3. Sonntag der Osterzeit

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Noch einmal hören wir heute im Evangelium von einer Erscheinung des Auferstandenen. Sieben Jünger, Petrus, Thomas, Natanael, Jakobus, Johannes und zwei ungenannte sind nach Galiläa gegangen. Nach Jesu Tod fehlt ihnen zunächst die Perspektive. Wahrscheinlich war es auch die Angst vor der Verfolgung durch die jüdische Obrigkeit, die sie nach Galiläa fliehen ließ. Und sie müssen ja von irgendetwas leben. Warum daher nicht bei dem bleiben, was man gut kann: Fischen. Zumindest von Petrus, Jakobus und Johannes wissen wir sicher, dass sie vor ihrer Berufung Fischer gewesen sind. Da Fischer ein durchaus ehrenwerter Beruf ist, bedeutet es für sie keinerlei Komplikationen, ihn wieder auszuüben. Ihre Familien werden sich ja weiterhin dieser Arbeit gewidmet haben, so dass es auch am nötigen Arbeitszeug nicht mangelt.

Sie sind die ganze Nacht auf dem See, doch ohne Erfolg. Als es Morgen wird, steht jemand am Ufer, ruft ihnen zu, ermuntert sie, es noch einmal zu versuchen und nicht aufzugeben. Das Netz wird übervoll. Da erkennen sie ihn:

Es ist der Herr!

Die Jünger erkannten Jesus zunächst nicht – wie so oft, als der Auferstandene ihnen erschien. Es brauchte Zeichen dafür, dass er es ist, das Brechen des Brotes oder die Erinnerung an ein früheres Erlebnis mit Jesus. Hier ist es die Weisung Jesu, auf sein Wort hin die Netze auszuwerfen – wie damals, am Anfang, als Jesus sie zu Jüngern berufen hat nach jener Nacht, als sie mit leeren Händen von ihrer Arbeit ans Land gerudert sind.

Jesus sorgt sich um die Jünger. Er fragt sie, ob sie etwas zu essen haben. Dabei hat er schon alles, was nötig ist, vorbereitet, ein Feuer, Fisch und Brot. Es ist alles da, und doch will Jesus, dass die Jünger auch selbst etwas beitragen. Ihr überreicher Fang ist ein Geschenk aus Gottes überfließender Gnade.

Kommt her und esst!

Im Mahl entsteht die vertraute Gemeinschaft mit dem Herrn. Doch hier isst er nicht mehr mit ihnen, sondern er teilt aus, gibt sich selbst, wie es von nun an in der Eucharistie geschieht. Wir stehen hier am Übergang von der leiblichen hin zur eucharistischen Mahlgemeinschaft mit dem Herrn. In der Begegnung mit dem Auferstandenen ist nicht mehr seine leibliche und sichtbare Gegenwart entscheidend, sondern seine Gegenwart im Herzen der Glaubenden. Jesus will Herzensgefährte sein, will im Innern eines jeden von uns leben.

Den Jüngern, die sich abmühen und die niedergeschlagen sind, steht Jesus bei. … Er zeigte sich ihnen aber nicht sofort, sondern wollte zuerst ein Gespräch mit ihnen beginnen und spricht mit ihnen auf menschliche Weise. … Damit sie aber Ehrfurcht bekämen, gab er ihnen ein Zeichen, durch das sie ihn erkennen sollten. … Die Jünger aber wagten nicht mehr mit ihm zu sprechen wie zuvor, sondern mit Schweigen und großer Ehrerbietung saßen sie da und blickten auf ihn. Sie sahen auch, dass er eine andere Gestalt hatte, und sie waren dabei so voller Bewunderung und Erstaunen, dass sie ihn nicht fragen wollten. Die Furcht, die aus dem Wissen kam, dass er der Herr war, verbot es ihnen, Fragen zu stellen.

Johannes Chrysostomus

Es ist eine eigenartige Szene, die Johannes uns hier schildert. Und doch geschieht hier etwas ganz Entscheidendes. Die Jünger erkennen den Herrn und sind sich von nun an seiner bleibenden Gegenwart unter ihnen bewusst, einer neuen Gegenwart, die sich von der bisher gewohnten unterscheidet. Das müssen die Jünger realisieren, aber dann gehen sie gestärkt an ihre neue Aufgabe, Zeugen des Auferstandenen zu sein.

Nach dem Abstieg in das Totenreich und der Auferstehung von den Toten, kehrten die Jünger zu ihrer Tätigkeit zurück, zurück zu ihren Schiffen und Netzen. Sie waren traurig ob deines Weggehens, Christus, was verständlich ist. Doch sie taten keinen Fang. Du aber, Heiland, erscheinst als Gebieter des Alls und befiehlst, die Netze nach der rechten Seide auszuwerfen. Das Wort wurde befolgt und groß war die Menge der Fische, unerwartet aber das Mahl, das ihnen bereitet am Land. Wie die Jünger daran teilnahmen, so würdige auch uns jetzt teilzuhaben in geistlicher Freude, menschenliebender Herr!

Du zeigtest dich deinen Jüngern, Erlöser, nach Deiner Auferstehung, und hast den Simon beauftragt, deine Schafe zu weiden. Von seiner Liebe hast du die Sorge um die Herde gefordert. Deshalb sagtest du: Wenn du mich liebst, Petrus, weide meine Lämmer, weide meine Schafe! Dieser bewies sogleich seine Liebe und fragte wegen des anderen Jüngers. Auf ihre Fürbitten, Christus, bewahre Deine Herde vor den Wölfen, die sie verderben wollen.

Gebet der Ostkirche

5.4. Maria Crescentia Höß (1682-1744)

Crescentia_1Anna Höß, so ihr Taufname, wurde am 20. Oktober 1682 als sechstes von acht Kindern in die Familie des Webers Mathias Höß und seiner Frau Luzia geboren. Die fromme Familie – der Vater gehörte zu den führenden Mitgliedern der Marianischen Männerkongregation – lebte in der Freien Reichsstadt Kaufbeuren, die damals rund 2500 Einwohner zählte und zu über zwei Drittel protestantisch war. Schon in der Schule fiel sie wegen ihrer Klugheit und ihrer Frömmigkeit auf. Da ihre Eltern jedoch arm waren, konnten sie ihrer Tochter keine weiterführende Ausbildung ermöglichen, und so lernte sie den Beruf einer Weberin.

Im Alter von 14 Jahren sah sie in einer Vision einen Engel, der ihr das Gewand der Franziskanerinnen zeigte. Dies ist Ausdruck ihres sehnlichsten Wunsches, in diesen Orden einzutreten. Jedoch verlangten die Kaufbeurer Franziskanerinnen eine derart hohe Mitgift für den Klostereintritt, dass ihre Eltern nicht in der Lage waren, diese Summe aufzubringen. Durch die Hilfe und finanzielle Unterstützung des evangelischen Bürgermeisters wurden ihr aber dann schließlich doch die Tore des Klosters geöffnet. Im Jahr 1703 trat sie in den Orden ein und erhielt den Namen Crescentia.

In den ersten Jahren hatte sie viel unter den Demütigungen ihrer Oberin zu leiden, die ihren Kostereintritt nur widerwillig akzeptiert hatte. Als arme Webertochter sah man sie nicht als ihresgleichen an und Crescentia musste die niedrigsten und schwersten Arbeiten verrichten. Einmal schickte man sie mit einem Sieb zum Brunnen, um dort Wasser zu schöpfen. Doch auf wundersame Weise wurde das Sieb zur Schöpfkelle.

Crescentia selbst begann wegen der ablehnenden Haltung der Oberin an ihrer Berufung zu zweifeln. Zudem wurde sie von körperlichen Leiden geplagt. Ständige Zahn- und Kopfschmerzen verzerrten ihr Gesicht, so dass es Mitschwestern gab, die sie eine Hexe nannten. Doch sie blieb ihrer Berufung treu und hat das erfüllt, was sie später einer Mitschwester schreiben wird:

Teure Schwester, trachten Sie einzig und allein danach, in jedem Augenblick den Willen Gottes zu erfüllen. Das ist es, was unser Leben stets froh und heiter machen kann. Nichts geschieht ohne den Willen Gottes.

Es wird von einer Vision berichtet, die ihr fortan Kraft und Zuversicht geben sollte. Als sie von großen Zweifeln und Anfechtungen heimgesucht wurde, schaute sie eines Nachts bei einem heftigen Sturm aus dem Fenster. Da sah sie eine Gestalt ruhig in der Krone des stark vom Sturm gebeutelten Birnbaums vor ihrem Fenster stehen. Sie erkannte in der Gestalt Christus, der ihr zurief:

Crescentia, wie kannst du meinen, ich habe dich verlassen! Schau, so sicher und ruhig, wie du mich bei diesem tobenden Wetter im Baum siehst, so sicher stehe ich in deinem Herzen. Lass dich nicht verwirren von den inneren Stürmen. Ich liebe dich und bin bei dir, auch wenn du es nicht spürst! Denke daran, wenn dich wieder Leere und Verzweiflung überfallen! Auch diese Zeit geht vorüber. Ich habe in meinem Leben Ähnliches durchgemacht: in der Wüste und später im dunklen Garten am Ölberg kurz vor meinem Tod. Weißt du das nicht mehr?

Nach mehreren schweren Jahren, die Crescentia in großer Treue zum Herrn überstanden hat, brachte schließlich eine neue Oberin des Klosters den Wandel zum Besseren. Diese erkannte die besonderen Talente, die in Crescentia steckten und sah auch die Visionen, die Crescentia immer wieder erlebte, als echt an. Crescentia wurde zunächst Pfortenschwester und kümmerte sich um kranke Mitschwestern, im Jahr 1717 wurde sie Novizenmeisterin und im Jahr 1741 wurde sie schließlich selbst zur Oberin des Kaufbeurer Franziskanerinnenklosters gewählt.

Bereits als Pförtnerin war Crescentia wegen ihrer Liebenswürdigkeit bei den Bewohnern Kaufbeurens bekannt. Sie sagt selbst von diesem Dienst:

Wer Gott lieben will, muss notwendigerweise auch seinen Nächsten lieben, denn der eine kann ohne den anderen nicht leben, und das Gute, das man dem Nächsten erweist, wird von Gott erwiesen, der sich hinter dem Gewand des Nächsten verbirgt.

Bald drang ihr Ruf über die Grenzen des Städtchens hinaus, denn es ging eine faszinierende Wirkung von ihr aus, der sich niemand entziehen konnte, der ihr begegnete. Viele Menschen jeglichen Standes schätzten sie als eine fürsorgliche und intelligente Helferin und Beraterin.

Alle gingen getröstet von ihr fort und fanden es wunderbar, wenn sie Rede und Antwort stand.

Viele nahmen lange Wartezeiten in Kauf, um mit ihr persönlich zu sprechen und hochrangige Persönlichkeiten standen mit ihr in Briefkontakt. Sie schlichtete den Nachfolgestreit in der Fürstabtei Kempten und beriet die bayerische Kurfürstin und Kaiserin Maria Amalia. Der Kölner Kurfürst und Erzbischof Clemens August schätzte sie als kritische und verständnisvolle Seelenführerin. Er war es auch, der nach ihrem Tod den Heiligsprechungsprozess in Rom einleitete.

Crescentia wurden auch weiterhin Visionen zuteil. Ihre Frömmigkeit bezeichnete sie als „Schauen mit den Augen der Seele durch unseren Glauben”. Ein Gemälde des leidenden Erlösers, das ein Mönch nach ihren Vorgaben zeichnete, zeigt ihre tiefe Verehrung des Leidens und Sterbens Christi. Ihre Vision des Heiligen Geistes wurde 1728 von Kunstmaler Joseph Ruffini aus München nach ihren Anweisungen im Bild festgehalten. Doch sie war keine weltabgewandte Mystikerin, sondern verstand es auch, in konkreten Situationen rasche Lösungen zu finden. Zudem verstand sie zu wirtschaften und unter ihrer Leitung blühte das Klöster Kaufbeuren.

Crescentia starb am 5. April 1744, einem Ostersonntag, und wurde in der Kapelle des Klosters beigesetzt, wo ihre Gebeine bis heute ruhen. Seither kommen unzählige Pilger zu ihrem Grab. Ihre Verehrung überdauerte die Säkularisation des Klosters im Jahr 1805. Sicher ist es ihrer himmlischen Fürsprache zu verdanken, dass bis heute Ordensfrauen in dem seit 1922 nach ihr benannten Crescentiakloster leben. Im Jahr 1900 wurde sie von Papst Leo XIII. selig gesprochen, im Jahr 2001 erfolgte die Heiligsprechung durch Papst Johannes Paul II.

Sonntag der Barmherzigkeit

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An allen drei Lesejahren hören wir am zweiten Sonntag der Osterzeit einen Text aus der Apostelgeschichte, der das Leben der jungen Kirche schildert. In diesen Texten wird deutlich, wie die Frucht der Barmherzigkeit lebendig werden kann.

Die Gläubigen hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten. … Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. (Apg 2,42.43)

Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu, des Herrn, und reiche Gnade ruhte auf ihnen allen. Es gab auch keinen unter ihnen, der Not litt. (Apg 2,32-34a)

Durch die Hände der Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder im Volk. … Die Kranken trug man auf die Straßen hinaus und legte sie auf Betten und Bahren, damit, wenn Petrus vorüberkam, wenigstens sein Schatten auf einen von ihnen fiel. Auch aus den Nachbarstädten Jerusalems strömten die Leute zusammen und brachten Kranke und von unreinen Geistern Geplagte mit. Und alle wurden geheilt. (Apg 5,12a.15-16)

Die junge Kirche bildet eine starke Gemeinschaft. Zunächst sehen wir eine tiefe Verankerung der Gemeinde in Jesus Christus. An seiner Lehre, die durch die Apostel überliefert wurde, halten alle fest und die Gläubigen versammeln sich zum Gebet und zur Feier der Eucharistie. Wir sehen auch den festen inneren Zusammenhalt der Gemeinde. In einer Gesellschaft, die keine sozialen Sicherungssysteme kannte, sorgte man hier füreinander, so dass keiner Not litt. Der Dienst der jungen Christen geht aber auch nach außen und zeigt sich in der Verkündigung und der Sorge um Kranke und Notleidende außerhalb der Gemeinde.

Die Apostelgeschichte zeigt uns, wie Barmherzigkeit konkret werden kann. Barmherzigkeit hat ihren Ursprung in der uns von Christus zugesagten Vergebung der Sünden. Wir sind hinein genommen in die Gemeinschaft mit Gott. Aus dieser Bindung an Gott geht der Zusammenhalt der Gläubigen hervor und erwächst der Dienst jedes einzelnen an den Brüdern und Schwestern innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft.

Maximus der Bekenner sagt:

Gott tat Außerordentliches, um die Menschen zu sich zurückzuführen, und hat uns den höchsten Beweis seiner unendlichen Güte gegeben. … Das göttliche Wort hat nicht nur mit der Macht seiner Wunder unsere Krankheiten geheilt, sondern auch die Gebrechlichkeit unserer Leidenschaften auf sich genommen und unsere Schuld durch die Qual des Kreuzes bezahlt, als ob er, der Unschuldige, schuldig gewesen wäre. Er hat und von zahlreichen und schrecklichen Sünden erlöst. Auch hat er uns mit vielen Beispielen angespornt, ihm ähnlich zu werden im Verständnis, in der Freundlichkeit und in der vollkommenen Liebe zu den Brüdern.

Der heilige Klemens von Rom bittet in seinem Brief an die Korinther Christus:

Leite unsere Schritte, dass wir wandeln in Heiligkeit des Herzens.

Papst Franziskus ruft die Kirche dazu auf, Gottes Barmherzigkeit erfahrbar werden zu lassen:

Es ist entscheidend für die Kirche und für die Glaubwürdigkeit ihrer Verkündigung, dass sie in erster Person die Barmherzigkeit lebt und bezeugt! Ihre Sprache und ihre Gesten müssen die Barmherzigkeit vermitteln und so in die Herzen der Menschen eindringen und sie herausfordern, den Weg zurück zum Vater einzuschlagen. Die erste Wahrheit der Kirche ist die Liebe Christi. Die Kirche macht sich zur Dienerin und Mittlerin dieser Liebe, die bis zur Vergebung und zur Selbsthingabe führt. Wo also die Kirche gegenwärtig ist, dort muss auch die Barmherzigkeit des Vaters sichtbar werden. In unseren Pfarreien, Gemeinschaften, Vereinigungen und Bewegungen, das heißt überall wo Christen sind, muss ein jeder Oasen der Barmherzigkeit vorfinden können.

 

1.4. Maria von Ägypten, Wüstenmutter

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Maria wurde in Ägypten geboren und ging im Alter von zwölf Jahren, die Zeit, als damals ein Mädchen zur Frau wurde und ins heiratsfähige Alter kam, in die ägyptische Großstadt Alexandrien. Dort arbeitete sie siebzehn Jahre lang als Prostituierte und „weigerte niemandem ihren Leib“.

Es war die Zeit, als das Christentum unter Kaiser Konstantin staatlich anerkannt und gefördert wurde. Die Mutter des Kaisers entdeckte damals das Heilige Kreuz Christi und am Ort der Kreuzigung wurde die Grabeskirche errichtet, Das waren Sensationen, die in aller Munde waren und auch Maria wollte das Kreuz sehen, an dem vor damals fast dreihundert Jahren dieser Jesus, von dem man sich so viel Wundersames erzählte, gestorben ist.

Es war wohl mehr Sensationsgier als ein echter tiefer Glaube, der damals viele Menschen nach Jerusalem aufbrechen lies. Auch für Maria war die Reise dorthin eher eine Lustreise als eine fromme Pilgerfahrt. Da sie kein Geld hatte, um die Überfahrt mit dem Schiff zu bezahlen, bot sie den Seeleuten ihren Leib als Fahrgeld an.

In Jerusalem wollte sie zusammen mit den anderen Reisenden in die Grabeskirche gehen und das Kreuz Christi anbeten. Doch sie konnte die Schwelle der Kirche nicht überschreiten. Immer, wenn sie es versuchte, hielt eine unsichtbare Kraft sie zurück. Da erkannte sie plötzlich ihre Unreinheit, in der sie viele Jahre so selbstverständlich gelebt hatte, und bereute zum ersten Mal ihre Taten.

Ich schlug an meine Brust und weinte bitterlich und seufzte aus dem tiefsten Grund meines Herzens. Als ich aber meine Augen erhob, sah ich das Bild Unserer Lieben Frau. Zu ihr betete ich mit bitteren Tränen, dass sie für mich die Vergebung meiner Sünden erwirken möge, damit ich eintreten und das Heilige Kreuz anbeten könne.

Nun war das Hindernis weg und Maria konnte in die Kirche gehen. Dieser Augenblick hat ihr Leben verändert. Es waren keine leeren Worte, mit denen sie zu Maria gebetet hat, sondern sie drückten ihre ganze Sehnsucht aus: Sie wollte das Kreuz Christi anbeten und in seine Nachfolge treten und fortan ein Leben reiner Buße und Entsagung führen.

In der Kirche begegnete ihr ein Mann, der ihr drei Geldstücke gab, mit denen sie sich drei Brote kaufen konnte. Sie hörte eine Stimme, die zu ihr sprach:

Geh über den Jordan, so wirst du gerettet.

So ging sie in die Wüste jenseits des Jordan und lebte dort in größter Einsamkeit. Die drei Brote dienten ihr siebenundvierzig Jahre lang als Nahrung. Als ihr die Kleider vom Leib fielen, blieb sie nackt, nur von ihrem Haar bedeckt.

Siebzehn Jahre bin ich in dieser Wüste noch von fleischlicher Anfechtung gepeinigt worden, aber ich habe sie besiegt mit der Hilfe Gottes.

Im mühsamen täglichen Kampf mit den Leidenschaften und Versuchungen hat sie den Sieg davon getragen. Ihre Bekehrung blieb nicht an der Oberfläche, sondern durchdrang ihr ganzes Wesen. So betet die Ostkirche an ihrem Festtag:

Du hast die Bilder deiner Leidenschaften aus der Seele weggefegt und die Urbilder der Tugend in deine Seele eingegraben.

Die heilige Einsiedlerin wurde nach 47 Jahren Einsamkeit von dem Mönch Zosimas entdeckt. Dieser lebte als strenger Asket und hielt sich darin für nahezu perfekt. Dennoch war er auf der Suche nach einem Mönch, der ihn etwas lehren könnte, das er bisher nicht wusste und ihm eine Form der Askese zeigen könnte, die er bisher noch nicht praktizierte. Gott hatte ihm offenbart, dass er diesen Lehrmeister finden werde.

Als Zosimas auf seiner Suche in die Wüste jenseits des Jordan kam, entdeckte er eine Gestalt, die allem Anschein nach nackt war. Da er tagelang keinem lebenden Wesen begegnet war, hielt er dies zunächst für ein Trugbild, dann aber überkam ihn große Freude. Als er sich aber der Gestalt nähern wollte, entfernte sich diese. Er eilte hinterher, bis ihm die Gestalt plötzlich zurief:

Abt Zosimas, warum verfolgst du mich? Was fällt dir ein, ein sündiges Weib anschauen zu wollen? Was willst du von mir lernen oder was willst du von mir sehen? Vergib mir, aber ich kann mich dir nicht zeigen, denn ich bin eine Frau und nackt. Gib mir deinen Mantel, damit ich mich bedecken und mich dir ohne Scham zeigen kann.

Abt Zosimas ist sehr verwundert. Woher kennt die Frau seinen Namen? Zudem sieht er sie nun mit ausgebreiteten Händen beten und dabei über der Erde schweben. Ist dies ein Trugbild des Teufels? Maria aber ruft ihm erneut zu:

Das verzeihe dir Gott, dass du mich arme Sünderin für einen unreinen Geist hältst!

Maria bittet Zosimas um seinen priesterlichen Segen, er aber will von ihr gesegnet werden, da er ihre Heiligkeit erkennt. Nun knien beide voreinander nieder. Gott hat Zosimas gezeigt, dass diese Frau einen noch höheren Grad an Heiligkeit erlangt hat, als er selbst. Er aber besitzt die Demut, dies zu akzeptieren und von dieser Frau zu lernen.

Maria erzählt Zosimas nun von ihrem Leben als Prostituierte und von ihrer wundersamen Bekehrung in Jerusalem vor genau 47 Jahren. Sie bittet ihn darum, im nächsten Jahr am Gründonnerstag mit dem heiligen Leib des Herrn wieder zu kommen, damit sie die heilige Kommunion empfangen könne.

Als Zosimas fast ein Jahr später am verabredeten Tag wieder in die Wüste kommen will, ist der Jordan über die Ufer getreten und er kann nicht hinüber. Maria aber steht am anderen Ufer, macht das Zeichen des Kreuzes und kommt über das Wasser zu ihm. Sie empfängt aus seinen Händen die heilige Eucharistie, und nachdem sie abermals das Zeichen des Kreuzes gemacht hat, schreitet sie über den Jordan zurück in die Wüste.

Ein Jahr später suchte Zosimas den Ort auf, an dem er Maria zum ersten Mal begegnet war. Da sah er sie tot liegen. Er erkannte, dass sie kurz nachdem sie im vergangenen Jahr den Leib des Herrn empfangen hatte, an diesen Ort zurückgekehrt und gestorben war. Ihr Leib war unverwest. Zosimas hatte aber nicht die Kraft, ein Grab auszuheben. Da sah er einen Löwen auf sich zukommen und erschrak. Der Löwe aber war sanft und grub das Grab, so dass Zosimas den Leib der Heiligen bestatten konnte. Schon im 6. Jahrhundert war Marias Grab Ziel von Wallfahrten. Als Urtyp der Büßerin wurde sie besonders im Mittelalter weithin hoch verehrt.

 

Osterevangelium

Surrexit_1Die Frauen um Maria kamen dem Tagesanbruch zuvor, fanden den Stein vom Grabe weggewälzt, und sie hörten vom Engel: ihn, der wohnt in ewigem Lichte, was sucht ihr ihn bei den Toten wie einen Menschen? Seht doch die Leichentücher. Lauft und verkündet der Welt, dass erstanden ist der Herr, dass er getötet den Tod. Denn er ist der Sohn Gottes, der die Menschheit errettet.

Gebet der Ostkirche

Das Grab ist offen, leer, aber doch ist der Ort erfüllt von der frohen Botschaft: Christus lebt. Er ist auferstanden. Der Ort des Todes gibt Zeugnis vom Leben. Er, der tot ins Grab gelegt wurde, lebt wieder. Wie muss das damals gewesen sein. Nach der Verwirrung und Trauer des Karfreitags die neue Hoffnung des Ostermorgens! Den Frauen begegnet ein Engel – nach Lukas sind es sogar zwei, die den Frauen zurufen: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten!“ Dann begegnet ihnen auch Jesus selbst. So wird die Hoffnung zur Gewissheit, an der es keinen Zweifel mehr gibt. Jesus hat die Seinen nicht verlassen, sondern er bleibt bei ihnen, wie er es versprochen hat.

Frauen, deren Zeugnis in der damaligen Zeit praktisch nichts galt, macht der Herr zu den ersten Zeuginnen seiner Auferstehung. Wo aber sind die Zwölf? Schon sonderbar. Wenn wir in den Evangelien zwischen den Zeilen lesen, müssen wir wohl davon ausgehen, dass zumindest einige der Apostel aus Jerusalem geflohen sind in ihre Heimat Galiläa. Sie mussten damit rechnen, dass die jüdischen Anführer auch nach ihnen fahnden werden. Hätten sie sich in die Nähe des zudem noch bewachten Grabes begeben, hätte ihnen sicher eine Verhaftung gedroht.

Bei Lukas heißt es am Ende des Abschnitts über das leere Grab, dass Petrus nach dem Bericht der Frauen auch dorthin gegangen ist, aber außer dem leeren Grab nichts gesehen hat. Erst in Lk 24,24 sagt einer der Jünger: „Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen.“ Bei Markus und Matthäus lesen wir, dass die Jünger nach Galiläa gehen sollen, wo sie den Auferstandenen sehen werden. Johannes berichtet von einer Erscheinung in Jerusalem, aber im Anhang zum Evangelium ist von einer Erscheinung am See von Tiberias die Rede. Gerhard Lohfink schreibt:

Wir können mit guten Gründen davon ausgehen: Petrus, der mit dem engeren Jüngerkreis nach Galiläa geflohen war, hatte dort eine Erscheinung des Auferstandenen. Diese zerstöre alle Zweifel und machte Petrus zu einem der ersten Osterzeugen. Offensichtlich gingen das hohe Ansehen und die führende Rolle des Petrus in der Urkirche unter anderem auf diese Erscheinung zurück. An die Erscheinung vor Petrus schlossen sich dann andere Erscheinungsphänomene an, auch in Jerusalem.

Warum aber verschweigt Lukas im Gegensatz zu seiner Vorlage bei Markus, die er sicher gekannt hat, die Erscheinung in Galiläa? Für ihn war Jerusalem von zentraler Bedeutung für Gottes Königsherrschaft. Jerusalem ist die Stadt der Könige und Propheten Israels und daher errichtet Gott hier seine Herrschaft durch die Inthronisation des Messias am Kreuz. Hier müssen sich alle wichtigen Ereignisse abspielen und wir werden dann ja auch sehen, wie nach der wohl sehr schnellen Rückkehr der Apostel hier an Pfingsten die Kirche als Volk Gottes entstanden ist.

Entscheidend ist, dass durch die Erscheinungen des Auferstandenen die Apostel in ihrem Glauben gefestigt wurden und durch die Kraft, die in diesen Begegnungen lag, bereit waren, zu Grundsteinen des neuen Gottesvolkes zu werden. Aus dieser Begegnung mit dem Auferstandenen haben seine Zeugen die Kraft, das Evangelium zu verkünden, bis heute. Paulus berichtet davon, wie sehr ihn die Begegnung mit dem Auferstandenen vor Damaskus verändert hat. Jesus begegnet den Menschen – auch heute!

Ostern

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Christus erstand von den Toten, er zertrat den Tod durch den Tod, und denen in den Gräbern schenkte er das Leben.

Dieser Gebetstext der orthodoxen Kirche wird lebendig, wenn wir die Auferstehungsikone betrachten. Christus der Auferstandene, tritt die Tore der Unterwelt nieder. Kreuzförmig liegen die Türflügel zu seinen Füßen, was darauf hinweist, wie er es geschafft hat, diese Tore aus den Angeln zu heben: durch das Kreuz, das Werkzeug des Todes, hat er den Tod besiegt.

So liegt denn auch der Tod, durch eine schaurige Figur symbolisiert, gefesselt am Boden und seine Werkzeuge liegen verstreut umher. Er kann sie nicht mehr gebrauchen. Vielmehr weist ihn ein Engel deutlich darauf hin, wer nun die Herrschaft über sein Reich übernommen hat: der Auferstandene Christus. Er holt die aus den Gräbern, die seit Urzeiten darin gefangen sind. Adam und Eva stehen für alle Menschen, die der Tod seit Anbeginn der Welt unter seiner Macht hatte. Sie sind nun frei, frei mit Christus in das Leben einzugehen.

Christus kommt, um den gefangenen Adam und die mitgefangene Eva von ihren Schmerzen zu erlösen, er, zugleich Gott und der Eva Sohn. Er fasst Adam bei der Hand und spricht: „Wach auf, Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein! (Eph 5,15) Ich habe dich nicht geschaffen, damit du im Gefängnis der Unterwelt festgehalten wirst.

Zum Leben hat uns Gott erschaffen und um uns dieses Leben zu schenken, ging Gott selbst in den Tod. Doch der Tod konnte ihn nicht bezwingen. Das Leben ist stärker als der Tod. Christus hat für uns alle den Sieg über den Tod errungen, damit wir mit ihm zusammen leben. Christus wollte nicht für sich alleine auferstehen, sondern will uns alle in seiner Auferstehung zum Leben rufen in seinem Reich.

Halleluja! Jesus lebt und er hat uns das Leben neu geschenkt! Freuen wir uns, dass wir mit Christus Sieger sind über den Tod! Halleluja!

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest und die Freude des Auferstandenen!

 

Karfreitag

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Zusammen mit Jesus wurden auch zwei Verbrecher zur Hinrichtung geführt. Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links. (Lk 23,32-33)

Der Hohe Rat der Juden hat Jesus mit der Anklage zu Pilatus gebracht, Jesus gebe sich als König aus. Das war die einzige Möglichkeit, um den Vertreter des Römischen Reiches dazu zu bringen, das Todesurteil auszusprechen. Mit Anklagen den jüdischen Glauben betreffend hätte er sich nicht zufrieden gegeben und den Juden war es selbst nicht gestattet, einen Menschen hinzurichten.

Der Leidensweg Jesu folgt diesem Urteil. Die Soldaten und alle, die nichts weiter von Jesus wussten, konnten gar nicht anders, als diesen Mann zu verspotten, der sich da selbst einen König nennt und doch so armselig daher kommt, scheinbar ohne jegliche Macht. Wenn nun Jesus inmitten zweier Verbrecher gekreuzigt wird, so folgt auch dies diesem Schema. Wie ein König inmitten seines Thronrates auftritt, so hängt nun Jesus inmitten der Verbrecher. Welch lausiger Thronrat, welch eine letzte Demütigung für den, der sich da als König ausgegeben hat.

Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Dann warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Die Leute standen dabei und schauten zu; auch die führenden Männer des Volkes verlachten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist. Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst! Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden. (Lk 23,34-38)

Jesus betet für seine Peiniger. So wird es – dem Beispiel seines Meisters folgend – später auch Stephanus tun, der erste im Kreis der Märtyrer, die für ihr Zeugnis für Jesus Christus in den Tod gehen. Jesu Bitte an den Vater, dass er denen Vergebung schenken möge, die ihn misshandeln ist das erste der sieben Worte Jesu am Kreuz, die christliche Andacht betrachtet.

Doch Jesu Gebet wird von den Umstehenden nicht beachtet. So groß ist ihre Verachtung für diesen Mann am Kreuz, dass sie von ihm nichts Gutes erwarten. Es läuft alles so wie sonst bei einer Kreuzigung. Die Soldaten nehmen sich ihren Anteil, indem sie die Kleider der Gekreuzigten untereinander verlosen. Gaffer sind da und auch Spötter. Manche erinnern sich an die Geschichten, die man über Jesus erzählt, als großen Wunderheiler. Was sie schon immer gedacht haben, scheint sich nun zu bewahrheiten: Dieser Mann taugt nichts, alles, was über ihn erzählt wird, ist Lüge. Nun sieht man doch, dass er machtlos ist und nichts tun kann.

Die Tafel am Kreuz gibt seine Schuld an: Das ist der König der Juden. Wieder die Verhöhnung Jesu als König. Was für ein König! Leidend hängt er am Kreuz. Man sieht in ihm noch nicht wie bei manch mittelalterlicher Darstellung den König am Kreuzesthron. Seine Macht ist verborgen. Aber doch ist Jesus ein König und seine Königsmacht wird bald offenbar werden.

Da geschieht etwas Außergewöhnliches. Während einer der beiden mit Jesus gekreuzigten Verbrecher in den Hohn der Umstehenden einstimmt, weist der andere ihn zurecht und wendet sich an Jesus. Nur Lukas berichtet dieses Ereignis.

Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns! Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23,39-43)

Der gute Verbrecher, wie wir ihn im Gegensatz zu dem anderen nennen können, glaubt daran, dass Jesus ein König ist. Wir wissen nicht, woher er diesen Glauben nimmt, ob er schon vorher von Jesus gehört hat oder ob ihn etwas an diesem Fremden, der da mit ihm hingerichtet wird, beeindruckt. Vielleicht zeigt ihm Jesu Verhalten dass er doch so ganz anders ist als normale Verbrecher. „Jesus denk an mich, wenn di mit deiner Königsmacht kommst,“ heißt es bei anderen Textzeugen.

Jesus verspricht ihm, an ihn zu denken. „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Ist es ihnen schon einmal aufgefallen, dass Jesus davon spricht, dass das heute geschieht? Jesus hätte ja sagen können, in drei Tagen werde ich auferstehen und dann wecke ich auch dich auf von den Toten. Aber Jesus spricht explizit von heute.

Wir sehen also, dass Gott andere Zeitvorstellungen hat als wir. Gott vergibt uns, bevor wir sündigen, und Jesus verspricht, diesen Dieb ins Paradies zu bringen, bevor er selbst von den Toten auferstanden ist. Der Grund liegt darin, dass Gott im Heute der Ewigkeit lebt. Gottes Ewigkeit bricht jetzt in unser Leben ein. Ewigkeit ist nicht, was am Ende der Zeiten passiert, wenn wir gestorben sind. Immer wenn wir lieben und vergeben, setzen wir einen Fuß in die Ewigkeit, in das Leben Gottes. Und deshalb können wir selbst am Karfreitag voller Freude sein, selbst im Angesicht von Leid und Tod.

Timothy Radcliffe

Wir sollten immer wieder an diesen Verbrecher denken, der mit Jesus am Kreuz hing, wenn wir in unserer Kleinlichkeit Urteile fällen, die Gottes Größe nicht gerecht werden. Selbst die Kirche denkt da manchmal zu kleinlich, wenn sie den Gerechten des Alten Bundes das Paradies verweigern wollte oder einen Limbus geschaffen hat, in dem die Seelen ungetaufter Kinder warten müssen, bis Gott sich vielleicht irgendwann einmal ihrer erbarmt. Solche Vorstellungen kommen daher, dass wir Gottes Ewigkeit nicht denken können. Aber nicht der Verstand des Menschen ist die höchste Instanz sondern das für diesen unbegreifliche Wesen Gottes.

Der Schächer am Kreuz zeigt uns auch die Größe der Barmherzigkeit Gottes. Er hat nichts getan, außer in den letzten Stunden seines Lebens daran zu glauben, dass Jesus wirklich König ist. Dieser Glaube hat ihm das Tor zum Paradies geöffnet. Das ist ein Zeichen dafür, wie viel Gott uns schenken möchte. Wir müssen nur lernen, wie man Geschenke annimmt.

Vergessen wir nie den Schächer am Kreuz und was Jesus zu ihm gesagt hat. Denken wir an das Heute seiner Verheißung, gerade in schweren Stunden. Vielleicht kann uns dieses Wort Jesu dann helfen, dass wir einen Ausweg sehen, den unser begrenzter Verstand nicht erkennen kann, den aber Gottes Größe zu wirken vermag.

 

Gründonnerstag

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Als die Stunde gekommen war, begab er sich mit den Aposteln zu Tisch. Und er sagte zu ihnen: Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen. Denn ich sage euch: Ich werde es nicht mehr essen, bis das Mahl seine Erfüllung findet im Reich Gottes.

Und er nahm den Kelch, sprach das Dankgebet und sagte: Nehmt den Wein und verteilt ihn untereinander! Denn ich sage euch: Von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken, bis das Reich Gottes kommt. Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird. (Lk 22,14-20)

„Mit Sehnsucht habe ich mich danach gesehnt, dieses Paschamahl mit euch zu essen.“ Dieser Satz gehört zum Eigengut des Evangelisten Lukas. Jesus hebt die Bedeutung dessen, was hier geschieht hervor. Er hat seine Jünger hingeführt und vorbereitet auf das, was nun geschieht, und doch werden wir sehen, dass es ihnen schwer fällt, zu begreifen.

Jesus feiert das letzte Paschamahl mit seinen Jüngern. So, wie er jetzt mit ihnen isst, wird er niemals wieder mit ihnen beisammen sein. Und doch setzt er in diesem Mahl ein bleibendes Zeichen seiner Gegenwart. In der Feier des eucharistischen Mahles bleibt Jesus zu allen Zeiten gegenwärtig.

Wie Jesus sich nach dieser Begegnung mit seinen Jüngern gesehnt hat, so sehnt er sich zu allen Zeiten danach, mit den Menschen dieses Paschamahl zu feiern. Jesus sehnt sich nach der Begegnung mit mir. Dieser Gedanke kann zur Grundstimmung meines Lebens werden. Ich darf mich immer wieder an diesen Satz Jesu erinnern.

Jesus will bei uns sein, will mit uns sein, hier auf Erden noch verborgen, dereinst im Himmel aber vollkommen. Und doch ist Jesu Gegenwart auch schon jetzt konkret. Das Wort von der Erfüllung des Mahls in der Königsherrschaft Gottes erinnert mich an Jesu Wort an den Schächer am Kreuz, der Jesus bittet, an ihn zu denken, wenn er in seiner Königsherrschaft kommt. Dieses Jesuswort gehört auch zum Eigengut des Lukas.

Jesus wird dann zum Schächer sagen: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Heute findet das Mahl bereits seine Erfüllung, weil Gottes Königsherrschaft bereits angebrochen ist. Nicht zeitlich steht die Erfüllung noch aus, die Gegenwart der Erfüllung ist vielmehr eine Frage der Dimension, unter der man sie betrachtet. Für uns Menschen, die wir an die Zeitlichkeit gebunden sind, steht die Erfüllung noch aus, in Gottes Gegenwart aber ist sie bereits konkret.

An dieser Erfüllung können wir jetzt schon Anteil erhalten. Darum ist Jesu Gegenwart in den Gestalten der Eucharistie nicht nur symbolisch zu sehen, sondern als konkrete Wirklichkeit. Brot und Wein werden im Vollzug der Wandlung in der Heiligen Messe zu Leib und Blut Jesu Christi. Er ist da, mitten unter uns. Knien wir hin und beten wir an und lassen wir uns erfüllen von der Gegenwart des Herrn.