dass uns manches gar nicht mehr auffällt oder einfach ganz selbstverständlich geworden ist. Wer hat sich schon einmal bewusst Gedanken gemacht über den Ausdruck „Lamm Gottes“?

Den Menschen damals war das Lamm vertraut als Opfertier. Es hatte eine wichtige Bedeutung im jüdischen Tempelkult. Am Vorabend des Paschafestes wurden die Lämmer im Tempel geschlachtet, die dann am Festtag gegessen wurden. Das geschah in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Das Buch Exodus berichtet davon, wie sich die Israeliten in der Nacht des Aufbruchs versammelten, um das Paschalamm nach der Vorschrift Gottes zu essen.

Damals hatten die Israeliten ihre Türpfosten mit dem Blut des Lammes bestrichen. So wurden sie gerettet, während bei den Ägyptern in jener Nacht jede Erstgeburt hinweggerafft wurde. Eine für unser Verständnis grausame Szenerie, nicht weniger grausam als der Tod Jesu, der sich nach der Chronologie des Johannesevangeliums (abweichend von den anderen Evangelien) genau zu jener Stunde ereignete, als die Lämmer im Tempel geschlachtet wurden.

Der heutige Mensch wehrt sich gegen solche Gedanken des Opfers und hält sie für nicht mehr zeitgemäß. Ist nicht der Gedanke an das Opferlamm eine gewaltsame Umdeutung des Bildes, das uns das Lamm eigentlich geben will? Das Lamm ist wie jedes junge Tier doch ein so niedliches Wesen. Es ist ein Zeichen für Reinheit, Unschuld, Friedfertigkeit. Lammfromm nennt man jemanden, der keiner Fliege etwas zu Leide tun kann. Der Wolf wohnt beim Lamm, das ist eines der Bilder für das Friedensreich Gottes bei Jesaja.

Und doch gibt es das grausame Bild des geopferten Lammes, das vom Exodus her hineinreicht über den Tod Jesu Christi bis in jede Heilige Messe heute. Dieses Bild meint aber nicht, dass Gott von uns Menschen grausame Opfer verlangt. Gott selbst opfert sich für uns. Opfer ist so nicht Zeichen von Unterwerfung, wie viele meinen, sondern von Freiheit. Wie das Schlachten der Lämmer in engster Verbindung steht zum Exodus, der Befreiung Israels von der Sklaverei in Ägypten, so steht der Tod Jesu für die Erlösung aller Menschen, für die Befreiung aller Menschen von der Sünde.

Christus ist das Osterlamm, das wahre Paschalamm. Die Hingabe Jesu am Kreuz zu unserem Heil ist die Klammer, die das ganze Johannesevangelium umspannt. Jesus selbst weist im Johannesevangelium immer wieder hin auf die Stunde, für die er gekommen ist. Diese Stunde erfüllt sich bei seinem Kreuzestod.

Die enge Verbindung, die der Begriff „Lamm Gottes“ zwischen dem Geschehen am Jordan und der Stunde auf Golgota herstellt, zeigt uns sehr schön der bekannte Isenheimer Altar. Dort steht Johannes der Täufer neben dem Kreuz und sagt auf Jesus deutend die Worte: „Seht das Lamm Gottes.“

Auch der Maler des Isenheimer Altares wusste, dass das so historisch nicht korrekt ist, da der Täufer ja nach dem Bericht aller Evangelien schon lange vor der Kreuzigung Jesu von Herodes hingerichtet wurde. Was er darstellen will, ist eine theologische Deutung, die uns den tieferen Sinn der Worte „Seht das Lamm Gottes“ verstehen lehrt.

Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.

Johannes muss mit diesen Worten eine Sehnsucht angesprochen haben, die die Menschen in sich getragen haben. Die Menschen haben sich danach gesehnt, dass einer kommt, der sie erlöst, der sie befreit von ihren Sünden. Da kein Mensch dies vermag, musste Gott selbst Mensch werden. Johannes erkennt den, der dies vermag, den Sohn Gottes und er zeigt auf ihn. Seht her, sagt er zu den Leuten, er ist es, den ihr ersehnt, er allein kann euch Rettung und Heil schenken. Wecken diese Worte auch in uns diese Sehnsucht nach Rettung und Heil?