Corona, Cyprian und die Cyprianische Pest

Die Corona-Pandemie hat nun bereits seit Monaten drastische Auswirkungen auf unser Leben, unsere Gesellschaft und die Menschen in der ganzen Welt. Auch die Kirche bleibt davon nicht verschont und bis heute sind Gottesdienste nur unter bestimmten Einschränkungen möglich. Wenn auch bei uns die Zahl der Todesfälle aufgrund der Pandemie glücklicherweise relativ gering ist, dürfen wir doch das große Leid, das diese über die gesamte Menschheit bringt, nicht verharmlosen. Viele sind erkrankt, viele leiden unter den psychischen Folgen der Pandemie, viele haben starke materielle Einbußen erlitten.

Es ist das erste Mal seit vielen Jahrzehnten, dass eine Pandemie unsere Gesellschaft derart massiv beeinflusst. Zwar gab es in den letzten Jahren schon mehrere Seuchen wie Ebola oder die Vogelgrippe, aber keine davon hat zu solch massiven Einschränkungen für jeden einzelnen geführt, wie wir es jetzt durch Corona erleben. Diese Neuartigkeit führt auch dazu, dass viele die Existenz der Pandemie leugnen und gegen die Einschränkungen protestieren.

Ein Blick in die Geschichte zeigt uns aber, dass immer wieder Seuchen große Teile der Weltbevölkerung heimgesucht haben. Nur weil wir in den letzten Jahrzehnten in der glücklichen Lage waren, dass wir von solchen großen Ausbrüchen einer Seuche verschont geblieben sind, heißt das nicht, dass diese Gefahr für immer gebannt ist. Zwar können wir aufgrund unseres medizinischen Wissens Seuchen heute weit wirksamer entgegentreten als die Menschen früherer Zeiten, aber gefährlich bleiben sie trotzdem. Auch für die fortschrittlichste Medizin bedeutet es viel Arbeit, die immer neuen Formen von Viren zu entschlüsseln und Medikamente dagegen zu entwickeln.

Was uns von Menschen früherer Zeiten am meisten unterscheidet ist die Tatsache, dass wir heute wissen, welcher Erreger eine Seuche auslöst und wie er sich verbreitet. Mit unseren modernen Mikroskopen können wir uns ein Bild vom Feind machen. Jeder kennt heute das ungefähre Aussehen des Corona-Virus. Wir können uns über dessen Wirkungsweise informieren. Überall gibt es Informationen, wie wir uns vor einer Infektion schützen können.

Das war früher anders. Da kam eine Seuche aus heiterem Himmel über eine Stadt und breitete sich im ganzen Land oder gar auf dem gesamten Kontinent aus. Niemand wusste genau, was diese Krankheit verursacht, niemand wusste, wie man sich davor schützen kann. Niemand wusste von einer Inkubationszeit, bei der ein scheinbar gesunder Mensch die Krankheit bereits in sich trägt und weiterverbreitet. Daher wurden oft religiöse Erklärungen für eine Seuche gesucht. Zwar war der Tod in früheren Gesellschaften mit hoher Kindersterblichkeit und geringer Lebenserwartung weit mehr gegenwärtig als heute, aber wir können uns wohl nicht vorstellen, was es für die Menschen bedeutet hat, wenn beispielsweise durch die Pest über die Hälfte oder gar mehr als dreiviertel der Gesellschaft gestorben sind.

Ich möchte hier näher auf eine Seuche eingehen, die sich im 3. Jahrhundert im Römischen Reich verbreitet hat und die nach einem Heiligen benannt ist, die Cyprianische Pest. Sicher ist vielen der große Märtyrerbischof Cyprian von Karthago (um 200-258) bekannt. Als gebildeter junger Mann hat er sich zum Christentum bekehrt zu einer Zeit, als es noch gefährlich war, Christ zu sein. Aufgrund seiner Bildung wurde er bald zum Priester und schließlich zum Bischof seiner Heimatstadt Karthago geweiht. Viele seiner Schriften und Predigten sind uns bis heute überliefert und zeichnen das Bild eines Hirten, der sich intensiv um seine Gemeinde gekümmert hat. Als in den Jahren 250 und 257/58 große Verfolgungen über die Christen hereinbrachen, setzte er sich für die Freiheit der Christen ein. Besonders aber trat er dafür ein, dass Christen, die aus Furcht vor der Verfolgung im Jahr 250 dem Glauben abgeschworen hatten, wieder in die Gemeinde aufgenommen wurden. Er selbst ist in Kritik geraten, weil er sich damals aus Karthago an einen sicheren Ort im Umland zurückgezogen hat. Im Jahr 258 ab bewies er seine Standhaftigkeit, indem er dem Martyrium mutig ins Auge blickte.

Wir kennen Cyprian, aber mir war bisher auch nicht bekannt, dass eine große Pandemie, die etwa in der Zeit von 250-270 das gesamte Römische Reich in mehreren Wellen heimsuchte, nach ihm benannt ist. Die Cyprianische Pest trägt den Namen des Heiligen, weil dieser in seinem Buch „Über die Sterblichkeit“ (De mortalitate) ausführlich auf diese Seuche eingeht. Es finden sich zu dieser Zeit über das gesamte Römische Reich verteilt Hinweise auf eine Seuche, an der viele Menschen gestorben sind. Da diese Zeugnisse aber allesamt von Nichtmedizinern stammen, fällt es bis heute schwer, den genauen Erreger dieser Seuche zu identifizieren. Kyle Harper trägt in seinem Buch „Fatum – Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches“ unseren Wissensstand über das damalige Geschehen zusammen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der desaströse Zustand des Römischen Reiches in der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts in engem Zusammenhang mit dieser Seuche zu sehen ist. In dieser Zeit wurde der Limes aufgegeben, Germanische Stämme drangen bis Gallien, Spanien und Rom vor, die Goten plünderten Athen, die Perser setzten den östlichen Provinzen stark zu. Es war das Ende der Glanzzeit des Römischen Imperiums im Westen und nur mit Mühe konnte es danach noch für mehrere Jahrzehnte bis zu seinem endgültigen Zusammenbruch bestehen bleiben.

Cyprian will in seinem Buch „Über die Sterblichkeit“ den Menschen Sicherheit und Trost geben angesichts der verheerenden Seuche, die sowohl Christen als auch Heiden in gleichem Maße dahinrafft. Erstaunlich ist, dass er nicht wie es oft andere religiöse Autoren tun, die Seuche als eine Strafe Gottes sieht. In seiner Gemeinde in Karthago gibt es keine eklatanten Missstände, die hätten bestraft werden müssen, und die Seuche trifft Christen und Nichtchristen in gleichem Maß. Für ihn ist die Seuche etwas rein Weltliches, das die Christen ebenso trifft wie die Heiden, da beide, so lange sie in der Welt leben, an dem gleichen weltlichen Geschick Anteil haben.

Dass auch die Christen von der Seuche nicht verschont bleiben, darf nicht wundernehmen, denn nicht irdisches Glück ist das Ziel des Christentums. Hier auf Erden sind vielmehr die Gläubigen den gleichen Naturgesetzen, Leiden und Gefahren unterworfen wie diejenigen, die nicht glauben.

Nicht irdisches Wohlergehen ist der Lohn für die Bekehrung zum Christentum, sondern das Wohlgefallen, das der Mensch bei Gott findet. Dafür führt Cyprian die Bespiele der bekannten alttestamentlichen Dulder Hiob und Tobias an. In seiner Argumentation erwähnt Cyprian nahezu beiläufig, dass nicht nur die Seuche den Menschen damals zugesetzt hat, sondern dass es damals auch zu außergewöhnlicher Trockenheit und Ernteausfällen gekommen ist. Wissenschaftlich ist heute nachgewiesen, dass das sogenannte Römische Klimaoptimum, das im Mittelmeerraum lange Zeit für weit mehr Niederschläge gesorgt hat als heute, auch im Sommer, seinem Ende zugingt, und eine Zeit größerer Trockenheit im Mittelmeerraum und Nordafrika folgte.

Aber freilich, manche stoßen sich daran, dass die Macht der jetzt wütenden Krankheit ebenso wie die Heiden auch die Unsrigen ergreift, gerade als ob der Christ nur deshalb gläubig geworden wäre, um, von der Berührung der Übel verschont, in Glück die Welt und das zeitliche Leben zu genießen, und nicht vielmehr deshalb, um für die künftige Freude aufbewahrt zu werden, nachdem er hier alles Widrige erduldet hat.

Es stoßen sich manche daran, dass uns mit den anderen Menschen diese Sterblichkeit gemeinsam ist. Aber was hätten wir denn in dieser Welt mit den übrigen Menschen nicht gemeinsam, solange uns noch nach dem Gesetz der ersten Geburt dieses Fleisch gemeinsam bleibt? Solange wir hier in der Welt weilen, sind wir mit dem ganzen Menschengeschlecht durch die Gleichheit des Fleisches verbunden und nur dem Geiste nach getrennt. Bis also dieses Verwesliche die Unverweslichkeit annimmt und dieses Sterbliche die Unsterblichkeit empfängt und bis der Geist uns zu Gott dem Vater führt, solange sind uns all die Mängel, die dem Fleische anhaften, mit dem ganzen Menschengeschlecht gemeinsam.

So bleibt ja auch, wenn bei Misswuchs der Boden eine nur magere Ernte liefert, keiner vom Hunger verschont; so trifft, wenn eine Stadt bei einem feindlichen Einfall besetzt worden ist, das Los der Knechtschaft alle zugleich; und wenn ein heiterer Himmel den Regen fernhält, dann haben alle unter der gleichen Trockenheit zu leiden; und wenn das Schiff an einem Felsenriff zerschellt, so ist der Schiffbruch für alle Insassen ohne Ausnahme gemeinsam. Und so haben wir auch die Augenschmerzen, die Fieberanfälle und die allgemeine Gliederschwäche mit den anderen gemeinsam, solange wir in der Welt dieses Fleisch gemeinsam an uns tragen.

Die hier erwähnten Anzeichen der Seuche schildert Cyprian an einer späteren Stelle noch ausführlicher und zeigt uns die schrecklichen Auswirkungen, unter denen die Menschen zu leiden hatten. Zugleich betont er immer wieder, dass solche Leiden nicht im Widerspruch zur Hoffnung unseres Glaubens stehen, sondern dass sie vielmehr den Glauben stärken. Entscheidend ist nicht die Tatsache, ob jemand von der Seuche befallen oder verschont wird, sondern vielmehr ob jemand sie als Glaubender oder Ungläubiger erträgt. Das Leiden an der Seuche wird somit zu einem besonderen Glaubenszeugnis dieser besonderen Zeit.

Dass jetzt beständiger Durchfall die Körperkräfte verzehrt, dass das tief im Inneren lodernde Feuer immer weiter wütet und den wunden Schlund ergreift, dass fortwährendes Erbrechen die Eingeweide erschüttert, dass die Augen durch den Blutandrang sich entzünden, dass manchen die Füße oder irgendwelche anderen Körperteile von zerstörender Fäulnis ergriffen und abgefressen werden, dass infolge der schweren Schädigung des Körpers durch die eintretende Ermattung der Gang gelähmt, das Gehör abgestumpft oder die Sehkraft getrübt wird, all das dient nur dazu, den Glauben zu erweisen. Gegen so viele Anfälle der Verheerung und des Todes mit unerschütterlicher Geisteskraft zu kämpfen, welch großen Mut zeigt das!

Welche Erhabenheit verrät es, inmitten der Vernichtung des Menschengeschlechts aufrecht zu stehen, anstatt mit denen am Boden zu liegen, die keine Hoffnung auf Gott haben! Beglückwünschen dürfen wir uns vielmehr und es als Geschenk der Zeit begrüßen, wenn wir unseren Glauben standhaft zur Schau tragen, wenn wir durch das Erdulden von Leiden auf dem engen Weg Christi zu Christus eilen und so den Lohn dieses Weges und des Glaubens nach seinem Urteil finden.

Der Tod ist allerdings zu fürchten, aber nur für den, der nicht aus Wasser und Geist wiedergeboren, sondern den Flammen der Hölle verfallen ist. Den Tod möge fürchten, wer sich nicht auf Christi Kreuz und Leiden berufen kann. Den Tod möge fürchten, wer aus diesem nur zu einem zweiten Tod übergeht. Den Tod möge der fürchten, den bei seinem Scheiden von der Welt die ewige Flamme mit immerwährender Pein foltern wird. Den Tod möge fürchten, wer von einer längeren Frist wenigstens den Gewinn hat, dass seine Qual und sein Seufzen einstweilen noch aufgeschoben sind.

Der Tod ist nicht zu fürchten! Diesen Trost gibt der Bischof seiner Gemeinde angesichts der Unausweichlichkeit vor den Folgen der Pandemie. Nicht der Tod ist zu fürchten, sondern die ewige Verdammnis, die der Tod für die Ungläubigen mit sich bringt. Das ist der Vorteil des Glaubens angesichts der gegenwärtigen Not und darum gilt es für die Gläubigen, angesichts der zu erduldenden Leiden nicht zu verzweifeln, sondern standhaft zu bleiben.

Doch Cyprian bleibt nicht allein bei dem Hinweis auf den Lohn Gottes nach dem Tod stehen, sondern sieht die Seuche auch als eine Chance für Nächstenliebe und Barmherzigkeit, ja sogar als eine Einübung für das, was den Christen damals als höchster Wert galt: das Martyrium.

Wie bedeutungsvoll, wie wichtig und wie notwendig ist sodann die Wirkung, dass diese Pest und Seuche, die so schrecklich und verderblich erscheint, die Gerechtigkeit jedes einzelnen erforscht und die Herzen des Menschengeschlechtes daraufhin prüft, ob die Gesunden den Kranken dienen, ob die Verwandten ihre Angehörigen innig lieben, ob die Herren sich ihrer leidenden Diener erbarmen, ob die Ärzte die um Hilfe flehenden Kranken nicht im Stich lassen, ob die Trotzigen ihr Ungestüm unterdrücken, ob die Habgierigen die stets unersättliche Glut ihrer Habsucht wenigstens in der Furcht vor dem Tod löschen, ob die Stolzen ihren Nacken beugen, ob die Ruchlosen ihre Keckheit mäßigen, ob die Reichen wenigstens jetzt bei dem Tod ihrer Lieben etwas hergeben und spenden, da sie doch ohne Erben dahingehen werden! Selbst wenn diese Sterblichkeit nichts weiter genützt hätte, so hat sie uns Christen und Dienern Gottes schon damit einen großen Dienst erwiesen, dass wir jetzt begonnen haben, mit Freuden nach dem Märtyrertum zu verlangen, indem wir lernen, uns vor dem Tod nicht zu fürchten. Nur Übungen sind das für uns, nicht Heimsuchungen, sie verleihen dem Herzen den Ruhm der Tapferkeit, und durch die Verachtung des Todes bereiten sie zur Märtyrerkrone vor.

Herr, dein Wille geschehe, diese Bitte aus dem Vater Unser erfüllt sich auch angesichts der Pandemie, wenn die Pläne der Menschen durchkreuzt werden, wenn viele einen vorzeitigen Tod erleiden und nicht mehr das ausführen können, was sie sich für ihr weiteres Leben vorgenommen haben. Die Pandemie führt dem Menschen seine Gebrechlichkeit vor Augen, damals wie heute.

Der tiefere Blick auf das Leben Cyprians und die Zeitumstände dieses Lebens kann ihn in besonderer Weise zu einem Gefährten unserer Zeit machen. Auch wenn uns Jahrhunderte von ihm trennen, haben unsere Zeiten einiges gemeinsam. Cyprian ist in einer Zeit aufgewachsen, als das römische Nordafrika einen Höhepunkt seiner kulturellen und wirtschaftlichen Blüte erlebte, die für viele Menschen Wohlstand und Sicherheit bedeutete. Die Natur schien dem Menschen wohlgesonnen und sorgte für einen geregelten Wechsel der Jahreszeiten.

Er musste dann aber erfahren, wir brüchig dieses weltliche Geschick war. Die letzten Jahre seines Lebens waren geprägt von einer Zeit der politischen Instabilität, wirtschaftlicher Notlagen, Dürren, Hungersnöten und nicht zuletzt einer Pandemie, die unzählige Menschen auf grausamste Weise dahinraffte. Viele glaubten damals an das Ende der Zeiten, und doch hat sich die Welt wieder erholt, eine neue Zeit brach an, Menschen bauten das Zerstörte wieder auf, das Klima wurde wieder freundlicher. Der Glaube Cyprians an Jesus Christus blieb unerschütterlich. Unser Heil ist nicht abhängig von irdischem Wohlergehen, sondern allein von unserem Glauben an den, der die Welt in seinen Händen hält in guten wie in schlechten Zeiten. Sein sind Anfang und Ende. Er ist das Ziel unseres Lebens.