Erfüllung des Gesetzes (Mt 5)

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. (Mt 5,17)

In der Bergpredigt zeigt uns Matthäus Jesus als den neuen Mose. Wie Mose dem Volk Israel das Gesetz Gottes vermittelt hat, so bringt Gott in Jesus Christus nun allen Menschen sein neues Gesetz. Es ist aber nicht neu, sondern geht aus dem Gesetz des Alten Bundes hervor. Die Gebote, die Gott dem Volk Israel gegeben hat, sind nicht schlecht und Gott hat es sich auch nicht anders überlegt. Vielmehr haben die Menschen Gottes ursprüngliches Gesetz falsch verstanden. Gottes Gebote sind zeitlos, müssen aber immer wieder neu an die sich wandelnden gesellschaftlichen Umstände angepasst werden.

Verhaltensformen, die für ein Nomadenvolk hilfreich waren, passen nicht in die Welt des Römischen Reiches zur Zeit Jesu, genauso wie Verhaltensformen, die sich in einer überwiegend agrarischen Gesellschaft herausgebildet haben, nicht in eine moderne globale Gesellschaft eines fortschrittlichen Industriestaates passen. Das heißt aber nicht, dass die Weisungen aus alter Zeit im falsch sind. Es geht darum, ihren eigentlichen Kern zu entdecken und diesen in die neue Zeit zu übersetzen. Wir müssen zu jeder Zeit neu entdecken, wie wir am besten als Menschen zusammenleben können. Die Welt ist im Wandel. Gewohnte Strukturen lösen sich auf. Jede Generation hat hier neu ihre Wege zu suchen, aber sie braucht die menschlichen Umgangsformen nicht komplett neu zu erfinden. Das Neue geht aus dem Alten hervor und baut auf ihm auf.

So will auch Jesus kein neues Gesetz geben, sondern er will das bestehende Gesetz neu auslegen. Wir können in den Worten Jesu eine Steigerung erkennen. Er stellt die Zehn Gebote regelrecht auf den Kopf. Die Zehn Gebote beginnen mit den Weisungen, wie der Mensch sich Gott gegenüber verhalten soll, und enden mit den Weisungen für das menschliche Zusammenleben. Jesus aber fängt hier mit dem menschlichen Zusammenleben an und kommt dann zu einer neuen Art und Weise der Begegnung mit Gott. Dabei fängt er im mitmenschlichen Bereich mit einer Weisung an, über die allgemeiner Konsens besteht, dass Menschen einander nicht töten sollen. Aber damit ist es nicht genug. Mitmenschlichkeit geht tiefer, sie geht soweit, alle Menschen zu lieben, ja sogar so weit, selbst unsere Feinde zu lieben.

Wenn der Mensch zu einem so tiefen liebevollen Miteinander bereit ist, dann erst ist er bereit für eine ganz neue Begegnung mit Gott, einer Begegnung, die sich nicht auf Äußerlichkeiten wie bestimmte Kulthandlungen oder das Aufsagen bestimmter Gebete beschränkt, sondern die zu einer lebendigen Beziehung zwischen Gott und Mensch führt. Für einen solchen Menschen ist Gott nicht ein höheres Wesen oder eine höhere Macht, sondern Gott ist für ihn ein Vater, dem der Mensch ganz vertrauen kann und der Sorge trägt um das Leben jedes einzelnen.

Diese Nähe Gottes zu den Menschen war auch im Alten Bund nicht fremd. Wir kennen den wunderschönen Psalm 23, der Gott als Hirten zeigt. Viele Worte der Propheten sprechen von der Liebe Gottes zu seinem Volk und zu jedem einzelnen Menschen. Aber sie ging etwas verloren, indem die Menschen sich mehr darauf konzentriert haben, jedes einzelne kleine Gebot zu erfüllen, anstatt Gott als liebenden Vater zu sehen. Auch im Christentum ist diese Entwicklung zu erkennen. Es ging hauptsächlich darum, die Gebote zu halten, Verfehlungen zu beichten und andächtig die Hl. Messe zu besuchen. Aber die Nähe und Liebe Gottes konnten dabei nur wenige erfahren. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass sich heute so viele von der Kirche abwenden, weil sie es verpasst hat, die Weisung Gottes rechtzeitig für eine neue Zeit zu übersetzen.

Jeder Mensch ist dazu aufgerufen, der Weisung Jesu auch heute zu folgen, von einem ausdruckslosen Nebeneinander von Menschen, das sich allein an die wichtigsten Regeln des Zusammenlebens hält, zu einem liebevollen Miteinander, das über ein gegenseitiges Annehmen und Verzeihen bis hin zu einer tiefen Liebe selbst zu den Feinden führt. Dann können wir auch Gott neu begegnen und erfahren seine Liebe, mit der er uns stets umsorgt und unser Leben trägt. Warten wir nicht, bis andere den ersten Schritt tun. Gott steht bereit, jeden einzelnen mit seinen liebevollen Armen zu umfangen.

Psalm 95 – Mahnung

Würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören! Verhärtet euer Herz nicht wie in Meriba, wie in der Wüste am Tag von Massa! Dort haben eure Väter mich versucht, sie stellten mich auf die Probe und hatten doch mein Tun gesehen. (Ps 7b-9)

Das Volk Israel hat einen Gott, der es wirklich gut mit ihm meint, aber nicht immer erweist das Volk ihm die nötige Dankbarkeit. Es vergisst seine Gebote, die doch dazu da sind, dass die Menschen in Frieden und Freiheit zusammen leben. Stattdessen treten Macht und Gier in den Vordergrund. Das Volk wendet sich anderen Göttern zu, deren berauschende Kulte interessanter erscheinen als die Schriften des Gottes Israels.

Höre! Immer wieder taucht in der Heiligen Schrift und in der geistlichen Literatur der Aufruf zum Hören auf. Der Gott Israels ist ein Gott, der zu seinem Volk spricht. Wenn die Heiligen Schriften vorgelesen werden, hört das Volk die Worte Gottes. Gott hat mit Mose von Angesicht zu Angesicht gesprochen. Immer wieder erwählt sich Gott Propheten, durch die er zu seinem Volk spricht. Christlicher Glaube sieht in Jesus Christus die höchste Offenbarung Gottes. Gottes Sohn, der zugleich Gottes Wort ist, durch das im Anfang die Welt erschaffen wurde, wird Mensch und redet so in ganz menschlicher Weise zu den Menschen.

Warnendes Beispiel dafür, welche schlimmen Folgen es haben kann, wenn das Volk nicht auf Gott hört, ist die Wüstenwanderung des Volkes Israel, die 40 Jahre gedauert hat, weil das Volk so starrsinnig war, nicht auf Gott vertraut hat und ihn immer wieder auf die Probe gestellt hat. Der Tag von Meriba (Num 20) wurde zu einer Art Wendepunkt des Exodus. Mose sollte dem Volk beweisen, dass Gott ihren Durst mit Wasser aus dem Felsen stillen kann. Doch Mose ließ sich beeinflussen vom Murren des Volkes und zweifelte selbst an dem, was er tat. Zwar spendete Gott das Wasser aus dem Felsen, aber der Zweifel dieses Tages war der Grund dafür, dass Mose nicht in das verheißene Land einziehen durfte.

Immer wieder gerät das Volk in die Versuchung, nicht auf Gott zu vertrauen, seine Wunder zu vergessen. Die Geschichte ist stets eine Mahnung an die gegenwärtige Zeit. Doch von Zeit zu Zeit begeht die Menschheit immer wieder die gleichen Fehler und läuft in die Irre, was meist teuer mit dem Blut vieler Menschen bezahlt werden muss.

Es kommt auf jeden einzelnen an, die Stimme Gottes zu hören. An jedem Morgen wird der Beter daran erinnert. Das bringt der Hl. Benedikt im Prolog seiner Regel sehr anschaulich zum Ausdruck:

Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht, und hören wir mit aufgeschrecktem Ohr, wozu uns die Stimme Gottes täglich mahnt und aufruft. „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!“

Regel des Hl. Benedikt, Prolog

Der Exodus ist nicht nur ein vergangenes Ereignis, er geschieht zu jeder Zeit. Immer ruft Gott Menschen dazu, den Weg mit ihm zu gehen, den Weg in das Land der Verheißung, der Ruhe und des Friedens. Dieses Land ist nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern überall. Wer Gottes Ruf folgt, muss sich nicht auf Wanderschaft begeben. Es ist der Weg des Menschen in das Innere seiner selbst, der Weg, auf dem der Mensch danach strebt, ganz Gott zu gehören und sich ganz von ihm führen zu lassen, der Weg, auf dem der Mensch lernt, sich vom Irdischen zu lösen und ganz auf Gott zu vertrauen.

Dieser Weg ist an keine Zeit gebunden. Er findet statt im immerwährenden Heute der Gegenwart Gottes. Jeder Tag ist ein guter Tag, diesen Weg zu beginnen, jeder Tag ist ein guter Tag, einen Schritt weiter auf diesem Weg zu gehen. Das Heute dauert so lange, bis das Morgen kommt. Das Morgen, das ist der Tag des eigenen Todes oder der Tag, an dem der Herr wiederkommt in Herrlichkeit. Das Morgen ist jener Tag, von dem keiner weiß, wann er kommt. Darum sollten wir das Heute hochschätzen, denn es bietet uns unbegrenzte Möglichkeiten. Je früher wir anfangen, den Weg mit Gott zu gehen, umso mehr Zeit bleibt uns, diesen Weg einzuüben. Das Heute hält unvorstellbare Chancen für uns bereit. Nutzen wir sie. Jetzt.

Vierzig Jahre war mir dieses Geschlecht zuwider und ich sagte: Sie sind ein Volk, dessen Herz in die Irre geht, sie kennen meine Wege nicht. Darum habe ich in meinem Zorn geschworen: Sie sollen nicht eingehen in meine Ruhe. (Ps 95,10-11)

Das Volk, das Gott sich erwählt hat, ist ihm zuwider geworden, weil es ständig jammert und klagt, anstatt im Vertrauen auf Gott seinen Weg zu gehen. Egal wie viele Wunder Gott auch tut, am nächsten Tag schon sind sie wieder vergessen und das Jammern fängt von neuem an. Das Jammern darüber, wie schlecht es uns geht, durchzieht die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte. Dabei sollten wir dankbar sein für all die Wunder, die Gott uns täglich schenkt, allein schon für das Wunder, dass wir leben. Letztlich ist es unser Jammern, das Gott daran hindert, uns mit seiner Fülle zu beschenken. Wer jammert, versinkt immer tiefer in seinem Elend. Wir denken, wenn wir jammern, dann bekommen wir etwas geschenkt, aber das ist ein großer Trugschluss. Wer bittet, der soll seine Bitten mit Dank und Lobpreis vor Gott bringen, mit dem festen Vertrauen, dass Gott schon längst das für mich bereithält, worum ich ihn bitte. Wer dieses Vertrauen hat, den führt Gott zum Ziel seiner Wünsche und Sehnsüchte, in das Land seiner Ruhe.

Psalm 95 – Lobpreis

Kommt, lasst uns jubeln dem Herrn, jauchzen dem Fels unsres Heils! Lasst uns mit Dank seinem Angesicht nahen, ihm jauchzen mit Liedern! (Ps 95,1-2)

Psalm 95 ist der klassische Psalm zum Invitatorium, der Eröffnung des täglichen Stundengebetes. Die erste Hore des Tages (entweder die Lesehore/Matutin oder die Laudes) beginnt mit dem Ruf: „Herr, öffne meine Lippen. / Damit mein Mund dein Lob verkünde.“ Darauf folgt der Psalm 95 (in modernen Formen des Stundengebets auch ein anderer geeigneter Psalm). Für jeden Wochen- und Festtag gibt es eine eigene Antiphon zu diesem Invitatoriumspsalm, die nicht nur am Anfang und Ende des Psalms, sondern auch nach jedem Abschnitt wiederholt wird. Das Invitatorium wird so zu einer Art Weckruf, der dabei hilft, den besonderen liturgischen Charakter des jeweiligen Tages zu verinnerlichen. Die einzelnen Abschnitte, nach denen die Antiphon wiederholt wird, entsprechen den Abschnitten, in die ich die Auslegung des Psalms aufgeteilt habe.

Am Anfang jedes Tages steht das Lob Gottes. Das soll mein erster Gedanke sein, wenn ich aus dem Schlaf erwache. Ich will Gott loben, der mich in der Nacht behütet hat und mir diesen neuen Tag schenkt. Gott ist der Fels unseres Heils. Mit Gott kann ich sicher durch den neuen Tag gehen, auf Gott kann ich mein ganzes Leben bauen, er gibt mir festen Grund. Das will ich mir an jedem Morgen neu bewusst machen, in dieser Zuversicht in den Tag starten und freudig den preisen, der mir diesen Halt und diese Zuversicht verleiht. In einer geistlichen Gemeinschaft beginnt nicht nur jeder einzelne den Tag mit seinem ganz persönlichen Gotteslob, sondern die ganze Gemeinschaft versammelt sich früh am Morgen, um das Lob Gottes zu singen.

Denn ein großer Gott ist der Herr, ein großer König über allen Göttern. In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, sein sind die Gipfel der Berge. Sein ist das Meer, das er gemacht hat, das trockene Land, das seine Hände gebildet. (Ps 95,3-5)

Gott ist Herr und König. Diese Tatsache stellt die Heilige Schrift an vielen Stellen heraus, in den Psalmen ganz besonders in der Gruppe der JHWH-Königs-Psalmen (Ps 93-99), zu denen dieser Psalm gehört. Besonders in nachexilischer Zeit, in der die Endredaktion vieler alttestamentlicher Schriften erfolgt ist, fand im Judentum ein entscheidender Wandel statt. Das Volk hatte keinen König mehr. Zudem lebten viele Juden in der Diaspora über die ganze damals bekannte Welt zerstreut. War in früherer Zeit in Israel – ebenso wie in vielen anderen antiken Kulturen auch – das Königtum das Bindeglied zwischen Gott und Volk, kam es nun zu einer Unmittelbarkeit zwischen Gott und Volk, die ohne die Vermittlung eines Königs auskam, mit anderen Worten, Gott selbst nahm die Funktion des Königs ein. Somit ist es nun auch Gott selbst, der dem Volk die Gesetze gibt und für deren Einhaltung Sorge trägt.

Das Königtum Gottes umfasst die ganze Erde, die als Schöpfung Gottes gesehen wird. Tiefen (Unterwelt) und Höhen (Berge und das Gewölbe des Himmels), Meer und Land, die Welt in ihrer Ganzheit, stammt von Gott und gehört Gott. Auch wenn es in anderen Völkern andere Götter geben mag, so steht der Gott Israels über ihnen und ist für sein Volk der einzige Gott. Es gibt in der gesamten Welt keinen Ort, an dem der Gott Israels nicht gegenwärtig wäre. Das macht die Geschichte des Propheten Jona anschaulich und war für die Juden, die fern vom Land Israel lebten, eine entscheidende Tatsache. Die Verehrung des Gottes Israels war nicht an ein Land gebunden, bauchte keinen König als Vermittler und schließlich nicht einmal unbedingt den Tempel, sondern jeder, der zum Volk Israel gehörte, konnte seinen Gott überall in gleicher Weise verehren, denn es ist der Gott, dem die ganze Erde gehört.

Kommt, wir wollen uns niederwerfen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem Herrn, unserem Schöpfer! Denn er ist unser Gott, wir sind das Volk seiner Weide, die Herde, von seiner Hand geführt. (Ps 95,6-7a)

In Gesten wird die Anbetung Gottes in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht. Wer Gott lobt, steht nicht nur einfach da und singt ein eintöniges Lied. Das Lob Gottes ist voller Schwung und Rhythmus und zeigt sich in Tanz und anderen Gesten des Körpers. Erhobene Hände sind Zeichen des Lobpreises, Niederknien und Verneigen sind Zeichen besonderer Verehrung und Anbetung. In Israel gebühren sie letztendlich nur dem einen Gott, keinem anderen Gott und auch keinem Menschen, und möge er eine noch so hohe Stellung innehaben.

Das Bild vom Königtum Gottes ist stets auch mit dem Bild des Hirten verbunden. Das Volk Israel war von seinem Ursprung her ein Hirtenvolk und zu allen Zeiten waren Hirten mit ihren Herden präsent. Jeder wusste, was einen guten Hirten ausmacht. Er gibt seiner Herde Schutz, verteidigt sie gegen wilde Tiere und führt sie jeden Tag auf eine saftige Weide, in deren Nähe es auch frisches Wasser gibt, in den kargen Wüstengegenden des Nahen Ostens sicher keine einfache Sache. Aber Gott kann es und das Volk vertraut auf seinen Schutz und darauf, dass Gott der Erde gute Fruchtbarkeit schenkt.

Die Botschaft vom Kreuz (1Kor 2)

Ich kam nicht zu euch, Brüder und Schwestern, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden. Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten. (1Kor 2,1-2)

In der Gemeinde von Korinth herrscht Zwietracht. Einzelne Gruppen haben sich gebildet, die sich darum streiten, welcher Prediger besser ist und wer das größte Maß an Weisheit besitzt. Menschen lieben es, sich zu vergleichen und ihre Gemeinschaften hierarchisch zu strukturieren. Sie identifizieren sich auch gerne mit einer bestimmten Führungspersönlichkeit oder einem prominenten Star. Im Alltag ist das oft harmlos, aber es braucht nicht viel, dass sich die einzelnen Gruppen stärker formieren und ihre Ansichten verabsolutieren. Entweder man gehört dazu oder nicht, es gibt kein dazwischen.

Zudem lassen sich Menschen leicht von guten Rednern beeinflussen. Was in glänzende Worte verpackt ist, kommt besser an als schlichte Tatsachen, und was kompliziert und geheimnisvoll daherkommt wird eher geglaubt als das, was leicht verständlich erscheint. Dabei machen komplizierte Worte noch lange kein Mysterium und überhaupt: Gott ist nicht kompliziert. Hätte er sich sonst einfache Fischer als seine ersten Jünger ausgesucht? Während seines Erdenlebens hat Jesus hauptsächlich mit einfachen Menschen zusammengelebt und sich an sie gerichtet.

Was aber nötig ist, um Gott zu verstehen, ist ein Sinneswandel, ein Umdenken. Wir sind geprägt von so vielen Denkstrukturen, die von unserem Elternhaus, unserer Erziehung oder den Medien beeinflusst sind. Wir merken das oft nicht, weil es für uns selbstverständlich ist. Aber genau darauf kommt es Jesus an, dass wir diese festen Denkstrukturen aufbrechen und lernen, Neues zu denken und dann auch zu tun. Das meint er, wenn er sagt, dass wir werden sollen wie die Kinder. Kinder haben oft weit mehr Phantasie als wir Erwachsenen, weil ihr Denken noch nicht in feste Strukturen gepresst wurde.

So eine feste Denkstruktur haben wir auch von Gott. Ein Gott muss groß sein, erhaben, mächtig. Ein Gott braucht einen Palast, um darin zu wohnen (wir nennen das Tempel), braucht wertvolle Gegenstände in seiner Umgebung und schließlich Menschen, die sich vor ihm in den Staub werfen. Nun ist Gott tatsächlich mächtig und verdient unsere Anbetung und unseren Lobpreis. Aber seine Macht steht eben gerade nicht in Analogie zu den Mächtigen dieser Welt, sondern unterscheidet sich grundlegend von ihnen.

In Israel setze nach dem babylonischen Exil und dem Untergang des weltlichen, davidischen Königtums eine Entwicklung ein, die Gott selbst an die Stelle des Königs setzte. Neben dem positiven Aspekt dieser Entwicklung, dass nun Gott in einer direkten Beziehung zu seinem Volk stand, gab es aber auch den negativen Effekt, dass Gott nun mehr und mehr wie ein orientalischer König dem Volk wieder entzogen wurde. Seine Wohnung war nicht mehr unter dem Volk, sondern im Allerheiligsten des Tempels, das nur der Hohepriester betreten durfte.

Viele alttestamentliche Texte sprechen von der Liebe Gottes zu seinem Volk, von seiner Nähe besonders zu den Schwachen und Unterdrückten, aber sie wurden mehr und mehr nur als Metapher dafür gesehen, dass für die Armen auch mal ein Brotkrumen vom Tisch fällt. Den großen Teil von Gott aber bekamen letztendlich die Priester und Mächtigen ab. Ihnen kam es zu, das einfache und unmündige Volk zu lehren und es mit Gesetzen und Riten im Zaum zu halten, dass es sich ja nicht seiner Unmittelbarkeit zu Gott bewusst wurde.

Nachdem nun die Menschen den Blick auf Gott verstellt hatten, musste Gott handeln und sich selbst den Menschen zeigen. Wie er das gemacht hat, wissen wir. Er kam als ein einfaches Kind in die Welt und hat schließlich die Menschen gelehrt und geheilt, obwohl er dazu von den religiösen Anführern keine Legitimation hatte. Aber Gott braucht keine Legitimation von Menschen, um sich zu offenbaren. Er tut es einfach, weil er es will.

Wir wissen auch, wie Gottes Weg als Mensch geendet hat, am Kreuz. Die Mächtigen konnten es einfach nicht dulden, dass Gott sie umgangen hat, um selbst zu den Menschen zu sprechen und damit die Unmittelbarkeit zwischen Gott und Mensch wiederzustellen. Das Kreuz ist schließlich Symbol dafür, dass Gott sich in aller Einfachheit und Direktheit an die Menschen gewandt hat. Gott wollte, dass der Blick auf ihn nicht durch komplizierte Lehren und pompöse Zeremonien verstellt wird.

Doch das mit dem Umdenken der Menschen hat auf Dauer nicht so gut geklappt. Auch Gottes neue Diener sind bald wieder in die alten Denkmuster verfallen. Die Unmittelbarkeit zwischen Gott und Mensch wurde schnell wieder begrenzt, eine neue Vielzahl von Geboten hielt die Menschen auf Abstand und Priester traten als Vermittler ein zwischen dem großen Gott und den einfachen Menschen, die letztlich nichts von Gott verstehen können und darum als Laien bezeichnet werden (Paulus bezeichnet am Beginn des Korintherbriefes alle in der Gemeinde als Heilige, welch ein Unterschied).

Wir biegen uns die Worte Jesu gerade, dass sie in das neue Bild passen, aber nur wenige haben den Mut, die Worte Jesu wirklich ernst zu nehmen. Selbst diejenigen, die gegen die Hierarchie in der Kirche aufbegehren und neue Strukturen fordern, sind letztlich in den alten Denkmustern gefangen und wollen lediglich eine Umverteilung der Macht, anstatt zu begreifen, dass der Glaube an Jesus Christus nichts mit Macht zu tun hat, sondern einfach nur Hingabe ist und Liebe.

Paulus wollte seine Gemeinden als Orte, in denen Männer und Frauen, Arme und Reiche, Gebildete und Ungebildete ohne Unterschiede zusammen leben, in denen jeder seine besonderen Gaben zum Aufbau der Gemeinde einbringt, aber derjenige, der mehr kann, sich nicht über den erhebt, der nicht so begabt ist, weil jeder einzelne für die Gemeinde letztlich gleich wichtig ist. Alle Menschen sind unterschiedlich, aber alle Menschen sind gleich wertvoll. Das versucht Paulus in vielen Facetten im langen Korintherbrief auszudrücken.

Das Wort vom Kreuz, das ist die Botschaft einer unendlichen Liebe. Es fällt den Menschen schwer, das wirklich zu verstehen, aber Jesus hat uns zugetraut, dass wir ihn verstehen können. Dazu müssen wir alle vertrauten Denkmuster von Oben und Unten, Macht und Ohnmacht, ja auch alle vertrauten Denkmuster von Religion ablegen. Dann erkennen wir den Kern der Botschaft Jesu, der sagt: Liebt einander, lebt in Eintracht zusammen, wie Schwestern und Brüder, unter euch soll es nicht Herren und Diener geben, Gott allein ist euer Herr, ihr alle seid Geschwister, seid gleich vor Gott, erhebt euch nicht gegeneinander, urteilt nicht übereinander, sondern nehmt einander an und sorgt füreinander.

Paulus wollte eine solche Gemeinschaft der Liebe aufbauen, wollte die Einheit aller in Christus. Dafür ist er durch die halbe Welt gelaufen, weil er die Liebe gespürt hat, die im Kreuz ihren mächtigsten Sieg errungen hat. Die Liebe wird nie vergehen, diese Wahrheit wird Paulus den Korinthern im 13. Kapitel des Briefes im Hohenlied der Liebe auf unvergleichliche Weise vor Augen stellen.

Machtvolles Wort (Hebr 4)

Denn lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenken und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens; vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden. (Hebr 4,12-13)

Gottes Wort ist nicht irgendein Wort, es ist nicht wie ein Menschenwort, das gesprochen wird und wieder verhallt. Gottes Wort ist wirksam und machtvoll. Es ist schärfer als jedes Schwert und dringt durch die Grenze von Körper und Geist. Es trifft den Menschen in der Mitte seines Menschseins und fordert ihn zu einer Entscheidung heraus.

Was ist machtvoller auf der Erde zu betrachten als die Kraft eines ausbrechenden Vulkans? Mir schien dies als ansprechendes Beispiel dafür, die Macht des Wortes Gottes zu symbolisieren. Der Mensch kann die Kraft aktiver Vulkane nicht bezwingen. Er kann sich nur rechtzeitig in Sicherheit bringen, sonst verbrennt er in der Glut der heißen Lava. Auch Gottes Wort brennt im Menschen, aber es verbrennt ihn nicht. Vielmehr reinigt es den Menschen, der sich seiner Kraft aussetzt.

Wenn wir in eine Kirche gehen, erfahren wir leider nur wenig von der Kraft des Wortes. Seine Kraft wurde im Laufe der Geschichte zu bändigen versucht. Die verzehrende Glut brennt lieblich und geordnet in den Flämmchen der Altarkerzen. Gottes Wort auf Sparflamme in den immer gleichen Floskeln der Priester und Lektoren. Worte ohne Kraft, die nur selten die Herzen der Menschen treffen.

Wie können wir Gottes Wort seine Kraft zurückgeben? Versuchen wir einmal, alles was wir bisher über Gottes Wort gehört haben, beiseite zu legen, all die frommen Erklärungen, mit denen Gottes Wort schön und handlich verpackt worden ist, dass wir uns daran nicht verbrennen. Nehmen wir die Hülle weg, auch wenn sie noch so fromm und ehrfurchtgebietend erscheinen mag. Legen wir den Kern frei und dann werden wir das Feuer spüren. Je näher wir dem Kern kommen, umso heißer wird es, je mehr Hülle wir entfernen, desto wahrscheinlicher ist es, dass seine Kraft zum Ausbruch kommt.

Feuerzungen waren es, in denen der Heilige Geist an Pfingsten auf die Apostel herabgekommen ist, keine weißen Federn oder flauschige Wölkchen. Nur im Feuer liegt die Kraft, die Herzen zu verändern. Nicht umsonst wird Jesu Herz als Flamme dargestellt – oft leider etwas kitschig, aber es ist eben nicht leicht, eine geistige Wirklichkeit von solcher Kraft bildlich darzustellen. Auch viele Erklärungen bringen uns nicht weiter, da man beim Erklären leicht wieder in die Floskeln verfällt und das Feuer mehr umhüllt als es freizulegen.

Vielleicht hilft es, diesen Vers bewusst als Einstieg der täglichen Bibellektüre voranzustellen. Und Vorsicht: wenn ich die Bibel öffne, hantiere ich mit Feuer. Ihre Worte sind dazu gesprochen und aufgeschrieben, mich zu durchdringen und zu verwandeln. Ich will mich formen lassen von ihrer Kraft.

Mariä Lichtmess

Er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle aus Einem; darum schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen und zu sagen: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Gemeinde dich preisen; und ferner: Ich will auf ihn mein Vertrauen setzen; und: Siehe, ich und die Kinder, die Gott mir geschenkt hat. Da nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er in gleicher Weise daran Anteil genommen. (Hebr 2,11-14)

Gott wird Mensch, weil er so seiner Schöpfung am nächsten sein kann. Gott hat die Welt erschaffen und steht von Anfang an mit ihr in einer engen Beziehung. Vielfältig und auf vielerlei Weise hat er seit Anbeginn zu den Menschen gesprochen. Aber all diese Offenbarungen überbietet jene, die Gott in Jesus Christus gebracht hat. Aber wer ist Jesus Christus? Kann Gott sich wirklich so erniedrigen, wie er es in Jesus Christus getan hat, dass er selbst Mensch wird? Dieses Geheimnis ist schon immer vielen unverständlich. Vielleicht haben wir uns nur zu sehr daran gewöhnt, dass es uns so selbstverständlich erscheint. Ein Gott, der Mensch wird, verletzlich, sterblich, schwach in den Augen der Menschen, der sogar am Kreuz stirbt, kann niemals selbstverständlich sein.

Menschen wollen lieber starke Götter, Geistwesen, die sich nicht mit der Welt des Menschlichen verbinden. Auch im Christentum hat es immer wieder Lehren gegeben, die Jesu Menschheit im Vergleich zu seiner Göttlichkeit als vernachlässigbar betrachtet haben oder sein Menschsein gar nur auf einen Scheinleib reduziert haben, der ihm lediglich als Hülle gedient hat. Andererseits gab es auch viele, die das Gottsein Jesu abgelehnt haben im Hinblick auf seine Menschlichkeit. Nur das Geistige zählt, dachten viele. Ihnen standen die Engel näher, die wie das Göttliche reine Lichtwesen waren und nicht mit der Materie vermengt.

Aber christlicher Glaube sieht die Welt anders. Göttliches und Weltliches stehen nicht im Widerspruch zueinander. Gott hat die Welt erschaffen und wohnt selbst in ihr. Alles in der Welt kann auf das Göttliche verweisen. Und weil die Welt Gott so nahe steht, kann er auch selbst in ihr Wohnung nehmen. In Jesus Christus kommt Gott selbst in diese Welt und als Jesus Christus zum Vater zurückkehrt, nimmt er auch sein Menschsein mit und sendet den Heiligen Geist, der unverwüstlich in der Welt Göttliches wirkt.

Die Menschwerdung Gottes ist angemessen, weil Gott die ganze Schöpfung zu sich führen will. Die ganze Geschichte der Menschheit ist nichts anderes als der Ruf Gottes nach dem Menschen. Gott will in inniger Vertrautheit mit dem Menschen leben, ihm seine Nähe und Fürsorge zeigen, ihm alles schenken. Aber der Mensch tut sich so schwer, Gottes Liebe zu erkennen. Er hat andere Ziele, Macht und Reichtum, und mit seiner Gier zerstört der Mensch die schöne und fruchtbare Schöpfung Gottes und er zerstört sich selbst, indem er das Bild Gottes zerstört, das er selbst sein soll.

Gott und Mensch gehören zusammen. Gott will nicht eine unnahbare und erhabene Majestät für den Menschen sein, kein Gott, den Priester im Tempel wegsperren, damit er dem gemeinen Volk ja nicht zu nahe kommt und sie selbst schön ihre Ehrenstellung als Diener Gottes behalten und damit auch ihren Anteil an den reichen Gaben, die das Volk den Göttern spendet. Gott will auch keine rein geistige Wesenheit sein, die nur große Denker ergründen können.

Gott will mitten unter den Menschen sein, er will allen Menschen nahe sein, den Reichen, aber mehr noch den Armen, den Gebildeten, aber mehr noch den Einfältigen, den Starken, aber mehr noch den Schwachen und Unterdrückten. So hat Jesus gelebt. Er ist unter das einfache Volk gegangen, hat sich der Nöte der Menschen angenommen, hat sich nicht von den Mächtigen bestechen lassen, sondern ihnen deutlich die Meinung gesagt, hat sich nicht von den Frommen blenden lassen, sondern ihnen den Spiegel vorgehalten, der zeigt, dass vieles an ihrer Frömmigkeit nur trügerischer Schein ist.

In Jesus ist Gott zum Menschensohn geworden, zum Jedermann, zu einem Menschen wie du und ich, er ist zum Bruder der Menschen geworden, der die Menschheit als geschwisterliche Gemeinschaft formen wollte, die eins ist in der Liebe. Er hat vor denen gewarnt, die ihn als Herrn erheben und so aus der Mitte der Menschen fortnehmen wollten, um ihn selbst in Besitz zu nehmen und sich an ihm zu bereichern.

Alle Menschen sind Gottes Kinder, Gott ist unser Vater und wir alle sind Schwestern und Brüder. In Gott sind alle Menschen untereinander verbunden und zugleich mit der Schöpfung. Es gilt nicht mehr die alte Unterscheidung zwischen Bruder und Fremder, sondern alle sind wir Brüder und Schwestern, weil wir alle von Gott stammen. Warum maßen wir uns an, den einen Fremden oder gar Feind zu nennen, den Gott uns zum Bruder oder zur Schwester gegeben hat?

Am Fest Mariä Lichtmess bringen seine Eltern Jesus in den Tempel, um das vorgeschriebene Reinigungsopfer darzubringen. Wie jeder jüdische Junge wird Jesus durch die Beschneidung in das Volk Gottes aufgenommen. Jesus –  ganz Mensch und doch Gottes Sohn. In seinem Leben wird er uns zeigen, wie Gott den Menschen gewollt hat. Er zeigt uns, wie auch wir leben können, um eine Welt zu gestalten, in der Gottes Bild lebendig wird.

27.1. Angela Merici

Angela Merici wurde um das Jahr 1474 in Desenzano am Gardasee geboren. Ihr Vater Giovanni war Bauer, ihre Mutter stammte aus angesehener Familie. Auch wenn wir über ihre Kindheit wenig wissen zeigt sich später in ihrem Leben, dass ihr von ihrer Familie neben der religiösen Prägung ein hohes Maß an Bildung vermittelt wurde. Beide Eltern starben früh, ein Bruder der Mutter nahm Angela und ihre Geschwister bei sich auf. Bei ihm lernte Angela das Leben der vornehmen Gesellschaft kennen, das ihr missfiel.

Angela fühlte sich schon früh zu einem einfachen, religiös geprägten Leben hingezogen. Sie wurde Mitglied im Dritten Orden des Heiligen Franziskus. Zudem erkannte sie, wie ungebildet viele Kinder ihrer Heimat aufwuchsen. In ihrem Heimatort sammelte sie zunächst einige Freundinnen um sich, mit denen sie sich der Erziehung der Kinder widmete. Bald wurde ihr Engagement in der weiteren Umgebung bekannt und im Jahr 1516, als Angela bereits etwa 40 Jahre alt war, reiste sie auf Wunsch der Franziskaner nach Brescia.

In Brescia lebte Angela zunächst im Haus der Familie Patengola, die wie sie dem Dritten Orden angehörten und eng mit einer religiösen Reformbewegung verbunden waren. Schon nach kurzer Zeit wurde Angela zum Mittelpunkt einer Gruppe junger Männer und Frauen, die ein bewusst religiös geprägtes Leben führen wollten. Mit ihrer einfachen und nach dem Evangelium ausgerichteten Lebensform wurde Angela zum Vorbild dieser Menschen. Einer von ihnen schreibt später:

Sehr viele Menschen holten sich bei ihr Rat – jeder in seinen besonderen Nöten – und sie war wirklich in der Lage, in jeder Notsituation zu helfen. Sie beriet alle mit solch einer Liebenswürdigkeit, dass ihr Zimmer nie leer wurde.

Im Jahr 1524 unternahm Angela eine Wallfahrt ins Heilige Land. Auf dem Weg dorthin erblindete sie aus unerklärlichen Gründen. Dennoch besuchte sie alle heiligen Stätten. Bei ihrer Rückkehr konnte sie plötzlich wieder sehen. Im darauffolgenden Jahr pilgerte sie nach Rom, wo sie eine Privataudienz bei Papst Clemens VII. erhielt. Der Papst wollte sie für die Mitarbeit in einer sozialen Einrichtung in Rom gewinnen, aber Angela kehrte nach Brescia zurück.

Angela blieb auf der Suche nach ihrem Weg. Es bildete sich um sie eine Gemeinschaft von jungen Frauen und Witwen, die sich bald „Compagnia di Santa Orsola“ (Gesellschaft der Heiligen Ursula) nannte. Nach einer Wallfahrt im Jahr 1532 nach Varallo widmete Angela sich nun ganz dem Aufbau dieser Gemeinschaft, in der das Gebet und das Leben nach dem Evangelium im Mittelpunkt standen, einer Gemeinschaft von Frauen, die nicht in klösterlicher Abgeschiedenheit leben sollten, sondern unter die Menschen gingen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite standen. Sie selbst führte ein asketisches Leben in einem kleinen Zimmer bei der Kirche St. Afra in Brescia.

Eine solche Gemeinschaft bedurfte einer Regel und der offiziellen rechtlichen Anerkennung durch die Kirche. Daran arbeitete Angela, bis schließlich am 25. November 1535 der „Ordo Sanctae Ursulae“ (OSU) von Papst Paul III. approbiert wurde. Angela gehörte zusammen mit 28 Gefährtinnen zu den ersten Mitgliedern dieser Gemeinschaft, im Jahr 1537 wurde sie zur ersten Oberin. Die Gemeinschaft breitete sich schnell in den Städten Norditaliens aus. Neben der Regel verfasste Angela noch zwei weitere Schriften für ihre Mitschwestern, die Ricordi (Gedenkworte) und die Legati (Testament).

Am 27. Januar 1540 starb Angela. In einem großen Trauerzug wurde ihr Leichnam durch die Stadt geführt und sie fand ihre letzte Ruhe neben dem Hochaltar der Kirche St. Afra in Brescia. Sie wurde 1768 von Papst Clemens XIII. seliggesprochen. Die Heiligsprechung erfolgte 1807 durch Pius VII.

Ihr Orden war zunächst eine Gemeinschaft, die sich ganz dem Dienst am Nächsten widmete, aber nicht in klösterlicher Abgeschiedenheit lebte. Die Frauen lebten ohne Ordenstracht, Gelübde und Klausur weiter bei ihren Familien, aber nach den evangelischen Räten Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Bald nach Angelas Tod wandelte sich der Orden jedoch im Jahr 1544 zu einer Klostergemeinschaft mit dem Schwerpunkt Erziehung und Unterricht. Die Schulen der Ursulinen haben bis heute eine große Bedeutung für die Erziehung und schulische Bildung junger Menschen, besonders der Mädchen. Der Orden breitete sich bald von Italien über Frankreich und Deutschland in ganz Europa, Nordamerika und schließlich über die ganze Welt aus.

In ihren Ricordi gibt Angela ihren Mitschwestern folgende Ermutigung mit auf ihrem Weg:

Verliert nicht den Mut und glaubt nicht, euer Wissen und Können reiche für diese einzigartige Aufgabe nicht aus. Habt Zuversicht und das feste Vertrauen auf Gott, dass er euch in allem helfen wird. Betet zu ihm und demütigt euch unter seine gewaltige Macht. Da er euch dieses Werk anvertraut hat, wird er euch auch gewiss die Kraft geben, es zu vollbringen, wenn nur ihr es an nichts fehlen lasst. Handelt, seid rührig und glaubt, müht euch und vertraut, ruft zu ihm aus ganzem Herzen, und ihr werdet ganz sicher Wunderbares erleben, da Gott alles zum Lob und Ruhm seiner Herrlichkeit und zum Heil der Seelen lenken wird.

Umkehr

Umkehr.

Ich laufe. Immer geradeaus. Vielleicht auch im Kreis. Mir passieren immer wieder die gleichen Fehler, ich tappe immer wieder in dieselben Fettnäpfchen. Was habe ich schon alles versucht. Es hat sich nichts geändert.

Umkehr.

Wohin? Gibt es einen Weg zurück aus Scheitern, Hass und Verletzung? Gibt es einen Weg, der Wunden heilt und Unrecht verzeiht? Gibt es einen Weg heraus aus der Abhängigkeit, in die ich mich verstrickt habe?

Umkehr.

Es gibt immer einen Ausweg. Umkehr ist immer möglich. Gott reicht uns die Hand und hebt uns über die Mauer am Ende unserer Sackgasse, über die Gräben, die sich zwischen Menschen aufgetan haben.

Umkehr.

Hoffnung und Herausforderung. Umkehr ist kein billiges „das passt dann schon wieder“. Umkehr ist radikal. Ich muss dazu bereit sein, einen neuen Schritt zu tun – an Gottes Hand. Einen Schritt ins Ungewisse, aber gehalten von der Zuversicht, dass Gott mir stets mehr geben wird, als ich mir zu wünschen wage.

Die Notwendigkeit zur Umkehr besteht,
nicht weil der Tag X vor der Tür steht,
nicht wegen der Angst,
am Ende zu den Verlorenen zu gehören,
sondern aus Freude am Reich Gottes.

Das Reich Gottes ist schon da,
wir wollen teilhaben ihm,
an der Freude, die Christus schenkt,
wir wollen dazugehören zu einer Welt,
in der es Heil und Rettung gibt.

Heilige Familie

Am ersten Sonntag nach Weihnachten feiern wir das Fest der Heiligen Familie. Die beiden Evangelisten Matthäus und Lukas schildern uns ihre jeweils eigenen Berichte von der Kindheit Jesu. Sie zeigen, dass Jesus Christus in eine reale Familie hineingeboren wurde und in Nazaret aufgewachsen ist. Der Glaube der Kirche bekräftigt, dass seine Mutter Maria vor, während und nach der Geburt jungfräulich geblieben ist und nicht durch einen Mann, sondern durch das Wirken Gottes schwanger geworden ist. Daher gilt ihr Mann Josef nicht als leiblicher Vater Jesu und die Familie hatte auch keine weiteren Kinder, auch wenn die in der Heiligen Schrift genannten Brüder des Herrn – im Sinne einer verwandtschaftlichen Beziehung – oft fälschlicherweise als leibliche Brüder Jesu angesehen werden.

Josef war Zimmermann und sorgte somit als Handwerker für den Lebensunterhalt der Familie. Der Verdienst eines Handwerkers war sicher besser als der eines Tagelöhners, aber reich war die Heilige Familie nicht, worauf auch das Opfer bei der Darstellung im Tempel hinweist. Hierfür sind ursprünglich ein Schaf und eine Taube vorgesehen, nur bei armen Leuten, die sich kein Schaft leisten können, darf dieses durch eine weitere Taube ersetzt werden (vgl. Lk 2,24 und Lev 12,8).

Die Heilige Familie ist das Urbild der christlichen Familie. Aber hat sie uns heute noch etwas zu sagen? So wirklich traditionell war das Leben der Heiligen Familie damals ja auch nicht. Es gab noch keine frommen Gläubigen, die in der Schwangerschaft Mariens das Wirken Gottes sahen. Doch Josef hat seine Frau angenommen und das Kind, das nicht sein leiblicher Sohn war, wie seinen eigenen Sohn aufgezogen. Das Leben in Nazaret stand sicher nicht unter einem goldenen Schleier, wie es fromme Darstellungen zeigen. Es war eine Familie wie jede andere, die für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten musste, die versuchen musste, mit ihren Nachbarn gut auszukommen und Freunde zu finden. Vielleicht kann die Heilige Familie auch heute Vorbild bleiben, wenn wir den Glanz frommer Legende von ihr nehmen und wir sie als ganz normale Familie sehen, zwar aus einer fernen Zeit, aber auch heute noch aktuell, weil sie zusammen gehalten hat, den Widrigkeiten des Schicksals getrotzt hat und gemeinsam ein Kind aufgezogen hat.

Für Charles des Foucauld war die Nachahmung des verborgenen Lebens der Heiligen Familie in Nazaret die Sehnsucht seines Lebens. Es war für ihn Vorbild für ein Leben in Armut, Demut und Gehorsam, für ein bescheidenes Leben von der eigenen Hände Arbeit. Jesus hat dieses Leben für sich gewählt, hat es die meiste Zeit gelebt. Wir dürfen nicht nur auf die kurze Zeit seines öffentlichen Wirkens schauen, wir müssen stets auch die Zeit betrachten, in der Jesus im Verborgenen gelebt hat, ganz als Mensch.

Welch ein Beispiel wollte er uns geben, allen, selbst Königssöhnen, da er selbst König war; uns allen, nicht nur den ehelos Lebenden, sondern auch den Eheleuten, denn in Nazaret lebte er zwischen Maria und Josef; nicht nur den Ordensleuten, sondern auch den in der Welt lebenden, denn in Nazaret lebte er inmitten seiner Gesellschaft. Er wollte das, er hat es sich ausgesucht, „Sohn des Zimmermanns“, „der Zimmermann, der Sohn der Maria“ genannt zu werden. Das ist sein Ort im Leben, der Ort seiner Leute. …

So arm und klein sein wie Jesus es in Nazaret war. …

Wenn ich nicht klar sehe, mich fragen, was Jesus in Nazaret getan hätte und mich danach richten.

(Charles des Foucauld)

Nachfolge Jesu als Wohnen beim Herrn, als menschliches Zusammenleben mit dem Herrn in unserer Mitte. Wenn auch das Bild von Familie sich im Laufe der Zeiten wandelt, so soll christliche Familie doch ein Ort bleiben, an dem die Gegenwart des Herrn erfahrbar wird, ein Ort, an dem Menschen in Frieden zusammen leben, an dem man gerne ist, einladend und Freundlichkeit ausstrahlend.

Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist! (Kol 3,14)

So hören wir es in der Lesung aus dem Kolosserbrief, ein Spruch, den auch viele für ihre Hochzeit wählen. Wenn auch das Bild von Familie sich im Laufe der Zeiten wandelt, so soll christliche Familie doch ein Ort bleiben, an dem das Band der Liebe hält und so die Gegenwart des Herrn erfahrbar wird, ein Ort, an dem Menschen in Frieden zusammen leben, an dem man gerne ist, einladend und Freundlichkeit ausstrahlend. Bitten wir Gott heute besonders um dieses Band der Liebe für unsere Familien.

Weihnachten 2019

Ein Licht erstrahlt den Gerechten, und Freude denen, die rechten Herzens sind. (Ps 97,11)

Diesen Vers aus Psalm 97 habe ich zur Überschrift für das Weihnachtsfest 2019 ausgewählt. Seinen weihnachtlichen Charakter hat bereits Ephräm der Syrer (um 306 – 373) in seinen Hymnen entdeckt. Nach dem Zitat dieses Verses schreibt er:

Unser Herr Jesus Christus ging uns aus dem Schoße seines Vaters auf. Er kam und entführte uns aus der Finsternis und erleuchtete uns durch sein herrliches Licht. Der Tag ging über den Menschen auf, und da entfloh die Macht der Finsternis. (Ephräm der Syrer)

Mit der Geburt Jesu Christi ist ein unvergänglicher Welttag angebrochen. Auch wenn die Erde weiterhin um die Sonne kreist und wir täglich den Wechsel von Nacht und Tag erleben, so gibt es doch den einen hellen Tag, der unvergänglich andauert, weil das Licht der Welt gekommen ist. Aber sind das nicht alles nur fromme Sprüche? Ein Kind, das Gottes Sohn sein soll und das Licht der Welt? Läuft da noch alles rund bei denen, die daran glauben?

Wenn wir in die Welt blicken, so erleben wir heute eine Erosion des christlichen Weihnachtsfestes. Diese kommt nicht von Ungefähr. Bereits als Weihnachten im 19. Jahrhundert zu einem bürgerlichen Fest der Behaglichkeit wurde, ging Vieles von seiner ursprünglichen Bedeutung verloren. Die Feier im Kreis der Familie erlangte gegenüber der kirchlichen Feier einen immer höheren Stellenwert. Neue weihnachtliche Symbole wie beispielsweise der Tannenbaum hatten keinen christlichen Hintergrund mehr und halfen dabei, in späteren Zeiten das Fest immer mehr aus dem kirchlichen Bereich herauszulösen.

Eine große Tageszeitung brachte in der Vorweihnachtszeit einen Beitrag darüber, wie ausgelassen in früheren Zeiten Weihnachten gefeiert wurde. Aber was versteht man hier unter Weihnachten? Der Artikel spielt auf die Saturnalien an, ein ausgelassenes Fest im alten Rom, das zur Zeit der Wintersonnenwende gefeiert wurde. Das christliche Weihnachtsfest wurde sicherlich bewusst auf diesen Tag gelegt, aber nicht, um die Orgien der Römer weiterzuführen, sondern um diesem Tag eine neue Prägung zu geben. Der heidnische Festtag wurde zu einem christlichen, an dem die Menschen zur Kirche gingen und natürlich auch zuhause gefeiert haben.

Die Orgien der Saturnalien aber sollten der Vergangenheit angehören. Heute jedoch will man sie wieder neu entstehen lassen. Das christliche Weihnachten, das einst das heidnische Fest verdrängt hat, wird heute wieder neu zu einem heidnischen Festtag, an dem allein das üppige Essen und opulente Geschenke im Mittelpunkt stehen. Ratgeber befassen sich heute hauptsächlich damit, wie man das viele Essen der Weihnachtstage gut verdauen kann, da gibt es beispielsweise Yoga-Übungen, die einem dabei helfen, trotz Festtagsschmaus nicht übermäßig zuzunehmen.

Bisher gab es zumindest noch Relikte aus christlicher Zeit, die dem Namen nach an das christliche Weihnachtsfest erinnert haben. Es setzt aber eine zunehmende Umbenennung aller noch irgendwie an das Christentum erinnernder Begriffe ein. An den Feiertagen des Dezember soll ein Fest um des Festes willen gefeiert werden, ein Fest vielleicht noch der Gemeinschaft, das aber wegen seines hohlen Inhaltes doch eher zu Streit und Unmut als zu einem besseren Miteinander führt.

Was wollen wir da noch mit unserer Botschaft vom Licht? Heute wo es nahezu in der ganzen Welt Strom gibt, braucht man sich sowieso keine Sorgen mehr darüber zu machen, dass es zu dunkel wäre. Wir reden heute eher von Lichtverschmutzung, weil die Lichter der Ballungsräume in den Industrienationen die Nacht gar nicht mehr richtig Nacht sein lassen. Wozu brauchen wir dann noch einen Gott, der ein Licht aufstrahlen lässt?

Wir könnten hier Halt machen und sagen, das mit dem christlichen Weihnachten und dem Kind von Betlehem, das das Licht der Welt sein soll, ist alles ein Relikt aus einer alten Zeit, deren Denken wir heute überwunden haben. Wir feiern einfach ein schönes Fest wie schon im alten Rom, haben Spaß und lassen es uns gut gehen. Heute brauchen wir keine Götter mehr, weil wir die Welt wissenschaftlich erklären können und mit unserer Technik ganz gut ohne Gott zurechtkommen.

Sind die Menschen, die heute noch an die christlichen Inhalte des Weihnachtsfestes glauben, wirklich von gestern? Welche Argumente haben wir für den Glauben an einen Gott, der Mensch geworden ist, um den Menschen das Heil zu schenken? Ich denke, dass der Weg, den Menschen heute diesen Gott zu zeigen, darin besteht, diesen Gott für die Menschen erfahrbar zu machen.

Gerade hierfür bekommt das Wort des Psalms seine Bedeutung. Ich verstehe es dahingehend, dass Gott im Menschen sein Licht entzündet und seine Freude in das Herz hineinlegt. Wenn du etwas von diesem Licht erfahren willst, dann geh zur Krippe und schau dir das Kind an, das darin liegt. Höre dir einfach einmal in Ruhe an, was über dieses Kind gesagt wird. Hier in dem Kind vor dir ist Gott, der so klein geworden ist, um dir nahe zu sein.

Gott wird Mensch, sein Wort wird Fleisch, damit wir ihn mit unseren Augen sehen und mit unseren Ohren hören können. Gott ist uns greifbar nahe gekommen. Er sagt zu dir: Mensch, ich liebe dich, ich will in deinem Leben bei dir sein, ich will dir den Weg zeigen, auf dem du Glück und Freude findest. Ich will nicht, dass du in der Finsternis bist, ich will dir ein Licht sein, das dein Leben hell sein lässt.

Welches Herz könnte so hart sein, dass es dann nichts spürt von diesem Gott? Freilich, der Glaube muss dann noch tiefer gehen, sich im Alltag bewähren. Aber wer gar nicht die Erfahrung gemacht hat, wie nahe Gott ihm gekommen ist, der wird auch mit all dem anderen, dass man ihm von diesem Gott erzählt, nicht viel anfangen können.

Die Krippe von Betlehem kann der Beginn einer tiefen Freundschaft sein zwischen Gott und Mensch. Der Blick des Kindes in der Krippe lässt selbst das härteste Herz nicht unberührt, wie Ephräm an anderer Stelle sagt:

Erzürnte, die dich zu sehen kamen, söhntest du freudig aus. Sie vereinten sich wieder mit gegenseitigem Lachen. Süß besänftigt wurden durch dich die Erbitterten, o Holdseliger! Gepriesen seist du, o Kind, wodurch auch Bittere mit Süßigkeit erfüllt werden! (Ephräm der Syrer)

Wie soll Weihnachten ein Fest der Freude, der Gemeinschaft und des Miteinanders sein, wenn man das Kind, das die Freude und Gemeinschaft unter den Menschen stiftet, von diesem Fest ausschließt?

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und eine lebendige Begegnung mit dem göttlichen Kind, dessen Geburt wir heute feiern!