Johannesprolog (2)

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. (Joh 1,1-3)

In der Liturgie hören wir den Prolog am Weihnachtstag und am 2. Sonntag nach Weihnachten als Evangelium. Im Gegensatz zu den anschaulichen Weihnachtsgeschichten bei Matthäus und Lukas erscheint uns der Johannesprolog als schwer und auf den ersten Blick unverständlich. Hat er überhaupt etwas mit Weihnachten zu tun? Wenn wir ihn uns genauer ansehen, so erkennen wir darin eine ganz eigene Weihnachtsgeschichte. Johannes, der so innig mit Jesus vertraut war, wie vielleicht kein anderer der Apostel, schreibt von der Liebe, der er in Jesus Christus begegnet ist. Matthäus und Lukas wollen mit ihren Kindheitsgeschichten Jesu zu Beginn des Evangeliums zeigen, wo die Ursprünge Jesu liegen. Er ist als das in Betlehem, der Stadt Davids, geborene Kind der dem Volk Israel verheißene Messias, der neue König aus dem Hause Davids. Doch er ist mehr als das, denn er ist nicht wie ein gewöhnlicher Mensch gezeugt, sondern vom Heiligen Geist im Schoß der Jungfrau Maria. Johannes geht weiter: Jesus Christus ist das Wort, das vor allem Anfang beim Vater ist.

Wenn Johannes von dem schreibt, was im Anfang war, so ist darin ein Anklang zu sehen an den Beginn der gesamten Heiligen Schrift. Dort heißt es im Buch Genesis: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1). In diesem Anfang, der allem Geschaffenen vorausgeht, war schon der Sohn Gottes gegenwärtig. Jesus Christus ist nicht erst geworden, als er auf Erden erschienen ist, sondern er war schon von Anfang an oder vor allem Anfang beim Vater. Diese „Präexistenz“ Jesu, wie es später die Theologen nennen werden, war etwas, das im Glauben der Christen schon immer fest verwurzelt war und bereits in den Paulusbriefen thematisiert wird, das aber später erst von den Theologen im Detail ausgeführt wurde.

Der Ursprung Jesu liegt ganz in Gott. Er ist der Sohn Gottes, der von allem Anfang an beim Vater ist und wie der Vater Gott ist. Mit dem Begriff „Logos“, den Johannes hier verwendet, wird Jesus als das Wort des Vaters charakterisiert. In ihm offenbart sich Gott den Menschen, spricht Gott zu den Menschen, teilt Gott sich den Menschen mit. Das Wort „Logos“ wird im Neuen Testament neben dieser Stelle nur noch drei Mal verwendet (Joh 1,14, 1Joh 1,1; Offb 19,13). Es umfasst neben der Bedeutung „Wort“ eine Fülle von Begriffen und hat eine umfangreiche Geschichte in der griechischen Philosophie. Allein schon mit dem Versuch, die Bedeutung von „Logos“ an dieser Stelle zu beschreiben, kann man unzählige Bücher füllen.

Die Verwendung des Begriffes „Logos“ an dieser Stelle hat daher auch zu Missverständnissen geführt. In der griechischen Philosophie ist der Logos ein Prinzip, das von Gott ausgeht und über allem Geschaffenen steht, jedoch wird der Logos als niedriger angesehen als Gott, der Eine, selbst. So ist auch im Christentum eine Irrlehre entstanden, nach der Jesus Christus zwar von Gott ausgeht, Gott ähnlich ist, aber eben doch nicht Gott gleich ist, sondern unter Gott steht. Es bedurfte der theologischen Reflexion von Jahrhunderten, aber auch handfester Kämpfe, bis die Wesensgleichheit von Vater und Sohn definiert wurde und somit dem Begriff „Logos“ im Christentum eine von der griechischen Philosophie unabhängige Bedeutung zukam.

Wenn hier im Prolog von Gott die Rede ist und vom Logos, so werden einige den Heiligen Geist, die dritte Person der Dreifaltigkeit, vermissen. Dieser wird erstmals in Joh 1,32 genannt. Er kommt bei der Taufe auf Jesus Christus herab. In seinen Abschiedsreden verheißt Jesus dann seinen Jüngern den Heiligen Geist als Beistand und mit seinem Tod und seiner Auferstehung wird der Heilige Geist dann auf die Jünger übergehen. Der Heilige Geist ist also beim Wirken Jesu Christi immer gegenwärtig. Die Menschwerdung des Logos aber ist zunächst ein Ereignis zwischen Gott Vater und Gott Sohn. Daher nennt Johannes den Heiligen Geist nicht schon gleich zu Beginn, sondern erst im Zusammenhang mit dem ersten öffentlichen In-Erscheinung-Treten Jesu.

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