Station 2: Einzug nach Jerusalem

Und es geschah: Er kam in die Nähe von Betfage und Betanien, an den Berg, der Ölberg heißt, da schickte er zwei seiner Jünger aus und sagte: Geht in das Dorf, das vor uns liegt! Wenn ihr hineinkommt, werdet ihr dort ein Fohlen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Bindet es los und bringt es her! Und wenn euch jemand fragt: Warum bindet ihr es los?, dann antwortet: Der Herr braucht es.

Die Ausgesandten machten sich auf den Weg und fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte. Als sie das Fohlen losbanden, sagten die Leute, denen es gehörte: Warum bindet ihr das Fohlen los? Sie antworteten: Weil der Herr es braucht.

Lk 19,29-34

Alle Evangelien berichten davon, dass Jesus auf einem Esel reitend in Jerusalem eingezogen ist. Es ist ein junger Esel, auf dem vorher noch niemand gesessen hat. Jesus beauftragt seine Jünger, diesen bei gewissen nicht näher genannten Leuten zu holen. Da die Evangelien von dem Esel und seiner Beschaffung doch relativ ausführlich berichten, liegt die Vermutung nahe, dass dieser Vorgang eine tiefere Bedeutung hat.

Jesus sagte voraus, dass niemand sie hindern werde, vielmehr auf ihre Worte hin alle zu diesem Tun schweigen würden. … Irrig wäre die Meinung, der Vorgang habe nicht viel zu bedeuten. Denn wie kamen diese Landleute, die wahrscheinlich arm waren, dazu, sich ohne Widerspruch ihr Eigentum entführen zu lassen? … Zwei sehr auffallende Umstände: sie sagten gar nichts dazu, dass man ihre Lasttiere wegführte und willigten noch ohne Widerrede ein, als sie hörten, der Herr bedürfe ihrer; und dabei sahen sie ihn selbst nicht einmal, sondern nur seine Jünger. (Johannes Chrysostomus)

Johannes Chrysostomus deutet dies zum einen als ein Zeichen dafür, dass Jesus auch leicht seinem Leiden hätte entgehen können, wenn er es gewollt hätte. Wie die Besitzer des Esels seinem Wunsch willig folgten, so hätte er sich auch die Gunst der Juden erwerben können. Doch nach Gottes Willen sollte es anders kommen.

Jesus wollte die Jünger, die über seinen bevorstehenden Tod betrübt waren, ermutigen und ihnen zeigen, dass er sich dem ganzen Leiden freiwillig unterzog. (Johannes Chrysostomus)

Der Esel, der so willig sich zum Herrn führen lässt und sich von ihm in Dienst stellen lässt, wird aber auch zu einem Bild der Kirche und jedes einzelnen Gläubigen.

Beachte dabei, wie fügsam das Füllen ist. Obwohl noch nicht zugeritten und noch an keine Zügel gewohnt, schreitet es doch ruhigen Schrittes dahin, ohne sich zu bäumen. Auch in diesem Umstand liegt eine Prophezeiung: es wird angedeutet, wie willig sich die Heiden zeigen und mit welcher Bereitwilligkeit sie sich in die neue Ordnung fügen werden. (Johannes Chrysostomus)

Wenn schon die Heiden sich so willig zu Christus hin bekehren, wie viel mehr müssen dann die Gläubigen ihm dienen. Jesus zeigt den Aposteln und uns allen, dass wir bereit sein sollen, ihm alles zu schenken. Dieses Schenken zeigt sich ganz besonders auch im Dienst an den Armen, dem Almosengeben, zu dem wir in der Fastenzeit besonders aufgerufen sind.

Christus verlangt nur, dass wir den Bedürftigen geben, und verheißt uns dafür das Himmelreich. … Seien wir also nicht so kleinlich, nicht so unmenschlich und grausam gegen uns selbst, sondern ergreifen und betreiben wir vielmehr dieses vorzügliche Geschäft, dann werden wir glücklich hinübergehen und es zugleich auch unseren Söhnen hinterlassen können; dann werden wir auch der ewigen Güter teilhaftig werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem mit dem Vater und dem Heiligen Geiste Ruhm, Macht und Ehre sei jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen! (Johannes Chrysostomus)

Johannes Chrysostomus stellt uns also den Palmesel geradezu als Vorbild hin. Der Esel, der eigentlich ein störrisches Tier ist, fügt sich ganz dem Willen Jesu und als er dann auf dem Esel Platz genommen hat, kann der festliche Einzug in Jerusalem beginnen.

Dann führten sie es zu Jesus, legten ihre Kleider auf das Fohlen und halfen Jesus hinauf. Während er dahinritt, breiteten die Jünger ihre Kleider auf dem Weg aus. Als er sich schon dem Abhang des Ölbergs näherte, begann die Schar der Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten. Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe!

Lk 19,35-38

Wie vor einem König breiten die Jünger vor Jesus ihre Kleider auf der Straße aus und zieren den Weg mit Palmzweigen. Wir kennen es heute noch, dass ein roter Teppich ausgelegt wird, wenn hohe Staatsgäste oder Prominente empfangen werden. Es ist ein wahrhaft königlicher Einzug, den Jesus in Jerusalem inszeniert, ganz anders als wir es von seinem bisherigen Auftreten gewohnt sind. Jesus erfüllt die Messias-Weissagung des Propheten Sacharja:

Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. (Sach 9,9)

So ist das Reiten Jesu auf einem Esel sicherlich zunächst ein Zeichen seiner Demut.

Er kommt also nicht auf einem Wagen, wie andere Könige, nicht um Steuern einzuheben, nicht mit Groß und Leibwache, sondern er bekundet auch hierin eine große Bescheidenheit. (Johannes Chrysostomus)

Wenn Jesus aber auf einem Esel in Jerusalem einzieht, so macht er damit zugleich seinen Anspruch deutlich, der Messias, der neue König von Israel zu sein. Die Menschen wissen dieses Zeichen zu deuten. Die einen hoffen nun auf den Anbruch der neuen Gottesherrschaft, die anderen versuchen diese mit allen Mittel zu verhindern. Womit aber wohl keiner rechnet, ist das, was in den nächsten Tagen in Jerusalem geschehen wird: Dass der Messias-König seine Herrschaft antritt als König am Kreuz.

Wertvoll

Jetzt aber – so spricht der Herr, der dich erschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir! Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen.

Denn ich, der Herr, bin dein Gott, ich, der Heilige Israels, bin dein Retter. Ich habe Ägypten als Kaufpreis für dich gegeben, Kusch und Seba an deiner Stelle. Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist und weil ich dich liebe, gebe ich Menschen für dich und für dein Leben ganze Völker.

Jes 43,1-4

„Jetzt aber!“ Mit diesen Worten beginnt etwas Neues, dieser Ruf des Propheten steckt voller freudiger Erwartung. Jetzt ist die Zeit vorbei, da sich die Menschen von Gott verlassen fühlten. Gott zeigt sich ganz neu als Vater und Beschützer der Seinen. Er sagt einem jeden von uns: Fürchte dich nicht, ich habe dich erschaffen und in die Welt gebracht, ich werde dich auch beschützen. Ich kenne deinen Namen, ich kenne den Namen jedes einzelnen Menschen. „Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt“, (Mt 10,30) sagt Jesus einmal zu seinen Jüngern. Wie könnten wir da meinen, dass Gott sich nicht um uns sorgt und uns nicht kennt?

Selbst in den größten Gefahren ist Gott nahe, er leitet den Weg sicher durch reißende Ströme und loderndes Feuer, durch die Hitze der Wüste. Gott erweist sich als Retter. Er löst sein Volk aus der Gefangenschaft aus, ganze Völker gibt er als Kaufpreis für sein Volk, ja er selbst gibt sich für sie hin.

In Jesus Christus ist diese Zuwendung Gottes zu den Menschen selbst Mensch geworden. In allem, was er tut, zeigt Jesus, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen. In Krankheit und Not schenkt er Rettung und Heil, ja er hat selbst die Kraft, Tote zum Leben zu erwecken. Die Gesetze des Verfalls scheinen nicht mehr zu gelten. Alles wird neu im Licht der Liebe Gottes.

Wir zweifeln oft daran, dass es eine Kraft geben kann, die alles erneuert. Schicksalsergeben fügen wir uns dem Lauf der Geschichte. Doch die Welt gehört denen, die den Mut haben, aufzustehen und die Zukunft selbst zu gestalten. Wir haben jederzeit die Möglichkeit, dieses „Jetzt aber!“, von dem der Prophet hier spricht, in unserem Alltag Wirklichkeit werden zu lassen.

Ostern ist für uns das beste Beispiel dafür. Alles läuft darauf hinaus, dass Jesus vernichtet wird. Scheinbar schicksalsergeben fügt Jesus sich dem, was geschieht. Aber wenn wir die Evangelien genau lesen, so entdecken wir, dass Jesus selbst das Geschehen lenkt. Er nimmt bewusst an, was seine Feinde ihm zufügen, weil er weiß, dass es zur Rettung der Menschen geschieht. Er wehrt sich nicht dagegen, sondern gestaltet die Ereignisse selbst mit. Somit wird aus der scheinbaren Erniedrigung Jesu die Inszenierung seiner Krönung zum König der ganzen Welt.

Vielleicht helfen uns die Worte des Propheten Jesaja, das Geschehen um Jesu Tod besser zu verstehen. Jesus Christus gibt sich für uns hin, weil er weiß, dass dies der Preis dafür ist, alle Menschen aus der Macht der Sünde und des Todes zu retten.

Wie leicht lassen wir uns von den Gegnern des Christentums treiben, indem wir versuchen, auf ihre Argumente einzugehen und nur reagieren, anstatt selbst zu agieren. Wir brauchen wieder neu die Flamme des Heiligen Geistes, die uns dazu fähig macht, den Gegnern das Heft aus der Hand zu nehmen und selbst Regie zu führen.

Denken wir stets daran: wir sind von Gott geliebt, alle Menschen sind von Gott geliebt. Gott ist Herr der ganzen Welt und er hat die Macht, alles zu bestimmen. Vertrauen wir uns dieser Macht Gottes an und lassen wir uns nicht von den Mächten der Welt gefangen nehmen. Haben wir den Mut, unser Leben von Gott bestimmen zu lassen und so stets getragen zu sein vom Strom seiner Liebe.

Gottes Worte, die uns Kraft geben und uns an seine Zusage erinnern, sollen wir nie vergessen:

Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll, und weil ich dich liebe, geb‘ ich für dich alle Länder und Völker und für dein Leben mich selbst.

Gott – Herr der ganzen Erde

Singt dem Herrn ein neues Lied, seinen Ruhm vom Ende der Erde her, die ihr das Meer befahrt, seine Fülle, die Inseln und ihre Bewohner! Die Wüste und ihre Städte sollen sich freuen, die Dörfer, die Kedar bewohnt. Die Bewohner von Sela sollen singen vor Freude und jubeln auf den Gipfeln der Berge. Sie sollen dem Herrn die Ehre geben, sein Lob auf den Inseln verkünden.

Jes 42,10-12

Der Prophet ruft zu einem Loblied auf für Gott, das auf der ganzen Erde erschallen soll. Es ertönt auf dem Festland und über dem Meer, in der Ebene der Wüste mit ihren Städten und Dörfern und auf den Gipfeln der Berge, also einfach überall in der damals bekannten Welt, in der man noch nichts wusste von fernen Kontinenten, die man über das Meer erreicht, und von fernen Ländern, die sich hinter dem Horizont auftun.

Der Gott Israels ist Herr der ganzen Erde und das unscheinbare Volk Israel sah sich im Zentrum der Weltgeschichte. Die großen Mächte hatten es auf dieses kleine Volk abgesehen und Gott hatte erlaubt, dass sie es besiegen durften. Doch nun bedient sich Gott erneut der fremden Völker und zwar des größten aller Herrscher, um sein Volk zu retten. Er erwählt den mächtigen Perserkönig Kyros zum Retter, der sein Volk heimführen wird aus der Verbannung.

Warum soll da nicht die ganze Welt widerhallen vom Lob Gottes, ist er es doch, der die Geschicke aller Völker lenkt, der darüber bestimmt, welches Volk Erfolg hat im Krieg und mächtig wird und welches untergeht.

Der Herr zieht in den Kampf wie ein Held, er entfacht seine Leidenschaft wie ein Krieger. Er erhebt den Schlachtruf und schreit, er zeigt sich als Held gegenüber den Feinden. Ich hatte sehr lange geschwiegen, ich war still und hielt mich zurück. Wie eine Gebärende will ich nun schreien, ich stöhne und ringe um Luft. Die Berge und Hügel dörre ich aus und lasse ihr Gras völlig vertrocknen. Flüsse mache ich zu Inseln und Teiche lege ich trocken.

Jes 42,13-15

Gott hat lange wie ein unbeteiligter Zuschauer das Geschick seines Volkes mitverfolgt und zugelassen, dass es in die Verbannung geführt wird. Damit ist nun aber Schluss. Gott greift wieder aktiv in die Geschichte ein und zeigt damit, dass in seiner Hand das Geschick der ganzen Welt liegt. Sein Eingreifen ist unüberhörbar wie der Schrei einer Gebärenden und übersehbar ist das, was er tut.

Gott macht aus dem fruchtbaren grünen Land ein trockenes Ödland wegen der Schuld seiner Bewohner, ein Bild, das wir so öfter in der Heiligen Schrift finden, und das gerade heute wieder an Brisanz gewinnt. Auch die Menschen früherer Zeiten erlebten bereits Klimaveränderungen. Ganze Völker gingen unter, weil es plötzlich nicht mehr genug Regen gab, damit genügend Getreide geerntet werden konnte, um die Bevölkerung zu ernähren und den Wohlstand des Landes zu sichern.

Die Gier der Menschen und die Zerstörungen durch den Krieg vernichten immer wieder große Flächen an Kulturland. Sie vernichten Gottes Schöpfung, die ja wie ein üppig grüner Garten von Gott angelegt worden ist. Was bleibt ist dürres Land, dem die Menschen mit all ihrer Mühe kaum einen Grashalm entlocken können. Doch die Menschen fahren fort in ihrer Gier, versuchen mit immer aufwändigeren Methoden, Herr über die Natur zu werden, und erkennen nicht, wie einfach es wäre, die zerstörte Natur widerherzustellen, wenn sie im Einklang mit Gott und seiner Schöpfung leben würden.

Aber damit dies geschehen könnte, müsste ja jeder verzichten auf vieles, das ihm lieb ist, müssten alle lernen, bescheidener zu sein und verantwortungsvoller mit den Geschenken der Natur umzugehen. Vor allem müssten die Menschen erkennen, dass diese Geschenke für alle da sind und nicht nur der Bereicherung einiger weniger dienen, die sich dann noch untereinander bekämpfen.

Wie können wir es schaffen, in Frieden miteinander zu leben? Beten wir täglich für diesen Frieden. Beten wir täglich darum, dass die Menschen lernen, verantwortungsvoll mit Gottes Schöpfung umzugehen. Beten wir täglich darum, dass die Menschen lernen, miteinander zu teilen, anstatt sich auf Kosten anderer zu bereichern.

Fünfter Fastensonntag

Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?

Jes 43,18-19a

Das ganze Kapitel 43 des Jesajabuches ist voll positiver Energie und schildert mit machtvollen Worten die Befreiung des Volkes aus dem Exil in Babylon durch seinen Gott. Das Volk war voller Trauer über den Verlust des Heiligen Landes, ja mehr noch, es fühlte sich von seinem Gott verlassen, denn eigentlich hätte es nie zu dieser Katastrophe kommen dürfen.

Doch Gott macht einen neuen Anfang mit seinem Volk. Durch die Worte des Propheten, der von der Bibelwissenschaft Deuterojesaja genannt wird, macht er seine Liebe zu seinem Volk deutlich. Nichts mehr wird dem Volk Gottes Schaden zufügen. Die Menschen können bald wieder in Frieden und Sicherheit in ihrem Land wohnen. Gott führt sie aus der Gefangenschaft, wie er einst das Volk aus Ägypten durch die Wüste geführt hat. Alles wird neu werden, und der Anfang dieses Neuen ist schon jetzt spürbar, wenn auch das Volk noch in Babylon lebt und die Heimkehr in scheinbar weiter Ferne liegt.

Die Liturgie präsentiert uns diesen Text am Fünften Fastensonntag, dem Passionssonntag. An diesem Tag werden die Kreuze verhüllt und bleiben es bis zum Karfreitag. Die Feier von Jesu Leiden und Auferstehung steht nahe bevor, die österliche Bußzeit neigt sich ihrem Ende zu und bald kommt die frohe Osterzeit. Auch in der Natur sprießt frisches Grün und wir erfreuen uns an den ersten warmen Frühlingstagen.

Gott macht alles neu, er schenkt Wärme nach dem eisigen Winter, schenkt Trost in der Trübsal und Freude nach einer Zeit der Schmerzen. Das Evangelium dieses Sonntags berichtet von der Rettung und Vergebung, die Jesus der zur Steinigung verurteilten Ehebrecherin schenkt.

Gottes neue Welt braucht aber auch Menschen, die sich dafür einsetzen, die dem Beispiel Jesu folgen und andere nicht verurteilen, sondern nach Wegen der Vergebung suchen, Menschen, die für andere da sind und einander annehmen, auch über die Gräben von Vorurteilen hinweg. Bei Deuterojesaja ist es der Gottesknecht, der die ihm von Gott zugedachte Aufgabe der Rettung seines Volkes ausführt. Die Exegeten sind sich nicht einig darüber, wer dieser Gottesknecht ist. Etwa der Prophet selbst? Oder der Perserkönig Kyros, der die Heimkehr des Volkes aus dem Exil ermöglicht und Mittel zum Wiederaufbau Jerusalems zur Verfügung stellt?

Der Gottesknecht aus dem Buch Jesaja ist auch Vorausbild für Jesus Christus. Er ist der Retter aus dem Gefängnis von Sünde und Tod, er öffnet den Weg zu neuem Leben in unüberbietbarer Weise. Es braucht aber zu jeder Zeit „Gottesknechte“, die Jesu Botschaft immer wieder neu lebendig werden lassen und für die Menschen das befreiende dieser Botschaft erfahrbar werden lassen, die andere hinführen zu einer lebendigen Begegnung mit Jesus Christus.

Die Worte des Propheten Jesaja sind also nicht nur für Menschen einer fernen Vergangenheit gesprochen. Sie wurden auch für uns heute aufgezeichnet. Sie sollen uns Mut machen und Kraft schenken, unser Leben in Gottes Licht zu stellen und mit ihm unser Leben zu gestalten, so dass Gottes Licht so auch auf andere übergeben kann.

Immer wieder einen neuen Anfang machen, das war ein Lebensmotto der frühen Wüstenväter. Wir machen immer wieder Fehler, aber es bringt nichts, wenn wir uns deswegen ständig Vorwürfe machen. Fehler sind dazu da, aus ihnen zu lernen und dann mit neuer Kraft weiter zu gehen. Es bringt auch nichts, einer schönen Vergangenheit nachzutrauern. Wir können sie nicht zurückholen. Es gilt vielmehr, in der Gegenwart zu leben und an einer Zukunft zu bauen, die noch schöner wird als die Vergangenheit.

Haben wir Mut, das Neue anzunehmen, das Gott uns schenken will. Lassen wir uns von ihm überraschen und sagen wir Ja zu dem was kommt, im festen Vertrauen darauf, dass alles, was Gott uns schenkt, das Beste für uns ist das uns passieren kann.

Taufe des Herrn – Gottes Stimme über den Wassern (Ps 29)

Bringt dar dem Herrn, ihr Himmlischen, bringt dar dem Herrn Ehre und Macht! Bringt dar dem Herrn die Ehre seines Namens, werft euch nieder vor dem Herrn in heiliger Majestät!

Ps 29,1-2

Psalm 29 ist ein Psalm der Theophanie, er beschreibt in machtvollen Bildern die Erscheinung Gottes vor der Welt. Man nimmt an, dass diese Bilder aus der Umwelt Israels stammen und von den Gläubigen auf ihren Gott übertragen wurden. Wie der kanaanäische Hauptgott El erhebt sich der Gott Israels inmitten der Versammlung der Götter und fordert deren Unterwerfung. Er ist der Gott, dem allein Ehre und Anbetung gebührt. Wie der Gott Baal offenbart er sich im Gewitter und zeigt so seine Macht über die Erde.

Die Stimme des Herrn über den Wassern: Der Gott der Ehre hat gedonnert, der Herr über gewaltigen Wassern. Die Stimme des Herrn voller Kraft, die Stimme des Herrn voll Majestät.

Ps 29,3-4

Gottes stimme erschallt voll Macht über den Wassern. Der Psalm greift hier das Bild eines heftigen Gewitters auf. Bis heute staunen die Menschen über Gewitter und heftige Stürme. Bis heute haben die Menschen kaum Mittel dazu, sich deren Macht entgegenzustellen. Es bleibt nur das Staunen über die Mächte der Natur und über den, der noch größer ist als die Naturgewalten.
Und doch ist die gewaltige Erscheinung im Sturm nur ein Bild dafür, wie Gott sich der Welt offenbart. Dem Prophet Elija erscheint Gott am Horeb nicht in diesen Naturphänomenen, sondern sein wirkliches Angesicht erscheint erst, als diese vorüber sind, in einem sanften Säuseln, einer „Stimme verschwebenden Schweigens“ (Martin Buber).
Die „Stimme des Herrn über den Wassern“ lässt uns auch noch an ein anderes Ereignis denken, in dem in ganz besonderer Weise Theophanie, Erscheinung Gottes, geschieht. Es ist die Taufe Jesu im Jordan, bei der Gottes Stimme aus dem Himmel Jesus Christus als Gott geliebten Sohn offenbart.
Am Jordan erschallt die Stimme Gottes nicht machtvoll wie ein Gewittersturm, sondern wohl eher unscheinbar, denn nur wenige erkennen, was hier geschieht, allen voran Johannes der Täufer selbst. Gott offenbart seinen Sohn vor der Welt, aber nur wer bereit ist, Gottes leise Töne zu hören, erkennt ihn. Ein weiteres Mal ertönt die Stimme Gottes bei der Verklärung Jesu. Selbst hier tun sich die drei Apostel, die bereits längere Zeit mit Jesus unterwegs sind, schwer, diese Stimme zu hören, und meinen eher einen entfernten Donner gehört zu haben.
Gottes Stimme – machtvoll und leise zugleich. Gottes Wort setzt sich durch und bewirkt, wozu es ausgesandt ist, wie der Prophet Jesaja sagt: „Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,11).
Und doch tun wir uns schwer, Gottes Wort zu hören. Wäre es doch machtvoll wie ein Gewittersturm, dann würden die Menschen niederfallen und Gott anbeten, denken wir vielleicht. Aber Gott will nicht, dass die Menschen aus Furcht vor ihm niederfallen. Er will uns auf Augenhöhe begegnen, will unser Gesprächspartner sein. Er will keine Massenhuldigung, sondern will das vertraute Gespräch mit jedem einzelnen. Und doch ist Gott anders und größer als wir. er lässt sich von den Menschen nicht beeinflussen und entzieht sich jedem Versuch der Manipulation.
Gottes Stimme ist immer da, auch wenn es niemand gäbe, der bereit ist, sie zu hören. Wir können Gott nicht totschweigen, er findet immer einen Weg, sich Gehör zu verschaffen. Gott ruft zu allen Zeiten Menschen, die seine Stimme hören, und in seinem Namen zu den Menschen sprechen.
Um Gottes Stimme zu hören, müssen wir unser Gehör schulen, wir müssen lernen, die Stille zu hören, Zeiten finden, in denen der Lärm des Alltags von uns weg bleibt, Zeiten, in denen wir mit seinem Wort, das uns in der Heiligen Schrift überliefert ist, allein sind. Dann werden wir die Kraft erfahren, die in Gottes Wort steckt, und die machtvoller ist als der stärkste Donner.

Herr, mein Gott,
machtvoll bis du
und voll Herrlichkeit
und doch wendest du dich
in Liebe jedem einzelnen zu.
Du willst uns nahe sein
durch dein Wort,
so wie du der Welt nahe warst
im Erdenleben Jesu Christi.
Er ist dein geliebter Sohn,
dein Wort,
durch das du vor Urzeiten
die Welt erschaffen hast,
und in ihm sprichst du zu uns
bis heute.
Lass uns auf sein Wort hören.
Amen.

Erscheinung des Herrn

Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Geschenke, die Könige von Saba und Seba kommen mit Gaben. Alle Könige werfen sich vor ihm nieder, es dienen ihm alle Völker.

Ps 72,10-11

So beten wir in Psalm 72, der ein Lied ist auf den Messias, den König von Israel. Mit der Sehnsucht nach einem neuen großen und gerechten Herrscher Israels aus dem Hause David wird der Psalm zugleich zu einem messianischen Psalm, der aus christlicher Sicht auf Jesus Christus hinweist. Verse des Psalms haben so Eingang gefunden in die Liturgie des Epiphanie-Festes, an dem die Erscheinung des Herrn vor der Welt gefeiert wird, die sich in der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland zeigt. Sie sind die Repräsentanten der Völker, die gekommen sind, dem neugeborenen König Israels zu huldigen und ihm ihre Gaben zu bringen.
Menschen aus dem fernen Orient übten seit jeher eine Anziehungskraft auf die Menschen der mediterranen und später der westlichen Welt aus. Der Orient galt als Land unvorstellbarer Reichtümer und war zugleich eine verborgene und unzugängliche Welt. Kostbare Luxusgüter fanden über weite Handelsrouten den Weg in den Westen, Seide, Gewürze, Duftstoffe und vieles mehr. Bis zur Entdeckung der Seewege in den Fernen Osten am Beginn der Neuzeit ist kaum ein Mensch der westlichen Welt dorthin gelangt.
Die Königin des legendären Saba am Hof Salomos geht vielleicht auf ein Ereignis zurück, das sich wegen seiner Einzigartigkeit tief in das Gedächtnis Israels eingeprägt hat. Ähnlich wie der Elefant, den Jahrhunderte später der Sultan an den Hof Karls des Großen senden ließ, zeigt dies eine außerordentliche freundschaftliche Begegnung zwischen sich ansonsten fremden und unverständlichen Kulturkreisen.
Eine ebenso wunderbare Begegnung ist der Besuch der Magier beim neugeborenen König von Israel. Hier erfüllt sich die Verheißung der Psalmen und Propheten. Der lange ersehnte und viel besungene neue König von Israel ist geboren. Aber nicht in Jerusalem, nicht am Hof des herrschenden Königs Herodes. Dieser Herodes war wie viele Könige Israels vor ihm ein Potentat, ein kleiner Herrscher mit Größenwahn, dessen Regierungsstil nicht im Entferntesten an die Weisheit und Gerechtigkeit heranreichte, die dem ersehnten Messias-König zugesprochen wird.
Sie finden den neugeborenen König der Juden nicht im königlichen Palast der Hauptstadt Jerusalem, sondern in einem einfachen Haus im kleinen Ort Betlehem. Aber dennoch: dieses kleine Betlehem ist die Geburtsstadt des großen Königs David, und Josef, der Mann der Mutter des Kindes, ist ein Nachkomme dieses Königs. Das Kind aber, und diese Nachricht ist noch staunenswerter als der Besuch der Männer aus dem fernen Orient, ist Gottes Sohn, der aus Maria geboren wurde.
Mit diesem neugeborenen König aus dem Haus David bricht ein neues Zeitalter an. Zwar wird er zu seinen Lebzeiten auf Erden das kleine Land Israel nicht verlassen, nur einige wenige, meist arme Leute, schließen sich ihm an, den Mächtigen ist er fremd und gefährlich und sie werden ihn letztendlich wie einen Verbrecher töten. Aber es geschieht das Unerwartete und Wunderbare, das noch nie Gehörte, er steht aus dem Grab auf zu neuem Leben und kehrt zu seinem Vater zurück.
Es ist auf den ersten Blick eine unglaubliche und auch unglaubwürdige Geschichte, was sich da ereignet hat, aber von Anfang an spüren die Menschen, die an diesen Jesus Christus glauben, eine Kraft, die sie erfüllt, und die mit nichts Irdischem zu erklären ist. Sie merken, dass es wirklich ein neues Leben gibt, dass Gott die Menschen befreit von allem, was sie gefangen hält, dass Gott Heilung schenkt und neues Leben, das machtvoller ist als der Tod.
So breitet sich der Glaube an Jesus Christus über die ganze Erde aus, zunächst noch verfolgt von den Mächtigen, dann aber bekehren sich auch Herrscher, Könige und ihr Gefolge zu diesem Jesus Christus und bringen ihm ihre Schätze dar. Die ganze bekannte Welt wird eins im Glauben an den König und Gottessohn Jesus Christus.

Herr Jesus Christus,
König und Gottessohn,
Herrscher über die ganze Welt,
führe alle Menschen zu dir
und lass sie dein Heil erfahren.
Führe die Völker zu dir
dass Friede herrsche
auf der ganzen Erde
in deinem Namen.
Amen.

Segen

Segen sei mit dir, der Segen strahlenden Lichtes,

Licht um dich her und innen in deinem Herzen,

Sonnenschein leuchte dir und erwärme dein Herz,

bis es zu blühen beginnt wie ein großes Feuer,

und der Fremde tritt näher, um sich daran zu wärmen.

Aus deinen Augen strahle gesegnetes Licht,

wie zwei Kerzen in den Fenstern eines Hauses,

die den Wanderer locken, Schutz zu suchen dort drinnen

vor der stürmischen Nacht.

Wen du auch triffst, wenn du über die Straße gehst,

ein freundlicher Blick von dir möge ihn treffen. Amen.

(Irischer Segenswunsch)

Gertrud von Helfta

gertrud_helfta_lob

Jubeln soll dir jede Sehnsucht

aus der Tiefe meines Herzens,

jedes sehnende Gebet,

und laut sollen sie vor dir kundtun

die Liebesdienste deiner vielen Gnaden.

Jubeln soll dir jedes Seufzen

meines Aufenthalts in diesem Elend,

jeder Seufzer meines Lebensatems.

Und Preis und Heil sage dir all das,

was du, mein Gott, selber bist:

jenes Harren, die Geduld

und die Erwartung, die so lange in mir ist.

Jubeln soll dir die Hoffnung und das Zutraun,

das ich habe zu dir;

denn du wirst endlich aus dem Staub zu dir,

o höchst seliges Leben,

o mein Gott,

zurückführen mich.

Für die Menschen

Die Leute sind unvernünftig, unlogisch und selbstbezogen,

liebe sie trotzdem.

Wenn du Gutes tust, werden sie dir egoistische Motive und Hintergedanken vorwerden,

tue trotzdem Gutes.

Wenn du erfolgreich bist, gewinnst du falsche Freunde und echte Feinde,

sei trotzdem erfolgreich.

Das Gute, das du tust, wird morgen vergessen sein,

tue trotzdem Gutes.

Ehrlichkeit und Offenheit machen dich verwundbar,

sei trotzdem ehrlich und offen.

Was du in jahrelanger Arbeit aufgebaut hast, kann über Nacht zerstört werden,

baue trotzdem.

Deine Hilfe wird wirklich gebraucht, aber die Leute greifen dich vielleicht an, wenn du ihnen hilfst,

hilf ihnen trotzdem.

Gib der Welt dein Bestes, und sie schlagen dir die Zähne aus,

gib der Welt trotzdem dein Bestes.

Mutter Teresa

Aschermittwoch

05A_Heil

Im dritten Teil des Jesajabuches, das die Kapitel 56 bis 66 umfasst, sind unter dem Namen des Propheten Jesaja Sprüche verschiedener Propheten aus der Zeit nach dem Babylonischen Exil gesammelt. Das Volk Israel lebt wieder im gelobten Land. Gott hat sich nach der Katastrophe der Eroberung Jerusalems seinem Volk wieder zugewandt, wie es Jesaja verheißen hat. Nun ist es die Aufgabe der Propheten, das Volk zu einem Leben gemäß dem Willen Gottes aufzurufen, damit sich Gottes Heilswirken vollenden kann.

Für uns ist die Österliche Bußzeit immer wieder eine solche Zeit, in der wir uns an Gottes Willen ausrichten, neu orientieren, wieder auf den Kompass unseres Lebens schauen und eine nötige Kurskorrektur vornehmen können. Habe ich seit der letzten Fastenzeit mehr zu Gott gefunden? Wie bin ich seither meinen Mitmenschen begegnet? Bin ich selbst noch in meiner Mitte, lebe ich ehrlich und authentisch?

Das Kapitel 58 des Jesajabuches kann uns bei einer solchen Orientierung helfen:

So spricht Gott, der Herr: Rufe aus voller Kehle, halte dich nicht zurück! Lass deine Stimme ertönen wie eine Posaune! Halt meinem Volk seine Vergehen vor und dem Haus Jakob seine Sünden! Sie suchen mich Tag für Tag; denn sie wollen meine Wege erkennen. Wie ein Volk, das Gerechtigkeit übt und das vom Recht seines Gottes nicht ablässt, so fordern sie von mir ein gerechtes Urteil und möchten, dass Gott ihnen nah ist. Warum fasten wir, und du siehst es nicht? Warum tun wir Buße, und du merkst es nicht? Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an.

Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank, und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt?

Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. (Jes 58,1-9a)

Am Aschermittwoch beginnen wir mit der Auflegung des Aschenkreuzes die Fastenzeit, die Österliche Bußzeit. Die Asche will uns hin weisen auf die Vergänglichkeit unseres Lebens. Die Kirche will uns deutlich machen, dass es nicht egal ist, wie wir die Jahre unseres Lebens verbringen. Das Fasten ist ein Mittel, um uns in die Haltung der Besinnung und Umkehrbereitschaft zu versetzen. Der Prophet Jesaja wirft den Menschen vor, dass sie nicht in rechter Weise fasten. Was machen sie falsch? Wie können wir in rechter Weise Fasten?

Mit dem Wort Fasten verbinden wir zunächst den materiellen Verzicht. Viele nehmen sich vor, in der Fastenzeit auf gutes Essen, Naschereien, Alkohol und dergleichen zu verzichten. Das ist gut so, denn wir brauchen für das Fasten einen äußeren Rahmen, wenn es etwas Besonderes sein soll. Dazu sind die Zeiteinteilung der Kirche und der persönliche Vorsatz wichtig. Dass dies allein aber noch nicht genügt, ist meines Erachtens die Aussage des Propheten Jesaja. Es genügt nicht, ein rein äußerliches Fastenpensum zu erfüllen, um zu meinen, man sei ein besonders frommer Mensch.

Wenn wir vom Fasten reden, müssen wir auch vom Essen reden. Hunger ist ein erzwungener Verzicht auf Nahrung. Fasten hingegen ist ein bewusster Verzicht, der einem höheren Zweck dient. Dieser ist meist entweder gesundheitlicher oder spiritueller Natur. In einer ganzheitlichen Sicht des Menschen sind diese beiden Pole nicht getrennt zu betrachten. Zwar gab es immer wieder Asketen, auch Heilige, die durch das Fasten ihre Gesundheit ruiniert haben, aber das muss nicht Vorbild unseres Fastens sein.

Wir leben in einer Gesellschaft der Verschwendung. Alles gibt es praktisch immer und überall. Aber zu welchem Preis? Unsere Lebensmittel werden immer synthetischer. Eine Vielfalt an unterschiedlichen Obst- und Gemüsesorten wird billigen Einheitsprodukten geopfert. Der größte Teil unseres Fleisches kommt vom Einheitsvieh der Tierfabriken.

Auch wenn die globale Entwicklung durch den Einzelnen nicht zu stoppen ist, gibt es doch viele Möglichkeiten der Einflussnahme. Wenn ich bewusst einkaufe und bereit bin, etwas mehr zu zahlen, bekomme ich Produkte aus nachhaltiger Landwirtschaft. Es ist nicht viel aufwändiger, gesund zu kochen, anstatt auf Industrieprodukte zurückzugreifen.

Fasten ist ein bewusster Umgang mit Nahrung, aber auch anderen Konsumgütern oder Medien. In einer Welt, in der uns alles in Fülle zur Verfügung steht, müssen wir lernen, dies alles in rechter Weise zu gebrauchen. Vor allem kommt es darauf an, der Verschwendung entgegen zu steuern, dort nicht mitzumachen, wo billiger Konsum offensichtlich auf Kosten anderer geht.

In unserer Gesellschaft greift immer mehr die Haltung um sich, sich einfach zu bedienen. Warum soll ich verzichten, wenn sich dann ein anderer das nimmt, worauf ich verzichtet habe? Dann lange ich doch besser gleich mit beiden Händen zu, bevor ich als einziger mit leeren Händen dastehe. Unsere Gesellschaft ist auf den Konsum aufgebaut. Unsere Wirtschaft funktioniert nur, wenn wir das mühsam erworbene Geld wieder ausgeben. Versuchen wir, gegen diesen Strom des Konsumismus zu schwimmen.

Ich will mich in dieser Fastenzeit bewusst ernähren. Weniger ist mehr. Ich esse bewusst weniger Fleisch und mehr Gemüse und achte bei meinen Einkäufen darauf, welche Produkte in den Einkaufskorb kommen.

Fasten ist immer auch geben. Ich gebe etwas von meinem Überfluss, vielleicht sogar einen empfindlichen Teil davon, für andere. Doch zugegeben, es ist nicht leicht, heute großherzig den Mitmenschen gegenüber zu leben. Uns geht es gut, aber die globale Not ist groß. Was kann ich tun? An jeder Ecke steht ein Bettler – gehört er zu einer kriminellen Bande oder ist er wirklich bedürftig? Zigtausende Flüchtlinge strömen in unser Land. Eine Bedrohung für unsere Gesellschaft oder eine Herausforderung, unsere Großherzigkeit zu zeigen?

Jeder Reichtum geht auf Kosten anderer. Unser Wohlstand ist nur durch die Armut in anderen Ländern möglich. Oft sind es Großkonzerne und korrupte Politiker, die Geld in die eigene Tasche stecken und eine gerechte Verteilung verhindern. Was kann ich da tun?

Ich kann versuchen, differenziert zu denken, mir umfassende Informationen holen. Ich kann versuchen, Hintergründe zu verstehen, anstatt mich mit billigen Parolen zufrieden zu geben. Unser freies Denken ist heute wieder mehr und mehr bedroht. Das liegt aber auch daran, dass sich immer weniger Menschen die Mühe machen, wirklich nachzudenken. Seien wir kritisch, mit dem, was uns von allen Seiten entgegenschallt. Hören wir auf die leisen Töne, die leicht überhört werden. Haben wir den Mut, uns einzusetzen und unsere Stimme zu erheben, dort wo es nötig ist.