Taufe des Herrn (2)

Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. (Jes 42,1)

Beim Propheten Jesaja finden wir vier Lieder vom Gottesknecht. Diese Texte wurden schon früh auf Jesus Christus hin gedeutet. Das erste Lied vom Gottesknecht ist der Lesungstext am Fest der Taufe des Herrn.

Das entscheidende Charakteristikum des Gottesknechtes ist, dass Gott seinen Geist auf ihn gelegt hat. Er handelt nicht aus eigenem Antrieb und sucht nicht seinen eigenen Vorteil, sondern er ist von Gott berufen und tut das, was Gott ihm aufträgt. Der Auftrag Gottes aber an ihn ist, den Völkern das Recht zu bringen. Die Sendung des Gottesknechtes ist also eine weltweite Sendung. Nicht nur Israel, sondern allen Völkern bringt er das Recht. Und diesem Auftrag bleibt er bis zuletzt treu.

Was aber meint dieses Recht, das er den Völkern bringt und auf das die Inseln warten (42,4)? Es ist die Botschaft von der Gerechtigkeit Gottes, die den Armen und Unterdrückten ihr Recht verschafft. Es ist die Botschaft von Gottes Barmherzigkeit, die den Sünder zur Umkehr ruft, und ihm Vergebung schenkt. Es ist die Zusage, dass alle Menschen ein Recht haben auf ein Leben in Freiheit.

Seinen Auftrag erfüllt der Gottesknecht in vollkommener Sanftmut. Er umgibt sich nicht mit Armeen, die einen „Befreiungskrieg“ führen, am Ende aber nur das eine System der Unterdrückung gegen ein anderes austauschen. Nicht in dröhnenden Soldatenstiefeln marschiert er einher, und er verkündet seine Botschaft nicht in schallendem Befehlston. Vielmehr bleibt er verborgen und unscheinbar. Und doch bleibt sein Auftreten nicht ohne Wirkung.

Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein. (Jes 42,6)

Gott identifiziert sich mit seinem Knecht. Der Knecht tut das, was er Gott tun sieht. In ihrem Handeln sind der Gottesknecht und Gott nicht zu unterscheiden. Dies erinnert mich an die Worte Jesu im Johannesevangelium, die sicher die treffendste Auslegung zu dieser Stelle sind:

Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn. Denn der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er tut, und noch größere Werke wird er ihm zeigen, sodass ihr staunen werdet. (Joh 5,19-20)

Und an anderer Stelle sagt Jesus:

Ich und der Vater sind eins. (Joh 10,30)

Jesus ist der Gottesknecht in vollkommener Weise. Als Gottes Sohn ist er eins mit dem Vater im Heiligen Geist. Bei ihm ist die Verbindung mit Gott im Heiligen Geist, die allen Glaubenden verheißen ist, nicht etwas, das zu seinem Wesen hinzutritt, sondern ist untrennbar mit ihm verbunden. Jesus tut unmittelbar das, was er den Vater tun sieht.
Für uns Menschen ist das schwieriger. Zwar ist uns der Heilige Geist geschenkt, aber wir müssen immer wieder lernen, seine Stimme von den vielen Stimmen zu unterscheiden. Wir lassen uns ablenken, verführen, tun das, was unserem eigenen Vorteil dient und übersehen allzu leicht den Willen Gottes.

Wo aber Menschen sich von Gottes Geist leiten lassen, da wird konkret, wozu der Gottesknecht gesandt ist:

Blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien. (Jes 42,7)

Das ist das Recht, für das der Gottesknecht eintritt, dass die Blinden wieder sehen, dass niemand unschuldig gefangen gehalten wird und dass jene, die im Dunkel sitzen, befreit werden. Dunkel, das ist das Exil, in dem Israel zur Zeit des Propheten leben musste. Dunkel, das sind ungerechte Lebensbedingungen, Menschen, die unter Krieg und Terror zu leiden haben, Menschen, die auf der Flucht sind, Menschen, die für einen Hungerlohn schuften müssen, Menschen, die in Armut und Not leben. Wir brauchen nur die Augen öffnen und sehen dieses Dunkel. Manche von uns kennen es auch aus eigenem Erleben. Wie befreiend ist da das Licht und wie nötig sind Menschen, die wahre Lichtbringer sind.