Offenbarung des Johannes (2)

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Die Offenbarung ist in Briefform verfasst und beginnt mit einem Sendschreiben an sieben Gemeinden in Asien. Diese Gemeinden stehen symbolisch für die ganze Kirche, worauf die Siebenzahl hinweist. Gott schenkt Frieden. Er ist es, der war und der ist und der kommen wird. Alle Zeit ist sein. Gottes Ewigkeit umspannt unsere Zeit. Er ist immer gegenwärtig.

Christus wird dargestellt als der Retter, der die Menschen aus Liebe mit seinem Blut erlöst hat, er ist das Wort Gottes, er hat uns Gott wahrhaft verkündet und thront als der Auferstandene zur Rechten des Vaters als Herrscher über die ganze Erde. Wir sind berufen, an seinem Amt teilzuhaben als Könige und Priester für Gott. Seine Wiederkunft erwarten wir. Sie wird allen sichtbar sein. Gott selbst spricht. Er ist Alpha und Omega, Anfang und Ende, Herrscher über Zeit und Ewigkeit.

Am Tag des Herrn, also am Sonntag, hat Johannes zunächst eine Audition. Er hört hinter sich eine laute Stimme, gleich einer Posaune. Es ist damit ein langgezogenes, metallenes Blasinstrument mit Mundstück und Schalltrichter gemeint. Als lautestes aller damaligen Instrumente wird es oft im Zusammenhang von apokalyptischen Schilderungen oder Theophanien, wie beispielsweise am Sinai, erwähnt.

Als er sich umwendet, sieht Johannes sieben Leuchter, Symbol für die sieben Adressatengemeinden der Offenbarung, aber auch für die gesamte Kirche. Die Leuchter sind aus Gold, dem damals reinsten und edelsten aller Metalle, ein Zeichen dafür, wie wertvoll die Gemeinde und jeder einzelne für Gott ist. Christus hat ja selbst gesagt: Ihr seid das Licht der Welt. Und Christus ist in seiner Kirche gegenwärtig. Johannes sieht zwischen den Leuchtern eine Gestalt gleich einem Menschensohn. Dieser Begriff stammt aus dem Buch Daniel und wurde schon früh zur Christusprädikation. Der kundige Leser weiß also sofort, dass es sich dabei um niemand anderen als Christus handeln kann, wenngleich sich Christus erst wenige Verse später selbst unmissverständlich durch sein Wort zu erkennen gibt.

Johannes beschreibt diesen Menschensohnähnlichen. Das lange Gewand und der goldene, durch die Achselhöhlen und über die Brust laufende Gürtel deuten auf eine vornehme Person, einen Herrscher oder Priester hin. Christus wird dargestellt als der wahre und endgültige Hohepriester.

Leuchtendweißes Haupt und Haare weisen hin auf alttestamentliche Gottesbilder und symbolisieren die Reinheit Gottes. Augen wie Feuerflammen durchdringen alles, ihnen bleibt nichts verborgen. Die Füße aus Golderz, einer Legierung, die als noch wertvoller galt als Gold, zeigen das Gewicht und die machtvolle Würde der Person. Der Klang der Stimme ist majestätisch, wie das Tosen von Wassermassen, wie die Stimme Gottes im Alten Testament.

Christus hält in seiner rechten Hand, der Herrscherhand, sieben Sterne, Symbol für die Engel der sieben Gemeinden, aber auch wieder für die gesamte Kirche. Die Gerechten sind in Gottes Hand und niemand kann sie seiner Macht entreißen, wie es im Alten Testament heißt. Christus nimmt die Gläubigen unter seinen Schutz, er ist mächtiger als alle anderen Mächte. Jedoch können die Gläubigen aus diesem Schutz herausfallen, wenn sie nicht mehr nach Gottes Willen leben und sein Wort missachten. In dieser Gefahr stehen die sieben Gemeinden. Christus ist zugleich auch Richter. Dies zeigt das Schwert aus seinem Mund, Christus richtet durch sein Wort.

Noch einmal kommt das leuchtende Antlitz Christi in den Blick. Es ist der Glanz der Gottheit, vor dem Mose schon sein Gesicht verbergen musste und den der Mensch nicht ertragen kann, ohne zu sterben. So sinkt auch Johannes nieder, wie tot. Doch die rechte Herrscherhand Christi ist zugleich auch seine Segenshand. Er richtet seinen Diener auf. Fürchte dich nicht. Nun gibt sich Christus durch sein Wort zu erkennen. Er ist der Erste und der Letzte und der Lebendige, alles alttestamentliche Gottesprädikationen, die bewusst auf Christus angewandt werden, um ihn als wahren Gott zu zeigen. Er ist der Auferstandene. Er hat durch seinen Tod und seine Auferstehung das dämonische Paar, Tod und Hades, besiegt und ihnen den Schlüssel zur Unterwelt entrissen. Nun herrscht Gott auch über den Ort, zu dem er nach alttestamentlichen Vorstellungen keinen Zutritt hatte.

Die Sendschreiben an die sieben kleinasiatischen Städte Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea stehen stellvertretend für die Kirche auf der ganzen Erde. Gott kennt die Nöte der Gläubigen, aber er weiß auch, was jeder tun könnte und wo er hinter dem zurück bleibt, was möglich wäre. Lauheit ist abscheulich. Entweder heiß oder kalt. Jeder muss sich entscheiden und wie es so oft in der Offenbarung deutlich wird, die Entscheidung drängt. Wer umkehrt, erlangt Verzeihung, wer sich aber selbst etwas vormacht und sich für perfekt hält, obwohl er es nicht ist, dem droht das Gericht. Gott kann man nichts vormachen.

Hans Urs von Balthasar bezeichnet die Sendschreiben als Beichte der Gemeinden:

Die sieben Schreiben an die Gemeinden bilden zusammen eine Beichte der Kirche, die der Herr der Kirche an ihr vornimmt und die wie jede christliche Beichte zugleich etwas unerbittlich Richtendes und etwas unendlich gnadenhaft Aufrichtendes hat. So ist auch diese vom Himmel her ergehende Bloßlegung des ganzen Zustandes der Kirche keine pauschale, sondern eine – wie es sich in der Beichte gehört – minutiös differenzierte, alle verborgenen Winkel auslotende Schau.

Das vierte und fünfte Kapitel der Offenbarung versetzen den Seher und mit ihm auch den Leser in die Welt des Himmels. Wir sehen Gott auf seinem Thron, umgeben von vierundzwanzig Ältesten. Blitze, Stimmen und Donner gehen vom Thron aus. Die sieben Geister Gottes stehen als lodernde Fackeln vor dem Thron und vier Lebewesen, die uns schon in den Visionen der Propheten Jesaja und Ezechiel begegnen, und zu Symbolen der vier Evangelisten geworden sind: Löwe, Stier, Mensch und Adler. Vor dem Thron Gottes ereignet sich eine ewige Liturgie, die vom Ruf des Dreimal-Heilig geprägt ist.

Offenbarung des Johannes (1)

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An den Sonntagen der Osterzeit hören wir im Lesejahr C verschiedene Stellen aus der Offenbarung des Johannes, ein guter Anlass dafür, dieses Buch und die betreffenden Stellen näher zu betrachten.

Der Titel Apokalypse oder Geheime Offenbarung geht auf das erste Wort des Buches zurück, das auf Griechisch Apokalypsis, zu Deutsch Offenbarung, heißt. Apokalyptische Visionen gab es bereits im Alten Testament und bis heute gibt es eine Flut apokalyptischer Literatur. Meist verbindet man mit dem Wort Apokalypse etwas Zerstörerisches, Visionen vom Weltuntergang. In seiner Grundbedeutung, in der es auch als Überschrift über diesem Buch steht, meint es einfach nur Offenbarung. Das Buch gibt Zeugnis von einer verborgenen Wirklichkeit, gibt Kunde von den Geheimnissen der Schöpfung.

Als Name des Autors wird Johannes angegeben. Ihm zeigt ein Engel die Offenbarung, die Christus von Gott empfangen hat. Es ist einer der sieben Engel, die vor dem Angesicht Gottes stehen. Der Engel ist der Mittler der Visionen an Johannes und ist auch der, der sie deutet. Im Bild, das ich zum ersten Vers der Offenbarung gewählt habe, wird dem Seher Johannes symbolisch das, was er erst in Visionen schauen wird, aus dem Himmel herab in einem Buch übergeben. Dies weist hin auf die Vision in Kapitel 10, in der Johannes vom Himmel ein Buch erhält, das zu essen er aufgefordert wird. Der Prophet verinnerlicht somit ganz das, was ihm offenbart wird.

Über die Person des Johannes gibt es verschiedene Auffassungen. Die griechische Sprache der Apokalypse und die vielen Anklänge an das Alte Testament weisen auf einen judenchristlichen Verfasser hin. Die frühkirchliche Tradition, darunter Justin der Märtyrer und Irenäus von Lyon, hat den Autor der Apokalypse mit dem Apostel und Evangelisten Johannes gleichgesetzt. Johannes soll ja ein sehr hohes Alter erreicht haben und noch unter dem zur Jahrhundertwende regierenden Kaiser Trajan der Gemeinde von Ephesus vorgestanden haben. Schon immer aber gibt es auch Zweifel an dieser Gleichsetzung.

Entstanden ist die Apokalypse der Tradition nach, wie es Vers 9 sagt, auf der Insel Patmos in Kleinasien, wohl um das Jahr 95, unter der Herrschaft des Kaisers Domitian (81-96). Dieser intensivierte den Kaiserkult und ließ sich seit dem Jahr 85 “dominus et deus noster” (unser Herr und Gott) nennen, was unter den Gläubigen heftige Irritationen ausgelöst hat. Die aus christlicher Sicht unumgängliche Ablehnung eines derartigen Kaiserkultes führte zu Ausgrenzung und Verfolgung der Christen.

Jedoch dürfen wir die Offenbarung nicht nur als eine in diese Zeit hinein gesprochene Trostschrift verstehen, sondern sie ist zu allen Zeiten aktuell. Wie Lukas sein Evangelium mit der Apostelgeschichte bis in die Zeit der jungen Kirche erweitert hat, so können wir auch die Offenbarung des Johannes als Gegenwärtigsetzung seines Evangeliums in die Zeit der Kirche betrachten.

Wie schon im Evangelium, geht Johannes auch hier eigene Wege. Nicht chronologisch und historisch wie Lukas geht er vor, sondern mit einer Fülle von Bildern sprengt er die logische Folge von Zeit und Geschichte. Das verwirrt uns aufgeklärte Menschen, die wir alles mit der Logik des Verstandes durchdringen möchten. Doch das Geheimnis Gottes übersteigt menschliche Logik und genau zu diesem Punkt möchte uns Johannes führen, damit wir so Gottes Größe erkennen.

Die Bilder der Apokalypse wollen nicht in eine zeitliche Reihenfolge gepresst und historisch ausgedeutet werden. Sie zeigen das, was immer geschieht, auf verschiedene Weise, und gehen ineinander über und auseinander hervor. Die einzelnen Siebener-Reihen beispielsweise sind nicht in sich abgeschlossen, sondern untrennbar miteinander verwoben.

Der Kampf zwischen dem Reich des Tieres und den Getreuen des Lammes, von dem die Offenbarung berichtet, tobt zu allen Zeiten. Er ist kennzeichnend für den Zustand dieser Welt und wird erst enden, wenn Gottes neue Schöpfung Wirklichkeit geworden ist. Zwar ist Gottes neue Schöpfung schon verborgen in der Welt gegenwärtig, aber erst dann, wenn sie in ihrer Fülle offenbar werden wird, gibt es keinen Raum mehr für die Mächte des Bösen.

In alle Zeiten ergeht daher der mahnende Ruf des Sehers an die Gemeinden, treu in der Liebe zum Herrn zu stehen. Lassen auch Sie sich von seinen Bildern leiten und schmälern Sie nicht deren Kraft durch scheinbar logische und historische Deutungen. Versuchen Sie nicht zu verstehen, sondern tauchen Sie ein in die Vielfalt der Bilder, die in immer anderen Aspekten das deuten, was Sie im Hier und Jetzt erleben. Lassen Sie sich rufen vom Ruf zur Umkehr. Diese ist sicher nicht leicht, aber wird belohnt mit unvorstellbarem Glück.

Hans Urs von Balthasar gibt in „Das Buch des Lammes“ folgende Zusammenfassung des Inhalts der Offenbarung:

Die Offenbarung hat den Sinn der Weltgeschichte und damit der Schöpfung im Ganzen zum Inhalt, so wie dieser aus der Perspektive des einzig zuständigen Lammes aufgeht, ein Sinn aber, der nicht einfach abgelesen werden kann, sondern durch das Sich-Ereignen des Ganzen hindurch sich erschließt: durch das Handeln des Lammes zuerst, da es geschlachtet wurde und nun lebend dasteht, durch das Handeln der Menschen, die den Sinn dieses Handelns selber handelnd entweder für treu und zuverlässig halten oder sich ihm gegenüber ablehnend verhalten. Und da jedem die Freiheit zum Glauben und zum Nichtglauben bleibt, wird dieser Sinn nicht in einer platten Geschichtserzählung dessen, was kommen wird, dargelegt, sondern in Visionsbildern, die das Weltgeschehen, das sich zwischen Himmel und Erde vollzieht, in zugleich offenbarenden und Geheimnis bleibenden Gestalten vorzeigen.

Psalm 23 – Der Gute Hirte (2)

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Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.

Der Beter des Psalms weiß, dass im Leben nicht alles glatt geht, dass es auch dunkle Schluchten zu durchwandern gilt. Der Weg führt weg von der Weide ins dunkle Tal. Die hebräische Formulierung lässt keinen Zweifel, woran der Beter denkt: An das Tal der Todesschatten, an den Tod selbst. Auch in dieser ausweglosen Situation hat der Beter keine Angst, weil er sich bei Gott weiß. Diese Nähe Gottes kommt auch sprachlich zum Ausdruck. Die Anrede Gottes wechselt plötzlich vom Er zum Du. Aus dem eher ungleichen und unpersönlichen Verhältnis des Schafes zu seinem Hirten ist ein persönliches Verhältnis der Freundschaft mit Gott geworden.

Der Weg durch die Finsternis schweißt zusammen. Viele Heilige haben Gott erst im Dunkel besonders erfahren, sie mussten einen Zustand der scheinbaren Gottferne durchschreiten, um Gottes Nähe zu entdecken. Auch von menschlichen Freundschaften kennen wir dies, dass eine tiefe Nähe gerade bei Extremsituationen entsteht. Hier zeigt sich auch der wahre Freund, mit dem man durch Dick und Dünn gehen kann.

Selbst in der tiefen dunklen Schlucht fürchtet sich der Beter nicht. Stock und Stab sind Keule und Hirtenstab des orientalischen Hirten. Die Keule ist da, um wilde Tiere zu vertreiben, mit dem krummen Hirtenstab angelt der Hirt das Schaf herbei, das vom Weg abgerät. So kommt die Herde sicher durch die Schlucht und wie wir gleich sehen werden, erwartet sie danach etwas, das noch herrlicher ist als die schönsten Weiden, auf denen sie bisher gelagert haben.

Der Weg durch die finstere Schlucht ist wichtig für unser Leben. Wir können auf der saftigen Weide bleiben und es uns dort gemütlich machen. Dann werden wir aber nie entdecken, was hinter dem nächsten Hügel ist. Mag sein, dass vielen Menschen die eigenen vier Wände genug sind. Was braucht man mehr? Unsere moderne Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft gaukelt uns ja vor, dass dies die größte Erfüllung ist. Viele wollen uns zu Menschen machen, die einfach nur Konsumieren, sich berieseln lassen und damit zufrieden sind.

Wer mehr sehen will, wir gefährlich. Wer aufbricht und sich auf den Weg macht, kann Dinge entdecken, die ihn unruhig werden lassen. Wer nicht aufbricht, bleibt das dumme Schaf. Erst wer aufbricht wird zum Freund und Partner Gottes, der mit ihm die Welt gestaltet und Gottes Schöpfung denen entreißt, die sie plündern und zerstören. Nur wer aufbricht kann zur Fülle des Lebens finden, das Gott in die Schöpfung gelegt hat und wer den Grund dieses einmal entdeckt hat, wird alles daran setzen, es zu schützen und zu bewahren vor den Feinden des Lebens.

Mit Gott gelingt uns der Aufbruch. Er ist bei uns. Stehen wir auf. Gehen wir. Wir kennen den Weg nicht. Er führt uns durch unbekannte Landschaften. Es ist ein enger und schwerer Weg. Aber Gott geht mit uns. Er kennt das Ziel. Wenn wir uns von ihm leiten lassen, werden wir selbst unsere Erfüllung finden.

Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl, du füllst mir reichlich den Becher.

Nun wechselt die Perspektive des Psalms. Zunächst hat der Beter die Fürsorge Gottes als des guten Hirten erfahren. Dann ist er mit Gott durch die finstere Schlucht gewandert und aus dem eher unpersönlich für ihn sorgenden Gott ist die Erfahrung eines Gottes geworden, der ein Freund und Begleiter ist, ein lebendiges Du, das mit dem Beter den Weg des Lebens geht. Die neu erfahrene Nähe Gottes zeigt sich im Bild der Gastfreundschaft, bei dem der Beter Geborgenheit findet, und zwar für immer.

Als guter Gastgeber beschützt Gott den Beter vor seinen Feinden und bereitet ihm ein reiches Mahl. Wie es Brauch ist, salbt er den Gast mit Öl, was zum einen ein Reinigungsritual ist, zum anderen aber auch die Würde des Gastes betont. Könige und Propheten werden gesalbt. Gott gibt dem Menschen Anteil an seiner Würde. Indem der Mensch sich von Gott leiten – regieren, oder auch dirigieren – lässt (im Anklang an Vers 1), wird er selbst zu einem, der andere leiten kann. Nun gibt es nicht mehr nur frisches Grün und sprudelndes Wasser, sondern köstliches Speisen und kostbaren Wein.

Zugleich bringt dieser Vers aber ein Bild, das uns leicht irritiert. Es ist von den Feinden die Rede, vor deren Augen das alles geschieht. Warum reicht es nicht, dass Gott den Beter so beschenkt? Warum muss hier noch besonders zur Sprache kommen, dass er es vor den Augen der Feinde tut? Wir haben im letzten Abschnitt bereits gesehen, dass derjenige, der sich mit Gott auf den Weg macht, anecken wird, weil es viele gibt, die ihn nicht verstehen, oder mehr noch, die ihn von diesem Weg abhalten möchten.

Für den Beter des Psalms sind die Feinde eine nicht wegzudenkende Realität. Israel war schon immer von Feinden umgeben, die es bedroht haben. Aber Gott beschützt sein Volk, er schützt jeden Menschen, der ihm vertraut. Die Feinde können ihm nichts anhaben, ja mehr noch, Gott wird ihn vor ihren Augen erhöhen. Was kann dies besser schildern als das Bild von einem Menschen, der in Ruhe am gedeckten Tisch sitzt und es sich schmecken lässt, während rings herum die Feinde toben, aber nicht an ihn heran kommen. Er sitzt wie hinter einer unzerstörbaren Glasscheibe, die ihn von den Feinden trennt.

Als Glaubende haben wir schon hier in dieser Zeit Anteil an Gottes ewigem Reich. Wir sind Kinder Gottes und gehören damit seinsmäßig zu einer anderen Wirklichkeit. Die Kinder dieser Welt können den Kindern Gottes zwar äußerlich Schaden zufügen, sie aber nicht wirklich besiegen. Das zeigen und die Märtyrer. Zwar mussten sie große Schmerzen leiden und wurden grausam hingerichtet, aber man konnte ihnen ihr Vertrauen auf Gott nicht nehmen. Ihre Peiniger konnten ihr Leben nicht auslöschen, denn nicht das irdische Leben ist ihr höchstes Gut, sondern das ewige Leben, und in dieses sind sie sicher hinübergegangen. Sie saßen, um im Bild des Psalms zu bleiben, bereits voller Freude beim himmlischen Gastmahl, während die Feinde an ihnen die grausame Marter vollzogen. So wird das Bild der Salbung auch zum Zeichen des Sieges, den Gott dem Beter schenkt.

Die Salbung mit Öl ist eine rituelle Handlung. Der Gesalbte ist Priester und König. Priestertum und Königtum im Sinne der Schrift sind nicht zunächst Funktionen, sondern Seinsweisen. Der Gesalbte gehört der göttlichen Sphäre an, nimmt teil an den Gesetzen der göttlichen Welt und an ihrer Grundverfassung: der Freude. Königlich ist die Tafel, an der er Platz nimmt, königlich der Becher.

(Robert Spaemann)

Die Christen haben dann auch schon sehr früh diesen Vers des Psalms auf die Eucharistie gedeutet. Hier haben die Menschen schon in dieser Welt Anteil am himmlischen Hochzeitsmahl.

Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.

Der letzte Vers des Psalms nimmt Bezug auf den Anfang und überbietet ihn zugleich. Der Beter ist nicht mehr das vom Hirten umsorgte Schaf, dem es auf seiner Weide gut geht, das aber vielleicht doch einmal geschlachtet wird. Er ist auch mehr als der im vorhergehenden Vers gezeigte Gast, der die Fürsorge des Gastgebers genießt. Der Beter ist vielmehr zum Freund Gottes geworden. Er sitzt mit Gott zu Tisch und zwar nicht nur für drei Tage, wie es der Pflicht des Gastgebers entspricht, sondern viele Tage lang, was so viel bedeutet wie unbegrenzt.

Es sind jetzt auch nicht nur die einen oder anderen Dinge, und mögen sie noch so schön und nützlich sein, die er bekommt. Wir sehen hier nochmals eine Seigerung. Sind zuvor aus frischem Grün und fließendem Wasser ein köstliches Mahl und erlesener Wein geworden, so sind es nun Gottes Güte und Huld, die dem Beter geschenkt werden. Nahrung brauchen wir zum Überleben, aber Gottes Güte und Huld schenken uns Leben, wahres, unvergängliches Leben, Leben in Fülle.

So will uns der Beter zeigen, was das Entscheidende im Leben ist. Die begehrenswertesten materiellen Güter verblassen angesichts dessen, was Gott uns schenken kann. Sie übertreffen das Vorausgehende nicht allein in ihrer Unvergänglichkeit. Es ist alles, was ein Mensch sich erhoffen kann. Gott schenkt sich ihm selbst aus der Fülle seines Herzens. Bei Gott darf ich wohnen, mit ihm sein und seine Zuneigung genießen – unvergänglich in Ewigkeit.

Psalm 23 – Der Gute Hirte (1)

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Der Herr ist mein Hirte.

Das Bild vom Hirten und den Schafen ist die zentrale Perspektive im ersten Teil des Psalms 23. Es ist ein Bild, das viele fasziniert und diesen Psalm zu einem der beliebtesten und bekanntesten Psalmen gemacht hat. Es fällt nicht schwer, ihn auswendig zu lernen und man meditiert ihn gerne. Das Bild vom Hirten, der seine Schafe auf die schönste Weide führt, das der Psalm dann weiter expliziert, ist angenehm zu betrachten.

Wenn der Psalm aber vor unseren Augen das Bild von Schafen und Hirt lebendig werden lässt, so tut er das nicht, um den Menschen als ein Tier ohne freien Willen darzustellen. Der freie Wille ist es ja, der den Menschen vom Tier unterscheidet. Der freie Wille allein ist aber keine Garantie, den richtigen Weg zu finden. Der Mensch braucht einen Führer, der ihn seine Würde erkennen lässt und ihm den Weg zeigt, gemäß dieser Würde zu leben.

Die freie Selbstbestimmung ist ein Mittel, sie ist nicht selbst das Ziel. Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, wir müssen uns nach ihr richten. Um dies zu können, müssen wir ihrer ansichtig werden. Sie muss uns gezeigt werden. Der Hirt – das ist der, der den Weg zeigt. Aber es ist auch der, der es erst möglich macht, diesen Weg zu gehen.

(Robert Spaemann)

Hirte sein, das war im Orient auch das Bild für einen guten Herrscher. In der alten lateinischen Fassung beginnt der Psalm 23 mit den Worten: Dominus regit me. Regere bedeutet führen, leiten, aber auch herrschen und ist verwandt mit rex – König. Der Regent soll einer sein, der die Menschen führt. Doch es gab in der Geschichte auch grausige Führer, die ganze Nationen in die Irre geführt haben.

Jesus Christus bezeichnet sich im Johannesevangelium (Joh 10) selbst guten Hirten und stellt sich damit in die Tradition der Gottesbilder des Alten Testaments, die Gott als Hirten seines Volkes sehen. Besonders deutlich wird dies bei den Propheten Ezechiel (Ez 34-37) und Sacharia (Sach 13) und eben im Psalm 23. Das Bild von Jesus als guten Hirten erfreut sich seit frühesten Zeiten größter Beliebtheit und ist vielleicht eine der ältesten Darstellungen, die sich Christen von Jesus gemacht haben. In den Katakomben von Rom finden wir über 140 Mal dieses Bild. Der vierte Sonntag der Osterzeit wird traditionell als “Sonntag vom Guten Hirten” gefeiert. Auf meiner Seite zu diesem Sonntag finden Sie mehr Gedanken zu diesem Thema.

Mir wird nichts fehlen.

Das Leben des Menschen ist geprägt von seiner Bedürftigkeit. Das Schaf ist zufrieden mit einer grünen Wiese und wir werden im nächsten Vers sehen, dass der gute Hirte die Schafe zur saftigsten aller Weiden führen wird. Als Menschen aber müssen wir für unseren Lebensunterhalt sorgen, müssen normalerweise irgendeiner Tätigkeit nachgehen. So kann Gottes Sorge um uns nicht bedeuten, dass wir es uns einfach gemütlich machen können und nichts tun brauchen.

Der Weg, den Gott führt, mündet in die Fülle. Wir sind nicht in der Fülle. Sorge, Fehlen, Mangel, Bedürftigkeit ist unsere Grundverfassung. Nichts von dem, was unser Wesen braucht, ist mit unserem Dasein schon mitgegeben. … Wir bleiben endliche und also bedürftige Wesen in alle Ewigkeit. Aber der Weg Gottes führt immer tiefer hinein in die Erfüllung. Mir wird nichts fehlen. Die fundamentale Bedürftigkeit hängt zusammen mit unserer Zeitlichkeit.

(Robert Spaemann)

Doch auch wenn wir in unserem Leben uns um die täglichen Bedürfnisse mühen müssen und unsere tiefste Sehnsucht noch unerfüllt bleibt, können wir schon jetzt Gottes Sorge erfahren. Wer im Vertrauen auf Gott lebt – und das bedeutet ja Glaube – der weiß darum, dass keine existentielle Not – und mag sie noch so groß sein – ihm letztlich schaden kann. Gott führt immer einen Weg aus der Finsternis zum Licht, aus der Trockenheit ans Wasser, aus der Wüste in fruchtbares Land.

Gott führt uns, das bedeutet, dass wir uns führen lassen, dass wir bereit sind, selbst dorthin zu gehen, wohin er uns weist. Gott wird uns aber auch nie zurück lassen, wenn wir schwach sind und nicht weiter können. Wenn es nötig ist, wird Gott uns tragen, wie ein verwundetes und schwaches Schaf. Gerade dieses Bild ist es ja, das die Menschen so fasziniert.

Ich kann das nicht machen. Ich kann nur immer wieder das loslassen, was mich von Gott fern hält, und lernen, mich in Gottes Arme fallen zu lassen. Vertrauen lernen auf Gott, indem ich die Bilder dieses Psalms meditiere.

 

Im Psalm 23 wird die Integrität, die ungeschmälerte Fülle heilen Lebens erfahren, die Gott aus freien Stücken, „um seines Namens willen“ (V.3) schenkt. Wenn ich die objektiv beschreibende, form- und wortanalytische „Behandlung“ des Textes als Sache hinter mir, diesen Psalm vor mich hinsage, ihn in mich hinein „murmle“, mich von den Worten in ihr Sagen ziehen lasse, fühle ich das tiefe Vertrauen, die Vertrautheit, ja Wärme in der Beziehung eines Menschen des Alten Bundes zu Gott.“

(Fridolin Stier)

 

 

 

Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.

Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.

 

Sich von Gott führen lassen, das bedeutet auch zu lernen, das Schöne im Leben zu sehen und jeden Tag als Geschenk zu betrachten. Wie wir die Welt sehen, hängt auch von den Augen ab, mit denen wir auf sie blicken.

 

Für den Glaubenden geht jeder Augenblick der Welt und des eigenen Lebens als ein ihm zugedachtes Ereignis neu aus der Hand Gottes hervor. Er findet darin eine immer neue Möglichkeit, den Willen des Vaters zu tun und darin sein Wesen zu verwirklichen. So findet er von Augenblick zu Augenblick die Speise, von der Christus spricht, frisches Grün und frisches Wasser.

(Robert Spaemann)

 

Wenn auch unsere Sehnsucht hier nie ganz zu ihrer Erfüllung gelangt – was wäre das für ein Leben, wenn man alles erreicht hätte – so wissen wir doch, dass einst all unsere tiefsten Wünsche erfüllt werden, wenn wir Gott sehen dürfen – ein Anblick, an dem wir uns in alle Ewigkeit nicht satt sehen können. Und doch will Gott uns auch schon jetzt die Geheimnisse seiner Schönheit offenbaren. Die Welt als seine Schöpfung gibt Zeugnis davon, wenn wir lernen, sie recht zu betrachten.

 

Wir dürfen wissen, dass Gott weiß, was wir bedürfen, ehe wir darum bitten. Das gibt unserem Gebet größte Zuversicht und fröhliche Gewissheit.

(Dietrich Bonhoeffer)

 

Um seines Namens Willen, weil wir seine Kinder sind und Gott keine anderen Absichten hat, als uns das Heil zu schenken, wir er für uns sorgen, jeden Tag neu.

 

Das Gleichnis vom Sämann (Mk 4,1-20)

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Ein andermal lehrte er wieder am Ufer des Sees und sehr viele Menschen versammelten sich um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot auf dem See und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer. Und er sprach lange zu ihnen und lehrte sie in Form von Gleichnissen. Bei dieser Belehrung sagte er zu ihnen:

Hört! Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen sie. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat und sie brachte keine Frucht. Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht; die Saat ging auf und wuchs empor und trug dreißigfach, ja sechzigfach und hundertfach.

Und Jesus sprach: Wer Ohren hat zum Hören, der höre! (Mk 4,1-9)

Jesus spricht dieses Gleichnis zu einer großen Menschenmenge. Als er dann aber mit seinen Jüngern allein ist, deutet er ihnen die Gleichnisse. Wir sehen Jesus als Lehrer, der öffentlich auftritt, aber auch seinen Schülern im engeren Kreis eine tiefergehende Belehrung zukommen lässt.

Als er mit seinen Begleitern und den Zwölf allein war, fragten sie ihn nach dem Sinn seiner Gleichnisse. Da sagte er zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes anvertraut; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen gesagt; denn sehen sollen sie, sehen, aber nicht erkennen; hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen nicht vergeben wird. (Mk 4,10-12)

Die Grenze zwischen denen, die drinnen, und denen, die draußen sind, ist fließend. Jeder Mensch kann selbst wählen, wohin er gehören möchte. Zwar gibt es auch solche, die der Herr in besonderer Weise erwählt hat, aber diese Erwählung hat mehr Zeichencharakter und ist nicht gleichbedeutend mit besonderen Privilegien. Gerade in dem Kreis der Erwählten befindet sich der Verräter. Wer Jesu Lehre verstehen will, der muss bereit sein, sich in seine Nähe zu begeben, und seinem Wort zu lauschen.

Und er sagte zu ihnen: Wenn ihr schon dieses Gleichnis nicht versteht, wie wollt ihr dann all die anderen Gleichnisse verstehen?

Der Sämann sät das Wort. Auf den Weg fällt das Wort bei denen, die es zwar hören, aber sofort kommt der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät wurde. Ähnlich ist es bei den Menschen, bei denen das Wort auf felsigen Boden fällt: Sobald sie es hören, nehmen sie es freudig auf; aber sie haben keine Wurzeln, sondern sind unbeständig, und wenn sie dann um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt werden, kommen sie sofort zu Fall. Bei anderen fällt das Wort in die Dornen: sie hören es zwar, aber die Sorgen der Welt, der trügerische Reichtum und die Gier nach all den anderen Dingen machen sich breit und ersticken es und es bringt keine Frucht. Auf guten Boden ist das Wort bei denen gesät, die es hören und aufnehmen und Frucht bringen, dreißigfach, ja sechzigfach und hundertfach. (Mk 4,13-20)

Es sind nur wenige, die ausdauernd den Willen Gottes tun. Das macht Jesus im Gleichnis vom Sämann deutlich. Hier und in den folgenden Gleichnissen zeigt Jesus, wie es um einen Menschen, der in das Reich Gottes gelangen möchte, bestellt sein muss. Doch trotz aller Schwierigkeiten wird es Menschen geben, denen dies gelingt und so wächst das Reich Gottes durch die Kraft, die Gottes Gnade schenkt.

Jesus verkündet den Menschen das Reich Gottes. Er ist der Sämann, der den Samen des Wortes Gottes aussät. Wir alle sind in den Dienst der Verkündigung gerufen, um diese Botschaft Jesu weiterzugeben. Wir wissen nicht, wo der Samen hinfällt. Wenn der Sämann das vorher wüsste, würde er den Samen ja nur auf den guten Boden werfen, von dem er für das wertvolle Saatgut auch reichen Ertrag erwarten kann. Alles andere wäre doch nur Verschwendung. „Der begreift das eh nicht, bei dem braucht man erst gar nicht anfangen, ihm etwas zu erklären.“ So haben wir sicher schon einmal gedacht. Jesus denkt anders. Er nimmt das Risiko in Kauf, dass nicht jeder Samen auf guten Boden fällt und gibt jedem die gleiche Chance sein Wort zu hören. Daher dürfen wir uns auch nicht nur an die wenden, von denen wir meinen, dass sie gut genug sind, uns zuzuhören. Wir wissen vorher nie, was das Wort Gottes in dem anderen bewirkt. Erst mit der Zeit wird sich zeigen, welche Frucht es bringt.

 

 

3. Sonntag der Osterzeit

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Noch einmal hören wir heute im Evangelium von einer Erscheinung des Auferstandenen. Sieben Jünger, Petrus, Thomas, Natanael, Jakobus, Johannes und zwei ungenannte sind nach Galiläa gegangen. Nach Jesu Tod fehlt ihnen zunächst die Perspektive. Wahrscheinlich war es auch die Angst vor der Verfolgung durch die jüdische Obrigkeit, die sie nach Galiläa fliehen ließ. Und sie müssen ja von irgendetwas leben. Warum daher nicht bei dem bleiben, was man gut kann: Fischen. Zumindest von Petrus, Jakobus und Johannes wissen wir sicher, dass sie vor ihrer Berufung Fischer gewesen sind. Da Fischer ein durchaus ehrenwerter Beruf ist, bedeutet es für sie keinerlei Komplikationen, ihn wieder auszuüben. Ihre Familien werden sich ja weiterhin dieser Arbeit gewidmet haben, so dass es auch am nötigen Arbeitszeug nicht mangelt.

Sie sind die ganze Nacht auf dem See, doch ohne Erfolg. Als es Morgen wird, steht jemand am Ufer, ruft ihnen zu, ermuntert sie, es noch einmal zu versuchen und nicht aufzugeben. Das Netz wird übervoll. Da erkennen sie ihn:

Es ist der Herr!

Die Jünger erkannten Jesus zunächst nicht – wie so oft, als der Auferstandene ihnen erschien. Es brauchte Zeichen dafür, dass er es ist, das Brechen des Brotes oder die Erinnerung an ein früheres Erlebnis mit Jesus. Hier ist es die Weisung Jesu, auf sein Wort hin die Netze auszuwerfen – wie damals, am Anfang, als Jesus sie zu Jüngern berufen hat nach jener Nacht, als sie mit leeren Händen von ihrer Arbeit ans Land gerudert sind.

Jesus sorgt sich um die Jünger. Er fragt sie, ob sie etwas zu essen haben. Dabei hat er schon alles, was nötig ist, vorbereitet, ein Feuer, Fisch und Brot. Es ist alles da, und doch will Jesus, dass die Jünger auch selbst etwas beitragen. Ihr überreicher Fang ist ein Geschenk aus Gottes überfließender Gnade.

Kommt her und esst!

Im Mahl entsteht die vertraute Gemeinschaft mit dem Herrn. Doch hier isst er nicht mehr mit ihnen, sondern er teilt aus, gibt sich selbst, wie es von nun an in der Eucharistie geschieht. Wir stehen hier am Übergang von der leiblichen hin zur eucharistischen Mahlgemeinschaft mit dem Herrn. In der Begegnung mit dem Auferstandenen ist nicht mehr seine leibliche und sichtbare Gegenwart entscheidend, sondern seine Gegenwart im Herzen der Glaubenden. Jesus will Herzensgefährte sein, will im Innern eines jeden von uns leben.

Den Jüngern, die sich abmühen und die niedergeschlagen sind, steht Jesus bei. … Er zeigte sich ihnen aber nicht sofort, sondern wollte zuerst ein Gespräch mit ihnen beginnen und spricht mit ihnen auf menschliche Weise. … Damit sie aber Ehrfurcht bekämen, gab er ihnen ein Zeichen, durch das sie ihn erkennen sollten. … Die Jünger aber wagten nicht mehr mit ihm zu sprechen wie zuvor, sondern mit Schweigen und großer Ehrerbietung saßen sie da und blickten auf ihn. Sie sahen auch, dass er eine andere Gestalt hatte, und sie waren dabei so voller Bewunderung und Erstaunen, dass sie ihn nicht fragen wollten. Die Furcht, die aus dem Wissen kam, dass er der Herr war, verbot es ihnen, Fragen zu stellen.

Johannes Chrysostomus

Es ist eine eigenartige Szene, die Johannes uns hier schildert. Und doch geschieht hier etwas ganz Entscheidendes. Die Jünger erkennen den Herrn und sind sich von nun an seiner bleibenden Gegenwart unter ihnen bewusst, einer neuen Gegenwart, die sich von der bisher gewohnten unterscheidet. Das müssen die Jünger realisieren, aber dann gehen sie gestärkt an ihre neue Aufgabe, Zeugen des Auferstandenen zu sein.

Nach dem Abstieg in das Totenreich und der Auferstehung von den Toten, kehrten die Jünger zu ihrer Tätigkeit zurück, zurück zu ihren Schiffen und Netzen. Sie waren traurig ob deines Weggehens, Christus, was verständlich ist. Doch sie taten keinen Fang. Du aber, Heiland, erscheinst als Gebieter des Alls und befiehlst, die Netze nach der rechten Seide auszuwerfen. Das Wort wurde befolgt und groß war die Menge der Fische, unerwartet aber das Mahl, das ihnen bereitet am Land. Wie die Jünger daran teilnahmen, so würdige auch uns jetzt teilzuhaben in geistlicher Freude, menschenliebender Herr!

Du zeigtest dich deinen Jüngern, Erlöser, nach Deiner Auferstehung, und hast den Simon beauftragt, deine Schafe zu weiden. Von seiner Liebe hast du die Sorge um die Herde gefordert. Deshalb sagtest du: Wenn du mich liebst, Petrus, weide meine Lämmer, weide meine Schafe! Dieser bewies sogleich seine Liebe und fragte wegen des anderen Jüngers. Auf ihre Fürbitten, Christus, bewahre Deine Herde vor den Wölfen, die sie verderben wollen.

Gebet der Ostkirche

Sonntag der Barmherzigkeit

Auferstandener_4

An allen drei Lesejahren hören wir am zweiten Sonntag der Osterzeit einen Text aus der Apostelgeschichte, der das Leben der jungen Kirche schildert. In diesen Texten wird deutlich, wie die Frucht der Barmherzigkeit lebendig werden kann.

Die Gläubigen hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten. … Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. (Apg 2,42.43)

Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu, des Herrn, und reiche Gnade ruhte auf ihnen allen. Es gab auch keinen unter ihnen, der Not litt. (Apg 2,32-34a)

Durch die Hände der Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder im Volk. … Die Kranken trug man auf die Straßen hinaus und legte sie auf Betten und Bahren, damit, wenn Petrus vorüberkam, wenigstens sein Schatten auf einen von ihnen fiel. Auch aus den Nachbarstädten Jerusalems strömten die Leute zusammen und brachten Kranke und von unreinen Geistern Geplagte mit. Und alle wurden geheilt. (Apg 5,12a.15-16)

Die junge Kirche bildet eine starke Gemeinschaft. Zunächst sehen wir eine tiefe Verankerung der Gemeinde in Jesus Christus. An seiner Lehre, die durch die Apostel überliefert wurde, halten alle fest und die Gläubigen versammeln sich zum Gebet und zur Feier der Eucharistie. Wir sehen auch den festen inneren Zusammenhalt der Gemeinde. In einer Gesellschaft, die keine sozialen Sicherungssysteme kannte, sorgte man hier füreinander, so dass keiner Not litt. Der Dienst der jungen Christen geht aber auch nach außen und zeigt sich in der Verkündigung und der Sorge um Kranke und Notleidende außerhalb der Gemeinde.

Die Apostelgeschichte zeigt uns, wie Barmherzigkeit konkret werden kann. Barmherzigkeit hat ihren Ursprung in der uns von Christus zugesagten Vergebung der Sünden. Wir sind hinein genommen in die Gemeinschaft mit Gott. Aus dieser Bindung an Gott geht der Zusammenhalt der Gläubigen hervor und erwächst der Dienst jedes einzelnen an den Brüdern und Schwestern innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft.

Maximus der Bekenner sagt:

Gott tat Außerordentliches, um die Menschen zu sich zurückzuführen, und hat uns den höchsten Beweis seiner unendlichen Güte gegeben. … Das göttliche Wort hat nicht nur mit der Macht seiner Wunder unsere Krankheiten geheilt, sondern auch die Gebrechlichkeit unserer Leidenschaften auf sich genommen und unsere Schuld durch die Qual des Kreuzes bezahlt, als ob er, der Unschuldige, schuldig gewesen wäre. Er hat und von zahlreichen und schrecklichen Sünden erlöst. Auch hat er uns mit vielen Beispielen angespornt, ihm ähnlich zu werden im Verständnis, in der Freundlichkeit und in der vollkommenen Liebe zu den Brüdern.

Der heilige Klemens von Rom bittet in seinem Brief an die Korinther Christus:

Leite unsere Schritte, dass wir wandeln in Heiligkeit des Herzens.

Papst Franziskus ruft die Kirche dazu auf, Gottes Barmherzigkeit erfahrbar werden zu lassen:

Es ist entscheidend für die Kirche und für die Glaubwürdigkeit ihrer Verkündigung, dass sie in erster Person die Barmherzigkeit lebt und bezeugt! Ihre Sprache und ihre Gesten müssen die Barmherzigkeit vermitteln und so in die Herzen der Menschen eindringen und sie herausfordern, den Weg zurück zum Vater einzuschlagen. Die erste Wahrheit der Kirche ist die Liebe Christi. Die Kirche macht sich zur Dienerin und Mittlerin dieser Liebe, die bis zur Vergebung und zur Selbsthingabe führt. Wo also die Kirche gegenwärtig ist, dort muss auch die Barmherzigkeit des Vaters sichtbar werden. In unseren Pfarreien, Gemeinschaften, Vereinigungen und Bewegungen, das heißt überall wo Christen sind, muss ein jeder Oasen der Barmherzigkeit vorfinden können.

 

Osterevangelium

Surrexit_1Die Frauen um Maria kamen dem Tagesanbruch zuvor, fanden den Stein vom Grabe weggewälzt, und sie hörten vom Engel: ihn, der wohnt in ewigem Lichte, was sucht ihr ihn bei den Toten wie einen Menschen? Seht doch die Leichentücher. Lauft und verkündet der Welt, dass erstanden ist der Herr, dass er getötet den Tod. Denn er ist der Sohn Gottes, der die Menschheit errettet.

Gebet der Ostkirche

Das Grab ist offen, leer, aber doch ist der Ort erfüllt von der frohen Botschaft: Christus lebt. Er ist auferstanden. Der Ort des Todes gibt Zeugnis vom Leben. Er, der tot ins Grab gelegt wurde, lebt wieder. Wie muss das damals gewesen sein. Nach der Verwirrung und Trauer des Karfreitags die neue Hoffnung des Ostermorgens! Den Frauen begegnet ein Engel – nach Lukas sind es sogar zwei, die den Frauen zurufen: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten!“ Dann begegnet ihnen auch Jesus selbst. So wird die Hoffnung zur Gewissheit, an der es keinen Zweifel mehr gibt. Jesus hat die Seinen nicht verlassen, sondern er bleibt bei ihnen, wie er es versprochen hat.

Frauen, deren Zeugnis in der damaligen Zeit praktisch nichts galt, macht der Herr zu den ersten Zeuginnen seiner Auferstehung. Wo aber sind die Zwölf? Schon sonderbar. Wenn wir in den Evangelien zwischen den Zeilen lesen, müssen wir wohl davon ausgehen, dass zumindest einige der Apostel aus Jerusalem geflohen sind in ihre Heimat Galiläa. Sie mussten damit rechnen, dass die jüdischen Anführer auch nach ihnen fahnden werden. Hätten sie sich in die Nähe des zudem noch bewachten Grabes begeben, hätte ihnen sicher eine Verhaftung gedroht.

Bei Lukas heißt es am Ende des Abschnitts über das leere Grab, dass Petrus nach dem Bericht der Frauen auch dorthin gegangen ist, aber außer dem leeren Grab nichts gesehen hat. Erst in Lk 24,24 sagt einer der Jünger: „Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen.“ Bei Markus und Matthäus lesen wir, dass die Jünger nach Galiläa gehen sollen, wo sie den Auferstandenen sehen werden. Johannes berichtet von einer Erscheinung in Jerusalem, aber im Anhang zum Evangelium ist von einer Erscheinung am See von Tiberias die Rede. Gerhard Lohfink schreibt:

Wir können mit guten Gründen davon ausgehen: Petrus, der mit dem engeren Jüngerkreis nach Galiläa geflohen war, hatte dort eine Erscheinung des Auferstandenen. Diese zerstöre alle Zweifel und machte Petrus zu einem der ersten Osterzeugen. Offensichtlich gingen das hohe Ansehen und die führende Rolle des Petrus in der Urkirche unter anderem auf diese Erscheinung zurück. An die Erscheinung vor Petrus schlossen sich dann andere Erscheinungsphänomene an, auch in Jerusalem.

Warum aber verschweigt Lukas im Gegensatz zu seiner Vorlage bei Markus, die er sicher gekannt hat, die Erscheinung in Galiläa? Für ihn war Jerusalem von zentraler Bedeutung für Gottes Königsherrschaft. Jerusalem ist die Stadt der Könige und Propheten Israels und daher errichtet Gott hier seine Herrschaft durch die Inthronisation des Messias am Kreuz. Hier müssen sich alle wichtigen Ereignisse abspielen und wir werden dann ja auch sehen, wie nach der wohl sehr schnellen Rückkehr der Apostel hier an Pfingsten die Kirche als Volk Gottes entstanden ist.

Entscheidend ist, dass durch die Erscheinungen des Auferstandenen die Apostel in ihrem Glauben gefestigt wurden und durch die Kraft, die in diesen Begegnungen lag, bereit waren, zu Grundsteinen des neuen Gottesvolkes zu werden. Aus dieser Begegnung mit dem Auferstandenen haben seine Zeugen die Kraft, das Evangelium zu verkünden, bis heute. Paulus berichtet davon, wie sehr ihn die Begegnung mit dem Auferstandenen vor Damaskus verändert hat. Jesus begegnet den Menschen – auch heute!

Karfreitag

Christkönig_C

Zusammen mit Jesus wurden auch zwei Verbrecher zur Hinrichtung geführt. Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links. (Lk 23,32-33)

Der Hohe Rat der Juden hat Jesus mit der Anklage zu Pilatus gebracht, Jesus gebe sich als König aus. Das war die einzige Möglichkeit, um den Vertreter des Römischen Reiches dazu zu bringen, das Todesurteil auszusprechen. Mit Anklagen den jüdischen Glauben betreffend hätte er sich nicht zufrieden gegeben und den Juden war es selbst nicht gestattet, einen Menschen hinzurichten.

Der Leidensweg Jesu folgt diesem Urteil. Die Soldaten und alle, die nichts weiter von Jesus wussten, konnten gar nicht anders, als diesen Mann zu verspotten, der sich da selbst einen König nennt und doch so armselig daher kommt, scheinbar ohne jegliche Macht. Wenn nun Jesus inmitten zweier Verbrecher gekreuzigt wird, so folgt auch dies diesem Schema. Wie ein König inmitten seines Thronrates auftritt, so hängt nun Jesus inmitten der Verbrecher. Welch lausiger Thronrat, welch eine letzte Demütigung für den, der sich da als König ausgegeben hat.

Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Dann warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Die Leute standen dabei und schauten zu; auch die führenden Männer des Volkes verlachten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist. Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst! Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden. (Lk 23,34-38)

Jesus betet für seine Peiniger. So wird es – dem Beispiel seines Meisters folgend – später auch Stephanus tun, der erste im Kreis der Märtyrer, die für ihr Zeugnis für Jesus Christus in den Tod gehen. Jesu Bitte an den Vater, dass er denen Vergebung schenken möge, die ihn misshandeln ist das erste der sieben Worte Jesu am Kreuz, die christliche Andacht betrachtet.

Doch Jesu Gebet wird von den Umstehenden nicht beachtet. So groß ist ihre Verachtung für diesen Mann am Kreuz, dass sie von ihm nichts Gutes erwarten. Es läuft alles so wie sonst bei einer Kreuzigung. Die Soldaten nehmen sich ihren Anteil, indem sie die Kleider der Gekreuzigten untereinander verlosen. Gaffer sind da und auch Spötter. Manche erinnern sich an die Geschichten, die man über Jesus erzählt, als großen Wunderheiler. Was sie schon immer gedacht haben, scheint sich nun zu bewahrheiten: Dieser Mann taugt nichts, alles, was über ihn erzählt wird, ist Lüge. Nun sieht man doch, dass er machtlos ist und nichts tun kann.

Die Tafel am Kreuz gibt seine Schuld an: Das ist der König der Juden. Wieder die Verhöhnung Jesu als König. Was für ein König! Leidend hängt er am Kreuz. Man sieht in ihm noch nicht wie bei manch mittelalterlicher Darstellung den König am Kreuzesthron. Seine Macht ist verborgen. Aber doch ist Jesus ein König und seine Königsmacht wird bald offenbar werden.

Da geschieht etwas Außergewöhnliches. Während einer der beiden mit Jesus gekreuzigten Verbrecher in den Hohn der Umstehenden einstimmt, weist der andere ihn zurecht und wendet sich an Jesus. Nur Lukas berichtet dieses Ereignis.

Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns! Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23,39-43)

Der gute Verbrecher, wie wir ihn im Gegensatz zu dem anderen nennen können, glaubt daran, dass Jesus ein König ist. Wir wissen nicht, woher er diesen Glauben nimmt, ob er schon vorher von Jesus gehört hat oder ob ihn etwas an diesem Fremden, der da mit ihm hingerichtet wird, beeindruckt. Vielleicht zeigt ihm Jesu Verhalten dass er doch so ganz anders ist als normale Verbrecher. „Jesus denk an mich, wenn di mit deiner Königsmacht kommst,“ heißt es bei anderen Textzeugen.

Jesus verspricht ihm, an ihn zu denken. „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Ist es ihnen schon einmal aufgefallen, dass Jesus davon spricht, dass das heute geschieht? Jesus hätte ja sagen können, in drei Tagen werde ich auferstehen und dann wecke ich auch dich auf von den Toten. Aber Jesus spricht explizit von heute.

Wir sehen also, dass Gott andere Zeitvorstellungen hat als wir. Gott vergibt uns, bevor wir sündigen, und Jesus verspricht, diesen Dieb ins Paradies zu bringen, bevor er selbst von den Toten auferstanden ist. Der Grund liegt darin, dass Gott im Heute der Ewigkeit lebt. Gottes Ewigkeit bricht jetzt in unser Leben ein. Ewigkeit ist nicht, was am Ende der Zeiten passiert, wenn wir gestorben sind. Immer wenn wir lieben und vergeben, setzen wir einen Fuß in die Ewigkeit, in das Leben Gottes. Und deshalb können wir selbst am Karfreitag voller Freude sein, selbst im Angesicht von Leid und Tod.

Timothy Radcliffe

Wir sollten immer wieder an diesen Verbrecher denken, der mit Jesus am Kreuz hing, wenn wir in unserer Kleinlichkeit Urteile fällen, die Gottes Größe nicht gerecht werden. Selbst die Kirche denkt da manchmal zu kleinlich, wenn sie den Gerechten des Alten Bundes das Paradies verweigern wollte oder einen Limbus geschaffen hat, in dem die Seelen ungetaufter Kinder warten müssen, bis Gott sich vielleicht irgendwann einmal ihrer erbarmt. Solche Vorstellungen kommen daher, dass wir Gottes Ewigkeit nicht denken können. Aber nicht der Verstand des Menschen ist die höchste Instanz sondern das für diesen unbegreifliche Wesen Gottes.

Der Schächer am Kreuz zeigt uns auch die Größe der Barmherzigkeit Gottes. Er hat nichts getan, außer in den letzten Stunden seines Lebens daran zu glauben, dass Jesus wirklich König ist. Dieser Glaube hat ihm das Tor zum Paradies geöffnet. Das ist ein Zeichen dafür, wie viel Gott uns schenken möchte. Wir müssen nur lernen, wie man Geschenke annimmt.

Vergessen wir nie den Schächer am Kreuz und was Jesus zu ihm gesagt hat. Denken wir an das Heute seiner Verheißung, gerade in schweren Stunden. Vielleicht kann uns dieses Wort Jesu dann helfen, dass wir einen Ausweg sehen, den unser begrenzter Verstand nicht erkennen kann, den aber Gottes Größe zu wirken vermag.

 

Gründonnerstag

Abendmahl_C

Als die Stunde gekommen war, begab er sich mit den Aposteln zu Tisch. Und er sagte zu ihnen: Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen. Denn ich sage euch: Ich werde es nicht mehr essen, bis das Mahl seine Erfüllung findet im Reich Gottes.

Und er nahm den Kelch, sprach das Dankgebet und sagte: Nehmt den Wein und verteilt ihn untereinander! Denn ich sage euch: Von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken, bis das Reich Gottes kommt. Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird. (Lk 22,14-20)

„Mit Sehnsucht habe ich mich danach gesehnt, dieses Paschamahl mit euch zu essen.“ Dieser Satz gehört zum Eigengut des Evangelisten Lukas. Jesus hebt die Bedeutung dessen, was hier geschieht hervor. Er hat seine Jünger hingeführt und vorbereitet auf das, was nun geschieht, und doch werden wir sehen, dass es ihnen schwer fällt, zu begreifen.

Jesus feiert das letzte Paschamahl mit seinen Jüngern. So, wie er jetzt mit ihnen isst, wird er niemals wieder mit ihnen beisammen sein. Und doch setzt er in diesem Mahl ein bleibendes Zeichen seiner Gegenwart. In der Feier des eucharistischen Mahles bleibt Jesus zu allen Zeiten gegenwärtig.

Wie Jesus sich nach dieser Begegnung mit seinen Jüngern gesehnt hat, so sehnt er sich zu allen Zeiten danach, mit den Menschen dieses Paschamahl zu feiern. Jesus sehnt sich nach der Begegnung mit mir. Dieser Gedanke kann zur Grundstimmung meines Lebens werden. Ich darf mich immer wieder an diesen Satz Jesu erinnern.

Jesus will bei uns sein, will mit uns sein, hier auf Erden noch verborgen, dereinst im Himmel aber vollkommen. Und doch ist Jesu Gegenwart auch schon jetzt konkret. Das Wort von der Erfüllung des Mahls in der Königsherrschaft Gottes erinnert mich an Jesu Wort an den Schächer am Kreuz, der Jesus bittet, an ihn zu denken, wenn er in seiner Königsherrschaft kommt. Dieses Jesuswort gehört auch zum Eigengut des Lukas.

Jesus wird dann zum Schächer sagen: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Heute findet das Mahl bereits seine Erfüllung, weil Gottes Königsherrschaft bereits angebrochen ist. Nicht zeitlich steht die Erfüllung noch aus, die Gegenwart der Erfüllung ist vielmehr eine Frage der Dimension, unter der man sie betrachtet. Für uns Menschen, die wir an die Zeitlichkeit gebunden sind, steht die Erfüllung noch aus, in Gottes Gegenwart aber ist sie bereits konkret.

An dieser Erfüllung können wir jetzt schon Anteil erhalten. Darum ist Jesu Gegenwart in den Gestalten der Eucharistie nicht nur symbolisch zu sehen, sondern als konkrete Wirklichkeit. Brot und Wein werden im Vollzug der Wandlung in der Heiligen Messe zu Leib und Blut Jesu Christi. Er ist da, mitten unter uns. Knien wir hin und beten wir an und lassen wir uns erfüllen von der Gegenwart des Herrn.