Gottesliebe (Mt 22)

Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie bei ihm zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? (Mt 22,24-36)

Welches Gebot ist das wichtigste? Wer so anfängt zu fragen, stellt bereits Gott auf die Probe. Was muss ich unbedingt halten und wo kann ich ein Auge zudrücken? Wir rechnen die Gebote und ebenso die Verstöße dagegen nach einem bestimmten Wert auf wie bei einer Prüfung. Wenn es genügt, die Prüfung mit 60% zu bestehen, muss ja nicht jeder 100% bringen.

Doch Jesus denkt anders. Wir müssen immer bestrebt sein, 100% zu bringen. Es geht darum, ein Leben zu führen, so wie Gott es will. Das erfordert vollen Einsatz. Alles steht miteinander im Zusammenhang und wenn wir bei einer kleinen Sache bewusst nachlässig sind, kann sich das auf unser ganzes Leben auswirken.

Wir werden nie vollkommen sein, wir werden immer Fahler machen, das weiß auch Jesus. Aber wir dürfen diese Fehler nicht bereits in unsere Berechnungen einkalkulieren. Wenn wir einen Fehler machen, und sei er noch so klein, müssen wir dies ernst nehmen und nach Wegen suchen, dass wir es das nächste Mal besser machen.

Der Weg zur Vollkommenheit führt über die Treue in den kleinen Dingen. Nur wenn wir dabei nach Vollkommenheit streben, wird uns auch der große Lebensentwurf gelingen, werden wir die Heiligkeit erlangen, zu der Gott uns berufen hat.

Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. (Mt 22,37-38)

Es gibt ein erstes Gebot. Es lautet: Gott zuerst! Immer muss Gott an erster Stelle stehen. Jesus zitiert hier Dtn 6,5. Dort wird das für die Juden grundlegende Gebot aufgezeigt. Gott ist der einzige Gott und ihm anzuhangen muss unser ganzes Verlangen sein. Seine Weisung sollen wir stets im Herzen tragen und die Juden tragen sie in den Tefillin auch sichtbar an ihrem Leib. Doch es kommt nicht auf Äußerlichkeiten an, sondern auf unser Herz. dort erkennen wir, ob wir Gott nur äußerlich verehren, oder ob wir ihn auch wirklich lieben.

Liebe den Herrn, deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Geist! “Liebe!” sagte er, nicht: “Fürchte!” Denn Lieben ist mehr als Fürchten; Fürchten ist typisch für Sklaven, Lieben aber für Söhne. Furcht unterliegt dem Zwang, Liebe aber vollzieht sich in Freiheit. Wer in Furcht dem Herrn dient, der entgeht zwar der Strafe, erhält aber keinen Lohn für seine Gerechtigkeit, weil er unwillig das Gute aus Furcht tat. Gott will also nicht, dass er in sklavischer Weise von den Menschen gefürchtet wird wie ein Herr, sondern dass er geliebt wird wie ein Vater, der den Menschen den Geist der Gotteskindschaft geschenkt hat.
Gott lieben aus ganzem Herzen heißt, dass dein Herz an nichts mehr hängt als an der Liebe zu Gott. Gott lieben aus ganzer Seele heißt, die Seele ganz sicher in der Wahrheit zu haben und fest im Glauben zu sein. Die Liebe des Herzens ist nämlich das eine, die Liebe der Seele das andere. Die Liebe des Herzens ist gewissermaßen menschlicher Natur, dass wir Gott auch menschlich lieben; das können wir aber nur, wenn wir uns loslösen von der Liebe zu irdischen Dingen. Die Liebe des Herzens aber fühlt man im Herzen; die Liebe der Seele aber fühlt man nicht, sondern man erkennt sie, weil sie im Urteil der Seele besteht. Wer aber glaubt, dass bei Gott alles Gute ist und nicht Gutes außerhalb von ihm, der liebt Gott in seiner ganzen Seele.
Mit dem ganzen Geist Gott zu lieben bedeutet, dass alle Geisteskräfte für Gott frei sind; wessen Verstand nämlich Gott dient, wessen Weisheit sich um Gott dreht, wessen Denken sich mit göttlichen Dingen beschäftigt, wessen Gedächtnis sich an das erinnert, was gut ist, der liebt Gott mit seinem ganzen Geist. (Johannes Chrysostomus)

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