Psalm 146 (1) – Gotteslob

Halleluja! (Ps 146,1a)

Halleluja, preist den Herrn! Dieser freudige Aufruf zum Gotteslob findet sich nur an wenigen Stellen in der Bibel. Auch in den Psalmen ist er nicht so häufig, wie wir vielleicht denken. Im Christentum hat sich dieser jüdische Gebetsruf viel stärker verbreitet als im Judentum selbst. In der Heiligen Messe ertönt der Halleluja-Ruf vor (und neuerdings oft auch nach) dem Evangelium. Das Halleluja steht in ganz besonderer Weise mit der Auferstehung Jesu Christi in Zusammenhang. Nach dem Verstummen des Halleluja-Gesangs während der Fastenzeit singen wir es neu und feierlich in der Osternacht. In der Osterzeit findet sich das Halleluja in vielen Liedern und wird im Stundengebet an nahezu jede Antiphon angefügt.

Ursprünglich werden aber nur wenige Psalmen mit Halleluja gesungen. Am deutlichsten tritt es bei den letzten Psalmen des Psalters hervor. Wie viele Psalmen zunächst als Klageruf beginnen und dann in frohem Lob und Dank an Gott für seine Rettungstat enden, so ist es auch beim ganzen Psalter. Sein Abschluss ist noch einmal geprägt von einem frohen und überschwänglichen Lob an Gott.

Lobe den Herrn, meine Seele! Ich will den Herrn loben, solange ich lebe, meinem Gott singen und spielen, solange ich da bin. (Ps 146,1b-2)

Diese Worte kann man eigentlich nicht im Sitzen beten, man muss dazu aufstehen, so wie man sich zum Halleluja-Ruf vor dem Evangelium erhebt. Körper und Geist, Leib und Seele vereinen sich zum Lob Gottes. Der Mensch wird ganz ein Gott-Lobender. Er steht auf, hebt seine Hände, ruft mit voller Stimme aus ganzem Herzen das Lob Gottes. Das ist die Bestimmung des Menschen, das ist das Ziel des Menschen, allezeit Gott zu loben mit seinen Worten und seinem Tun. Das soll unser ganzes Leben und Dasein prägen.

Versuchen wir uns diese Einstellung zu eigen zu machen. Egal was geschieht, es ist immer Zeit, Gott zu loben. Gott ist immer da, um mich zu retten. Gott hört meinen Lobpreis allezeit. Ich brauche mich nicht zu fürchten, nicht zu verzweifeln, denn Gott ist da. In der Bibel lesen wir immer wieder, wie Menschen gerade in der größten Bedrängnis Gott gepriesen haben. Die Apostel und die ersten Christen in der Verfolgung haben im Gefängnis Loblieder gesungen und so ihre Zuversicht zum Ausdruck gebracht. Das Gotteslob drang nach draußen und hat auch andere dazu ermutigt, sich zu diesem Gott zu bekennen, der seinen Gläubigen diese Hoffnung gibt.

Sind wir als Christen nicht zu kleinlaut geworden? Wo hört man heute noch unser Gotteslob auf den Straßen? Haben wir den Mut, unserem Gott zu lobsingen, mit lauter Stimme, mit Leib und Seele, jederzeit und überall.

Psalm 110 (3) – Mensch

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5 Der Herr steht dir zur Seite; er zerschmettert Könige am Tage seines Zornes.

6 Er hält Gericht unter den Völkern, er häuft die Toten, die Häupter zerschmettert er weithin auf Erden.

Nachdem so der Priesterkönig von Gott selbst in sein Amt eingesetzt worden ist, zeigen die folgenden Verse die Taten des Königs. Während die ersten Verse des Psalms sehr erhaben waren, geht es nun recht handfest zu. Der König tut das, was Könige tun, nämlich Krieg führen. Siegreich ist er unter den Völkern, er stürzt fremde Könige und unterwirft deren Gefolge.

Uns mögen diese Verse abstoßend erscheinen. Daher wird Vers 6 auch im deutschen Stundenbuch weggelassen. Hier zeigt sich die Problematik, wenn wir alttestamentliche Texte auf Christus deuten. Der Sieg über die Feinde wird glorifiziert, Das war durch alle Jahrhunderte so. Erst nach der Erfahrung der Grausamkeit zweier Weltkriege kam ein neues Friedensbewusstsein auf. Nie wieder sollen Menschen einander auf so grausame Weise töten. Doch es gibt weiter Krieg und Gewalt in der Welt. Während wir in Westeuropa in den letzten Jahrzehnten in einer Oase des Friedens lebten, gab es in vielen Ländern der Welt grausame Kriege. Und nun rückt der Schauplatz des Krieges scheinbar unausweichlich immer näher auf uns zu, eines Krieges, der nicht mehr wie früher an klaren Fronten geführt wird, sondern der durch den Terrorismus bereits mitten unter uns gegenwärtig ist.

Was können wir tun, um den Frieden zu wahren? Haben wir uns vielleicht doch allzu lange in unserer Oase des Friedens ausgeruht und die Augen verschlossen vor den Konflikten, die sich um uns immer mehr ausgebreitet haben? Wir müssen uns aktiv für den Frieden einsetzen, und das nicht nur, indem wir unsere Abwehrkräfte verstärken. Es gilt, klare Position zu beziehen gegen Menschen, die den Hass predigen. Diese gilt es zu bezwingen, dass sie nicht die Menschen mit ihren Reden vergiften.

Wir haben nach dem zweiten Weltkrieg gesehen, wie schnell es gehen kann, dass verfeindete Mächte Frieden schließen, den Hass überwinden und zu neuer Freundschaft finden. Das kommt nicht von allein. Dazu bedarf es politischen Willens. Es braucht Persönlichkeiten, die glaubwürdig für den Frieden eintreten.

Wer Wind sät wird Sturm ernten.

So heiß es nach einem Zitat aus Hosea 8,7. Im Jakobusbrief 3,18 aber heißt es:

Wo Frieden herrscht, wird (von Gott) für die Menschen, die Frieden stiften, die Saat der Gerechtigkeit ausgestreut.

Jesus hat uns gezeigt, wie ein Friedenskönig regiert. Er helfe uns, seinen Spuren zu folgen.

7 Er trinkt aus dem Bach am Weg; so kann er (von neuem) das Haupt erheben.

Der letzte Vers des Psalms stellt uns ein schönes Bild vor Augen. Der Held ist ermattet vom Kampf. Das zeigt die menschliche Seite des Königs. Doch seine körperliche Schwäche wird rasch gestärkt durch einen kühlen Trunk von einem Brunnen oder aus dem Bach am Wegesrand.

Geliebter, wunderbarer Gott,

Quelle des Lebens, ewiger Strom der Liebe.

Öffne mit deiner Liebe die Herzen der Menschen.

Löse auf in deinem Licht die Gefühle von Angst, Hass und Ohnmacht.

Schenke uns allen die Einsicht, dass Frieden in uns selbst beginnt

und dass nur Gedanken der Liebe und Versöhnung den Weltfrieden

und das Überleben der Erde sichern.

Erfülle unser Denken, Fühlen und Handeln mit deiner Liebe

und dem Vertrauen in deine machtvolle Gegenwart.

Wir danken Dir, geliebter, ewiger Gott.

Amen.

 

Psalm 110 (2) – Priester

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3 Dein ist die Herrschaft am Tage deiner Macht (wenn du erscheinst) in heiligem Schmuck; ich habe dich gezeugt noch vor dem Morgenstern, wie den Tau in der Frühe.

Psalm 110 ist im Neuen Testament der meistzitierte alttestamentliche Text. Kein anderer Psalm macht so deutlich, was die Menschen von Jesus Christus glauben. Auch in diesem Vers bekommen die Bilder aus dem altorientalischen Königsritual im Licht Christi eine ganz neue Bedeutung. Die orientalischen Könige waren prächtig gekleidet als Zeichen ihrer Erhabenheit und ihrer Entrücktheit in den Bereich des Göttlichen. Kein gewöhnlicher Mensch durfte ihr Gesicht sehen, der Thron war durch eine Reihe von Schleiern verhüllt, hinter denen der König hervortrat, wenn er sich offenbarte, das heißt dem Volk zeigte.

Doch die Erwähnung prächtiger Kleider allein reicht nicht aus, um die Majestät des Königs ausreichend zu schildern. Es werden Bilder aus der Schöpfung bemüht. Prächtig wie der Morgenstern, der nach der Nacht am Himmel glänzt und der niemals untergeht und der Tau in der Frühe, der sich auf wundersame Weise über die trockene Erde legt und eine wohltuende Erfrischung spendet, ein glitzernd prächtiges Kleid, das sie Schöpfung über Nacht anlegt.

Die frühe Kirche, der anders als uns heute die Pracht orientalischer Könige lebendig vor Augen stand, wusste um die enge Verbindung des Psalms mit Jesus Christus. Am Hochfest Epiphanie, dem ursprünglichen Weihnachtsfest der orientalischen Kirche, verwendet die erste Antiphon der Laudes das Bild dieses Psalms und besingt so Christus den Herrn, der vor aller Zeit vom Vater gezeugt, sich als göttlicher Heiland im ewigen Heute aller Welt offenbart.

Ante luciferum genitus, et ante saecula, Dominus Salvator noster hodie mundo apparuit.

Gezeugt vor dem Morgenstern und vor aller Zeit, ist der Herr, unser Heiland, heute der Welt erschienen.

4 Der Herr hat geschworen und nie wird’s ihn reuen: „Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.“

Orientalischen Königen kam oft neben ihrer Herrscherrolle auch die Würde des höchsten Priesters zu. Zwar war in Israel diese Rolle streng getrennt, da nur der Stamm Levi den Dienst am Altar verrichten durfte und den Nachkommen Aarons in besonderer Weise das Priestertum zukam. David und seine Nachkommen aber gehörten dem Stamm Juda an. Dennoch wird von David berichtet, dass er Opfer dargebracht hat. Als Psalmendichter kommt ihm die Ehre zu, Lieder für den Gottesdient geschaffen zu haben. Sein Sohn Salomo lässt den Tempel errichten. So trägt auch David priesterliche Züge.

Der Hebräerbrief gibt in den Kapiteln 4-10 eine lange und ausführliche Deutung darüber, wie durch Jesus Christus der alttestamentliche Gottesdienst durch das neue und unvergängliche Priestertum Jesu Christi abgelöst wird. Hierbei spielt die Person des Melchisedek eine entscheidende Rolle und Psalm 110,4 ist eine wichtige Legitimation für das königliche Priestertum, das Jesus Christus nach Gottes Verheißung zukommt.

Dieser Melchisedek, König von Salem und Priester des höchsten Gottes; er, der dem Abraham, als dieser nach dem Sieg über die Könige zurückkam, entgegenging und ihn segnete und welchem Abraham den Zehnten von allem gab; er, dessen Name „König der Gerechtigkeit“ bedeutet und der auch König von Salem ist, das heißt „König des Friedens“; er, der ohne Vater, ohne Mutter und ohne Stammbaum ist, ohne Anfang seiner Tage und ohne Ende seines Lebens, ein Abbild des Sohnes Gottes: dieser Melchisedek bleibt Priester für immer. (Hebr 7,1-3)

So deutet der Hebräerbrief Genesis 14, wo die Begegnung zwischen Abraham und Melchisedek geschildert wird. Das Priestertum des Melchisedek wird höherwertiger als das levitische Priestertum gesehen, da durch den Stammvater Abraham auch dessen Nachkomme Levi dem Melchisedek den Zehnten darbrachte und somit dessen unvergängliches Priestertum anerkannte. Melchisedek vereint Königtum und Priestertum in seiner Gestalt und wird so zum Vorbild Jesu Christi. Melchisedek wird zum Zeichen dafür, dass das Priestertum des Neuen Bundes auf rechtmäßige Weise das levitische Priestertum des Alten Bundes abzulösen vermag und zudem auch das jüdische Gesetz seine Bedeutung verliert.

Denn sobald das Priestertum geändert wird, ändert sich notwendig auch das Gesetz. Der nämlich, von dem das gesagt wird, gehört einem anderen Stamm an, von dem keiner Zutritt zum Altar hat; es ist ja bekannt, dass unser Herr dem Stamm Juda entsprossen ist, und diesem hat Mose keine Priestersatzungen gegeben. Das ist noch viel offenkundiger, wenn nach dem Vorbild Melchisedeks ein anderer Priester eingesetzt wird, der nicht, wie das Gesetz es fordert, aufgrund leiblicher Abstammung Priester geworden ist, sondern durch die Kraft unzerstörbaren Lebens. Denn es wird bezeugt: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks. (Hebr 7,12.17)

Psalm 110 (1) – König

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1 [Ein Psalm Davids.] So spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten und ich lege dir deine Feinde als Schemel unter die Füße.

In poetischen Worten wird hier die Inthronisation eines Königs besungen. Der König thront aber nicht nur vor den Menschen, sondern auch zur Rechten Gottes. Er wird so zum Erfüller Göttlichen Willens. Gott beruft sich seinen König. Die mysteriös anmutende Gottesrede kann als innergöttlicher Dialog verstanden werden, wie beispielsweise das ebenso mysteriöse Wort aus Psalm 42,8 „Flut ruft der Flut zu beim Tosen deiner Wasser“ oder die Wendung „ich habe bei mir geschworen“ in Gen 22,16 und Jes 45,23. Gott steht mit sich selbst im Dialog und trifft und festigt so seine Entscheidungen.

Der innergöttliche Dialog ist kein Selbstgespräch. Als Christen glauben wir, dass Gott dreifaltig ist, Vater, Sohn und Heiliger Geist, ein Gott in drei Personen. Gott ruft den Menschen in seine Gemeinschaft. Allen Menschen voran hat der König das Vorrecht, in diese Gemeinschaft einzutreten. Er, der auf Erden über allen Menschen steht, sitzt im Himmel zur Rechten Gottes. Hier werden orientalische Königsbilder verwendet, die den König weitgehend der menschlichen Welt entrücken und in die Sphäre des Göttlichen erheben.

Doch kein menschlicher König ist wirklich Gott. Er bleibt ein Mensch und handelt menschlich mit allen menschlichen Fehlern und Schwächen, was uns auch der letzte Vers des Psalms deutlich zeigen wird. Diese Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit war den Gelehrten Israels bewusst. Daher richteten sie ihre Hoffnung auf den Messias-König, der von Gott eingesetzt ist. Dann geschah das Unerhörte, aus jüdischer Sicht unglaubliche, dass Gottes Sohn selbst Mensch wird. Jesus Christus ist der König, den der Vater an seine rechte Seite erhebt, um mit ihm zu herrschen über Himmel und Erde.

2 Vom Zion strecke der Herr das Zepter deiner Macht aus: „Herrsche inmitten deiner Feinde!“

Die Evangelien berichten uns vom Königtum des Gottessohnes. Ein König, der mitten unter den Menschen ist, der die Menschen heilt, der die Hungrigen speist und den Nackten Kleidung gibt, der die Kranken und Ausgestoßenen besucht und das Volk eint in der Liebe zu Gott und untereinander. So sieht es aus, wenn Gott sein Zepter erhebt, um in der Welt zu herrschen. Jesus Christus ist ein König, der für sein Volk stirbt, um alle zu befreien von der Macht der Finsternis und des Todes. Sein irdischer Thron ist das Kreuz, aber gerade durch seine Erniedrigung ist er würdig geworden, zur Rechten Gottes erhöht zu werden.

Nicht mit weltlicher Macht gebietet er über seine Feinde. Er hat den Satan besiegt, der ihm zu Füßen liegt und mit diesem Sieg hat er jeder widergöttlichen Macht endgültig die Herrschaft genommen. Auch wenn die Bösen weiter toben, werden sie nie mehr die Oberhand gewinnen. Und Gott herrscht in allen Menschen, die sich zu ihm bekehren, in den Geretteten, die seiner Liebe glauben. Hieronymus sagt:

Es heißt nicht: Töte deine Feinde, sondern: Herrsche inmitten deiner Feinde. Mach, dass deine Feinde, die dir fern waren, anfangen, zu dir zu gehören. … Diejenigen sind Feinde, die unter einer fremden Herrschaft stehen, jetzt also erbittet der Psalmist, dass Gott seine Feinde beherrscht und sich gnädig herablässt, ihr Herr zu sein.

Psalm 23 – Der Gute Hirte (2)

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Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.

Der Beter des Psalms weiß, dass im Leben nicht alles glatt geht, dass es auch dunkle Schluchten zu durchwandern gilt. Der Weg führt weg von der Weide ins dunkle Tal. Die hebräische Formulierung lässt keinen Zweifel, woran der Beter denkt: An das Tal der Todesschatten, an den Tod selbst. Auch in dieser ausweglosen Situation hat der Beter keine Angst, weil er sich bei Gott weiß. Diese Nähe Gottes kommt auch sprachlich zum Ausdruck. Die Anrede Gottes wechselt plötzlich vom Er zum Du. Aus dem eher ungleichen und unpersönlichen Verhältnis des Schafes zu seinem Hirten ist ein persönliches Verhältnis der Freundschaft mit Gott geworden.

Der Weg durch die Finsternis schweißt zusammen. Viele Heilige haben Gott erst im Dunkel besonders erfahren, sie mussten einen Zustand der scheinbaren Gottferne durchschreiten, um Gottes Nähe zu entdecken. Auch von menschlichen Freundschaften kennen wir dies, dass eine tiefe Nähe gerade bei Extremsituationen entsteht. Hier zeigt sich auch der wahre Freund, mit dem man durch Dick und Dünn gehen kann.

Selbst in der tiefen dunklen Schlucht fürchtet sich der Beter nicht. Stock und Stab sind Keule und Hirtenstab des orientalischen Hirten. Die Keule ist da, um wilde Tiere zu vertreiben, mit dem krummen Hirtenstab angelt der Hirt das Schaf herbei, das vom Weg abgerät. So kommt die Herde sicher durch die Schlucht und wie wir gleich sehen werden, erwartet sie danach etwas, das noch herrlicher ist als die schönsten Weiden, auf denen sie bisher gelagert haben.

Der Weg durch die finstere Schlucht ist wichtig für unser Leben. Wir können auf der saftigen Weide bleiben und es uns dort gemütlich machen. Dann werden wir aber nie entdecken, was hinter dem nächsten Hügel ist. Mag sein, dass vielen Menschen die eigenen vier Wände genug sind. Was braucht man mehr? Unsere moderne Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft gaukelt uns ja vor, dass dies die größte Erfüllung ist. Viele wollen uns zu Menschen machen, die einfach nur Konsumieren, sich berieseln lassen und damit zufrieden sind.

Wer mehr sehen will, wir gefährlich. Wer aufbricht und sich auf den Weg macht, kann Dinge entdecken, die ihn unruhig werden lassen. Wer nicht aufbricht, bleibt das dumme Schaf. Erst wer aufbricht wird zum Freund und Partner Gottes, der mit ihm die Welt gestaltet und Gottes Schöpfung denen entreißt, die sie plündern und zerstören. Nur wer aufbricht kann zur Fülle des Lebens finden, das Gott in die Schöpfung gelegt hat und wer den Grund dieses einmal entdeckt hat, wird alles daran setzen, es zu schützen und zu bewahren vor den Feinden des Lebens.

Mit Gott gelingt uns der Aufbruch. Er ist bei uns. Stehen wir auf. Gehen wir. Wir kennen den Weg nicht. Er führt uns durch unbekannte Landschaften. Es ist ein enger und schwerer Weg. Aber Gott geht mit uns. Er kennt das Ziel. Wenn wir uns von ihm leiten lassen, werden wir selbst unsere Erfüllung finden.

Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl, du füllst mir reichlich den Becher.

Nun wechselt die Perspektive des Psalms. Zunächst hat der Beter die Fürsorge Gottes als des guten Hirten erfahren. Dann ist er mit Gott durch die finstere Schlucht gewandert und aus dem eher unpersönlich für ihn sorgenden Gott ist die Erfahrung eines Gottes geworden, der ein Freund und Begleiter ist, ein lebendiges Du, das mit dem Beter den Weg des Lebens geht. Die neu erfahrene Nähe Gottes zeigt sich im Bild der Gastfreundschaft, bei dem der Beter Geborgenheit findet, und zwar für immer.

Als guter Gastgeber beschützt Gott den Beter vor seinen Feinden und bereitet ihm ein reiches Mahl. Wie es Brauch ist, salbt er den Gast mit Öl, was zum einen ein Reinigungsritual ist, zum anderen aber auch die Würde des Gastes betont. Könige und Propheten werden gesalbt. Gott gibt dem Menschen Anteil an seiner Würde. Indem der Mensch sich von Gott leiten – regieren, oder auch dirigieren – lässt (im Anklang an Vers 1), wird er selbst zu einem, der andere leiten kann. Nun gibt es nicht mehr nur frisches Grün und sprudelndes Wasser, sondern köstliches Speisen und kostbaren Wein.

Zugleich bringt dieser Vers aber ein Bild, das uns leicht irritiert. Es ist von den Feinden die Rede, vor deren Augen das alles geschieht. Warum reicht es nicht, dass Gott den Beter so beschenkt? Warum muss hier noch besonders zur Sprache kommen, dass er es vor den Augen der Feinde tut? Wir haben im letzten Abschnitt bereits gesehen, dass derjenige, der sich mit Gott auf den Weg macht, anecken wird, weil es viele gibt, die ihn nicht verstehen, oder mehr noch, die ihn von diesem Weg abhalten möchten.

Für den Beter des Psalms sind die Feinde eine nicht wegzudenkende Realität. Israel war schon immer von Feinden umgeben, die es bedroht haben. Aber Gott beschützt sein Volk, er schützt jeden Menschen, der ihm vertraut. Die Feinde können ihm nichts anhaben, ja mehr noch, Gott wird ihn vor ihren Augen erhöhen. Was kann dies besser schildern als das Bild von einem Menschen, der in Ruhe am gedeckten Tisch sitzt und es sich schmecken lässt, während rings herum die Feinde toben, aber nicht an ihn heran kommen. Er sitzt wie hinter einer unzerstörbaren Glasscheibe, die ihn von den Feinden trennt.

Als Glaubende haben wir schon hier in dieser Zeit Anteil an Gottes ewigem Reich. Wir sind Kinder Gottes und gehören damit seinsmäßig zu einer anderen Wirklichkeit. Die Kinder dieser Welt können den Kindern Gottes zwar äußerlich Schaden zufügen, sie aber nicht wirklich besiegen. Das zeigen und die Märtyrer. Zwar mussten sie große Schmerzen leiden und wurden grausam hingerichtet, aber man konnte ihnen ihr Vertrauen auf Gott nicht nehmen. Ihre Peiniger konnten ihr Leben nicht auslöschen, denn nicht das irdische Leben ist ihr höchstes Gut, sondern das ewige Leben, und in dieses sind sie sicher hinübergegangen. Sie saßen, um im Bild des Psalms zu bleiben, bereits voller Freude beim himmlischen Gastmahl, während die Feinde an ihnen die grausame Marter vollzogen. So wird das Bild der Salbung auch zum Zeichen des Sieges, den Gott dem Beter schenkt.

Die Salbung mit Öl ist eine rituelle Handlung. Der Gesalbte ist Priester und König. Priestertum und Königtum im Sinne der Schrift sind nicht zunächst Funktionen, sondern Seinsweisen. Der Gesalbte gehört der göttlichen Sphäre an, nimmt teil an den Gesetzen der göttlichen Welt und an ihrer Grundverfassung: der Freude. Königlich ist die Tafel, an der er Platz nimmt, königlich der Becher.

(Robert Spaemann)

Die Christen haben dann auch schon sehr früh diesen Vers des Psalms auf die Eucharistie gedeutet. Hier haben die Menschen schon in dieser Welt Anteil am himmlischen Hochzeitsmahl.

Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.

Der letzte Vers des Psalms nimmt Bezug auf den Anfang und überbietet ihn zugleich. Der Beter ist nicht mehr das vom Hirten umsorgte Schaf, dem es auf seiner Weide gut geht, das aber vielleicht doch einmal geschlachtet wird. Er ist auch mehr als der im vorhergehenden Vers gezeigte Gast, der die Fürsorge des Gastgebers genießt. Der Beter ist vielmehr zum Freund Gottes geworden. Er sitzt mit Gott zu Tisch und zwar nicht nur für drei Tage, wie es der Pflicht des Gastgebers entspricht, sondern viele Tage lang, was so viel bedeutet wie unbegrenzt.

Es sind jetzt auch nicht nur die einen oder anderen Dinge, und mögen sie noch so schön und nützlich sein, die er bekommt. Wir sehen hier nochmals eine Seigerung. Sind zuvor aus frischem Grün und fließendem Wasser ein köstliches Mahl und erlesener Wein geworden, so sind es nun Gottes Güte und Huld, die dem Beter geschenkt werden. Nahrung brauchen wir zum Überleben, aber Gottes Güte und Huld schenken uns Leben, wahres, unvergängliches Leben, Leben in Fülle.

So will uns der Beter zeigen, was das Entscheidende im Leben ist. Die begehrenswertesten materiellen Güter verblassen angesichts dessen, was Gott uns schenken kann. Sie übertreffen das Vorausgehende nicht allein in ihrer Unvergänglichkeit. Es ist alles, was ein Mensch sich erhoffen kann. Gott schenkt sich ihm selbst aus der Fülle seines Herzens. Bei Gott darf ich wohnen, mit ihm sein und seine Zuneigung genießen – unvergänglich in Ewigkeit.

Psalm 23 – Der Gute Hirte (1)

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Der Herr ist mein Hirte.

Das Bild vom Hirten und den Schafen ist die zentrale Perspektive im ersten Teil des Psalms 23. Es ist ein Bild, das viele fasziniert und diesen Psalm zu einem der beliebtesten und bekanntesten Psalmen gemacht hat. Es fällt nicht schwer, ihn auswendig zu lernen und man meditiert ihn gerne. Das Bild vom Hirten, der seine Schafe auf die schönste Weide führt, das der Psalm dann weiter expliziert, ist angenehm zu betrachten.

Wenn der Psalm aber vor unseren Augen das Bild von Schafen und Hirt lebendig werden lässt, so tut er das nicht, um den Menschen als ein Tier ohne freien Willen darzustellen. Der freie Wille ist es ja, der den Menschen vom Tier unterscheidet. Der freie Wille allein ist aber keine Garantie, den richtigen Weg zu finden. Der Mensch braucht einen Führer, der ihn seine Würde erkennen lässt und ihm den Weg zeigt, gemäß dieser Würde zu leben.

Die freie Selbstbestimmung ist ein Mittel, sie ist nicht selbst das Ziel. Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, wir müssen uns nach ihr richten. Um dies zu können, müssen wir ihrer ansichtig werden. Sie muss uns gezeigt werden. Der Hirt – das ist der, der den Weg zeigt. Aber es ist auch der, der es erst möglich macht, diesen Weg zu gehen.

(Robert Spaemann)

Hirte sein, das war im Orient auch das Bild für einen guten Herrscher. In der alten lateinischen Fassung beginnt der Psalm 23 mit den Worten: Dominus regit me. Regere bedeutet führen, leiten, aber auch herrschen und ist verwandt mit rex – König. Der Regent soll einer sein, der die Menschen führt. Doch es gab in der Geschichte auch grausige Führer, die ganze Nationen in die Irre geführt haben.

Jesus Christus bezeichnet sich im Johannesevangelium (Joh 10) selbst guten Hirten und stellt sich damit in die Tradition der Gottesbilder des Alten Testaments, die Gott als Hirten seines Volkes sehen. Besonders deutlich wird dies bei den Propheten Ezechiel (Ez 34-37) und Sacharia (Sach 13) und eben im Psalm 23. Das Bild von Jesus als guten Hirten erfreut sich seit frühesten Zeiten größter Beliebtheit und ist vielleicht eine der ältesten Darstellungen, die sich Christen von Jesus gemacht haben. In den Katakomben von Rom finden wir über 140 Mal dieses Bild. Der vierte Sonntag der Osterzeit wird traditionell als „Sonntag vom Guten Hirten“ gefeiert. Auf meiner Seite zu diesem Sonntag finden Sie mehr Gedanken zu diesem Thema.

Mir wird nichts fehlen.

Das Leben des Menschen ist geprägt von seiner Bedürftigkeit. Das Schaf ist zufrieden mit einer grünen Wiese und wir werden im nächsten Vers sehen, dass der gute Hirte die Schafe zur saftigsten aller Weiden führen wird. Als Menschen aber müssen wir für unseren Lebensunterhalt sorgen, müssen normalerweise irgendeiner Tätigkeit nachgehen. So kann Gottes Sorge um uns nicht bedeuten, dass wir es uns einfach gemütlich machen können und nichts tun brauchen.

Der Weg, den Gott führt, mündet in die Fülle. Wir sind nicht in der Fülle. Sorge, Fehlen, Mangel, Bedürftigkeit ist unsere Grundverfassung. Nichts von dem, was unser Wesen braucht, ist mit unserem Dasein schon mitgegeben. … Wir bleiben endliche und also bedürftige Wesen in alle Ewigkeit. Aber der Weg Gottes führt immer tiefer hinein in die Erfüllung. Mir wird nichts fehlen. Die fundamentale Bedürftigkeit hängt zusammen mit unserer Zeitlichkeit.

(Robert Spaemann)

Doch auch wenn wir in unserem Leben uns um die täglichen Bedürfnisse mühen müssen und unsere tiefste Sehnsucht noch unerfüllt bleibt, können wir schon jetzt Gottes Sorge erfahren. Wer im Vertrauen auf Gott lebt – und das bedeutet ja Glaube – der weiß darum, dass keine existentielle Not – und mag sie noch so groß sein – ihm letztlich schaden kann. Gott führt immer einen Weg aus der Finsternis zum Licht, aus der Trockenheit ans Wasser, aus der Wüste in fruchtbares Land.

Gott führt uns, das bedeutet, dass wir uns führen lassen, dass wir bereit sind, selbst dorthin zu gehen, wohin er uns weist. Gott wird uns aber auch nie zurück lassen, wenn wir schwach sind und nicht weiter können. Wenn es nötig ist, wird Gott uns tragen, wie ein verwundetes und schwaches Schaf. Gerade dieses Bild ist es ja, das die Menschen so fasziniert.

Ich kann das nicht machen. Ich kann nur immer wieder das loslassen, was mich von Gott fern hält, und lernen, mich in Gottes Arme fallen zu lassen. Vertrauen lernen auf Gott, indem ich die Bilder dieses Psalms meditiere.

 

Im Psalm 23 wird die Integrität, die ungeschmälerte Fülle heilen Lebens erfahren, die Gott aus freien Stücken, „um seines Namens willen“ (V.3) schenkt. Wenn ich die objektiv beschreibende, form- und wortanalytische „Behandlung“ des Textes als Sache hinter mir, diesen Psalm vor mich hinsage, ihn in mich hinein „murmle“, mich von den Worten in ihr Sagen ziehen lasse, fühle ich das tiefe Vertrauen, die Vertrautheit, ja Wärme in der Beziehung eines Menschen des Alten Bundes zu Gott.“

(Fridolin Stier)

 

 

 

Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.

Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.

 

Sich von Gott führen lassen, das bedeutet auch zu lernen, das Schöne im Leben zu sehen und jeden Tag als Geschenk zu betrachten. Wie wir die Welt sehen, hängt auch von den Augen ab, mit denen wir auf sie blicken.

 

Für den Glaubenden geht jeder Augenblick der Welt und des eigenen Lebens als ein ihm zugedachtes Ereignis neu aus der Hand Gottes hervor. Er findet darin eine immer neue Möglichkeit, den Willen des Vaters zu tun und darin sein Wesen zu verwirklichen. So findet er von Augenblick zu Augenblick die Speise, von der Christus spricht, frisches Grün und frisches Wasser.

(Robert Spaemann)

 

Wenn auch unsere Sehnsucht hier nie ganz zu ihrer Erfüllung gelangt – was wäre das für ein Leben, wenn man alles erreicht hätte – so wissen wir doch, dass einst all unsere tiefsten Wünsche erfüllt werden, wenn wir Gott sehen dürfen – ein Anblick, an dem wir uns in alle Ewigkeit nicht satt sehen können. Und doch will Gott uns auch schon jetzt die Geheimnisse seiner Schönheit offenbaren. Die Welt als seine Schöpfung gibt Zeugnis davon, wenn wir lernen, sie recht zu betrachten.

 

Wir dürfen wissen, dass Gott weiß, was wir bedürfen, ehe wir darum bitten. Das gibt unserem Gebet größte Zuversicht und fröhliche Gewissheit.

(Dietrich Bonhoeffer)

 

Um seines Namens Willen, weil wir seine Kinder sind und Gott keine anderen Absichten hat, als uns das Heil zu schenken, wir er für uns sorgen, jeden Tag neu.

 

Psalm 24

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Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt, / der Erdkreis und seine Bewohner.

Denn er hat ihn auf Meere gegründet, / ihn über Strömen befestigt.

Der Beginn des Psalms benennt eine Tatsache: Die Erde gehört dem Herrn. Gott hat die Welt geschaffen. Sie ist in seiner Hand. Gott ist Herr des Universums. Alles, was auf der Erde lebt, gehört Gott. Er hat Meer und Land getrennt, hat den fruchtbaren Boden und die Pflanzen und Tiere darauf geschaffen. Er hat dem Menschen, den er mit Geist und Freiheit ausgestattet hat, die Erde anvertraut, sie zu nutzen und zu verwalten.

Er ist der Gott der Ordnung … der das Ich aus dem gestaltlosen Urgrund herausruft und über ihm befestigt. Darum ist auch … nur die Lebensweise des Menschen göttlich, die in einem spezifischen Sinne menschlich, gottebenbildlich ist, eine vernunftgeleitete, verantwortliche Lebensweise, die ihrerseits das Erdreich über den Wassern befestigt, ohne deshalb das Wasser, den unersetzlichen Urgrund des Lebens, auszutrocknen. (Robert Spaemann)

In den folgenden Versen schildert der Psalmist die Zutrittsbedingungen für das Heiligtum:

Wer darf hinaufziehn zum Berg des Herrn, / wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?

Der reine Hände hat und ein lauteres Herz, / der nicht betrügt und keinen Meineid schwört.

Unschuldige Hände und ein reines Herz heißt es wörtlich übersetzt. Hände, an denen kein Blut klebt und die nicht gierig zusammenraffen, sondern Hände, die sich dem anderen helfend entgegen strecken, die selbstlos schenken und zum Gebet zu Gott erhoben sind.

Ein Herz, das nicht zur Mördergrube geworden ist und voll ist von Hass und bösen Gedanken, sondern ein Herz, das voller Liebe ist, ehrlich und wahrhaftig. Diesen Menschen spricht der Psalmist den Segen Gottes zu.

Er wird Segen empfangen vom Herrn / und Heil von Gott, seinem Helfer.

Das sind die Menschen, die nach ihm fragen, / die dein Antlitz suchen, Gott Jakobs. [Sela]

Menschen mit reinen Händen und lauterem Herzen empfangen Gottes Segen und werden so zu Menschen, die Gott suchen. Ist diese Reihenfolge nicht unlogisch? Steht nicht am Anfang die Suche nach Gott, unser Bemühen, ihn zu finden? Müssen wir uns nicht zuerst um das reine Herz mühen, damit Gott zu uns kommen kann?

Wenn es so wäre, bliebe Gott den Menschen fremd. Kein Mensch kann aus eigener Anstrengung so rein und heilig werden, dass er Gott gleich wäre. Es ist vielmehr Gott, der die Initiative ergreift und uns rein und heilig macht durch seine Gnade. Gott kommt dem Menschen entgegen, um ihn zu sich zu führen. Wenn ein Mensch von Gottes Gnade angerührt wurde, dann ist er bereit, sich auf dem Weg zu Gott zu machen. Doch viele Menschen nutzen das Geschenk Gottes nicht und bleiben lieber in ihrer kleinen Welt, als sich auf den Weg zu machen zum Tempel Gottes – sie bleiben lieber armselige Menschen, als ihre Leib zum Tempel Gottes zu machen.

Nachdem der Psalmist den Weg des Menschen zum Heiligtum gezeigt hat, schildert er mit machtvollen Worten den Weg Gottes zu seinem Heiligtum, dem Ort, wo Gott und Mensch sich begegnen. Für Israel war es der Tempel in Jerusalem, in dem die Lade Gottes – Zeichen der Gegenwart Gottes während der Wanderjahre – nun ihren festen Ort bekommt.

Ihr Tore, hebt euch nach oben, / hebt euch, ihr uralten Pforten; / denn es kommt der König der Herrlichkeit.

Wer ist der König der Herrlichkeit? / Der Herr, stark und gewaltig, / der Herr, mächtig im Kampf.

Ihr Tore, hebt euch nach oben, / hebt euch, ihr uralten Pforten; / denn es kommt der König der Herrlichkeit.

Wer ist der König der Herrlichkeit? / Der Herr der Heerscharen, / er ist der König der Herrlichkeit. [Sela]

Als Christen hören wir hier den Ruf des Trishagion:

Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarm dich unser.

Gott ist der Heilige, der Starke und Gewaltige, der Unsterbliche, der Allerbarmer. Er, der so erhaben ist über die Welt und die Menschen, er kommt den Menschen entgegen, wird selbst Mensch, nimmt Wohnung unter den Menschen, nicht mehr in einem Tempel, sondern als Mensch unter Menschen und bleibt in den Zeichen von Brot und Wein mitten unter uns, bis er einst wiederkommen wird, um das Vergängliche in Unvergängliches zu verwandeln.

Er kommt uns entgegen, um uns zu sich zu führen. Er schenkt uns seine Gnade. Erkennen wir das Geschenk, das er in uns gelegt hat, stehen wir auf, machen wir uns auf den Weg, nicht in die Ferne, sondern in unsere Mitte, wo Gott den Kern unserer Heiligkeit gelegt hat. Werden wir das, wozu Gott uns geschaffen hat. Werden wir zum Heiligtum, durch das Gottes Gegenwart in dieser Welt erfahrbar wird.