Offenbarung des Johannes (3)

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In Gottes Hand befindet sich eine Buchrolle. Sie ist mit sieben Siegeln versehen und niemand vermag es, diese Siegel zu öffnen, bist Christus auftritt. Er erscheint als Lamm, wie geschlachtet und doch lebendig. Er ist es, der allein die sieben Siegel lösen kann, mit denen das Buch dieser Welt versiegelt ist. Alles, was sich nun in den folgenden Kapiteln bis zur Schau der Neuen Welt Gottes im 21. Kapitel abspielt, zeigt diese Entsiegelung der Geschichte in immer neuen Bildern, die auseinander hervor und ineinander übergehen.

Die Öffnung der ersten vier Siegel macht die Übel der Welt offenbar. Es erscheint ein Reiter, der auszieht, um zu siegen, doch sein Sieg ist nicht von Dauer, ein zweiter Reiter macht ihm den Sieg streitig und Krieg kommt über die ganze Erde und bringt in Gestalt zweier weiterer Reiter die Übel von Hungersnot und Tod mit sich. Das fünfte Sigel offenbart die Leidenden, die sehnsüchtig auf Erlösung hoffen, und die Öffnung des sechsten Siegels lässt die Ordnung der Welt zusammen brechen.

Hans Urs von Balthasar fasst dies mit folgender Deutung zusammen:

Wenn das Lamm die Siegel zu öffnen beginnt, dann enthüllt sich zuerst die Schöpfung, nicht wie sie in der Idee Gottes, sondern wie sie in sich selbst ist, mit ihrem ganzen, auch von der Freiheit des Menschen mitbestimmten Realismus. Auf eine einzige Formel ist dieser nicht zu bringen, daher erscheint er auch vierfach anvisiert in den vier nacheinander auftauchenden Reitern. Jeder für sich verkörpert einen Aspekt der Welt. …

Um die Vierzahl zur Siebenzahl zu ergänzen, bedarf es noch der Öffnung der letzten drei Siegel. Diese betreffen nicht mehr die Welt, sondern die konkrete Geschichte der Menschheit. Und diese Geschichte wird selber konkret erst durch die Konfrontation der Gewalttätigkeit und des Unrechts in ihr mit dem letzten Prinzip der Geschichte, dem Lamm, das seinem Wesen nach keinen Pakt und Vergleich mit Gewalt und Unrecht eingehen kann.

Als das Lamm das siebte Siegel öffnete, trat im Himmel Stille ein, etwa eine halbe Stunde lang. Und ich sah: Sieben Engel standen vor Gott; ihnen wurden sieben Posaunen gegeben. (Offb 8,1-2)

Stille herrscht, als das Lamm das siebte Siegel öffnet. Es ist die Stille der Vollendung, gleich dem siebten Schöpfungstag.

Es ist das Eigenartige, und für die Apokalypse Bezeichnende: das Siebte ist nicht Fortsetzung des Bisherigen, sondern wie der Sabbat nach sechs Schöpfungstagen ein Ende, das aus sich selbst die folgenden Sieben entlässt. Jetzt sind es die richtenden Strafen Gottes über die schuldige Welt. Wieder stehen die ersten vier für sich, sie wirken sich vorwiegend an der Natur aus. Die drei Übrigbleibenden werden als die drei Weh über die Menschheit ausgerufen.

(Hans Urs von Balthasar)

Die vier ersten Posaunen bringen Naturkatastrophen über die Erde, Hagel und Feuer, die Verseuchung des Meeres und der Flüsse und Quellen an Land, und schließlich eine Verdunkelung der Himmelslichter. Mit der fünften Posaune bringt ein gewaltiger Schwarm riesenhafter Heuschrecken Not und Verderben über die Menschen und mit der sechsten Posaune kommen Reiter auf tobenden Pferden hervor, die mit Feuer, Rauch und Schwefel den Tod bringen.

Im zehnten Kapitel tritt ein Engel an Johannes heran und gibt ihm ein Buch zu essen. Danach wird ihm aufgetragen, den Tempel zu vermessen und es werden zwei Zeugen gesandt, die auftreten, um die Menschen zu warnen. Nun ist die Zeit endgültig knapp geworden, denn in Kürze wird mit der dritten Posaune endgültig Gottes Herrschaft über die Erde anbrechen und alles vergehen, was sich gegen Gott entschieden hat.

Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte; dort wird man sie mit Nahrung versorgen, zwölfhundertsechzig Tage lang. (Offb 12,1-6)

Mit dem Ertönen der dritten Posaune öffnet sich der Blick auf das messianische Geschehen der Endzeit. Die Frau, die gebären wird, ist zum einen Bild für das Volk Israel, das erwählte Volk, aus dem der Messias hervorgegangen ist. Es ist aber auch ein Bild für Maria, die als Vertreterin ganz Israels konkret den Messias geboren hat. Ihr Kind ist Christus, aber zugleich auch das neue Volk Gottes, das Christus gegründet hat, die Kirche. Maria ist so auch Mutter der Kirche.

Im Himmel aber entsteht ein Kampf, der auch Auswirkungen auf die Erde hat. Der Drache, der gegen die Frau und ihr Kind kämpft ist Satan, der sich gegen Gott erhoben hat und von Michael und seinem Engelsheer gestürzt und auf die Erde geworfen wurde. Hier führt er nun den Kampf weiter gegen die Kinder Gottes. Da er im Himmel nicht über Gott siegen konnte, so will er wenigstens auf Erden Gottes Diener vernichten.

Mit zwei Tieren, den Lügenpropheten, die aus der Urgewalt des Meeres aufsteigen (in Kapitel 21 werden wir sehen, dass in der neuen Welt Gottes kein Platz mehr sein wird für dieses bedrohliche Weltmeer), bringt der Satan seine gottwidrige Botschaft über die Menschheit. Viele lassen sich verführen. Aber auch Gott sammelt seine Getreuen unter der Führung des Lammes vom Zion her.

Gottes Engel schwärmen aus, um der Erde Gottes Botschaft zu bringen. Alle Menschen können sie hören. Alle haben noch einmal die Möglichkeit, sich zu bekehren. keiner wird sagen können, er habe nichts von Gott gewusst, wenn der Menschensohn kommt, um die Welt zu richten, um ihre Trauben zu ernten und die Kelter des Zornes Gottes zu treten.

Mit den sieben letzten Plagen kommt noch einmal eine große Not über die Welt. Doch die Menschen verstehen nicht den Sinn, dass Gott ihnen damit eine letzte Warnung zur Umkehr geben will.

In zwei Kapiteln (17 und 18) wird das Gericht über die Hure Babylon geschildert. Diese Stadt steht symbolisch für den Inbegriff des Bösen, für alle Unzucht und für alle Gräuel, die Menschen je begangen haben, für den Kampf gegen die Heiligen Gottes, von deren Blut sie trunken ist. Sie ist das Gegenbild der Frau, die den Messias geboren hat, der Mutter der Kinder Gottes. Die ganze Welt klagt über den Untergang Babylons, aber ihre Vernichtung bedeutet die Bezwingung der letzten Bastion der gottfeindlichen Mächte und macht den Weg frei für Gottes Sieg.

Jubel ertönt im Himmel und ein Kämpfer zieht vom Himmel aus, um gegen das Tier und seinen Propheten und gegen deren Verbündete zu kämpfen. Das Tier und sein Prophet werden in den See von brennendem Schwefel geworfen, alle aber, die sich mit ihm verbündet hatten, werden mit dem Schwert getötet und von den Vögeln gefressen.

Doch noch ist der Satan nicht endgültig vernichtet, er ist nur gebannt und es beginnt eine tausendjährige Herrschaft der Heiligen Gottes. Danach kommt es zu einem letzten Kampf, wenn sich noch einmal alle gottfeindlichen Mächte verbünden, um gegen die Heiligen Gottes zu Kämpfen. Doch er ist bald beendet und der Satan wird in den See von brennendem Schwefel geworfen. Dann wird Gericht gehalten über alle Toten. Wer nicht im Buch des Lebens eingetragen ist, wird in den Feuersee geworfen. Was aber die Heiligen Gottes erwartet, das schildern die letzten beiden Kapitel.

Offenbarung des Johannes (2)

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Die Offenbarung ist in Briefform verfasst und beginnt mit einem Sendschreiben an sieben Gemeinden in Asien. Diese Gemeinden stehen symbolisch für die ganze Kirche, worauf die Siebenzahl hinweist. Gott schenkt Frieden. Er ist es, der war und der ist und der kommen wird. Alle Zeit ist sein. Gottes Ewigkeit umspannt unsere Zeit. Er ist immer gegenwärtig.

Christus wird dargestellt als der Retter, der die Menschen aus Liebe mit seinem Blut erlöst hat, er ist das Wort Gottes, er hat uns Gott wahrhaft verkündet und thront als der Auferstandene zur Rechten des Vaters als Herrscher über die ganze Erde. Wir sind berufen, an seinem Amt teilzuhaben als Könige und Priester für Gott. Seine Wiederkunft erwarten wir. Sie wird allen sichtbar sein. Gott selbst spricht. Er ist Alpha und Omega, Anfang und Ende, Herrscher über Zeit und Ewigkeit.

Am Tag des Herrn, also am Sonntag, hat Johannes zunächst eine Audition. Er hört hinter sich eine laute Stimme, gleich einer Posaune. Es ist damit ein langgezogenes, metallenes Blasinstrument mit Mundstück und Schalltrichter gemeint. Als lautestes aller damaligen Instrumente wird es oft im Zusammenhang von apokalyptischen Schilderungen oder Theophanien, wie beispielsweise am Sinai, erwähnt.

Als er sich umwendet, sieht Johannes sieben Leuchter, Symbol für die sieben Adressatengemeinden der Offenbarung, aber auch für die gesamte Kirche. Die Leuchter sind aus Gold, dem damals reinsten und edelsten aller Metalle, ein Zeichen dafür, wie wertvoll die Gemeinde und jeder einzelne für Gott ist. Christus hat ja selbst gesagt: Ihr seid das Licht der Welt. Und Christus ist in seiner Kirche gegenwärtig. Johannes sieht zwischen den Leuchtern eine Gestalt gleich einem Menschensohn. Dieser Begriff stammt aus dem Buch Daniel und wurde schon früh zur Christusprädikation. Der kundige Leser weiß also sofort, dass es sich dabei um niemand anderen als Christus handeln kann, wenngleich sich Christus erst wenige Verse später selbst unmissverständlich durch sein Wort zu erkennen gibt.

Johannes beschreibt diesen Menschensohnähnlichen. Das lange Gewand und der goldene, durch die Achselhöhlen und über die Brust laufende Gürtel deuten auf eine vornehme Person, einen Herrscher oder Priester hin. Christus wird dargestellt als der wahre und endgültige Hohepriester.

Leuchtendweißes Haupt und Haare weisen hin auf alttestamentliche Gottesbilder und symbolisieren die Reinheit Gottes. Augen wie Feuerflammen durchdringen alles, ihnen bleibt nichts verborgen. Die Füße aus Golderz, einer Legierung, die als noch wertvoller galt als Gold, zeigen das Gewicht und die machtvolle Würde der Person. Der Klang der Stimme ist majestätisch, wie das Tosen von Wassermassen, wie die Stimme Gottes im Alten Testament.

Christus hält in seiner rechten Hand, der Herrscherhand, sieben Sterne, Symbol für die Engel der sieben Gemeinden, aber auch wieder für die gesamte Kirche. Die Gerechten sind in Gottes Hand und niemand kann sie seiner Macht entreißen, wie es im Alten Testament heißt. Christus nimmt die Gläubigen unter seinen Schutz, er ist mächtiger als alle anderen Mächte. Jedoch können die Gläubigen aus diesem Schutz herausfallen, wenn sie nicht mehr nach Gottes Willen leben und sein Wort missachten. In dieser Gefahr stehen die sieben Gemeinden. Christus ist zugleich auch Richter. Dies zeigt das Schwert aus seinem Mund, Christus richtet durch sein Wort.

Noch einmal kommt das leuchtende Antlitz Christi in den Blick. Es ist der Glanz der Gottheit, vor dem Mose schon sein Gesicht verbergen musste und den der Mensch nicht ertragen kann, ohne zu sterben. So sinkt auch Johannes nieder, wie tot. Doch die rechte Herrscherhand Christi ist zugleich auch seine Segenshand. Er richtet seinen Diener auf. Fürchte dich nicht. Nun gibt sich Christus durch sein Wort zu erkennen. Er ist der Erste und der Letzte und der Lebendige, alles alttestamentliche Gottesprädikationen, die bewusst auf Christus angewandt werden, um ihn als wahren Gott zu zeigen. Er ist der Auferstandene. Er hat durch seinen Tod und seine Auferstehung das dämonische Paar, Tod und Hades, besiegt und ihnen den Schlüssel zur Unterwelt entrissen. Nun herrscht Gott auch über den Ort, zu dem er nach alttestamentlichen Vorstellungen keinen Zutritt hatte.

Die Sendschreiben an die sieben kleinasiatischen Städte Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea stehen stellvertretend für die Kirche auf der ganzen Erde. Gott kennt die Nöte der Gläubigen, aber er weiß auch, was jeder tun könnte und wo er hinter dem zurück bleibt, was möglich wäre. Lauheit ist abscheulich. Entweder heiß oder kalt. Jeder muss sich entscheiden und wie es so oft in der Offenbarung deutlich wird, die Entscheidung drängt. Wer umkehrt, erlangt Verzeihung, wer sich aber selbst etwas vormacht und sich für perfekt hält, obwohl er es nicht ist, dem droht das Gericht. Gott kann man nichts vormachen.

Hans Urs von Balthasar bezeichnet die Sendschreiben als Beichte der Gemeinden:

Die sieben Schreiben an die Gemeinden bilden zusammen eine Beichte der Kirche, die der Herr der Kirche an ihr vornimmt und die wie jede christliche Beichte zugleich etwas unerbittlich Richtendes und etwas unendlich gnadenhaft Aufrichtendes hat. So ist auch diese vom Himmel her ergehende Bloßlegung des ganzen Zustandes der Kirche keine pauschale, sondern eine – wie es sich in der Beichte gehört – minutiös differenzierte, alle verborgenen Winkel auslotende Schau.

Das vierte und fünfte Kapitel der Offenbarung versetzen den Seher und mit ihm auch den Leser in die Welt des Himmels. Wir sehen Gott auf seinem Thron, umgeben von vierundzwanzig Ältesten. Blitze, Stimmen und Donner gehen vom Thron aus. Die sieben Geister Gottes stehen als lodernde Fackeln vor dem Thron und vier Lebewesen, die uns schon in den Visionen der Propheten Jesaja und Ezechiel begegnen, und zu Symbolen der vier Evangelisten geworden sind: Löwe, Stier, Mensch und Adler. Vor dem Thron Gottes ereignet sich eine ewige Liturgie, die vom Ruf des Dreimal-Heilig geprägt ist.

Offenbarung des Johannes (1)

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An den Sonntagen der Osterzeit hören wir im Lesejahr C verschiedene Stellen aus der Offenbarung des Johannes, ein guter Anlass dafür, dieses Buch und die betreffenden Stellen näher zu betrachten.

Der Titel Apokalypse oder Geheime Offenbarung geht auf das erste Wort des Buches zurück, das auf Griechisch Apokalypsis, zu Deutsch Offenbarung, heißt. Apokalyptische Visionen gab es bereits im Alten Testament und bis heute gibt es eine Flut apokalyptischer Literatur. Meist verbindet man mit dem Wort Apokalypse etwas Zerstörerisches, Visionen vom Weltuntergang. In seiner Grundbedeutung, in der es auch als Überschrift über diesem Buch steht, meint es einfach nur Offenbarung. Das Buch gibt Zeugnis von einer verborgenen Wirklichkeit, gibt Kunde von den Geheimnissen der Schöpfung.

Als Name des Autors wird Johannes angegeben. Ihm zeigt ein Engel die Offenbarung, die Christus von Gott empfangen hat. Es ist einer der sieben Engel, die vor dem Angesicht Gottes stehen. Der Engel ist der Mittler der Visionen an Johannes und ist auch der, der sie deutet. Im Bild, das ich zum ersten Vers der Offenbarung gewählt habe, wird dem Seher Johannes symbolisch das, was er erst in Visionen schauen wird, aus dem Himmel herab in einem Buch übergeben. Dies weist hin auf die Vision in Kapitel 10, in der Johannes vom Himmel ein Buch erhält, das zu essen er aufgefordert wird. Der Prophet verinnerlicht somit ganz das, was ihm offenbart wird.

Über die Person des Johannes gibt es verschiedene Auffassungen. Die griechische Sprache der Apokalypse und die vielen Anklänge an das Alte Testament weisen auf einen judenchristlichen Verfasser hin. Die frühkirchliche Tradition, darunter Justin der Märtyrer und Irenäus von Lyon, hat den Autor der Apokalypse mit dem Apostel und Evangelisten Johannes gleichgesetzt. Johannes soll ja ein sehr hohes Alter erreicht haben und noch unter dem zur Jahrhundertwende regierenden Kaiser Trajan der Gemeinde von Ephesus vorgestanden haben. Schon immer aber gibt es auch Zweifel an dieser Gleichsetzung.

Entstanden ist die Apokalypse der Tradition nach, wie es Vers 9 sagt, auf der Insel Patmos in Kleinasien, wohl um das Jahr 95, unter der Herrschaft des Kaisers Domitian (81-96). Dieser intensivierte den Kaiserkult und ließ sich seit dem Jahr 85 „dominus et deus noster“ (unser Herr und Gott) nennen, was unter den Gläubigen heftige Irritationen ausgelöst hat. Die aus christlicher Sicht unumgängliche Ablehnung eines derartigen Kaiserkultes führte zu Ausgrenzung und Verfolgung der Christen.

Jedoch dürfen wir die Offenbarung nicht nur als eine in diese Zeit hinein gesprochene Trostschrift verstehen, sondern sie ist zu allen Zeiten aktuell. Wie Lukas sein Evangelium mit der Apostelgeschichte bis in die Zeit der jungen Kirche erweitert hat, so können wir auch die Offenbarung des Johannes als Gegenwärtigsetzung seines Evangeliums in die Zeit der Kirche betrachten.

Wie schon im Evangelium, geht Johannes auch hier eigene Wege. Nicht chronologisch und historisch wie Lukas geht er vor, sondern mit einer Fülle von Bildern sprengt er die logische Folge von Zeit und Geschichte. Das verwirrt uns aufgeklärte Menschen, die wir alles mit der Logik des Verstandes durchdringen möchten. Doch das Geheimnis Gottes übersteigt menschliche Logik und genau zu diesem Punkt möchte uns Johannes führen, damit wir so Gottes Größe erkennen.

Die Bilder der Apokalypse wollen nicht in eine zeitliche Reihenfolge gepresst und historisch ausgedeutet werden. Sie zeigen das, was immer geschieht, auf verschiedene Weise, und gehen ineinander über und auseinander hervor. Die einzelnen Siebener-Reihen beispielsweise sind nicht in sich abgeschlossen, sondern untrennbar miteinander verwoben.

Der Kampf zwischen dem Reich des Tieres und den Getreuen des Lammes, von dem die Offenbarung berichtet, tobt zu allen Zeiten. Er ist kennzeichnend für den Zustand dieser Welt und wird erst enden, wenn Gottes neue Schöpfung Wirklichkeit geworden ist. Zwar ist Gottes neue Schöpfung schon verborgen in der Welt gegenwärtig, aber erst dann, wenn sie in ihrer Fülle offenbar werden wird, gibt es keinen Raum mehr für die Mächte des Bösen.

In alle Zeiten ergeht daher der mahnende Ruf des Sehers an die Gemeinden, treu in der Liebe zum Herrn zu stehen. Lassen auch Sie sich von seinen Bildern leiten und schmälern Sie nicht deren Kraft durch scheinbar logische und historische Deutungen. Versuchen Sie nicht zu verstehen, sondern tauchen Sie ein in die Vielfalt der Bilder, die in immer anderen Aspekten das deuten, was Sie im Hier und Jetzt erleben. Lassen Sie sich rufen vom Ruf zur Umkehr. Diese ist sicher nicht leicht, aber wird belohnt mit unvorstellbarem Glück.

Hans Urs von Balthasar gibt in „Das Buch des Lammes“ folgende Zusammenfassung des Inhalts der Offenbarung:

Die Offenbarung hat den Sinn der Weltgeschichte und damit der Schöpfung im Ganzen zum Inhalt, so wie dieser aus der Perspektive des einzig zuständigen Lammes aufgeht, ein Sinn aber, der nicht einfach abgelesen werden kann, sondern durch das Sich-Ereignen des Ganzen hindurch sich erschließt: durch das Handeln des Lammes zuerst, da es geschlachtet wurde und nun lebend dasteht, durch das Handeln der Menschen, die den Sinn dieses Handelns selber handelnd entweder für treu und zuverlässig halten oder sich ihm gegenüber ablehnend verhalten. Und da jedem die Freiheit zum Glauben und zum Nichtglauben bleibt, wird dieser Sinn nicht in einer platten Geschichtserzählung dessen, was kommen wird, dargelegt, sondern in Visionsbildern, die das Weltgeschehen, das sich zwischen Himmel und Erde vollzieht, in zugleich offenbarenden und Geheimnis bleibenden Gestalten vorzeigen.