Auferstehung – Hoffnung

Gottes Kraft behütet euch durch den Glauben, damit ihr die Rettung erlangt, die am Ende der Zeit offenbart werden soll. Deshalb seid ihr voll Freude, wenn es für kurze Zeit jetzt sein muss, dass ihr durch mancherlei Prüfungen betrübt werdet. Dadurch soll sich eure Standfestigkeit im Glauben, die kostbarer ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist, herausstellen – zu Lob, Herrlichkeit und Ehre bei der Offenbarung Jesu Christi. (1Petr 1,5-7)

Der Erste Petrusbrief richtet sich an Gemeinden in Kleinasien, die unter Verfolgungen zu leiden haben. Gleich zu Beginn macht der Verfasser, der wahrscheinlich nicht mit dem Apostel Petrus identisch ist, den Kern der christlichen Botschaft deutlich: die Auferstehung Jesu Christi. Christus lebt und mit ihm haben alle Gläubigen Anteil an einem neuen Leben im Reich Gottes.

Welche Antwort geben wir, wenn wir nach dem Grund dafür gefragt werden, warum wir Christen sind? Sind wir es einfach nur, weil unsere Eltern uns haben taufen lassen, oder weil wir es so gewohnt sind? Gehen wir nur zur Kirche, weil sie so gute Angebote für Kinder und Gruppen bietet? Haben wir uns daran gewöhnt, die Auferstehung für etwas ganz Gewöhnliches zu halten, oder staunen wir auch heute noch, wenn wir dieses Wort hören – Auferstehung – und versuchen immer tiefer zu verstehen, was das bedeutet?

Der Glaube an die Auferstehung und ein neues, unvergängliches Leben war sicher für viele Menschen des 1. Jahrhunderts der Grund dafür, dass sie sich zum Christentum bekehrt haben. Viele konnten damals noch die Apostel als die ersten Zeugen der Auferstehung mit eigenen Ohren hören, wie sie voller Begeisterung davon berichtet haben, dass Jesus, der am Kreuz gestorben ist und begraben wurde, plötzlich wieder in ihrer Mitte stand.

Der auferstandene Christus ist in der ganzen Welt gegenwärtig, es gibt keinen Ort der Gottferne mehr, nicht einmal das Reich des Todes, die Unterwelt und auch nicht die Hölle. Es gibt keine Situation, in der Christus nicht bei uns sein kann, es gibt keinen Weg, den er nicht mit uns geht. Und doch machen wir oft die Erfahrung der Gottferne, fragen uns, wie Gott das zulassen kann.

Auch die frühen Christen haben angefangen, an ihrer Begeisterung von der Auferstehung zu zweifeln, als sie plötzlich wegen ihres Glaubens verfolgt und von ihren Mitmenschen gemieden wurden. Der Erste Petrusbrief mahnt zur Standhaftigkeit, will den Zweifelnden sagen, dass nach der Zeit der Verfolgung eine Zeit kommen wird, in der sich der christliche Glaube vor aller Augen als erhaben erweisen wird. Aber ist das wirklich so?

Die Kirchengeschichte zeigt uns den Weg der Ausbreitung des Christentums. Verfolgungen konnten das Christentum nicht auslöschen. Schließlich wurde es im 4. Jahrhundert zur offiziellen Religion im Römischen Reich, hat dessen Untergang überdauert und prägt die Kultur des Abendlandes bis heute. Aber das ist nur eine Seite der Geschichte. Nur wenig erfahren wir über die Kirchen des Ostens, die gleichzeitig mit denen im Römischen Reich entstanden sind und ebenso wie diese apostolischen Ursprung haben.

Ich frage mich oft, warum wir so wenig über das Leben der Apostel nach Pfingsten wissen. Das meiste davon stammt aus dem Bereich der Legende und wird von der historischen Forschung als weitgehend wertlos verworfen. Wir können gut die Mission des Paulus verfolgen, der rastlos das Römische Reich durchwandert hat, wir wissen, dass Petrus im östlichen Mittelmeerraum missioniert hat und ebenso wie Paulus nach Rom gekommen ist. Mit Johannes verbinden wir die Mission in Kleinasien. Die meisten Apostel aber sind nach Osten gewandert, nach Syrien uns Mesopotamien und darüber hinaus bis nach Indien wie der Apostel Thomas. Aber darüber haben wir kaum zuverlässige Berichte. Anscheinend bot allein das Römische Reich die Möglichkeit, dass Schriften wie die Paulusbriefe bis in unsere Zeit überdauert haben.

Ebenso wenig wie über die Mission der Apostel im Nahen und Fernen Osten wissen wir über die christliche Welt, die dort nach deren Wirken entstanden ist. Es gab blühende christliche Gemeinden in Syrien, Persien, Zentralasien und Indien. Diese blieben auch nach der islamischen Eroberung dieser Gebiete weitgehend bestehen. Erst im 14. Jahrhundert verschwanden diese Kirchen zunehmend und was sich seither noch erhalten hat wird in der heutigen Zeit nahezu vollständig ausgelöscht.

Oder blicken wir auf Kleinasien. Dort ist nach der Zeit der Verfolgungen in den ersten Jahrhunderten die Kirche tatsächlich für über tausend Jahre aufgeblüht. Heute aber finden wir dort so gut wie keine Christen mehr. Auf Zeiten der Verfolgungen können also durchaus Zeiten der Blüte folgen, aber sie können auch die nahezu vollständige Auslöschung des Christentums mit sich bringen.

Ich glaube dass es uns Menschen nahezu unmöglich ist, eine Antwort auf das „Warum“ dieser Tatsache zu geben. Die Frage nach dem Schicksal des christlichen Glaubens in den einzelnen Regionen dieser Welt muss genauso unbeantwortet bleiben wie die Frage nach dem Schicksal jedes einzelnen Gläubigen. Wir kennen viele Beispiele dafür, dass Menschen aus großer Not durch die Kraft des Glaubens gerettet wurden, aber wir kennen genauso viele Beispiele dafür, dass gläubige Menschen vom Leid überwältigt wurden.

Was bleibt also von der großen Hoffnung des Glaubens? Gilt auch für das Christentum und jeden einzelnen Christen das ganz normale Schicksal aller Menschen, das einige zu Gewinnern und andere zu Verlierern macht? Oder sind einfach unsere Maßstäbe falsch, mit denen wir zwischen Gewinnern und Verlierern unterscheiden? Vielleicht trösten uns einige fromme Antworten über so manche Zweifel hinweg, vielleicht lässt uns der Blick auf die Ecclesia Triumphans des Abendlandes die geschundene Kirche des Ostens vergessen, wie es über viele Jahrhunderte hinweg geschehen ist.

Doch heute merken wir auch in unserer abendländischen Welt, dass die Kraft der Kirche erlahmt ist. Viele wenden sich von ihr ab. Die Frage geht um: wie können wir die Menschen heute erreichen? Und es werden immer neue Konzepte erarbeitet, um Menschen für den Glauben zu gewinnen. Wie wird die Kirche diese Zeit überstehen?

Jesus lebt, diese Tatsache muss uns aufhorchen lassen. Es ist kein leeres Wort. Kraftvoll können wir uns mit der Macht des Auferstandenen auf der ganzen Welt verbinden. Überall ist Christus gegenwärtig, wo auch nur zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Glauben wir an seine Gegenwart in unserer Mitte.

Auferstehung

Nun könnte einer fragen: Wie werden die Toten auferweckt, was für einen Leib werden sie haben? (1Kor 15,35)

Im langen 15. Kapitel des Ersten Korintherbriefes befasst sich Paulus intensiv mit dem Thema Auferstehung. Die Auferstehung ist Grundlage und Zentrum christlichen Glaubens, das macht Paulus gleich zu Beginn des Kapitels deutlich. Dann geht er auf die Zweifel ein, die einige Gläubige beschäftigen. Ist die Auferstehung nicht nur eine fromme Idee? Was gibt mir Gewissheit darüber, dass Auferstehung real ist? Paulus ist damals auf dem Weg nach Damaskus dem auferstandenen Herrn begegnet. Er ist seither ganz durchdrungen von der Gewissheit, dass Jesus lebt. Das hat sein Leben verändert und er hat so oft die Erfahrung gemacht, dass Gott rettend in sein Leben eingreift. Ihm erscheint es als unmöglich, dass diese Gewissheit eine bloße Einbildung sein könnte.

Nun begegnet Paulus noch einem weiteren Argument, das gegen die Auferstehung angeführt wird. Wie wird sie geschehen? Was passiert mit dem Menschen bei der Auferstehung? Kann der vergängliche menschliche Leib überhaupt in etwas Unvergängliches übergehen? Verwickelt sich der Glaube an die Auferstehung nicht in Widersprüche? Wir kennen ja bereits aus den Evangelien (vgl. Lk 20,27-40) die Frage an Jesus, was denn bei der Auferstehung geschieht, wenn eine Frau nach dem Tod ihres Mannes erneut heiratet hat. Wessen Ehefrau wird sie dann sein?

Jesus macht deutlich, dass das Leben der Auferstehung nicht mit dem irdischen Leben vergleichbar ist. Es wird dann ganz anders sein. Das irdische Leben ist voll von Gegensätzen, die oft unüberwindbar erscheinen. Schwarz oder weiß, verheiratet oder unverheiratet, gut oder böse, dazwischen scheint es nichts zu geben. Aber all diese Gegensätze werden sich auf eine uns jetzt noch unvorstellbare Weise auflösen.

Ähnlich argumentiert Paulus hier. In der Auferstehung werden wir verwandelt werden.

Seht, ich enthülle euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden – plötzlich, in einem Augenblick, beim letzten Posaunenschall. Die Posaune wird erschallen, die Toten werden als Unverwesliche auferweckt, wir aber werden verwandelt werden. (1Kor 15,51-52)

Der Tod braucht uns also nicht zu erschrecken. Mit Christi Auferstehung hat er endgültig seine Kraft verloren. Die orthodoxen Osterikonen zeigen uns, wie Christus nach seinem Tod am Kreuz in die Unterwelt hinabsteigt, die Fesseln und Riegel, mit denen der Tod die Verstorbenen gefangen hält, zerbricht, und die Verstorbenen – symbolisch stehen dafür Adam und Eva – aus den Gräbern herauszieht in das neue Leben der Auferstehung.

Paulus spricht hier ausdrücklich davon, dass alle verwandelt werden. Er unterstreicht diesen Satz noch, indem er ihn als Enthüllung eines Geheimnisses bezeichnet. Wenn wir wirklich an diese Verwandlung glauben, wenn es für uns eine Gewissheit wird, dass uns nichts anderes geschehen kann, als aus diesem irdischen Leib in einen himmlischen Leib verwandelt zu werden, der dann für immer bei Gott ist, dann verändert sich unser Leben. Wir verstehen, warum Paulus so unermüdlich unterwegs war, diese frohe Botschaft zu verkünden. Wir verstehen, wie die frühen Christen in den Verfolgungen dem Tod so furchtlos ins Auge sehen konnten, wir verstehen, wie immer wieder Menschen sich mit ihrem ganzen Leben für andere einsetzen.

Wir werden alle verwandelt werden. Alles andere wird unwichtig angesichts dieser Gewissheit. Vielleicht hilft uns dieser Satz auch, unseren Glauben ganz neu zu verstehen. Viele von uns sind so erzogen worden, dass wir uns an die Gebote halten sollen, damit wir einmal im Gericht gut dastehen. Aber ist es nicht genau anders herum? Wir halten uns an die Gebote, weil wir etwas von diesem zukünftigen Leben schon jetzt Wirklichkeit werden lassen wollen. Wir wollen schon jetzt aus der Verwandlung der Auferstehung heraus leben. Wir sind Kinder einer neuen Welt und diese Welt müssen wir nicht durch unsere Frömmigkeit errichten, sondern sie ist bereits da.

Wir errichten nicht das Reich Gottes, indem wir Menschen taufen und sie zur Einhaltung der Gebote ermuntern. Gottes Reich ist bereits auf Erden und weil wir dazu gehören wollen, lassen wir uns taufen und halten die Gebote. Wir dürfen jetzt schon Kinder Gottes sein. Das ist eine Freude und keine lästige Pflicht. Wer sich vom christlichen Glauben trennen will, weil er ihn nur als Belastung und Einengung des Lebens sieht, der hat noch nicht verstanden, worum es wirklich geht, wahrscheinlich leider auch deshalb, weil in der Kirche wenig darüber geredet wird und viele Gläubige es selbst nicht verstanden haben.

Gott will uns verwandeln, mit seinem himmlischen Leib bekleiden, die Schmerzen und Leiden, die uns der irdische Leib bereitet, wegnehmen. Gott wird uns einmal verwandeln, wir kommen dem gar nicht aus. Aber das muss uns keine Angst machen. Es wird für alle eine Freude sein, mit der Auferstehung den Sieg des Lebens über den Tod zu feiern.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest!

Siegeszeichen Kreuz

Vexilla regis prodeunt,

Fulget crucis mysterium,

Quo carne carnis conditor

Suspensus est patibulo.

Der König siegt, sein Banner glänzt,

geheimnisvoll erstrahlt das Kreuz,

an dessen Balken ausgestreckt

im Fleisch des Fleisches Schöpfer hängt.

So beginnt ein alter Hymnus auf das Kreuz Christi. Er zeigt uns das Kreuz als Banner oder Standarte, die dem Kriegsheer vorangetragen wird, es leuchtet als geheimnisvolles Zeichen auf, wie einst dem Kaiser Konstantin vor der Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312. Kurz vor dieser Schlacht hatte Konstatin die Vision des Kreuzes, und sein Sieg, der ihn zum alleinigen Herrscher des Römischen Reiches machte, wird als Beginn der offiziellen Anerkennung des Christentums im Römischen Reich angesehen. Nur wenige Jahrzehnte später, im Jahr 380 unter Kaiser Theodosius, wurde dann die einst verfolgte Religion selbst zur Staatsreligion, die sich gegen Andersgläubige und interne Abweichler wandte.

Etwa 200 Jahre später verfasst Venantius Fortunatus (um 540 – um 600) diesen Hymnus auf das Kreuz. Die Zeit, in der er lebt, unterscheidet sich in Vielem von der Zeit des Konstantin und Theodosius, zumindest im Westen Europas. Dort hatte die Völkerwanderung das Römische Reich von der Landkarte hinweggefegt. Weitgehend noch unzivilisierte barbarische Stämme beginnen damit, dort neue Reiche zu gründen. Erobern und Erobertwerden wechseln einander ab, bis sich langsam die Ordnung Europas herausbildet, auf deren Grundstrukturen die Gesellschaften Westeuropas bis heute aufbauen.

Venantius Fortunatus hat noch die antike römische Bildung genossen. Er gilt als der letzte römische Dichter der Spätantike und zugleich als erster Dichter des Mittelalters. Der Ostteil des Reiches mit der Hautstadt Konstantinopel/Byzanz bestand nach dem Fall Roms noch etwa tausend Jahre weiter. Kaiser Justinian, während dessen Regierungszeit Venantius Fortunatus aufgewachsen ist, verteidigte Ostrom machtvoll gegen viele Angreifer, wenngleich sein großer Traum von der Eroberung der verlorenen westlichen Gebiete nicht Wirklichkeit wurde. Einzig Ravenna mit seinem Umland blieb den Kaisern noch als Stützpunkt im Westen und bildete einen Vorposten der Zivilisation inmitten der barbarischen Wirren.

Dort in Ravenna hat Venantius Fortunatus den ersten Teil seines Lebens verbracht. Im Jahr 565 brach er zu einer Pilgerreise nach Tours, zum Grab des heiligen Martin auf. In Gallien hat die Römische Kultur den Untergang der Römischen Herrschaft noch lange überdauert. In den Römerstädten Galliens blieb eine Römische Restbevölkerung zurück, zu der auch viele römische Adlige und Gebildete zählten. Ihr gelang es, was sicher nicht einfach war, sich mit den neuen Herrschern zu arrangieren. Auch christlicher Glaube und christliche Tradition blieben so erhalten. Einige der neuen Herrscher und mit ihnen deren Untergebene hatten ja bereits das Christentum angenommen, andere waren noch Heiden und bekehrten sich später. Aber es war ein langer Prozess, in dem das Christentum allmählich heidnisches Denken überlagerte.

Bei seiner Reise durch das merowingische Gallien begegnete Venantius Fortunatus einer anderen großen Persönlichkeit, der heiligen Radegund (um 520-587), die ich ebenfalls hier kurz vorstellen möchte. Radegund war die Tochter des Thüringerkönigs Berthachar. Nachdem der Frankenkönig Chlothar I. im Jahr 531 Thüringen erobert hatte, nahm er Radegund mit in sein Reich. In Athies an der Somme bekam Radegund eine christliche Erziehung. Gegen ihren Willen nahm Chlothar sie um das Jahr 540 zur Frau, um seinen Herrschaftsanspruch über Thüringen zu sichern. Es ist anzunehmen, dass Radegund im Alltagsleben ihren Ehemann nur selten begegnete. Die Ehe blieb Kinderlos. Radegund vertiefte sich immer mehr in den christlichen Glauben, verzichtete auf die Annehmlichkeiten einer Königin, lebte wie eine Nonne und übte sich in Werken der Barmherzigkeit.

Als Chlothar im Jahr 555 ihren Bruder ermorden ließ, floh Radegund nach Noyon. Ihr gelang es schließlich, dass ihre Ehe von der Kirche als ungültig angesehen wurde. So stand ihr der Weg frei, endlich das Leben einer Nonne zu führen. Im Jahr 558 gründete sie bei Portier ein Frauenkloster nach der Regel des hl. Caesarius von Arles und setze ihre Adoptivtochter Agnes zur ersten Äbtissin ein. Sie selbst lebte dort in aller Einfachheit und Demut und starb dort am 13. August 587 im Ruf der Heiligkeit.

Im Jahr 567 kam Venantius Fortunatus nach Portier und begegnete dort Radegund. Es entwickelte sich eine innige geistige Freundschaft. Venantius Fortunatus unterstütze das Kloster und schrieb dort Hymnen und Gedichte. Einen Höhepunkt stellte sicher das Eintreffen einer Reliquie des Hl. Kreuzes Christi dar, ein Geschenk des byzantinischen Kaisers Justin II. Anlässlich der feierlichen Überführung dieser Kreuzreliquie in das nun Sainte-Croix benannte Kloster am 19. November 569 erklang der von Venantius Fortunatus komponierte Hymnus zum ersten Mal.

Geschichte wird lebendig, ein gebildeter Römer, einer der letzten Repräsentanten einer vergangenen Epoche, eine Königstochter aus dem Haus germanischer Eroberer, eine der ersten Frauen aus dieser neuen Welt, über die wir gesicherte Überlieferungen besitzen, treffen sich in einem Kloster in Frankreich. Sie erhalten ein Geschenk des byzantinischen Kaisers, des damals wohl mächtigsten Mannes der Welt. Wir können heute noch die Lebensbeschreibung Radegunds lesen, die Venantius Fortunatus geschrieben hat, wir singen heute noch den Hymnus, der damals zum ersten Mal erklungen ist.

Uns Heutigen mag dieser Hymnus etwas zu pompös erscheinen. Militärische Standarten gehören weitgehend der Vergangenheit an, aber zur damaligen Zeit waren sie allgegenwärtig. Ständig zogen feindliche Heere durch das Land und der Sieger von heute wurde leicht zum Verlierer von morgen und wer andere mit dem Schwert tötete, musste auf der Hut sein, dass das Schwert nicht ihn selbst traf. Und doch gibt es ein Zeichen, das das Alte mit dem Neuen verbindet, das die ganze damals bekannte Welt umspannt, die letzten Reste des untergegangenen Römischen Reiches mit den neuen Herrschern und diese wiederum mit dem fernen Herrscher in Byzanz. Das Kreuz, das Zeichen des Sieges, das beständig sicher steht, auch wenn der Erdkreis sich dreht, Reiche entstehen und zerfallen, Menschen kommen und gehen.

Das Kreuz, an dem unser Schöpfer hing. Venantius Fortunatus dichtet eindrucksvoll: an dem im Fleisch des Fleisches Schöpfer hing, ausgestreckt an einem Balken. Der Schöpfer lässt sich von seinem Geschöpf kreuzigen. Wie groß ist die Brutalität der Menschen und wie groß ist die Barmherzigkeit des Schöpfers. Er antwortet dem Geschöpf nicht mit Vernichtung und Strafe, sondern mit grenzenlosem Verzeihen und mit der Macht der Auferstehung, mit der er alle in sein Reich führen will.

Wie groß ist die Brutalität der Menschen bis heute und diese wurde leider auch von Menschen ausgeübt, die mit dem Banner des Kreuzes vorangingen. Denken wir nur daran, wie viel Leid die Kreuzzüge, die dieses Banner missbraucht haben, gebracht haben, so viel Gewalt und nicht zuletzt die Trennung der Kirche in Ost und West. Können wir uns heute, wenn wir ehrlich sind, überhaupt noch unter das Banner des Kreuzes stellen?

Haben wir Mut, auch heute zum Kreuz zu stehen. Vertrauen wir seiner Kraft. Denken wir aber auch stets daran, dass es ein Zeichen der Einheit und des Friedens ist. Gemeinsam sollen wir hinter diesem Banner ziehen, Menschen aus Ost und West, Nord und Süd, Arme und Reiche, Starke und Schwache. Das Kreuz will alle Völker und Rassen vereinen. Wenn wir so dem Kreuz seine Ehre wiedergeben, dürfen wir es auch heute noch voll Stolz und Vertrauen tragen.

O crux, ave, spes unica,

Hoc passionis tempore,

Piis adauge gratiam

Reisque dona veniam.

O heil’ges Kreuz, sei uns gegrüßt,

du einz’ge Hoffnung dieser Welt.

Den Treuen schenke neue Kraft,

den Sündern tilge alle Schuld.

Gottesknecht

Gott, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören. (Jes 50,4)

Das Buch Deuterojesaja schildert die Heimkehr Israels aus dem Exil in Babylon. Diese Heimkehr geschieht aber nicht deshalb, damit Israel ein Leben wie vor dem Exil führen kann. Mit dem Auszug aus Babel beginnt eine neue Epoche für das Volk, so wie auch mit dem Auszug aus Ägypten eine neue Epoche begonnen hat. Damals hat Gott mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen und das Volk in das verheißene Land geführt. Was nun geschieht übersteigt diesen Bund, denn nun ist Gott nicht nur für Israel da, sondern will durch Israel zu allen Völkern der Erde sprechen. Die neue Epoche, die mit dem Ende des Babylonischen Exils für Israel beginnt, findet mit dem Kommen Jesu Christi ihren Abschluss. Dann wird das umfassende Heil für alle Völker Wirklichkeit.

Gott bereitet Israel darauf vor, zum Licht der Völker zu werden. Der Gottesknecht, der nur in Deuterojesaja auftritt, wird zum Symbol für das neue Israel. Er steht für jeden einzelnen, der Gottes Ruf hört und ihn befolgt. Was Gott von Israel verlangt, übersteigt jedoch die Vorstellungskraft vieler. Viele sehnen sich zurück nach den alten Zeiten und wollen so leben, wie sie meinen, dass es früher gewesen ist. Aber die alten Zeiten sind vorbei, die Welt hat sich verändert. Gott braucht Zeugen, die in dieser neuen Welt seine Botschaft verkünden.

Der leidende Gottesknecht in diesem Lied zeigt uns, dass jeder, der Gottes Ruf ernst nimmt, anecken wird, er wird ausgegrenzt und geschlagen von denen, die sich selbst zu Hütern eines neuen Gesetzes gemacht haben, das sie für das Gesetz Gottes ausgeben. Sie haben Gottes Licht eingesperrt und wollen verhindern, dass es leuchtet, sie wollen selbst groß sein und machen daher Gott klein. Zwar preisen sie Gott mit großen Worten und errichten ihm einen strahlenden Tempel, aber sie wollen verhindern, dass Gott selbst wirkt und sich so zeigt, wie er wirklich ist. Sie vermitteln den Menschen ein falsches Bild von Gott, das seiner wahren Größe nicht entspricht.

Daher wird Gott selbst Mensch in Jesus Christus und zeigt sein wahres Gesicht. Er kommt in aller Einfachheit, er übt Barmherzigkeit und ruft die Menschen dazu auf, in grenzenloser Liebe zusammenzuleben. Gott nimmt sich der Menschen an und will jeden einzelnen in sein Reich aufnehmen. Doch auch Jesus Christus erleidet das Schicksal des Gottesknechtes und wird geschlagen und getötet. Gott aber kann von niemanden getötet werden und die Auferstehung ist der Garant dafür, dass ein Leben als Gottesknecht nicht vergebens ist.

Die wichtigste Eigenschaft des Gottesknechts ist die Bereitschaft zum Hören und Lernen. Der Gottesknecht ist Schüler Gottes. Aber er lernt nicht das, was Menschen über Gott sagen, sondern lernt, auf Gott selbst zu hören. Gott selbst ist es, der ruft. Am Morgen, in der Nacht, während des Tages, Gottes Ruf kann immer ergehen. Aber es fällt uns schwer, ihn zu hören. Wie kann ich Gottes Stimme von den vielen anderen Stimmen unterscheiden? Das bedarf entweder langer Übung oder geschieht in einem Augenblick der Gnade. Wir sollten uns aber nicht lange damit aufhalten, darüber nachzugrübeln, wie schwer es ist, Gottes Stimme zu hören, sondern einfach damit anfangen, nach ihr zu lauschen. Dann findet Gott schon den Weg in unser Ohr.

Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück. (Jes 50,5)

Gott selbst öffnet unser Ohr für seine Stimme. Auf uns kommt es dann an, das zu tun, was er sagt. Gottes Wille ist nicht immer leicht zu befolgen. Er besteht nicht darin, dass wir ein bequemes Leben führen. Oft ist es ein Einsatz, der an den Rand unserer Kräfte geht, den Gott von uns fordert. Wenn wir gelernt haben, Gottes Stimme zu hören, besteht der nächste Lernschritt darin, seinen Willen anzunehmen und zu befolgen.

Alles hat seine Zeit (Koh 3)

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit. (Koh 3,1)

Der Weisheitslehrer Kohelet beschäftigt sich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Dabei nimmt er althergebrachte Weisheiten kritisch in den Blick, beispielsweise diejenige, dass es frommen Menschen immer gut geht. Die Alten lehren: befolge die Gebote und du wirst ein langes und glückliches Leben haben. Die Beobachtung zeigt uns aber, dass das nicht stimmt. Auch fromme Menschen werden von Schicksalsschlägen getroffen. Waren diese Frommen dann vielleicht nicht fromm genug? Oder müssen wir vielmehr nach neuen Antworten suchen?

Auch die Aussage, dass Reichtum und Bildung die Garantie für ein glückliches Leben sind, hinterfragt Kohelet kritisch. Reichtum ist vergänglich und selbst wer sich alles leisten kann ist noch lange kein glücklicher Mensch. Auch die Beschäftigung mit Bildung und Wissen bereitet oft mehr Kopfzerbrechen, als dass sie dem Menschen Glück und Freude bringt. Wozu dann das alles? Ist letztlich alles sinnlos, „Windhauch“, wie es Kohelet nennt?

Es gibt viel Windhauch in der Welt, aber es gibt auch etwas, das bleibt. Das Leben ist nicht sinnlos, aber die Menschen beschäftigen sich oft mit den falschen Dingen. Es gilt das zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Dann wird das Leben ein erfülltes Leben, weil Gott uns aus seiner Fülle das schenken will, was uns zu einem erfüllten Leben fehlt. Nicht durch unablässige Mühe, sondern durch die Offenheit für den schenkenden Gott finden wir zu einem erfüllten Leben.

Wie ist das aber mit den leidvollen und frohen Momenten im Leben? Kohelet gibt uns darauf in diesem wundervollen Gedicht eine Antwort: alles hat seine Zeit, Leid und Freude wechseln einander ab im Leben. Wir können diesem Wechsel des Geschicks nicht entkommen. Fromme und weniger fromme Menschen sind in gleicher Weise an dieses Auf und Ab gebunden. Wir dürfen unser Geschick nicht als Strafe oder Belohnung sehen, sondern es sind ganz natürliche Abläufe, denen wir nicht entkommen können.

Dennoch sind wir nicht blind dem Schicksal ausgeliefert. Unsere Anstrengungen und auch unsere Frömmigkeit haben einen Sinn und zahlen sich aus, aber sie sind eben nicht die einzigen Kräfte, die unser Leben bestimmen. Kohelet möchte uns weg bringen von einem Schwarz-Weiß-Denken und uns die Augen öffnen für die Komplexität des Lebens. Es gibt keine einfachen Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Wir müssen manche Fragen als solche stehen lassen. Aber wir können dennoch ein erfülltes Leben haben, auch wenn wir nicht alle Antworten kennen.

Für alles gibt es eine bestimmte Zeit:

Eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben,

eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen,

eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen,

eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen,

eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen,

eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz;

eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln,

eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,

eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren,

eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen,

eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen,

eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden,

eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen,

eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden. (Koh 3,2-8)

Wichtige und nicht so wichtige Dinge stehen hier relativ unvermittelt nebeneinander. Neben den großen Ereignissen im Leben des Menschen wie Geburt und Tod oder so gravierenden Einschnitten in das Leben wie Krieg und Frieden steht das Steinewerfen und Steinesammeln. Dann gibt es alltägliche oder immer wiederkehrende Ereignisse wie das Pflanzen oder das Umarmen, Klagen und Tanzen. Bei manchen Dingen wissen wir von selbst, dass sie nicht ewig dauern können. Wer gepflanzt hat, muss auf das Wachsen der Pflanzen warten, Menschen, die einander umarmen, müssen diese Umarmung irgendwann wieder lösen.

Bei manchen Dingen fällt es uns schon schwerer, den Wechsel geschehen zu lassen, auch wenn wir genau wissen, dass sie vergänglich sind. Freude würden wir gerne festhalten, aber sie vergeht irgendwann, aber auch das Leid dauert nicht ewig, auch wenn wir mitten im Leid oft nicht daran glauben können, dass es vorüber geht. Aber auch das Leid wird ein Ende haben, ebenso wie der Hass der Liebe weichen kann.

Alles geschieht und oftmals können wir nichts dagegen tun. Manche Menschen haben das Glück, in einer wohlhabenden Gesellschaft zu leben, andere müssen ein Leben in Armut führen. Aber auch das kann sich ändern. Die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass das quirlige Leben unserer mobilen Gesellschaft von einen Tag auf den anderen nahezu zum Stillstand kommen kann. Alles hat seine Zeit und momentan scheint die rasende Zeit etwas gebremst worden zu sein.

Ich habe als Bild zu dem Gedicht von Kohelet einen Tropfstein gewählt. So ein Tropfstein wächst in zehn Jahren etwa einen Millimeter. Nach den Maßstäben einer schnelllebigen Zeit könnten wir sagen, er wächst überhaupt nicht, aber wenn wir eine Tropfsteinhöhle besuchen, dann sehen wir, was für imposante Gebilde durch dieses langsame Wachstum im Laufe der Jahrhunderte entstehen können. Das kurze und begrenzte menschliche Leben kann nicht der Maßstab für alles sein. Früher hielten die Menschen sich für den Mittelpunkt der Welt. Heute wissen wir, dass die Zeit menschlichen Lebens nur ein Augenblick in den Jahrmillionen der Weltgeschichte ist, auf einem kleinen Planten irgendwo in den Weiten des Universums.

Dennoch halten wir uns weiterhin für groß und allem anderen überlegen, jagen eitlen Dingen voll Windhauch nach und zerstören mit unserer Gier den Planeten, den Gott uns geschenkt hat und der genug Ressourcen für alle bieten würde, wenn wir nur bereit wären, uns auf das zu beschränken, was wir wirklich nötig haben. Einzelne Wassertropfen können in Jahrhunderten imposante Hallen aus Tropfstein formen. Vielleicht kann dieses Bild uns helfen, uns neu auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist und so zu einem wirklich glücklichen und erfüllten Leben zu finden, ein Leben, das nicht seinen Vorteil dadurch gewinnt, dass es auf Kosten anderer gelebt wird, sondern das sich selbst als Geschenk ansieht und auch für andere ein Geschenk sein will.

Wasser in der Wüste

Mose ließ Israel vom Roten Meer aufbrechen und sie zogen zur Wüste Schur weiter. Drei Tage waren sie in der Wüste unterwegs und fanden kein Wasser. (Ex 15,22)

Israel ist aus Ägypten ausgezogen, am Schilfmeer hat Gott sein Volk vor den Ägyptern gerettet. Der Durchzug durch das Meer und das Siegeslied des Mose bilden eine Zäsur. Ägypten ist fortan Geschichte. Nun fängt etwas Neues an. Israel zieht in sein eigenes Land. Doch bis das Volk dort ankommt, ist es ein weiter Weg. Der gesamte verbleibende Umfang der Fünf Bücher Mose ist diesem Weg gewidmet. Dabei nehmen die Ereignisse auf diesem Weg nur einen geringen Teil ein. Der größte Teil besteht aus dem Bundesschluss am Sinai zwischen Gott und Israel und der damit in Verbindung stehenden Gesetzessammlung, die Gott Israel durch Mose vermittelt.

Als sie nach Mara kamen, konnten sie das Wasser von Mara nicht trinken, weil es bitter war. Deshalb nannte man es Mara. Da murrte das Volk gegen Mose und sagte: Was sollen wir trinken? (Ex 15,23-24)

Wasser ist das, was der Mensch am nötigsten zum Leben braucht. Maximal drei Tage kann der Mensch ohne Wasser überleben. Diese Grenze ist nun erreicht. Bereits nach drei Tagen scheint der so triumphal begonnene Auszug aus Ägypten ein jähes Ende zu nehmen, weil das Volk in der Wüste zu verdursten droht. Kein Wunder, dass die Israeliten murren. Ein Leben als Sklaven wäre dem Tod in der Wüste vorzuziehen gewesen. Sie finden zwar Wasser, aber dieses Wasser ist ungenießbar. Doch Gott findet eine Lösung. Er kann das bittere Wasser süß und genießbar machen. Gott sorgt für sein Volk. Auch in der kargen Wüste sichert er das Überleben. Mehr noch, nach kurzer Zeit finden sie eine Oase, in der es Wasser im Überfluss gibt.

Er schrie zum Herrn und der Herr zeigte ihm ein Stück Holz. Als er es ins Wasser warf, wurde das Wasser süß. Dort gab er dem Volk Gesetz und Rechtsentscheide und dort stellte er es auf die Probe. Er sagte: Wenn du auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, hörst und tust, was in seinen Augen recht ist, wenn du seinen Geboten gehorchst und auf alle seine Gesetze achtest, werde ich dir keine der Krankheiten schicken, die ich den Ägyptern geschickt habe. Denn ich bin der Herr, dein Arzt. Dann kamen sie nach Elim. Dort gab es zwölf Quellen und siebzig Palmen; dort am Wasser schlugen sie ihr Lager auf. (Ex 15,25-27)

Gott ist der Arzt seines Volkes. Sie brauchen keine Wunderheiler und Scharlatane. Gott kümmert sich um sein Volk. Er versteht es, Krankheiten zu heilen. Das wird besonders in Jesus sichtbar. Er zeigt, wie Gott sein Volk heilen möchte. Wir aber sind wie Israel in der Wüste und zweifeln an Gottes Wundern. So hindern wir Gott daran, dass er sich als Arzt und Helfer zeigen kann. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die das Vertrauen in Gott haben, das bereits Mose das Volk gelehrt hat und das Jesus uns gezeigt hat. Die Oase von Elim, wo Gott dem dürstenden Volk Wasser im Überfluss schenkt, kann ein Bild sein, das uns in unserem Leben immer wieder daran glauben lässt, dass die Hoffnung auf Gott nicht vergebens ist.

Wenn ihr fastet … (Mt 6)

Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler! Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber, wenn du fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. (Mt 6,16-18)

In der Bergpredigt stellt Jesus die Zehn Gebote auf den Kopf. Diese beginnen ja bekanntlich mit der Bekräftigung, dass Gott, der Retter Israels, der einzige Gott für Israel ist, und dass es die Pflicht des Volkes ist, diese Einzigartigkeit Gottes zu bewahren. Erst danach folgen die Weisungen für den Umgang der Menschen miteinander. Jesus aber beginnt beim Menschen. Er preist die Armen und Unterdrückten selig. Dann zeigt er auf, wie die Menschen miteinander leben sollen, nicht so, dass jeder auf sein Recht pocht, sondern in Gerechtigkeit und Liebe, einer Liebe, die auch im Inneren des Herzens keinen Hass und keine Verachtung anderer zulässt, nicht einmal des schlimmsten Feindes.
Erst dann zeigt Jesus, wie aus diesem Leben gemäß der Liebe auch eine ganz neue Gottesbeziehung erwächst. Erst wenn der Mensch in der alltäglichen Einübung der Liebe seinen Mitmenschen gegenüber Fortschritte macht, kann er etwas von Gott verstehen, der selbst die Liebe ist. So wird der Mensch immer mehr Gott ähnlich und kann so in eine ganz neue Beziehung mit ihm eintreten.
Eine besondere Ausdrucksform der Beziehung des Menschen zu Gott ist das Gebet. Wir können mit Gott kommunizieren, auch wenn wir ihn nicht sehen und seine Stimme nicht hören. Im Gebet findet der Mensch einen ganz besonderen Draht zu Gott, der sich von den alltäglichen Kommunikationsformen unterscheidet. Daher ist Gebet mehr als das Aufsagen von abgelesenen oder auswendig gelernten Formeln. Ein solches Gebet bleibt im Äußerlichen verhaftet. Formeln und Rituale können aber eine Hilfe sein, um zum Zentrum des Betens zu gelangen.

Genauso wie das Beten, sollen auch andere religiöse Ausdrucksformen, insbesondere das Fasten, nicht bei Äußerlichkeiten stehen bleiben. Im Fasten verzichtet der Mensch freiwillig auf gewisse Annehmlichkeiten des Lebens, auf üppige Nahrung, Alkohol, Konsum, Unterhaltung. In unserer Wohlstandsgesellschaft heute gibt es so viele Dinge, auf die wir verzichten können. Verzicht schmerzt auch immer etwas, er fordert eine Willensanstrengung. Aber genau dadurch werden wir reifer. Der Verzicht lässt einen Freiraum entstehen, den Gott füllen kann.
Heute wird vor allem die gesundheitliche Form des Fastens betont. Nachdem die Kirche die Fastenregeln weitgehend abgeschafft hat, entdecken andere das Fasten neu. Es gibt unzählige Ratgeber für die verschiedensten Formen des Fastens. Manche zahlen Unsummen von Geld für professionelle Fastenkuren. Dabei kann Fasten so einfach sein, wenn wir uns einen konkreten Vorsatz nehmen, für welche Zeit wir auf was genau verzichten wollen. Dann brauchen wir nur noch die nötige Willensstärke, das auch durchzuhalten.
Die Kirche will uns mit den 40 Tagen der Österlichen Bußzeit eine Hilfe geben. Es bleibt jedem selbst überlassen, wie er diese Zeit nutzt. Wer Anfänger im Fasten ist, sollte sich nicht zu viel vornehmen, um nicht doch bald enttäuscht aufgeben zu müssen. Es kommt auch auf die Lebensumstände an und auf das konkrete Konsumverhalten des Einzelnen. Wer sich viele Annehmlichkeiten gönnt, findet sicher leicht etwas Überflüssiges, auf das er verzichten kann. Wer aber eh schon relativ enthaltsam lebt, muss sich schon etwas mehr Gedanken darüber machen, worauf er noch verzichten kann.
Allen modernen Fastenratgebern gemeinsam ist der Hinweis darauf, dass Fasten dem Einzelnen gut tut. Vielleicht ist das auch eine Hilfe dafür, das religiöse Fasten neu zu beleben. Es ist keine lästige Pflicht, nichts, das von oben verordnet wird, um die Menschen zu drangsalieren, sondern eine Hilfe, das eigene Leben bewusster und gesünder zu gestalten. Das Fasten tut dem Menschen gut. Es macht aber noch mehr als das. Durch den Verzicht entsteht Raum für Neues und dies kann auch eine ganz neue Gottesbegegnung sein.
Wenn wir all diese positiven Aspekte des Fastens betrachten, so erkennen wir, dass Fasten nichts damit zu tun hat, trübselig und ungewaschen auf der Straße herumzulaufen. Fasten ist kein Jammern über den Verzicht, sondern die Freude darüber, dass wir es schaffen können, uns von unnötigen Bindungen und Zwängen zu befreien. Fasten macht glücklich. Das ist für uns die rechte Motivation, heute damit zu beginnen.

Erfüllung des Gesetzes (Mt 5)

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. (Mt 5,17)

In der Bergpredigt zeigt uns Matthäus Jesus als den neuen Mose. Wie Mose dem Volk Israel das Gesetz Gottes vermittelt hat, so bringt Gott in Jesus Christus nun allen Menschen sein neues Gesetz. Es ist aber nicht neu, sondern geht aus dem Gesetz des Alten Bundes hervor. Die Gebote, die Gott dem Volk Israel gegeben hat, sind nicht schlecht und Gott hat es sich auch nicht anders überlegt. Vielmehr haben die Menschen Gottes ursprüngliches Gesetz falsch verstanden. Gottes Gebote sind zeitlos, müssen aber immer wieder neu an die sich wandelnden gesellschaftlichen Umstände angepasst werden.

Verhaltensformen, die für ein Nomadenvolk hilfreich waren, passen nicht in die Welt des Römischen Reiches zur Zeit Jesu, genauso wie Verhaltensformen, die sich in einer überwiegend agrarischen Gesellschaft herausgebildet haben, nicht in eine moderne globale Gesellschaft eines fortschrittlichen Industriestaates passen. Das heißt aber nicht, dass die Weisungen aus alter Zeit im falsch sind. Es geht darum, ihren eigentlichen Kern zu entdecken und diesen in die neue Zeit zu übersetzen. Wir müssen zu jeder Zeit neu entdecken, wie wir am besten als Menschen zusammenleben können. Die Welt ist im Wandel. Gewohnte Strukturen lösen sich auf. Jede Generation hat hier neu ihre Wege zu suchen, aber sie braucht die menschlichen Umgangsformen nicht komplett neu zu erfinden. Das Neue geht aus dem Alten hervor und baut auf ihm auf.

So will auch Jesus kein neues Gesetz geben, sondern er will das bestehende Gesetz neu auslegen. Wir können in den Worten Jesu eine Steigerung erkennen. Er stellt die Zehn Gebote regelrecht auf den Kopf. Die Zehn Gebote beginnen mit den Weisungen, wie der Mensch sich Gott gegenüber verhalten soll, und enden mit den Weisungen für das menschliche Zusammenleben. Jesus aber fängt hier mit dem menschlichen Zusammenleben an und kommt dann zu einer neuen Art und Weise der Begegnung mit Gott. Dabei fängt er im mitmenschlichen Bereich mit einer Weisung an, über die allgemeiner Konsens besteht, dass Menschen einander nicht töten sollen. Aber damit ist es nicht genug. Mitmenschlichkeit geht tiefer, sie geht soweit, alle Menschen zu lieben, ja sogar so weit, selbst unsere Feinde zu lieben.

Wenn der Mensch zu einem so tiefen liebevollen Miteinander bereit ist, dann erst ist er bereit für eine ganz neue Begegnung mit Gott, einer Begegnung, die sich nicht auf Äußerlichkeiten wie bestimmte Kulthandlungen oder das Aufsagen bestimmter Gebete beschränkt, sondern die zu einer lebendigen Beziehung zwischen Gott und Mensch führt. Für einen solchen Menschen ist Gott nicht ein höheres Wesen oder eine höhere Macht, sondern Gott ist für ihn ein Vater, dem der Mensch ganz vertrauen kann und der Sorge trägt um das Leben jedes einzelnen.

Diese Nähe Gottes zu den Menschen war auch im Alten Bund nicht fremd. Wir kennen den wunderschönen Psalm 23, der Gott als Hirten zeigt. Viele Worte der Propheten sprechen von der Liebe Gottes zu seinem Volk und zu jedem einzelnen Menschen. Aber sie ging etwas verloren, indem die Menschen sich mehr darauf konzentriert haben, jedes einzelne kleine Gebot zu erfüllen, anstatt Gott als liebenden Vater zu sehen. Auch im Christentum ist diese Entwicklung zu erkennen. Es ging hauptsächlich darum, die Gebote zu halten, Verfehlungen zu beichten und andächtig die Hl. Messe zu besuchen. Aber die Nähe und Liebe Gottes konnten dabei nur wenige erfahren. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass sich heute so viele von der Kirche abwenden, weil sie es verpasst hat, die Weisung Gottes rechtzeitig für eine neue Zeit zu übersetzen.

Jeder Mensch ist dazu aufgerufen, der Weisung Jesu auch heute zu folgen, von einem ausdruckslosen Nebeneinander von Menschen, das sich allein an die wichtigsten Regeln des Zusammenlebens hält, zu einem liebevollen Miteinander, das über ein gegenseitiges Annehmen und Verzeihen bis hin zu einer tiefen Liebe selbst zu den Feinden führt. Dann können wir auch Gott neu begegnen und erfahren seine Liebe, mit der er uns stets umsorgt und unser Leben trägt. Warten wir nicht, bis andere den ersten Schritt tun. Gott steht bereit, jeden einzelnen mit seinen liebevollen Armen zu umfangen.

Psalm 95 – Mahnung

Würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören! Verhärtet euer Herz nicht wie in Meriba, wie in der Wüste am Tag von Massa! Dort haben eure Väter mich versucht, sie stellten mich auf die Probe und hatten doch mein Tun gesehen. (Ps 7b-9)

Das Volk Israel hat einen Gott, der es wirklich gut mit ihm meint, aber nicht immer erweist das Volk ihm die nötige Dankbarkeit. Es vergisst seine Gebote, die doch dazu da sind, dass die Menschen in Frieden und Freiheit zusammen leben. Stattdessen treten Macht und Gier in den Vordergrund. Das Volk wendet sich anderen Göttern zu, deren berauschende Kulte interessanter erscheinen als die Schriften des Gottes Israels.

Höre! Immer wieder taucht in der Heiligen Schrift und in der geistlichen Literatur der Aufruf zum Hören auf. Der Gott Israels ist ein Gott, der zu seinem Volk spricht. Wenn die Heiligen Schriften vorgelesen werden, hört das Volk die Worte Gottes. Gott hat mit Mose von Angesicht zu Angesicht gesprochen. Immer wieder erwählt sich Gott Propheten, durch die er zu seinem Volk spricht. Christlicher Glaube sieht in Jesus Christus die höchste Offenbarung Gottes. Gottes Sohn, der zugleich Gottes Wort ist, durch das im Anfang die Welt erschaffen wurde, wird Mensch und redet so in ganz menschlicher Weise zu den Menschen.

Warnendes Beispiel dafür, welche schlimmen Folgen es haben kann, wenn das Volk nicht auf Gott hört, ist die Wüstenwanderung des Volkes Israel, die 40 Jahre gedauert hat, weil das Volk so starrsinnig war, nicht auf Gott vertraut hat und ihn immer wieder auf die Probe gestellt hat. Der Tag von Meriba (Num 20) wurde zu einer Art Wendepunkt des Exodus. Mose sollte dem Volk beweisen, dass Gott ihren Durst mit Wasser aus dem Felsen stillen kann. Doch Mose ließ sich beeinflussen vom Murren des Volkes und zweifelte selbst an dem, was er tat. Zwar spendete Gott das Wasser aus dem Felsen, aber der Zweifel dieses Tages war der Grund dafür, dass Mose nicht in das verheißene Land einziehen durfte.

Immer wieder gerät das Volk in die Versuchung, nicht auf Gott zu vertrauen, seine Wunder zu vergessen. Die Geschichte ist stets eine Mahnung an die gegenwärtige Zeit. Doch von Zeit zu Zeit begeht die Menschheit immer wieder die gleichen Fehler und läuft in die Irre, was meist teuer mit dem Blut vieler Menschen bezahlt werden muss.

Es kommt auf jeden einzelnen an, die Stimme Gottes zu hören. An jedem Morgen wird der Beter daran erinnert. Das bringt der Hl. Benedikt im Prolog seiner Regel sehr anschaulich zum Ausdruck:

Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht, und hören wir mit aufgeschrecktem Ohr, wozu uns die Stimme Gottes täglich mahnt und aufruft. „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!“

Regel des Hl. Benedikt, Prolog

Der Exodus ist nicht nur ein vergangenes Ereignis, er geschieht zu jeder Zeit. Immer ruft Gott Menschen dazu, den Weg mit ihm zu gehen, den Weg in das Land der Verheißung, der Ruhe und des Friedens. Dieses Land ist nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern überall. Wer Gottes Ruf folgt, muss sich nicht auf Wanderschaft begeben. Es ist der Weg des Menschen in das Innere seiner selbst, der Weg, auf dem der Mensch danach strebt, ganz Gott zu gehören und sich ganz von ihm führen zu lassen, der Weg, auf dem der Mensch lernt, sich vom Irdischen zu lösen und ganz auf Gott zu vertrauen.

Dieser Weg ist an keine Zeit gebunden. Er findet statt im immerwährenden Heute der Gegenwart Gottes. Jeder Tag ist ein guter Tag, diesen Weg zu beginnen, jeder Tag ist ein guter Tag, einen Schritt weiter auf diesem Weg zu gehen. Das Heute dauert so lange, bis das Morgen kommt. Das Morgen, das ist der Tag des eigenen Todes oder der Tag, an dem der Herr wiederkommt in Herrlichkeit. Das Morgen ist jener Tag, von dem keiner weiß, wann er kommt. Darum sollten wir das Heute hochschätzen, denn es bietet uns unbegrenzte Möglichkeiten. Je früher wir anfangen, den Weg mit Gott zu gehen, umso mehr Zeit bleibt uns, diesen Weg einzuüben. Das Heute hält unvorstellbare Chancen für uns bereit. Nutzen wir sie. Jetzt.

Vierzig Jahre war mir dieses Geschlecht zuwider und ich sagte: Sie sind ein Volk, dessen Herz in die Irre geht, sie kennen meine Wege nicht. Darum habe ich in meinem Zorn geschworen: Sie sollen nicht eingehen in meine Ruhe. (Ps 95,10-11)

Das Volk, das Gott sich erwählt hat, ist ihm zuwider geworden, weil es ständig jammert und klagt, anstatt im Vertrauen auf Gott seinen Weg zu gehen. Egal wie viele Wunder Gott auch tut, am nächsten Tag schon sind sie wieder vergessen und das Jammern fängt von neuem an. Das Jammern darüber, wie schlecht es uns geht, durchzieht die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte. Dabei sollten wir dankbar sein für all die Wunder, die Gott uns täglich schenkt, allein schon für das Wunder, dass wir leben. Letztlich ist es unser Jammern, das Gott daran hindert, uns mit seiner Fülle zu beschenken. Wer jammert, versinkt immer tiefer in seinem Elend. Wir denken, wenn wir jammern, dann bekommen wir etwas geschenkt, aber das ist ein großer Trugschluss. Wer bittet, der soll seine Bitten mit Dank und Lobpreis vor Gott bringen, mit dem festen Vertrauen, dass Gott schon längst das für mich bereithält, worum ich ihn bitte. Wer dieses Vertrauen hat, den führt Gott zum Ziel seiner Wünsche und Sehnsüchte, in das Land seiner Ruhe.