Herz Jesu – Litanei

Die Herz Jesu-Litanei ist eine Frucht der neu aufblühenden Herz Jesu Verehrung des 17. Jahrhunderts, die besonders auf die Visionen von Margareta Maria Alacoque (1647-1690) zurückzuführen ist. Ihre Anrufungen stammen größtenteils von dem Priester und Schriftsteller Jean Croiset SJ (1656-1738), der mit Margareta Maria Alacoque in Briefwechsel stand. Papst Leo XIII. approbierte die Litanei 1899 für den liturgischen Gebrauch, anlässlich der Weihe der Welt an das Herz Jesu, welche durch Maria Droste zu Vischering angeregt worden war.

War sie im alten Gotteslob noch zu finden, hat das neue Gotteslob nur noch eine moderne Form einer Herz Jesu-Litanei, die mir der Ursprünglichen wenig gemeinsam hat. Dabei wäre es sicher sehr wertvoll für die Kirche, diese Litanei weiter lebendig zu erhalten. Ihre Anrufungen sind von tiefem theologischem Gehalt und zeugen davon, dass diese Litanei nicht nur Ausdruck einer privaten Form der Frömmigkeit ist, sondern vom Glauben der ganzen Kirche geformt worden ist.

P. Alfred Delp SJ (1907-1945), der vor seiner Hinrichtung durch die Nazis im Gefängnis unter anderem eine Meditation über die Herz Jesu Litanei schreibt, formuliert das folgendermaßen:

Der Litanei spürt man an, dass sie unter der sorgenden Obhut der Kirche geworden ist, nicht so sehr aus freier lyrischer Fülle betender Herzen wie andere Litaneien. Das war hier auch sehr notwendig; denn gerade bei der Herz Jesu-Verehrung kommt es bei aller Freiheit des Herzens doch sehr auf theologische Genauigkeit an. (P. Alfred Delp SJ)

Die Litanei beginnt mit einer Anrufung Jesu und der Dreifaltigkeit. Es folgen die einzelnen Anrufungen des Herzens Jesu unter verschiedenen Formen, denen jeweils ein „erbarme dich unser“ angefügt wird. Die Litanei schließt mit der Bitte: „Jesus, sanft und demütig, bilde unser Herz nach deinem Herzen“ und einem Gebet.

Da die ganze Litanei den Rahmen dieses Beitrags übersteigen würde, möchte ich hier nur einige Anrufungen herausgreifen, die uns zu tieferer Betrachtung anregen möchten:

Herz Jesu, des Sohnes des ewigen Vaters

Herz Jesu, im Schoß der jungfräulichen Mutter vom Heiligen Geist gebildet

Herz Jesu, du Feuerherd der Liebe

Herz Jesu, du Wohnstatt der Gerechtigkeit und Liebe

Herz Jesu, du König und Mitte aller Herzen

Herz Jesu, in dem die ganze Fülle der Gottheit wohnt

Herz Jesu, du Sehnsucht der Schöpfung von Anbeginn

Herz Jesu, du Quell allen Trostes

Herz Jesu, unsere Auferstehung und unser Leben

Herz Jesu, unser Friede und unsere Versöhnung

Herz Jesu, du Freude aller Heiligen

Der Herr ist wirklich auferstanden!

Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen! (Lk 24,24)

Mit diesem freudigen Ruf empfangen die Apostel in Jerusalem die beiden Jünger, die auf ihrem Weg nach Emmaus dem Auferstandenen begegnet sind, und voller Freude zurückgeeilt sind, um von dieser Erfahrung zu berichten.

Wir können diesen Ausruf ergänzen: er ist wirklich dem Simon erschienen, den Frauen, allen voran Maria Magdalena und er erschien auch dem „Nachzügler“ Thomas noch einmal extra, der wahrscheinlich erst nach den anderen Aposteln aus Galiläa zurückgekehrt ist. Eine etwas andere Reihenfolge nennt Paulus im Ersten Korintherbrief:

Er erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. (1Kor 15,5-7)

Paulus spricht nicht von den Frauen, dafür von einer Erscheinung vor über 500 Gläubigen und einer weiteren Einzelerscheinung vor Jakobus, wobei hier nicht der Apostel Jakobus gemeint ist, sondern der Herrenbruder Jakobus, der in der Urgemeinde von Jerusalem eine bedeutende Stellung innehatte. Auch Paulus selbst hatte eine Begegnung mit dem Auferstandenen, die sein Leben entscheidend verändert hat.

Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen!

Der Auferstandene begegnet Menschen, um ihren Glauben zu stärken und sie in seine besondere Nachfolge zu rufen. Nicht das leere Grab ist die Grundlage des christlichen Glaubens an die Auferstehung, sondern die Begegnung mit dem Auferstandenen selber. Ein leeres Grab gibt keine Sicherheit und kann viele Ursachen haben, der Leichnam könnte heimlich entfernt worden sein. Bei der Begegnung mit dem Auferstandenen aber sind sich alle sicher: das ist Jesus, das ist keine Täuschung, kein Geist. So wie der Auferstandene den einzelnen begegnet, kann es nur Jesus selbst sein.

Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen!

Es gibt einen Unterschied zwischen den Erscheinungen vor Christi Himmelfahrt und denen danach. Vor seiner Himmelfahrt erscheint Jesus leiblich, greifbar. Nach seiner Himmelfahrt ist die Erscheinungen rein geistig. Paulus sieht ein Licht und hört eine Stimme, er fühlt sich persönlich angesprochen, seine Begleiter aber bekommen davon nichts mit.

So wie Paulus haben später viele Menschen Jesus erfahren. Er tritt in besonderer Weise in ihr Leben ein und sie wissen: es ist der Herr. Diese Begegnung gibt ihnen wie einst Petrus, Paulus und den ersten Jüngern die sichere Gewissheit: Jesus lebt. Der Glaube an den Auferstandenen stützt sich nicht nur auf das Zeugnis anderer, dieses Zeugnis bereitet den Glauben nur vor. Wirklich überzeugter Glaube erwächst erst aus der persönlichen Begegnung mit Jesus.

Solch eine persönliche Begegnung mit Jesus ist jedem Menschen möglich und sie geschieht immer wieder. Das erst macht christlichen Glauben aus. Christlich Leben heißt nicht, an überlieferten Verhaltensmustern und Traditionen festhalten, es heißt, das eigene Leben aus der persönlichen Begegnung heraus in Gemeinschaft mit anderen Gläubigen zu gestalten. Die Gemeinschaft ist wichtig, um die eigene Erfahrung kritisch zu prüfen und sie zu festigen. Diese kritische Prüfung soll und helfen, dass wir nicht eigene Hirngespinste für göttliche Offenbarungen halten. Wer Jesus wirklich begegnet ist, wird seinen Glauben in Einklang mit der kirchlichen Tradition leben. Aber um diesen Glauben wirklich verstehen und leben zu können, braucht es die persönliche Begegnung mit Jesus. Was das bedeutet, zeigt uns Paulus in einem Gebet. Beten wir diese Worte des Apostels im festen Vertrauen, dass der Herr auch jeden von uns erfahren lässt, dass er lebt und Leben schenkt.

Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleich gestaltet werde. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.

Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. (Phil 3,10-14)

Erfahrung der Auferstehung im gemeinsamen Mahl

In jenen Tagen begann Petrus zu reden und sagte: Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat: wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm. Und wir sind Zeugen für alles, was er im Land der Juden und in Jerusalem getan hat. (Apg 10,37-39a)

Petrus hält bei der Taufe des Kornelius eine kurze Katechese vor den in dessen Haus versammelten Menschen. Kornelius ist der erste Heide, der in die Kirche aufgenommen wird, und deshalb schildert Lukas in der Apostelgeschichte diese Begebenheit sehr ausführlich.
Zunächst weist Petrus auf das Auftreten Jesu in Galiläa hin, das den Zuhörern vertraut ist. Auch wir wissen davon durch die Evangelien. Das Auftreten Jesu begann mit der Taufe durch Johannes, danach zog Jesus im Land umher und tat den Menschen Gutes und befreite sie aus der Macht des Bösen. Petrus und die anderen Apostel sind Zeugen dafür, dass die Überlieferungen über Jesus wahr sind. Dann zog Jesus mit seinen Jüngern schließlich weiter nach Judäa und Jerusalem, wo er getötet wurde.

Ihn haben sie an den Pfahl gehängt und getötet. (Apg 10,39b)

Mit diesen knappen Worten beschreibt Petrus die Passion Jesu, um dann ausführlicher auf das zu sprechen zu kommen, was die feste Grundlage christlichen Glaubens ist:

Gott aber hat ihn am dritten Tag auferweckt und hat ihn erscheinen lassen, zwar nicht dem ganzen Volk, wohl aber den von Gott vorherbestimmten Zeugen: uns, die wir mit ihm nach seiner Auferstehung von den Toten gegessen und getrunken haben. (Apg 10,40-41)

Die Katechese des Petrus ist knapp und darum sind die einzelnen Worte sehr bedeutsam. Gott hat Jesus am dritten Tag auferweckt. Das ist für Petrus eine unumstößliche Tatsache und dafür ist er selbst Zeuge. Hierbei sind die Erscheinungen des Auferstandenen das wichtigste Argument und vor allem auch die Tatsache, dass Jesus nach seiner Auferstehung mit den Jüngern gegessen und getrunken hat.
Dass hier in Verbindung mit der Auferstehung gerade von Essen und Trinken die Rede ist und dies die Hälfte des kurzen Zeugnisses über die Auferstehung umfasst, sollte uns, wenn wir den Text aufmerksam lesen, stutzig machen. Wenn wir dann die Auferstehungsberichte im Lukasevangelium genau lesen, so sehen wir, dass auch hier das Essen mit dem Auferstandenen wichtig ist. Bei Matthäus und Markus erfahren wir davon nichts, nur im Anhang des Johannesevangeliums wird noch davon berichtet, dass der Auferstandene bei seiner Erscheinung am See von Tiberias den Jüngern Fisch und Brot zu essen gab.
Für Lukas ist das gemeinsame Essen mit dem Auferstandenen ein besonderes Zeichen für die Realität der Auferstehung. Bereits in seinem irdischen Wirken war es Jesus wichtig, die Gemeinschaft mit ihm im gemeinsamen Mahl erfahrbar zu machen. Das trug ihm manchmal den Spott seiner Gegner ein, die ihn einen „Fresser und Säufer“ nannten. Im Johannesevangelium wirkt Jesus sein erstes Wunder bei einer Hochzeit, auf der er Wasser in Wein verwandelt. Er pflegt Tischgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern und an die Menge, die ihm den ganzen Tag zugehört hat, verteilt er am Abend Fisch und Brot.
Das bedeutendste Essen Jesu ist das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern. Brot und Wein sind fortan das Zeichen, in dem sich seine Gegenwart in der Welt zeigt. Am Brechen des Brotes erkennen die Emmausjünger den Auferstandenen. Christlicher Gottesdienst ist Eucharistie, Danksagung, ein gemeinsames Mahl mit dem Herrn. Früher schloss sich an das liturgische Mahl auch ein gemeinsames Essen an, wie wir es heute noch von dem Agapemahl nach der Osternacht kennen. Aber vielleicht könnten unsere Gemeinden heute wieder mehr zusammenwachsen und lebendiger werden, wenn wir uns nach der Sonntagsmesse zu einem gemeinsamen Essen treffen wie es in manchen Gemeinden auch praktiziert wird.
Der Auferstandene ist beim gemeinsamen Mahl mitten unter seinen Jüngern gegenwärtig. Sie erfahren seine Nähe wie zu der Zeit, als er noch mit ihnen umhergezogen ist. Jesus ist überall dort lebendig, wo – wie er selbst sagt – „zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind“. Im gemeinsamen Gespräch tun sich neue Horizonte auf, finden sich Lösungen und Antworten, auf die man beim einsamen Nachdenken nicht gekommen wäre. Jesus wirkt durch seinen Geist beim Gespräch während des gemeinsamen Mahles. Vielleicht ist diese Art der Gemeinschaft effektiver als manche Vorträge und Sitzungen, die oft sehr steif verlaufen.
Feiern wir die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen auch in der lockeren Atmosphäre eines gemütlichen Beisammenseins. Machen wir uns bewusst, dass Jesus unter uns ist, wenn wir zusammen sind, nicht nur in der Kirche, sondern überall wo es Gemeinschaft gibt. Lassen wir uns davon überraschen, was der Geist den einzelnen Teilnehmern eingibt. Auch so wird Auferstehung erfahrbar.

Herr, komm du in unsere Mitte,
wo wir als Menschen zusammen kommen.
Lass uns dich nie vergessen,
wenn wir uns zu Tisch setzen
und wenn wir beieinander sind.
Wie du als der Auferstandene
einst deine Jünger überrascht hast
so überrasche auch uns
mit deiner Gegenwart.
Lass und seine lebendige Nähe erfahren
und aus dieser Erfahrung heraus leben.
Amen.

Station 4: Ölberg

Dann verließ Jesus die Stadt und ging, wie er es gewohnt war, zum Ölberg; seine Jünger folgten ihm.

Lk 22,39

Nach dem letzten Abendmahl mit dem Hinweis auf den Verräter und einem abschließenden Wort an Petrus und die anderen Jünger verlässt Jesus zusammen mit ihnen die Stadt. So hat er es auch bereits in den vergangenen Tagen, an denen er mit seinen Jüngern in Jerusalem war, gemacht. Sie haben ihr Übernachtungsquartier in Betanien, auf der anderen Seite des Ölbergs. Nun aber geht er nicht direkt dorthin, sondern macht bei einem Grundstück am Fuße des Ölbergs halt. Anders als Matthäus und Markus erwähnt Lukas den Namen Getsemani des Grundstücks nicht. Auch weist Jesus bei Lukas die Jünger nicht an, auf ihn zu warten, während er sich zum Gebet zurückzieht, sondern er fordert sie auf zum Gebet und geht dann selbst weg, um zu beten, allein, ohne Petrus, Jakobus und Johannes, wie es die anderen Evangelisten berichten.

Als er dort war, sagte er zu ihnen: Betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet! Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Steinwurf weit, kniete nieder und betete.

Lk 22,40-41

Lukas ist sehr präzise, wenn er die Entfernung mit der Weite eines Steinwurfs angibt. Wahrscheinlich war das die Distanz, die sich Jesus gewöhnlich von seinen Jüngern entfernte, um in das vertraute Gespräch mit seinen Vater einzutreten. Die Jünger wussten um das Besondere dieser Beziehung Jesu zum Vater, auch wenn Sie es wahrscheinlich nicht vollkommen verstehen konnten. Alle drei Synoptiker berichten den Inhalt des Gebetes Jesu:

Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.

Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.

Lk 22,42-44

Jesus weiß um das, was ihm bevorsteht. Er hat Angst. Sein Schweiß tropft dick wie Blut auf den Boden. Aber er bekommt Kraft im Gebet. Vielleicht ist es nicht so sehr seine Angst um sein eigenes irdisches Leben, die ihn beschäftigt, sondern die Sorge um seine Jünger, die Sorge um das Reich Gottes. Wird das, was nun geschehen wird, den Aufbau des Reiches Gottes fördern? Sind die Jünger schon reif dafür, ohne seine irdische Anwesenheit das Reich Gottes aufzubauen, oder werden sie zerstreut und aufgerieben werden? Wie Jesus nach seinem Gebet die Jünger vorfindet, ist nicht gerade ermutigend.

Nach dem Gebet stand er auf, ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend; denn sie waren vor Kummer erschöpft. Da sagte er zu ihnen: Wie könnt ihr schlafen? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet!

Lk 22,44-46

Betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet! Dieses Wort Jesu ist aus meiner Sicht der zentrale Punkt des Gebetes Jesu am Ölberg. Es geht Jesus nicht um sich, nicht um seine eigenen Ängste, es geht Jesus um uns. Er weiß was ihm bevorsteht, er weiß, dass der Wille des Vaters für ihn gut ist. Aber was wird mit den Jüngern geschehen, wenn sie das erleben? Wenn sie ihn am Kreuz sterben sehen? Noch kennen sie nicht die Kraft der Auferstehung, noch kennen sie nicht den Sieg des Lebens über den Tod. Werden sie beisammen bleiben, bis die Kraft des Heiligen Geistes, den Jesus senden wird, ihnen die Kraft zum Zeugnis geben wird?

Werden die Jünger in der Versuchung standhalten? Judas Iskariot ist ihr bereits erlegen und wird in der nächsten Szene die Truppen anführen, die Jesus gefangen nehmen. Jesus weiß, mit welch hinterlistigen Argumenten der Versucher an die Menschen herantritt, um sie zu täuschen. Er findet Argumente, um das Böse gut erscheinen zu lassen und das Gute böse. Es erfordert viel Kraft und Ausdauer, um seinen Einflüsterungen zu widerstehen. Die wichtigste Waffe gegen ihn ist das Gebet.

Wenn wir uns am Gründonnerstag zur Ölbergstunde zum Gebet zusammenfinden, wollen wir besonders daran denken, wie wichtig es für uns ist, zu beten, dass wir nicht in Versuchung geraten, dass wir in der Versuchung standhaft sind und uns nicht von den scheinbar so einleuchtenden Argumenten des Versuchers verführen lassen. Jesus steht uns bei im Kampf gegen das Böse. Seine größte Sorge galt seinen Jüngern und damit auch uns, dass wir standhaft bleiben in der Versuchung und so zu aufrichtigen Zeugen des Reiches Gottes werden. Wie viele sind dem Versucher zum Opfer gefallen und haben die Kirche in Verruf gebracht. Beten wir auch für sie, verurteilen wir sie nicht. Wir wissen, dass auch wir selbst anfällig sind für die Versuchung. Wenn uns der Versucher bedrängt, denken wir an die Ölbergstunde Jesu und seine Sorge um uns. Schöpfen wir die Kraft, dem Versucher zu widerstehen, aus dem festen Vertrauen darauf, dass Jesus uns allezeit nahe ist.

Station 2: Einzug nach Jerusalem

Und es geschah: Er kam in die Nähe von Betfage und Betanien, an den Berg, der Ölberg heißt, da schickte er zwei seiner Jünger aus und sagte: Geht in das Dorf, das vor uns liegt! Wenn ihr hineinkommt, werdet ihr dort ein Fohlen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Bindet es los und bringt es her! Und wenn euch jemand fragt: Warum bindet ihr es los?, dann antwortet: Der Herr braucht es.

Die Ausgesandten machten sich auf den Weg und fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte. Als sie das Fohlen losbanden, sagten die Leute, denen es gehörte: Warum bindet ihr das Fohlen los? Sie antworteten: Weil der Herr es braucht.

Lk 19,29-34

Alle Evangelien berichten davon, dass Jesus auf einem Esel reitend in Jerusalem eingezogen ist. Es ist ein junger Esel, auf dem vorher noch niemand gesessen hat. Jesus beauftragt seine Jünger, diesen bei gewissen nicht näher genannten Leuten zu holen. Da die Evangelien von dem Esel und seiner Beschaffung doch relativ ausführlich berichten, liegt die Vermutung nahe, dass dieser Vorgang eine tiefere Bedeutung hat.

Jesus sagte voraus, dass niemand sie hindern werde, vielmehr auf ihre Worte hin alle zu diesem Tun schweigen würden. … Irrig wäre die Meinung, der Vorgang habe nicht viel zu bedeuten. Denn wie kamen diese Landleute, die wahrscheinlich arm waren, dazu, sich ohne Widerspruch ihr Eigentum entführen zu lassen? … Zwei sehr auffallende Umstände: sie sagten gar nichts dazu, dass man ihre Lasttiere wegführte und willigten noch ohne Widerrede ein, als sie hörten, der Herr bedürfe ihrer; und dabei sahen sie ihn selbst nicht einmal, sondern nur seine Jünger. (Johannes Chrysostomus)

Johannes Chrysostomus deutet dies zum einen als ein Zeichen dafür, dass Jesus auch leicht seinem Leiden hätte entgehen können, wenn er es gewollt hätte. Wie die Besitzer des Esels seinem Wunsch willig folgten, so hätte er sich auch die Gunst der Juden erwerben können. Doch nach Gottes Willen sollte es anders kommen.

Jesus wollte die Jünger, die über seinen bevorstehenden Tod betrübt waren, ermutigen und ihnen zeigen, dass er sich dem ganzen Leiden freiwillig unterzog. (Johannes Chrysostomus)

Der Esel, der so willig sich zum Herrn führen lässt und sich von ihm in Dienst stellen lässt, wird aber auch zu einem Bild der Kirche und jedes einzelnen Gläubigen.

Beachte dabei, wie fügsam das Füllen ist. Obwohl noch nicht zugeritten und noch an keine Zügel gewohnt, schreitet es doch ruhigen Schrittes dahin, ohne sich zu bäumen. Auch in diesem Umstand liegt eine Prophezeiung: es wird angedeutet, wie willig sich die Heiden zeigen und mit welcher Bereitwilligkeit sie sich in die neue Ordnung fügen werden. (Johannes Chrysostomus)

Wenn schon die Heiden sich so willig zu Christus hin bekehren, wie viel mehr müssen dann die Gläubigen ihm dienen. Jesus zeigt den Aposteln und uns allen, dass wir bereit sein sollen, ihm alles zu schenken. Dieses Schenken zeigt sich ganz besonders auch im Dienst an den Armen, dem Almosengeben, zu dem wir in der Fastenzeit besonders aufgerufen sind.

Christus verlangt nur, dass wir den Bedürftigen geben, und verheißt uns dafür das Himmelreich. … Seien wir also nicht so kleinlich, nicht so unmenschlich und grausam gegen uns selbst, sondern ergreifen und betreiben wir vielmehr dieses vorzügliche Geschäft, dann werden wir glücklich hinübergehen und es zugleich auch unseren Söhnen hinterlassen können; dann werden wir auch der ewigen Güter teilhaftig werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem mit dem Vater und dem Heiligen Geiste Ruhm, Macht und Ehre sei jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen! (Johannes Chrysostomus)

Johannes Chrysostomus stellt uns also den Palmesel geradezu als Vorbild hin. Der Esel, der eigentlich ein störrisches Tier ist, fügt sich ganz dem Willen Jesu und als er dann auf dem Esel Platz genommen hat, kann der festliche Einzug in Jerusalem beginnen.

Dann führten sie es zu Jesus, legten ihre Kleider auf das Fohlen und halfen Jesus hinauf. Während er dahinritt, breiteten die Jünger ihre Kleider auf dem Weg aus. Als er sich schon dem Abhang des Ölbergs näherte, begann die Schar der Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten. Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe!

Lk 19,35-38

Wie vor einem König breiten die Jünger vor Jesus ihre Kleider auf der Straße aus und zieren den Weg mit Palmzweigen. Wir kennen es heute noch, dass ein roter Teppich ausgelegt wird, wenn hohe Staatsgäste oder Prominente empfangen werden. Es ist ein wahrhaft königlicher Einzug, den Jesus in Jerusalem inszeniert, ganz anders als wir es von seinem bisherigen Auftreten gewohnt sind. Jesus erfüllt die Messias-Weissagung des Propheten Sacharja:

Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. (Sach 9,9)

So ist das Reiten Jesu auf einem Esel sicherlich zunächst ein Zeichen seiner Demut.

Er kommt also nicht auf einem Wagen, wie andere Könige, nicht um Steuern einzuheben, nicht mit Groß und Leibwache, sondern er bekundet auch hierin eine große Bescheidenheit. (Johannes Chrysostomus)

Wenn Jesus aber auf einem Esel in Jerusalem einzieht, so macht er damit zugleich seinen Anspruch deutlich, der Messias, der neue König von Israel zu sein. Die Menschen wissen dieses Zeichen zu deuten. Die einen hoffen nun auf den Anbruch der neuen Gottesherrschaft, die anderen versuchen diese mit allen Mittel zu verhindern. Womit aber wohl keiner rechnet, ist das, was in den nächsten Tagen in Jerusalem geschehen wird: Dass der Messias-König seine Herrschaft antritt als König am Kreuz.

Taufe des Herrn – Gottes Stimme über den Wassern (Ps 29)

Bringt dar dem Herrn, ihr Himmlischen, bringt dar dem Herrn Ehre und Macht! Bringt dar dem Herrn die Ehre seines Namens, werft euch nieder vor dem Herrn in heiliger Majestät!

Ps 29,1-2

Psalm 29 ist ein Psalm der Theophanie, er beschreibt in machtvollen Bildern die Erscheinung Gottes vor der Welt. Man nimmt an, dass diese Bilder aus der Umwelt Israels stammen und von den Gläubigen auf ihren Gott übertragen wurden. Wie der kanaanäische Hauptgott El erhebt sich der Gott Israels inmitten der Versammlung der Götter und fordert deren Unterwerfung. Er ist der Gott, dem allein Ehre und Anbetung gebührt. Wie der Gott Baal offenbart er sich im Gewitter und zeigt so seine Macht über die Erde.

Die Stimme des Herrn über den Wassern: Der Gott der Ehre hat gedonnert, der Herr über gewaltigen Wassern. Die Stimme des Herrn voller Kraft, die Stimme des Herrn voll Majestät.

Ps 29,3-4

Gottes stimme erschallt voll Macht über den Wassern. Der Psalm greift hier das Bild eines heftigen Gewitters auf. Bis heute staunen die Menschen über Gewitter und heftige Stürme. Bis heute haben die Menschen kaum Mittel dazu, sich deren Macht entgegenzustellen. Es bleibt nur das Staunen über die Mächte der Natur und über den, der noch größer ist als die Naturgewalten.
Und doch ist die gewaltige Erscheinung im Sturm nur ein Bild dafür, wie Gott sich der Welt offenbart. Dem Prophet Elija erscheint Gott am Horeb nicht in diesen Naturphänomenen, sondern sein wirkliches Angesicht erscheint erst, als diese vorüber sind, in einem sanften Säuseln, einer „Stimme verschwebenden Schweigens“ (Martin Buber).
Die „Stimme des Herrn über den Wassern“ lässt uns auch noch an ein anderes Ereignis denken, in dem in ganz besonderer Weise Theophanie, Erscheinung Gottes, geschieht. Es ist die Taufe Jesu im Jordan, bei der Gottes Stimme aus dem Himmel Jesus Christus als Gott geliebten Sohn offenbart.
Am Jordan erschallt die Stimme Gottes nicht machtvoll wie ein Gewittersturm, sondern wohl eher unscheinbar, denn nur wenige erkennen, was hier geschieht, allen voran Johannes der Täufer selbst. Gott offenbart seinen Sohn vor der Welt, aber nur wer bereit ist, Gottes leise Töne zu hören, erkennt ihn. Ein weiteres Mal ertönt die Stimme Gottes bei der Verklärung Jesu. Selbst hier tun sich die drei Apostel, die bereits längere Zeit mit Jesus unterwegs sind, schwer, diese Stimme zu hören, und meinen eher einen entfernten Donner gehört zu haben.
Gottes Stimme – machtvoll und leise zugleich. Gottes Wort setzt sich durch und bewirkt, wozu es ausgesandt ist, wie der Prophet Jesaja sagt: „Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,11).
Und doch tun wir uns schwer, Gottes Wort zu hören. Wäre es doch machtvoll wie ein Gewittersturm, dann würden die Menschen niederfallen und Gott anbeten, denken wir vielleicht. Aber Gott will nicht, dass die Menschen aus Furcht vor ihm niederfallen. Er will uns auf Augenhöhe begegnen, will unser Gesprächspartner sein. Er will keine Massenhuldigung, sondern will das vertraute Gespräch mit jedem einzelnen. Und doch ist Gott anders und größer als wir. er lässt sich von den Menschen nicht beeinflussen und entzieht sich jedem Versuch der Manipulation.
Gottes Stimme ist immer da, auch wenn es niemand gäbe, der bereit ist, sie zu hören. Wir können Gott nicht totschweigen, er findet immer einen Weg, sich Gehör zu verschaffen. Gott ruft zu allen Zeiten Menschen, die seine Stimme hören, und in seinem Namen zu den Menschen sprechen.
Um Gottes Stimme zu hören, müssen wir unser Gehör schulen, wir müssen lernen, die Stille zu hören, Zeiten finden, in denen der Lärm des Alltags von uns weg bleibt, Zeiten, in denen wir mit seinem Wort, das uns in der Heiligen Schrift überliefert ist, allein sind. Dann werden wir die Kraft erfahren, die in Gottes Wort steckt, und die machtvoller ist als der stärkste Donner.

Herr, mein Gott,
machtvoll bis du
und voll Herrlichkeit
und doch wendest du dich
in Liebe jedem einzelnen zu.
Du willst uns nahe sein
durch dein Wort,
so wie du der Welt nahe warst
im Erdenleben Jesu Christi.
Er ist dein geliebter Sohn,
dein Wort,
durch das du vor Urzeiten
die Welt erschaffen hast,
und in ihm sprichst du zu uns
bis heute.
Lass uns auf sein Wort hören.
Amen.