Anselm von Canterbury (1033-1109)

Der heilige Anselm ist “eine der edelsten Gestalten der Kirchengeschichte”. Dieser Ehrentitel stammt von P. Franciscus Salesius Schmitt OSB, der das umfangreiche Werk Anselms ins Deutsche übertragen hat und wie kaum ein anderer dieses Werk studiert hat. Anselm gilt als “Vater der Scholastik”. In einer Zeit, als sich das wissenschaftliche Studium immer weiter verbreitete, allmählich aus den Schulen der Klöster und Kathedralen heraustrat, und in den neu entstehenden Universitäten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurde, legte er maßgeblich den Grundstein dafür, dass die Theologie zur ersten und bedeutendsten aller Wissenschaften wurde.

Uns heutigen Menschen erscheint das ungewöhnlich, wenn Theologie als Wissenschaft bezeichnet wird. Zwar wird auch heute noch Theologie als Wissenschaft an den Universitäten gelehrt, viele aber sind der Meinung, dass Gott, um den es in der Theologie geht, nicht mehr objektiv zugänglich ist. Theologie ist für viele ebenso wie der mit Gott verbundene Glaube zu etwas rein Subjektivem geworden, das nicht mehr durch rationale Argumente allen vermittelt werden kann.

Hier ist die Denkweise Anselms, die exemplarisch für das vorherrschende Denken des gesamten Mittelalters steht, grundverschieden von unserem heutigen Denken. Für Anselm ist Theologie als Wissenschaft von Gott nicht ein Weg unter vielen, sondern er ist fest davon überzeugt, dass jeder Mensch, der sich um reines wissenschaftliches Denken bemüht, zu dem Schluss kommt, dass Gott, und zwar der Gott, den die christliche Theologie in ihren Lehrsätzen vermittelt, existiert und der einzige und wahre Gott ist.

Das Mittelalter war fasziniert von der Harmonie der Welt. Man war überzeugt davon, dass Gott die Welt in ihrer Vollkommenheit geschaffen hat. Man entdeckte diese Harmonie in der Ordnung auf der Erde, die über die unbelebte Natur, die Pflanzen und Tiere bis hin zum Menschen als der Krone der Schöpfung reichte. Man entdeckte diese Vollkommenheit in den Sphären des Himmels, den Bahnen der Planeten, die man sich als kreisrund und unveränderlich vorstellte. Alles hatte seine Ordnung, und Gott war es, der diese Ordnung geschaffen hat und über allem steht. Daher ist Gott für Anselm auch der “über dem Größeres nicht gedacht werden kann”.

Somit verstehen wir auch, warum Theologie als die höchste Wissenschaft galt, weil sie sich mit dem Größten beschäftigt, das menschlichem Denken zugänglich ist. Die Naturwissenschaften waren damals noch kaum entwickelt, ja man hätte zur Zeit Anselms auch nicht verstanden, warum man sich mit so etwas Untergeordnetem wie der Natur überhaupt wissenschaftlich beschäftigen sollte. Philosophie, Logik, Grammatik und andere Disziplinen handelten von Gegenständen, die den Menschen betreffen, das Denken, die Sprache und andere Zusammenhänge. Sie waren wichtig, aber auch sie kamen nicht an die Theologie heran.

Das wohlgefügte Weltbild des Mittelalters geriet mit der Neuzeit erheblich ins Wanken. Die Erde war plötzlich größer, als man sie sich vorgestellt hatte. Schließlich erkannte man auch, dass die Zusammenhänge im Universum viel komplizierter sind, als man dachte. Die vollkommenen Kreisbahnen der Planeten waren reine Illusion. Heute wissen wir, dass die Erde keineswegs der Mittelpunkt der Welt ist, sondern nur ein winziger Planet irgendwo im Universum in einem Winkel einer Galaxie, die auch nur eine unter vielen ist.

Wir haben erkannt, wie komplex die Welt ist, wir sind dabei, die Bausteine der Elemente zu erforschen und versuchen zu ergründen, wie Leben entsteht. Sind wir von Gott geschaffen oder haben wir einfach nur das Glück, auf einem Planeten im Universum zu leben, auf dem die Bedingungen momentan so sind, dass Leben, wie wir es kennen, möglich ist? Gibt es an anderen Orten im Universum Leben, das unserem ähnlich ist?

Wenn Wissenschaftler heute die Geheimnisse des Universums erforschen, so wird deutlich, dass unser Denken noch nicht alles erfasst hat. Die Quantenphysik zeigt uns, dass hinter allem eine Welt existiert, in der sich alles, was wir als fest und statisch wahrnehmen, auflöst in kleinste Teilchen und Energie. Dabei ist das, was wir sehen, noch nicht einmal alles, sondern es muss auch die sogenannte dunkle Materie geben, die zwar existiert, aber mit unseren derzeitigen Methoden nicht erkennbar ist.

Unser Forschen und Denken macht immer wieder Entdeckungen, die früher undenkbar waren. Irgendwann wird es vielleicht möglich sein, die Entstehung von Leben und auch von intelligentem Leben mit seinem Denken und Fühlen zu erklären. Vielleicht werden wir auch eine Antwort darauf finden, warum überhaupt etwas existiert und nicht vielmehr nichts. Existiert die Welt, weil Gott sie geschaffen hat oder einfach nur deshalb, weil es wahrscheinlicher ist, dass etwas existiert, als dass nichts existieren würde?

Wenn wir heute von Gott sprechen, geht es nicht mehr allein darum, zu zeigen, dass der christliche Gott über anderen Göttern steht, wie man beispielsweise früher den Heiden klargemacht hat, dass Gott nicht im Gewitter oder in einem Baum oder Götterbild ist. Es geht heute vielmehr darum zu zeigen, dass es überhaupt einen Gott gibt. Glaube bedeutet, bei all unserer heutigen Erkenntnis der Welt auch sicher zu sein, dass es Gott gibt, dass er existiert und sein Wesen durch den Menschen erkennbar und – in der Wissenschaft der Theologie – objektiv vermittelbar ist.

In seinem Werk Proslogion – Anrede denkt Anselm nicht nur über Gott nach, sondern er wendet sich immer wieder im Gebet an ihn. Er will Gott verstehen, aber nur wenn das Denken eintritt in den Dialog mit Gott kann es etwas von dem ergründen, der letztlich alles Denken übersteigt.

Wohlan, jetzt also, Du mein Herr-Gott,

lehre mein Herz,

wo und wie es Dich suche,

wo und wie es Dich finde.

Herr, wenn Du hier nicht bist,

wo soll ich suchen Dich Abwesenden?

Wenn Du aber überall bist,

warum sehe ich nicht den Anwesenden?

Doch gewiss “wohnst Du in einem unzugänglichen Lichte”.

Und wo ist das unzugängliche Licht?

Oder wie werde ich zu dem unzugänglichen Lichte gelangen?

Oder wer wird mich führen und in es hineinführen,

damit ich Dich in ihm sehe?

Für Anselm ist klar, dass Gott nicht an einem bestimmten Ort zu finden ist, sondern dass er allgegenwärtig ist. Aber doch bleibt er verborgen. Ist er deshalb nur eine Illusion unseres Denkens? Anselm nähert sich Gott im Glauben. In seinem Herzen erfährt er eine Liebe, die nur von Gott kommen kann. Weil er dieser Liebe glaubt, kann er im Denken weiter gehen und immer tiefer nach Gott forschen.

Ich versuche nicht, Herr, Deine Tiefe zu durchdringen, denn auf keine Weise stelle ich ihr meinen Verstand gleich; aber mich verlangt, Deine Wahrheit einigermaßen einzusehen, die mein Herz glaubt und liebt.

Ich suche ja auch nicht einzusehen, um zu glauben, sondern ich glaube, um einzusehen. Denn auch das glaube ich: wenn ich nicht glaube, werde ich nicht einsehen.

Der Weg zu Gott führt nicht über das Denken, mit Nachdenken allein kommt der Mensch nicht zu Gott, sondern das Denken ist dem Glauben an Gott nachgeordnet. An erster Stelle steht die Begegnung mit Gott, die Erfahrung der Liebe Gottes. Anselm steht bereits in dieser Beziehung zu Gott. Aber Anselm ist auch klar, dass diese Beziehung mit Gott nicht nur etwas Subjektives ist, sondern dass dieser Gott, den sein Herz glaubt und liebt, auch existiert und damit objektiv vermittelbar ist. Daher ist der Glaube nicht, wie viele heute denken, reine Privatsache. Wenn wir an Gott glauben, dann deshalb, weil Gott wirklich existiert, und wenn Gott existiert, dann können wir uns ihm auch mit wissenschaftlichem Denken nähern, wie wir uns auch anderem, das existiert, auf wissenschaftliche Weise nähern. Auch wenn die Wissenschaft uns eine immer komplexere Welt vor Augen führt, kann sie letztlich nicht widerlegen, dass Gott wirklich existiert.

Herr, lehre mich Dich suchen und

zeige Dich dem Suchenden;

denn ich kann Dich weder suchen,

wenn Du es nicht lehrst,

noch finden, wenn Du Dich nicht zeigst.

Lass mich Dich verlangend suchen,

suchend verlangen.

Lass mich liebend finden,

findend lieben.

Amen.

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