Gottes Zorn – Gottes Liebe

Dann machten sich die sieben Engel bereit, die sieben Posaunen zu blasen. (Offb 8,6)

In der Offenbarung des Johannes finden sich drei Siebenerreihen, in denen Gottes Strafen an der Welt vollzogen werden. Da sind zunächst die sieben Siegel, mit denen das Buch der Weltgeschichte versiegelt ist, und die durch das Lamm geöffnet werden. Sie offenbaren den gewalttätigen Verlauf der Geschichte. Herrscher erheben sich und werden gestürzt, Reiche entstehen und werden selbst wieder erobert, Mensch und Umwelt werden auf Kosten des Profits ausgebeutet und so kommen Katastrophen über die Welt.

Die Engel mit den sieben Posaunen kündigen weitere Strafen Gottes an und am Ende werden noch die sieben Schalen des Zorns über die Erde ausgegossen. Warum aber straft Gott die Welt? Die Geschichte der Welt eine Geschichte der Entfremdung des Menschen von Gott. Nur wenige bleiben Gott treu und diese Getreuen Gottes sind oft den Anfeindungen ihrer Mitmenschen ausgesetzt. Nur wenige dienen Gott in Heiligkeit, ohne ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Nur wenige suchen Gott, immer wieder wird Gottes Liebe verletzt.

Die Apokalypse zeigt, dass Gott diesem Tun der Menschen auf Dauer nicht tatenlos zusieht. Vielleicht bleibt Gottes Handeln oft auch verborgen, Johannes aber sieht, wie Gott eingreift. Gott kann nicht zulassen, dass seine Liebe verletzt wird.

Zorn Gottes heißt im Alten und endgültig im Neuen Testament jene vollkommene Bestimmtheit der Liebe Gottes, mit nichts, was ihrem lautersten Feuer widerspricht, paktieren zu können und zu wollen. Das Böse, das sich in die Herzen der Menschen eingefressen hat, muss um jeden Preis weg und aus der Welt so hinausgeworfen werden, dass es nichts mehr zu verzehren hat. (Hans Urs von Balthasar)

Gottes Strafe kann so als Zeichen seiner Liebe verständlich werden. Liebe muss gegen das kämpfen, was der Liebe widerspricht. Das Böse gutheißen ist keine Liebe, Liebe kann das nicht gutheißen, was die Liebe zerstört. Aber dennoch ist es für uns Menschen schwer, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Daher ist der Zorn der Liebe allein Gott vorbehalten. Wir müssen uns an Jesu Wort halten, dass wir nicht richten und verurteilen dürfen. Wir sollen lieben, in der Liebe wachsen, uns stets selbst prüfen, ob wir in der Liebe sind. Gott wird die Menschen die lieben beschützen, auch wenn sie in der Welt dem Treiben des Bösen ausgeliefert sind.

Herr,

hilf mir in der Liebe zu bleiben

und deiner Macht zu vertrauen

die die Liebe verteidigt.

Ich will lieben mit reinem Herzen

ohne Hass und Gewalt.

Du beschützt die Liebe,

jenes kostbare Pflänzchen

das stets in Gefahr ist

von den Stiefeln der Gewalttätigen

zertreten zu werden.

Aber Liebe kann wachsen

wenn ich sie nicht mit Gewalt verteidige

sondern sie in Reinheit bewahre

und meine Liebe ganz dir schenke.

Der Seher und das Buch

Und die Stimme aus dem Himmel, die ich gehört hatte, sprach noch einmal zu mir und sagte: Geh, nimm das Buch, das der Engel, der auf dem Meer und auf dem Land steht, geöffnet in der Hand hält! Und ich ging zu dem Engel und bat ihn, mir das kleine Buch zu geben. Er sagte zu mir: Nimm und iss es! In deinem Magen wird es bitter sein, in deinem Mund aber süß wie Honig. Da nahm ich das kleine Buch aus der Hand des Engels und aß es. In meinem Mund war es süß wie Honig. Als ich es aber gegessen hatte, wurde mein Magen bitter. Und sie sagten zu mir: Du musst noch einmal weissagen über viele Völker und Nationen mit ihren Sprachen und Königen. (Offb 10,8-11)

Das Bild von der Buchrolle, die der Prophet essen soll, finden wir bereits beim Propheten Ezechiel (Ez 2,8-3,7). Der Prophet hört nicht nur die Worte Gottes, die er verkünden soll, er isst sie, nimmt sie ganz in sich auf, verdaut sie, so dass sie ganz Teil seiner selbst werden. Ruminatio ist ein Wort für die Betrachtung der Heiligen Schrift, das an dieses Bild erinnert. Wörtlich bedeutet dies Widerkäuen. Durch ständige Betrachtung nehmen wir die Worte der Heiligen Schrift in uns auf, wir sagen sie uns entweder laut (wie es die Väter getan haben) oder im Geist immer wieder vor, bis sie ein Bestandteil unserer selbst werden, bis diese Worte in uns leben und unser Leben verändern.

Die Bibel können wir nicht lesen wie jedes andere Buch. Sie ist kein Roman, der unserer Unterhaltung dient, sie ist kein Sachbuch, das unser Wissen erweitert. Die Heilige Schrift, das sind Worte des Lebens. Ihre Worte sollen unser Leben bestimmen. Wir verstehen die Schrift nur, wenn wir sie auch leben. Es kann sein, dass ihre Worte bei jedem Lesen eine neue Bedeutung für uns gewinnen. Es kann sein, dass eine Stelle für uns lange unverständlich bleibt und wir dann plötzlich ihren Sinn verstehen.

Nehmen wir täglich die Heilige Schrift zur Hand und vergessen wir nicht, beim Lesen auch zu verweilen. Es ist gut, einen Überblick über die Schrift zu haben, aber ihren tieferen Sinn erschließt sie uns erst, wenn wir in die Tiefe gehen. In einem Vers, ja sogar einem einzelnen Wort kann so viel Sinn stecken, dass wir ganze Bücher damit füllen könnten.

Johannes nimmt wie der Prophet Ezechiel das Buch aus der Hand des Engels. Er versteht nun den Sinn der Weltgeschichte, er versteht Gottes Plan mit der Menschheit. Aber dieses Verstehen ist nicht so wie beispielsweise das Verstehen in der Mathematik. Gottes Pläne sind keine einfachen Gleichungen, Gottes Geschichte mit den Menschen ist keine klare Abfolge. Es gehört auch zum Verständnis der Schrift, dass uns klar wird, dass ihre Deutung offen bleibt. Nur mit Bildern kann Johannes das vermitteln, was er gesehen hat. Es sind Bilder, die offen sind für Deutung und nicht Bilder, die wie ein Film zeigen, was geschieht.

Ich denke wir haben im Zeitalter von Fernsehen und anderer Medien die Phantasie verlernt. Wir bekommen ständig Bilder geliefert, die genau zeigen, was irgendwo auf der Welt geschehen ist. Früher waren die Menschen auf das angewiesen, was sie selbst gesehen haben und andere ihnen erzählt haben. Aber wenn wir einmal aufmerksam hinsehen, müssen wir verstehen, dass auch das Fernsehen nie ein Abbild der Wirklichkeit liefert, sondern immer nur eine Deutung. Ein zweiminütiger Nachrichtenbeitrag kann niemals ein Geschehen objektiv widergeben, ja selbst die Auswahl der Bilder ist schon Deutung.

Menschen wollen Fakten und bekommen doch allzu oft Fake News oder zumindest nur die halbe Wahrheit. Wenn wir ein Geschehen in der Welt wirklich verstehen wollen, müssen wir uns viele verschiedene Informationen dazu holen. Dann werden sich uns vielfältige Aspekte und Hintergründe auftun. Freilich, das ist mühsam und kein Mensch hat die Zeit und Fähigkeit, alle Informationen genau zu prüfen, aber es lohnt sich, das eine oder andere näher zu prüfen und vor allem stets vorsichtig mit dem umzugehen, was an uns herangetragen wird.

Der Seher Johannes bekommt Informationen aus erster Hand. Mit dem Bild vom Engel und der Schriftrolle will er zeigen, wie wichtig seine Worte sind und dass es für seine Leserinnen und Leser lebensentscheidend ist, auf sie zu hören. Es lohnt sich, die Bilder der Offenbarung immer wieder zu betrachten und so nach und nach ihren Sinn zu verstehen. Sie wollen uns keine Angst machen, aber sie wollen uns deutlich machen, wie wichtig es ist, sich zu entscheiden, auf welcher Seite man steht. Christentum ist keine Religion der Bequemlichkeit. Wer ernsthaft Christ sein will, steht im Spannungsfeld der Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse. Er ist berufen, Zeugnis abzulegen für Jesus Christus, den Herrn des Lebens.

Das Lamm als guter Hirte

Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten. Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. (Offb 7,16-17)

Der vierte Sonntag der Osterzeit ist der Sonntag vom Guten Hirten. Zu diesem Thema kommen uns vor allem die Texte aus dem Johannesevangelium in den Sinn, in denen sich Jesus als der gute Hirte beschreibt. Wir denken auch an Psalm 23, mit seinen ergreifenden Worten von der Hirtensorge Gottes. Aber an die Offenbarung des Johannes werden wir spontan wahrscheinlich nicht denken. Und doch wird wohl nirgendwo sonst so konkret beschrieben, wie sich Gottes Hirtensorge zum Ausdruck bringt.

Diese Welt ist für den Menschen kein Paradies. Krankheit und Not können allen widerfahren. Schon gleich an ihrem Beginn wird in der Bibel darüber nachgedacht, warum das so ist. Warum hat Gott die Erde nicht als Paradies erschaffen, in dem es allen Menschen gut geht? Die Antwort der Bibel lautet: wegen seiner Sünde wurde der Mensch aus dem Paradies vertrieben und muss im Schweiße seines Angesichts für seinen Lebensunterhalt sorgen. Die Frage nach dem „Warum?“ wird gerade an religiöse Menschen immer wieder herangetragen. Warum lässt Gott das Leid zu? Warum treffen harte Schicksalsschläge auch gute und fromme Menschen?

Wir werden keine befriedigende Antwort auf diese Fragen finden. Die Antwort Gottes ist das geschlachtete Lamm der Offenbarung. In seinem Sohn Jesus Christus hat Gott selbst alle Mühsal und alles Leid der Welt auf sich genommen. Freiwillig hat er sich dem Tod ausgeliefert, um zu zeigen, dass Leid und Tod nicht das Letzte sind. Nach jedem Schmerz wartet eine neue Freude, nach jedem Tod wartet das Leben. Es bleibt uns nicht erspart, durch diese dunklen Mauern hindurch zu gehen, aber Gott geht mit uns diesen Weg und nach dem Dunkel kommt das Licht, oft bereits in diesem Leben, immer im neuen Leben bei Gott.

Das Bild der Offenbarung, das dem Leiden unter Hunger, Durst und Sonnenglut einen paradiesischen Garten gegenüberstellt, in dem es frisches Wasser und Schatten gibt, ist nicht nur eine Vertröstung auf das Jenseits. Freilich, Johannes schreibt die Offenbarung zunächst an Christen in der Bedrängnis, die jederzeit damit rechnen müssen, für ihren Glauben ins Gefängnis oder gar in den Tod zu gehen. Er macht ihnen Mut und zeigt, dass Gottes Macht größer ist als die Mächte, die gegen Gott und seine Getreuen kämpfen. Aber es wird ein Ende der Verfolgung geben. Gott vergisst seine Getreuen nicht und wer standhaft ausharrt, wird auf unerdenkliche Weise belohnt werden.

Blicken wir auf das Lamm, es ist geschlachtet, wie tot, aber doch ist es voller Leben. Dieses Lamm ist Christus, der Sieger über Leiden und Tod. Im Blick auf ihn finden wir Antwort auf all unsere Fragen, im Vertrauen auf ihn werden wir alles überwinden, er gibt uns Kraft im Leiden und Mut in der Verzweiflung, er stillt unseren Durst nach Leben und schenkt uns Schatten in der Glut der Versuchung.

Herr Jesus,

Lamm Gottes,

für uns geopfert,

du Sieger über den Tod,

in dir triumphiert das Leben,

du zeigst uns

den Sinn des Lebens.

Du guter Hirte,

dir will ich folgen,

rufe mich beim Namen

und lass mich deine Stimme erkennen.

Lass mich mit dir

ein Zeuge des Lebens sein

und zusammen mit dir

hineingehen zum ewigen Leben.

Amen.

Thron des Lammes

Ich sah und ich hörte die Stimme von vielen Engeln rings um den Thron und um die Lebewesen und die Ältesten; die Zahl der Engel war zehntausend mal zehntausend und tausend mal tausend. (Offb 5,11)

Der Seher Johannes wurde in den Himmel entrückt und vor Gottes Thron, der umgeben ist von vier geheimnisvollen Lebewesen. Um den Thron herum stehen die Sitze von 24 Ältesten und in deren Mitte thront Jesus Christus als geschlachtetes Lamm. Das Zentrum des Thronsaales ist umgeben von einer unüberschaubar großen Zahl von Engeln. Es sind Bilder, die teilweise der Gotteserscheinung bei Ezechiel entsprechen, dabei aber neu gedeutet werden. Es ist ein Bild der Herrlichkeit Gottes. Gottes Thronsaal ist prächtiger, als die feinsten und kostbarsten Edelsteine, die man sich auf Erden vorstellen kann. Der Seher versucht das Unbeschreibliche mit menschlichen Worten zu beschreiben. Was er sieht ist größer als alle auf Erden vorstellbare Pracht. Der römische Kaiser – der in der Offenbarung immer als Bezugspunkt mitklingt – kann mit all seiner Pracht, seinen Palästen und Hofleuten nicht einmal einen kleinen Bruchteil dieser Herrlichkeit erreichen.

Der himmlische Chor singt das Lied des Lammes. Christus erscheint in der Offenbarung als blutendes, geschlachtetes Lamm mit sieben Hörnern und sieben Augen. Das Lamm steht für Friedfertigkeit und Reinheit, zugleich aber zeigen die sieben Hörner seine unbegrenzte Macht und die sieben Augen seinen Einfluss auf die ganze Welt. In diesem Lamm vereinen sich absolute Macht und absolute Gerechtigkeit. Das Lamm ist mächtig und doch geschlachtet, es wurde getötet, aber es lebt.

Dieses Bild erscheint uns sonderbar. Warum zeigt uns Johannes Christus nicht als Mensch, als Auferstandenen mit Wundmalen und Siegesfahne? Weil das Bild vom geschlachteten Lamm am eindrucksvollsten das Wesen Christi beschreiben kann. Sanft wie ein Lamm, zart und lieblich, zugleich ein Opfertier, wie es das Altes Testament beschreibt. Durch sein Blutopfer hat es die Sünden der Welt getilgt. Und doch ist Christus mächtig, nicht wie ein Opfertier, das sich seinem Schicksal fügen muss, sondern er hat sich selbst aktiv aus eigenem Willen als Opfer dargebracht. Er ist Sohn Gottes, daher lebt er, auch wenn er getötet wurde und zeigt mit seinen Hörnern und Augen seine Macht. Aber es ist eine demütige Macht, die nicht auf gewaltsame Herrschaft setzt, sondern die Herzen mit seiner Liebe regieren will.

Diesem Lamm ruft die himmlische Versammlung zu:

Sie riefen mit lauter Stimme: Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Lob und Herrlichkeit. (Offb 5,12)

Weil er seine Macht nicht missbraucht, gebührt Christus alle Macht, weil er sich für die Sünden aller hingegeben hat, gebührt ihm der Lobpreis. In Christus zeigt sich Gottes Liebe, die alle Menschen heilen und retten will. Christus allein ist Heilsbringer, darum gebühren ihm allein die Heils- und Segensrufe der ganzen Welt.

Und alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, alles, was darin ist, hörte ich sprechen: Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit. Und die vier Lebewesen sprachen: Amen. Und die vierundzwanzig Ältesten fielen nieder und beteten an. (Offb 5,13-14)

Johannes zeigt uns hier, was Liturgie bedeutet. An Gottes Thron wird eine ewige himmlische Liturgie gefeiert. Ihr Abbild feiert die Kirche jeden Sonntag auf Erden. Wir erinnern uns, dass die Vision explizit an einem Sonntag stattfindet. Liturgie ist nicht eine Zusammenkunft von Menschen mit belehrendem Charakter wie etwa ein Vortrag, sie ist nicht eine Spaßveranstaltung zur Unterhaltung des Publikums. Liturgie ist vielmehr eine nach einer festen Ordnung verlaufende Feier zur Verherrlichung Gottes.

Wir sehen verschiedene Chöre, die den Lobpreis Gottes singen. Die vier geheimnisvollen Lebewesen und die 24 Ältesten, die dem Thron Gottes am nächsten stehen, stimmen den Lobpreis an, dann antwortet die unüberschaubar große Zahl der Engel auf diesen Lobruf und schließlich singt ihn die ganze Schöpfung. Am Ende sprechen die vier Lebewesen das „Amen“ zur Bekräftigung des Lobgesanges aller und die 24 Ältesten fallen anbetend nieder.

Gemeindeleiter, Chor und Volk, alle haben Teil am Lob Gottes und die Ergriffenheit über dieses Lob mündet in die Anbetung, womit der Zeitpunkt der feierlichen Erhebung der Hostie gemeint sein könnte. Hier ist das himmlische Lamm wirklich inmitten der irdischen Gemeinde gegenwärtig. „Seht das Lamm Gottes“, so spricht der Priester und zeigt uns in der Hostie den gekreuzigten und auferstandenen Herrn der inmitten seiner Kirche gegenwärtig bleibt. Die irdische Versammlung steht der himmlischen also in nichts nach. Hier und dort ist Gott wahrhaft gegenwärtig und es ist der gleiche Lobgesang, der im Himmel und auf Erden gesungen wird. Die Himmelschöre feiern die Liturgie auf Erden mit und der Lobpreis auf Erden dringt bis in den Himmel. In der Liturgie vereinen sich Himmel und Erde zu dem einen Lobpreis Gottes.

Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit! Amen.

Offenbarung des Johannes

Ich, Johannes, euer Bruder und Gefährte in der Bedrängnis, in der Königsherrschaft und im standhaften Ausharren in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses für Jesus. (Offb 1,9)

Texte aus der Offenbarung des Johannes begleiten uns im Lesejahr C in der Osterzeit. Der Seher und Verfasser des letzten Buches der Heiligen Schrift macht eine ganz eigene Erfahrung des Auferstandenen. Er befindet sich auf der vor der Küste Kleinasiens gelegenen Insel Patmos. Dort erscheint ihm Christus und zeigt ihm in mehreren Visionen die verborgene Wahrheit der Weltgeschichte.

Die kirchliche Tradition geht davon aus, dass Johannes um das Jahr 95 während der Christenverfolgungen unter Kaiser Domitian nach Patmos verbannt wurde. Johannes hatte eine führende Funktion in der Leitung der Kirche Kleinasiens inne, die sich auch in den drei unter seinem Namen veröffentlichen Briefen des Neuen Testaments zeigt. Ob er mit dem Apostel und Evangelisten Johannes identisch ist, wird kontrovers diskutiert.

Vom Ort seiner Verbannung aus nimmt Johannes seine Verantwortung für die Gemeinden Kleinasiens wahr. Die Offenbarung beginnt mit Sendschreiben an die Gemeinden der sieben großen Städte dieser Region. Ihre Worte sind aber wie alle Bücher der Heiligen Schrift durch alle Zeiten hindurch bedeutsam. Sie sollen den Gläubigen Mut machen, denn nur im standhaften Ausharren ist das Heil zu finden. Und es lohnt sich, standhaft zu sein, weil Christus mächtiger ist als der scheinbar allmächtige römische Staat, der sich mit seinen Verfolgungen gegen die Christen wendet.

Wir verstehen die Bilder der Offenbarung leichter, wenn wir uns stets das Entsetzen der Christen über die Allmachtsphantasien der römischen Kaiser und ihrer treuen Anhänger vor Augen führen. Spätestens ab Nero hat die Macht der Kaiser immer wieder zu Größenwahn geführt. Endgültig vorbei sind die Zeiten der Römischen Republik, in der politische Themen noch kontrovers diskutiert werden durften. Nun zählt allein das Wort des Kaisers bis in den fernsten Winkel des Imperiums und wer in diesem Imperium lebt, hat die Götter Roms und vor allem auch den Kaiser als Gott zu ehren.

Diesen Schritt konnten die Christen nicht tun. Der Glaube an den einen Gott verbietet den Christen zu allen Zeiten, andere Götter zu verehren und anzubeten. Der Kaiserkult sollte aber gerade das einende Band des Reiches sein. Eine bloße Loyalität zu Kaiser und Staat genügte nicht mehr. Wer nicht vor dem Standbild des Kaisers niederfiel und opferte galt als Staatsfeind. Damit nahm sich der Staat etwas heraus, das ihm nicht zukam. Er verwandelte sich so vom schützenden Ordnungsgebilde zum gewalttätigen Tier, das mit seinen verschiedenen Erscheinungsweisen in den Krieg eintritt mit dem Reich Gottes, mit Christus und seinen Gläubigen.

Sicher waren auch viele Christen geblendet vom Glanz des Kaiserkultes. Die goldenen Standbilder des Kaisers und die große Zahl derer, die ihnen bei pompösen Feierlichkeiten Opfer darbrachten, zeugten von der Größe und Macht des Kaisers. Wenn wir den konkreten Vollzug des Kaiserkultes in Kleinasien erleben könnten, würden wir sicher die Bilder der Offenbarung besser verstehen. Johannes aber zeigt, dass Christus größer und mächtiger ist als der Kaiser, dass das Reich Gottes mächtiger ist als das Römische Imperium, dass Christus mächtiger ist als die Mächtigen zu allen Zeiten, mächtiger als Großkonzerne und Internetgiganten, mächtiger als die Medien und der Konsum, die sich uns heute als neue Götter präsentieren.

Damals wie heute kommt es darauf an, im Glauben an Jesus Christus sich jeder Macht entgegenzustellen, die Menschen bedroht und in ihrer Freiheit beraubt, die Menschen verblendet und manipuliert. Gerade heute, wo nahezu auf der ganzen Welt Angriffe auf Christen verdeckt oder offensichtlich an der Tagesordnung stehen, müssen wir aufwachen aus dem Schlaf der Sicherheit, in den uns die Jahrhunderte eines christlichen Abendlandes gewiegt haben. Auch bei uns muss Christsein heute wieder neu von einer gelebten Tradition zu einer gelebten Überzeugung werden.

Der Auferstandene in der Offenbarung

Als ich ihn sah, fiel ich wie tot vor seinen Füßen nieder. Er aber legte seine rechte Hand auf mich und sagte: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch siehe, ich lebe in alle Ewigkeit und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt. (Offb 1,17-18)

Es ist immer ein Zeichen für die Ergriffenheit des Sehers, wenn dieser wie tot zu Boden fällt. So mächtig ist die Erscheinung, so mächtig der Erscheinende, dass der Mensch aus eigener Kraft nicht davor bestehen kann. Doch Christus richtet ihn auf und offenbart sich ihm: Er ist der Erste und der Letzte, Anfang und Ende der ganzen Welt, er umfasst alles, was ist, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er ist der Lebendige, dem der Tod nichts anhaben kann. Selbst der sich vergöttlichende Kaiser muss sterben, wodurch deutlich wird, dass auch er nur ein Mensch und kein Gott ist. Allein Christus hat den Tod überwunden und so seine Göttlichkeit offenbart.

Wir sollten die Auferstehung nicht als selbstverständlich hinnehmen. Wir sind es gewohnt, jedes Jahr Ostern zu feiern. Jesus ist auferstanden, diese Botschaft rüttelt viele nicht mehr auf und wir können sogar das Halleluja sitzend auf den Kirchenbänken singen so wie jedes andere Lied auch. Wir horchen nicht mehr auf, wenn jemand zu uns sagt: Christus ist wahrhaft auferstanden! Wir verstehen nicht mehr, was das bedeutet.

Die Auferstehung Christi hat die Welt verändert, wie ein Erdbeben, das die Oberfläche der ganzen Erde aufreißt. Tote können nun auferstehen, der Tod ist nicht mehr das Ende des Lebens. Dasein ist nicht mehr auf den Tod hin, sondern auf die Auferstehung. Es gilt so zu leben, dass wir die Auferstehung erlangen. Aber das allein wäre wieder zu moralisch gedacht. Es gilt so zu leben, als wären wir schon auferstanden. Wir leben nicht nach den Geboten, damit wir im Gericht bestehen, sondern wir leben nach Christi Weisung, weil wir schon jetzt mit ihm ein neues Leben haben. Wenn wir Christus nachfolgen, sind wir schon jetzt mit ihm auferstanden, leben schon jetzt als Kinder Gottes, wir leben als Auferstandene auf der Erde und der Tod ist nur noch ein Hinübergang in eine andere Daseinsweise und nicht mehr die Zäsur unseres Lebens.

Mit dem Auferstandenen leben, das hört sich utopisch an, aber es ist möglich, auch wenn es unser ganzes Leben lang eine Herausforderung bleibt. Versuchen wir uns immer neu vom Geheimnis der Auferstehung ergreifen zu lassen, bis es uns ganz durchdringt. Werden wir Christus immer ähnlicher in unserem Leben. Die Erscheinung des Auferstandenen ist für Johannes furchteinflößend, aber nur im ersten Moment. Wir brauchen diese Erfahrung, die uns aus unserem Alltag herausreißt. Wenn wir den Auferstandenen dann immer mehr erkennen, werden wir immer mehr eins mit seinem Licht.

Die Frau und der Drache (offb 12) – 2

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7 Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, 8 aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel. 9 Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

Der Blick geht wieder in den Himmel. Wir dürfen uns das geschehen nicht zeitlich vorstellen, dass zunächst der Kampf auf der Erde geführt wird und dann der im Himmel. Die Bilder, die Johannes und zeigt, überlappen sich und gehen ineinander über. Auch gibt es in der Ewigkeit des Himmels keine Zeit.

Wir haben bereits erfahren, dass der Satan ein Drittel der Sterne zur Erde geworfen hat. Ein Drittel der Engel hat sich mit ihm gegen Gott erhoben. Doch der Kampf im Himmel ist entschieden. Michael kämpft mit seinen Engeln siegreich gegen den Satan und seine Engel. Der Drache wird vom Himmel zur Erde geworfen.

Der Kampf im Himmel ist entschieden. Die endgültige Durchsetzung des Heils ist nur noch eine Frage der Zeit. Aber es wird eine schwere Zeit, denn der Satan weiß um das Ende seiner Macht und versucht alles, um so viel Schaden anzurichten wir möglich. Das sind die schauerhaften Bilder der Apokalypse und wir sehen sie jeden Tag konkret, wenn wir in den Fernseher oder die Zeitung blicken.

10 Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten; denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte. 11 Sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und Zeugnis; sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod. 12 Darum jubelt, ihr Himmel und alle, die darin wohnen. Weh aber euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, weil er weiß, dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt.

Im Himmel ertönt Jubel über den Sturz des Drachens. Jubel über die siegreiche Heimkehr des Sohnes Gottes, der als Opferlamm sein Blut vergossen hat zum Heil der Menschen. Dieses Blut des Lammes gewährt den Sieg auch auf Erden. Zwar ist der Kampf noch nicht entschieden und die Gläubigen bleiben den Nachstellungen des Drachen und seines Gefolges ausgesetzt. Ihr Toben aber ist ein sinnloses Toben, das nichts mehr ändern wird an ihrer Niederlage.

Die Glaubenden aber müssen an der Heils- und Siegesgewissheit festhalten. Sie stehen noch im Kampf. Sie müssen standhaft bleiben. Noch können sie fallen. Das ist die Botschaft der Offenbarung des Johannes. Sie will die Glaubenden zur Standhaftigkeit ermutigen. Die Leiden der Glaubenden können groß sein. Das Toben des Teufels ist gewaltig. Aber er ist besiegt. Wer standhaft bleibt, hat Anteil an Gottes Sieg.

Der Satan wird hier genannt der Ankläger unserer Brüder. Als solcher tritt er auch an manchen Stellen im Alten Testament auf, besonders deutlich im Buch Ijob. Da hat er noch ganz selbstverständlich Zugang zu Gott, um immer wieder den gerechten Ijob anzuklagen. Vielleicht ist er doch nicht so gerecht, wie es scheint. So erlaubt Gott es ihm, Unheil über Ijob zu bringen, seinen gesamten Besitz, ja auch seine Familie zu vernichten. So versucht die Bibel zu erklären, warum das Unheil sowohl die Gerechten als auch die Ungerechten trifft.

Nun aber gibt es keinen mehr, der die Menschen vor Gott anklagt. Vielmehr haben wir jetzt Fürsprecher bei Gott. Unsere größte Fürsprecherin ist Maria. Sie wird uns im folgenden Abschnitt noch einmal als Schutzfrau in großer Bedrängnis vorgestellt.

13 Als der Drache erkannte, dass er auf die Erde gestürzt war, verfolgte er die Frau, die den Sohn geboren hatte. 14 Aber der Frau wurden die beiden Flügel des großen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste an ihren Ort fliegen konnte. Dort ist sie vor der Schlange sicher und wird eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit lang ernährt. 15 Die Schlange spie einen Strom von Wasser aus ihrem Rachen hinter der Frau her, damit sie von den Fluten fortgerissen werde. 16 Aber die Erde kam der Frau zu Hilfe; sie öffnete sich und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Rachen gespien hatte. 17 Da geriet der Drache in Zorn über die Frau und er ging fort, um Krieg zu führen mit ihren übrigen Nachkommen, die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten.

Die Frau tritt dem Drachen furchtlos gegenüber. Sie weiß, dass er ihr nichts anhaben kann. Himmel und Erde stehen ihr bei. Die Adlerflügel sind Symbol für Gottes Schutz. Auch die Erde tritt ein für die Frau, indem sie sich öffnet, um den verderblichen Wasserstrom des Drachen aufzufangen. Himmel und Erde kämpfen gegen die Macht des Bösen und der Kampf tobt immer heftiger, bis der Drache besiegt werden wird. Von diesem Sieg über den Drachen erfahren wir einige Kapitel später und dieser Sieg wird dann den Weg öffnen für Gottes neues Wohnen unter den Menschen.

Noch aber ist die Geschichte bestimmt vom Toben des Satans. Das ist die Weltdeutung der Offenbarung des Johannes. Der Drache zieht die Mächtigen der Erde auf seine Seite. Sie kämpfen mit ihm gegen die Gerechten. Doch Gottes Kinder, die Kinder der Mutter der Glaubenden, die Kinder Mariens brauchen nichts zu fürchten. Die Mutter hat ihnen gezeigt, wie sie im Kampf bestehen können. Die Mutter hilft ihren Kindern.

Als Glaubende sind wir Kinder Mariens und Maria ist unsere Mutter. Dieser Glaube ist zutiefst biblisch. Gott hat uns Maria zur Mutter gegeben. Maria war ein Mensch wie wir. Darum kann sie uns zeigen, wie wir als Gottes Kinder in dieser Welt leben können. Als Mutter kümmert sie sich um ihre Kinder. Wir vertrauen uns ihrer Fürsprache und ihrem Schutz an.

Maria, Mutter, schau auf die ganze Menschheit, auf unsere moderne Welt, in die uns Gottes Ratschluss hineingestellt hat! Es ist eine Welt, die Christus, dem wahren Licht, den Rücken kehrt. Nun zittert und stöhnt sie unter dem selbst geschaffenen, gefahrvollen Dunkel. Deine milde, mütterliche Stimme möge sie hinführen zum wahren Leben und Licht der Menschheit. Du schönste Jungfrau, du würdigste Mutter, du begnadete von allen Frauen! Sei ihnen Leitstern, der zu Christus führt, dem einzig höchsten Licht der Welt! Erflehe ihr das Wissen vom wahren Sinn des Daseins! Den Leidenden erflehe Trost, den Toten das ewige Leben! Zeige dich als Mutter! Lass uns alle erfahren, dass du uns Mutter bist! Darum bitten wir dich, du gütige, milde und liebe Jungfrau Maria. Amen

(Papst Paul VI.)

Die Frau und der Drache (Offb 12) – 1

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1 Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. 2 Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen.

An den Sonntagen der Osterzeit hören wir im Lesejahr C mehrere Abschnitte aus der Offenbarung des Johannes. Das zwölfte Kapitel dieses Buches ist der Lesungstext an vielen Marienfesten. Ich möchte daher in diesem Jahr den Marienmonat Mai mit einer Betrachtung über diese Frau in der Offenbarung des Johannes beginnen.

Das zwölfte Kapitel bildet das Zentrum der Offenbarung des Johannes. Bisher hat Johannes in seinen Visionen geschaut, wie das Lamm im Himmel – Symbol für Jesus Christus – die sieben Siegel des Buches der Welt geöffnet und somit den tieferen Sinn des Weltgeschehens offenbar gemacht hat. Die sieben Posaunen sind erschallt und haben das Unheil gezeigt, das über die Bewohner der Erde hereinbricht. Mit dem Ertönen der siebten Posaune öffnet sich der Blick auf das messianische Geschehen der Endzeit.

Das Kind, mit dem die Frau schwanger ist, zeigt uns den Messias, Jesus Christus, Gottes Sohn. Die Frau ist Bild für das Volk Gottes. Die zwölf Sterne sind Symbol für die zwölf Stämme Israels, des auserwählten Gottesvolkes. Durch dieses Volk will Gott der Welt sein Heil vermitteln und aus diesem Volk geht der Messias hervor. Durch die Einsetzung der zwölf Apostel hat Jesus Christus das neue Gottesvolk errichtet, das aus dem Gottesvolk des Alten Bundes hervorgeht, nun aber die ganze Welt umgreift.

Die Frau ist zum einen Symbol für das Volk Gottes, sie ist aber auch ein ganz konkreter Mensch, Maria. In ihr verdichtet sich die Geschichte des Volkes Gottes. Aus ihr geht der Messias hervor und so wird sie zur Schnittstelle zwischen Altem und Neuem Bund.

Maria hat nicht nur als Person und Gestalt Bedeutung, sondern auch als Zeichen und Symbol. Dies aber nicht in einem äußerlichen, konventionellen Sinne verstanden, so wie man gewisse Dinge mit symbolischer Bedeutung ausstattet. Maria ist vielmehr als wirklichkeitserfüllendes personales Symbol zu erkennen, in welchem Zeichen und Wirklichkeit, Bedeutung und Tat, Sinn und Gestalt zusammengehören.

Diese Worte von Leo Kardinal Scheffczyk zeigen uns, wie wir die Stelle aus der Offenbarung deuten können. Die Frau ist konkret Maria und sie ist zugleich Symbol für das alte Gottesvolk, aus dem der Verheißung nach der Messias hervorgeht. Durch die Geburt des Messias wird Maria zur Mutter des neuen Gottesvolkes, das ihr Sohn auf Erden gegründet hat.

Gottes Geschichte mit den Menschen ist immer konkret. Sie geschieht durch bestimmte Personen, die Gottes Willen tun. Sie entsteht nicht durch Debatten und Verlautbarungen, sondern durch Taten. Durch ihr Ja zu Gott ist Maria zum Urbild aller Menschen zu allen Zeiten geworden, die ihr Ja sagen zum Willen Gottes. Dies rechtfertigt die Stellung, die ihr die Kirche zuweist, indem sie uns Maria als Mutter und Fürsprecherin zeigt.

Gott selbst zeigt uns Maria als Urbild des glaubenden Menschen. Johannes sieht Maria als Zeichen der neuen Heilszeit des Messias. Die zwölf Sterne zeigen die Universalität Mariens als Repräsentantin des Alten und Neuen Bundes. Sonne und Mond sind die Zeichen dieser Erdenzeit, die Sonne als Zeitmesser des Tages, der Mond als Nachtgestirn und Maß für Monate und Festzeiten. So wird deutlich, dass das folgende Geschehen, das Johannes als Vision im Himmel sieht, eine konkrete Entsprechung auf Erden hat. So wie Maria einerseits symbolisch für das Volk Gottes steht, andererseits aber ganz konkret auf Erden gelebt hat, so bleibt auch alles andere, das Johannes sieht, kein abstraktes Bild, sondern wird konkret geschehen.

3 Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. 4 Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war.

Ein weiteres Zeichen sieht Johannes im Himmel, einen Drachen von unvorstellbarer Größe. Die sieben Köpfe zeigen seine universelle Macht über Himmel und Erde. Drei Köpfe haben je zwei Hörner und vier Köpfe je ein Horn, so gelangt man zur Zehnerzahl und sieht zugleich die Drei und die Vier, die für Himmel und Erde stehen, und die in der Sieben zur Universalität werden. Es ist eine Bedrohung, die selbst Gott gefährlich wird. So sieht die Tradition in Satan seit jeher Luzifer als des höchsten unter den Engeln, der sich gegen Gott erhoben hat.

Ein Drittel der Sterne fegt der Drache mit seinem Schwanz vom Himmel zur Erde. Man kann darin die Engel sehen, die Satan auf seine Seite gezogen hat. So kommt das Böse auf die Erde. Wir erfahren hier, dass die Kämpfe auf der Erde letztlich die Folge dieses einen Kampfes im Himmel sind. Wir erkennen den Ursprung des widergöttlichen Wirkens, das Gottes gute Schöpfung zerstören und den Menschen von Gott trennen will.

Doch auch Gott verlagert sozusagen seinen Kampfplatz auf die Erde. Er überlässt seine Schöpfung nicht den teuflischen Mächten. Die Frau und ihr Kind sind die Hoffnungsträger im Kampf gegen das Böse auf Erden. Eine Frau, schwach und doch mächtig durch ihren Glauben. Dies zeigt uns Maria als neue Eva. Eva ist den Verführungen Satans erlegen. Maria aber nimmt den Kampf wieder auf, der den Nachkommen Evas prophezeit wurde:

Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse. (Gen 3,15)

Der Drache weiß um die Macht des Kindes. Er weiß, dass seine Zeit zu Ende gehen wird, wenn es Gottes Sohn gelingt, sein Werk auf Erden zu vollbringen. Gott kommt als hilfloses Kind auf die Welt, geboren von einer einfachen Frau. Doch es gelingt dem Drachen nicht, die Frau und ihr Kind zu vernichten. Das ist ein Zeichen der Hoffnung. Was schwach scheint auf Erden, wird stark durch den Glauben.

5 Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. 6 Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte; dort wird man sie mit Nahrung versorgen, zwölfhundertsechzig Tage lang.

In einem Satz wird hier die ganze Heilsgeschichte zusammengefasst. Die Leser der Offenbarung wissen, was hier gemeint ist. Es steht im Evangelium. Gottes Sohn kam in die Welt und hat den Neuen Bund gestiftet mit seinem Blut. Der Drache konnte ihn nicht verschlingen, sondern Gottes Sohn ging aus dem Tod als Sieger hervor über den Tod und thront zur Rechten des Vaters.

Maria aber wird zur Mutter des neuen Gottesvolkes. Mit ihren Kindern, den Glaubenden, steht sie im Kampf gegen den Satan. Sie ist die Zuflucht der Glaubenden und sie breitet den Mantel aus über ihre Kinder, um sie vor aller Not zu schützen. Rufen wir Maria um ihre Hilfe an:

 

Jungfrau, Mutter Gottes mein

lass mich ganz Dein eigen sein

Dein im Leben, Dein im Tod

Dein in Unglück, Angst und Not

Dein in Kreuz und bittrem Leid

Dein für Zeit und Ewigkeit

Jungfrau, Mutter Gottes mein

lass mich ganz Dein eigen sein

Mutter auf Dich hoff und baue ich

Mutter zu Dir ruf und seufze ich

Mutter Du gütigste, steh mir bei

Mutter Du mächtigste, Schutz mir leih

O Mutter, so komm, hilf beten mir

O Mutter so komm, hilf streiten mir

O Mutter so komm hilf leiden mir

O Mutter so komm und bleib bei mir

Du kannst mir ja helfen, o Mächtigste

Du willst mir ja helfen o Gütigste

Du musst mir nun helfen o Treueste

Du wirst mir auch helfen Barmherzigste

O Mutter der Gnade, der Christen Hort

Du Zuflucht der Sünder, des Heiles Port

Du Hoffnung der Erde, des Himmels Zier

Du Trost der Betrübten, ihr Schutzpanier

Wer hat je umsonst Deine Hilf angefleht

Wann hast Du vergessen ein kindlich Gebet

Drum ruf ich beharrlich, in Kreuz und in Leid

Maria hilft immer, sie hilft jederzeit

Ich ruf voll Vertrauen im Leiden und Tod

Maria hilft immer, in jeglicher Not

So glaub‘ ich und lebe und sterbe darauf

Maria hilft mir in den Himmel hinauf

Amen.

Offenbarung des Johannes (5)

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Wasser ist lebensnotwendig. Wie einst die vier Ströme vom Paradies aus die ganze Erde bewässert haben, so war es später der Strom der Tempelquelle, der in der Vision des Ezechiel der Welt das Wasser des Lebens gebracht hat. Die Neue Welt Gottes zeichnet eine bisher nicht gekannte Gottesunmittelbarkeit aus. So geht auch das Wasser des Lebens unmittelbar von Gott aus. Es ist rein und klar. Es fließt durch die ganze Stadt und wohin es fließt, da erblüht das Leben.

Lebensbäume stehen in Hülle und Fülle am Ufer des Stroms und tragen überreich Früchte. Sie dienen zur Nahrung, nicht für ein vergängliches Leben, sondern für die Ewigkeit und ihre Blätter bringen Heilung. Dieses Bild macht deutlich, dass die neue Welt Gottes doch Ähnlichkeiten mit der bisherigen Welt aufweist. Die Menschen werden auch dort Wasser zu Leben und Nahrung brauchen, aber wie im Paradies wird alles wie von selbst da sein und muss nicht erst mühsam erarbeitet werden.

Hier finden wir auch eine Antwort auf die Frage, warum Gott in dieser Welt den Tod zulässt. Im Paradies gab es auch einen Lebensbaum. Seine Früchte hätten den Menschen schon damals Unsterblichkeit verliehen. Aber mit der Vertreibung aus dem Paradies, hat der Mensch auch den Zugang zu diesem Baum verloren. Nun gibt Gott den Menschen unbegrenzten Anteil am Baum des Lebens. Und wenn es doch eine Krankheit geben sollte, so schenken die Blätter des Lebensbaumes augenblicklich Heilung.

Nun wird es nichts mehr geben, was der Fluch Gottes trifft. Gott wird über die Stadt herrschen und alle werden ihm bereitwillig dienen. Es ist eine gerechte Herrschaft, die allen Bewohnern wahres Glück und unvergänglichen Wohlstand gewährt. Alle werden stehen im ewigen Licht Gottes, das auf alle segenspendend scheint ohne Nacht und Finsternis.

Komm, Herr Jesus!

Mit diesem sehnsüchtigen Ruf endet die Offenbarung des Johannes, nachdem der Seher uns den Blick geöffnet hat für die Geheimnisse der irdischen und der himmlischen Welt. Auch Paulus überliefert uns am Ende des Ersten Korintherbriefes diesen Gebetsruf der frühen Kirche:

Marana tha – Unser Herr, komm!

Sehnsüchtig erwartet die Kirche seit dem Fortgang des Herrn bei seiner Himmelfahrt seine Wiederkunft.

Erwarten auch wir den wiederkommenden Herrn, oder haben wir es uns in dieser Welt bequem eingerichtet, dass wir uns von ihm jetzt nicht unbedingt stören lassen möchten?

Bald sollte das Kommen des Herrn erfolgen, doch nun sind schon fast 2000 Jahre seit diesen Ereignissen vergangen. Wo bleibt der Herr? Sicher war seine Verheißung nicht Lug und Trug. Auch wenn sein endgültiges Kommen noch aussteht, so erfahren wir doch stets Zeichen seiner Gegenwart, die uns deutlich machen, dass der Herr schon jetzt mitten unter uns ist.

Wir vereinen uns mit der frühen Kirche im Gebet um den Heiligen Geist. Der Geist ist es, der in uns und durch uns ruft: Komm Herr Jesus. Er macht uns bereit, für das Kommen des Herrn. Wie einst der Geist bei jenem ersten Pfingsten die Zungen der Jünger löste und sie zum Zeugnis befreite, so ersehnen auch wir den Geist, dass er uns in alle Wahrheit einführt und zu Zeugen Jesu Christi macht.

Nicht erst jenes letzte Kommen des Herrn ist entscheidend, sondern stets ist sein Kommen in die Mitte der Kirche und in das Herz jedes Menschen von größter Bedeutung. Dafür wollen wir uns bereiten, darum wollen wir beten und dieses Kommen ersehnen.

Offenbarung des Johannes (4)

Offb_21_02_Neues-Jerusalem

In den beiden letzten Kapiteln der Offenbarung wird dem Seher Johannes die Schau der neuen Welt Gottes zuteil. Bisher waren seine Visionen geprägt vom Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und seinen Getreuen und dem Tier und seinen Verbündeten. Die Gläubigen hatten vieles zu leiden. Doch immer wieder ist die Herrlichkeit Gottes zum Durchbruch gekommen, bis schließlich Gericht gehalten wurde über die gottfeindlichen Mächte.

Nun kommt etwas ganz Neues. Die alte Erde mit ihren Schauplätzen von Krieg, Gewalt und Katastrophen ist endgültig Vergangenheit. Es braucht sich keiner mehr an diese Zeit zu erinnern. Es wird kein Trauma bleiben. Alle Wunden werden geheilt, alle Tränen abgewischt. Auch das Meer als bedrohende Macht, aus dem das gotteslästerliche Tier hervorgegangen ist, als Wohnung von Seeungeheuern, wie es uns das Alte Testament vorstellt, ist nicht mehr.

2Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. 3Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein.

Die Stadt Gottes ist geschmückt wie eine Braut, die ihren Bräutigam empfängt. Kein Bild kann die neue innige Beziehung zwischen Gott und den Menschen besser zum Ausdruck bringen, als das Bild der Ehe. Im Alten Testament zeigten die Propheten Gott als Bräutigam, der um seine Braut wirbt, die ihm untreu wurde und anderen Göttern nachlief, die er aber mit unendlicher Liebe liebt. Nun erfüllt sich diese Liebe. Nun wird Gottes Liebe offenbar und kein Mensch wird sich je nach einer anderen Liebe sehnen, weil Gottes Liebe höchste und unendliche Erfüllung schenkt.

Gott wird mitten unter den Menschen wohnen. Schon im Judentum war die Einwohnung Gottes in seiner Schöpfung, die Schekhina, von großer Bedeutung. Zunächst hat Mose beim Auszug aus Ägypten auf Anordnung Gottes das Bundeszelt errichtet, als Ort der Begegnung mit Gott. Als die Israeliten im Heiligen Land sesshaft wurden, entstanden mehrere Heiligtümer. Zentrale Bedeutung hat der Tempel in Jerusalem erlangt. Das Allerheiligste im Tempel war aus Sicht der Juden der Ort der Einwohnung Gottes in dieser Welt.

Mit Christus ist Gott selbst in diese Welt gekommen. Christus ist der Beginn von etwas ganz Neuem. Nun ist das Reich Gottes gekommen, die Endzeit ist angebrochen und wir warten auf die Wiederkunft Christi. Christus hat nach seinem Tod und seiner Auferstehung die Welt nicht einfach wieder verlassen, sondern hat den Heiligen Geist gesandt und der Kirche die Sakramente geschenkt als Zeichen seiner Gegenwart. So bleibt Gott uns nahe in dieser Welt. Ganz besonders wird dies in der Eucharistie deutlich.
In der Offenbarung heißt es: Seht das Zelt Gottes unter den Menschen. Hier steht im lateinischen Text das Wort tabernaculum. Wenn es auch viele Orte der Gegenwart Gottes in dieser Welt gibt, so ist doch seine Gegenwart in den Tabernakeln unserer Kirchen ein ganz besonderes Zeichen dieses Wohnen Gottes mit den Menschen in seiner Schöpfung. Es zeigt uns, dass die Verheißung der Offenbarung sich nicht nur auf die Zukunft bezieht, sondern jetzt schon Wirklichkeit ist.

Liebe und Eucharistie gehören untrennbar zusammen, wie uns Jesus beim letzten Abendmahl deutlich gemacht hat. So wird das Wohnen Gottes in seiner Schöpfung da in ganz besonderer Weise Wirklichkeit, wo Menschen in Liebe vereint sind. Das ist geschieht, wenn die christliche Gemeinde zum Gottesdienst zusammenkommt, aber auch überall dort, wo sich Menschen im Alltag in Liebe begegnen. Durch unser christliches Dasein und Tun können wir überall Zeichen der Gegenwart Gottes setzen.