Corona, Cyprian und die Cyprianische Pest

Die Corona-Pandemie hat nun bereits seit Monaten drastische Auswirkungen auf unser Leben, unsere Gesellschaft und die Menschen in der ganzen Welt. Auch die Kirche bleibt davon nicht verschont und bis heute sind Gottesdienste nur unter bestimmten Einschränkungen möglich. Wenn auch bei uns die Zahl der Todesfälle aufgrund der Pandemie glücklicherweise relativ gering ist, dürfen wir doch das große Leid, das diese über die gesamte Menschheit bringt, nicht verharmlosen. Viele sind erkrankt, viele leiden unter den psychischen Folgen der Pandemie, viele haben starke materielle Einbußen erlitten.

Es ist das erste Mal seit vielen Jahrzehnten, dass eine Pandemie unsere Gesellschaft derart massiv beeinflusst. Zwar gab es in den letzten Jahren schon mehrere Seuchen wie Ebola oder die Vogelgrippe, aber keine davon hat zu solch massiven Einschränkungen für jeden einzelnen geführt, wie wir es jetzt durch Corona erleben. Diese Neuartigkeit führt auch dazu, dass viele die Existenz der Pandemie leugnen und gegen die Einschränkungen protestieren.

Ein Blick in die Geschichte zeigt uns aber, dass immer wieder Seuchen große Teile der Weltbevölkerung heimgesucht haben. Nur weil wir in den letzten Jahrzehnten in der glücklichen Lage waren, dass wir von solchen großen Ausbrüchen einer Seuche verschont geblieben sind, heißt das nicht, dass diese Gefahr für immer gebannt ist. Zwar können wir aufgrund unseres medizinischen Wissens Seuchen heute weit wirksamer entgegentreten als die Menschen früherer Zeiten, aber gefährlich bleiben sie trotzdem. Auch für die fortschrittlichste Medizin bedeutet es viel Arbeit, die immer neuen Formen von Viren zu entschlüsseln und Medikamente dagegen zu entwickeln.

Was uns von Menschen früherer Zeiten am meisten unterscheidet ist die Tatsache, dass wir heute wissen, welcher Erreger eine Seuche auslöst und wie er sich verbreitet. Mit unseren modernen Mikroskopen können wir uns ein Bild vom Feind machen. Jeder kennt heute das ungefähre Aussehen des Corona-Virus. Wir können uns über dessen Wirkungsweise informieren. Überall gibt es Informationen, wie wir uns vor einer Infektion schützen können.

Das war früher anders. Da kam eine Seuche aus heiterem Himmel über eine Stadt und breitete sich im ganzen Land oder gar auf dem gesamten Kontinent aus. Niemand wusste genau, was diese Krankheit verursacht, niemand wusste, wie man sich davor schützen kann. Niemand wusste von einer Inkubationszeit, bei der ein scheinbar gesunder Mensch die Krankheit bereits in sich trägt und weiterverbreitet. Daher wurden oft religiöse Erklärungen für eine Seuche gesucht. Zwar war der Tod in früheren Gesellschaften mit hoher Kindersterblichkeit und geringer Lebenserwartung weit mehr gegenwärtig als heute, aber wir können uns wohl nicht vorstellen, was es für die Menschen bedeutet hat, wenn beispielsweise durch die Pest über die Hälfte oder gar mehr als dreiviertel der Gesellschaft gestorben sind.

Ich möchte hier näher auf eine Seuche eingehen, die sich im 3. Jahrhundert im Römischen Reich verbreitet hat und die nach einem Heiligen benannt ist, die Cyprianische Pest. Sicher ist vielen der große Märtyrerbischof Cyprian von Karthago (um 200-258) bekannt. Als gebildeter junger Mann hat er sich zum Christentum bekehrt zu einer Zeit, als es noch gefährlich war, Christ zu sein. Aufgrund seiner Bildung wurde er bald zum Priester und schließlich zum Bischof seiner Heimatstadt Karthago geweiht. Viele seiner Schriften und Predigten sind uns bis heute überliefert und zeichnen das Bild eines Hirten, der sich intensiv um seine Gemeinde gekümmert hat. Als in den Jahren 250 und 257/58 große Verfolgungen über die Christen hereinbrachen, setzte er sich für die Freiheit der Christen ein. Besonders aber trat er dafür ein, dass Christen, die aus Furcht vor der Verfolgung im Jahr 250 dem Glauben abgeschworen hatten, wieder in die Gemeinde aufgenommen wurden. Er selbst ist in Kritik geraten, weil er sich damals aus Karthago an einen sicheren Ort im Umland zurückgezogen hat. Im Jahr 258 ab bewies er seine Standhaftigkeit, indem er dem Martyrium mutig ins Auge blickte.

Wir kennen Cyprian, aber mir war bisher auch nicht bekannt, dass eine große Pandemie, die etwa in der Zeit von 250-270 das gesamte Römische Reich in mehreren Wellen heimsuchte, nach ihm benannt ist. Die Cyprianische Pest trägt den Namen des Heiligen, weil dieser in seinem Buch „Über die Sterblichkeit“ (De mortalitate) ausführlich auf diese Seuche eingeht. Es finden sich zu dieser Zeit über das gesamte Römische Reich verteilt Hinweise auf eine Seuche, an der viele Menschen gestorben sind. Da diese Zeugnisse aber allesamt von Nichtmedizinern stammen, fällt es bis heute schwer, den genauen Erreger dieser Seuche zu identifizieren. Kyle Harper trägt in seinem Buch „Fatum – Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches“ unseren Wissensstand über das damalige Geschehen zusammen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der desaströse Zustand des Römischen Reiches in der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts in engem Zusammenhang mit dieser Seuche zu sehen ist. In dieser Zeit wurde der Limes aufgegeben, Germanische Stämme drangen bis Gallien, Spanien und Rom vor, die Goten plünderten Athen, die Perser setzten den östlichen Provinzen stark zu. Es war das Ende der Glanzzeit des Römischen Imperiums im Westen und nur mit Mühe konnte es danach noch für mehrere Jahrzehnte bis zu seinem endgültigen Zusammenbruch bestehen bleiben.

Cyprian will in seinem Buch „Über die Sterblichkeit“ den Menschen Sicherheit und Trost geben angesichts der verheerenden Seuche, die sowohl Christen als auch Heiden in gleichem Maße dahinrafft. Erstaunlich ist, dass er nicht wie es oft andere religiöse Autoren tun, die Seuche als eine Strafe Gottes sieht. In seiner Gemeinde in Karthago gibt es keine eklatanten Missstände, die hätten bestraft werden müssen, und die Seuche trifft Christen und Nichtchristen in gleichem Maß. Für ihn ist die Seuche etwas rein Weltliches, das die Christen ebenso trifft wie die Heiden, da beide, so lange sie in der Welt leben, an dem gleichen weltlichen Geschick Anteil haben.

Dass auch die Christen von der Seuche nicht verschont bleiben, darf nicht wundernehmen, denn nicht irdisches Glück ist das Ziel des Christentums. Hier auf Erden sind vielmehr die Gläubigen den gleichen Naturgesetzen, Leiden und Gefahren unterworfen wie diejenigen, die nicht glauben.

Nicht irdisches Wohlergehen ist der Lohn für die Bekehrung zum Christentum, sondern das Wohlgefallen, das der Mensch bei Gott findet. Dafür führt Cyprian die Bespiele der bekannten alttestamentlichen Dulder Hiob und Tobias an. In seiner Argumentation erwähnt Cyprian nahezu beiläufig, dass nicht nur die Seuche den Menschen damals zugesetzt hat, sondern dass es damals auch zu außergewöhnlicher Trockenheit und Ernteausfällen gekommen ist. Wissenschaftlich ist heute nachgewiesen, dass das sogenannte Römische Klimaoptimum, das im Mittelmeerraum lange Zeit für weit mehr Niederschläge gesorgt hat als heute, auch im Sommer, seinem Ende zugingt, und eine Zeit größerer Trockenheit im Mittelmeerraum und Nordafrika folgte.

Aber freilich, manche stoßen sich daran, dass die Macht der jetzt wütenden Krankheit ebenso wie die Heiden auch die Unsrigen ergreift, gerade als ob der Christ nur deshalb gläubig geworden wäre, um, von der Berührung der Übel verschont, in Glück die Welt und das zeitliche Leben zu genießen, und nicht vielmehr deshalb, um für die künftige Freude aufbewahrt zu werden, nachdem er hier alles Widrige erduldet hat.

Es stoßen sich manche daran, dass uns mit den anderen Menschen diese Sterblichkeit gemeinsam ist. Aber was hätten wir denn in dieser Welt mit den übrigen Menschen nicht gemeinsam, solange uns noch nach dem Gesetz der ersten Geburt dieses Fleisch gemeinsam bleibt? Solange wir hier in der Welt weilen, sind wir mit dem ganzen Menschengeschlecht durch die Gleichheit des Fleisches verbunden und nur dem Geiste nach getrennt. Bis also dieses Verwesliche die Unverweslichkeit annimmt und dieses Sterbliche die Unsterblichkeit empfängt und bis der Geist uns zu Gott dem Vater führt, solange sind uns all die Mängel, die dem Fleische anhaften, mit dem ganzen Menschengeschlecht gemeinsam.

So bleibt ja auch, wenn bei Misswuchs der Boden eine nur magere Ernte liefert, keiner vom Hunger verschont; so trifft, wenn eine Stadt bei einem feindlichen Einfall besetzt worden ist, das Los der Knechtschaft alle zugleich; und wenn ein heiterer Himmel den Regen fernhält, dann haben alle unter der gleichen Trockenheit zu leiden; und wenn das Schiff an einem Felsenriff zerschellt, so ist der Schiffbruch für alle Insassen ohne Ausnahme gemeinsam. Und so haben wir auch die Augenschmerzen, die Fieberanfälle und die allgemeine Gliederschwäche mit den anderen gemeinsam, solange wir in der Welt dieses Fleisch gemeinsam an uns tragen.

Die hier erwähnten Anzeichen der Seuche schildert Cyprian an einer späteren Stelle noch ausführlicher und zeigt uns die schrecklichen Auswirkungen, unter denen die Menschen zu leiden hatten. Zugleich betont er immer wieder, dass solche Leiden nicht im Widerspruch zur Hoffnung unseres Glaubens stehen, sondern dass sie vielmehr den Glauben stärken. Entscheidend ist nicht die Tatsache, ob jemand von der Seuche befallen oder verschont wird, sondern vielmehr ob jemand sie als Glaubender oder Ungläubiger erträgt. Das Leiden an der Seuche wird somit zu einem besonderen Glaubenszeugnis dieser besonderen Zeit.

Dass jetzt beständiger Durchfall die Körperkräfte verzehrt, dass das tief im Inneren lodernde Feuer immer weiter wütet und den wunden Schlund ergreift, dass fortwährendes Erbrechen die Eingeweide erschüttert, dass die Augen durch den Blutandrang sich entzünden, dass manchen die Füße oder irgendwelche anderen Körperteile von zerstörender Fäulnis ergriffen und abgefressen werden, dass infolge der schweren Schädigung des Körpers durch die eintretende Ermattung der Gang gelähmt, das Gehör abgestumpft oder die Sehkraft getrübt wird, all das dient nur dazu, den Glauben zu erweisen. Gegen so viele Anfälle der Verheerung und des Todes mit unerschütterlicher Geisteskraft zu kämpfen, welch großen Mut zeigt das!

Welche Erhabenheit verrät es, inmitten der Vernichtung des Menschengeschlechts aufrecht zu stehen, anstatt mit denen am Boden zu liegen, die keine Hoffnung auf Gott haben! Beglückwünschen dürfen wir uns vielmehr und es als Geschenk der Zeit begrüßen, wenn wir unseren Glauben standhaft zur Schau tragen, wenn wir durch das Erdulden von Leiden auf dem engen Weg Christi zu Christus eilen und so den Lohn dieses Weges und des Glaubens nach seinem Urteil finden.

Der Tod ist allerdings zu fürchten, aber nur für den, der nicht aus Wasser und Geist wiedergeboren, sondern den Flammen der Hölle verfallen ist. Den Tod möge fürchten, wer sich nicht auf Christi Kreuz und Leiden berufen kann. Den Tod möge fürchten, wer aus diesem nur zu einem zweiten Tod übergeht. Den Tod möge der fürchten, den bei seinem Scheiden von der Welt die ewige Flamme mit immerwährender Pein foltern wird. Den Tod möge fürchten, wer von einer längeren Frist wenigstens den Gewinn hat, dass seine Qual und sein Seufzen einstweilen noch aufgeschoben sind.

Der Tod ist nicht zu fürchten! Diesen Trost gibt der Bischof seiner Gemeinde angesichts der Unausweichlichkeit vor den Folgen der Pandemie. Nicht der Tod ist zu fürchten, sondern die ewige Verdammnis, die der Tod für die Ungläubigen mit sich bringt. Das ist der Vorteil des Glaubens angesichts der gegenwärtigen Not und darum gilt es für die Gläubigen, angesichts der zu erduldenden Leiden nicht zu verzweifeln, sondern standhaft zu bleiben.

Doch Cyprian bleibt nicht allein bei dem Hinweis auf den Lohn Gottes nach dem Tod stehen, sondern sieht die Seuche auch als eine Chance für Nächstenliebe und Barmherzigkeit, ja sogar als eine Einübung für das, was den Christen damals als höchster Wert galt: das Martyrium.

Wie bedeutungsvoll, wie wichtig und wie notwendig ist sodann die Wirkung, dass diese Pest und Seuche, die so schrecklich und verderblich erscheint, die Gerechtigkeit jedes einzelnen erforscht und die Herzen des Menschengeschlechtes daraufhin prüft, ob die Gesunden den Kranken dienen, ob die Verwandten ihre Angehörigen innig lieben, ob die Herren sich ihrer leidenden Diener erbarmen, ob die Ärzte die um Hilfe flehenden Kranken nicht im Stich lassen, ob die Trotzigen ihr Ungestüm unterdrücken, ob die Habgierigen die stets unersättliche Glut ihrer Habsucht wenigstens in der Furcht vor dem Tod löschen, ob die Stolzen ihren Nacken beugen, ob die Ruchlosen ihre Keckheit mäßigen, ob die Reichen wenigstens jetzt bei dem Tod ihrer Lieben etwas hergeben und spenden, da sie doch ohne Erben dahingehen werden! Selbst wenn diese Sterblichkeit nichts weiter genützt hätte, so hat sie uns Christen und Dienern Gottes schon damit einen großen Dienst erwiesen, dass wir jetzt begonnen haben, mit Freuden nach dem Märtyrertum zu verlangen, indem wir lernen, uns vor dem Tod nicht zu fürchten. Nur Übungen sind das für uns, nicht Heimsuchungen, sie verleihen dem Herzen den Ruhm der Tapferkeit, und durch die Verachtung des Todes bereiten sie zur Märtyrerkrone vor.

Herr, dein Wille geschehe, diese Bitte aus dem Vater Unser erfüllt sich auch angesichts der Pandemie, wenn die Pläne der Menschen durchkreuzt werden, wenn viele einen vorzeitigen Tod erleiden und nicht mehr das ausführen können, was sie sich für ihr weiteres Leben vorgenommen haben. Die Pandemie führt dem Menschen seine Gebrechlichkeit vor Augen, damals wie heute.

Der tiefere Blick auf das Leben Cyprians und die Zeitumstände dieses Lebens kann ihn in besonderer Weise zu einem Gefährten unserer Zeit machen. Auch wenn uns Jahrhunderte von ihm trennen, haben unsere Zeiten einiges gemeinsam. Cyprian ist in einer Zeit aufgewachsen, als das römische Nordafrika einen Höhepunkt seiner kulturellen und wirtschaftlichen Blüte erlebte, die für viele Menschen Wohlstand und Sicherheit bedeutete. Die Natur schien dem Menschen wohlgesonnen und sorgte für einen geregelten Wechsel der Jahreszeiten.

Er musste dann aber erfahren, wir brüchig dieses weltliche Geschick war. Die letzten Jahre seines Lebens waren geprägt von einer Zeit der politischen Instabilität, wirtschaftlicher Notlagen, Dürren, Hungersnöten und nicht zuletzt einer Pandemie, die unzählige Menschen auf grausamste Weise dahinraffte. Viele glaubten damals an das Ende der Zeiten, und doch hat sich die Welt wieder erholt, eine neue Zeit brach an, Menschen bauten das Zerstörte wieder auf, das Klima wurde wieder freundlicher. Der Glaube Cyprians an Jesus Christus blieb unerschütterlich. Unser Heil ist nicht abhängig von irdischem Wohlergehen, sondern allein von unserem Glauben an den, der die Welt in seinen Händen hält in guten wie in schlechten Zeiten. Sein sind Anfang und Ende. Er ist das Ziel unseres Lebens.

Dreifaltigkeit

Früh am Morgen stand Mose auf und ging auf den Sinai hinauf, wie es ihm der Herr aufgetragen hatte. Die beiden steinernen Tafeln nahm er mit. Der Herr aber stieg in der Wolke herab und stellte sich dort neben ihn hin. Er rief den Namen des Herrn aus. Der Herr ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Der Herr ist der Herr, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue. (Ex 34,4-6)

Gibt es Gott? Wie ist Gott? Wer ist Gott? Immer wieder stellen Menschen diese Fragen. Es mag Zeiten gegeben haben, in denen viele die Existenz Gottes als selbstverständlich angenommen haben und in denen die Mehrheit der Menschen das ihnen von Kindheit an vermittelte Gottesbild nicht hinterfragt habt. Aber doch beschäftigt nicht nur den Zweifler, sondern auch den gläubigen Menschen die Frage nach Gott.

Am Dreifaltigkeitssonntag präsentiert uns die Kirche eine Lesung aus dem Buch Exodus, die von einer ganz besonderen Gotteserfahrung des Mose spricht. Das Alte Testament kennt kein Gottesbild, ja es verbietet sogar aufs Schärfste, dass sich die Menschen ein Bild von Gott machen. Das war damals sehr ungewöhnlich, denn alle Völker rings um Israel machten sich Bilder und Statuen von ihren Göttern und verehrten sie. Es entspricht dem Wesen des Menschen, dass er alles greifbar und verständlich vor sich haben möchte.

Der Gott Israels aber will den Menschen auf eine andere Weise nahe sein. Er will nicht durch einen äußerlichen Kult verehrt werden, sondern er will im Herzen des gläubigen und gerechten Menschen wohnen. Gott ist nicht dem besonders nahe, der die reichsten Opfergaben bringt, sondern dem, der sich an die Gebote Gottes hält. Die Übermittlung der Zehn Gebote ist auch der Zusammenhang, in dem dieser Text steht.

Was war geschehen? Gott hat Israel durch Mose aus Ägypten geführt, sie sind lange durch die Wüste gezogen und nun schließt Gott mit dem Volk einen Bund, indem er ihm durch Mose seine Gebote übergibt. Aber während Mose lange Zeit auf dem Berg allein mit Gott ist, wird das Volk ungeduldig und macht sich ein goldenes Kalb, das fortan sein Gott sein soll. Es ist leichter für das Volk, ein goldenes Standbild zu verehren, als einen Gott, der im Verborgenen ist.

Als Mose vom Berg herab kommt sieht er das goldene Kalb und wie das Volk es mit kultischem Tanz verehrt. Voller Zorn zerschmettert er die Tafeln, auf die Gott selbst die Zehn Gebote geschrieben hat. Was wird nun geschehen? Wird Gott das Volk vernichten, weil es sich so schnell von ihm abgewandt hat? Nein, Gott ist geduldig. Mose zerstört das goldene Kalb und macht neue Tafeln aus Stein, mit denen er erneut zu Gott auf den Berg steigt, um die Zehn Gebote zu empfangen.

Obwohl das Alte Testament kein Bild von Gott kennt, schildert es ihn doch oft sehr menschlich. Er kann in Zorn geraten, dann aber von einem besonders frommen Menschen wie Mose oder einem Propheten wieder besänftigt werden. Wenn er erscheint, dann geschieht das oft in Verbindung mit Blitz und Donner, aber sein wahres Gesicht verbirgt sich im erfüllten Schweigen. Gott ist für den Menschen nicht fassbar. Er kann dem Menschen nahe kommen, aber doch kann niemand sein Gesicht sehen. Man merkt förmlich, wie schwer es den Verfassern fällt, das, was sich durch menschliche Worte nicht ausdrücken lässt, in Worte zu fassen.

Und dann wird Gott plötzlich doch sichtbar für den Menschen, er kommt als Mensch in diese Welt in seinem Sohn Jesus Christus. Doch damit nicht genug. Christus verheißt, dass nach seinem Weggang der Heilige Geist seine Stelle unter den Menschen einnehmen wird. Zu allen Zeiten haben die Menschen damit gerungen, was das für ein Gott ist, der als Vater im Himmel ist, der seinen Sohn auf die Erde sendet und der dann im Heiligen Geist unter den Menschen gegenwärtig bleibt. Und bei all dem sind es keine drei Götter, sondern Vater, Sohn und Geist sind der eine Gott.

Vielleicht ist es gerade die Angewohnheit des Menschen, alles greifbar und verstehbar machen zu wollen, die uns den Blick auf dieses Geheimnis verstellt. Die Konzilien der Alten Kirche haben versucht, das Unfassbare und Worte zu fassen, Worte, die oft aus langem Streit entstanden sind und wieder Streit und Spaltung verursacht haben, Worte, die bis heute gelten, aber bis heute oft unverstanden und vor allem erklärungsbedürftig sind. Gott will sich nicht in Bilder zwängen lassen, aber auch nicht in Worte.

Gibt es dann überhaupt eine Antwort auf die Frage des Menschen nach Gott? Ich glaube ja. Zu allen Zeiten ist Gott ein Gott der barmherzig, gnädig, langmütig und reich an Huld und Treue ist. Er will das Heil des Menschen. Als Gott des Heils hat er sich den Menschen des Alten Testaments gezeigt, als Heilsbringer ist Jesus Christus aufgetreten und dieses Heil wirkt der Heilige Geist in der Welt. Dieses Heil will Gott uns auch heute schenken. Daran erkennen wir Gott. Wenn wir nach Gott fragen, so müssen wir auch immer danach fragen, wo für uns das Heil sichtbar und erfahrbar wird. Und in diesem Heil erkennen wir den verborgenen Gott.

Pfingsten

Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch. – Mit diesen Worten des Propheten Joel (Joel 3,1) beginnt Petrus seine Predigt am Pfingsttag (Apg 2,17) und will damit sagen, dass eine Sehnsucht des Volkes Israel an diesem Tag in Erfüllung geht. Es ist etwas Unerhörtes. Nicht mehr nur auserwählten Anführern, Priestern und Propheten schenkt Gott seinen Geist, sondern er gießt ihn unbegrenzt aus über die ganze Welt.

Der Geist Gottes, der Heilige Geist, ist Gottes unsichtbare Kraft, die alles durchdringt und heiligt. Wir können ihn nicht sehen, aber wir können sein Wirken spüren. Wind, Feuer und Taube sind Bilder, die uns sein Wirken veranschaulichen sollen. Der Geist ist friedfertig wie eine Taube, er erwärmt alles in seiner Nähe wie die Kraft des Feuers, und er treibt an wie der Wind, wenn er in die Segel eines Schiffes bläst.

Gottes Geist ist überall, aber er kommt zu uns nicht ungefragt. Nur wer ihn einlässt, erfährt seine Kraft. Aber wir fragen oft auch: Wo ist sein Wirken geblieben, warum vertreibt er mit seiner machtvollen Kraft nicht alles Übel und alles Böse aus der Welt? Warum fühle ich selbst mich selbst oft so schwach, obwohl ich täglich um den Heiligen Geist bete?

Vertrauen wir seiner Kraft, die oft auch im Verborgenen wirkt. Es braucht lange, um ein kaltes Herz aus Stein wieder zum Glühen zu bringen. Er will es nicht einfach fortwehen, sondern wartet geduldig, ob es sich nicht doch für seine Wärme öffnet. Gott will mit seinem Wirken die ganze Welt erfüllen, nicht nur die Frommen. Er hat ja alles geschaffen und liebt alle, auch wenn viele sich gegen ihn verschließen.

Beten wir jeden Tag und heute am Pfingstfest ganz besonders darum, dass die Welt sich öffnet für das Wirken des Heiligen Geistes. Nur so geschieht Heil und entsteht Heilung und Heiligkeit.

Komm, Heiliger Geist, komm herab über alles Fleisch, damit die ganze Welt Gottes Heil erfahre. Wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt, lenke, was den Weg verfehlt!

Paulus auf dem Areopag

Bei seiner 2. Missionsreise kommt Paulus auf seinem Weg durch Griechenland auch nach Athen. Diese Stadt hatte damals ihre politische Bedeutung verloren, die sie einst als mächtiger griechischer Stadtstaat gehabt hatte. Dennoch lebte ihr Ruhm als Stadt der Philosophen weiter und das Erbe der großen Philosophen wie Aristoteles, Platon und Epikur wurde hier weiter gepflegt. Doch trotz der differenzierten philosophischen Weltanschauung war auch der traditionelle Götterglaube in Athen fest verwurzelt und überall standen die Statuen dieser Götter. Griechische Bildhauerei war in der Antike berühmt, griechische Statuen besonders auch in Rom begehrt und noch heute können wir in vielen Museen solche antiken Statuen bewundern. Für Paulus aber waren sie keine wertvollen Kunstwerke, sondern erregten vor allem seinen Zorn. Wie viele Juden hatte er eine tiefe Verachtung gegenüber der heidnischen Vielgötterei.

Auch in Athen beginnt Paulus sogleich von seinem Glauben an Jesus Christus zu erzählen. Hier sind es aber nicht wie in vielen anderen Städten die Juden, mit denen er über die Auslegung der Heiligen Schriften und deren Deutung auf Jesus Christus hin diskutiert, sondern die Mitglieder der Philosophenschulen. Diese werden bald auf den fremden Wanderprediger aufmerksam und wollen mehr über seine Lehre erfahren. Sie laden Paulus ein, auf dem Areopag, dem altehrwürdigen Versammlungsort Athens, eine Rede zu halten.

Sicher war das damals eine besondere Ehre und es zeigt, dass Paulus als ernstzunehmender Diskussionspartner wahrgenommen wurde. Für Paulus war eine solche Rede aber weit schwieriger als die Predigt unter Juden und Gottesfürchtigen, bei denen er mit der Heiligen Schrift argumentieren konnte, die er in und auswendig kannte. Wahrscheinlich hatte Paulus in seiner Erziehung aber auch die Grundzüge griechischer Philosophie gelernt und genau dieses Wissen baut er nun geschickt in seine Rede ein.

Doch obwohl Paulus seine Rede mit einem Lob der Athener als besonders fromme Menschen beginnt und auf dem Höhepunkt seiner Rede sogar einen Philosophen wörtlich zitiert – was sicher bei seinen Zuhörern Eindruck machte – lehnen die meisten Athener seine Lehre ab. Zu stolz sind sie auf das Erbe ihrer großen Philosophen und zu fremdartig erscheint ihnen das, was Paulus sagt. Auferstehung passt in keines der philosophischen Konzepte und ein Erlöser aus dem unbedeutenden Judäa war auch nicht gerade attraktiv.

Es wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn sich die Schüler der Philosophen so schnell für den christlichen Glauben entschieden hätten. Die Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie prägt die ersten Jahrhunderte des Christentums. Und selbst als im 6. Jahrhundert unter Kaiser Justinian die letzte Philosophenschule in Athen geschlossen wurde, lebte die Lehre der Philosophen noch weiter fort. Gerade Platon und Aristoteles spielen bis heute eine bedeutende Rolle in der Theologie.

Während die Götter Griechenlands verschwunden sind, besteht die Kunst philosophischen Denkens bis heute fort und es ist gut, wenn sich Philosophie und Theologie gegenseitig ergänzen, denn in beiden Wissenschaften geht es ja um das Wahre, Schöne und Gute und um die rechte Lebensweise. Der Erfolg des Paulus war zwar nicht direkt offensichtlich, nur wenige Anhänger findet er in Athen, aber er stößt eine Entwicklung an, die bis heute von großer Bedeutung ist.

Er verkündete Christus

Philippus aber kam in die Hauptstadt Samariens hinab und verkündete dort Christus. (Apg 8,5)

Dieser Satz aus der Apostelgeschichte erscheint zunächst unscheinbar, aber es lohnt sich, länger bei ihm zu verweilen. Lukas hat zuvor berichtet vom Pfingstfest, von der Urgemeinde in Jerusalem, von der Verfolgung durch Saulus und den Tod des ersten Märtyrers Stephanus. Genau wie Stephanus gehört auch Philippus zu den sieben Diakonen (Apg 6,1-7), die von der Urgemeinde ausgewählt wurden. Philippus nahm unter ihnen den zweiten Platz nach Stephanus ein.

Während die Apostel in Jerusalem blieben, begleiteten die Diakone die durch die Verfolgung zerstreute Gemeinde. Samarien lag in direkter Nachbarschaft zu Judäa und war somit der nächstgelegene Fluchtpunkt für die Verfolgten. Vor allem hatten die Anführer der Juden dort keinen Einfluss, denn es galt als entwürdigend für einen Juden, mit den Samaritern zu verkehren und ihr Gebiet zu betreten. Auch in den Evangelien ist der Streit zwischen Juden und Samaritern ein Thema und Jesus lehrt seine Jünger, dass die Samariter ebenso Kinder Gottes sind wie die Juden. Die Begegnung mit der Samariterin am Jakobsbrunnen und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter sind zwei Beispiele, wie Jesus die Ausgrenzung der Samariter durchbricht.

Jesus hat also bereits den Grund dafür gelegt, dass das Evangelium in Samarien verkündet werden kann. Die Bewohner Samariens sind die ersten Fremden, zu denen die junge Kirche kommt. Vielleicht erinnern sich manche von ihnen noch daran, wie Jesus durch ihr Gebiet gezogen ist und hören nun voller Staunen, was Philippus über diesen Wanderprediger erzählt, dass er in Jerusalem hingerichtet wurde, nach drei Tagen aber auferstanden ist.

Philippus verkündet Christus. Er verkündet das Wesentliche. Er spricht von der Person, auf die allein es im Christentum ankommt. Er spricht von Christus, von der Erlösung, die er durch seinen Tod und seine Auferstehung bewirkt hat, das neue Leben, das alle erwartet, die an ihn glauben. Und er macht das Reich Gottes erfahrbar, indem er ebenso wie Christus heilt und Dämonen austreibt.

Philippus tritt auf wie Christus. Er hat nichts anderes zu sagen, als das, was Jesus kurze Zeit davor gepredigt hat. Er tut, was Christus getan hat. In seinen Boten wird Christus erfahrbar und durch die Boten Christi erfährt jeder Gläubige das Wirken Christi selbst. So geht Glaube. Glaube bedeutet nichts anderes, als Christus erfahren. So ging Glaube damals und so geht Glaube heute.

Es ist eigentlich ganz einfach. In diesem einen Satz ist alles zusammengefasst. Er verkündet Christus. Christus lebt, Christus rettet, Christus heilt. Er ist auferstanden, in ihm ist das Leben. Als der Auferstandene ist er in seiner Kirche immer gegenwärtig. Sein Wirken bleibt allezeit erfahrbar. Das muss auch unsere Verkündigung heute sein. Nichts wissen, außer Christus, nichts tun, außer das, was Christus getan hat. Das ist alles und wenn wir so Christus die Ehre geben, wird sein Heil auch heute gegenwärtig und erfahrbar.

Psalm 34 (2)

Ich will den Herrn allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund. Meine Seele rühme sich des Herrn; die Armen sollen es hören und sich freuen. Preist mit mir die Größe des Herrn, lasst uns gemeinsam seinen Namen erheben! (Ps 34,2-4)

Gott rettet. Davon kündet der Psalm 34. Für diese Rettung gebührt Gott in erster Linie Dank und dieser Dank steht am Anfang. Vor jeder Bitte oder Klage kommt der Dank. Das mag etwas ungewöhnlich erscheinen, aber Bitte und Klage machen nur Sinn, wenn sie aus dem Vertrauen heraus kommen, dass Gott uns bereits gerettet hat. Dies ist auch ein zutiefst neutestamentlicher Gedanke. So sagt Jesus: „Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“ (Mk 11,24) Lobpreis und Dank zuerst! Hierin sind uns die Psalmen ein Vorbild für unser persönliches Gebet.

Gott loben, mit Mund und Seele, also nicht nur mit Worten, sondern mit dem ganzen Bewusstsein. Lob, das nicht nur so daher gesagt ist, sondern eine feste Überzeugung ist, die aus dem Grund des Herzens kommt. Lobpreis, nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern so, dass ihn auch andere hören können, damit immer mehr Menschen von Gottes Rettung hören, daran glauben und sie dann auch selbst im eigenen Leben erfahren. Lobpreis im Chor der Geretteten, gemeinsam mit vereinter Stimme, ein Jubel, der die ganze Welt umspannt.

Gottes Name ist groß. Diese orientalisch-biblische Tradition lebt heute vor allem im Islam weiter, während zumindest wir westlichen Christen weitgehend davon abgekommen sind, Gottes Namen zu rühmen. Für die Juden ist dieser Name Gottes so groß, dass sie ihn nicht mehr aussprechen und daher heute niemand mehr genau weiß, wie dieser Name, mit dem Gott sich am Sinai offenbart hat, genau klingt. Der Islam kennt die 99 Namen Gottes, die der Gläubige in seinem Gebet aufsagt.

Vielleicht ist es gerade der Glaube an den dreifaltigen Gott, der den Namen Gottes uns Christen hat fremd werden lassen? Kann ein dreifaltiger Gott einen Namen haben? Für uns Christen soll der Name „Jesus Christus“ die Bedeutung haben, dass in diesem Namen Rettung und Heil sind und dass diesem Namen unser Lobpreis gebührt. Es gibt ein Fest vom Namen Jesu, das aber weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Große Heilige haben sich das Christus-Monogramm JHS über dem Herzen eingeritzt. In der Ostkirche gibt es die Tradition des Herzensgebetes, bei dem ein Satz wie „Herr Jesus, erbarme dich meiner“ ständig gebetet wird.

Gottes Name ist etwas Wunderbares. In seinem Namen sind Rettung und Heil. Wenn wir das wieder neu lernen und Gott wie eine uns vertraute Person mit Namen ansprechen, wenn uns der Name Gottes wieder neu vertraut wird, dann können wir so zu einer neuen und tieferen Begegnung und Vertrautheit mit Gott finden und seine wunderbaren Taten in unserem Leben erfahren.

Psalm 34 (1)

Von David. Als er sich vor Abimelech wahnsinnig stellte und dieser ihn wegtrieb und er ging. (Ps 34,1)

Psalm 34 wird in der Überschrift als Davidpsalm gekennzeichnet und wie viele dieser Psalmen mit einer Begebenheit aus dem Leben des großen Königs in Verbindung gebracht. Es wird Bezug genommen auf 1Sam 21. Wenn wir uns diese Stelle jedoch etwas genauer ansehen, treten einige Unklarheiten zutage. In 1Sam 21,1-10 ist nämlich von einem Priester Ahimelech die Rede, der David unterstützt hat und ihm und seinen Männern auf seiner Flucht vor Saul die heiligen Schaubrote zu essen gab (auf diese Stelle nimmt Jesus in Mk 2,25-26 Bezug). Dieser kann also nicht der genannte Abimelech sein

Die Stelle, auf die sich Psalm 34 bezieht, folgt im Anschluss an diese Begebenheit bei der weiteren Flucht Davids und wird in 1Sam 21,11-16 geschildert. David flieht vor Saul außer Landes zu den Philistern, zum König Achisch von Gat. Diesem aber ist der große Krieger Israels, der Goliat und viele andere Philister im Kampf besiegt hat, verdächtig. Als David merkt, dass er hier keine Unterstützung bekommt, stellt er sich verrückt, so dass die Philister ihn fortjagen und er sich anderswo in Sicherheit begeben kann.

Warum aber wird der Philisterkönig Achisch hier Abimelech genannt? Wahrscheinlich war Abimelech („mein Vater ist König“) eine allgemein gebräuchliche Bezeichnung der Philisterkönige. Der Name begegnet uns mehrmals im Buch Genesis (Gen 20,1-18; 21,22-34; 26,1-26). Abraham und später auch sein Sohn Isaak haben mit dem Philisterkönig Abimelech zu tun. Wir sehen hier ganz deutlich, wie über bestimmte Namen die verschiedenen Erzählungen der Bibel wie durch einen roten Faden miteinander verbunden werden, denn auch in Gen 20 und 26 ist von Rettung die Rede. Hier handelt es sich jeweils um die Rettung der Ahnfrau. Sowohl Abrahams Frau Sarah als auch Isaaks Frau Rebekka wurde von Abimelech in dessen Harem aufgenommen in der Annahme, dass sie nicht die Frau, sondern nur die Schwester von Abraham bzw. Isaak ist. Durch das Eingreifen Gottes wird dieses Missverständnis offenbar und die Frauen werden unversehrt und reich beschenkt zu ihren Männern zurückgeschickt.

Gott rettet, das ist die Grundaussage, die im Psalm 34 auf vielerlei Weise besungen wird. Ps 34,21 trifft dann noch eine weitere bedeutungsvolle Aussage. „Er behütet all seine Glieder, nicht eins von ihnen wird zerbrochen“, heißt es dort. Diese Stelle bezieht sich auf Exodus 12,46. Dort wird über das Paschalamm neben anderen Vorschriften angeordnet, dass die Israeliten bei dessen Verzehr „keinen seiner Knochen zerbrechen“ sollen. Diese Stelle wiederum wird vom Evangelisten Johannes aus Jesus am Kreuz bezogen (Joh 19,36) und zeigt im Sinne dieses Evangelisten Jesus als das wahre Lamm Gottes. Gott rettet, er rettet die erwählten Väter des Hauses Israel, er rettet den erwählten König und er rettet seinen auserwählten Sohn. Durch den Tod hindurch ersteht der gekreuzigte Christus zu neuem Leben und mit Christus werden alle gerettet die an ihn glauben, so wie Gott bereits sein Volk von Urzeit an immer wieder errettet hat.

Im deutschen Text nicht mehr erkennbar ist Psalm 34 als Akrostichon aufgebaut. Dies bedeutet, dass jeder Vers des Psalms mit einem Buchstaben in der Reihenfolge des Hebräischen Alphabets beginnt. Die lateinische Vulgata hat diesen Aufbau bewahrt, indem sie den entsprechenden hebräischen Buchstaben jeweils an den Anfang des Verses schreibt. Akrostichie ist oftmals Kennzeichen von Lehrgedichten, die sich durch diesen Aufbau besser im Gedächtnis einprägen. Auch Psalm 34 hat lehrhaften Charakter und beschreibt die Vorzüge eines Lebens in Gottesfurcht.

Seelenhirte (1Petr 2)

Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber habt ihr euch hingewandt zum Hirten und Hüter eurer Seelen. (1Petr 2,25)

Der 4. Sonntag der Osterzeit ist der Sonntag vom Guten Hirten. Als Evangelium hören wir an diesem Sonntag aus dem 10. Kapitel des Johannesevangeliums, wo Jesus von sich als dem Guten Hirten spricht. Bereits in den Psalmen und bei den Propheten begegnet uns dieses Bild vom Guten Hirten. Er kümmert sich um seine Schafe und führt sie auf satte Weiden, bei denen es auch frisches Wasser gibt.

Der Apostel Petrus wird von Jesus zum Hirten bestellt (vgl. Joh 21,14-19). Davon ausgehend sieht die Kirche seit alters her die Bischöfe als Hirten, und deren Bischofsstab entspricht dem Hirtenstab und ist Zeichen für ihre Hirtensorge um die Gemeinde. Daher spielt der Petrusbrief an dieser Stelle, die im Lesejahr A am Sonntag vom Guten Hirten gelesen wird, sicher auch auf die Funktion des Petrus als Bischof und Hirten an (in der alten Übersetzung stand hier statt Hüter noch explizit Bischof).

Doch Petrus und die Bischöfe und Päpste sind nicht Hirten aus sich selbst, sondern immer nur als Abbilder Christi. Sie zeigen Gottes Sorge um die Menschen. In den vorangegangenen Versen hat der Petrusbrief ja den Hirtendienst Jesu beschrieben. Jesus hat sich hingegeben für die Menschen. Er hat Heilung gebracht durch sein Blut, das er am Kreuz vergossen hat.

Jesus geht bis ans Äußerste, um die Menschen zu retten. So wie ein guter Hirte durch unwegsames Gelände geht, um ein verlorenes Schaf zu suchen und die Gefahr wilder Tiere nicht scheut, um die Herde zu retten, so hat es Jesus mit dem mächtigsten Gegner der Menschen aufgenommen, dem Tod. Nach seinem Sieg hat der Tod keine Macht mehr über die Menschen. Auch wenn er hier auf Erden noch mit seinen Kräften spielt und die Menschen durch seine Waffen wie Krankheit und Leiden bezwingt, so kann er die Toten nicht für immer behalten, sondern durch den Tod führt der Weg in ein neues Leben bei Gott.

Viele Menschen verirren sich. Viele Menschen sind wie Schafe, die in der Herde laufen und sich dann gemeinsam verirren, weil einer dem anderen folgt. Viele sehen nicht die Gefahren, sondern folgen blind dem Mainstream, der Meinung, die gerade populär ist und den angesagten Vergnügungen, ohne darüber nachzudenken, ob das wirklich gut ist für sie und andere Menschen.

Wenn wir unser Leben Christus anvertrauen, dann sind wir wirklich gerettet. Diese Botschaft war es, die den ersten Christen den Mut gab, auch in Verfolgungen standzuhalten. Welche Bedeutung hat Christus für mich? Kann ich glauben, dass er für mich sorgt und dass ich in ihm das Leben habe, dass er mir mehr gibt als die Welt je geben kann?

Auferstehung – Rettung

Und wenn ihr den als Vater anruft, der jeden ohne Ansehen der Person nach seinem Tun beurteilt, dann führt auch, solange ihr in der Fremde seid, ein Leben in Gottesfurcht! Ihr wisst, dass ihr aus eurer nichtigen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold. (1Petr 1,17-18)

Rettung, Loskauf, Heil, das sind Stichworte, die den gesamten Ersten Petrusbrief sowie alle Schriften des Neuen Testaments wie ein roter Faden durchziehen. Christus ist der Retter der Welt, die Geretteten all jene, die an ihn glauben.

Rettung – aber wovon? Mir kommt hier ein Vers aus dem Kreuzeshymnus des Venantius Fortunatus in den Sinn, in dem es heißt: „du, die Planke, die uns rettet aus dem Schiffbruch dieser Welt“. Die Menschheit hat Schiffbruch erlitten durch ihre unstillbare Gier und ihr Streben nach Macht und Erfolg. Allein das Kreuz Christi bietet die letzte Hoffnung auf Rettung vom drohenden Untergang.

Doch wir werden leicht skeptisch, wenn jemand mit einer Botschaft von Untergang und Rettung daherkommt. Verschwörungstheoretiker nutzen die Angst der Menschen aus, und bieten Alternativkonzepte an, die aber bei genauem Hinsehen eher den Niedergang fördern als ihm entgegenzusteuern. Ist es nicht das tatkräftige und einmütige Zusammenwirken der Menschheit, das Rettung bringt? Brauchen wir da noch einen Gott als Retter?

Das sind Fragen einer aufgeklärten Menschheit und vielleicht sind sie der Grund dafür, warum sich in unserer westlichen Welt immer weniger Menschen für das Christentum interessieren. Dabei steht der heutige Mensch der Religion an sich ja nicht ablehnend gegenüber, aber viele suchen eher nach einer Religion, die ihnen neue Perspektiven zu einem erfüllteren Leben eröffnet, als nach einer Religion, die das Leben mit Gesetzen und Geboten einzuengen scheint.

Daher finde ich es wichtig, die befreiende Botschaft des Christentums wieder mehr in den Vordergrund zu stellen. Was ist das Besondere am Christentum? Lebensregeln und Rituale hat jede Religion, oft hängen diese von der Zeit und dem Ort ab, an dem diese Religion entstanden ist. Allgemein in der Gesellschaft übliche Lebensregeln werden durch die Religion göttlich legitimiert, um ihre Einhaltung noch wirkungsvoller steuern zu können.

Wenn wir auf Jesu Botschaft in den Evangelien blicken so sehen wir, dass er viele der jüdischen Vorschriften nicht gelten lassen wollte und sie bewusst gebrochen und infrage gestellt hat. Ihm ging es stets um den Kern der Gebote. Gott hat sie gegeben, um den Menschen das Zusammenleben zu erleichtern und nicht, um es schwerer zu machen. Gesetze und Gebote sind notwendig, um das Zusammenleben der Menschen zu gestalten, aber nicht alle davon sind in Stein gemeißelt und müssen sich stets an die Veränderungen der Gesellschaft anpassen.

Christi Rettungstat und der Kern des Christentums liegt also nicht in bestimmten Geboten und Ritualen, nach denen die Christen leben. Diese sind wandlungsfähig. Der Kern der christlichen Botschaft besteht meines Erachtens in dem Glauben daran, dass Jesus Christus die Fülle der Offenbarung Gottes gebracht hat und durch seine Auferstehung den endgültigen Sieg über den Tod bewirkt hat und damit bereits auf Erden das Reich Gottes Wirklichkeit geworden ist. Christliches Leben besteht in einem Leben gemäß dieser Hoffnung, dass Leben stärker ist als Tod und dass über allem die Liebe triumphiert. Ein Leben nach dieser Liebe, von der Jesus oft spricht und die alles – Gott, Menschen und Schöpfung – miteinander verbindet, ist die Herausforderung aller Gläubigen und muss erfinderischer sein als die bloße Befolgung festgesetzter Gesetze und Gebote.

Der Glaube daran, dass mit Jesus Christus etwas unüberbietbar Neues in die Welt gekommen ist, bestimmt auch das Gespräch mit anderen Religionen. Da kann man sicher davon sprechen, dass es bei vielen Bräuchen Ähnlichkeiten unter den verschiedenen Religionen gibt, aber wie bereits gesagt, diese rühren daher, dass es sich dabei um den Ausdruck allgemeiner Umgangsformen handelt, die nur sekundär Teil der Religion sind.

Wenn wir aber davon sprechen, dass Christus die Fülle der Offenbarung gebracht hat und mit seiner Auferstehung etwas unüberbietbar Neues gesetzt hat, sehen wir, dass wir dabei auf unvereinbare Gegensätze mit anderen Religionen stoßen. Die Juden erkennen Jesus nicht als den Messias an, der allein so etwas tun könnte. Der Islam sieht Jesus zwar als großen Propheten an, reiht in aber ein in die Reihe der Propheten, die erst mit Mohammed ihren Höhepunkt findet. Nach Sicht der Muslime hat Christus nicht die Fülle der Offenbarung gebracht und auch kein solch entscheidendes Zeichen wie die Auferstehung gesetzt.

Mit dem Glauben an die Auferstehung steht und fällt die Einzigartigkeit des Christentums. Allein die Auferstehung ist die Triebfeder christlichen Handelns. Sie schafft das entscheidend Neue für die Menschheit. Wer an Christus glaubt, hat jetzt schon Anteil an dieser Auferstehung. Er führt ein Leben, das zwar immer noch bedroht ist von Krankheit und Leid, das aber durch keine Macht vernichtet werden kann, weil es trotz Tod und Leid bereits verwandelt ist in ein neues, unvergängliches Leben.

Wir sollten Auferstehung nicht so sehr als Vertröstung auf ein Jenseits sehen. Nur wenn wir verstehen, was Auferstehung schon jetzt mit unserem Leben macht, ermessen wir ihre wahre Kraft. Dies zu erkennen ist die Erfahrung des Heils. Wir sehen uns dann als Gottes Kinder, für die Gott schon hier auf Erden sorgt, wie es Jesus immer wieder sagt. Wer sich so von Gott geliebt und beschenkt erfährt, der wird auch seinen Mitmenschen mit Liebe und Barmherzigkeit begegnen.