Mensch – wo bist du?

Gott, der Herr, rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? (Gen 3,9)

Mensch – wo bist du? Das verzweifelte Suchen Gottes nach dem Menschen durchzieht die gesamte Menschheitsgeschichte. Gott hat den Menschen immer wieder gerufen, das Alte Testament kennt die großen Hörer des Rufes Gottes, Henoch, Noach, Abraham, Mose, Samuel, David, die Propheten, um nur einige von ihnen zu nennen. Der Mensch aber geht immer wieder eigene Wege und missachtet das Gebot Gottes, das ihm das Leben sichern soll. Dafür steht symbolisch der Schöpfungsmythos am Beginn des Buches Genesis.

Das Verhältnis zwischen Gott und Mensch ist in erster Linie ein gestörtes Verhältnis. Das Suchen Gottes nach dem Menschen ist oft einseitig. Gott hat dem Menschen die Erde anvertraut, hat den Menschen daraufhin angelegt, im Einklang mit seiner Umwelt zu leben, der Mensch aber will immer mehr, will seinen Besitz auf Kosten anderer und der Umwelt immer weiter anhäufen und macht damit das kaputt, was Gott so schön und gut gemacht hat.

An Weihnachten findet das Suchen Gottes nach dem Menschen seinen Höhepunkt. Gott selbst wird Mensch und zwar in erschreckend einfachen Verhältnissen. Nicht in einem Haus der großen Religionsführer, etwa in der Familie eines der Hohenpriester oder Schriftgelehrten, die ihre Macht und ihren Reichtum damit rechtfertigen, dass sie ja der Größe des Gottes, dem sie dienen, dadurch Ausdruck verleihen müssen – und damit Gott selbst verhöhnen, der die seligpreist, die arm sind vor Gott.

Gott wird Mensch im Schoß einer Frau, die in den Augen der Welt nicht groß und mächtig ist, die keinen großen materiellen Reichtum besitzt, die aber reich ist vor Gott, weil sie von Kindheit an Gott sucht. Die Größe Mariens besteht darin, dass ihr Herz voll ist von der Liebe zu Gott und dass sie bereit ist, auf Gottes Stimme zu hören. Das ist kein Reichtum, der nur wenigen Privilegierten offen steht und der auf Kosten anderer geht. Diesen Reichtum kann jeder Mensch erwerben. Jesus wird uns in seinem Leben und in seinen Worten zeigen, wie das geht.

Weihnachten zeigt uns, dass es ein Irrweg ist, wenn wir meinen, wir müssten Gott damit dienen, dass wir ihm große Bauten errichten, in denen wir seine Herrlichkeit in goldenen Utensilien anschaulich machen. Ja, Gott ist mächtig und ihm gebührt die Ehre, aber er selbst zeigt uns, wie sich diese Ehre zeigt, im Lächeln des Kindes von Betlehem, dessen Hände offen und leer sind, in dessen Herzen aber die Fülle der Gottheit wohnt.

Mensch – wo bist du? Heute müssen wir uns zunächst einmal damit auseinandersetzen, dass viele gar nicht mehr daran glauben, dass es einen Gott gibt, der diese Frage stellt. Braucht der Mensch einen Gott, der nach ihm sucht? Wir wissen, dass die Geschichte vom Paradies ein Mythos ist. Aber wir glauben, dass Gott irgendwie an der Erschaffung der Welt und des Menschen mitgewirkt hat. Wie, das wissen wir nicht. Wir wissen heute viel über die Jahrmillionen, in denen sich das Universum entwickelt hat, die Erde zu dem Planeten wurde, wie wir sie heute kennen und dann schließlich das Leben hier entstanden ist. Aber doch liegt vieles im Dunkeln. Mit unseren heutigen wissenschaftlichen Methoden kommen wir zwar sehr nahe an den Zeitpunkt heran, als das Universum entstanden ist, aber der Zeitpunkt seines Entstehens bleibt uns unzugänglich. Wir wissen viel über das Leben, aber wie höhere Lebensformen und schließlich auch der Geist des Menschen entstanden sind, können wir nicht mit absoluter Sicherheit sagen.

Es bleibt auch in unserer hochtechnisierten Welt noch Platz für Gott. Zwar gibt es keinen Platz mehr für die Götter, die sich die Menschen gemacht haben, um mit ihnen die Sterne und Planeten zu besetzen oder die Naturgewalten zu erklären. Es gibt auch keinen Platz mehr für die Götter des Schicksals, denen die Menschen die unerklärlichen Ereignisse in ihrem Leben zugeschrieben haben. Aber es gibt einen Platz für einen Gott, der im Herzen des Menschen wohnt, der ihm nahe ist und der das Suchen des Menschen nach Erkenntnis, Liebe und Lebenssinn begleitet.

Jeder Mensch muss selbst herausfinden, ob es in seinem Leben einen Platz gibt für diesen Gott. Wer aber bereit ist, sich auf diesen Gott einzulassen, der wird seinen Ruf nach dem Menschen hören. Und wer dann antwortet: Hier bin ich, Herr!, der wird mehr über diesen Gott erfahren. Er wird verstehen, wie jemand, der sich so klein macht wie ein Kind, doch stärker sein kann als die Mächtigen dieser Welt, er wird verstehen, wie jemand, der schenkt, mehr haben kann, als die Reichen dieser Welt, und er wird eine Liebe erfahren, wie sie die Welt nicht geben kann.

Mensch – wo bist du?

Hier bin ich Herr!

Ich habe dich gesehen

im Stall von Betlehem.

Ich irrte durch die Nacht

und sah ein Licht.

Ich trat hinzu

uns spürte eine Nähe

in den Augen dieses Kindes

das mich anblickte.

Jetzt weiß ich, Gott,

wie sehr du dich nach mir sehnst.

Lass mich den Weg mit dir gehen,

den Weg hinein ins Leben.

Amen.

Das Evangelium des Paulus

Das Evangelium von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn. (Röm 1,3-4)

Am Beginn des Römerbriefes stellt Paulus sich den Römern als von Jesus Christus selbst berufener Apostel und Verkünder des Evangeliums vor. Dabei kommt es für ihn nicht so sehr darauf an, das Leben Jesu in seinen Einzelheiten zu schildern, wie es die Schriften, die wir heute Evangelien nennen, tun. Anders als die übrigen Apostel hat Paulus Jesus Christus nicht als Mensch gekannt, sondern wurde erst einige Zeit nach Jesu Auferstehung durch ein Ereignis, das für ihn eine persönliche Begegnung mit Jesus Christus bedeutet hat, mit ihm bekannt.

Auf seinem Weg nach Damaskus erkennt in dem, was geschieht, Jesus. Er weiß nun, dass dieser Jesus, der in Jerusalem unter den Augen der jüdischen Obrigkeit von den Römern hingerichtet wurde, nicht tot ist, sondern lebt. Er weiß nun, dass dieser Jesus kein gewöhnlicher Mensch war, sondern der Messias, Gottes Sohn, den Gott gesandt hat, sein Volk und die ganze Welt zu retten.

Das ist von nun an das Evangelium des Paulus, dass Gott seinen Sohn gesandt hat, der Mensch geworden ist, nicht nur zum Schein, sondern wirklicher Mensch mit Fleisch und Blut. Er ist wirklich gestorben am Kreuz, aber Gott hat ihn auferweckt. Gottes Sohn, der tot war, lebt. Das zeigt Gottes Macht deutlicher als alles andere, was Gott bisher in seinem Volk getan hat. Paulus selbst hat die Macht des Auferstandenen in seiner Begegnung mit ihm auf dem Weg nach Damaskus erfahren.

Wirklich auferstanden sein kann Jesus aber nur, wenn er wirklich Mensch geworden ist und als solcher auch wirklich gestorben ist. Es lohnt sich, gerade um Weihnachten herum einmal innezuhalten und sich wieder neu vor Augen zu führen, was damals geschehen ist, in jener Nacht, als Gottes Sohn geboren wurde. Wie nah ist uns Gott hier gekommen, dass er uns gleich geworden ist. Nicht nur zum Schein, sondern wirklich in Fleisch und Blut. Wer schon einmal ein neugeborenes Kind gesehen oder gar in Händen gehalten hat weiß, wie verletzlich und schutzbedürftig so ein Neugeborenes ist. So ist Gott geworden.

Herr Jesus,

lass mich erspüren

wie es damals war,

als du geboren wurdest.

Ich will dich sehen als Gott,

der wahrhaft Mensch geworden ist.

Ich will in tiefem Glauben

niederfallen und anbeten,

aber auch deine Nähe spüren,

dass du als Gott nicht

in fernen Welten geblieben bist,

sondern uns so nahe gekommen bist,

Jesus, du mein Herr und Gott.

Amen.

Warten in Geduld

Darum, Brüder und Schwestern, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! Siehe, auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig auf sie, bis Frühregen oder Spätregen fällt. (Jak 5,7)

Geduldiges Warten, das ist eines der Kennzeichen der Adventszeit. Als Symbole dieses Wartens haben wir heute den Adventskranz und den Adventskalender. Wir zählen die letzten Tage und Wochen bis zum Weihnachtsfest. Während draußen die Tage immer kürzer werden, entzünden wir in unseren Wohnungen und Straßen immer mehr Lichter. Unsere Lichter werden so zum Symbol für den, der kommen wird und der das wahre Licht ist, Jesus Christus.

Es gibt Wartezeiten die absehbar sind. Mag gerade für Kinder das Warten auf das Weihnachtsfest und die Geschenke schier endlos erscheinen, ist es doch eine relativ kurze Zeit. Meist sind die Ereignisse, die wir freudig erwarten, irgendwann einmal da. Aber wie sieht es aus mit dem Warten auf das Kommen des Herrn? Wir feiern jedes Jahr am Weihnachtsfest sein Kommen als Mensch in diese Welt. Aber am Ende seines irdischen Lebens hat Jesus gesagt, dass er einmal wiederkommen wird, am Ende der Tage. Auf dieses Kommen des Herrn warten die Christen nun schon seit etwa 2000 Jahren und wir wissen einfach nicht, wann dieses Kommen stattfinden wird.

Die frühen Christen haben noch täglich auf das Kommen des Herrn gewartet. Bald wird es sein, glaubten sie. Aber dann verging immer mehr Zeit. Wenn wir nicht wissen, wie lange wir warten müssen, werden wir leicht ungeduldig und wir wenden uns anderen Dingen zu. Doch auch wenn das Kommen des Herrn so lange auf sich warten lässt, besteht doch die Notwendigkeit, dass wir es nicht aus den Augen verlieren, weil es der entscheidende Moment in unserem Leben ist. Darum müssen wir unser Leben so einrichten, dass wir stets bereit sind, wenn der Herr kommt. Jesus selbst hat uns gesagt, dass wir stets wachsam sein sollen. Ein gelungenes Leben ist ein Leben, das stets vor dem Anblick des Herrn bestand hat und sich nicht vor ihm verstecken muss. Gerade die späteren Texte des Neuen Testamens, zu denen auch der Jakobusbrief gehört, beschäftigen sich damit, wie christliches Leben im Alltag gelingen kann.

Prüfen wir jeden Tag unser Herz. Lebe ich in Frieden mit meinen Mitmenschen? Habe ich durch meine Worte schlecht über andere geredet und so dem Unfrieden Raum geschaffen? Gibt es etwas, worum ich andere um Verzeihung bitten muss? Bin ich selbst bereit, zu verzeihen? Wo kann ich Gutes tun, um wenigstens im Kleinen etwas gegen die Ungerechtigkeit, die in der Welt herrscht, zu tun? Bin ich dankbar? Stehe ich zu meinem Wort? Können andere sich auf mich verlassen?

Solche und ähnliche Fragen sollen wir uns immer wieder stellen und dabei uns vor allem am Beispiel Jesu und der Heiligen orientieren. Kein Mensch ist perfekt, aber wir können jeden Tag lernen, etwas besser zu werden. Tun wir das in der Gewissheit, dass Gott mit uns ist, dass er uns ruft und führt und dass er sich danach sehnt, dass wir einmal ganz mit ihm verbunden sind.

Johannes der Täufer

In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf. Er verkündete in der Wüste von Judäa: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. (Mt 3,1b-2)

Johannes der Täufer ruft mit den gleichen Worten, die der Evangelist auch Jesus in den Mund legt (Mt 4,17). Beide stehen für den Ruf zur Umkehr und für den Anbruch des Reiches Gottes, das bei Matthäus als Himmelreich bezeichnet wird. Matthäus sieht ebenso wie auch die anderen Evangelisten in Johannes die Verheißung des Propheten Jesaja erfüllt:

Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen! (Mt 3,3)

Matthäus zitiert hier wörtlich Jes 40,3. Ursprünglich meint der Prophet damit einen Weg aus der Gefangenschaft in Babylon heim ins Gelobte Land. In einer Zeit, als die Straßen noch holprige Wege waren, die über viele Kurven bergauf und bergab dem Gelände folgten, war eine Straße, die gerade und eben Berge und Täler überwindet, ein Wunder. Doch bereits im alten Persien gab es die Königsstraßen, auf denen ein Kriegsherr schnell in entlegene Provinzen gelangen konnte. Die Römer waren bekanntlich Meister im Straßenbau und Matthäus mag wie viele andere seiner Zeit diese befestigten Straßen bewundert haben.

Auch für Gott entsteht eine Straße, wir würden heute vielleicht sagen eine Autobahn, die sein Kommen zu den Menschen einfach macht. Wenn es einen ebenen und geraden Weg gibt, kann man leicht und schnell auch in entlegene Gegenden kommen. Johannes der Täufer ist so ein Wegbereiter für Gott, aber nicht indem er mit Hacke und Schaufel eine Trasse für eine Straße baut, sondern indem er die Herzen der Menschen vorbereitet.

Harte Herzen sind das größte Hindernis für das Kommen Gottes in diese Welt. Daher müssen die Herzen der Menschen vorbereitet werden. Nicht alle hatten ein offenes Herz für Gott. Einige Verse weiter werden wir sehen, wie der Täufer bereits den Widerstand der Pharisäer und Sadduzäer zu spüren bekommt, die sich später auch Jesus in den Weg stellen und für seine Hinrichtung sorgen. Aber von den einfachen Menschen kommen viele zu Johannes und später zu Jesus. Sie sind bereit zur Umkehr, bereit zu einer ganz neuen Begegnung mit dem Gott Israels, der allen Menschen auf der ganzen Welt das Heil schenken möchte.

Wie sieht es heute aus mit den bereiten Herzen? Bei vielen Menschen findet Gott heute keinen geraden und breiten Weg in die Herzen vor, sondern einen mit vielen Hindernissen, der oft auch noch mit schweren Barrieren verschlossen ist. Die Menschen scheinen Gott heute weniger zu brauchen als eh und je. Viele Mysterien, die Menschen früher auf göttliche Kräfte zurückgeführt haben, lassen sich heute rein wissenschaftlich erklären. Für das geistige Wohlbefinden kann man sich an einen Psychologen wenden. Und mit dem Begriff Heil kann kaum mehr jemand etwas anfangen.

In jenen Tagen …

In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf. (Mt 3,1a)

Matthäus hat sein Evangelium mit der Kindheitsgeschichte Jesu begonnen, die in der Erzählung von den Sterndeutern, dem darauf folgenden Kindermord in Betlehem und der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten ein für die christliche Frömmigkeit bedeutsames und einmaliges Eigengut enthält. Wie bei den anderen Evangelien auch, steht bei Matthäus am Beginn des öffentlichen Auftretens Jesu die Schilderung des Wirkens Johannes des Täufers. Bevor wir dieses näher betrachten, lohnt es sich, bei den ersten Worten dieses Abschnitts zu verweilen.

„In jenen Tagen“, schreibt Matthäus, trat Johannes am Jordan auf. Lukas ist hier sehr präzise und ordnet jene Tage in das Gefüge der Weltgeschichte ein: „Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und der Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene.“ (Lk 3,1) Markus schließt das Wirken des Täufers ohne Zeitangabe direkt an die Überschrift zu seinem Evangelium an.

Was aber meint Matthäus mit „jenen Tagen“, von denen er schreibt? Das vorangehende Kapitel endet ja mit dem „Umzug“ der Heiligen Familie nach Nazaret und da war Jesus noch ein Kind und es liegen etwa 30 Jahre zwischen diesen Ereignissen und jenen, die nun geschildert werden. Ich glaube, dass Matthäus hier bewusst auf prophetische Texte anspielt, die von den Tagen des Heils künden. Mit dem Auftreten des Täufers beginnt die Heilszeit, die im Wirken Jesu ihren Höhepunkt und ihre Erfüllung findet.

Einen schönen Beleg für den Charakter jener Tage finden wir in den letzten Worten des Buches Joel, die auch in einer Antiphon zum ersten Adventssonntag eindrucksvoll vertont worden sind:

Und es wird geschehen an jenem Tag: Da triefen die Berge von Wein, die Hügel fließen über von Milch und in allen Bächen Judas strömt Wasser. Eine Quelle entspringt im Haus des Herrn und tränkt das Schittim-Tal. Ägypten wird zur Wüste, Edom wird zur verödeten Steppe, wegen der Gewalttat an den Kindern Judas, in deren Land sie unschuldiges Blut vergossen. Juda aber wird für immer bewohnt sein und Jerusalem von Geschlecht zu Geschlecht, ich erkläre ihr Blut für unschuldig, das ich vorher nicht für unschuldig erklärte, und der Herr wohnt auf dem Zion. (Joel 4,18-21)

Gott wohnt unter seinem Volk und befreit es von seinen Sünden. Das Land wird gesegnet sein und trieft von Wasser, Milch und Honig. Wasser steht für Fruchtbarkeit, Milch und Honig für überfließenden Reichtum, der ein Kennzeichen des Segens Gottes ist. Diese Heilszeit ist nun da, Gott spendet seinen Segen. Johannes der Täufer steht ebenso wie der Prophet Joel für den Ruf zu Umkehr und Buße, die eine entscheidende Voraussetzung für den Anbruch der Heilszeit sind. Anders jedoch als die früheren Propheten schaut Johannes nicht in eine ferne Zukunft, sondern erlebt selbst das Kommen des Messias, des Sohnes Gottes, der das Heil in überfließender Fülle schenkt.

Gott des Friedens (Ps 85)

Ich will hören, was Gott redet: Frieden verkündet der Herr seinem Volk und seinen Frommen, sie sollen sich nicht zur Torheit wenden. [Sela]

Fürwahr, sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten, seine Herrlichkeit wohne in unserm Land. (Ps 85,9-10)

Gott redet vom Frieden. Passen wir einmal auf, wovon die Menschen reden, insbesondere auch dann, wenn sie wirklich die Wahrheit sagen. Wovon reden die Mächtigen hinter verschlossenen Türen, wo keine Presse und keine Öffentlichkeit es hören kann? Auf wen kann ich mich wirklich verlassen, dass er die Wahrheit spricht? Aber auch die Frage: Wovon rede ich?

Der Beter des Psalms lauscht auf Gottes Rede. Gott spricht vom Frieden. Und dabei denkt er nicht insgeheim an Krieg und Unterdrückung, sondern er redet wirklich vom Frieden. Der Friede ist ein Herzensanliegen Gottes und er möchte, dass allen Menschen der Friede genauso am Herzen liegt, wie ihm. Deshalb hat er seine Propheten gesandt, deshalb hat er seinen Sohn gesandt.

Friede ist die Botschaft, die vom Stall in Betlehem ausgeht. Gottes Sohn ist nicht unter den Mächtigen geboren, sondern unter einfachen Hirten. Er ist nicht unter Mächtigen aufgewachsen, sondern in einer ganz normalen Familie in Nazaret. Jesus hat nicht die Mächtigen in seine Nachfolge gerufen, sondern einfache Fischer. Gott baut sein Friedensreich auf nicht mit den Menschen, die groß sind in dieser Welt. Alle Menschen, und wenn sie noch so unbedeutend erscheinen, können am Aufbau des Reiches Gottes mitwirken.

Friede muss das wichtigste Erkennungszeichen der Christen sein. Und doch gab es von Anfang an Streit und Zwietracht in den christlichen Gemeinden. Es fällt den Menschen so schwer, den Frieden zu leben. Wir merken es ja auch an uns selbst, wie leicht wir uns zum Unfrieden hinreißen lassen. Hören wir auf Gott, hören wir auf seine Worte des Friedens, lassen wir sie wirken auf unsere Herzen und werden wir so immer mehr zu Menschen des Friedens.

Es begegnen einander Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich.

Treue sprosst aus der Erde hervor; Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder.

Ja, der Herr gibt Gutes und unser Land gibt seinen Ertrag.

Gerechtigkeit geht vor ihm her und bahnt den Weg seiner Schritte. (Ps 85,11-14)

Der Schluss des Psalms zeichnet ein Bild des Friedens. Huld und Treue, Gerechtigkeit und Friede, diese Tugenden bilden ein vertrautes Team, ja mehr noch, eine innige Gemeinschaft, vereint in gegenseitiger Liebe. Umspannt mit diesem Band der Einmütigkeit haben die Feinde des Friedens keine Chance. Die Tugenden sind stärker als ihre Feinde. Und wo sich die Menschen an diese Tugenden halten, wird der Friede aufblühen und mit ihm das ganze Land. Es bringt reichen Ertrag und Wohlstand für alle Menschen.

Die Menschheit aber verfällt immer wieder dem Wahn, dass reicher Ertrag nur durch Ausbeutung erzielt werden kann. Die Mächtigen raffen den Besitz der einfachen Menschen an sich und bekriegen sich dann gegenseitig, um noch mehr Reichtum zusammen zu raffen und am Ende versinkt die Welt in Krieg und Elend. Wann werden wir begreifen, dass im einmütigen Miteinander mehr Gewinn liegt als im einsamen Kampf um den Reichtum? Wann werden wir erkennen, dass wahrer Reichtum darin besteht, mit allen zu teilen, so dass alle genug haben? Friede ist, wenn Gier und Habsucht verschwinden und die Menschen mehr an das Wohl aller als an das eigene Wohl denken.

Herr,

ich will deine Worte des Friedens hören.

Es sind leise Worte,

die im allgemeinen Geschrei oft untergehen.

Ich will zur Stille kommen,

damit ich besser hören kann.

Gott,

lass mich diese Adventszeit

als Chance ergreifen,

deinen Frieden zu finden.

Amen.

1. Advent

Ein schönes Bild, das Paulus hier gebraucht. Die Zeit zwischen dem Ende der Nacht und dem Anbruch des Morgens ist für viele eine der schönsten Zeiten des Tages. In den letzten Stunden der Nacht ist die Welt um uns herum endlich zur Ruhe gekommen. Es ist still, die Luft ist rein. Die Abgase unserer hektischen Betriebsamkeit sind verflogen. Wenn es dann auch noch ein wolkenloser Morgen ist, können wir beobachten, wie das Licht der Sonne das Dunkel der Nacht zunächst langsam und dann immer schneller vertreibt und dabei den Himmel und die ganze Welt in den schönsten Farben erstrahlen lässt.

Morgenmuffel werden selten diese Stunde erleben, manche erleben sie unfreiwillig, weil ihr Beruf sie dazu zwingt, früh aufzustehen, manche stehen bewusst früh auf, um den Zauber dieser Stunde des Morgens zu erleben und vielleicht auch betend zu verbringen. Das aufgehende Licht wurde schon früh zum Symbol für Jesus Christus, insbesondere für seine Auferstehung, die wir am Ostermorgen feiern.

Die Nacht hat immer etwas Unsicheres und Gefahrvolles an sich. Heute können wir die Dunkelheit mit einem Klick auf den Lichtschalter leicht vertreiben und die bewohnten Gegenden werden die ganze Nacht mit Straßenlampen erleuchtet. Aber doch merken wir besonders in den langen und kalten Nächten im November und Dezember, dass das Leben weniger pulsiert als in den kurzen und warmen Sommernächten.

Der Glaube an Jesus Christus ist wie ein heller Morgen nach einer langen Winternacht. Er vertreibt Ängste der Dunkelheit. Das Licht dieses Morgens gibt uns Kraft und Mut zu neuem Leben. Es hilft uns auch, das zu überwinden, wozu wir vielleicht im Verborgenen der Nacht verführt worden sind. Christliches Leben soll tagestauglich sein, es soll nichts an sich haben, was man lieber vor anderen versteckt hält und von dem man fürchtet, dass es ans Licht kommen könnte. Nehmen wir uns die Stunde des Morgens zum Vorbild für unser Leben, jenen Morgen, der immer wieder alles Neu und Schön im Glanz der aufgehenden Sonne erstrahlen lässt.

Gerechtigkeit (1Tim)

Mein Herr und mein Gott,
lass mich die Welt sehen mit dem Blick deiner Gerechtigkeit, der ein Blick der Liebe ist.
Heile mein Herz von Hass, Eigensucht und dem Streben, über andere Macht zu haben.
Nicht mein Bild will ich anderen aufdrücken, sondern jeden Menschen so sehen, wie er ist.
Ich will erkennen, dass jeder Mensch seine ganz besonderen Fähigkeiten hat, denn obwohl es Millionen Menschen auf der Erde gibt, ist doch jeder Mensch etwas ganz Besonderes.
Vielleicht bedeutet Gerechtigkeit, dass jeder Mensch die Möglichkeit bekommt, gemäß der Fähigkeiten zu leben, die du in ihm grundgelegt hast.
Berufe Menschen, die andere fördern und sie vor der Macht derer bewahren, die sie nur zu ihrem eigenen Vorteil benutzen wollen.
Lass deine Gerechtigkeit blühen in der Welt und in jedem Menschen, damit die Menschen nicht einander unterdrücken und bekämpfen, sondern dass die Welt hell und bunt bleibt von der Vielfalt, die du uns Menschen geschenkt hast.
Amen.

Allerheiligen

In Reih und Glied stehen sie oft auf den Bildern, die durch die Jahrhunderte hindurch gemalt worden sind, alle Heiligen, die heiligen Männer und die heiligen Frauen, Priester, Ordensleute, weltliche Herrscher, aber auch ganz einfache Menschen. Sie haben prächtige Gewänder an und tragen meist eines ihrer Attribute, damit man sie besser erkennen kann. In der Mitte thront Christus, bei ihm Maria, die Königin aller Heiligen. Oft gibt es auch noch Engel, die die besondere Würde dieser Versammlung hervorheben.

An Allerheiligen blicken wir zunächst auf all die großen Heiligen, die uns durch ihr heiliges Leben zum Vorbild geworden sind. Jeder einzelne von ihnen hat seine je eigene ganz besondere Berufung gelebt. Von manchen großen Heiligen wissen wir nur sehr wenig, aber wir ahnen zumindest, dass etwas Großes um sie war, weil die Menschen sie nach ihrem Tod so hoch geehrt haben. Von vielen Heiligen haben wir aber ausführliche Lebensbeschreibungen. Diese wurden oft durch die Legende überwuchert und es ist manchmal schwierig, aber immer auch spannend dahinter den Kern dessen auszumachen, wie dieser bestimmte Heilige sein Leben gelebt hat. Oft helfen uns dabei auch die überlieferten Worte und Schriften dieser Heiligen.

Es ist spannend, das Leben der Heiligen zu betrachten und zu manch einem Heiligen bekommen wir auch eine ganz besondere persönliche Beziehung. Die Heiligen wollen uns dabei helfen, selbst als Heilige zu leben. Durch die Taufe sind wir zu Heiligen geworden, aber oft werden wir müde und nachlässig darin, diese Heiligkeit in unserem Leben zu bewahren. Ein Leben in Heiligkeit erfordert Entscheidungen, die nicht immer leicht sind. Es bedeutet vor allem, Jesus Christus zum Mittelpunkt meines Lebens zu machen.

Wir wissen nicht, was Gott mit all den Menschen machen wird, die nicht getauft sind. Wir dürfen aber darauf vertrauen, dass vor Gott kein Mensch verloren ist, der einen wenn auch noch so kleinen Kern des Guten in sich bewahrt hat, das Gott in ihn hineingelegt hat. Es ist aber unsere Aufgabe, durch unser heiliges Leben andere zu ermutigen, auch an Jesus Christus zu glauben und sich taufen zu lassen.

Allerheiligen, Tag der Heiligen, Fest der Heiligkeit. Es ist an uns, dass wir uns immer neu für ein Leben in Heiligkeit entscheiden, dass wir Jesus Christus immer neu zum Mittelpunkt unseres Lebens machen. Lassen wir uns auf diesem Weg vom Heiligen Geist führen, dem Geist der Heiligkeit, der uns zeigt, wie Heiligkeit gehrt. Schauen wir auf die Heiligen als unsere Vorbilder, aber versuchen wir nicht, sie zu imitieren, sondern suchen wir unseren eigenen ganz besonderen Weg, wie wir die Liebe Gottes dieser Welt zeigen können.