Erscheinung des Herrn

Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Geschenke, die Könige von Saba und Seba kommen mit Gaben. Alle Könige werfen sich vor ihm nieder, es dienen ihm alle Völker.

Ps 72,10-11

So beten wir in Psalm 72, der ein Lied ist auf den Messias, den König von Israel. Mit der Sehnsucht nach einem neuen großen und gerechten Herrscher Israels aus dem Hause David wird der Psalm zugleich zu einem messianischen Psalm, der aus christlicher Sicht auf Jesus Christus hinweist. Verse des Psalms haben so Eingang gefunden in die Liturgie des Epiphanie-Festes, an dem die Erscheinung des Herrn vor der Welt gefeiert wird, die sich in der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland zeigt. Sie sind die Repräsentanten der Völker, die gekommen sind, dem neugeborenen König Israels zu huldigen und ihm ihre Gaben zu bringen.
Menschen aus dem fernen Orient übten seit jeher eine Anziehungskraft auf die Menschen der mediterranen und später der westlichen Welt aus. Der Orient galt als Land unvorstellbarer Reichtümer und war zugleich eine verborgene und unzugängliche Welt. Kostbare Luxusgüter fanden über weite Handelsrouten den Weg in den Westen, Seide, Gewürze, Duftstoffe und vieles mehr. Bis zur Entdeckung der Seewege in den Fernen Osten am Beginn der Neuzeit ist kaum ein Mensch der westlichen Welt dorthin gelangt.
Die Königin des legendären Saba am Hof Salomos geht vielleicht auf ein Ereignis zurück, das sich wegen seiner Einzigartigkeit tief in das Gedächtnis Israels eingeprägt hat. Ähnlich wie der Elefant, den Jahrhunderte später der Sultan an den Hof Karls des Großen senden ließ, zeigt dies eine außerordentliche freundschaftliche Begegnung zwischen sich ansonsten fremden und unverständlichen Kulturkreisen.
Eine ebenso wunderbare Begegnung ist der Besuch der Magier beim neugeborenen König von Israel. Hier erfüllt sich die Verheißung der Psalmen und Propheten. Der lange ersehnte und viel besungene neue König von Israel ist geboren. Aber nicht in Jerusalem, nicht am Hof des herrschenden Königs Herodes. Dieser Herodes war wie viele Könige Israels vor ihm ein Potentat, ein kleiner Herrscher mit Größenwahn, dessen Regierungsstil nicht im Entferntesten an die Weisheit und Gerechtigkeit heranreichte, die dem ersehnten Messias-König zugesprochen wird.
Sie finden den neugeborenen König der Juden nicht im königlichen Palast der Hauptstadt Jerusalem, sondern in einem einfachen Haus im kleinen Ort Betlehem. Aber dennoch: dieses kleine Betlehem ist die Geburtsstadt des großen Königs David, und Josef, der Mann der Mutter des Kindes, ist ein Nachkomme dieses Königs. Das Kind aber, und diese Nachricht ist noch staunenswerter als der Besuch der Männer aus dem fernen Orient, ist Gottes Sohn, der aus Maria geboren wurde.
Mit diesem neugeborenen König aus dem Haus David bricht ein neues Zeitalter an. Zwar wird er zu seinen Lebzeiten auf Erden das kleine Land Israel nicht verlassen, nur einige wenige, meist arme Leute, schließen sich ihm an, den Mächtigen ist er fremd und gefährlich und sie werden ihn letztendlich wie einen Verbrecher töten. Aber es geschieht das Unerwartete und Wunderbare, das noch nie Gehörte, er steht aus dem Grab auf zu neuem Leben und kehrt zu seinem Vater zurück.
Es ist auf den ersten Blick eine unglaubliche und auch unglaubwürdige Geschichte, was sich da ereignet hat, aber von Anfang an spüren die Menschen, die an diesen Jesus Christus glauben, eine Kraft, die sie erfüllt, und die mit nichts Irdischem zu erklären ist. Sie merken, dass es wirklich ein neues Leben gibt, dass Gott die Menschen befreit von allem, was sie gefangen hält, dass Gott Heilung schenkt und neues Leben, das machtvoller ist als der Tod.
So breitet sich der Glaube an Jesus Christus über die ganze Erde aus, zunächst noch verfolgt von den Mächtigen, dann aber bekehren sich auch Herrscher, Könige und ihr Gefolge zu diesem Jesus Christus und bringen ihm ihre Schätze dar. Die ganze bekannte Welt wird eins im Glauben an den König und Gottessohn Jesus Christus.

Herr Jesus Christus,
König und Gottessohn,
Herrscher über die ganze Welt,
führe alle Menschen zu dir
und lass sie dein Heil erfahren.
Führe die Völker zu dir
dass Friede herrsche
auf der ganzen Erde
in deinem Namen.
Amen.

Weihnachten – Licht des Heils

Um Zions willen werde ich nicht schweigen, um Jerusalems willen nicht still sein, bis hervorbricht wie ein helles Licht seine Gerechtigkeit und sein Heil wie eine brennende Fackel.

Jes 62,1

Ich kann nicht schweigen und ich werde nicht schweigen. Es gibt wenig Menschen, die den Mut haben, durch Widerstände und Ablehnung hindurch ihrer Überzeugung treu zu bleiben und dafür Zeugnis zu geben. Hier ist es Gott der redet, der niemals schweigt. Das Schweigen Gottes war schon immer ein Bild für die Gottferne einer Zeit. Hier zeigt sich Gott als der Nahe, als der Redende. Er verschafft seiner Botschaft Geltung, auch dort, wo die Menschen sie nicht hören und annehmen wollen. Gott kann niemand zum Schweigen bringen.

Gott redet nicht um seiner selbst willen. Wenn er redet, dann geht es ihm nicht darum, dass die Menschen ihm Opfer bringen. Gott redet um der Menschen willen. Er will den Menschen Gerechtigkeit und Heil bringen. Seine Worte richten sich gegen die Ungerechtigkeit und Sünde der Menschen. Gott tritt ein für die Schwachen und Unterdrückten. Ihnen will er mit seinen Worten Recht verschaffen.

Gott ist ein lästiger Mahner. Immer wieder haben Mächtige versucht, mit seinem Namen ihre Macht zu rechtfertigen. Zu allen Zeiten missbrauchen diejenigen, die sich seine Diener nennen, seinen Namen dazu, sich selbst Vorteile und Einfluss zu sichern. Doch Gott lässt auf Dauer nicht zu, dass man seinen Namen missbraucht. Gott ist kein toter Götze, der nur die Fassade bildet für das Machtgebaren seinen Diener. Gott ist lebendig. Er ruft und schreit, er handelt und bestimmt selbst das Geschick der Welt.

Gottes Wort findet seinen Weg zu den Menschen. Das wird ganz besonders an Weihnachten deutlich. Wir feiern die Fleischwerdung des Wortes. „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ So bringt es der Evangelist Johannes zum Ausdruck. Gottes Wort wird ein kleines, hilfloses Kind. Die Worte aber, die Gottes Sohn auf der Erde gesprochen hat, haben auch heute, über 2000 Jahre nach dieser Fleischwerdung, nichts von ihrer Macht verloren.

Gottes Wort bringt Licht ins Dunkel. Es ruft nach Gerechtigkeit, wo Menschen ungerecht behandelt werden. Es bringt Heil, wo Menschen im Unheil leben. Gottes Wort, Fleisch geworden in Jesus Christus, machtvoll bis heute in jedem, der an ihn glaubt.

Weihnacht
Licht im Leben
von Gott entzündet
Wort des Heils
von Gott gesandt
Mensch geworden
um die Menschen
Menschlichkeit zu lehren
und um Gottes Licht
unauslöschlich zu entzünden
mitten in der Welt
Licht, das bis heute leuchtet
Wort der Gerechtigkeit
und des Heils
das nie verstummt
Licht der Hoffnung
in einer unheiligen Zeit.

Weihnachten

Ja, ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. (Jes 9,5a)

Dieser Vers wird in der lateinischen Kirche seit alters her als Eröffnungsgesang der Messe am Weihnachtstag gesungen. Nach der modernen Leseordnung hören wir ihn in der Lesung in der Heiligen Nacht. Jesaja verheißt die Geburt eines Kindes, das mehr ist als nur ein besonderer Mensch, ein Königssohn und Thronfolger. Er verheißt die Geburt eines Kindes, in dem Gott selbst mitten unter uns ist, eines Kindes, das Gottes Sohn ist. Als Christen sehen wir in der Geburt Jesu Christi, die wir an Weihnachten feiern, die Erfüllung der Weissagung des Jesaja.

Wir haben uns an die Darstellungen der Krippe von Betlehem, an die Romantik mit Ochs und Esel und Hirten, eingehüllt in ein warmes Licht, vielleicht so sehr gewöhnt, dass uns das Ungeheuerliche, das dahintersteht gar nicht mehr bewusst wird. Gott wird ein Kind. Götter sind doch groß und erhaben, dem Zugriff der Menschen entzogen, vielleicht kommen sie in manchen Mythen als Helden auf die Welt. Dass aber Gott ein kleines, schwaches Kind wird, das hat man noch nie gehört. Zudem ist es auch gar kein Wunderkind, sondern einfach ein ganz normales Kind.

Gott will uns seine Macht in der Machtlosigkeit eines Kindes zeigen. Gott will uns zeigen, dass er so mächtig ist, dass er gerade durch ein hilfloses Kind die Menschen retten kann. Wir Menschen schauen oft nur auf das Äußere, auf imposante Gesten, lassen uns von der Zurschaustellung von Macht beeindrucken. Die Werbung heutzutage gaukelt uns mit schönen Bildern vor, dass jedes noch so wertlose Zeug etwas ist, das wir unbedingt haben müssen und uns zu einem besseren Menschen macht und wir wundern uns, warum wir so unzufrieden sind, obwohl wir doch so vieles haben.

Wertvoll sind Menschen und Dinge nicht durch den äußeren Schein, nicht durch Werbung oder dadurch, dass sie viele „Follower“ in den sozialen Netzwerken haben. Wahre Werte, das was Menschen oder Dinge wirklich wertvoll macht, ist etwas, das nicht in Geld gemessen werden kann. Wir können uns Unterhaltung, Dienstleistungen und auch Spaß mit Geld kaufen, aber wahre Liebe gibt es nicht für Geld. Menschen, die in wirklich allen Lebenslagen zu uns stehen, sind unbezahlbar, gerade auch deshalb, weil sie keinen Lohn für ihre Zuwendung erwarten.

Gott hat uns an Weihnachten ein unbezahlbares Geschenk gemacht. Er ist zu uns gekommen als ein kleines Kind. Vielleicht finden wir Gott auch heute wieder am leichtesten in der Betrachtung dieses Kindes. Gott ist uns so nahe, dass wir ihn in die Arme nehmen können, wie ein kleines Kind. Und wie Kinder mit ihrem Lächeln die Menschen verzaubern können und selbst die härtesten Herzen anrühren, so will Gott uns mit seiner Nähe verzaubern und unsere harten Herzen öffnen.

Weihnachten ist das Fest der Nähe. Näher konnte Gott uns nicht kommen als in der Geburt seines Sohnes, der Mensch, der Kind werden wollte für uns. In unserem Bruder Jesus aber sind auch wir einander nahegerückt. (Klaus Hemmerle)

Mit seiner Geburt will Gott auch uns Menschen zusammenführen, dass wir zusammen feiern, Menschen verschiedener Klassen und Schichten, Menschen verschiedener Rassen und Kulturen. In der Gegenwart des göttlichen Kindes soll Frieden sein und Freude. Draußen bleiben alle, die mit Weihnachten nur Geld verdienen möchten, die weihnachtliche Gefühle in den Menschen wecken, um sie zum Konsum zu motivieren. Verbannen wir den Kommerz von unserem Weihnachtsfest. Ja, ein paar kleine Geschenke sind schön, für Erwachsene und ganz besonders auch für Kinder, aber sie sind wertlos, wenn das Wichtigste an Weihnachten fehlt, die Erfahrung, dass Gott zu uns gekommen ist mit seiner Liebe, die Erfahrung, dass Gott uns mehr geschenkt hat, als wir jemals werden schenken können.

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

Epiphanie – „Dreikönig“

Auf, werde licht, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir. (Jes 60,1)

Auf, steht auf! So ruft der Prophet eindringlich der Stadt Jerusalem zu. Vorbei ist die Zeit des Wartens auf die Ankunft des Messias, vorbei die Zeit der Dunkelheit. Das Licht ist da. Gott ist erschienen und zu seinem Glanz ziehen alle Völker.

Wir dürfen uns die Worte des Propheten Jesaja auf der Zunge zergehen lassen, sie immer und immer wieder lesen. Sie sind eine unvergängliche Zusage an uns, dass das Licht mächtiger ist als die Finsternis und das Helle kraftvoller als die Schatten. Wir haben keinen Gott, der uns fesselt und niederdrückt, sondern einen Gott, der uns aufrichtet und unseren Blick zum Licht lenkt. Er hat sich selbst klein gemacht, um uns groß herauskommen zu lassen. Stauend dürfen wir das Geheimnis betrachten, das Gottes Liebe uns schenkt. Im Dunkeln geht ein Licht auf und in der Nacht leuchtet ein heller Stern.

Die biblische Tradition kennt die Vision einer Wallfahrt der Völker nach Jerusalem zum Berg Zion. Israel ist das von Gott als Hüter seiner Weisung auserwählte Volk. Wenn Israel diese Weisung treu bewahrt, werden alle Menschen über die Weisheit der Gebote Gottes staunen. Sie werden kommen, um diese Weisheit zu lernen und um den Gott anzubeten, der diese Weisung gegeben hat. So wird Gott seine Weisheit und Herrlichkeit der ganzen Welt offenbaren.

Bereits von König Salomo hören wir, dass die Königin von Saba und andere ferne Herrscher kamen, um Salomos Weisheit zu bestaunen. Die späteren Könige aber strebten nicht so zielstrebig nach der Weisheit, sondern taten oft, was Gott missfiel. Schließlich kam mit der Eroberung Jerusalems das Ende des Königtums in Israel. Nun tritt in der Prophetie immer mehr die Erwartung des Messias in den Vordergrund. Gott wird einen neuen Herrscher aus dem Haus Davids erwecken, der gerecht ist und nach Gottes Weisung das Volk regiert.

Wenn Matthäus uns in seinem Evangelium von den Weisen aus dem Morgenland berichtet, die gekommen sind, um das göttliche Kind anzubeten, so sieht er genau diese Vision des Propheten erfüllt. Jesus Christus ist der Messias, der lange ersehnte Herrscher aus dem Haus Davids. Mit ihm strahlt das Licht der Weisheit Gottes in die ganze Welt. Daher hat die Kirche diesen Text aus Jesaja auch zur Lesung am Hochfest Epiphanie gewählt. In den Bildern vom Zug der „Heiligen Drei Könige“ wird lebendig, was Jesaja voraussah:

Völker wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz. Der Reichtum des Meeres strömt dir zu, die Schätze der Völker kommen zu dir. Zahllose Kamele bedecken dein Land, Dromedare aus Midian und Efa. Alle kommen von Saba, bringen Weihrauch und Gold und verkünden die ruhmreichen Taten des Herrn. (Jes 60,4-6)

Schließen wir uns dem Zug der Weisen aus dem Morgenland an, ziehen wir hin zum göttlichen Kind, in dem Gottes Licht und Weisheit der Welt erschienen ist. Auch wenn der Weg manchmal beschwerlich ist und wir manchmal in die Irre gehen, wie die Weisen, die zunächst beim „falschen“ König in Jerusalem angeklopft haben. Immer wieder leuchtet der Stern uns auf und zeigt uns den Weg.

Der Freudenbote

Die Kapitel 51 und 52 des Jesajabuches sind Worte des Trostes für ein Volk, das viel Leid erfahren musste. Jerusalem wurde erobert und zerstört, seine Bewohner in die Verbannung verschleppt. Was damals geschehen ist, musste geschehen. Aber Gott hat sein Volk nicht vergessen. Er macht einen Neuanfang. Er hat seine heilige Stadt nicht verlassen. Gott kehrt nach Zion zurück und mit ihm die Verbannten aus dem Exil in Babylon.

Es ist ein Tag des Jubels und des Sieges, als sich die Botschaft verbreitet, dass die Zeit des Exils zu Ende ist. Wie damals in der Wüste beim Auszug aus Ägypten geht Gott wieder seinem Volk voran und beschließt auch den Zug. Geordnet soll das Volk aufbrechen, wie in einer langen Prozession soll es von Babylon nach Jerusalem ziehen.

Gott ist da und Gott schafft Rettung. Wie befreiend muss diese Botschaft für die Menschen damals gewesen sein. Sie sind nicht verlassen und vergessen an den Strömen von Babel, sondern Gott denkt an sie und holt sie heim in das Land ihrer Väter, in das Land, das Gott selbst für sie erwählt hat.

Wir hören diese Worte des Propheten Jesaja in der Lesung am Weihnachtstag. Das Fest der Geburt Jesu Christi ist auch ein solches Hoffnungszeichen der Gegenwart Gottes. Gott will mitten unter uns Menschen sein, nicht mehr nur in seinem Volk Israel und in Jerusalem, sondern in allen Ländern der Welt und bei allen Menschen, die ihn aufnehmen.

Der Herr hat seinem Volk Erlösung geschaffen, an seinen Bund denkt er auf ewig.

So heißt es in einer Antiphon an Weihnachten. Gott denkt an uns, er hat uns nicht vergessen. Auch wenn wir täglich das Elend und Leid sehen, das Menschen einander zufügen, Kriege, Streit, Flucht und Vertreibung. Gott ist da. Er ist mitten unter den Menschen in den Ländern des Krieges, mitten unter den Flüchtlingen, mitten unter den Menschen, die in Armut und Elend leben.

Auf die Frage, warum Gott all das Leid zulässt, werden wir keine Antwort finden. Aber wir können die Botschaft der Hoffnung verbreiten, dass Gott mitten im Leid der Menschen gegenwärtig ist und wenn die Zeit dafür gekommen ist, einen Ausweg schafft. Wir können diese Hoffnung erfahrbar werden lassen, indem wir, soweit es uns möglich ist, selbst zu den Menschen gehen, die Hilfe brauchen, und für sie beten. Wir müssen uns die Strukturen der Ungerechtigkeit und Gewalt bewusst machen, die unsere Welt durchdringen, aus ihnen ausbrechen und gegen sie angehen, wo es uns möglich ist.

Mit jedem Produkt, das ich kaufe, mit jeder Mahlzeit, die ich esse, ja fast mit jedem Schritt, den ich auf der Straße gehe, kann ich eine Entscheidung für oder gegen die Gerechtigkeit, für oder gegen die Liebe tun. Ungerechtigkeit ist nicht etwas, das in fernen Ländern geschieht, sondern sie hat ihre Wurzel hier mitten unter uns. Ich kann die Ungerechtigkeit als solche nicht bezwingen, aber ich kann versuchen, so zu leben, dass ich sie nicht vergrößere. Ich kann Zeichen der Liebe setzen, je nachdem, wie ich mich anderen gegenüber verhalte.

Wenn immer mehr Menschen so leben, immer mehr Menschen den Weg der Gerechtigkeit und der Liebe gehen, dann durchzieht eine Kette der Hoffnung unsere Welt. Gott geht voran und am Ende des Zuges. Gottes Heil wird in der Welt lebendig und heilt die offenen Wunden und tröstet die trauerden Herzen. Dann strahlt das Licht von der Krippe auf und wärmt, was kalt ist und starr. Und dann kann Frieden sein.

1.1. Hochfest der Gottesmutter (2)

Paulus, der seine Briefe weit vor den Evangelien schreibt, interessiert sich noch nicht für die genauen Ereignisse bei der Geburt Jesu Christi. Er weiß nichts von einem Stall in Betlehem, nennt nicht einmal den Namen der Mutter Jesu. Aber doch formuliert er das zentrale Geheimnis des Weihnachtsfestes. Gott selbst wird Mensch. Jesus Christus ist nicht ein besonders von Gott erwählter Mensch, wie es sie zu allen Zeiten gibt, ein großer Prophet oder Heiliger. Nein. Jesus Christus ist Gott und Gott kam in die Welt wie jeder Mensch, geboren von einer Frau.

Vielleicht können diese schlichten Worte des Paulus uns helfen, das, was an Weihnachten geschehen ist, tiefer zu erfassen. Jesus Christus, Gott, Sohn Gottes, geboren von einer Frau. Gott selbst wird Mensch. Gottes Sohn wird Mensch, damit wir zu Söhnen und Töchtern Gottes werden. Gottes Sohn wird Mensch, um uns zu sagen, dass wir mündig sind, das Erbe Abrahams anzutreten. Wir sind Söhne und Töchter Gottes und als solche keine unmündigen Kinder mehr, die unter einer Vormundschaft stehen, sondern erwachsene Söhne und Töchter Gottes, die mündig geworden sind, das Erbe anzutreten.

Erbe zu sein, das bedeutet auch Verantwortung. Es geht nicht darum, das Ererbte nun mit vollen Händen auszugeben und sich ein schönes Leben zu machen. Unser Erbe ist es, erwachsene Söhne und Töchter Gottes zu sein und als solche in der Welt zu leben. Ein Anteil am Erbe ist Gottes Geist, der in uns die Verbindung zum Vater aufrecht hält und der uns zeigt, was der Vater von uns als Erben erwartet.

Leben wir als erwachsene Söhne und Töchter Gottes in der Welt, im Herzen stets mit unserem Vater verbunden, als Zeugen dafür, dass Gott das Heil der Menschen will. Stellen sie sich einmal vor, ihr Vater wäre ein reicher Mann, mit einem großen Vermögen, einer Fabrik, Häusern, viel Land und was sonst noch alles. Und noch dazu wäre ihr Vater ein liebender Vater, kein Tyrann, sondern ein Vater, der sich trotz seines großen Besitzes auch liebevoll um seine Familie kümmert. Ich denke, als Sohn oder Tochter eines solchen Vaters würden sie stolz sein und ein gesundes Selbstbewusstsein haben. Irgendwann wird ihr Vater ihnen das Erbe übertragen und dann liegt die Verantwortung an ihnen, das Werk des Vaters in seinem Sinne weiterzuführen.

Hören wir auf den Geist, der in unserem Herzen ruft: Abba, Vater. Hören wir auf den Geist, der uns sagt: du bist nicht mehr Sklave, du bist kein unmündiges Kind, sondern du bist ein erwachsener Sohn, eine erwachsene Tochter Gottes, du bist mündig und würdig, das Erbe anzutreten. Du gehörst Gott und Gott ist allezeit bei dir.

1.1. Hochfest Gottesmutter (1)

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.  (Gal 4,4-5)

Am Neujahrstag feiert die Kirche als Oktavtag von Weihnachten das Hochfest der Gottesmutter. An diesem Tag hören wir eine Lesung aus dem Galaterbrief. In diesem Brief beschäftigt sich Paulus besonders mit der Frage, welche Bedeutung das jüdische Gesetz für die Christen hat. Er ist davon überzeugt, dass die Menschen nicht durch Werke des Gesetzes gerettet werden, sondern allein durch den Glauben an Jesus Christus. Aber die Vorschriften des Gesetzes stehen in der Heiligen Schrift. Mit welchem Recht kann Paulus also eine Lehre verkünden, die dazu scheinbar im Widerspruch steht?

Paulus argumentiert damit, dass das Gesetz des Alten Bundes nur eine vorübergehende Bedeutung hatte. Abraham, der Stammvater Israels, hatte bereits wegen seines Glaubens das Heil von Gott erfahren, und nicht, weil er Werke des Gesetzes erfüllt hat. Gottes Verheißung des Heils ist damals bereits an alle ergangen, die wie Abraham den Glauben haben. Aber die Menschen waren von Abraham an bis zur Zeit des Paulus unmündigen Kindern gleich, denen zwar das Erbe des Abraham verheißen war, die aber noch nicht reif dafür waren, dieses Erbe anzutreten. Daher hat Gott das Gesetz gegeben, dem die Menschen bis zu ihrer Mündigkeit wie einem Vormund unterstellt sein sollten.

Als aber die Zeit erfüllt war, in der Gott die unmündigen Kinder zu mündigen Erben machen wollte, hat er seinen Sohn gesandt. Er hat das Vormundschaftsrecht des Gesetzes beendet und somit allen Menschen die Möglichkeit eröffnet, das Erbe anzutreten, das er einst Abraham verheißen hat, nämlich durch den Glauben zu Söhnen und Töchtern Gottes zu werden und so das Heil zu erlangen.

Wir wissen aus unserem Alltag, welche Bedeutung eine Testamentseröffnung hat, gerade bei wohlhabenden Leuten. Da geht es oft um viel Geld und Besitz. Eine Testamentseröffnung ist ein hochrichterlicher Akt. Daher hat Gott seine Testamentseröffnung auch nicht mal eben so erledigt, nicht durch einen Propheten oder einen noch so besonders auserwählten Menschen, sondern Gott kam selbst auf die Erde in seinem Sohn Jesus Christus.

Heiliger Stephanus

Herr Jesus Christus,

der heilige Stephanus hat Zeugnis gegeben

von dir durch Wort und Tat

und hat als erster dieses Zeugnis

mit seinem Leben bezahlt

und ist dir nachgefolgt

auf dem Weg ins ewige Leben.

In seinem Sterben hat er

für seine Bedränger gebetet.

Wir danken dir für das Beispiel des heiligen Stephanus,

durch das wir herausgefordert werden,

es ihm gleich zu tun.

Wir bitten dich, Herr,

lass uns nachahmen, was wir feiern,

so dass wir lernen, selbst unsere Feinde zu lieben;

denn wir begehen ja das Geburtsfest dessen,

der es verstand, selbst für seine Verfolger zu beten.

Amen.

Die Gnade Gottes ist erschienen

Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. (Tit 2,11)

So heißt es in der Lesung aus dem Brief an Titus, die wir in der Heiligen Nacht hören. Der Brief ist ein Lehrschreiben an christliche Gemeinden, das Regeln für das Leben der Vorsteher und aller Christen formuliert. Die Gläubigen werden dazu aufgerufen, ihrer Berufung gemäß zu leben, in der Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn.

Das Leben der Christen spielt sich ab in einem „Jetzt“, das in der weiten Spanne zwischen dem „Einst“ und dem „Noch nicht“ liegt. Jesus Christus ist gekommen, um uns zu erlösen. In seiner Geburt ist Gottes Gnade in der Welt aufgestrahlt, in seinem Tod und seiner Auferstehung wurde sie allen offenbar. So hat Christus das Werk der Erlösung vollendet.

Wir leben als Erlöste in dieser Welt und sind doch stets den Versuchungen dieser Welt ausgesetzt. Es gilt, den Blick von den Dingen dieser Welt auf das Licht Gottes zu richten. Wir müssen lernen, über das hinaus zu blicken, das uns vor Augen liegt. Dann können wir die Botschaft Jesu Christi verstehen und entdecken, was Gottes Gnade bedeutet.

Erschienen bist du heute der Welt, und

dein Licht ward auf uns gezeichnet, o Herr,

und erkennend singen wir dir:

Gekommen und erschienen bist du,

das unzugängliche Licht!

(Gebet der Ostkirche)