Taufe des Herrn (1)

Mit der Taufe Jesu beginnt die Zeit seines öffentlichen Wirkens. Jesus tritt aus der Verborgenheit des Elternhauses in Nazaret hervor. Doch die Welt erwartet ihn schon. Er tritt nicht ins Leere, muss sich nicht erst Aufmerksamkeit verschaffen. Als Jesus an den Jordan kommt, tritt er ein in das Panorama der Geschichte und füllt den Platz, der ihm dort bereitet ist.

Der Jordan spielt in der Geschichte Israels eine große Rolle. Ihn überschreiten die Stämme Israels, als sie nach dem Auszug aus Ägypten das Land in Besitz nehmen. Mose darf den Jordan nicht überschreiten, darf nur von ferne auf das verheißene Land blicken. Doch Josua stoppt mit der Bundeslade die Wasser des Jordan, damit Israel trockenen Fußes hindurchziehen kann.

Der Jordan galt aber ebenso wie die Wüste als Rückzugsort der bösen Geister. Darauf spielt der oben zitierte Hymnus an und auf vielen Ikonen ist neben Jesus der personifizierte Jordan als kleine Gestalt zu sehen. In der Welt des Heidentums war die ganze Natur voll von personifizierten Mächten, denen man Wirkkräfte zuschrieb.

Das Christentum hat diese Naturgötter entmachtet und einen ersten Schritt dahin macht Jesus, indem er dem Jordan seine Kraft nimmt. Er heiligt seine Wasser. Nun ist der Fluss nicht mehr ein Ort der bösen Geister, sondern wird zum heiligen Strom. Und indem Jesus den Jordan heiligt, heiligt er zugleich alle Wasser dieser Welt. Er gibt ihnen die Kraft, im Ritus der Taufe die Menschen von ihren Sünden zu reinigen. Darüber freut sich die ganze Natur, die Wüste beginnt zu blühen und die Berge hüpfen vor Freude.

Nicht um seine Sünden abzuwaschen steigt also der sündenlose Sohn Gottes in den Jordan, sondern um die Wasser zu bereiten für den Dienst der Reinigung.

Am Fluss Jordan offenbart sich Jesus in einer außergewöhnlichen Demut, welche die Armut und die Einfachheit des in der Krippe ruhenden Kindes in Erinnerung ruft, und nimmt die Haltung vorweg, mit der er am Ende seiner Tage auf Erden dazu kommen wird, die Füße der Jünger zu waschen und die schreckliche Erniedrigung des Kreuzes zu erfahren. Der Sohn Gottes, er, der ohne Sünde ist, stellt sich mitten unter die Sünder, er zeigt, dass Gott dem Weg der Umkehr des Menschen nahesteht. Jesus nimmt die Last der Schuld der ganzen Menschheit auf seine Schultern, er beginnt seine Sendung, indem er an ihre Stelle tritt, an die Stelle der Sünder, in der Perspektive des Kreuzes.

Benedikt XVI.

Gott nimmt die Schöpfung in den Dienst seines Heilsplanes. Die Wasser werden geheiligt und die ganze Schöpfung jauchzt vor Freude, weil sie befreit wurde vom Joch der Dämonen. Doch wenn wir heute auf die Schöpfung blicken, so sehen wir sie unter einem noch schwereren Joch leiden. Sie wird ausgebeutet von der Gier des Menschen. Kaum ein Ort kann mehr in unberührter Schönheit erstrahlen, Flüsse und Meere gehen zu Grunde am Müll der Menschen.

Vielleicht ist es auch ein Fehler von uns Christen, dass wir vieles rein geistig sehen. Wer bringt schon die Taufe Jesu konkret mit den verschmutzen Gewässern unserer Zeit, mit der Ausbreitung der Wüsten und der Sorge der Menschen um reines Trinkwasser in Verbindung? Jesus ist bewusst in den Jordan gestiegen, um die Wasser dieser Welt zu heiligen. Wir haben für das Wasser, das seither bei jeder Taufe im Dienst Gottes steht, eine besondere Verantwortung. Was Gott heiligt, darf der Mensch nicht achtlos vergeuden.

Jesus kam an den Jordan, um den Plan Gottes zur Heiligung der Schöpfung auszuführen. Sicher ist die Heiligung des Menschen der wichtigste Aspekt der Erlösung. Doch Jesus kam nicht nur, um die Menschen zu erlösen und ihnen den Weg in den Himmel zu öffnen, er kam auch, um die ganze Schöpfung aus Sklaverei und Knechtschaft zu befreien. So sind es auch die Gaben der Schöpfung, in denen Jesus seine bleibende Gegenwart unter uns Menschen zeigt, Brot und Wein werden verwandelt in Christi Leib und Blut.

Wir Christen sind gerufen, den Dienst Gottes an den Menschen und der ganzen Schöpfung konkret werden zu lassen. Wir sind gerufen zum Dienst der Versöhnung, um Hass und Gewalt unter den Menschen beizulegen. Wir sind gerufen, das Leben der Menschen zu schützen. Wir sind aber auch gerufen, für Gottes Schöpfung Sorge zu tragen, sie zu nutzen, aber zugleich auch zu pflegen.

Wie Jesus an den Jordan trat und seinen Platz in der Geschichte des Heils eingenommen hat, so gibt es auch für jede und jeden von uns einen Platz in dieser Geschichte, einen Ort, um Gottes Liebe zu den Menschen konkret werden zu lassen. Diesen Platz einzunehmen, ist der Sinn unseres Lebens. Machen wir uns auf, ihn zu finden.

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