Petrusbrief (2)

Und wenn ihr den als Vater anruft, der jeden ohne Ansehen der Person nach seinem Tun beurteilt, dann führt auch, solange ihr in der Fremde seid, ein Leben in Gottesfurcht. Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel. Er war schon vor der Erschaffung der Welt dazu ausersehen und euretwegen ist er am Ende der Zeiten erschienen. Durch ihn seid ihr zum Glauben an Gott gekommen, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, sodass ihr an Gott glauben und auf ihn hoffen könnt. (1Petr 1,17-21)

Der Erste Petrusbrief möchte die Gläubigen dazu ermutigen, in der sie umgebenden Bedrängnis ein Leben aus der Freude der Auferstehung zu führen. Versuchen wir uns einmal, in diese Situation hineinzuversetzen. Es war für die Gläubigen damals ein großer Schritt, Christen zu werden. Was christliches Leben bedeutet, war damals dem Großteil der Bevölkerung ziemlich unbekannt. Zudem war der Zutritt zu den christlichen Gottesdiensten nur den Getauften gestattet. Wir können uns gut vorstellen, dass damals viele unschöne Gerüchte über die Christen im Umlauf waren.

Und dann schließt sich einer dieser verdächtigen Gemeinschaft an. Was hat die Menschen damals dazu bewogen, Christen zu werden? Christ werden, das bedeutete damals auch, Außenseiter zu sein, nicht mehr an den großen öffentlichen Festlichkeiten teilnehmen zu dürfen, ein weitgehend enthaltsames Leben zu führen. Wer möchte so etwas freiwillig tun?
Es war die Sehnsucht nach dem Heil, das viele dazu veranlasst hat, Christen zu werden.

Sie haben erkannt, dass irdischer Reichtum nicht glücklich macht, dass die heidnischen Götter und auch die modernen Kulte letztlich kein Heil bringen können. Sie waren enttäuscht von dem ausschweifenden Leben der Großstädte, von der Oberflächlichkeit und Verschwendung, aber auch von der Gier und der Brutalität, die dort herrschten.
Die Christen waren anders. Sie bildeten eine wirkliche Gemeinschaft, in der soziale Unterschiede nicht zählten, in der man sich aufeinander verlassen konnte und die vor allem auch eines kannte: einen Gott, der die Menschen liebt, der die Menschen von Schuld befreit, der dafür aber keine Opfer verlangt, wie andere Götter, sondern der sich selbst geopfert hat für das Heil der Menschen. Einen Gott, der sich „Vater“ nennen lässt, nicht ein Vater wie Zeus, der launisch und brutal ist, sondern ein liebender Vater, der für seine Kinder sorgt.

Und dieser Vater hat in seiner Liebe seinen Sohn auf die Erde gesandt, der sich geopfert hat für das Heil der Menschen, der sich geopfert hat, wie ein Lamm, nicht wie ein mächtiger Stier. Gottes Sohn kam friedlich wie ein Lamm auf die Welt, ein Lamm, das keinem etwas zuleide tut, ein Lamm, rein und ohne Makel, ein Lamm, das in seinem ganzen Sein die Liebe verkörpert, Liebe ohne Machtgelüste, ohne Falschheit, ohne Lüge. Die Heiligkeit und Liebe dieses Gottes hat die Menschen dazu veranlasst, sich denen anzuschließen, die an diesen Gott glauben und selbst ein neues Leben anzufangen, ein Leben, in dem sie selbst bereit sind, diese unverfälschte Liebe zu leben.

Der Wahrheit gehorsam, habt ihr euer Herz rein gemacht für eine aufrichtige Bruderliebe; darum hört nicht auf, einander von Herzen zu lieben. Ihr seid neu geboren worden, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen: aus Gottes Wort, das lebt und das bleibt. Denn alles Sterbliche ist wie Gras und all seine Schönheit ist wie die Blume im Gras. Das Gras verdorrt und die Blume verwelkt, doch das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit. Dieses Wort ist das Evangelium, das euch verkündet worden ist. (1Petr 1,22-25)

Die unverfälschte Liebe soll das Kennzeichen der Christen sein. Das hat Jesus Christus verkündet. Die Liebe ist die Botschaft Gottes an uns Menschen und diese Liebe ist unvergänglich. Alles Irdische vergeht, wie Gras, das verdorrt. Irdischer Reichtum vergeht, irdische Freuden sind begrenzt. Worauf also kann ich mein Leben bauen? Was ist der Sinn des Lebens? Ist das Leben nicht doch letztlich sinnlos? Soll ich dann nicht doch die irdischen Freuden genießen, solange ich kann? Soll ich irdischen Reichtum anhäufen, soviel wie mir möglich ist?

Oder gib es diesen Gott, der das unvergängliche Glück für mich bereithält, ein Glück, das ich nie erreichen kann, selbst wenn ich alle irdischen Freuden maximal auskoste? Gibt es etwas Unvergängliches, für das es sich lohnt, auf das Vergängliche zu verzichten, eine unvergängliche Freude, um derentwillen ich die vergänglichen Freuden gering achte, ein ewiges Heil, für das ich jetzt sogar Bedrängnisse auf mich nehme?

Die Erfahrung, diesem Gott begegnet zu sein, ihn nicht nur von den Erzählungen anderer zu kennen, sondern selbst die Erfahrung zu machen: ja, es gibt diesen Gott, der mich liebt, der mich erlöst hat, der mir das Heil schenkt und mich in seine Nähe ruft, das war die Kraft, die die Menschen damals veranlasst hat, Christen zu werden und im Namen Jesu Christi auch Leiden und Bedrängnisse auf sich zu nehmen. Diese Erfahrung ist auch heute möglich.

Mein Vater,
ich überlasse mich dir,
mach mit mir, was dir gefällt.
Was du auch mit mir tun magst, ich danke dir.
Zu allem bin ich bereit, alles nehme ich an.
Wenn nur dein Wille sich an mir erfüllt
und an allen deinen Geschöpfen,
so ersehne ich weiter nichts, mein Gott.
In deine Hände lege ich meine Seele.
Ich gebe sie dir, mein Gott,
mit der ganze Liebe meines Herzens,
weil ich dich liebe,
und weil diese Liebe mich treibt,
mich dir hinzugeben,
mich in deine Hände zu legen,
ohne Maß,
mit einem grenzenlosen Vertrauen;
denn du bist mein Vater.
(Charles de Foucauld)