Nächstenliebe (Mt 22)

Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Mt 22,39)

Das Gebot der Nächstenliebe ist keine Erfindung Jesu. Jesus zitiert hier wörtlich Lev 19,18. Bereits die Zehn Gebote enthalten ja diese beiden Teile, auf der einen Seite die Gebote, die die Anerkennung Gottes betreffen, auf der anderen Seite die Gebote, die das Verhalten der Menschen untereinander regeln.

Denn auf diese zwei Gebote beziehen sich die Zehn Gebote; die Vorschriften der ersten Tafel nämlich beziehen sich auf die Liebe zu Gott, die der zweiten Tafel auf die Liebe zum Nächsten. (Hrabanus)

In den weiteren Ausführungen zu den Zehn Geboten wird dann immer wieder darauf hingewiesen, dass die Menschen sich umeinander kümmern sollen, dass sie nicht einander ausnutzen, sondern dass gerade den Armen und Schwachen geholfen werden muss, dass sie nicht zugrunde gehen. Im Buch Exodus heißt es:

Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen. Ihr sollt keine Witwen und Waisen ausnützen. Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei hören. Mein Zorn wird entbrennen, und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, so dass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne zu Waisen werden.
Leihst du einem aus meinem Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, Geld, dann sollst du dich gegen ihn nicht wie ein Wucherer benehmen. Ihr sollt von ihm keinen Wucherzins fordern. Nimmst von einem Mitbürger den Mantel zum Pfand, dann sollst du ihn bis Sonnenuntergang zurückgeben; denn es ist seine einzige Decke, der Mantel, mit dem er seinen bloßen Leib bedeckt. Worin soll er sonst schlafen? Wenn er zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid. (Ex 22,20-26)

Gott selbst kümmert sich darum, dass die Schwachen und Armen nicht ausgebeutet werden. Die Propheten werden immer wieder zur Gerechtigkeit mahnen. Das Gebot der Nächstenliebe war also den Juden durchaus vertraut.

Die Besonderheit bei Jesus ist, dass er das Gebot der Nächstenliebe auf alle Menschen ausweitet. Bei den Juden bezog es sich zunächst nur auf die Mitglieder des eigenen Volkes, allenfalls noch auf die Fremden, die das Gastrecht genossen. Aber mit den Heiden wollte man nichts zu tun haben, man grenzte sich ihnen gegenüber ab und da endete in den meisten Fällen auch das Gebot der Nächstenliebe. In Jesus Christus aber erkennen wir, dass Nächstenliebe keine Grenzen hat, dass sie sich auch auf die Menschen beziehen muss, denen wir ablehnend genüberstehen, ja dass sie auch unsere Feinde mit einschließen muss. Nur wer zu dieser Liebe zu den Menschen bereit ist, kann auch Gott wahrhaft lieben. Sonst bleibt unser Gottesdienst eine leere Formel.

Alle Menschen sind Gottes Kinder, er liebt sie unendlich. Es ist also unmöglich, Gott zu lieben, ohne die Menschen zu lieben. Je größer die Liebe zu Gott, desto größer die Liebe zu den Menschen. In den letzten Stunden seines Lebens hat Jesus uns aufgetragen: „Meine Kinder, liebt einander. Daran wird man erkennen, dass ihr zu mir gehört, wenn ihr einander liebt“ (vgl. Joh 13,34f).
Liebe zu Gott, Liebe zu den Menschen, darin liegt mein ganzes Leben, darin wird es immer bestehen, hoffe ich. (Charles des Foucauld)

Gottesliebe (Mt 22)

Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie bei ihm zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? (Mt 22,24-36)

Welches Gebot ist das wichtigste? Wer so anfängt zu fragen, stellt bereits Gott auf die Probe. Was muss ich unbedingt halten und wo kann ich ein Auge zudrücken? Wir rechnen die Gebote und ebenso die Verstöße dagegen nach einem bestimmten Wert auf wie bei einer Prüfung. Wenn es genügt, die Prüfung mit 60% zu bestehen, muss ja nicht jeder 100% bringen.

Doch Jesus denkt anders. Wir müssen immer bestrebt sein, 100% zu bringen. Es geht darum, ein Leben zu führen, so wie Gott es will. Das erfordert vollen Einsatz. Alles steht miteinander im Zusammenhang und wenn wir bei einer kleinen Sache bewusst nachlässig sind, kann sich das auf unser ganzes Leben auswirken.

Wir werden nie vollkommen sein, wir werden immer Fahler machen, das weiß auch Jesus. Aber wir dürfen diese Fehler nicht bereits in unsere Berechnungen einkalkulieren. Wenn wir einen Fehler machen, und sei er noch so klein, müssen wir dies ernst nehmen und nach Wegen suchen, dass wir es das nächste Mal besser machen.

Der Weg zur Vollkommenheit führt über die Treue in den kleinen Dingen. Nur wenn wir dabei nach Vollkommenheit streben, wird uns auch der große Lebensentwurf gelingen, werden wir die Heiligkeit erlangen, zu der Gott uns berufen hat.

Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. (Mt 22,37-38)

Es gibt ein erstes Gebot. Es lautet: Gott zuerst! Immer muss Gott an erster Stelle stehen. Jesus zitiert hier Dtn 6,5. Dort wird das für die Juden grundlegende Gebot aufgezeigt. Gott ist der einzige Gott und ihm anzuhangen muss unser ganzes Verlangen sein. Seine Weisung sollen wir stets im Herzen tragen und die Juden tragen sie in den Tefillin auch sichtbar an ihrem Leib. Doch es kommt nicht auf Äußerlichkeiten an, sondern auf unser Herz. dort erkennen wir, ob wir Gott nur äußerlich verehren, oder ob wir ihn auch wirklich lieben.

Liebe den Herrn, deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Geist! „Liebe!“ sagte er, nicht: „Fürchte!“ Denn Lieben ist mehr als Fürchten; Fürchten ist typisch für Sklaven, Lieben aber für Söhne. Furcht unterliegt dem Zwang, Liebe aber vollzieht sich in Freiheit. Wer in Furcht dem Herrn dient, der entgeht zwar der Strafe, erhält aber keinen Lohn für seine Gerechtigkeit, weil er unwillig das Gute aus Furcht tat. Gott will also nicht, dass er in sklavischer Weise von den Menschen gefürchtet wird wie ein Herr, sondern dass er geliebt wird wie ein Vater, der den Menschen den Geist der Gotteskindschaft geschenkt hat.
Gott lieben aus ganzem Herzen heißt, dass dein Herz an nichts mehr hängt als an der Liebe zu Gott. Gott lieben aus ganzer Seele heißt, die Seele ganz sicher in der Wahrheit zu haben und fest im Glauben zu sein. Die Liebe des Herzens ist nämlich das eine, die Liebe der Seele das andere. Die Liebe des Herzens ist gewissermaßen menschlicher Natur, dass wir Gott auch menschlich lieben; das können wir aber nur, wenn wir uns loslösen von der Liebe zu irdischen Dingen. Die Liebe des Herzens aber fühlt man im Herzen; die Liebe der Seele aber fühlt man nicht, sondern man erkennt sie, weil sie im Urteil der Seele besteht. Wer aber glaubt, dass bei Gott alles Gute ist und nicht Gutes außerhalb von ihm, der liebt Gott in seiner ganzen Seele.
Mit dem ganzen Geist Gott zu lieben bedeutet, dass alle Geisteskräfte für Gott frei sind; wessen Verstand nämlich Gott dient, wessen Weisheit sich um Gott dreht, wessen Denken sich mit göttlichen Dingen beschäftigt, wessen Gedächtnis sich an das erinnert, was gut ist, der liebt Gott mit seinem ganzen Geist. (Johannes Chrysostomus)

Antonius Maria Claret

Mein Gott und Vater!
Lass mich dich erkennen und bewirken, dass du erkannt wirst.
Lass mich dich lieben und bewirken, dass du geliebt wirst.
Lass mich dir dienen und bewirken, dass dir gedient wird.
Lass mich dich loben und bewirken, dass du von allen Geschöpfen gelobt wirst.
Gewähre mir, Vater, dass alle Sünder sich bekehren, alle Gerechten in der Gnade verharren und wir alle die ewige Herrlichkeit erlangen.
Amen.

Von Gott gerufen (Jes 45)

So spricht der Herr zu Kyrus, seinem Gesalbten, den er an der rechten Hand gefasst hat, um ihm die Völker zu unterwerfen, um die Könige zu entwaffnen, um ihm die Türen zu öffnen und kein Tor verschlossen zu halten. (Jes 45,1)

Der Perserkönig Kyrus, von dem hier die Rede ist, hat innerhalb weniger Jahre sein ererbtes persisches Kernland zu einem Weltreich erweitert, das von Indien bis ans Mittelmeer reichte. Das Reich des legendären lydischen Königs Krösus hat er erobert und auch das einst mächtige Babylon. Das neubabylonische Reich hat unter König Nebukadnezzar große Eroberungskriege geführt und viele Völker, die sich ihm widersetzten, deportiert, darunter auch die Israeliten, die nach der Eroberung Jerusalems in Babylon angesiedelt wurden.

Viele sahen nun in Kyros einen Befreier vom harten Joch Babylons. Auch die Israeliten setzten große Hoffnungen in ihn. Er wird als ein gerechter Herrscher stilisiert, ein Bild, das sich nicht nur die Bibel, sondern auch andere Quellen von ihm zeichnen. Vielleicht wundern wir uns darüber, wie fromme Juden diesen heidnischen König so glorifizieren konnten, doch seine Befreiung Israels vom Joch Babylons konnten sie nicht hoch genug loben.

Kyrus galt in den Augen der Juden als Gottes Werkzeug zur Befreiung seines Volkes. Obwohl er wahrscheinlich nicht das geringste Interesse am Gott Israels hatte, sahen die Juden in ihm einen Erwählten Gottes. Ihr Gott war es, der Kyros herbeigerufen hat und ihm die Macht für seine Eroberungen gegeben hat. Wir können hier denken: Wie können die Juden von sich behaupten, dass ihr Gott die Geschicke der ganzen Welt lenkt? Sie sind doch nur ein kleines, unbedeutendes Volk und ihr Gott ist einer von vielen. Sind nicht die Götter Babylons und die Götter der Perser weit größer als dieser Gott?

Doch Israel glaubt daran, Gottes auserwähltes Volk zu sein. Sie glauben, dass sie vom einzigen wahren Gott der ganzen Erde als sein besonderes Eigentum bestimmt worden sind. Wenn wir auf die Geschichte zurückblicken, erscheint das gar nicht mal so unglaubwürdig. Wer kennt noch die Götter Babylons, wer die Götter der Perser? Der Gott Israels aber wird in der ganzen Welt verkündet und verherrlicht von den Juden und von den Christen, die sich durch Jesus Christus als das neue Volk dieses Gottes sehen.

Die ganze Welt ist in der Hand unseres Gottes. Wenn er zulässt, dass seine Auserwählten von anderen Völkern unterdrückt werden, dann dient das zur Strafe und zur Läuterung seines Volkes. Wenn die Zeit der Strafe vorbei ist, wird Gott sofort dafür sorgen, dass sein Volk Rettung erfährt, und zwar auch durch die Hand fremder Herrscher. Was uns auch geschieht, Gott ist bei uns und am Ende wird er uns retten. In dieser Zuversicht lebte das Volk Israel, in dieser Zuversicht dürfen auch wir leben.

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. (Jes 45,4)

Von diesem Satz, der hier von Kyrus gesagt wird, darf sich jeder Mensch angesprochen fühlen. Gott kennt jeden einzelnen mit Namen. „Bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt“, sagt Jesus einmal. Für Gott ist jeder Mensch wichtig. Unter Millionen von Menschen erkennt er jeden einzelnen. Er ruft nicht nur einen mächtigen Herrscher wie Kyrus beim Namen, er ruft auch dich und mich. Jeder Mensch ist in Gottes Augen ein Werkzeug für seinen Dienst, jeder ist gerufen und berufen, den Willen Gottes zu tun.

Gott ruft jeden Menschen beim Namen. Gott kennt jeden Menschen. Gott kennt mich, auch wenn ich ihn nicht kenne.

Für Gott ist jeder Mensch wichtig. Gott befasst sich nicht mit der Menschheit als solcher, er befasst sich mit jedem Menschen ganz persönlich. Gott versendet keine unpersönlichen Standardbriefe. Er spricht jeden Menschen persönlich an. Er sagt zu mir: Fürchte dich nicht, ich bin bei dir. Ich kenne deine Stärken und deine Schwächen, deine Wünsche und deine Sehnsüchte. Ich bin bei dir, um dir meine Liebe zu zeigen.

Gott kennt mich mit Namen. Ich bin wichtig für ihn. Gottes Ruf ist unabhängig von unserem eigenen Verdienst. Er zeigt Gottes Liebe zu jedem von uns. Wenn es hier um Könige und Mächtige geht, soll sich niemand zu niedrig und zu klein fühlen. Ich bin kostbar in Gottes Augen. Er kennt mich mit Namen. Ich gelte vor ihm genauso viel wie ein König. Denke nicht selbst schlecht von dir, wenn Gott von dir so groß denkt.

Paul vom Kreuz

Ich möchte der ganzen Welt sagen, dass man doch erkenne, welch große Gnade Gott in seinem Erbarmen erweist, wenn er Leiden schickt, vor allem, wenn das Leiden ohne Trost ist. Denn dadurch wird die Seele wie Gold im Feuer gereinigt. sie wird schön und leicht, um so den Höhenflug zu ihrem höchsten Gut anzutreten, das heißt, zur seligen Umformung zu gelangen, ohne es jedoch wahrzunehmen. Sie trägt das Kreuz mit Jesus und weiß es nicht. (Paul vom Kreuz)

Gottes Festmahl (Jes 25)

Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den besten und feinsten Speisen, mit besten, erlesenen Weinen. (Jes 25,6)

Der Prophet Jesaja spricht von einem Festmahl Gottes. Der Text steht im Zusammenhang der Jesaja-Apokalypse, die die Kapitel 24 bis 27 umfasst. Dort geht es zunächst um das Gericht Gottes über die Erde. In düsteren Worten malt Jesaja aus, wie die Feste auf der Erde verschwinden und die Bewohner darben, bis schließlich die Erde selbst zerbricht.

Doch dann ändert sich das Bild. Nach den Worten vom Untergang der Erde folgt eine befreiende Schilderung über Gottes neue Welt. Auf dem Zion, seinem heiligen Berg, wird Gott die Gerechten zum Mahl laden. Feinste Speisen, erlesenste Weine, unübertrefflich ist das, was Gott hier anbietet. Gott bereitet ein Festmahl, das größer und freudiger ist als jedes irdische Festmahl. Doch es kommt nicht allein auf Essen und Trinken an. Bei diesem Festmahl besteht auch eine innige Gemeinschaft, ein fester und friedlicher Zusammenhalt aller Menschen aus allen Nationen und letztlich auch eine unverhüllte Gemeinschaft mit Gott.

Er zerreißt auf diesem Berg die Hülle, die alle Nationen verhüllt, und die Decke, die alle Völker bedeckt. (Jes 25,7)

Es gibt zu allen Zeiten die Sehnsucht, dass die Menschen friedlich zusammenleben, dass es keine Schranken mehr gibt zwischen Stämmen und Nationen. Heute ist die Welt so nahe zusammengerückt wie noch nie. Früher unüberwindbare Distanzen kann man heute in wenigen Stunden bewältigen. In den Städten leben Menschen aus allen Teilen der Erde zusammen.

Wir haben die Vision einer friedlichen, multikulturellen Gesellschaft. Zugleich aber werden die Gräben deutlich, die noch zwischen den Menschen verschiedener Kulturen bestehen. Es ist nicht einfach, alle Menschen zusammenzubringen. Zu groß sind die Vorurteile auf allen Seiten, zu unterschiedlich aber auch die Vorstellungen von einem Zusammenleben. Nicht alle Menschen sind friedfertig und gut. Viele Menschen streben nach Macht. Das schafft Konflikte. Wird es uns gelingen, schon hier auf Erden eine friedliche multikulturelle Gesellschaft aufzubauen, oder bleibt dies für immer eine Vision, die nur Gott in seinem Reich verwirklichen kann?

Er beseitigt den Tod für immer. Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht. Auf der ganzen Erde nimmt er von seinem Volk die Schande hinweg. Ja, der Herr hat gesprochen. (Jes 25,8)

Gott kümmert sich um die Menschen. Es wird eine Zeit kommen, in der der Tod ein Ende haben wird, in der es keine Trauer und kein Leid mehr geben wird. Zu allen Zeiten fragen Menschen nach dem „Warum?“. Warum müssen wir sterben, warum müssen wir leiden? Warum hat Gott eine Welt geschaffen, in der es Leid und Tod gibt?

Die Heilige Schrift versucht, mit der Erzählung vom Sündenfall darauf eine Antwort zu geben. Gott hat für den Menschen die beste aller Welten geschaffen. Zu dieser Welt gehört aber auch die Freiheit des Menschen. Und in dieser Freiheit kann sich der Mensch gegen das Gute entscheiden und bringt so das Leid in die Welt, Tod, Streit und Krieg. Es wird aber ein Tag kommen, an dem Gott die Menschen vom Bösen befreien wird, mit dem sie sich eingelassen haben.

Lassen wir die Vision des Jesaja auf uns wirken, das Festmahl der Völker in Frieden und Freude. Vielleicht gelingt es uns ja, die Macht des Bösen hier auf Erden in Grenzen zu halten. Es ist die Entscheidung eines jeden, an jedem Tag und zu jeder Stunde, welchen Weg er wählt, den Weg des Hasses oder den Weg der Liebe, den Weg der Abgrenzung oder den Weg der Freundschaft, den Weg der Angst oder den Weg der Zuversicht.

Dankbarkeit (Phil 4)

Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! (Phil 4,6)

Paulus will, dass die Gläubigen aus einer Grundhaltung des Vertrauens leben, dass Gott sich um alles kümmert, wenn es uns zuerst um ihn und sein Reich geht, wie es auch Jesus in der Bergpredigt gesagt hat.

„Seid nicht ängstlich besorgt“, so lässt sich dieser Text besser übersetzen. Dann wird klarer, was Paulus meint. Die ängstliche Sorge, die uns davon abhält, zuversichtlich in die Zukunft zu sehen. Dies und das könnte schief gehen und die bange Frage: Schaffe ich das überhaupt … Wir kommen nicht voran, weil wir nicht den Mut haben, den ersten Schritt zu tun.

Gott braucht Menschen, die mutig sind, die sich hinaus wagen in die Welt, die sich trauen, die frohe Botschaft zu verkünden und die auch anderen zurufen. „Habt keine Angst, Gott hat euch erlöst!“ Wo hören wir in unserer Kirche diesen Ruf der Zuversicht? Da werden Pläne ausgearbeitet, wie man die immer kleiner werdenden Gemeinden mit immer weniger Priestern gerade noch so „versorgen“ kann. In den Gemeinden machen die einzelnen Gruppen und Kreise ihr Programm wie eh und je, aber man klagt, dass der Nachwuchs fehlt. Wie soll es weitergehen?

Allem Anschein nach stehen wir an einer Zeitenwende, an der die Gesellschaft des Abendlandes, die sich in den letzten Jahrhunderten herausgebildet hat, durch etwas Neues abgelöst wird. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt, wir sind aber auch nicht hilflos diesem Schicksal ausgeliefert. Wir können die Zukunft aktiv mitgestalten. Auch wenn vieles sich verändern mag, Jesus Christus bleibt derselbe gestern, heute und morgen. An ihn können wir uns halten und er wird uns halten.

Paulus will nicht die Sorgen und Nöte der Menschen einfach weg wischen. Sie sind weiterhin da, wir dürfen Gott um Hilfe bitten in allem was uns Angst macht. Aber in diesem Bittgebet soll stets auch der Dank enthalten sein. Dieser eröffnet die Perspektive dafür, dass die jetzige Not nicht alles ist, sondern dass Gott hilft, ja dass er bereits Hilfe geschenkt hat, noch ehe ich ihn darum gebeten habe. Das Leben ist nicht nur Not und Armseligkeit. In jedem Leben – wirklich in jedem! – gibt es etwas, das auch des Dankes und der Freude würdig ist. Das gilt es zu entdecken, dafür gilt es offen zu sein.

Ich finde es immer etwas befremdlich, wenn Menschen in ihrem Bittgebet gefangen sind. Sie rufen Gott ständig um Hilfe an, fast schon zwanghaft. Gott mach dies, Gott mach das. Es scheint hier das Befreiende des Gebets zu fehlen, das gerade durch den Dank dafür zum Ausdruck kommt, dass Gott bereits geholfen hat.

Das Gebet soll also nach der Absicht des Apostels nicht bloß Bitte sein, sondern auch Danksagung für das, was wir haben. Denn wie kann man um das Zukünftige bitten, wenn man für das Frühere nicht dankbar ist? … Für alles muss man danken, selbst für das, was uns widerwärtig scheint, denn dadurch bewährt sich die wahre Dankbarkeit. Das Bitten wird ja schon durch die Natur der Dinge gefordert, das Danken aber kommt aus einer erkenntlichen und innig an Gott hängenden Seele. Solche Gebete finden bei Gott Anerkennung; von den andern will er nichts wissen. So müsst ihr beten, sollen eure Anliegen kund werden vor Gott. Denn er ordnet alles zu unserem Besten, auch wenn wir es nicht einsehen. Ja gerade der Umstand, dass wir es nicht einsehen, ist ein Beweis dafür, dass es uns sicher zum Besten gereicht. (Johannes Chrysostomus)

Das Weinberglied (Jes 5)

Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ein Lied vom Weinberg meines Liebsten. (Jes 5,1a)

Mit dem Weinberglied beginnt die sogenannte Immanuelschrift. Sie umfasst den Abschnitt Jesaja 5,1-9,6 und gilt als Kern der Worte des Propheten. Im Mittelpunkt steht die Verheißung des Immanuel (Jes 7,1-25). Das Weinberglied (Jes 5,1-7) stellt den kunstvollen Prolog zu dieser Schrift dar. Es folgen Wehrufe und Worte des Zorns über Israel (Jes 5,8-30). Die Wichtigkeit der Immanuel-Verheißung wird durch die Schilderung der Berufung des Propheten (Jes 6,1-13) verstärkt.

Der Prophet singt ein Lied von einem Weinberg, dem Weinberg eines Freundes. Am Ende des Liedes wird kein Geringerer als der Herr der Heere, der Gott Israels, als der Besitzer des Weinbergs genannt. Der Weinberg ist das Haus Israel. Aber auch ohne diese Erklärung wird sofort klar, dass der Prophet über das Verhältnis Gottes zu seinem Volk spricht.

Das Lied beginnt als Liebeslied, es wird der geliebte Freund genannt und seine Fürsorge für den Weinberg. In seiner Liebe tut er alles erdenklich mögliche, um einen hohen Ertrag aus dem Weinberg zu erzielen. Er wählt einen fruchtbaren, hochgelegenen Platz, in dem die auf guten Boden gepflanzten Rebstöcke die besten Bedingungen zu gutem Wachstum haben. Er entfernt Steine, baut eine schützende Mauer und eine Kelter.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe. Er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den edelsten Reben. Er baute mitten darin einen Turm und hieb eine Kelter darin aus. Dann hoffte er, dass der Weinberg süße Trauben brächte, doch er brachte nur saure Beeren. (Jes 5,1b-2)

Plötzlich auf seinem Höhepunkt bricht das Liebeslied abrupt ab. Es ist etwas geschehen, was diese Liebe stört. Der Weinberg bringt statt der süßen Trauben nur saure und faulige Beeren hervor. Warum? Woran liegt es, dass die erhofften Früchte für einen guten Wein ausbleiben? Eines steht fest: es liegt nicht an der mangelhaften Fürsorge des Besitzers. Er hat alles Nötige und mehr als das getan. Der Prophet ruft die Einwohner Judas und Jerusalems auf, sich selbst ihr Urteil zu bilden über das, was hier geschehen ist.

Nun sprecht das Urteil, Jerusalems Bürger und ihr Männer von Juda, im Streit zwischen mir und dem Weinberg! Was konnte ich noch für meinen Weinberg tun, das ich nicht für ihn tat? Warum hoffte ich denn auf süße Trauben? Warum brachte er nur saure Beeren?
Jetzt aber will ich euch kundtun, was ich mit meinem Weinberg mache: Ich entferne seine schützende Hecke; so wird er zur Weide. Seine Mauer reiße ich ein; dann wird er zertrampelt. Zu Ödland will ich ihn machen. Man soll seine Reben nicht schneiden und soll ihn nicht hacken; Dornen und Disteln werden dort wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu spenden. (Jes 5,3-6)

Dem Besitzer des Weinbergs ist die Freude an seinem Weinberg vergangen. All seine Kraft und Fürsorge hat er in ihn gesteckt und doch wollte keine süße Beere darin reifen. In seiner Wut zerstört er den Weinberg. Er entfernt seinen Schutz, so dass Tiere die Reben fressen und zertrampeln. Ohne Pflege verkommen die Reben und werden von Dornen und Disteln überwuchert. Der grüne Weinberg wird zum Ödland, nicht einmal mehr Regen fällt auf ihn.

Ja, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel und die Männer von Juda sind die Reben, die er zu seiner Freude gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch – doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit – doch siehe da: Der Rechtlose schreit. (Jes 5,7)

Wie aus einem sorgfältig angelegten Weinberg ein Stück Ödland werden kann, konnten sich damals alle Leute vorstellen, haben es vielleicht schon selbst gesehen. Auch für uns ist dies ein leicht verständliches Bild. Wie diesem Weinberg wird es Juda und Jerusalem ergehen. Das einst blühende Land wird von den Feinden verwüstet. Schuld daran sind seine Bewohner, vor allem die Mächtigen, die das Recht brechen und nur ihren eigenen Gewinn suchen. In den folgenden Wehrufen wird der Prophet dies noch präzisieren.

Jesaja sagt zu einer Zeit, in der es Juda und Jerusalem noch relativ gut gegangen ist, der Stadt und dem Land den Untergang voraus. Es sind harte Worte, die niemand hören wollte. Doch Jesaja muss sie sagen, denn so, wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Doch er prophezeit nicht nur den Untergang, sondern auch den Neuanfang, den Gott mit seinem Volk machen wird in der Gestalt des Emmanuel, des „Gott mit uns“.

Immer wieder braucht es Menschen, die ihren Finger auf die Wunde der Gesellschaft legen. Immer wieder wächst die Ungerechtigkeit in Staaten, wenn der Wohlstand wächst, aber die Mächtigen immer mehr für sich beanspruchen und die Zahl der Armen steigt. Immer wieder führt ein solches Szenario in die Katastrophe und es braucht einen Neuanfang. Echte Propheten zeigen neben ihrer Kritik auch die Chance dieses Neuanfangs auf. Gott führt die Menschen nicht ins Verderben, sondern er will die Rettung der Menschen.

Aus christlicher Sicht wird die Verheißung des Emmanuel auf Jesus Christus hin gedeutet. Er ist der „Gott mit uns“, in dem Gott den Menschen auf unüberbietbare Weise seine Nähe zeigt. Auch das Weinberglied hat einen Anklang im Neuen Testament, im Gleichnis von den bösen Winzern (Mt 21,33-46 und Parr.). In diesem Gleichnis wird Gott mit einem Gutsbesitzer verglichen, der genau wie im Weinberglied geschildert, einen Weinberg anlegt. Im Gleichnis aber sind es die vom Gutsbesitzer eingesetzten Verwalter, die ihm seinen Anteil an dem Ertrag verwehren. Der Weinberg bringt Frucht, aber die Verwalter wollen sie für sich allein, daher werden sie mit Gewalt abgelöst und der Weinberg anderen übergeben.

Ezechiel 18 – Umkehr ist möglich

So spricht der Herr: Ihr sagt: Das Verhalten des Herrn ist nicht richtig. Hört doch, ihr vom Haus Israel: Mein Verhalten soll nicht richtig sein? Nein, euer Verhalten ist nicht richtig. Wenn der Gerechte sein rechtschaffenes Leben aufgibt und unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. Wenn sich der Schuldige von dem Unrecht abwendet, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. (Ez 18,25-28)

Das Evangelium am vergangenen Sonntag hat uns gezeigt: Ja oder Nein, nicht das bloße Wort zählt, sondern die Entscheidung zum Handeln gibt den Ausschlag. Nicht der Sohn, der zwar „Ja“ sagt, sich dann aber gegen dieses „Ja“ entscheidet erfüllt den Willen des Vaters, sondern der Sohn, der zunächst „Nein“ sagt, dann aber doch der Bitte des Vaters Folge leistet. Der Text aus dem Propheten Ezechiel gibt uns eine Erläuterung zu diesem Gleichnis.

Ezechiel spricht seine Worte in die Zeit des Untergangs der Stadt Jerusalem. Er ist zusammen mit vielen Einwohnern der Stadt bereits in der Verbannung in Babylon, die in Jerusalem Verbliebenen werden bald folgen. Sie glauben, dass ihr Schicksal die Strafe ist für die Verfehlungen der Generation ihrer Eltern. Doch Ezechiel macht deutlich, dass es ihre eigene Schuld ist. Sie werden nicht für die Taten ihrer Eltern bestraft. Sie selbst sind es, die nicht verstanden, worauf es ankommt. Sie vertrauen auf den Gott Israels, den sie mit ihren Lippen ehren, ihr Tun aber ist ganz anders. Heimlich verehren sie auch andere Götter und missachten das Gesetz Gottes.

Ihr Denken ist verkehrt. Sie sagen sich: Gott hat Israel erwählt. Er wird Jerusalem beschützen, egal was wir tun. Wir sind Gottes auserwähltes Volk. Doch die Erwählung Gottes bedarf auch ständig ihrer Annahme durch den Menschen. Gott erwartet von seinen Erwählten ein Leben, das dieser Erwählung entspricht. Die Menschen können sich nicht auf ihr Erwähltsein verlassen. Die Erwählung zeigt sich in einem Bund zwischen Gott und dem Volk Israel. Zu diesem Bund gehören auch die Gebote. Wenn das Volk diese Gebote Gottes missachtet, läuft es Gefahr, den Status des Erwähltseins zu verlieren.

Gott ist treu, er steht zu seiner Erwählung Israels, und darum gibt er auch immer wieder die Möglichkeit der Umkehr. Wenn die Eltern gesündigt haben, haben die Kinder dennoch die Möglichkeit, es besser zu machen. Immer wenn Menschen erkennen, dass sie dem Bund mit Gott nicht entsprochen haben, schafft Gott den Raum für eine Umkehr. Wer sich aber auf sein Erwähltsein verlässt und sich bewusst immer weiter von Gottes Geboten entfernt, der läuft Gefahr, den Status der Erwählung zu verlieren.

Herr, lass mich meine Fehler erkennen,
gib mir den Mut, einzusehen, wo ich deinem Willen nicht entsprochen habe.
Gib mir die Kraft, umzukehren, die Kraft, loszulassen, was mich von dir trennt.
Du wartest stets auch mich mit deinen geöffneten Armen.
Lass mich zu dir eilen in die Arme deiner Barmherzigkeit.

Heiliger Franziskus

Allmächtiger, ewiger, gerechter

und barmherziger Gott!

Verleihe uns Elenden,

um deiner selbst willen das zu tun,

von dem wir wissen, dass du es willst,

und immer zu wollen, was dir gefällt,

damit wir, innerlich geläutert, innerlich erleuchtet

und vom Feuer des Heiligen Geistes entflammt,

den Fußspuren deines geliebten Sohnes,

unseres Herrn Jesus Christus, folgen können

und allein durch deine Gnade

zu dir, Allerhöchster, zu gelangen vermögen,

der du in vollkommener Dreifaltigkeit

und in einfacher Einheit lebst und herrschst

und verherrlicht wirst als allmächtiger Gott

von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.