Johannesprolog (1)

Das vierte Evangelium wird seit alters her von der Tradition der Kirche dem Apostel Johannes zugeschrieben. Dies geht auf den Bericht über den „Jünger den Jesus liebte“ in Joh 21 zurück. Dieser Jünger, in dem die Tradition den Apostel Johannes sieht, der beim letzten Abendmahl an der Seite Jesu lag und mit dem Herrn in ganz besonderer Weise vertraut war, soll nach Joh 21,24 dies alles aufgeschrieben haben. Der Evangelist Johannes will Zeugnis geben von diesem Jesus, dem er begegnet ist und der für ihn zum Sinn und Ziel des Lebens geworden ist.

Wenn Johannes von Jesus redet, so tut das nicht, indem er uns einen Ablauf des Lebens Jesu schildert, sondern indem er uns von Szene zu Szene führt. Wie bei der Führung durch eine Bildergalerie kommt es Johannes nicht darauf an, dass wir in einem Durchgang alle Bilder gesehen haben, sondern er zeigt uns einige wenige besonders herausragende Bilder und eröffnet mit ihnen Details, die im Schnelldurchlauf übersehen werden. Die Texte des Evangeliums kreisen stets um einen Mittelpunkt. Uns fällt es vielleicht deshalb so schwer, dieses Evangelium zu verstehen, weil es uns immer weiter drängt, weil es uns schwer fällt, zu verweilen, weil wir in jedem Satz einen neuen Aspekt suchen, aber nicht finden. Wenn wir den Kern der jeweiligen Botschaft erkannt haben und die weiteren Sätze als Kreise um diesen Kern verstehen, wenn wir verweilen und erst nach dem Abschluss einer Szene weiter gehen, dann entdecken wir, dass das Evangelium gar nicht so kompliziert ist, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Im Johannesevangelium ist zudem eine starke Christozentrik zu erkennen. Alles läuft auf Jesus Christus zu, immer wieder spricht Jesus von sich. Wenn wir das Johannesevangelium betrachten, dann betrachten wir vor allem Jesus Christus, der Ziel und Angelpunkt der Geschichte und des Lebens jedes Menschen ist. Das Johannesevangelium beginnt mit dem Prolog. Dieser schildert in poetischer Sprache Ursprung und Ziel Jesu Christi. Wie das gesamte Evangelium ist der Prolog „sprachlich sehr anspruchsvoll und zugleich sehr einfach“ (Carlo M. Martini). Man muss das hier Gesagte ein Leben lang meditieren und wird es nie ganz verstehen. Dennoch dürfen wir uns von den Worten nicht verunsichern lassen und sie nicht als zu hoch für uns abtun. Jeder kann verstehen, was hier gesagt ist, aber zugleich haben diese Worte eine Tiefe, die kein Mensch ganz erfassen kann.

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