1.4. Maria von Ägypten, Wüstenmutter

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Maria wurde in Ägypten geboren und ging im Alter von zwölf Jahren, die Zeit, als damals ein Mädchen zur Frau wurde und ins heiratsfähige Alter kam, in die ägyptische Großstadt Alexandrien. Dort arbeitete sie siebzehn Jahre lang als Prostituierte und „weigerte niemandem ihren Leib“.

Es war die Zeit, als das Christentum unter Kaiser Konstantin staatlich anerkannt und gefördert wurde. Die Mutter des Kaisers entdeckte damals das Heilige Kreuz Christi und am Ort der Kreuzigung wurde die Grabeskirche errichtet, Das waren Sensationen, die in aller Munde waren und auch Maria wollte das Kreuz sehen, an dem vor damals fast dreihundert Jahren dieser Jesus, von dem man sich so viel Wundersames erzählte, gestorben ist.

Es war wohl mehr Sensationsgier als ein echter tiefer Glaube, der damals viele Menschen nach Jerusalem aufbrechen lies. Auch für Maria war die Reise dorthin eher eine Lustreise als eine fromme Pilgerfahrt. Da sie kein Geld hatte, um die Überfahrt mit dem Schiff zu bezahlen, bot sie den Seeleuten ihren Leib als Fahrgeld an.

In Jerusalem wollte sie zusammen mit den anderen Reisenden in die Grabeskirche gehen und das Kreuz Christi anbeten. Doch sie konnte die Schwelle der Kirche nicht überschreiten. Immer, wenn sie es versuchte, hielt eine unsichtbare Kraft sie zurück. Da erkannte sie plötzlich ihre Unreinheit, in der sie viele Jahre so selbstverständlich gelebt hatte, und bereute zum ersten Mal ihre Taten.

Ich schlug an meine Brust und weinte bitterlich und seufzte aus dem tiefsten Grund meines Herzens. Als ich aber meine Augen erhob, sah ich das Bild Unserer Lieben Frau. Zu ihr betete ich mit bitteren Tränen, dass sie für mich die Vergebung meiner Sünden erwirken möge, damit ich eintreten und das Heilige Kreuz anbeten könne.

Nun war das Hindernis weg und Maria konnte in die Kirche gehen. Dieser Augenblick hat ihr Leben verändert. Es waren keine leeren Worte, mit denen sie zu Maria gebetet hat, sondern sie drückten ihre ganze Sehnsucht aus: Sie wollte das Kreuz Christi anbeten und in seine Nachfolge treten und fortan ein Leben reiner Buße und Entsagung führen.

In der Kirche begegnete ihr ein Mann, der ihr drei Geldstücke gab, mit denen sie sich drei Brote kaufen konnte. Sie hörte eine Stimme, die zu ihr sprach:

Geh über den Jordan, so wirst du gerettet.

So ging sie in die Wüste jenseits des Jordan und lebte dort in größter Einsamkeit. Die drei Brote dienten ihr siebenundvierzig Jahre lang als Nahrung. Als ihr die Kleider vom Leib fielen, blieb sie nackt, nur von ihrem Haar bedeckt.

Siebzehn Jahre bin ich in dieser Wüste noch von fleischlicher Anfechtung gepeinigt worden, aber ich habe sie besiegt mit der Hilfe Gottes.

Im mühsamen täglichen Kampf mit den Leidenschaften und Versuchungen hat sie den Sieg davon getragen. Ihre Bekehrung blieb nicht an der Oberfläche, sondern durchdrang ihr ganzes Wesen. So betet die Ostkirche an ihrem Festtag:

Du hast die Bilder deiner Leidenschaften aus der Seele weggefegt und die Urbilder der Tugend in deine Seele eingegraben.

Die heilige Einsiedlerin wurde nach 47 Jahren Einsamkeit von dem Mönch Zosimas entdeckt. Dieser lebte als strenger Asket und hielt sich darin für nahezu perfekt. Dennoch war er auf der Suche nach einem Mönch, der ihn etwas lehren könnte, das er bisher nicht wusste und ihm eine Form der Askese zeigen könnte, die er bisher noch nicht praktizierte. Gott hatte ihm offenbart, dass er diesen Lehrmeister finden werde.

Als Zosimas auf seiner Suche in die Wüste jenseits des Jordan kam, entdeckte er eine Gestalt, die allem Anschein nach nackt war. Da er tagelang keinem lebenden Wesen begegnet war, hielt er dies zunächst für ein Trugbild, dann aber überkam ihn große Freude. Als er sich aber der Gestalt nähern wollte, entfernte sich diese. Er eilte hinterher, bis ihm die Gestalt plötzlich zurief:

Abt Zosimas, warum verfolgst du mich? Was fällt dir ein, ein sündiges Weib anschauen zu wollen? Was willst du von mir lernen oder was willst du von mir sehen? Vergib mir, aber ich kann mich dir nicht zeigen, denn ich bin eine Frau und nackt. Gib mir deinen Mantel, damit ich mich bedecken und mich dir ohne Scham zeigen kann.

Abt Zosimas ist sehr verwundert. Woher kennt die Frau seinen Namen? Zudem sieht er sie nun mit ausgebreiteten Händen beten und dabei über der Erde schweben. Ist dies ein Trugbild des Teufels? Maria aber ruft ihm erneut zu:

Das verzeihe dir Gott, dass du mich arme Sünderin für einen unreinen Geist hältst!

Maria bittet Zosimas um seinen priesterlichen Segen, er aber will von ihr gesegnet werden, da er ihre Heiligkeit erkennt. Nun knien beide voreinander nieder. Gott hat Zosimas gezeigt, dass diese Frau einen noch höheren Grad an Heiligkeit erlangt hat, als er selbst. Er aber besitzt die Demut, dies zu akzeptieren und von dieser Frau zu lernen.

Maria erzählt Zosimas nun von ihrem Leben als Prostituierte und von ihrer wundersamen Bekehrung in Jerusalem vor genau 47 Jahren. Sie bittet ihn darum, im nächsten Jahr am Gründonnerstag mit dem heiligen Leib des Herrn wieder zu kommen, damit sie die heilige Kommunion empfangen könne.

Als Zosimas fast ein Jahr später am verabredeten Tag wieder in die Wüste kommen will, ist der Jordan über die Ufer getreten und er kann nicht hinüber. Maria aber steht am anderen Ufer, macht das Zeichen des Kreuzes und kommt über das Wasser zu ihm. Sie empfängt aus seinen Händen die heilige Eucharistie, und nachdem sie abermals das Zeichen des Kreuzes gemacht hat, schreitet sie über den Jordan zurück in die Wüste.

Ein Jahr später suchte Zosimas den Ort auf, an dem er Maria zum ersten Mal begegnet war. Da sah er sie tot liegen. Er erkannte, dass sie kurz nachdem sie im vergangenen Jahr den Leib des Herrn empfangen hatte, an diesen Ort zurückgekehrt und gestorben war. Ihr Leib war unverwest. Zosimas hatte aber nicht die Kraft, ein Grab auszuheben. Da sah er einen Löwen auf sich zukommen und erschrak. Der Löwe aber war sanft und grub das Grab, so dass Zosimas den Leib der Heiligen bestatten konnte. Schon im 6. Jahrhundert war Marias Grab Ziel von Wallfahrten. Als Urtyp der Büßerin wurde sie besonders im Mittelalter weithin hoch verehrt.

 

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