Gott oder Mammon

In engem Zusammenhang min den Worten Jesu über Gottes Sorge für uns Menschen steht der Ruft zur Entscheidung. Wir müssen uns entscheiden, worum wir uns in unserem Leben sorgen. Darum, dass wir viel Geld haben, Ansehen und Macht, oder darum, dass wir Gottes Willen tun. Wenn wir uns allein um irdischen Gewinn sorgen, wird uns diese Sorge verzehren. Wenn es uns aber zuerst um Gott geht und darum, seine Liebe in der Welt sichtbar zu machen, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns alles schenken wird, was wir zum Leben brauchen.

Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon. (Mt 6,24)

Was uns Jesus im heutigen Evangelium sagt, ist eine Tatsache, die wir im eigenen Leben erfahren können. Irgendwann kommt der Moment, ab dem die Wünsche der beiden Herren so unterschiedlich sind, das man nur noch als Heuchler leben kann, wenn man sich nicht zwischen einem der beiden entscheidet.

Der Habsüchtige, der mit dem Namen Christ bezeichnet wird, soll also darauf hören, dass er nicht gleichzeitig dem Reichtum und Christus dienen kann. Christus sagte jedoch nicht: Wer Reichtum besitzt, sondern: Wer dem Reichtum dient. Denn wer Sklave des Reichtums ist, wacht über seinen Reichtum wie ein Sklave. Wer aber das Joch des Reichtums abgelegt hat, verteilt ihn wie ein Herr. (Hieronymus)

Die beiden Herren, die Jesus uns vor Augen stellt, sind Gott und der Mammon. Wer den Mammon zum Herrn des Lebens macht, der wird in seinem Leben von der Sorge um die materiellen Güter bestimmt. Ihm geht es darum, immer mehr anzuhäufen und seine Schätze beisammen zu halten. Er muss selbst um alles kämpfen und kann nichts schenken, weil er sich selbst nicht als Beschenkter erfährt.

Ganz anderes sieht es für den aus, der Gott zum Herrn seines Lebens macht. Er wird die Erfahrung machen, dass er sich zwar im Leben um vieles mühen muss, dass ihn aber auch Gott immer wieder beschenkt. Das rückt die eigenen Anstrengungen in ein ganz anderes Licht. Die Erfahrung des Beschenktseins befreit von einer übermäßigen Sorge, die einem die Haare ausfallen lässt.
Jesus will, dass wir mit dieser Zuversicht, Gottes geliebte Kinder zu sein und immer von ihm beschenkt zu werden, durch das Leben gehen. Diese Zuversicht macht unser Leben bunt und lässt die helle Sonne der Liebe Gottes durch unseren Alltag strahlen.

Es gibt etwas, das wichtiger ist als Leben und Leib, als alles, was wir auf Erden haben können. Es kommt darauf an, dass der Mensch zu Gott findet, sonst ist sein ganzes Leben sinnlos. Der Glaube an Gott gibt dem Menschen die Gewissheit, dass er nicht vergebens hier auf Erden ist und dass sein Leben zu einem guten Ziel führen wird. Wichtiger als alle Sorge um den Lebensunterhalt ist unser Vertrauen auf Gott, unsere dankbare Antwort auf seine Liebe. Aber da auch der Lebensunterhalt notwendig ist, wird Gott dafür sorgen, dass es uns nicht an dem fehlt, was zum Leben nötig ist.

Gottes Sorge

Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht – Spruch des Herrn. (Jes 49,14-15)

Die Worte des Propheten Jesaja sind ein Trost für ein Volk, das an seinem Gott zweifelt. Israel musste in die Verbannung. Der Prophet verheißt die baldige Heimkehr. Doch kann man seinen Worten vertrauen? Zu tief sitzt die Erfahrung der Vertreibung, zu sehr quält die Not, in der Fremde leben zu müssen.

Wenige Verse davor hat der Prophet davon gesprochen, dass es Nahrung geben wird auf kahlen Bergen und sprudelnde Quellen in einem Land, das von Hitze ausgedörrt ist. Gott schenkt neues Leben in einer lebensfeindlichen Welt. Gerade heute, wo wir so viel Zerstörung in unserer Welt durch den Eingriff des Menschen sehen, gewinnen diese Worte eine ganz neue Aktualität.

Wir sehen so viel Hunger und Durst in der Welt. Bei uns gibt es alles in Hülle und Fülle, aber andernorts fehlt es am Nötigsten für das Leben. Das Trinkwasser wird immer knapper, Dürren und Naturkatastrophen bedrohen die Ernten. Vieles davon ist menschengemacht, weil vielerorts ohne Rücksicht auf die Natur gewirtschaftet wird. Manches ist bedingt durch Veränderungen, die es in der Erdgeschichte immer wieder gegeben hat.

Manche Wissenschaftler glauben, dass es Aufgabe der Menschheit ist, durch immer mehr Fortschritt neue Nahrungs- und Energiequellen zu finden, um unabhängiger von den Einflüssen der Natur zu werden. Andere meinen, dass die Menschheit nur überleben kann, wenn sie wieder lernt, mehr im Einklang mit der Natur zu leben. Wer schaut hier noch auf Gott? Dürfen wir überhaupt Gott in die Verantwortung nehmen für das, was Menschen angerichtet haben?

Gott sorgt für die Welt, die er erschaffen hat, aber er hat seine Schöpfung zugleich dem Menschen anvertraut. Wie müssen wir Christen uns verhalten angesichts der Herausforderungen unserer Zeit? Die Thematik ist komplex. Ich denke, zunächst müssen wir uns über Hintergründe informieren und versuchen, die Dynamik zu verstehen, die hinter dem System der Weltwirtschaft steht, aber auch lernen, die Natur zu verstehen. Es gibt kein Patentrezept. Jeder ist aufgefordert, sich hier selbst ein Bild zu machen und sich mit seinem Engagement einzubringen.

Vor allem aber ist es die Aufgabe von uns Christen, die Rede auf Gott zu bringen und das nicht mit einer weltfremden Frömmigkeit, sondern auf dem Hintergrund fundierten Wissens um die Zusammenhänge unserer Gesellschaft. So können wir Menschen, die von der gegenwärtigen Entwicklung verunsichert sind, Trost und Halt geben, aber auch für viele Suchende eine neue Perspektive eröffnen.

Gottes Sorge um die Welt ist keine billige Ausrede, mit der wir uns vor einem Engagement in den Herausforderungen unserer Zeit drücken könnten. Der Glaube an eine Welt, die Schöpfung Gottes ist, drängt uns vielmehr dazu, uns für diese Schöpfung einzusetzen und das Feld nicht denen zu überlassen, die die Welt allein in der Hand des Menschen sehen.
Gott sagt uns seine Nähe zu. Er wird mit uns sein, wenn wir für seine Schöpfung eintreten. Er gibt uns Halt und Trost, wenn wir an der Welt, wie wir sie erleben, verzweifeln. Er wird uns neue Perspektiven eröffnen, wenn wir angesichts der Herausforderungen nicht mehr weiter wissen. Vertrauen wir auf die Zusage Gottes, dass er uns nie vergisst. Selbst wenn das Unerhörte unter Menschen geschehen kann, dass eine Mutter ihr Kind im Stich lässt, Gott wird so etwas nie tun.

Wahl des Matthias zum Apostel

In diesen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder – etwa hundertzwanzig waren zusammengekommen – und sagte: … (Apg 1,15)

Petrus hat nach der Himmelfahrt Jesu die Leitung der kleinen, aber ständig wachsenden Gruppe der Anhänger Jesu übernommen. Waren nach der Rückkehr vom Ort der Himmelfahrt zunächst nur etwa 20 Personen zum gemeinsamen Gebet versammelt, sind nun schon 120 zusammen gekommen. Diese Zahl entspricht dem symbolischen Wert 10×12, was eine Vielzahl von 12 meint. Die Zwölf steht für das Zwölfstämmevolk Israel. Wie die zwölf Söhne Jakobs die Stammväter Israels bilden, so sind die zwölf Apostel das Fundament des neuen Gottesvolkes. Wenn nun die 12 mit der 10 multipliziert wird, so steht dies symbolisch für das Wachstum der Kirche Gottes. Um aber diesen symbolischen Wert beizubehalten, musste der Kreis der Zwölf, der nach dem Verrat und Tod des Judas Iskariot eines seiner Mitglieder verloren hat, wieder zu seiner symbolischen Fülle ergänzt werden. Hierzu ergreift Petrus mit seinen Worten die Initiative:

Brüder! Es musste sich das Schriftwort erfüllen, das der Heilige Geist durch den Mund Davids im Voraus über Judas gesprochen hat. Judas wurde zum Anführer derer, die Jesus gefangen nahmen. Er wurde zu uns gezählt und hatte Anteil am gleichen Dienst. Mit dem Lohn für seine Untat kaufte er sich ein Grundstück. Dann aber stürzte er vornüber zu Boden, sein Leib barst auseinander und alle Eingeweide fielen heraus. Das wurde allen Einwohnern von Jerusalem bekannt; deshalb nannten sie jenes Grundstück in ihrer Sprache Hakeldamach, das heißt Blutacker. Denn es steht im Buch der Psalmen: Sein Gehöft soll veröden, niemand soll darin wohnen! und: Sein Amt soll ein anderer erhalten! (Apg 1,16-20)

Drastisch schildert Petrus hier das Ende des Judas Iskariot. An dem vom Lohn seines Verrats erworbenen Grundstück hatte er keine Freude, vielmehr erleidet er einen qualvollen Tod. Von Selbstmord ist hier nicht die Rede, das Hervorquellen der Eingeweide ist aber ein Bild für ein besonders schmerzhaftes und unrühmliches Lebensende. In allem was geschieht, erfüllt sich, was in den Psalmen verheißen ist. Sowohl der Verrat des Judas als auch sein Ende und die Verdammnis seines Besitzes (die Gegend um das Hakeldamach-Kloster, in der man den Blutacker vermutet, ist bis heute ein ungewöhnlicher Ort in Jerusalem) wird in den Psalmen vorgezeichnet. Der kundige Leser kann die Psalmenstellen (Ps 69,26; 109,8) auf diese Ereignisse deuten.
Aber noch etwas anderes ist in den Psalmen vorausgesagt: dass für das Apostelamt des Judas, das dieser durch sein Tun verloren hat, ein würdiger Nachfolger gefunden werden muss. die Kriterien für einen solchen Nachfolger lauten:

Einer von den Männern, die die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und (in den Himmel) aufgenommen wurde, – einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein. (Apg 1,21-22)

Der Kreis derer, die Jesus gefolgt sind, ging schon immer über die zwölf Apostel hinaus. So wird beispielsweise von einer Aussendung von zweiundsiebzig Jüngern berichtet (Lk 10,1-16). Auch wenn wir beim Lesen der Evangelien den Eindruck gewinnen, dass allein die Zwölf den harten Kern gebildet haben, der immer bei Jesus war, so wird hier deutlich, dass die Zahl derer, die Jesus vom Beginn seines Auftretens an nachgefolgt sind, weit größer ist. Den zwölf Aposteln kam in diesem Jüngerkreis wohl eine symbolische Bedeutung und eine hierarchische Vorrangstellung zu. Die Abweichungen in den Apostellisten der vier Evangelien, die die Exegese versucht, durch verschiedene Deutungen in Einklang zu bringen, könnten auch ein Hinweis darauf sein, dass es unterschiedliche Überlieferungen gab, wer genau dem Zwölferkreis angehörte. Außerdem müssen wir unterscheiden zwischen dem Begriff Apostel und dem Zwölferkreis. Auch Paulus sieht sich als Apostel, ebenso wie andere Missionare der „ersten Stunde“.
Hier wird auch die wichtigste Aufgabe der Apostel und aller Jünger Jesu genannt: Zeuge der Auferstehung Jesu Christi zu sein, das heißt, der Welt zu verkünden, dass Jesus lebt und das eigene Leben auf diesen Glauben zu bauen, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und somit erfahrbar zu machen, dass für alle Menschen der Weg zu Himmel offen steht und Gott mit den Menschen ist und sich um die kümmert, die an seinen Namen glauben.

Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. Dann beteten sie: Herr, du kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen. Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. Dann gaben sie ihnen Lose; das Los fiel auf Matthias und er wurde den elf Aposteln zugerechnet. (Apg 1,15-26)

Zwei Männer erfüllen diese Voraussetzungen und werden zur Wahl aufgestellt: Josef, genannt Barsabbas und Matthias. Das Los soll entscheiden, aber wichtig ist auch das Gebet. Somit wird deutlich, dass durch den Losentscheid letztlich Gott seinen Willen offenbar werden lässt. Das Los fällt auf Matthias, der von nun an zu den zwölf Aposteln gehört.

Kathedra Petri

Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? (Mt 16,13)

Das Messiasbekenntnis des Petrus und seine Einsetzung zum Fels der Kirche geschehen nach dem Bericht des Matthäus nahe bei Cäsarea Philippi. Diese Stadt liegt ganz im Norden des Siedlungsgebietes Israels am Fuße des Hermon-Gebirges. Hier entspringt der Banyas, einer der Quellflüsse des Jordan. Nur wenige Kilometer entfernt liegt die alte jüdische Stadt Dan, die nördlichste Stadt Israels gemäß der biblischen Verheißung, nach der das gelobte Land von Dan (im Norden) bis Beerscheba (im Süden) reicht.

Ursprünglich hieß dieser Ort „Paneas“, was darauf hinweist, dass sich dort ein wichtiges Heiligtum des Pan befand, das an die Stelle einer früheren Kultstätte des Baal getreten war. Der römische Kaiser Augustus hat diese Gegend dem Herodes geschenkt, der ca. 20 v.Chr. dort einen Tempel für Augustus und die Göttin Roma errichten ließ. Der Sohn des Herodes, der Tetrarch Philippus, errichtete hier die Hauptstadt seines Herrschaftsgebiets und nannte sie „Cäsarea“ zu Ehren des römischen Kaisers.

Ursprünglich entsprang der Fluss aus einer hoch im Felsen gelegenen Grotte. Ein Erdrutsch führte aber dazu, dass das Wasser nun tiefer aus dem Berg austrat. Zurück blieb die Grotte, die wegen ihrer düsteren Tiefe auch als Tor zur Unterwelt (Hades) bezeichnet wird. Flavius Josephus schreibt darüber:

Hier steigt ein Berg in eine schwindelnde Höhe auf und neben der unten am Berg befindlichen Schlucht öffnet sich eine düstere Grotte, in der sich ein Abgrund in unermessliche Tiefe hinabsenkt, der mit stehendem Wasser angefüllt ist. Will man mit dem Senkblei die Tiefe ausloten, so reicht keine noch so lange Schnur aus.

Wir können uns vorstellen, wie die Jünger Jesu staunend vor der hohen Felswand standen und wie ihnen ein Schauder über den Rücken lief, als ihnen Einheimische die Geschichten vom Tor des Hades erzählt haben. Direkt vor Augen stand ihnen auch der mächtige Tempel, den Herodes zu Ehren der römischen Kaiser errichten ließ. Und wer sind sie selbst? Ein paar armselige Fischer, dir einem einfachen Rabbi aus dem Hinterland gefolgt sind. Ist dieser einfache Jesus tatsächlich Gottes Sohn? Jesus weiß, was in den Jüngern vorgeht und er überrascht sie mit seiner Frage. Petrus ist der erste, der die Fassung wiedergewinnt und eine klare Antwort auf die Frage Jesu findet.

Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. (Mt 16,14)

Für wen halten die Leute den Menschensohn? Diese Frage Jesu an seine Jünger hat bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Die Menschen damals haben Jesus mit einem der Propheten in Zusammenhang gebracht. Heute halten manche Jesus einfach für einen besonders guten Menschen, für einen besonders weisen Menschen, einen Religionsgründer, wie es ihn auch in anderen Religionen gibt, wie zum Beispiel Buddha oder Mohamed. Oder Jesus wird zum Sozialreformer, zum Kämpfer für die Armen. Man könnte die Liste wohl unbegrenzt erweitern.

Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! (Mt 16,15-16)

Jesus ist Gott und Gottes Sohn. Alle anderen Antworten, die in Jesus nur einen besonderen Menschen sehen, greifen zu kurz. Wer Jesus das Gott-Sein abspricht, wird ihm nicht gerecht. Was aber bedeutet, dass Jesus Gott ist und Gottes Sohn, der auf Erden Mensch geworden ist? Das ist ein Geheimnis, über das die Menschen zu allen Zeiten nachgedacht und auch gestritten haben.

Wenn man also eh nicht so genau weiß, was es mit diesem Jesus auf sich hat, der vor etwa 2000 Jahren hier auf Erden gelebt haben soll, kann man dann nicht jedem sein eigenes Jesusbild machen lassen? Im Wort Jesu an Petrus meine ich zu lesen, dass Jesus selbst es anders gewollt hat.

Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein. (Mt 16,17-19)

Simon Barjona, nur hier nennt Jesus ihn so. Spielt Matthäus hier auf das Zeichen des Jona an, von dem unmittelbar zuvor die Rede war? Ist Simon ebenso wie Jona ein Zeuge und Verkünder, der eine zweite Berufung braucht? Wir denken hier an seine Verleugnung Jesu und an die Frage des Auferstandenen an ihn: „Liebst du mich?“, die uns Johannes überliefert. Zugleich trägt Simon auch den Beinamen Petrus, der Fels, und als dieser wird er zum Fundament der Kirche. Wenn Jesus hier von den Mächten der Unterwelt spricht, so spielt Matthäus hier sicher an die Tore des Hades an, vor denen Jesus mit seinen Jüngern gerade stand. Keine dunkle Macht und scheint sie noch so mächtig, kann das Reich Gottes überwältigen, denn es steht fest gegründet auf einen Felsen, der mächtiger ist als der Fels von Cäsarea Philippi.

Als denkbar festes Fundament der vom Messias Jesus zu erbauenden Heilsgemeinde soll Simon das sichernde Prinzip ihres Bestandes und ihrer Einheit sein. Und in dieser Funktion wird er mit heilsmittlerischer Vollmacht ausgestattet sein, wie das Bildwort von der Übergabe der Schlüssel zum Himmelreich und die Übertragung verbindlicher Binde- und Lösegewalt erläuternd hinzufügen. (Anton Vögtle)

Liebe

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (Mt 5,43-45)

Das Gebot der Nächstenliebe gab es schon vor Jesus, aber Jesus hat ihm eine vorher nicht gekannte Universalität gegeben. Vor Jesus war der Nächste nur ein Mensch aus der gleichen Sippe, ein Angehöriger des eigenen Stammes. Für Jesus aber ist der Nächste jeder Mensch, auch derjenige, der nicht zum eigenen Volk gehört, auch ein Mensch, der einen anderen Glauben hat, ja mehr noch, sogar unseren Feinden sollen wir die gleiche Liebe entgegenbringen wie Menschen, die uns nahe stehen.

Jesus Christus war wahrscheinlich der erste, der das Gebot der Feindesliebe formuliert hat. Wir haben an den vorangehenden Beispielen schon gesehen, wie Jesus die Gewaltfreiheit propagiert. Ein erfinderischer gewaltfreier Widerstand steht über dummer roher Gewalt. So steht auch die Liebe über dem Hass. Wer sich nicht vom Hass gefangen nehmen lässt, sondern dem Hass die Liebe entgegensetzt, der ist stärker und wird als Sieger hervorgehen, was auch geschieht.

Doch geht das Gebot der Feindesliebe nicht über die Kraft des Menschen hinaus?

Viele schätzen die Gebote Gottes nach ihrer eigenen Schwachheit ein, nicht nach den Kräften der Heiligen, und deshalb glauben sie, dass diese Vorschriften unerfüllbar seien. Und sie sagen, dass es für die Tugend ausreiche, seine Feinde nicht zu hassen; sie darüber hinaus auch noch zu lieben, dies sei für die menschliche Natur eine zu schwere Vorschrift. Man muss aber wissen, dass Christus nicht etwas Unmögliches vorschreibt, sondern Vollkommenes. (Hieronymus)

Wie die Liebe zu den Feinden gelingen kann, dazu gibt Papst Franziskus einige Hinweise.

Jesus sagt uns zuerst: Blickt auf den Vater! Unser Vater ist Gott: er lässt die Sonne aufgehen über Bösen und Guten; es lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Unser Vater sagt morgens nicht zur Sonne: Heute leuchte über diesen und jenen; über die anderen nicht, lass sie im Schatten! Er sagt: Leuchte über allen! Seine Liebe gilt allen, seine Liebe ist ein Geschenk für alle, für Gute und Böse. …

Weiter sagt Jesus uns: Betet, betet für eure Feinde! … Bete ich für meine Feinde? Bete ich für die, die mir übel gesinnt sind? Wenn wir ja sagen, dann sage ich euch: Weiter so, bete noch mehr, denn das ist ein guter Weg. Wenn die Antwort nein ist, dann sagt der Herr: Du Armer! Auch du bist ein Feind der anderen! Und deshalb muss man beten, damit der Herr ihre Herzen verwandelt.

Die Bergpredigt leben heißt, sich als geliebtes Kind des Vaters im Himmel zu erfahren, der seinen Kindern immer das gibt, was sie zum Leben brauchen. Nur wer sich so bei Gott geborgen weiß, findet den Mut zu einer Liebe, deren Größe sich auch im scheinbaren Scheitern zeigen kann. Jesus erwartet von uns, dass wir bereitwillig schenken, ohne nach dem zu fragen, was zurückkommt. Das ist ein Mehr an Hilfsbereitschaft, als es rein menschliches Denken kennt, das ist die größere Liebe, die nur im Blick auf Gott gelingen kann.

Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist. (Mt 5,48)

Gott liebt den Menschen. Gott liebt die Welt. Nicht einen idealen Menschen, sondern den Menschen wie er ist, nicht eine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt. (Dietrich Bonhoeffer)

Die unendliche Güte und Liebe Gottes sind das Vorbild des Christen. Zwar wird kein Mensch diese Vollkommenheit erreichen, aber sie ist ein sinnvoller Maßstab, an dem sich menschliches Tun orientieren kann. Bei all deinem Tun soll dir stets bewusst sein:

Du stehst vor dem Angesicht Gottes, Gottes Gnade waltet über dir, du stehst aber zum Andern in der Welt, musst handeln und wirken, so sei bei deinem Handeln eingedenk, dass du unter Gottes Augen handelst, dass er seinen Willen hat, den er getan haben will. (Dietrich Bonhoeffer)

Seid heilig!

Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig. (Lev 19,2)

Neben den einzelnen Vorschriften für Priester und Opfer ist die Heiligkeit des gesamten Volkes ein zentrales Anliegen des Buches Levitikus. Der heilige Gott hat Wohnung genommen inmitten seines Volkes Israel. Daher muss auch Israel ein heiliges und priesterliches Volk sein, damit eine kultische Gemeinschaft mit Gott möglich ist. Durch das Opfer werden Verfehlungen getilgt, wodurch eine Wiederherstellung der Heiligkeit möglich ist. Durch die Heiligung des Alltags wird die Lebensordnung, die in der Schöpfungsordnung (Gen 1) grundgelegt ist, bejaht und eingelöst. Aber es ist auch eine Tatsache, dass Störungen der Weltordnung durch menschliches Verschulden zur Realität der Schöpfung gehören, was die Wiederherstellung der Heiligkeit durch bestimmte Opfer oder Rituale stets nötig sein lässt.

Gottes Heiligkeit in der Welt sichtbar zu machen ist zunächst eine Aufforderung an den Menschen. Alle Gläubigen sind dazu berufen, Zeugnis zu geben von dem Gott, an den sie glauben. Mehr als das Zeugnis durch Worte überzeugt das Zeugnis durch das Leben. In einem heiligen, gerechten und liebenden Leben sollen die Gläubigen den Gott der Heiligkeit, des Lebens und der Liebe erfahrbar machen.

Dieses Zeugnis ist den Menschen aber nur möglich, weil Gott ihnen schon immer die Zusage gegeben hat:

Ihr seid heilig, weil ich, der Herr, euer Gott, heilig bin.

Die Würde des Menschen ist in Gott begründet, der den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat. Gott denkt groß vom Menschen, er hat ihm Würde verliehen und schenkt ihm seine Liebe. So hat der Mensch teil an der Heiligkeit Gottes.

Immer wieder muss Gott aber auch den Menschen sagen: Ich bin heilig! Die Menschen neigen immer wieder dazu, sich Gottes zu bemächtigen, in seinem Namen das zu tun, was nicht Gottes Wille ist, Gott in das enge Gebäude ihrer Gedanken einzusperren und an Gottes Heiligkeit zu zweifeln. Gott lässt sich aber nicht von den Menschen missbrauchen. Er wird seine Heiligkeit zeigen, auch gegenüber denen, die seinen Namen missbrauchen.

Bereits das Alte Testament kennt die Forderung der Nächstenliebe, die Jesus in der Bergpredigt formuliert:

Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Stammesgenossen zurecht, so wirst du seinetwegen keine Schuld auf dich laden. An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten Lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr. (Lev 19,17-18)

Wer sich lieblos seinem Nächsten gegenüber verhält, der verletzt auch seine Liebespflicht gegenüber Gott und stört die Heiligkeit, in der das Volk leben soll. Wir sehen hier aber deutlich, dass das Liebesgebot nur auf Menschen des eigenen Volkes hin ausgerichtet ist. Erst Jesus wird das Liebesgebot auf alle Menschen ausweiten und sogar noch auf die Feinde. Erst wenn der Mensch – mit Hilfe Gottes – sein Herz zu einer solch grenzenlosen Liebe ausweitet, wird er Gott ähnlich sein, der seine Liebe allen Menschen schenkt.

Ihr seid Gottes Tempel

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr. (1Kor 3,16-17)

In der Gemeinde von Korinth hilten sich einige für besonders geisterfüllte Menschen, doch das Leben in der Gemeinde gleicht nicht einer Gemeinschaft von Vollkommenen. Es gibt Missstände, kapitales Fehlverhalten von Menschen, die als gläubige Christen als Heilige in der Welt leben sollten. In der Gemeinde sind Gruppen entstanden, die miteinander in Streit liegen. Jede Gruppe schreibt sich ein anderes Motto auf die Fahnen und meint, so besser, weiser, geisterfüllter zu sein als die anderen.

Paulus sieht die Gemeinde als Gottes Ackerfeld, Gottes Bau. Alle Missionare und Gemeindeleiter bauen mit am Haus der Gemeinde, alle bauen auf dem gleichen Fundament, Jesus Christus, aber jeder hat seinen eigenen Baustil. Das Haus hat jedoch nur Bestand, wenn mit festem Material gebaut wird.

Jeder Getaufte ist Tempel Gottes. Das ist eine Tatsache, die es zu achten gilt. Alle Missionare und Prediger müssen mit den Gläubigen so umgehen, wie mit wertvollem Tempelgerät. Sie müssen die Würde und Heiligkeit des einzelnen achten und dürfen nichts tun, was diese Würde verletzt. Wir können hier an die Missbrauchsfälle denken, die ein Beispiel dafür geben, wie Menschen andere, die ihnen anvertraut haben, verletzt haben. Aber auch schon kleinere Vergehen von Gemeindeleitern können in den ihnen anvertrauten tiefe Wunden hinterlassen.

Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr! Wir müssen uns dieses Wort des Paulus immer wieder vor Augen halten, wenn wir anderen Menschen begegnen. Uns steht es nicht zu, über andere zu urteilen. Wir müssen jedem Menschen begegnen mit Respekt und Achtung vor dessen Heiligkeit und Würde. Nicht umsonst hat die Kirche diesen Text des Paulus in Verbindung mit Jesu Gebot der Nächsten- und Feindesliebe ausgewählt.

Herr, gib mir die Kraft zu lieben,

auch wenn ich nicht lieben kann.

Lass mich das Gute im anderen sehen,

wo ich blind dafür bin.

Lass in meinem Herzen keinen Hass aufkommen,

und über meine Lippen kein böses Wort.

Nur Liebe,

grenzenlose Liebe,

für alle, auch für die,

über die ich mich ärgere und die ich nicht verstehen kann.

Herr, verändere meinen Blick auf die Menschen,

dass ich sie sehe, wie du sie siehst,

als deine Geschöpfe, von dir geliebt,

dein Tempel und Wohnung deines Geistes.

Amen.

Recht und Gerechtigkeit

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. (Mt 5,17)

Jesus lehrt nicht ein neues Gesetz. Er steht fest in den Geboten, die sein Vater dem Volk Israel gegeben hat. Aber wie Israel das Gesetz lebt, ist Gott zu wenig. Aus dem lebendigen Gebot Gottes hat Israel starre Vorschriften gemacht. Das ganze Leben war durch Gebote geregelt, aber es gab auch Ausnahmen, die dem eigentlichen Sinn des Gesetzes widersprachen. So wurde aus Gottes Gebot Menschengesetz. Jesus will diese starren Mauern des Gesetzes durchbrechen, nicht indem er Gottes Gesetz aufhebt, sondern indem er ihm seine ursprüngliche Lebendigkeit und Dynamik zurückgibt.

Als Christen sind wir dazu aufgerufen, nie wieder die Menschen in die engen Mauern von Geboten zu sperren. Aber auch ein freizügiges „alles ist erlaubt“ wäre die falsche Alternative. Immer neu nach Gottes Gebot fragen und in jedem Augenblick versuchen das zu tun, was Gott will, ist eine größere Herausforderung als einfältiger Legalismus. Sie bringt Spannung ins Leben und letztlich die Freude darüber, zu sehen, wie sich die Welt verändert und Gottes Licht in ihr erstrahlt.

Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Mt 5,20)

Gerechtigkeit fängt im Herzen an. Nicht erst die offensichtliche Übertretung eines Gesetzes ist Unrecht, sondern schon eine negative Haltung dem anderen Menschen gegenüber, so beispielsweise unversöhnlicher Zorn oder die Geringschätzung der eigenen Frau.

Wenn es zum Äußersten kommt, zu Mord, Ehescheidung oder Meineid, dann ist es meist zu spät für ein Zurück, für eine Versöhnung. Wir sollen bereits dann, wenn wir merken, dass etwas in der Beziehung nicht stimmt oder wir mit einem Menschen plötzlich in Streit geraten, prüfen woran es liegt, und unser Möglichstes tun, den Frieden wieder herzustellen.

Wenn man erst anfängt, einer Sache nachzugehen, wenn ein Mensch zu Tode gekommen ist, dann ist es eigentlich zu spät. Der Hass, der sich letztlich im Akt des Tötens entlädt beginnt schon früher. Schon wenn es zu Zorn, Streit oder gar Beschimpfungen kommt, gilt es einzuschreiten. Hier kann noch Versöhnung gestiftet werden. Bereits beim ersten Tropfen Gift, der in einen Körper tritt, muss mit der Heilung begonnen werden, nicht erst, wenn der ganze Körper vergiftet ist.

Unser Streit mit anderen Menschen hat auch eine direkte Auswirkung auf unsere Beziehung zu Gott. Ich kann nicht mit einem anderen im Streit sein und vor Gott so tun, als sei nichts gewesen. Das Entscheidende dabei ist nicht, dass ich etwas gegen einen anderen habe, viel wichtiger ist, dass ein anderer nichts gegen mich hat. Ein Streit ist erst gelöst, wenn in den Herzen beider Gegner Frieden eingetreten ist.

Ehebruch beginnt nicht erst, wenn er vollzogen wird. Bereits dann, wenn ich in der Treue zu meinem Partner schwach werde, öffnet sich ein Tor, durch das sich eine unrechtmäßige Beziehung anbahnen kann. Auch hier gilt es, den Anfängen zu wehren. Jesus wird hier sehr radikal. Wenn ich meine Blicke nicht zügeln kann, dann wäre es sogar besser, das Auge auszureißen, als dem verführerischen Blick nachzugeben.

In orientalischen Gesetzbüchern bis zur islamischen Scharia heute ist es üblich, einem Menschen für ein Verbrechen durch den Verlust des Gliedes zu bestrafen, durch welches das Verbrechen verübt wurde. Wer Diebstahl begangen hat, dem soll die Hand abgehauen werden. Jesus ist hier noch radikaler. Nicht erst, wenn das Verbrechen geschehen ist, soll der Mensch bestraft werden, sondern es wäre besser für einen, der sich nicht selbst im Griff hat, bevor er ein Verbrechen begeht, sich selbst die Hand abzuhauen, damit er nicht schuldig wird.

Diese Forderungen dürfen nicht wörtlich verstanden werden. Aber dennoch soll ihre Radikalität uns aufrütteln, damit wir uns bewusst sind, wie sehr bereits Kleinigkeiten das Miteinander der Menschen und die Beziehung zu Gott stören können.

Leben oder Tod (Jesus Sirach)

Das Buch Jesus Sirach erteilt praktische Lebensregeln, wie ein Leben in Gerechtigkeit und Gottesfurcht gelingen kann. Das Ziel eines solchen Lebens ist es, Weisheit zu erlangen. Doch wenn man diese Lebensregeln näher betrachtet, erkennt man, dass viele von ihnen für eine ganz bestimmte Zeit geschrieben sind. Jede Zeit aber hat ihre eigenen Herausforderungen. Umso mehr erstaunt der folgende Abschnitt, der die Verantwortung des Menschen bei der Suche nach Weisheit unterstreicht. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, gemäß der Weisheit Gottes zu leben und jeder Mensch kann den Weg dazu finden, sein Leben selbst zu gestalten.

Er hat am Anfang den Menschen erschaffen und ihn der Macht der eigenen Entscheidung überlassen. (Sir 15,14)

Dieser Satz des Jesus Sirach klingt modern. Die Willensfreiheit ist eine der Grundeigenschaften des Menschen. Er wird nicht allein von Trieben gesteuert, sondern hat die Möglichkeit, diese zu kontrollieren. Das setzt aber voraus, dass ein Mensch bereit ist, an sich zu arbeiten, und das ist oft schwer. Aber wer ein erfülltes Leben sucht, für den ist das unerlässlich. Willensstärke ist lernbar, weil sie jedem Menschen in die Wiege gelegt wurde.

Gott gab den Menschen seine Gebote und Vorschriften. Wenn du willst, kannst du das Gebot halten; Gottes Willen zu tun ist Treue. (Sir 15,15)

Wenn du willst kannst du es. Was will ich wirklich? Will ich mich nur treiben lassen von Unterhaltung und Konsum, oder will ich mein Leben gestalten und mit Sinn erfüllen? Jeder Mensch hat eine Aufgabe in der Welt, für die er allein Verantwortung trägt. Aber diese Aufgabe steht nicht plötzlich da, sondern wir müssen sie suchen. Und es gibt viele Versuchungen, die uns von unserer Aufgabe abbringen wollen.

Sein Leben zu gestalten, setzt Treue und Beständigkeit voraus, Treue auch ganz besonders in den kleinen Dingen. Wir wissen oft intuitiv, was zu tun wäre, entscheiden uns aber dagegen, weil wir zu bequem sind oder anderes verlockender erscheint, aber es gilt:

Gott hat uns seine Gebote zu wissen gegeben, und wir haben keine Ausflucht, als wüssten wir Gottes Willen nicht. Gott lässt uns nicht in unlösbaren Konflikten leben. Er macht unser Leben nicht zu ethischen Tragödien, sondern er gibt uns seinen Willen zu wissen. (Dietrich Bonhoeffer)

Feuer und Wasser sind vor dich hingestellt; streck deine Hände aus nach dem, was dir gefällt. Der Mensch hat Leben und Tod vor sich; was er begehrt, wird ihm zuteil. (Sir 15,16-17)

Feuer oder Wasser, Tod oder Leben, was wähle ich? Ich komme um eine Wahl nicht herum. Wer nicht wählt, der entscheidet sich stets für das weniger Gute. Das Gute zu erlangen, setzt stets unsere Suche und Entscheidung voraus. Wir tragen Verantwortung für unser Leben und damit auch für diese Welt, denn es liegt in meiner Verantwortung, ob sich das Lebensfreundliche und Gute in der Welt vermehrt oder der Tod. Der Tod ist die Folge einer fehlenden Entscheidung für das Gute. Wer nicht für das Gute eintritt, gibt den Übeltätern Raum, jenen, die andere ausbeuten, unsere Welt zerstören und letztlich Tod und Verderben über andere bringen.

In seiner Verantwortung, das Gute zu erkennen und es auch zu tun, steht der Mensch ständig in der Spannung zwischen Gehorsam und Freiheit.

In der Verantwortung realisiert sich beides, Gehorsam und Freiheit. Sie trägt diese Spannung in sich. Jede Verselbständigung des einen gegen das andere wäre das Ende der Verantwortung. … Der Gehorsam zeigt dem Menschen, dass er sich sagen lassen muss, was gut ist und was Gott von ihm fordert, die Freiheit lässt den Menschen das Gute selbst schaffen. (Dietrich Bonhoeffer)

Dabei kommt es nicht darauf an, Großes zu vollbringen. In den kleinen Dingen des Alltags bringt sich unsere Liebe zum Leben zum Ausdruck.

Nicht die Welt aus den Angeln zu heben, sondern am gegebenen Ort das sachlich – im Blick auf die Wirklichkeit – Notwendige zu tun und dieses wirklich zu tun, kann die Aufgabe sein. (Dietrich Bonhoeffer)

Wir sollen uns stets bewusst sein, dass alles, was wir tun – und sei es noch so klein und verborgen -, eine Bedeutung hat für die ganze Welt. Wir können uns unserer Verantwortung nicht entziehen. Alles, was wir tun, dient entweder dem Tod oder dem Leben, einen Weg dazwischen gibt es nicht. Wir müssen uns entscheiden und wenn wir es nicht tun, haben wir auch bereits eine Entscheidung getroffen.

Kraft des Lichtes

Gottes Gerechtigkeit ist seine Barmherzigkeit, das hat Gott uns nicht erst in Jesus Christus offenbart. Gerechtigkeit bedeutet nicht menschliche Selbstgerechtigkeit und Heuchelei, die nur äußerer Schein sind, der das ungerechte Herz verbirgt. Gerecht ist der Mensch, der anderen zu ihrem Recht verhilft. Der ungerecht Gefangene hat ein Recht auf Befreiung, der Versklavte hat ein Recht auf Freiheit, der Hungrige hat ein Recht auf Nahrung, der Obdachlose hat ein Recht auf eine menschenwürdige Wohnung, der Nackte hat ein Recht auf Kleidung und der Verwandte hat ein Recht darauf, dass seine Familie ihn in einer Notlage unterstützt.

Auch nach der Formulierung der Menschenrechte besteht in unserer Welt noch enormer Handlungsbedarf, damit wirklich Gerechtigkeit herrscht. Wir erleben vielmehr, wie die Ungerechtigkeit immer weiter zunimmt, wie reiche und mächtige Staaten auf Kosten armer Länder leben, wie Reiche immer mehr Reichtum anhäufen, während die Armen immer ärmer werden. Die Finsternis nimmt zu auf unserer Welt.

Doch Resignation ist keine Lösung. Werden wir zu Lichtbringern in der Welt, indem wir für die Gerechtigkeit eintreten. Nicht mit großen Parolen und Programmen, sondern konkret in unserem Alltag. Nicht auf andere mit dem Finger zeigen, dem Hungrigen Brot schenken und dem, der unsere Hilfe braucht, liebevoll begegnen, das sind kleine Schritte auf dem Weg zur Gerechtigkeit, kleine Lichter, die aber ein helles Licht ergeben, wenn viele sie entzünden.

Es heißt, dass weniger als zehn Prozent der Bevölkerung mehr als neunzig Prozent des Reichtums besitzen. Das mag uns wütend und deprimiert machen. Aber wir können uns einmal überlegen, was geschehen würde, wenn die große Masse der neunzig Prozent sich zusammen tun würde, und jeder von ihnen ein Licht der Gerechtigkeit entzünden würde. Wie hell würde dieser Schein die Welt erleuchten und über all die Ungerechtigkeit triumphieren.

Vertrauen wir darauf, dass Gott mit denen ist, die für seine Gerechtigkeit eintreten.