Lk 14 Jesu Mahl bei den Pharisäern

22C_Sabbat

Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam …

So übersetzt die Einheitsübersetzung Lk 14,1, im Original aber heißt es genauer:

zum Brot-Essen.

Wenn wir weiterlesen, stoßen wir in 14,15 auf den Ausruf von einem der Gäste:

Selig, wer im Reich Gottes am Mahl teilnehmen darf!

oder genauer übersetzt:

Selig, wer das Brot essen darf im Reich Gottes.

Der Sabbat beginnt am Freitag-Abend mit einem Gottesdienst in der Synagoge und einem gemeinsamen Mahl zuhause. Das Mahl wird begleitet von verschiedenen Gebetssprüchen. Zu Beginn des Mahles werden die Sabbatbrote, die festlich verhüllt auf dem Tisch stehen, enthüllt und verzehrt. Wahrscheinlich spielt Lukas mit seiner für uns ungewöhnlichen Formulierung des Brot-Essens auf diese Zeremonie an. Jesus hat den Sabbat traditionell im Kreis der Juden in der Synagoge und bei einem vornehmen Gastgeber gefeiert.

Jesus nimmt die Einladung bei dem führenden Pharisäer als Gelegenheit, diesem und den anderen – sicher auch sehr vornehmen – Gästen eine Lehre zu erteilen. Als Gast soll man sich nicht den Ehrenplatz aussuchen und als Gastgeber nicht nur Gleichgesinnte einladen, sondern auch Arme und Kranke. Jesus stellt sich damit offensichtlich gegen das überhebliche Gebaren der Reichen. Johannes Chrysostomus sagt dazu:

Weil der Bescheidenheit nichts gleich kommt, führt er die Hörer zum Gegenteil des Hochmuts: Er verbietet nicht nur das Streben nach dem Ehrenvorrang, sondern er befiehlt sogar, nach dem Geringsten zu trachten.

Doch ist das Wort Jesu nur an vornehme Pharisäer gerichtet?  Wenn wir das Wort Brot hören, denken wir als Christen sofort an ein anderes Brot, die Eucharistie. Brotessen oder Brotbrechen kann so auch eine Umschreibung des christlichen Gottesdienstes sein. Dann erhält das Evangelium einen für die Zeitgenossen des Lukas und auch für uns aktuellen Sinn. Die Worte Jesu sind dann nicht an vornehme Juden gerichtet, sondern meinen indirekt die Mitglieder der christlichen Gemeinde.

Im 11. Kapitel des 1. Korintherbriefs und im 2. Kapitel des Jakobusbriefes hören wir von gravierendem Fehlverhalten während des Gottesdienstes. Da setzen sich die Reichen auf die besten Plätze und den Armen wird ein untergeordneter Platz zugewiesen. Bei der anschließenden Agapefeier lassen die einen es sich gut gehen und sind nicht bereit, mit denen zu teilen, die nichts haben.

Genau solche Missstände werden im heutigen Evangelium kritisiert. Lukas ist ja bekannt als Evangelist, der immer wieder auf die Armen hinweist. Bei ihm heißt es nicht wie bei Matthäus „Selig die Armen im Geiste“, sondern „Selig die Armen“, ganz konkret. Sicher haben Lukas Erfahrungen in den ihm bekannten Gemeinden zu dieser Haltung veranlasst. Lukas will den Menschen deutlich machen: wenn ihr in der Gemeinde solche Unterschiede zwischen Arm und Reich macht, wenn sich die Reichen die Ehrenplätze suchen und die Armen auf die letzten Plätze verwiesen werden, dann handelt ihr nicht im Sinne Jesu. Welchen Platz haben Arme, Krüppel, Lahme und Blinde in der Gemeinde? Was gibt dir, Reicher, die Gewissheit, dass du mehr wert bist als dieser Arme?

Es ist eine ernste Mahnung, die das Evangelium ausspricht, auch für uns heute. Dabei müssen mit den Reichen nicht nur die ganz Reichen gemeint sein. Auch weniger bemittelte Menschen können herabschauen auf die, die noch weniger haben. Es geht hier auch nicht um die Frage der sozialen Hilfe. Diese ist notwendig, aber oft steht der, der gibt, über dem, der empfängt.  Es geht hier vielmehr um die Frage, ob wir bereit sind, andere Menschen, die vielleicht nicht unserem sozialen Status entsprechen, als gleichwertige Mitglieder in der Gemeinde zu betrachten.

Wir wollen also anderen nicht in dieser Hoffnung Gutes erweisen, dass sie es uns vergelten. Denn das ist kalte Berechnung. Daher wird eine solche Freundschaft nicht lange halten. Wenn du aber einen Armen einlädst, wirst du Gott als Schuldner haben, der dich nie vergisst. … Je geringer nämlich der Bruder ist, umso mehr kommt durch ihn Christus und besucht dich. … Es soll uns also nicht stören, wenn wir für eine gute Tat keine Belohnung erhalten, sondern vielmehr wenn wir eine erhalten! Denn wenn wir sie hier bekommen, werden wir dort im Himmel keine weitere mehr erhalten. Wenn aber der Mensch dir nichts als Dank gibt, dann wird Gott es dir dort vergelten. (Johannes Chrysostomus)

Die enge Tür (2)

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Das Hindernis der engen Tür besteht nicht darin, dass man deshalb nicht hindurch kommt, weil sich viele Menschen hindurch drängen und man sich etwa mit der Ellenbogentaktik den Weg freiräumen müsste.

Das Hindernis ist in jedem Einzelnen. Der Weg durch die enge Tür ist schwer, weil es gilt, den inneren Schweinehund zu überwinden, der das Einfache und Bequeme sucht. Klein macht sich auch der Demütige, der bereit ist, anderen Menschen zu dienen und nicht in seiner Überheblichkeit auf andere herabschaut. Dann wird sich zeigen, wer auf die richtige Weise Stärke und Ausdauer trainiert hat, um den Weg durch die enge Tür gehen zu können.

Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten.

Viele, die zuerst begeistert sind, erlahmen später, viele, die zuerst kalt sind, beginnen plötzlich zu brennen. Viele, die in dieser Welt verachtet werden, werden in der kommenden Welt Herrlichkeit und Ehre empfangen, und andere, die bei den Menschen in hohen Ehren stehen, werden am Ende verurteilt werden müssen.
Beda Venerabilis

Die enge Tür (1)

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Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?

Diese Frage aus dem heutigen Evangelium lässt Jesus bewusst offen. Für den Eintritt in das Himmelreich gibt es keine Garantie, die aus der Zugehörigkeit zu einer gewissen Sekte oder dergleichen stammt, die meinen, die Zahl der Geretteten genau zu wissen. Auch einfach zu sagen: „Wir waren ja dabei …“ ist noch keine Eintrittskarte in den Himmel.
Stattdessen richtet Jesus eine eindringliche Mahnung an alle:

Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen!

Mit diesen Worten macht Jesus deutlich, wie sehr der persönliche Einsatz jedes Einzelnen gefragt ist.

Die enge Pforte bezeichnet die Schwierigkeiten, welche die Heiligen in Geduld ertragen.

So sagt Cyrill von Alexandrien. Und Beda Venerabilis schreibt:

Viele werden danach streben, hineinzukommen, weil sie nach dem Heil verlangen, aber sie werde es nicht vermögen, weil sie vor der Härte dieses Weges zurückschrecken.

Nachfolge (Lk 9,57-62)

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Als sie auf ihrem Weg weiterzogen, redete ein Mann Jesus an und sagte: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. (Lk 9,57-58)

Schickt Jesus den Mann weg, der ihn um Aufnahme in die Nachfolge bittet, oder zeigt er ihm nur, wie schwer dieser Weg ist? Der Weg mit Jesus führt nicht geradewegs ins traute Heim oder gemachte Nest. Wer Jesus folgt, weiß zunächst nicht, wohin es geht. Er lässt sich führen, im Vertrauen darauf, dass Gott für ihn bereits den Ort bereitet hat, an dem sein Leben fruchtbar werden kann.

Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben. Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! (Lk 9,59-60)

Es fällt schwer, diesen Satz Jesu zu erklären. Versuchen wir, uns in die Situation hinein zu versetzen. Da ist ein Mann, den Jesus in seine Nachfolge ruft. Sein Vater ist gerade verstorben. Der Mann trauert. Er will hingehen und zusammen mit seiner Familie dem Vater die letzte Ehre erweisen. Das ist nichts Ungewöhnliches, es ist vielmehr das, was in allen Kulturen und auch bei den Juden und uns Christen Sitte und Pflicht ist. Will Jesus verbieten, dass wir unseren Toten die letzte Ehre erweisen? Dies mit Sicherheit nicht. Die Christen haben darin niemals die Lehre Jesu gesehen, die Toten sich selbst zu überlassen.

Was aber will Jesus uns damit sagen? Jesus will bewusst provozieren. Ihm nachzufolgen ist wichtiger, als die so hoch stehende Forderung, den Toten die letzte Ehre zu erweisen. Jesu Verhältnis zum Tod ist ein anderes als das der Menschen. Als sein Freund Lazarus stirbt, hat er keine Eile, dessen trauernde Schwestern zu besuchen. Er nimmt nicht am Begräbnis teil, sondern kommt und ruft den Toten aus dem Grab. Als man ihn selbst tot ins Grab legt, verlässt er es als Lebender.

Jesus hat die Macht über Leben und Tod. Daher überlässt auch der Sohn, der die Nachfolge Jesu der Sorge um seinen toten Vater vorzieht, den Toten nicht sich selbst, sondern vertraut ihn Jesus an. Er vertraut darauf, dass Jesus ihm das Leben wiedergeben kann, wenn nicht in dieser Welt so doch im Reich Gottes. Es sind noch genug Verwandte da, die für das Begräbnis sorgen können, für ihn gibt es jetzt im Moment aber Wichtigeres.

Jesus will zeigen, welch hohen Stellenwert die Nachfolge hat und diese Nachfolge ist radikal. Sie fordert heraus, mehr als alles andere auf der Welt. Wer sie als plumpe Ausrede gebrauchen würde, um seinen irdischen Pflichten nicht nachkommen zu müssen, der lästert den Namen Gottes. Es gibt keine billige Nachfolge. Jesus verlangt alles, um alles geben zu können.

Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Abschied nehmen. Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes. (Lk 9,61-62)

Auch das dritte Nachfolgewort Jesu ist radikal. Der kundige Leser hört im Hintergrund Anklänge an die Berufung des Propheten Elischa im Alten Testament. Als Elischa beim Pflügen ist, kommt der Prophet Elija und ruft ihn, ihm zu folgen. Elischa bittet darum, von seiner Familie Abschied nehmen zu dürfen. Elija gewährt es ihm und Elischa bereitet mit dem Holz des Pfluges aus den Rindern, die dem Pflug vorgespannt waren, ein Abschiedsmahl für seine Familie. Jesus aber macht deutlich, dass sein Ruf noch radikaler ist als der des Propheten Elija. Er duldet keinen Aufschub.

Wen er rief, dem war damit gesagt, dass für ihn nur noch eine einzige Möglichkeit des Glaubens an Jesus besteht, nämlich die, dass er alles verlässt und mit dem menschgewordenen Sohn Gottes geht. Mit dem ersten Schritt ist der Nachfolgende in die Situation gestellt, glauben zu können. Folgt er nicht, bleibt er zurück, so lernt er nicht glauben. (Dietrich Bonhoeffer)

Erneut will Jesus hier bewusst provozieren. Er will nicht die Sorge für die Eltern abschaffen, die ja im vierten Gebot fest verankert ist. Nachfolge bedeutet nicht, dass für den, der in die Nachfolge eintritt, die Eltern ab sofort gestorben sind. Wenn aber die Familienbande zu stark sind, kann dies ein Hindernis sein, das vom Weg mit Jesus ablenkt. Die – vielleicht auch nur vorübergehende – radikale Trennung aber ermöglicht einer Verbindung auf einer neuen Ebene. Als man Jesus einmal seine Mutter zeigte, hat er auf die Menschen um ihn herum gedeutet und gesagt: Das hier sind meine Brüder, Schwestern und meine Mutter. Als Glaubende aber gehört die Mutter Jesu auch zu dieser Gemeinschaft. Als Glaubende stehen auch die Eltern des Jüngers zusammen mit diesem in der Gemeinschaft der Brüder und Schwestern des Herrn.

Die Nachfolge Jesu fordert radikalen Verzicht, aber gerade dieser Verzicht macht es möglich, dass Jesus alles schenken kann. Wer um Jesu Willen alles aufgibt, der gewinnt alles. Dies ist der Hintergrund, vor dem wir Jesu Worte verstehen können. Wer ängstlich an etwas festhält, und sei es das Ehrenhafteste auf der Welt, der ist nicht frei, um Jesus zu folgen und aus der Fülle des Reichtums Gottes zu schöpfen. Nachfolge ist radikal, aber sie eröffnet zugleich ungeahnte Möglichkeiten.

Wir fragen uns sicher, wer dann überhaupt Jesus nachfolgen kann. Jesus folgen, das geht nicht unter Zwang, sondern nur in dem grenzenlosen Vertrauen auf Gottes Güte und Barmherzigkeit. Nur wenn ich weiß, dass Gott mich keinen Mangel und keine Not leiden lassen wird, wenn ich ihm mein Leben schenke, kann ich das loslassen, was mich daran hindert, Jesus nachzufolgen.

Für jeden von uns gilt die Frage: Was hindert mich noch daran, Jesus ganz zu folgen, woran klammere ich mich und was kann ich loslassen, um zu einer größeren Freiheit zu finden? Bitten wir um den Mut für das Wagnis des Glaubens. Vielleicht können die Worte von Dietrich Bonhoeffer helfen, das Gesagte zu vertiefen.

Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.

Dagegen ist teure Gnade der verborgene Schatz im Acker, um dessentwillen der Mensch hingeht und mit Freuden alles verkauft, was er hatte; die köstliche Perle, für deren Preis der Kaufmann alle seine Güter hingibt; die Königsherrschaft Christi, um derentwillen sich der Mensch das Auge ausreißt, das ihn ärgert; der Ruf Jesu Christi, auf den hin der Jünger seine Netze verlässt und nachfolgt. Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die geklopft werden muss.

Teurer ist sie, weil sie in die Gnade ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, teurer ist sie, weil sie ihm so erst das Leben schenkt… Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat, und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist. (Dietrich Bonhoeffer)

Nach Jerusalem (Lk 9,51-56)

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Als sich die Tage seiner Hinwegnahme erfüllten, da richtete Jesus sein Antlitz fest darauf, nach Jerusalem zu wandern. (Lk 9,51)

In dieser wörtlichen Übersetzung (nach Peter Köster) wird die Bedeutung des Satzes klarer. Er bildet die Überschrift über die nun folgenden Kapitel. In dem nur wenige Verse vorher geschilderten Bericht von der Verklärung Jesu wurde den Jüngern ein Blick auf Jesu Göttlichkeit gewährt. Dann hat Jesus den Jüngern deutlich gemacht, dass er vor seiner Verherrlichung leiden und sterben müsse. Der Leser, der dem Lauf des Lukasevangeliums folgt, wurde also schon hinreichend auf das vorbereitet, was die hier genannte Hinwegnahme bedeutet. Jesu Leiden, Tod und Auferstehung, die sich in Jerusalem erfüllen, sind das Ziel des Weges Jesu.

Die nun folgenden Kapitel bis Lukas 19,27 bilden eine Einheit und zeigen Jesu Weg nach Jerusalem. In Worten und Taten führt Jesus die Jünger immer tiefer in sein Geheimnis ein. Am Ende dieses Weges steht dann der Einzug Jesu in Jerusalem, auf den seine Gefangennahme folgt. Jesus weiß, was ihn in Jerusalem erwartet, und ist fest entschlossen, diesen Weg zu gehen. Auch wenn er noch mehrere Wochen unterwegs sein wird und dabei vielen Menschen begegnet, so ist doch die Richtung klar.

Gleich am Anfang dieses Weges stellt sich Jesus ein Hindernis in den Weg, das einen kleinen Umweg erforderlich macht. Zugleich macht Jesus seinen Jüngern deutlich, was es heißt, mit ihm auf diesem Weg zu gehen. Es ist eine Entscheidung, die radikales Vertrauen auf Gott zur Grundlage haben muss.

Und er sandte Boten vor sich her. Und sie gingen hin und kamen in ein Dorf der Samariter, um ihm Herberge zu bereiten. Und sie nahmen ihn nicht auf, weil sein Antlitz gerichtet war, nach Jerusalem zu wandern. (Lk 9,52-53)

Jesus schickt Jünger voraus, die eine Unterkunft vorbereiten sollen. Der Weg führt durch samaritisches Gebiet. Wir kennen aus verschiedenen biblischen Erzählungen die Feindschaft zwischen Juden und Samaritern. Nach dem Untergang des Nordreiches im Jahr 732 v.Chr. wurden im Gebiet um Samaria fremde Volksstämme angesiedelt, viele Israeliten sind nach Juda geflohen, einige aber blieben in ihrer Heimat zurück. Auf jüdischer Seite war man bestrebt, den JHWH-Kult auf den Tempel in Jerusalem als dem einzig legitimen Heiligtum zu beschränken. Schon in den Königsbüchern des Alten Testaments wird deutlich, dass jeder Kult außerhalb des Tempels von Jerusalem Götzendienst und Abfall vom Gott Israels ist.

Im alten Israel aber kannte man verschiedene Heiligtümer. Die samaritanische Bevölkerung hielt an ihrer Verehrung Gottes auf dem Berg Garizim fest. Da beide Seiten aus ihrer Sicht den Gott Israels anbeteten, kann man von so etwas wie zwei jüdischen Konfessionen sprechen. Wir wissen aus unserer eigenen christlichen Vergangenheit, dass der Hass zwischen den Konfessionen, die den gleichen Gott verehren, größer sein kann, als die Ablehnung der Heiden, die andere Götter verehren.

Der Hass zwischen Juden und Samaritern beruhte auf Gegenseitigkeit. Man wollte nichts miteinander zu tun haben, mied jedwedes Zusammentreffen und erzählte sich die übelsten Geschichten von der Bosheit der jeweils anderen Gruppe. Jesus durchbricht diese Spirale des Hasses. Er macht keinen großen Bogen um samaritisches Gebiet, wie es fromme Juden zu tun pflegten. Und er erzählt auch keine Schauermärchen über die Samariter. Im Gegenteil. Im Johannesevangelium hören wir von der Begegnung Jesu mit der Samariterin und das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, das Lukas uns im nächsten Kapitel überliefert, gehört bis heute zu den bekanntesten Geschichten des Neuen Testaments.

Und doch wollen die Samariter Jesus nicht durch ihr Gebiet lassen, sie nehmen Jesu Angebot der Versöhnung nicht an. Jesus aber urteilt nicht über sie, er verurteilt sie nicht. Er sagt nicht: Da sieht man ja, wie schlecht diese Samariter sind. Er weiß, wie schwer es ist, tief verwurzelte Feindschaften zu heilen. Er will den Graben des Hasses nicht noch tiefer graben. Er lässt den Hass der Gegenseite nicht in sein Herz, und somit kann ein Schimmer des Friedens aufleuchten inmitten der Dunkelheit. Seine Jünger aber, die einen Blitz der Vernichtung fordern, weist er scharf zurecht:

Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet? Da wandte er sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen zusammen in ein anderes Dorf. (Lk 9,54-56)

Jesus ist nicht gekommen, um zu vernichten, sondern um zu retten. Niemand darf mit Gewalt zum Glauben an ihn gezwungen werden oder für die Ablehnung Jesu mit Gewalt bestraft werden. Was Jesus hier den beiden eifernden Donnersöhnen, wie Jakobus und Johannes an anderer Stelle genannt werden, deutlich macht, haben spätere Glaubensverkündiger leider immer wieder vergessen.

Jesus will uns zeigen, dass die vollkommene Tugend nicht rachsüchtig ist, dass dort, wo volle Liebe herrscht, der Zorn keinen Platz hat und Schwäche nicht auszuschließen, sondern zu unterstützen ist. Fern sei den Frommen die Verbitterung und fern den Großmütigen die Rachsucht! (Ambrosius)

Beten wir darum, dass wir wie Jesus die Kraft haben, dass wir auf Ablehnung nicht mit Ablehnung reagieren und die Flamme der Liebe in unserem Herzen nicht vom Hass ersticken lassen.

Lk 7,36-50 Jesus und die Sünderin

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In jener Zeit ging Jesus in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch. Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl. (Lk 7,36-37)

Jesus ist zum Essen eingeladen bei einem Pharisäer. Wahrscheinlich möchte dieser gerne mit Jesus diskutieren, ihn prüfen, seine Meinung hören über die Auslegung des Gesetzes und darüber, wie der Mensch Gott dienen soll. Lukas berichtet nichts darüber. Es kommt auch nicht zu einem gelehrten Gespräch, sondern der Pharisäer bekommt lebendig die Antwort auf die Fragen, die er im Herzen hat, vorgeführt. Jesus geht es nie darum, gescheite Reden zu führen, an deren Ende dann eine wohlformulierte Absichtserklärung steht oder ein unpersönliches „man sollte tun“. Jesus handelt immer konkret.

Während der Pharisäer sich wohl ein ruhiges Essen mit Jesus erhofft hat, bei dem er selbst der Wortführer ist, kommt nun alles ganz anders, denn plötzlich steht da eine stadtbekannte Sünderin mitten im Zimmer. Wie ist sie da hereingekommen, wer hat sie eingelassen? Hat sie den Türsteher mit ihrem entschiedenen Auftreten überrumpelt? Wir wissen es nicht. Für den heiligen Ambrosius aber wird sie durch ihre entschlossene Suche nach Jesus zum Vorbild für uns alle:

Wo immer du von der Ankunft des Gerechten hörst, sei es im Haus eines Unwürdigen, sei es im Haus eines Pharisäers, eile hin, entreiße ihm, dem Gastgeber zuvorkommend, die Gnade, entreiß ihm das Himmelreich! … Wo immer du Christi Namen hörst, lauf hin! Von wessen Haus immer du vernimmst, es sei Jesus in dessen Inneres eingetreten, beschleunige auch du deine Schritte dorthin! Wenn du von der Weisheit erfährst, wenn du von der Gerechtigkeit erfährst, sie liege in den Gemächern eines Menschen zu Tisch, lauf hin!

Wer diese eindringlichen Worte des Ambrosius hört, der weiß, worum es geht: um die Rettung, um das Heil. Hier schickt es sich nicht zu warten und mit falscher Demut anderen den Vortritt zu lassen, sondern hier soll jeder zusehen, der erste zu sein. Aber keine Angst. Es ist genug Heil für alle da. Jeder, der mit einem solchen Eifer zu Jesus drängt, wird die Erfahrung der lebendig machenden Begegnung mit dem Herrn zuteil.

Sie trat von hinten an Jesus heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist. (Lk 7,38-39)

Die Frau durchbricht die familiäre Atmosphäre des Gastmahls. Ungebeten hat sie sich eingeschlichen, von hinten tritt sie an Jesus heran, kniet zu seinen Füßen und wäscht mit liebender Hingabe die Füße des Herrn mit ihren Tränen, trocknet sie mit ihrem Haar und salbt sie mit wohlriechendem Öl. Die Frau ist eine stadtbekannte Sünderin. Das weiß Jesus und trotzdem oder gerade deshalb lässt er sie gewähren.

Sie zurückzuweisen, hätte bedeutet, sie in ihrem alten Leben zu lassen, das eigentlich kein Leben war. Doch indem er sie gewähren lässt, zeigt er ihr besser als mir tausend Worten, dass er das, was sie geben kann, annimmt. Er will nichts für sich; er nimmt sie, wie sie ist, einfach deshalb, weil sie vor allem ein großes Verlangen hat, sich geliebt zu wissen: wirklich geliebt, endlich wertgeschätzt und respektiert. Er urteilt nicht über sie. Er verurteilt sie nicht. Und so hilft er ihr, zu einem authentischen menschlichen Leben zu finden: Sie fühlt sich wie neu geboren. (Raniero Cantalamessa)

Der Pharisäer sagt nichts dazu, er denkt sich aber seinen Teil. Seine Gedanken gleichen den Gedanken aller gesetzestreuen Menschen zu allen Zeiten: So etwas gehört sich nicht! Wie kann ein Mann Gottes sich so auf eine Sünderin einlassen und sich sogar von ihr berühren lassen? Er stellt Jesu Sendung grundlegend in Frage, denn wenn Jesus ein Prophet wäre, wüsste er, was hier geschieht, er scheint aber nicht zu wissen, dass diese Frau eine Sünderin ist, also kann er kein Prophet sein.

Jesus aber macht deutlich, dass der eigentliche Fehler nicht bei ihm liegt, sondern in der scheinbar logischen Argumentationskette des Pharisäers. Er rückt die Angelegenheit ins rechte Licht und führt dem Pharisäer die schockierende Tatsache vor Augen, dass er mit all seiner Frömmigkeit nicht besser dasteht als diese Frau, im Gegenteil. Die Frau erweist sich durch das, was sie an Jesus tut, als gerecht, der Pharisäer aber bleibt in seinen Sünden, weil er nicht bereit ist, die Vergebung als Geschenk Gottes anzunehmen.

Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister! Jesus sagte: Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast Recht. (Lk 7,40-43)

Jesus wendet sich nun dem Pharisäer zu, der bisher geschwiegen hat. Jesus ergreift das Wort, liebevoll spricht er seinen Gastgeber mit Namen an: Simon. Jesus erzählt ihm ein Gleichnis. Zwei Männer haben Schulden, einer sagen wir mal etwa fünftausend Euro, der andere fünfzigtausend. Beiden wird die Schuld erlassen. Der Pharisäer versteht. Jeder ist schuldig vor Gott, kein Mensch kann sagen, dass er vor Gott gerecht ist. Das wussten auch die Pharisäer. Bei all ihrer Gesetzestreue war ihnen doch klar, dass sie es nie schaffen werden, alle Gebote vollkommen zu erfüllen.

Auch wenn nun also der Pharisäer Simon von seiner Gerechtigkeit überzeugt ist, so weiß er doch um seine eigenen Sünden und Fehler. Auch er steht bei Gott in der Schuld und hofft darauf, dass Gott ihm diese erlassen wird. Aber er hat dabei eine andere Methode als die Frau. Simon denkt vielleicht, dass er, wenn vor Gott hintritt, zumindest all das aufzählen kann, was er an guten Werken des Gesetzes getan hat, dann, so mag er sich sagen, wird Gott vielleicht über die kleinen Fehler hinwegsehen. Aber Gott will nicht mit uns handeln, er will uns beschenken.

Eben darum, weil es keine würdige Wiedervergeltung gibt, die wir Gott leisten könnten – was wollten wir denn als Entgelt bieten für das Leiden seiner Menschheit, die er angenommen hat? Was für seine Geißelung? Was für sein Kreuz, seinen Tod, sein Begräbnis? – so wehe mir, wenn ich nicht liebe! … So lasst uns denn statt der Schuld Liebe, statt der Zahlung Hingebung, statt des Geldes Dank erstatten! Denn am meisten liebt, wem am meisten geschenkt wird. (Ambrosius)

Jesus will Simon nicht brüskieren. Er wendet sich seinem Gastgeber zuerst zu, richtet zuerst das Wort an ihn, dann erst wendet er sich der Frau zu. Simon hat wohl verstanden, was Jesus ihm sagen will, aber er ist in sich selbst gefangen. Er kann nicht wie die Frau authentisch vor Jesus hintreten. Wir wissen nicht, wie es mit Simon weiter gegangen ist. Es bleibt offen, ob er Jesu Worte annehmen konnte, oder nicht.

Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet. Du hast mir zur Begrüßung keinen Kuss gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküsst. Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben. Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt? Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! (Lk 7,44-50)

In den erklärenden Ausführungen Jesu tritt eine gewisse Diskrepanz zu dem Gleichnis zutage. Während im Gleichnis beiden Schuldnern einfach so die Schuld erlassen wird und die größere Liebe des einen die Folge davon ist, dass ihm mehr erlassen wurde, so spricht Jesus nun davon, dass der Sünderin mehr vergeben wird, weil sie mehr Liebe gezeigt hat. Jesus macht so das mit Worten unerklärbare Ineinander von Gottes Vergebung und unserem Tun deutlich. Gott will uns beschenken, ohne dass wir dafür etwas tun müssen, aber doch bedarf es unserer Disposition dazu, beschenkt zu werden.

Es ist stets die Liebe, an der wir gemessen werden. Wer selbst nicht liebt, kann auch Gottes Liebe nicht annehmen. Nicht, weil Gottes Liebe zu schwach wäre, sondern weil wir ihr mit unserer Lieblosigkeit eine Grenze setzen. Gottes Vergebung an uns kann nur dann konkret werden, wenn wir selbst bereit sind, zu vergeben. Jesus zeigt, wie Gott will, dass wir vor ihn hintreten: mit einem demütigen und liebenden Herzen. Nicht das Hervorheben unserer eigenen Gerechtigkeit lässt Gott unsere Sünden vergeben, sondern das Tun der Liebe. Unsere ganze Gerechtigkeit kann die Schwere unserer Schuld nicht aufwiegen, nur die Liebe hat Gewicht.

Wir können leicht aus der Distanz sagen, warum ist der Pharisäer so blind. Es wäre doch nur ein kleiner Schritt gewesen, dann wäre ihm die gleiche Fülle des Geschenkes zuteil geworden wie der Frau. Er hätte nur ehrlichen Herzens zu Jesus sagen brauchen: Ich verstehe, was du sagst, auch ich bin ein Sünder, Herr, verzeih mir. Stattdessen aber schweigt er. Er bringt diese Worte einfach nicht über seine Lippen.

Aber auch wir sind oft in uns gefangen. Wir ertappen uns immer wieder dabei, wie wir über andere urteilen, wie wir Hass in unserem Herzen aufsteigen lassen anstatt Liebe. Es fällt uns schwer, über unseren Schatten zu springen, wir wollen das Gesicht wahren. Auch wir treten Jesus lieber als vornehmer Hausherr gegenüber, der seinen Gast zwar freundlich, aber doch distanziert empfängt, anstatt wie die Frau uns nicht zu schade zu sein, vor Jesus niederzuknien und den Schmutz von seinen Füßen mit den Haaren abzuwischen.