Auferstehung

Nun könnte einer fragen: Wie werden die Toten auferweckt, was für einen Leib werden sie haben? (1Kor 15,35)

Im langen 15. Kapitel des Ersten Korintherbriefes befasst sich Paulus intensiv mit dem Thema Auferstehung. Die Auferstehung ist Grundlage und Zentrum christlichen Glaubens, das macht Paulus gleich zu Beginn des Kapitels deutlich. Dann geht er auf die Zweifel ein, die einige Gläubige beschäftigen. Ist die Auferstehung nicht nur eine fromme Idee? Was gibt mir Gewissheit darüber, dass Auferstehung real ist? Paulus ist damals auf dem Weg nach Damaskus dem auferstandenen Herrn begegnet. Er ist seither ganz durchdrungen von der Gewissheit, dass Jesus lebt. Das hat sein Leben verändert und er hat so oft die Erfahrung gemacht, dass Gott rettend in sein Leben eingreift. Ihm erscheint es als unmöglich, dass diese Gewissheit eine bloße Einbildung sein könnte.

Nun begegnet Paulus noch einem weiteren Argument, das gegen die Auferstehung angeführt wird. Wie wird sie geschehen? Was passiert mit dem Menschen bei der Auferstehung? Kann der vergängliche menschliche Leib überhaupt in etwas Unvergängliches übergehen? Verwickelt sich der Glaube an die Auferstehung nicht in Widersprüche? Wir kennen ja bereits aus den Evangelien (vgl. Lk 20,27-40) die Frage an Jesus, was denn bei der Auferstehung geschieht, wenn eine Frau nach dem Tod ihres Mannes erneut heiratet hat. Wessen Ehefrau wird sie dann sein?

Jesus macht deutlich, dass das Leben der Auferstehung nicht mit dem irdischen Leben vergleichbar ist. Es wird dann ganz anders sein. Das irdische Leben ist voll von Gegensätzen, die oft unüberwindbar erscheinen. Schwarz oder weiß, verheiratet oder unverheiratet, gut oder böse, dazwischen scheint es nichts zu geben. Aber all diese Gegensätze werden sich auf eine uns jetzt noch unvorstellbare Weise auflösen.

Ähnlich argumentiert Paulus hier. In der Auferstehung werden wir verwandelt werden.

Seht, ich enthülle euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden – plötzlich, in einem Augenblick, beim letzten Posaunenschall. Die Posaune wird erschallen, die Toten werden als Unverwesliche auferweckt, wir aber werden verwandelt werden. (1Kor 15,51-52)

Der Tod braucht uns also nicht zu erschrecken. Mit Christi Auferstehung hat er endgültig seine Kraft verloren. Die orthodoxen Osterikonen zeigen uns, wie Christus nach seinem Tod am Kreuz in die Unterwelt hinabsteigt, die Fesseln und Riegel, mit denen der Tod die Verstorbenen gefangen hält, zerbricht, und die Verstorbenen – symbolisch stehen dafür Adam und Eva – aus den Gräbern herauszieht in das neue Leben der Auferstehung.

Paulus spricht hier ausdrücklich davon, dass alle verwandelt werden. Er unterstreicht diesen Satz noch, indem er ihn als Enthüllung eines Geheimnisses bezeichnet. Wenn wir wirklich an diese Verwandlung glauben, wenn es für uns eine Gewissheit wird, dass uns nichts anderes geschehen kann, als aus diesem irdischen Leib in einen himmlischen Leib verwandelt zu werden, der dann für immer bei Gott ist, dann verändert sich unser Leben. Wir verstehen, warum Paulus so unermüdlich unterwegs war, diese frohe Botschaft zu verkünden. Wir verstehen, wie die frühen Christen in den Verfolgungen dem Tod so furchtlos ins Auge sehen konnten, wir verstehen, wie immer wieder Menschen sich mit ihrem ganzen Leben für andere einsetzen.

Wir werden alle verwandelt werden. Alles andere wird unwichtig angesichts dieser Gewissheit. Vielleicht hilft uns dieser Satz auch, unseren Glauben ganz neu zu verstehen. Viele von uns sind so erzogen worden, dass wir uns an die Gebote halten sollen, damit wir einmal im Gericht gut dastehen. Aber ist es nicht genau anders herum? Wir halten uns an die Gebote, weil wir etwas von diesem zukünftigen Leben schon jetzt Wirklichkeit werden lassen wollen. Wir wollen schon jetzt aus der Verwandlung der Auferstehung heraus leben. Wir sind Kinder einer neuen Welt und diese Welt müssen wir nicht durch unsere Frömmigkeit errichten, sondern sie ist bereits da.

Wir errichten nicht das Reich Gottes, indem wir Menschen taufen und sie zur Einhaltung der Gebote ermuntern. Gottes Reich ist bereits auf Erden und weil wir dazu gehören wollen, lassen wir uns taufen und halten die Gebote. Wir dürfen jetzt schon Kinder Gottes sein. Das ist eine Freude und keine lästige Pflicht. Wer sich vom christlichen Glauben trennen will, weil er ihn nur als Belastung und Einengung des Lebens sieht, der hat noch nicht verstanden, worum es wirklich geht, wahrscheinlich leider auch deshalb, weil in der Kirche wenig darüber geredet wird und viele Gläubige es selbst nicht verstanden haben.

Gott will uns verwandeln, mit seinem himmlischen Leib bekleiden, die Schmerzen und Leiden, die uns der irdische Leib bereitet, wegnehmen. Gott wird uns einmal verwandeln, wir kommen dem gar nicht aus. Aber das muss uns keine Angst machen. Es wird für alle eine Freude sein, mit der Auferstehung den Sieg des Lebens über den Tod zu feiern.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest!

Siegeszeichen Kreuz

Vexilla regis prodeunt,

Fulget crucis mysterium,

Quo carne carnis conditor

Suspensus est patibulo.

Der König siegt, sein Banner glänzt,

geheimnisvoll erstrahlt das Kreuz,

an dessen Balken ausgestreckt

im Fleisch des Fleisches Schöpfer hängt.

So beginnt ein alter Hymnus auf das Kreuz Christi. Er zeigt uns das Kreuz als Banner oder Standarte, die dem Kriegsheer vorangetragen wird, es leuchtet als geheimnisvolles Zeichen auf, wie einst dem Kaiser Konstantin vor der Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312. Kurz vor dieser Schlacht hatte Konstatin die Vision des Kreuzes, und sein Sieg, der ihn zum alleinigen Herrscher des Römischen Reiches machte, wird als Beginn der offiziellen Anerkennung des Christentums im Römischen Reich angesehen. Nur wenige Jahrzehnte später, im Jahr 380 unter Kaiser Theodosius, wurde dann die einst verfolgte Religion selbst zur Staatsreligion, die sich gegen Andersgläubige und interne Abweichler wandte.

Etwa 200 Jahre später verfasst Venantius Fortunatus (um 540 – um 600) diesen Hymnus auf das Kreuz. Die Zeit, in der er lebt, unterscheidet sich in Vielem von der Zeit des Konstantin und Theodosius, zumindest im Westen Europas. Dort hatte die Völkerwanderung das Römische Reich von der Landkarte hinweggefegt. Weitgehend noch unzivilisierte barbarische Stämme beginnen damit, dort neue Reiche zu gründen. Erobern und Erobertwerden wechseln einander ab, bis sich langsam die Ordnung Europas herausbildet, auf deren Grundstrukturen die Gesellschaften Westeuropas bis heute aufbauen.

Venantius Fortunatus hat noch die antike römische Bildung genossen. Er gilt als der letzte römische Dichter der Spätantike und zugleich als erster Dichter des Mittelalters. Der Ostteil des Reiches mit der Hautstadt Konstantinopel/Byzanz bestand nach dem Fall Roms noch etwa tausend Jahre weiter. Kaiser Justinian, während dessen Regierungszeit Venantius Fortunatus aufgewachsen ist, verteidigte Ostrom machtvoll gegen viele Angreifer, wenngleich sein großer Traum von der Eroberung der verlorenen westlichen Gebiete nicht Wirklichkeit wurde. Einzig Ravenna mit seinem Umland blieb den Kaisern noch als Stützpunkt im Westen und bildete einen Vorposten der Zivilisation inmitten der barbarischen Wirren.

Dort in Ravenna hat Venantius Fortunatus den ersten Teil seines Lebens verbracht. Im Jahr 565 brach er zu einer Pilgerreise nach Tours, zum Grab des heiligen Martin auf. In Gallien hat die Römische Kultur den Untergang der Römischen Herrschaft noch lange überdauert. In den Römerstädten Galliens blieb eine Römische Restbevölkerung zurück, zu der auch viele römische Adlige und Gebildete zählten. Ihr gelang es, was sicher nicht einfach war, sich mit den neuen Herrschern zu arrangieren. Auch christlicher Glaube und christliche Tradition blieben so erhalten. Einige der neuen Herrscher und mit ihnen deren Untergebene hatten ja bereits das Christentum angenommen, andere waren noch Heiden und bekehrten sich später. Aber es war ein langer Prozess, in dem das Christentum allmählich heidnisches Denken überlagerte.

Bei seiner Reise durch das merowingische Gallien begegnete Venantius Fortunatus einer anderen großen Persönlichkeit, der heiligen Radegund (um 520-587), die ich ebenfalls hier kurz vorstellen möchte. Radegund war die Tochter des Thüringerkönigs Berthachar. Nachdem der Frankenkönig Chlothar I. im Jahr 531 Thüringen erobert hatte, nahm er Radegund mit in sein Reich. In Athies an der Somme bekam Radegund eine christliche Erziehung. Gegen ihren Willen nahm Chlothar sie um das Jahr 540 zur Frau, um seinen Herrschaftsanspruch über Thüringen zu sichern. Es ist anzunehmen, dass Radegund im Alltagsleben ihren Ehemann nur selten begegnete. Die Ehe blieb Kinderlos. Radegund vertiefte sich immer mehr in den christlichen Glauben, verzichtete auf die Annehmlichkeiten einer Königin, lebte wie eine Nonne und übte sich in Werken der Barmherzigkeit.

Als Chlothar im Jahr 555 ihren Bruder ermorden ließ, floh Radegund nach Noyon. Ihr gelang es schließlich, dass ihre Ehe von der Kirche als ungültig angesehen wurde. So stand ihr der Weg frei, endlich das Leben einer Nonne zu führen. Im Jahr 558 gründete sie bei Portier ein Frauenkloster nach der Regel des hl. Caesarius von Arles und setze ihre Adoptivtochter Agnes zur ersten Äbtissin ein. Sie selbst lebte dort in aller Einfachheit und Demut und starb dort am 13. August 587 im Ruf der Heiligkeit.

Im Jahr 567 kam Venantius Fortunatus nach Portier und begegnete dort Radegund. Es entwickelte sich eine innige geistige Freundschaft. Venantius Fortunatus unterstütze das Kloster und schrieb dort Hymnen und Gedichte. Einen Höhepunkt stellte sicher das Eintreffen einer Reliquie des Hl. Kreuzes Christi dar, ein Geschenk des byzantinischen Kaisers Justin II. Anlässlich der feierlichen Überführung dieser Kreuzreliquie in das nun Sainte-Croix benannte Kloster am 19. November 569 erklang der von Venantius Fortunatus komponierte Hymnus zum ersten Mal.

Geschichte wird lebendig, ein gebildeter Römer, einer der letzten Repräsentanten einer vergangenen Epoche, eine Königstochter aus dem Haus germanischer Eroberer, eine der ersten Frauen aus dieser neuen Welt, über die wir gesicherte Überlieferungen besitzen, treffen sich in einem Kloster in Frankreich. Sie erhalten ein Geschenk des byzantinischen Kaisers, des damals wohl mächtigsten Mannes der Welt. Wir können heute noch die Lebensbeschreibung Radegunds lesen, die Venantius Fortunatus geschrieben hat, wir singen heute noch den Hymnus, der damals zum ersten Mal erklungen ist.

Uns Heutigen mag dieser Hymnus etwas zu pompös erscheinen. Militärische Standarten gehören weitgehend der Vergangenheit an, aber zur damaligen Zeit waren sie allgegenwärtig. Ständig zogen feindliche Heere durch das Land und der Sieger von heute wurde leicht zum Verlierer von morgen und wer andere mit dem Schwert tötete, musste auf der Hut sein, dass das Schwert nicht ihn selbst traf. Und doch gibt es ein Zeichen, das das Alte mit dem Neuen verbindet, das die ganze damals bekannte Welt umspannt, die letzten Reste des untergegangenen Römischen Reiches mit den neuen Herrschern und diese wiederum mit dem fernen Herrscher in Byzanz. Das Kreuz, das Zeichen des Sieges, das beständig sicher steht, auch wenn der Erdkreis sich dreht, Reiche entstehen und zerfallen, Menschen kommen und gehen.

Das Kreuz, an dem unser Schöpfer hing. Venantius Fortunatus dichtet eindrucksvoll: an dem im Fleisch des Fleisches Schöpfer hing, ausgestreckt an einem Balken. Der Schöpfer lässt sich von seinem Geschöpf kreuzigen. Wie groß ist die Brutalität der Menschen und wie groß ist die Barmherzigkeit des Schöpfers. Er antwortet dem Geschöpf nicht mit Vernichtung und Strafe, sondern mit grenzenlosem Verzeihen und mit der Macht der Auferstehung, mit der er alle in sein Reich führen will.

Wie groß ist die Brutalität der Menschen bis heute und diese wurde leider auch von Menschen ausgeübt, die mit dem Banner des Kreuzes vorangingen. Denken wir nur daran, wie viel Leid die Kreuzzüge, die dieses Banner missbraucht haben, gebracht haben, so viel Gewalt und nicht zuletzt die Trennung der Kirche in Ost und West. Können wir uns heute, wenn wir ehrlich sind, überhaupt noch unter das Banner des Kreuzes stellen?

Haben wir Mut, auch heute zum Kreuz zu stehen. Vertrauen wir seiner Kraft. Denken wir aber auch stets daran, dass es ein Zeichen der Einheit und des Friedens ist. Gemeinsam sollen wir hinter diesem Banner ziehen, Menschen aus Ost und West, Nord und Süd, Arme und Reiche, Starke und Schwache. Das Kreuz will alle Völker und Rassen vereinen. Wenn wir so dem Kreuz seine Ehre wiedergeben, dürfen wir es auch heute noch voll Stolz und Vertrauen tragen.

O crux, ave, spes unica,

Hoc passionis tempore,

Piis adauge gratiam

Reisque dona veniam.

O heil’ges Kreuz, sei uns gegrüßt,

du einz’ge Hoffnung dieser Welt.

Den Treuen schenke neue Kraft,

den Sündern tilge alle Schuld.

Mariä Lichtmess

Er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle aus Einem; darum schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen und zu sagen: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Gemeinde dich preisen; und ferner: Ich will auf ihn mein Vertrauen setzen; und: Siehe, ich und die Kinder, die Gott mir geschenkt hat. Da nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er in gleicher Weise daran Anteil genommen. (Hebr 2,11-14)

Gott wird Mensch, weil er so seiner Schöpfung am nächsten sein kann. Gott hat die Welt erschaffen und steht von Anfang an mit ihr in einer engen Beziehung. Vielfältig und auf vielerlei Weise hat er seit Anbeginn zu den Menschen gesprochen. Aber all diese Offenbarungen überbietet jene, die Gott in Jesus Christus gebracht hat. Aber wer ist Jesus Christus? Kann Gott sich wirklich so erniedrigen, wie er es in Jesus Christus getan hat, dass er selbst Mensch wird? Dieses Geheimnis ist schon immer vielen unverständlich. Vielleicht haben wir uns nur zu sehr daran gewöhnt, dass es uns so selbstverständlich erscheint. Ein Gott, der Mensch wird, verletzlich, sterblich, schwach in den Augen der Menschen, der sogar am Kreuz stirbt, kann niemals selbstverständlich sein.

Menschen wollen lieber starke Götter, Geistwesen, die sich nicht mit der Welt des Menschlichen verbinden. Auch im Christentum hat es immer wieder Lehren gegeben, die Jesu Menschheit im Vergleich zu seiner Göttlichkeit als vernachlässigbar betrachtet haben oder sein Menschsein gar nur auf einen Scheinleib reduziert haben, der ihm lediglich als Hülle gedient hat. Andererseits gab es auch viele, die das Gottsein Jesu abgelehnt haben im Hinblick auf seine Menschlichkeit. Nur das Geistige zählt, dachten viele. Ihnen standen die Engel näher, die wie das Göttliche reine Lichtwesen waren und nicht mit der Materie vermengt.

Aber christlicher Glaube sieht die Welt anders. Göttliches und Weltliches stehen nicht im Widerspruch zueinander. Gott hat die Welt erschaffen und wohnt selbst in ihr. Alles in der Welt kann auf das Göttliche verweisen. Und weil die Welt Gott so nahe steht, kann er auch selbst in ihr Wohnung nehmen. In Jesus Christus kommt Gott selbst in diese Welt und als Jesus Christus zum Vater zurückkehrt, nimmt er auch sein Menschsein mit und sendet den Heiligen Geist, der unverwüstlich in der Welt Göttliches wirkt.

Die Menschwerdung Gottes ist angemessen, weil Gott die ganze Schöpfung zu sich führen will. Die ganze Geschichte der Menschheit ist nichts anderes als der Ruf Gottes nach dem Menschen. Gott will in inniger Vertrautheit mit dem Menschen leben, ihm seine Nähe und Fürsorge zeigen, ihm alles schenken. Aber der Mensch tut sich so schwer, Gottes Liebe zu erkennen. Er hat andere Ziele, Macht und Reichtum, und mit seiner Gier zerstört der Mensch die schöne und fruchtbare Schöpfung Gottes und er zerstört sich selbst, indem er das Bild Gottes zerstört, das er selbst sein soll.

Gott und Mensch gehören zusammen. Gott will nicht eine unnahbare und erhabene Majestät für den Menschen sein, kein Gott, den Priester im Tempel wegsperren, damit er dem gemeinen Volk ja nicht zu nahe kommt und sie selbst schön ihre Ehrenstellung als Diener Gottes behalten und damit auch ihren Anteil an den reichen Gaben, die das Volk den Göttern spendet. Gott will auch keine rein geistige Wesenheit sein, die nur große Denker ergründen können.

Gott will mitten unter den Menschen sein, er will allen Menschen nahe sein, den Reichen, aber mehr noch den Armen, den Gebildeten, aber mehr noch den Einfältigen, den Starken, aber mehr noch den Schwachen und Unterdrückten. So hat Jesus gelebt. Er ist unter das einfache Volk gegangen, hat sich der Nöte der Menschen angenommen, hat sich nicht von den Mächtigen bestechen lassen, sondern ihnen deutlich die Meinung gesagt, hat sich nicht von den Frommen blenden lassen, sondern ihnen den Spiegel vorgehalten, der zeigt, dass vieles an ihrer Frömmigkeit nur trügerischer Schein ist.

In Jesus ist Gott zum Menschensohn geworden, zum Jedermann, zu einem Menschen wie du und ich, er ist zum Bruder der Menschen geworden, der die Menschheit als geschwisterliche Gemeinschaft formen wollte, die eins ist in der Liebe. Er hat vor denen gewarnt, die ihn als Herrn erheben und so aus der Mitte der Menschen fortnehmen wollten, um ihn selbst in Besitz zu nehmen und sich an ihm zu bereichern.

Alle Menschen sind Gottes Kinder, Gott ist unser Vater und wir alle sind Schwestern und Brüder. In Gott sind alle Menschen untereinander verbunden und zugleich mit der Schöpfung. Es gilt nicht mehr die alte Unterscheidung zwischen Bruder und Fremder, sondern alle sind wir Brüder und Schwestern, weil wir alle von Gott stammen. Warum maßen wir uns an, den einen Fremden oder gar Feind zu nennen, den Gott uns zum Bruder oder zur Schwester gegeben hat?

Am Fest Mariä Lichtmess bringen seine Eltern Jesus in den Tempel, um das vorgeschriebene Reinigungsopfer darzubringen. Wie jeder jüdische Junge wird Jesus durch die Beschneidung in das Volk Gottes aufgenommen. Jesus –  ganz Mensch und doch Gottes Sohn. In seinem Leben wird er uns zeigen, wie Gott den Menschen gewollt hat. Er zeigt uns, wie auch wir leben können, um eine Welt zu gestalten, in der Gottes Bild lebendig wird.

Heilige Familie

Am ersten Sonntag nach Weihnachten feiern wir das Fest der Heiligen Familie. Die beiden Evangelisten Matthäus und Lukas schildern uns ihre jeweils eigenen Berichte von der Kindheit Jesu. Sie zeigen, dass Jesus Christus in eine reale Familie hineingeboren wurde und in Nazaret aufgewachsen ist. Der Glaube der Kirche bekräftigt, dass seine Mutter Maria vor, während und nach der Geburt jungfräulich geblieben ist und nicht durch einen Mann, sondern durch das Wirken Gottes schwanger geworden ist. Daher gilt ihr Mann Josef nicht als leiblicher Vater Jesu und die Familie hatte auch keine weiteren Kinder, auch wenn die in der Heiligen Schrift genannten Brüder des Herrn – im Sinne einer verwandtschaftlichen Beziehung – oft fälschlicherweise als leibliche Brüder Jesu angesehen werden.

Josef war Zimmermann und sorgte somit als Handwerker für den Lebensunterhalt der Familie. Der Verdienst eines Handwerkers war sicher besser als der eines Tagelöhners, aber reich war die Heilige Familie nicht, worauf auch das Opfer bei der Darstellung im Tempel hinweist. Hierfür sind ursprünglich ein Schaf und eine Taube vorgesehen, nur bei armen Leuten, die sich kein Schaft leisten können, darf dieses durch eine weitere Taube ersetzt werden (vgl. Lk 2,24 und Lev 12,8).

Die Heilige Familie ist das Urbild der christlichen Familie. Aber hat sie uns heute noch etwas zu sagen? So wirklich traditionell war das Leben der Heiligen Familie damals ja auch nicht. Es gab noch keine frommen Gläubigen, die in der Schwangerschaft Mariens das Wirken Gottes sahen. Doch Josef hat seine Frau angenommen und das Kind, das nicht sein leiblicher Sohn war, wie seinen eigenen Sohn aufgezogen. Das Leben in Nazaret stand sicher nicht unter einem goldenen Schleier, wie es fromme Darstellungen zeigen. Es war eine Familie wie jede andere, die für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten musste, die versuchen musste, mit ihren Nachbarn gut auszukommen und Freunde zu finden. Vielleicht kann die Heilige Familie auch heute Vorbild bleiben, wenn wir den Glanz frommer Legende von ihr nehmen und wir sie als ganz normale Familie sehen, zwar aus einer fernen Zeit, aber auch heute noch aktuell, weil sie zusammen gehalten hat, den Widrigkeiten des Schicksals getrotzt hat und gemeinsam ein Kind aufgezogen hat.

Für Charles des Foucauld war die Nachahmung des verborgenen Lebens der Heiligen Familie in Nazaret die Sehnsucht seines Lebens. Es war für ihn Vorbild für ein Leben in Armut, Demut und Gehorsam, für ein bescheidenes Leben von der eigenen Hände Arbeit. Jesus hat dieses Leben für sich gewählt, hat es die meiste Zeit gelebt. Wir dürfen nicht nur auf die kurze Zeit seines öffentlichen Wirkens schauen, wir müssen stets auch die Zeit betrachten, in der Jesus im Verborgenen gelebt hat, ganz als Mensch.

Welch ein Beispiel wollte er uns geben, allen, selbst Königssöhnen, da er selbst König war; uns allen, nicht nur den ehelos Lebenden, sondern auch den Eheleuten, denn in Nazaret lebte er zwischen Maria und Josef; nicht nur den Ordensleuten, sondern auch den in der Welt lebenden, denn in Nazaret lebte er inmitten seiner Gesellschaft. Er wollte das, er hat es sich ausgesucht, „Sohn des Zimmermanns“, „der Zimmermann, der Sohn der Maria“ genannt zu werden. Das ist sein Ort im Leben, der Ort seiner Leute. …

So arm und klein sein wie Jesus es in Nazaret war. …

Wenn ich nicht klar sehe, mich fragen, was Jesus in Nazaret getan hätte und mich danach richten.

(Charles des Foucauld)

Nachfolge Jesu als Wohnen beim Herrn, als menschliches Zusammenleben mit dem Herrn in unserer Mitte. Wenn auch das Bild von Familie sich im Laufe der Zeiten wandelt, so soll christliche Familie doch ein Ort bleiben, an dem die Gegenwart des Herrn erfahrbar wird, ein Ort, an dem Menschen in Frieden zusammen leben, an dem man gerne ist, einladend und Freundlichkeit ausstrahlend.

Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist! (Kol 3,14)

So hören wir es in der Lesung aus dem Kolosserbrief, ein Spruch, den auch viele für ihre Hochzeit wählen. Wenn auch das Bild von Familie sich im Laufe der Zeiten wandelt, so soll christliche Familie doch ein Ort bleiben, an dem das Band der Liebe hält und so die Gegenwart des Herrn erfahrbar wird, ein Ort, an dem Menschen in Frieden zusammen leben, an dem man gerne ist, einladend und Freundlichkeit ausstrahlend. Bitten wir Gott heute besonders um dieses Band der Liebe für unsere Familien.

Weihnachten 2019

Ein Licht erstrahlt den Gerechten, und Freude denen, die rechten Herzens sind. (Ps 97,11)

Diesen Vers aus Psalm 97 habe ich zur Überschrift für das Weihnachtsfest 2019 ausgewählt. Seinen weihnachtlichen Charakter hat bereits Ephräm der Syrer (um 306 – 373) in seinen Hymnen entdeckt. Nach dem Zitat dieses Verses schreibt er:

Unser Herr Jesus Christus ging uns aus dem Schoße seines Vaters auf. Er kam und entführte uns aus der Finsternis und erleuchtete uns durch sein herrliches Licht. Der Tag ging über den Menschen auf, und da entfloh die Macht der Finsternis. (Ephräm der Syrer)

Mit der Geburt Jesu Christi ist ein unvergänglicher Welttag angebrochen. Auch wenn die Erde weiterhin um die Sonne kreist und wir täglich den Wechsel von Nacht und Tag erleben, so gibt es doch den einen hellen Tag, der unvergänglich andauert, weil das Licht der Welt gekommen ist. Aber sind das nicht alles nur fromme Sprüche? Ein Kind, das Gottes Sohn sein soll und das Licht der Welt? Läuft da noch alles rund bei denen, die daran glauben?

Wenn wir in die Welt blicken, so erleben wir heute eine Erosion des christlichen Weihnachtsfestes. Diese kommt nicht von Ungefähr. Bereits als Weihnachten im 19. Jahrhundert zu einem bürgerlichen Fest der Behaglichkeit wurde, ging Vieles von seiner ursprünglichen Bedeutung verloren. Die Feier im Kreis der Familie erlangte gegenüber der kirchlichen Feier einen immer höheren Stellenwert. Neue weihnachtliche Symbole wie beispielsweise der Tannenbaum hatten keinen christlichen Hintergrund mehr und halfen dabei, in späteren Zeiten das Fest immer mehr aus dem kirchlichen Bereich herauszulösen.

Eine große Tageszeitung brachte in der Vorweihnachtszeit einen Beitrag darüber, wie ausgelassen in früheren Zeiten Weihnachten gefeiert wurde. Aber was versteht man hier unter Weihnachten? Der Artikel spielt auf die Saturnalien an, ein ausgelassenes Fest im alten Rom, das zur Zeit der Wintersonnenwende gefeiert wurde. Das christliche Weihnachtsfest wurde sicherlich bewusst auf diesen Tag gelegt, aber nicht, um die Orgien der Römer weiterzuführen, sondern um diesem Tag eine neue Prägung zu geben. Der heidnische Festtag wurde zu einem christlichen, an dem die Menschen zur Kirche gingen und natürlich auch zuhause gefeiert haben.

Die Orgien der Saturnalien aber sollten der Vergangenheit angehören. Heute jedoch will man sie wieder neu entstehen lassen. Das christliche Weihnachten, das einst das heidnische Fest verdrängt hat, wird heute wieder neu zu einem heidnischen Festtag, an dem allein das üppige Essen und opulente Geschenke im Mittelpunkt stehen. Ratgeber befassen sich heute hauptsächlich damit, wie man das viele Essen der Weihnachtstage gut verdauen kann, da gibt es beispielsweise Yoga-Übungen, die einem dabei helfen, trotz Festtagsschmaus nicht übermäßig zuzunehmen.

Bisher gab es zumindest noch Relikte aus christlicher Zeit, die dem Namen nach an das christliche Weihnachtsfest erinnert haben. Es setzt aber eine zunehmende Umbenennung aller noch irgendwie an das Christentum erinnernder Begriffe ein. An den Feiertagen des Dezember soll ein Fest um des Festes willen gefeiert werden, ein Fest vielleicht noch der Gemeinschaft, das aber wegen seines hohlen Inhaltes doch eher zu Streit und Unmut als zu einem besseren Miteinander führt.

Was wollen wir da noch mit unserer Botschaft vom Licht? Heute wo es nahezu in der ganzen Welt Strom gibt, braucht man sich sowieso keine Sorgen mehr darüber zu machen, dass es zu dunkel wäre. Wir reden heute eher von Lichtverschmutzung, weil die Lichter der Ballungsräume in den Industrienationen die Nacht gar nicht mehr richtig Nacht sein lassen. Wozu brauchen wir dann noch einen Gott, der ein Licht aufstrahlen lässt?

Wir könnten hier Halt machen und sagen, das mit dem christlichen Weihnachten und dem Kind von Betlehem, das das Licht der Welt sein soll, ist alles ein Relikt aus einer alten Zeit, deren Denken wir heute überwunden haben. Wir feiern einfach ein schönes Fest wie schon im alten Rom, haben Spaß und lassen es uns gut gehen. Heute brauchen wir keine Götter mehr, weil wir die Welt wissenschaftlich erklären können und mit unserer Technik ganz gut ohne Gott zurechtkommen.

Sind die Menschen, die heute noch an die christlichen Inhalte des Weihnachtsfestes glauben, wirklich von gestern? Welche Argumente haben wir für den Glauben an einen Gott, der Mensch geworden ist, um den Menschen das Heil zu schenken? Ich denke, dass der Weg, den Menschen heute diesen Gott zu zeigen, darin besteht, diesen Gott für die Menschen erfahrbar zu machen.

Gerade hierfür bekommt das Wort des Psalms seine Bedeutung. Ich verstehe es dahingehend, dass Gott im Menschen sein Licht entzündet und seine Freude in das Herz hineinlegt. Wenn du etwas von diesem Licht erfahren willst, dann geh zur Krippe und schau dir das Kind an, das darin liegt. Höre dir einfach einmal in Ruhe an, was über dieses Kind gesagt wird. Hier in dem Kind vor dir ist Gott, der so klein geworden ist, um dir nahe zu sein.

Gott wird Mensch, sein Wort wird Fleisch, damit wir ihn mit unseren Augen sehen und mit unseren Ohren hören können. Gott ist uns greifbar nahe gekommen. Er sagt zu dir: Mensch, ich liebe dich, ich will in deinem Leben bei dir sein, ich will dir den Weg zeigen, auf dem du Glück und Freude findest. Ich will nicht, dass du in der Finsternis bist, ich will dir ein Licht sein, das dein Leben hell sein lässt.

Welches Herz könnte so hart sein, dass es dann nichts spürt von diesem Gott? Freilich, der Glaube muss dann noch tiefer gehen, sich im Alltag bewähren. Aber wer gar nicht die Erfahrung gemacht hat, wie nahe Gott ihm gekommen ist, der wird auch mit all dem anderen, dass man ihm von diesem Gott erzählt, nicht viel anfangen können.

Die Krippe von Betlehem kann der Beginn einer tiefen Freundschaft sein zwischen Gott und Mensch. Der Blick des Kindes in der Krippe lässt selbst das härteste Herz nicht unberührt, wie Ephräm an anderer Stelle sagt:

Erzürnte, die dich zu sehen kamen, söhntest du freudig aus. Sie vereinten sich wieder mit gegenseitigem Lachen. Süß besänftigt wurden durch dich die Erbitterten, o Holdseliger! Gepriesen seist du, o Kind, wodurch auch Bittere mit Süßigkeit erfüllt werden! (Ephräm der Syrer)

Wie soll Weihnachten ein Fest der Freude, der Gemeinschaft und des Miteinanders sein, wenn man das Kind, das die Freude und Gemeinschaft unter den Menschen stiftet, von diesem Fest ausschließt?

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und eine lebendige Begegnung mit dem göttlichen Kind, dessen Geburt wir heute feiern!

Herz Jesu – Litanei

Die Herz Jesu-Litanei ist eine Frucht der neu aufblühenden Herz Jesu Verehrung des 17. Jahrhunderts, die besonders auf die Visionen von Margareta Maria Alacoque (1647-1690) zurückzuführen ist. Ihre Anrufungen stammen größtenteils von dem Priester und Schriftsteller Jean Croiset SJ (1656-1738), der mit Margareta Maria Alacoque in Briefwechsel stand. Papst Leo XIII. approbierte die Litanei 1899 für den liturgischen Gebrauch, anlässlich der Weihe der Welt an das Herz Jesu, welche durch Maria Droste zu Vischering angeregt worden war.

War sie im alten Gotteslob noch zu finden, hat das neue Gotteslob nur noch eine moderne Form einer Herz Jesu-Litanei, die mir der Ursprünglichen wenig gemeinsam hat. Dabei wäre es sicher sehr wertvoll für die Kirche, diese Litanei weiter lebendig zu erhalten. Ihre Anrufungen sind von tiefem theologischem Gehalt und zeugen davon, dass diese Litanei nicht nur Ausdruck einer privaten Form der Frömmigkeit ist, sondern vom Glauben der ganzen Kirche geformt worden ist.

P. Alfred Delp SJ (1907-1945), der vor seiner Hinrichtung durch die Nazis im Gefängnis unter anderem eine Meditation über die Herz Jesu Litanei schreibt, formuliert das folgendermaßen:

Der Litanei spürt man an, dass sie unter der sorgenden Obhut der Kirche geworden ist, nicht so sehr aus freier lyrischer Fülle betender Herzen wie andere Litaneien. Das war hier auch sehr notwendig; denn gerade bei der Herz Jesu-Verehrung kommt es bei aller Freiheit des Herzens doch sehr auf theologische Genauigkeit an. (P. Alfred Delp SJ)

Die Litanei beginnt mit einer Anrufung Jesu und der Dreifaltigkeit. Es folgen die einzelnen Anrufungen des Herzens Jesu unter verschiedenen Formen, denen jeweils ein „erbarme dich unser“ angefügt wird. Die Litanei schließt mit der Bitte: „Jesus, sanft und demütig, bilde unser Herz nach deinem Herzen“ und einem Gebet.

Da die ganze Litanei den Rahmen dieses Beitrags übersteigen würde, möchte ich hier nur einige Anrufungen herausgreifen, die uns zu tieferer Betrachtung anregen möchten:

Herz Jesu, des Sohnes des ewigen Vaters

Herz Jesu, im Schoß der jungfräulichen Mutter vom Heiligen Geist gebildet

Herz Jesu, du Feuerherd der Liebe

Herz Jesu, du Wohnstatt der Gerechtigkeit und Liebe

Herz Jesu, du König und Mitte aller Herzen

Herz Jesu, in dem die ganze Fülle der Gottheit wohnt

Herz Jesu, du Sehnsucht der Schöpfung von Anbeginn

Herz Jesu, du Quell allen Trostes

Herz Jesu, unsere Auferstehung und unser Leben

Herz Jesu, unser Friede und unsere Versöhnung

Herz Jesu, du Freude aller Heiligen

Der Herr ist wirklich auferstanden!

Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen! (Lk 24,24)

Mit diesem freudigen Ruf empfangen die Apostel in Jerusalem die beiden Jünger, die auf ihrem Weg nach Emmaus dem Auferstandenen begegnet sind, und voller Freude zurückgeeilt sind, um von dieser Erfahrung zu berichten.

Wir können diesen Ausruf ergänzen: er ist wirklich dem Simon erschienen, den Frauen, allen voran Maria Magdalena und er erschien auch dem „Nachzügler“ Thomas noch einmal extra, der wahrscheinlich erst nach den anderen Aposteln aus Galiläa zurückgekehrt ist. Eine etwas andere Reihenfolge nennt Paulus im Ersten Korintherbrief:

Er erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. (1Kor 15,5-7)

Paulus spricht nicht von den Frauen, dafür von einer Erscheinung vor über 500 Gläubigen und einer weiteren Einzelerscheinung vor Jakobus, wobei hier nicht der Apostel Jakobus gemeint ist, sondern der Herrenbruder Jakobus, der in der Urgemeinde von Jerusalem eine bedeutende Stellung innehatte. Auch Paulus selbst hatte eine Begegnung mit dem Auferstandenen, die sein Leben entscheidend verändert hat.

Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen!

Der Auferstandene begegnet Menschen, um ihren Glauben zu stärken und sie in seine besondere Nachfolge zu rufen. Nicht das leere Grab ist die Grundlage des christlichen Glaubens an die Auferstehung, sondern die Begegnung mit dem Auferstandenen selber. Ein leeres Grab gibt keine Sicherheit und kann viele Ursachen haben, der Leichnam könnte heimlich entfernt worden sein. Bei der Begegnung mit dem Auferstandenen aber sind sich alle sicher: das ist Jesus, das ist keine Täuschung, kein Geist. So wie der Auferstandene den einzelnen begegnet, kann es nur Jesus selbst sein.

Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen!

Es gibt einen Unterschied zwischen den Erscheinungen vor Christi Himmelfahrt und denen danach. Vor seiner Himmelfahrt erscheint Jesus leiblich, greifbar. Nach seiner Himmelfahrt ist die Erscheinungen rein geistig. Paulus sieht ein Licht und hört eine Stimme, er fühlt sich persönlich angesprochen, seine Begleiter aber bekommen davon nichts mit.

So wie Paulus haben später viele Menschen Jesus erfahren. Er tritt in besonderer Weise in ihr Leben ein und sie wissen: es ist der Herr. Diese Begegnung gibt ihnen wie einst Petrus, Paulus und den ersten Jüngern die sichere Gewissheit: Jesus lebt. Der Glaube an den Auferstandenen stützt sich nicht nur auf das Zeugnis anderer, dieses Zeugnis bereitet den Glauben nur vor. Wirklich überzeugter Glaube erwächst erst aus der persönlichen Begegnung mit Jesus.

Solch eine persönliche Begegnung mit Jesus ist jedem Menschen möglich und sie geschieht immer wieder. Das erst macht christlichen Glauben aus. Christlich Leben heißt nicht, an überlieferten Verhaltensmustern und Traditionen festhalten, es heißt, das eigene Leben aus der persönlichen Begegnung heraus in Gemeinschaft mit anderen Gläubigen zu gestalten. Die Gemeinschaft ist wichtig, um die eigene Erfahrung kritisch zu prüfen und sie zu festigen. Diese kritische Prüfung soll und helfen, dass wir nicht eigene Hirngespinste für göttliche Offenbarungen halten. Wer Jesus wirklich begegnet ist, wird seinen Glauben in Einklang mit der kirchlichen Tradition leben. Aber um diesen Glauben wirklich verstehen und leben zu können, braucht es die persönliche Begegnung mit Jesus. Was das bedeutet, zeigt uns Paulus in einem Gebet. Beten wir diese Worte des Apostels im festen Vertrauen, dass der Herr auch jeden von uns erfahren lässt, dass er lebt und Leben schenkt.

Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleich gestaltet werde. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.

Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. (Phil 3,10-14)

Erfahrung der Auferstehung im gemeinsamen Mahl

In jenen Tagen begann Petrus zu reden und sagte: Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat: wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm. Und wir sind Zeugen für alles, was er im Land der Juden und in Jerusalem getan hat. (Apg 10,37-39a)

Petrus hält bei der Taufe des Kornelius eine kurze Katechese vor den in dessen Haus versammelten Menschen. Kornelius ist der erste Heide, der in die Kirche aufgenommen wird, und deshalb schildert Lukas in der Apostelgeschichte diese Begebenheit sehr ausführlich.
Zunächst weist Petrus auf das Auftreten Jesu in Galiläa hin, das den Zuhörern vertraut ist. Auch wir wissen davon durch die Evangelien. Das Auftreten Jesu begann mit der Taufe durch Johannes, danach zog Jesus im Land umher und tat den Menschen Gutes und befreite sie aus der Macht des Bösen. Petrus und die anderen Apostel sind Zeugen dafür, dass die Überlieferungen über Jesus wahr sind. Dann zog Jesus mit seinen Jüngern schließlich weiter nach Judäa und Jerusalem, wo er getötet wurde.

Ihn haben sie an den Pfahl gehängt und getötet. (Apg 10,39b)

Mit diesen knappen Worten beschreibt Petrus die Passion Jesu, um dann ausführlicher auf das zu sprechen zu kommen, was die feste Grundlage christlichen Glaubens ist:

Gott aber hat ihn am dritten Tag auferweckt und hat ihn erscheinen lassen, zwar nicht dem ganzen Volk, wohl aber den von Gott vorherbestimmten Zeugen: uns, die wir mit ihm nach seiner Auferstehung von den Toten gegessen und getrunken haben. (Apg 10,40-41)

Die Katechese des Petrus ist knapp und darum sind die einzelnen Worte sehr bedeutsam. Gott hat Jesus am dritten Tag auferweckt. Das ist für Petrus eine unumstößliche Tatsache und dafür ist er selbst Zeuge. Hierbei sind die Erscheinungen des Auferstandenen das wichtigste Argument und vor allem auch die Tatsache, dass Jesus nach seiner Auferstehung mit den Jüngern gegessen und getrunken hat.
Dass hier in Verbindung mit der Auferstehung gerade von Essen und Trinken die Rede ist und dies die Hälfte des kurzen Zeugnisses über die Auferstehung umfasst, sollte uns, wenn wir den Text aufmerksam lesen, stutzig machen. Wenn wir dann die Auferstehungsberichte im Lukasevangelium genau lesen, so sehen wir, dass auch hier das Essen mit dem Auferstandenen wichtig ist. Bei Matthäus und Markus erfahren wir davon nichts, nur im Anhang des Johannesevangeliums wird noch davon berichtet, dass der Auferstandene bei seiner Erscheinung am See von Tiberias den Jüngern Fisch und Brot zu essen gab.
Für Lukas ist das gemeinsame Essen mit dem Auferstandenen ein besonderes Zeichen für die Realität der Auferstehung. Bereits in seinem irdischen Wirken war es Jesus wichtig, die Gemeinschaft mit ihm im gemeinsamen Mahl erfahrbar zu machen. Das trug ihm manchmal den Spott seiner Gegner ein, die ihn einen „Fresser und Säufer“ nannten. Im Johannesevangelium wirkt Jesus sein erstes Wunder bei einer Hochzeit, auf der er Wasser in Wein verwandelt. Er pflegt Tischgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern und an die Menge, die ihm den ganzen Tag zugehört hat, verteilt er am Abend Fisch und Brot.
Das bedeutendste Essen Jesu ist das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern. Brot und Wein sind fortan das Zeichen, in dem sich seine Gegenwart in der Welt zeigt. Am Brechen des Brotes erkennen die Emmausjünger den Auferstandenen. Christlicher Gottesdienst ist Eucharistie, Danksagung, ein gemeinsames Mahl mit dem Herrn. Früher schloss sich an das liturgische Mahl auch ein gemeinsames Essen an, wie wir es heute noch von dem Agapemahl nach der Osternacht kennen. Aber vielleicht könnten unsere Gemeinden heute wieder mehr zusammenwachsen und lebendiger werden, wenn wir uns nach der Sonntagsmesse zu einem gemeinsamen Essen treffen wie es in manchen Gemeinden auch praktiziert wird.
Der Auferstandene ist beim gemeinsamen Mahl mitten unter seinen Jüngern gegenwärtig. Sie erfahren seine Nähe wie zu der Zeit, als er noch mit ihnen umhergezogen ist. Jesus ist überall dort lebendig, wo – wie er selbst sagt – „zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind“. Im gemeinsamen Gespräch tun sich neue Horizonte auf, finden sich Lösungen und Antworten, auf die man beim einsamen Nachdenken nicht gekommen wäre. Jesus wirkt durch seinen Geist beim Gespräch während des gemeinsamen Mahles. Vielleicht ist diese Art der Gemeinschaft effektiver als manche Vorträge und Sitzungen, die oft sehr steif verlaufen.
Feiern wir die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen auch in der lockeren Atmosphäre eines gemütlichen Beisammenseins. Machen wir uns bewusst, dass Jesus unter uns ist, wenn wir zusammen sind, nicht nur in der Kirche, sondern überall wo es Gemeinschaft gibt. Lassen wir uns davon überraschen, was der Geist den einzelnen Teilnehmern eingibt. Auch so wird Auferstehung erfahrbar.

Herr, komm du in unsere Mitte,
wo wir als Menschen zusammen kommen.
Lass uns dich nie vergessen,
wenn wir uns zu Tisch setzen
und wenn wir beieinander sind.
Wie du als der Auferstandene
einst deine Jünger überrascht hast
so überrasche auch uns
mit deiner Gegenwart.
Lass und seine lebendige Nähe erfahren
und aus dieser Erfahrung heraus leben.
Amen.