Johannesprolog (2)

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. (Joh 1,1-3)

In der Liturgie hören wir den Prolog am Weihnachtstag und am 2. Sonntag nach Weihnachten als Evangelium. Im Gegensatz zu den anschaulichen Weihnachtsgeschichten bei Matthäus und Lukas erscheint uns der Johannesprolog als schwer und auf den ersten Blick unverständlich. Hat er überhaupt etwas mit Weihnachten zu tun? Wenn wir ihn uns genauer ansehen, so erkennen wir darin eine ganz eigene Weihnachtsgeschichte. Johannes, der so innig mit Jesus vertraut war, wie vielleicht kein anderer der Apostel, schreibt von der Liebe, der er in Jesus Christus begegnet ist. Matthäus und Lukas wollen mit ihren Kindheitsgeschichten Jesu zu Beginn des Evangeliums zeigen, wo die Ursprünge Jesu liegen. Er ist als das in Betlehem, der Stadt Davids, geborene Kind der dem Volk Israel verheißene Messias, der neue König aus dem Hause Davids. Doch er ist mehr als das, denn er ist nicht wie ein gewöhnlicher Mensch gezeugt, sondern vom Heiligen Geist im Schoß der Jungfrau Maria. Johannes geht weiter: Jesus Christus ist das Wort, das vor allem Anfang beim Vater ist.

Wenn Johannes von dem schreibt, was im Anfang war, so ist darin ein Anklang zu sehen an den Beginn der gesamten Heiligen Schrift. Dort heißt es im Buch Genesis: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1). In diesem Anfang, der allem Geschaffenen vorausgeht, war schon der Sohn Gottes gegenwärtig. Jesus Christus ist nicht erst geworden, als er auf Erden erschienen ist, sondern er war schon von Anfang an oder vor allem Anfang beim Vater. Diese „Präexistenz“ Jesu, wie es später die Theologen nennen werden, war etwas, das im Glauben der Christen schon immer fest verwurzelt war und bereits in den Paulusbriefen thematisiert wird, das aber später erst von den Theologen im Detail ausgeführt wurde.

Der Ursprung Jesu liegt ganz in Gott. Er ist der Sohn Gottes, der von allem Anfang an beim Vater ist und wie der Vater Gott ist. Mit dem Begriff „Logos“, den Johannes hier verwendet, wird Jesus als das Wort des Vaters charakterisiert. In ihm offenbart sich Gott den Menschen, spricht Gott zu den Menschen, teilt Gott sich den Menschen mit. Das Wort „Logos“ wird im Neuen Testament neben dieser Stelle nur noch drei Mal verwendet (Joh 1,14, 1Joh 1,1; Offb 19,13). Es umfasst neben der Bedeutung „Wort“ eine Fülle von Begriffen und hat eine umfangreiche Geschichte in der griechischen Philosophie. Allein schon mit dem Versuch, die Bedeutung von „Logos“ an dieser Stelle zu beschreiben, kann man unzählige Bücher füllen.

Die Verwendung des Begriffes „Logos“ an dieser Stelle hat daher auch zu Missverständnissen geführt. In der griechischen Philosophie ist der Logos ein Prinzip, das von Gott ausgeht und über allem Geschaffenen steht, jedoch wird der Logos als niedriger angesehen als Gott, der Eine, selbst. So ist auch im Christentum eine Irrlehre entstanden, nach der Jesus Christus zwar von Gott ausgeht, Gott ähnlich ist, aber eben doch nicht Gott gleich ist, sondern unter Gott steht. Es bedurfte der theologischen Reflexion von Jahrhunderten, aber auch handfester Kämpfe, bis die Wesensgleichheit von Vater und Sohn definiert wurde und somit dem Begriff „Logos“ im Christentum eine von der griechischen Philosophie unabhängige Bedeutung zukam.

Wenn hier im Prolog von Gott die Rede ist und vom Logos, so werden einige den Heiligen Geist, die dritte Person der Dreifaltigkeit, vermissen. Dieser wird erstmals in Joh 1,32 genannt. Er kommt bei der Taufe auf Jesus Christus herab. In seinen Abschiedsreden verheißt Jesus dann seinen Jüngern den Heiligen Geist als Beistand und mit seinem Tod und seiner Auferstehung wird der Heilige Geist dann auf die Jünger übergehen. Der Heilige Geist ist also beim Wirken Jesu Christi immer gegenwärtig. Die Menschwerdung des Logos aber ist zunächst ein Ereignis zwischen Gott Vater und Gott Sohn. Daher nennt Johannes den Heiligen Geist nicht schon gleich zu Beginn, sondern erst im Zusammenhang mit dem ersten öffentlichen In-Erscheinung-Treten Jesu.

Johannesprolog (1)

Das vierte Evangelium wird seit alters her von der Tradition der Kirche dem Apostel Johannes zugeschrieben. Dies geht auf den Bericht über den „Jünger den Jesus liebte“ in Joh 21 zurück. Dieser Jünger, in dem die Tradition den Apostel Johannes sieht, der beim letzten Abendmahl an der Seite Jesu lag und mit dem Herrn in ganz besonderer Weise vertraut war, soll nach Joh 21,24 dies alles aufgeschrieben haben. Der Evangelist Johannes will Zeugnis geben von diesem Jesus, dem er begegnet ist und der für ihn zum Sinn und Ziel des Lebens geworden ist.

Wenn Johannes von Jesus redet, so tut das nicht, indem er uns einen Ablauf des Lebens Jesu schildert, sondern indem er uns von Szene zu Szene führt. Wie bei der Führung durch eine Bildergalerie kommt es Johannes nicht darauf an, dass wir in einem Durchgang alle Bilder gesehen haben, sondern er zeigt uns einige wenige besonders herausragende Bilder und eröffnet mit ihnen Details, die im Schnelldurchlauf übersehen werden. Die Texte des Evangeliums kreisen stets um einen Mittelpunkt. Uns fällt es vielleicht deshalb so schwer, dieses Evangelium zu verstehen, weil es uns immer weiter drängt, weil es uns schwer fällt, zu verweilen, weil wir in jedem Satz einen neuen Aspekt suchen, aber nicht finden. Wenn wir den Kern der jeweiligen Botschaft erkannt haben und die weiteren Sätze als Kreise um diesen Kern verstehen, wenn wir verweilen und erst nach dem Abschluss einer Szene weiter gehen, dann entdecken wir, dass das Evangelium gar nicht so kompliziert ist, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Im Johannesevangelium ist zudem eine starke Christozentrik zu erkennen. Alles läuft auf Jesus Christus zu, immer wieder spricht Jesus von sich. Wenn wir das Johannesevangelium betrachten, dann betrachten wir vor allem Jesus Christus, der Ziel und Angelpunkt der Geschichte und des Lebens jedes Menschen ist. Das Johannesevangelium beginnt mit dem Prolog. Dieser schildert in poetischer Sprache Ursprung und Ziel Jesu Christi. Wie das gesamte Evangelium ist der Prolog „sprachlich sehr anspruchsvoll und zugleich sehr einfach“ (Carlo M. Martini). Man muss das hier Gesagte ein Leben lang meditieren und wird es nie ganz verstehen. Dennoch dürfen wir uns von den Worten nicht verunsichern lassen und sie nicht als zu hoch für uns abtun. Jeder kann verstehen, was hier gesagt ist, aber zugleich haben diese Worte eine Tiefe, die kein Mensch ganz erfassen kann.

Weihnachten

Ja, ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. (Jes 9,5a)

Dieser Vers wird in der lateinischen Kirche seit alters her als Eröffnungsgesang der Messe am Weihnachtstag gesungen. Nach der modernen Leseordnung hören wir ihn in der Lesung in der Heiligen Nacht. Jesaja verheißt die Geburt eines Kindes, das mehr ist als nur ein besonderer Mensch, ein Königssohn und Thronfolger. Er verheißt die Geburt eines Kindes, in dem Gott selbst mitten unter uns ist, eines Kindes, das Gottes Sohn ist. Als Christen sehen wir in der Geburt Jesu Christi, die wir an Weihnachten feiern, die Erfüllung der Weissagung des Jesaja.

Wir haben uns an die Darstellungen der Krippe von Betlehem, an die Romantik mit Ochs und Esel und Hirten, eingehüllt in ein warmes Licht, vielleicht so sehr gewöhnt, dass uns das Ungeheuerliche, das dahintersteht gar nicht mehr bewusst wird. Gott wird ein Kind. Götter sind doch groß und erhaben, dem Zugriff der Menschen entzogen, vielleicht kommen sie in manchen Mythen als Helden auf die Welt. Dass aber Gott ein kleines, schwaches Kind wird, das hat man noch nie gehört. Zudem ist es auch gar kein Wunderkind, sondern einfach ein ganz normales Kind.

Gott will uns seine Macht in der Machtlosigkeit eines Kindes zeigen. Gott will uns zeigen, dass er so mächtig ist, dass er gerade durch ein hilfloses Kind die Menschen retten kann. Wir Menschen schauen oft nur auf das Äußere, auf imposante Gesten, lassen uns von der Zurschaustellung von Macht beeindrucken. Die Werbung heutzutage gaukelt uns mit schönen Bildern vor, dass jedes noch so wertlose Zeug etwas ist, das wir unbedingt haben müssen und uns zu einem besseren Menschen macht und wir wundern uns, warum wir so unzufrieden sind, obwohl wir doch so vieles haben.

Wertvoll sind Menschen und Dinge nicht durch den äußeren Schein, nicht durch Werbung oder dadurch, dass sie viele „Follower“ in den sozialen Netzwerken haben. Wahre Werte, das was Menschen oder Dinge wirklich wertvoll macht, ist etwas, das nicht in Geld gemessen werden kann. Wir können uns Unterhaltung, Dienstleistungen und auch Spaß mit Geld kaufen, aber wahre Liebe gibt es nicht für Geld. Menschen, die in wirklich allen Lebenslagen zu uns stehen, sind unbezahlbar, gerade auch deshalb, weil sie keinen Lohn für ihre Zuwendung erwarten.

Gott hat uns an Weihnachten ein unbezahlbares Geschenk gemacht. Er ist zu uns gekommen als ein kleines Kind. Vielleicht finden wir Gott auch heute wieder am leichtesten in der Betrachtung dieses Kindes. Gott ist uns so nahe, dass wir ihn in die Arme nehmen können, wie ein kleines Kind. Und wie Kinder mit ihrem Lächeln die Menschen verzaubern können und selbst die härtesten Herzen anrühren, so will Gott uns mit seiner Nähe verzaubern und unsere harten Herzen öffnen.

Weihnachten ist das Fest der Nähe. Näher konnte Gott uns nicht kommen als in der Geburt seines Sohnes, der Mensch, der Kind werden wollte für uns. In unserem Bruder Jesus aber sind auch wir einander nahegerückt. (Klaus Hemmerle)

Mit seiner Geburt will Gott auch uns Menschen zusammenführen, dass wir zusammen feiern, Menschen verschiedener Klassen und Schichten, Menschen verschiedener Rassen und Kulturen. In der Gegenwart des göttlichen Kindes soll Frieden sein und Freude. Draußen bleiben alle, die mit Weihnachten nur Geld verdienen möchten, die weihnachtliche Gefühle in den Menschen wecken, um sie zum Konsum zu motivieren. Verbannen wir den Kommerz von unserem Weihnachtsfest. Ja, ein paar kleine Geschenke sind schön, für Erwachsene und ganz besonders auch für Kinder, aber sie sind wertlos, wenn das Wichtigste an Weihnachten fehlt, die Erfahrung, dass Gott zu uns gekommen ist mit seiner Liebe, die Erfahrung, dass Gott uns mehr geschenkt hat, als wir jemals werden schenken können.

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

Gottes Wunder

Mit dem vierten Advent sind wir ganz nahe an Weihnachten herangekommen, in diesem Jahr fallen sogar der vierte Advent und Heilig Abend auf den gleichen Tag. Wir haben in den Lesungen des Advents von den Verheißungen der Propheten gehört, die sich nun erfüllen und von Johannes dem Täufer, der das Volk auf das Kommen des Herrn vorbereitet hat. In den Tagen vor Weihnachten lohnt es sich, das erste Kapitel des Lukas-Evangeliums zu lesen. Hier schildert der Evangelist, wie geschickt Gott es damals „eingefädelt“ hat, dass das Heil, das er den Menschen verheißen hat, Wirklichkeit werden konnte. Zugleich wird hier die Macht Gottes deutlich, der allezeit Wunder zu wirken vermag. Für Gott ist nichts unmöglich. Aber doch ist Gott darauf angewiesen, dass es Menschen gibt, die bereit sind, Ja zu sagen zu seinem Plan. Nur so können die Wunder geschehen, die Gott für uns Menschen tut.

Durch ihr Ja zu Gottes Plan ist Maria zum Vorbild für alle Menschen geworden – bis heute. Gott wirkt weiter in der Geschichte, immer da, wo Menschen Ja sagen zu seinem Plan. Das Christentum ist mehr als eine Lehre. Es ist die lebendige Begegnung mit Gott, der mitten unter uns Menschen ist. Bereiten wir uns auf Weihnachten vor als ein Fest der Begegnung, ein Fest der Begegnung zwischen uns Menschen und ein Fest der Begegnung mit Gott. Auch wenn wir die Mauern zwischen uns hoch errichtet haben und unsere Herzen vor Gott verschlossen haben, Gott findet einen Weg zu uns, wenn wir ihm nur einen kleinen Spalt lassen, durch den er mit seinem Licht hindurchleuchten kann.

Freudenbote (Jes 61)

Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. (Jes 61,1a)

SEIN, meines Herrn, Geist ist auf mir.

So übersetzt Martin Buber Jesaja 61,1a. Wer ist es, der hier spricht? Das Kapitel 61 des Jesajabuches gehört zu Tritojesaja. Hier wurden prophetische Worte aus nachexilischer Zeit unter dem Namen des berühmten Propheten Jesaja gesammelt, um zu zeigen, dass die Worte des Propheten nicht nur für eine ferne Vergangenheit Gültigkeit hatten, sondern sich im Hier und Heute erfüllen. So sehen ja auch die Evangelisten in Jesus Christus die Erfüllung der Verheißungen der Propheten des Alten Bundes.

Es ist von einem Gesalbten die Rede. Die rituelle Salbung ist im Alten Testament ein besonderer Akt der Legitimation. Durch sie wird einem herausgehobenen Menschen Kraft, Stärke, Macht und Einfluss übereignet. Der so Gesalbte bekommt Anteil an Gottes Macht und Stärke und an seinem Geist. So werden Könige, Propheten und Priester gesalbt.

Der hier spricht ist also ein Mensch, der einen besonderen Auftrag von Gott hat. Es kann ein Prophet sein, aber auch ein fiktiver Herrscher, den sich das Volk ersehnt, weil er die Gerechtigkeit neu aufrichtet und das Volk auf den Weg mit seinem Gott führt. In der nachexilischen Zeit, als Israel wieder in seinem Land lebte, stand es immer in Gefahr, seine Eigenständigkeit durch den Einfluss fremder Kulturen, vor allem des Hellenismus, zu verlieren, und seine Regenten ließen sich allzu leicht von der Macht blenden, vergaßen den Gott Israels und beuteten das Volk aus. Dagegen gab es immer wieder religiöse Bewegungen, die sich für die Aufrechterhaltung des überlieferten Glaubens einsetzten.

Das Volk Gottes bedarf der beständigen Erneuerung, der Rückbesinnung auf seine Wurzeln. Dafür braucht es Menschen, die sich in besonderer Weise von Gott gesandt wissen, die mit Gott, ihrem und aller Herrn in einer besonderen Beziehung stehen, die sich von seinem Geist leiten lassen, die nicht ihren, sondern seinen Willen tun. Auch das Christentum kennt die Salbung. In der Firmung empfängt der Gläubige das Siegel des Heiligen Geistes. Somit kommt jedem einzelnen Gläubigen die Aufgabe zu, nach den ihm gegebenen Möglichkeiten zur Vertiefung und Ausbreitung des Glaubens und zur Durchsetzung der Gerechtigkeit Gottes beizutragen. Was das konkret bedeutet, zeigen die nächsten Verse:

Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt der Verzweiflung. (Jes 61,1b-3a)

Aufgabe des von Gott Gesandten ist es, Freudenbote zu sein. Eine frohe Botschaft für die Armen soll er verkünden. Wir denken hier an die Bergpredigt, in der Jesus die Armen seligpreist. Wer sind diese Armen? Das können Menschen sein, die alles verloren haben, die nicht weiter wissen im Leben, für die unserer Gesellschaft keinen Platz hat. Zu allen Zeiten werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Reichtum konzentriert sich in den Händen weniger und je mehr Reichtum sich die Reichen anhäufen, desto größer wird die Armut der Vielen. Obwohl genug für alle da ist, sind die Schätze der Erde ungerecht verteilt.

Eine frohe Botschaft für die Armen. Das heißt, Teilen konkret werden lassen. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten dem Armen beistehen. Nicht nur ein kleines Almosen geben, sondern den Armen wirklich ernst nehmen, annehmen, ihm eine Heimat geben. In unserer Gesellschaft entsteht Armut oft auch durch schwierige Verhältnisse, Kinder wachsen in zerrütteten Familien auf, bekommen zu wenig Zuwendung und schaffen daher keinen guten Schulabschluss. Armut gebiert oft neue Armut.

Die Wunden heilen in den Herzen der Menschen. Zuwendung schenken, Liebe und Geborgenheit. Menschen neue Hoffnung geben und sie befreien aus den Fesseln der Unfreiheit und der Schuld. Menschen die Möglichkeit geben, sich zu verändern, sich zu bessern, ein neues Leben beginnen. Neue Perspektiven schenken.

Schmuck, Freudenöl, Jubel, die Gemeinde des Herrn ist keine Gruppe von Trübseligen, die missmutig mit schwarzen Gewändern und ausdruckslosem Gesicht brav in den Kirchenbänken sitzt. Mit Gott sind wir immer auf der Siegerseite, wir dürfen jubeln und uns freuen. Glauben heißt, Hoffnung haben, gerade auch dort wo es keine Hoffnung zu geben scheint. Gott ist mit uns, er hat uns befreit, er schenkt uns Kraft, er zeigt uns den Weg. Erheben wir uns und gehen wir den Weg mit unserem Gott, den Weg aus der Finsternis des Todes in das Licht des Lebens.

Johannes der Täufer

Dies ist das Zeugnis des Johannes: Als die Juden von Jerusalem aus Priester und Leviten zu ihm sandten mit der Frage: Wer bist du?, bekannte er und leugnete nicht; er bekannte: Ich bin nicht der Messias. Sie fragten ihn: Was bist du dann? Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein. Da fragten sie ihn: Wer bist du? Wir müssen denen, die uns gesandt haben, Auskunft geben. Was sagst du über dich selbst? Er sagte: Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat. (Joh 1,19-23)

Wer ist dieser Johannes der Täufer? Diese Frage haben sich die religiösen Führer der Juden gestellt. Er ist einer, der den Menschen die Vergebung ihrer Sünden verspricht und zwar durch eine Wassertaufe im Jordan und nicht durch ein Opfer im Tempel, wie es nach dem Gesetz der Juden üblich war. Damit verlor die offizielle Priesterschaft sowohl an Ansehen als auch einen Teil ihrer Einnahmen. Daher war Johannes ihnen höchst verdächtig.

Wahrscheinlich wollten sie ihn mit ihrer Frage in eine Falle locken, um ihn wegen Gotteslästerung anklagen zu können. Aber Johannes reagiert bescheiden. Er ist nicht der Messias und auch nicht Prophet Elija, dessen Wiederkunft man für die Tage der Endzeit erwartete. Sicher, es gab im Volk Stimmen, die in Johannes Elija oder gar den Messias sahen. Aber Johannes gibt sich nicht als einer von diesen aus. Er will sich nicht einmal Prophet nennen lassen.

Aber wer ist Johannes dann? Und vor allem, warum tauft er und mit welchem Recht nimmt er sich die Vollmacht, Sünden zu vergeben? Johannes nennt sich einen von Gott Gesandten, er sieht sich als Boten Gottes, der das Volk für die Ankunft eines Größeren vorbereitet. Mit seiner Predigt und seiner Taufe zur Vergebung der Sünden tut er den Dienst, den Gott ihm aufgetragen hat.

Johannes sieht seine Berufung in einem streng asketischen Lebensstil, ein raues und wüstes Aussehen, einfachste Kleidung und karge Ernährung sind das, was er sich gewählt hat. In der Wüste lebt er ganz in der Nähe Gottes. So ist er der erste, der weiß, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Er ist der einzige Prophet, der den sieht, den er verkündet.

Unter den Abgesandten waren auch Pharisäer. Sie fragten Johannes: Warum taufst du dann, wenn du nicht der Messias bist, nicht Elija und nicht der Prophet? Er antwortete ihnen: Ich taufe mit Wasser. Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt und der nach mir kommt; ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Dies geschah in Betanien, auf der anderen Seite des Jordan, wo Johannes taufte. (Joh 1,24-28)

Nicht nur Johannes ist den Pharisäern fremd, sondern noch viel mehr der, auf den er hinweist. Sie können Johannes nicht verstehen, umso weniger werden sie Jesus verstehen. Sie hören nicht auf den Ruf des Johannes zur Umkehr, stellen sich dem Weg entgegen, den er für  Gottes Kommen vorbereitet. So verhindern sie, dass Gott bei seinem Volk so ankommt, wie er es will. Sie verhindern, dass Gott mit seinem Kommen bereits das grenzenlose Heil für sein Volk Wirklichkeit werden lässt. Wegen ihrem Widerstand wird Gott einen anderen Weg wählen, um die Menschen zu retten, einen schmerzhafteren Weg. Aber doch wird Gott seinen Plan ausführen.

Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt.

Kennen wir Jesus? Wir wissen von ihm durch die Evangelien und die Verkündigung der Kirche. Vieles wird uns von Jesus erzählt. Aber kennen wir ihn dadurch schon? Die Begegnung mit ihm ist anders als die mit gewöhnlichen Menschen. Wir können ihn nicht leiblich sehen. Aber doch haben wir die Möglichkeit, ihn in unserem Innersten zu erfahren.

Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt.

Selbst viele Menschen, die mit Jesus gelebt haben, haben ihn nicht erkannt. Wen wundert es da, dass er auch heute vielfach nicht erkannt, ja sogar verkannt wird. Der Unglaube bringt viele Argumente gegen Gott vor. Religion als Illusion, Vertröstung, Schwindel, eines denkenden Menschen unwürdig. Doch wird der Mensch wirklich mehr Mensch, wenn man ihm Gott nimmt? Braucht es nicht vielmehr heute, in einer vielleicht immer gottloser werdenden Welt, wieder Rufer wie Johannes, Menschen, die mit Gott leben und die Menschen auf den Gott hinweisen, der oft unerkannt mitten unter uns ist, der die Menschen liebt und der selbst ein Mensch unter Menschen geworden ist? Es braucht Menschen, die in der Wüste von seichter Unterhaltung, von Kommerzialisierung und Habgier zeigen, was wahres Menschsein bedeutet.

Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt.

Gott ist uns Menschen nahe gekommen, damit wir ihn erkennen, ihn immer mehr kennenlernen. Gewähren wir ihm Einlass in unsere Herzen, damit er sich uns zeigen kann. Haben wir Sehnsucht nach der Begegnung mit Gott und wecken wir immer mehr diese Sehnsucht nach dem, der uns Leben und Freude schenkt. Freuen wir uns, dass wir einen Gott haben, der mitten unter uns ist und danken wir ihm für dieses Geschenk.

Neuer Himmel, neue Erde (2Petr 3)

Das eine aber, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind. Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung, wie einige meinen, die von Verzögerung reden; er ist nur geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren. (2Petr 3,8-9)

Der zweite Petrusbrief beschäftigt sich mit der Erwartung des Kommens des Herrn. Diese Erwartung, dass Jesus Christus nach seiner Himmelfahrt zum Vater wiederkommen wird, um alle zu sich zu holen, die an ihn glauben, ist ein zentrales Thema christlicher Verkündigung. Jesus selbst hat den Jüngern von diesem Kommen erzählt, in den Paulusbriefen begegnen wir immer wieder dieser Erwartung. Aber die Zeit vergeht und es scheint sich nichts zu ändern, die Welt scheint zu bleiben, wie sie ist. Wenn es da nicht die Christen gäbe, könnte man sagen, dass sich mit dem Leben Jesu auf Erden praktisch nichts auf der Welt verändert hat.

Aber ist es nicht gerade die Existenz der Christen selbst, die die Welt verändert? Christen müssen das Salz der Erde sein, wie es Jesus einmal gesagt hat, sonst taugen sie zu nichts. Ein Christentum, das die Welt nicht verändert, taugt zu nichts. Wo den Christen der Glaube fehlt, der die Kraft gibt zu solcher Veränderung, da sind sie überflüssig und wertlos und da fällt die Welt in den bemitleidenswerten und verlorenen Zustand zurück, in dem sie vor dem Leben Jesu auf Erden war.

Der Brief bringt einige Argumente dafür, dass die bislang ausgebliebene Wiederkunft des Herrn eben nicht die Falschheit der Erwartung dieses Kommens bedeutet, sondern andere Gründe hat. Gott ist nicht an unsere Zeitvorstellung gebunden. Für uns sind tausend Jahre eine lange Zeitspanne, ja sogar fünfzig Jahre dauern vom Menschen her gesehen sehr lange. Gott aber steht über der Zeit. Auch wenn die Wiederkunft des Herrn erst nach mehreren hundert Jahren geschieht, ist das für Gott keine lange Zeit, auch wenn es für die Menschen eine sehr große Verzögerung bedeutet. Gott kann warten, er will warten, bis alle die Möglichkeit haben, sich zu bekehren. Das lange Warten auf das Kommen des Herrn ist also nicht ein Argument gegen die Erlösung, sondern vielmehr dafür, dass Gott Heil und Erlösung für alle Menschen will und nicht nur für die wenigen, die in den Jahren des Anfangs bereits zum Glauben gekommen sind.

Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb. Dann wird der Himmel prasselnd vergehen, die Elemente werden verbrannt und aufgelöst, die Erde und alles, was auf ihr ist, werden (nicht mehr) gefunden. (2Petr 3,10)

Trotzdem wird der Tag der Wiederkunft des Herrn überraschend kommen. Auch wenn er lange ausbleibt, kann er doch jederzeit eintreffen. Auch wenn die Christen seit Jahrzehnten und Jahrhunderten darauf warten, bedeutet das nicht, dass es noch weitere Jahrzehnte und Jahrhunderte dauern wird. Daher müssen die Christen jederzeit bereit sein für diesen Tag.

Wenn sich das alles in dieser Weise auflöst: wie heilig und fromm müsst ihr dann leben, den Tag Gottes erwarten und seine Ankunft beschleunigen! (1Petr 3,11-12a)

Die Verzögerung der Wiederkunft des Herrn soll nicht dazu führen, dass die Christen in ihrem Eifer nachlassen, weil ja noch genügend Zeit bleibt und man noch etwas warten kann, um seine Fehler zu ändern. Sie soll vielmehr zu noch größerem Eifer anspornen, um der Welt durch ein Leben aus der Kraft des Glaubens zu zeigen, dass Jesus lebt und dass er schon jetzt unter den Gläubigen gegenwärtig ist. Durch das heilige Leben der Gläubigen sollen immer mehr zum Glauben finden, so dass viele sich bekehren und so der Tag des Gerichts schneller eintrifft.
Wie aber dieser Tag aussehen wird, darüber gab es damals bereits konkrete Vorstellungen.

An jenem Tag wird sich der Himmel im Feuer auflösen und die Elemente werden im Brand zerschmelzen. Dann erwarten wir, seiner Verheißung gemäß, einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt. (2Petr 3,12-13)

Wenn der Herr kommt, wird sich alles in Feuer auflösen, alle Elemente werden schmelzen, so stellt es sich der zweite Petrusbrief vor. Ein unwahrscheinlich heißes Feuer, das sie Kraft hat, alles aufzulösen. Vielleicht stellte sich der Verfasser hier vor, wie Gold im Feuer geschmolzen wird. Das harte Gold wird durch die Kraft des Feuers flüssig und so kann man ihm eine neue Form geben. Dem ähnlich wird die ganze Welt eingeschmolzen und von Gott zu einem neuen Himmel und einer neuen Erde geformt. Alles Böse wird ausgebrannt, so wie das Feuer Gold und Silber läutert und von Fremdstoffen reinigt. Die neue Welt aber, die aus dem Feuer hervor geht, wird glänzen wie reinstes Gold und Silber. In ihr findet sich kein Schmutz mehr, sondern es wird eine Welt sein, in der es allein das Gute gibt und in der die Gerechtigkeit wohnt.

Weil ihr das erwartet, liebe Brüder, bemüht euch darum, von ihm ohne Makel und Fehler und in Frieden angetroffen zu werden. Seid überzeugt, dass die Geduld unseres Herrn eure Rettung ist. (2Petr 3,14-15a)

Als Christen leben wir in der Erwartung dieser neuen Welt Gottes. Natürlich wäre es schön, wenn sie schnell käme, und wir so von allen Mühsalen des Lebens befreit wären. Aber das Warten gibt auch die Möglichkeit, uns immer wieder neu darauf zu besinnen, ob wir wirklich so leben, wie es unserer Berufung als Christen entspricht. Es bietet uns die Möglichkeit, immer mehr das gute zu tun und immer mehr Menschen von Jesus Christus zu erzählen und von dem Heil, das er für alle Menschen bereithält.

Herr, wir warten auf deine Gerechtigkeit
und wollen schon jetzt für sie Zeugnis geben.
Wir warten darauf, dass du die Welt reinigst,
wir warten auf eine Welt ohne das Böse
eine Welt, in der das Gute triumphiert
und wir wollen schon jetzt mit dir
an dieser neuen Welt bauen.
Hilf uns, so zu leben, wie du es willst.
Hilf uns, stets das Gute zu tun.
Hilf uns, dem Bösen zu wiederstehen.
Lass uns deine Zeugen sein,
Zeugen für das Gute,
für Liebe und Gerechtigkeit in dieser Welt.
Amen.

Trost und Befreiung (Jes 40)

Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. (Jes 40,1)

Mit diesem Ruf beginnt das Buch Deuterojesaja, das den zweiten Hauptteil des Jesajabuches bildet. Wir befinden uns in der Zeit, als das Volk Israel im Exil in Babylon (597-539 v.Chr.) gelebt hat. Etwa 150 Jahre nach dem Auftreten des Propheten Jesaja (ca. 740-701 v.Chr.) wurde sein Buch von einem oder mehreren namentlich unbekannten Propheten weitergeschrieben. Jesaja gilt als der größte unter den Propheten. Im Neuen Testament ist oft nur von „dem Propheten“ die Rede, wenn Jesaja gemeint ist. Darum ist es nicht verwunderlich, dass Propheten in seinem Namen auch nach seinem Tod gesprochen haben.

Jesaja hat das Volk Israel vor dem Untergang gewarnt, falls es sich in trügerischer Hoffnung wiegt und nicht bereit ist, umzukehren. Nun ist die Katastrophe eingetreten, Jerusalem und der Tempel des Herrn wurden zerstört, das Volk lebt im Exil im fremden Babylon. Doch auch dort ist Gott seinem Volk nahe. Nun ist es die Aufgabe des Propheten, nicht mehr zu warnen und zu drohen, sondern zu trösten und dem Volk Mut zu machen, dem Volk zu zeigen, dass Gott auch in der Fremde bei ihm ist und es bald wieder heimführen wird.

Gott wird einen Neubeginn mit seinem Volk machen. Doch bis es soweit ist, muss das Volk warten, muss die Härte des Exils ertragen. Die Texte des Deuterojesaja hören wir besonders in der Adventszeit, die uns auch immer wieder neu bewusst macht, dass wir als Christen Wartende sind. Wir leben in der Fremde und warten auf die Wiederkunft des Herrn, auf den Tag, an dem wir als Kinder Gottes offenbar werden, wenn Jesus Christus uns zum Vater führen wird.

Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. (Jes 40,3-4)

Gott selbst wird sein Volk aus dem Exil führen, er wird ihm vorangehen, so wie er einst vorangezogen ist, als Israel aus Ägypten ausgezogen ist. Kein Hindernis wird es auf dem Weg geben, den Gott mit seinem Volk gehen wird. Es ist ein gewaltiger Weg, der für Gott gebahnt werden soll, Berge sollen abgetragen und Täler zugeschüttet werden, so dass ein ebener Weg ohne Hindernis entsteht. Ein Weg, der würdig ist, dass Gott auf ihm reist, ein Weg, auf dem Gott Einzug halten kann bei seinem Volk, ein Weg für das Kommen Gottes in diese Welt. Jetzt ist die Zeit gekommen für die Heimkehr Israels, und wenn Gott etwas beschlossen hat, dann macht er es richtig. Nichts kann sich ihm in den Weg stellen, kein Hindernis kann ihn aufhalten.

Steig auf einen hohen Berg, Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! Sag den Städten in Juda: Seht, da ist euer Gott. Seht, Gott der Herr, kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm. Seht, er bringt seinen Siegespreis mit: Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her. (Jes 40,9-10)

Der Zug der Heimkehrer wird freudig angekündigt. Gott kehrt mit seinem Volk zurück, wie ein reicher Hirte mit seiner großen Herde. Diejenigen, die einst schmachvoll in die Verbannung geführt wurden, kehren heim wie Sieger. Gott schenkt Glück und Freude, er führt aus jeder Not. Gott kommt jedem Menschen entgegen, um ihm das Glück als Geschenk anzubieten.

Ist das nicht alles nur ein schöner Traum, zu schön, um wahr zu sein? Fühlen wir uns nicht allzu oft wie in der Verbannung, in einer Welt, in der Gott keinen Platz mehr zu haben scheint und unser Leben ein Frondienst ist für den schnöden Mammon?

Aber es steht unumstößlich fest: Gott beschützt die Seinen, er führt sie durch die Tiefpunkte der Geschichte und des eigenen Lebens hindurch. Wer Gott vertraut, für den gibt es immer einen Ausweg, auch wenn es vielleicht etwas länger dauert, bis er sichtbar wird. Wir brauchen Geduld. Wer zu früh aufgibt, wird nie das Schöne erfahren, das das Leben noch bereit hält.

Herr, gib uns Geduld
gib uns die Kraft zu Warten,
lass uns niemals verzweifeln
und lass uns nie die Hoffnung verlieren
dass nach jedem Leid eine Freude
und nach jeder Niederlage ein Sieg
auf uns wartet.
Schenke uns deinen Trost,
wenn wir am Boden sind
und lass uns die Freude
zusammen mit dir erfahren.
Amen.

Markusevangelium

Endlich wieder Markus. Mit dem ersten Advent im Lesejahr B beginnt alle drei Jahre von neuem das Kirchenjahr, in dem die Texte aus dem Markusevangelium im Mittelpunkt stehen. Im Jahr 2009 habe ich damit begonnen, das Markusevangelium als erstes der vier Evangelien nahezu durchgängig zu kommentieren. Als Hilfe dienten mir dabei der ausführliche Kommentar von Wilfried Eckey: Das Markus-Evangelium, Orientierung am Weg Jesu, und der knappe und sehr gut lesbare Kommentar von Martin Ebner: Das Markusevangelium, Neu übersetzt und kommentiert. Letzteren kann ich ganz besonders allen Interessierten zur kurzweiligen Lektüre empfehlen. Beim deutschen Text des Evangeliums habe ich mich neben der Einheitsübersetzung auch an den Übersetzungen dieser beiden Exegeten orientiert.

In den vergangenen Jahren habe ich meine Texte zu den Büchern der Heiligen Schrift stark erweitert. Nun ist wieder Markus dran. Vieles ist seit 2009 geschehen, die Welt hat sich verändert, ebenso mein Leben und damit auch mein Denken. Die Evangelien sind keine Dokumente aus vergangener Zeit, sondern Worte, die in die Zukunft weisen. Sie sind lebendige Texte, die immer wieder neu interpretiert werden wollen. Sie geben immer wieder neu Antworten auf unsere Fragen. Mit ihnen zeigt uns Gott, wie unser Leben gelingen kann, wenn wir unseren Weg mit Jesus Christus gehen.

Markus zeigt uns, was damals vor fast 2000 Jahren geschehen ist, aber dieses Geschehen ist auch heute noch aktuell, weil dieser Jesus, von dem Markus seinen Lesern erzählt, nicht nur eine historische Persönlichkeit war. Jesus Christus ist Gottessohn, wie Markus gleich im ersten Satz klarstellt, er ist Gott und als solcher unvergänglich. Jesus, der nach seinem Tod ins Grab gelegt wurde und aus diesem Grab verschwunden ist, ist zu seinem Vater in den Himmel gegangen und ist von dort den Menschen aller Zeiten nahe. Er hat das Reich Gottes auf Erden gegründet und dieses Reich besteht bis heute. In ihm leben alle, die an Jesus Christus glauben.

Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, Gottes Sohn. (Mk 1,1)

Schon im ersten Satz des Evangeliums liegt die ganze Sprengkraft christlichen Glaubens, liegt die ganze Wucht des Aufpralls, mit der das Christentum das Römische Reich umwälzen und sich über die ganze Welt verbreiten wird. Schon in diesem Satz wird deutlich, warum die Christen von Anfang an mit der Verfolgung durch die Römischen Kaiser zu rechnen hatten. Wer damals den ersten Satz des Markusevangeliums las, der verstand sofort, worum es hier ging.

Evangelium – Gute Nachricht, damit waren damals Meldungen von höchstem Rang gemeint, Meldungen, die direkt aus dem Kaiserhaus kamen, etwa die Proklamation eines neuen Kaisers oder die Meldung über einen Sieg der kaiserlichen Truppen oder die Ankündigung der Geburt eines Sohnes des Kaisers. Das, was Markus hier schreibt, ist somit als eine Botschaft ersten Ranges zu verstehen. Das Evangelium von Jesus Christus hat Bedeutung für ALLE Menschen und zu ALLEN Zeiten. Dieser Jesus Christus, von dem hier berichtet wird, wird dem Kaiser gleichgestellt, ja, es wird sich zeigen, dass er über dem Kaiser steht. Das zeigt auch sein Titel, Gottessohn, ein Sohn eines Gottes, wie es im Griechischen heißt. So nannten sich auch die Kaiser, die ihre Väter und später auch sich selbst vergöttlicht haben. Jesus Christus aber ist der Sohn des einzigen wahren Gottes und er ist gekommen, um das Reich Gottes auf dieser Erde zu erreichten, das alle anderen Reiche überragt. Mit ihm wird die Gottesherrschaft auf dieser Welt Wirklichkeit. Dies von einem Menschen zu behaupten, der im hintersten Winkel des Römischen Reiches als einfacher Handwerkersohn geboren wurde, musste den Menschen damals als etwas Unglaubliches erscheinen.