Nächstenliebe (Mt 22)

Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Mt 22,39)

Das Gebot der Nächstenliebe ist keine Erfindung Jesu. Jesus zitiert hier wörtlich Lev 19,18. Bereits die Zehn Gebote enthalten ja diese beiden Teile, auf der einen Seite die Gebote, die die Anerkennung Gottes betreffen, auf der anderen Seite die Gebote, die das Verhalten der Menschen untereinander regeln.

Denn auf diese zwei Gebote beziehen sich die Zehn Gebote; die Vorschriften der ersten Tafel nämlich beziehen sich auf die Liebe zu Gott, die der zweiten Tafel auf die Liebe zum Nächsten. (Hrabanus)

In den weiteren Ausführungen zu den Zehn Geboten wird dann immer wieder darauf hingewiesen, dass die Menschen sich umeinander kümmern sollen, dass sie nicht einander ausnutzen, sondern dass gerade den Armen und Schwachen geholfen werden muss, dass sie nicht zugrunde gehen. Im Buch Exodus heißt es:

Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen. Ihr sollt keine Witwen und Waisen ausnützen. Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei hören. Mein Zorn wird entbrennen, und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, so dass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne zu Waisen werden.
Leihst du einem aus meinem Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, Geld, dann sollst du dich gegen ihn nicht wie ein Wucherer benehmen. Ihr sollt von ihm keinen Wucherzins fordern. Nimmst von einem Mitbürger den Mantel zum Pfand, dann sollst du ihn bis Sonnenuntergang zurückgeben; denn es ist seine einzige Decke, der Mantel, mit dem er seinen bloßen Leib bedeckt. Worin soll er sonst schlafen? Wenn er zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid. (Ex 22,20-26)

Gott selbst kümmert sich darum, dass die Schwachen und Armen nicht ausgebeutet werden. Die Propheten werden immer wieder zur Gerechtigkeit mahnen. Das Gebot der Nächstenliebe war also den Juden durchaus vertraut.

Die Besonderheit bei Jesus ist, dass er das Gebot der Nächstenliebe auf alle Menschen ausweitet. Bei den Juden bezog es sich zunächst nur auf die Mitglieder des eigenen Volkes, allenfalls noch auf die Fremden, die das Gastrecht genossen. Aber mit den Heiden wollte man nichts zu tun haben, man grenzte sich ihnen gegenüber ab und da endete in den meisten Fällen auch das Gebot der Nächstenliebe. In Jesus Christus aber erkennen wir, dass Nächstenliebe keine Grenzen hat, dass sie sich auch auf die Menschen beziehen muss, denen wir ablehnend genüberstehen, ja dass sie auch unsere Feinde mit einschließen muss. Nur wer zu dieser Liebe zu den Menschen bereit ist, kann auch Gott wahrhaft lieben. Sonst bleibt unser Gottesdienst eine leere Formel.

Alle Menschen sind Gottes Kinder, er liebt sie unendlich. Es ist also unmöglich, Gott zu lieben, ohne die Menschen zu lieben. Je größer die Liebe zu Gott, desto größer die Liebe zu den Menschen. In den letzten Stunden seines Lebens hat Jesus uns aufgetragen: “Meine Kinder, liebt einander. Daran wird man erkennen, dass ihr zu mir gehört, wenn ihr einander liebt” (vgl. Joh 13,34f).
Liebe zu Gott, Liebe zu den Menschen, darin liegt mein ganzes Leben, darin wird es immer bestehen, hoffe ich. (Charles des Foucauld)

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