Der Prophet Amos (1)

Amos

Die Worte, die Amos, ein Schafzüchter aus Tekoa, in Visionen über Israel gehört hat, in der Zeit, als Usija König von Juda und Jerobeam, der Sohn des Joasch, König von Israel waren, zwei Jahre vor dem Erdbeben. (Am 1,1)

Der Prophet Amos wirkte um das Jahr 750 im Nordreich Israel und ist der älteste Prophet, von dem uns ein eigenes Buch überliefert ist. Von seiner Herkunft her stammt Amos aber aus dem Südreich Juda. Er bezeichnet sich als Schafzüchter aus Tekoa, also nicht als Propheten. Dennoch weiß er sich von Gott von Gott berufen, sein Wort zu verkünden.

Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler, sondern ich bin ein Viehzüchter und ich ziehe Maulbeerfeigen. Aber der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel! (Am 7,14-15)

Amos tritt als Kritiker an einer Gesellschaft auf, in der es an Gerechtigkeit fehlt, das Recht des Stärkeren zählt und die Reichen die Armen unterdrücken. Nach dem Tod König Salomos wurde Israel in das Südreich Juda und das Nordreich Israel geteilt. Beide litten unter den Angriffen ihrer Nachbarvölker. Unter Jerobeam II. aber kam es im Nordreich nach einer langen Periode kriegerischer Auseinandersetzungen wieder zu Ruhe, Frieden und wirtschaftlichem Aufschwung. Doch davon profitierte nur eine kleine Oberschicht. Die einfache Bevölkerung geriet immer mehr in Armut und Abhängigkeit. Die Reichen verstanden es, sich durch ungerechte Machenschaften immer mehr zu bereichern.
Gott wird in den Reichsheiligtümern, allen voran Bet-El, mit einem pompösen Kult verehrt. Doch feiert die Oberschicht nicht einfach nur sich selbst durch diesen Kult? Die staatlich angestellten Hofpropheten tun ihr Übriges dazu, dass sich die Reichen im Recht sehen und ob ihres Reichtums in besonderem Maße als von Gott auserwählt wähnen. Aber sie denken nicht an die Verantwortung, die der Reichtum mit sich bringt, und streben nur danach, sich immer mehr zu bereichern.
Da tritt der Prophet Amos als Störenfried auf. Er ruft seine Worte einer Gesellschaft zu, die meint in höchster Blüte zu stehen und nicht merkt, dass sie fast tot ist. Einer seiner markantesten Sprüche lautet:

Sucht das Gute, dann werdet ihr leben! (Am 5,14)

Aber wir leben doch und das nicht schlecht, werden viele bei diesen Worten gedacht haben. Und überhaupt: was will dieser Fremde aus dem Südreich Juda hier bei uns? Er soll doch wieder nach Hause gehen.
Doch Amos bleibt. Er weiß sich von Gott als Prophet berufen. Er hat seine Heimat, seine Herde und seine Maulbeerfeigen verlassen. Er folgt dem Auftrag Gottes: “Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!” Er ist frei und braucht in seinen Reden auf niemand Rücksicht zu nehmen. Er gehört nicht zu den Hofpropheten, die nur gefällige Sprüche sprechen dürfen, weil sie sonst um ihr Einkommen fürchten müssten.
Er verkündet den Ruf Gottes nach Gerechtigkeit. Gott verabscheut die pompösen Gottesdienste, die fetten Opfer und den Lärm der Lieder, weil er nicht mit dem Leben zusammengeht. Es nützt nichts, auf der einen Seite Gottesdienst zu feiern und dann hinauszugehen und Unrecht zu begehen. Leben und Gottesdienst müssen in Einklang zueinander stehen. Das Unrecht macht das Land kaputt. Mag es auch Reichtum bringen, am Ende bringt es den Tod. Nur die Gerechtigkeit bringt Leben.

Das Gleichnis vom klugen Verwalter (2)

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Am Ende des Gleichnisses steht die Warnung Jesu:

Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon. (Lk 16,13)

Wenn Christus die beiden Herren gegenüberstellt, Gott und Mammon, so bedeutet das nicht, dass er sie gleichwertig sieht. Nur Gott ist Herr. Es gibt keinen Herren außer ihm. Der Mammon wird Herr genannt, weil er den Menschen beherrscht. Gottes Herrschaft aber öffnet dem Menschen den Weg zu wahrer Freiheit und einen erfüllten Leben.

Siehst du, wie ganz allmählich der Herr die Zuhörer von den irdischen Dingen abzieht, indem er zum wiederholten Mal auf die Verachtung des Besitzes zu sprechen kommt, und so die Tyrannei der Habsucht bricht? … Wenn er aber sagt: “Kein Sklave kann zwei Herren dienen”, so sind unter den zweien hier solche zu verstehen, von denen der eine das Gegenteil des anderen befiehlt. Denn wäre dies nicht der Fall, so wären es auch nicht zwei. Jesus aber will zeigen, dass die Bekehrung zum Besseren ganz leicht ist. Damit du nämlich nicht sagst: Ich bin ein für allemal zum Sklaven des Mammon geworden, ich bin von der Geldgier beherrscht, so zeigt er, dass eine Umkehr möglich ist, und dass man, wie vom ersten zum zweiten, so auch vom zweiten zum ersten kommen kann. … Die Liebe zum Geld nimmt den Verstand ein wie eine Festung, sendet von da aus täglich ihre Befehle aus, die jeglicher Ungerechtigkeit voll sind, und es gibt keinen, der ihr den Gehorsam versagen würde. Grüble also nicht über nutzlose Ausflüchte nach. Gott hat einmal sein Urteil gefällt und gesagt, es sei nicht möglich, zugleich dem einen und dem anderen zu dienen. Behaupte also nicht du, es sei möglich. … “Herr” aber nennt Christus hier den Mammon, nicht ob dessen besonderer Natur, sondern wegen der erbarmungswürdigen Lage derer, die sich unter sein Joch gebeugt haben. … Es ist in der Tat ein unaussprechliches Unheil, das diese trifft, Streit, Verwünschungen, Händel, Elend, Blindheit der Seele. Das Schlimmste von allem aber ist, dass ein solcher der höchsten Gnaden verlustig geht, nämlich der Dienstschaft Gott. So hat also der Herr auf jede Weise gezeigt, wie die Verachtung des Geldes so nützlich ist gerade zur Bewahrung des Geldes, sowie zum Glück der Seele, zur Erlangung wahrer Lebensweisheit und zur Sicherung der Frömmigkeit.
Johannes Chrysostomus

Das Gleichnis vom klugen Verwalter (1)

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Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. Ich sage euch: Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es mit euch zu Ende geht. (Lk 16,8-9)

Durch Freigebigkeit gegenüber den Armen nämlich sollen wir uns die Gunst der Engel und der übrigen Heiligen erwerben. Der Verwalter erfährt auch keinen Tadel. Wir ersehen daraus, dass wir selbst nicht Herren, sondern nur Verwalter fremden Eigentums sind. Hat nun jener auch gefehlt, wird er gleichwohl gelobt, weil er sich aus der Barmherzigkeit des Herrn Kapital für die Zukunft geschlagen hat. Sinnig aber sprach der Herr vom “ungerechten” Mammon, denn die Habsucht versucht unser Herz durch die mannigfachen Lockungen des Reichtums zu verleiten, auf dass wir willentliche Sklaven des Reichtums werden. (Ambrosius)

Hildegard von Bingen

Hildegard_Himmel

Im Himmel ist meine Heimat,

dort begegne ich auch den Geschöpfen;

Gottes Liebe ist mein Verlangen,

den Turm der Sehnsucht will ich errichten.

 

Was du, Gott, willst, das will ich tun.

Mit den Flügeln des guten Willens

fliege ich über des Himmels Gestirne,

um deinen Willen zu tun.

 

Nichts mehr bleibt mir zu suchen und zu wünschen,

ich sehne mich nur noch nach Dir.

Lass mich, o Gott, dein Saitenspiel sein

und der Zitherklang deiner Liebe.

13.9. Hl. Notburga

NotburgaDie hl. Notburga gehört zu den großen Volksheiligen, deren Verehrung tief in der heimischen Frömmigkeit verwurzelt ist, über deren Leben es aber keine im Sinn der modernen Geschichtswissenschaft stichhaltigen Angaben gibt. Sie ist vor allem in Tirol und im südlichen Bayern bekannt. Ihr Grab befindet sich in der Wallfahrtskirche St. Notburga in Eben am Achensee, deren Hochaltar den Reliquienschrein mit den kostbar verzierten Gebeinen der Heiligen enthält. Im Jahr 1862 wurde Notburga durch Papst Pius IX. offiziell als Heilige für die gesamte Kirche anerkannt, da sie seit unvordenklicher Zeit bis in die Gegenwart ununterbrochen öffentlich als Heilige verehrt wurde.

Anfang des 17. Jahrhunderts sammelte der fromme Haller Stiftsarzt Hippolyt Guarinoni die in der Bevölkerung verbreiteten Erzählungen über die Heilige und verfasste im Jahr 1622 eine Lebensbeschreibung. Demnach wurde Notburga um das Jahr 1265 als Tochter einfacher Hutmacherleute im damals noch bayerischen Rattenberg am Inn geboren. Mit 18 Jahren trat sie auf der nahen Rottenburg in den Dienst als Küchenmagd und Beschließerin bei der dortigen Grafenfamilie. Sie war tüchtig und fromm und verteilte darüber hinaus Brot und Wein an die Armen.

Als der alte Graf starb, verbot dessen Sohn, wahrscheinlich auf dem Betreiben seiner hartherzigen Gattin hin die Armenspeisung. Notburga solle die Reste vom Tisch besser an die Schweine verfüttern. Dennoch verteilte Notburga heimlich Speise und Trank an die Armen, es heißt, dass sie diese Gaben von ihrer eigenen Ration nahm. Eines Tages wurde sie vom jungen Grafen dabei ertappt, wie sie den Armen Brot und Wein bringen wollte. Er stellte sie zur Rede, aber als Notburga ihre Schürze öffnete, waren statt Brot Hobelspäne darin und im Krug statt Wein bittere Lauge. Das Wunder erinnert an das Rosenwunder der hl. Elisabeth von Thüringen. Dennoch musste Notburga die Burg verlassen und suchte das Rupertkirchlein in Eben auf, das sie vom Schloss aus auf der anderen Seite des Inn oft im Blick gehabt hatte.

In Eben trat Notburga eine Stelle als Magd beim Spießenbauer an, wo sie fünf Jahre blieb. Mit dem Bauer hatte sie ausgehandelt, dass sie nach dem abendlichen Gebetsläuten, das auch das Ende der Feldarbeit angab, und an Feiertagen keine Arbeit zu verrichten hatte, sondern sich ganz dem Gebet widmen durfte. Das abendliche Gebetsläuten als Gruß an die Gottesmutter und Gedenken an die Menschwerdung Christi verbreitete sich übrigens gerade zu dieser Zeit von einem Franziskanischen Brauch her in der ganzen Kirche. Sicher hat die Notburga-Legende einen wichtigen Beitrag zur Festigung dieses bis heute tief im katholischen Glauben verwurzelten Gebetsbrauchs geleistet.

Als der Bauer in der Erntezeit diese Regel außer Kraft setzen wollte, ereignete sich das zweite bekannte Wunder der hl. Notburga. Der Bauer verlangte, dass sie nach dem Gebetsläuten den Weizenschnitt fortsetzen sollte und verbot ihr, die Sichel an ihren Platz im Geräteschuppen zu hängen. Daraufhin bat Notburga Gott, ein Zeichen zu setzen. Sie hängte ihre Sichel einfach in der Luft an einem Sonnenstrahl auf, wo sie in der Luft schwebend hängen blieb.

Während Notburgas Abwesenheit ging es dem jungen Grafen und seiner Frau nicht gut. Viele verließen die Burg, weil es sich dort nicht mehr gut leben ließ. Erst als die Frau des jungen Grafen starb und er eine neue Ehe einging, besserte sich die Situation. Die neue Gräfin war liebevoller als die erste Frau. Auch Notburga kehrte auf die Rottenburg zurück und durfte dort die Betreuung der Armen wieder aufzunehmen. 18 Jahre lang diente sie als Köchin und Erzieherin der fünf Kinder auf der Burg. Eine Urkunde aus dem Jahre 1337 berichtet, dass sich die Rottenburger Grafen verpflichtet haben, mehr als 300 Arme zu versorgen.

Notburga starb wahrscheinlich am 14. September 1313. Nach ihrem Tod ereignete sich das dritte Wunder. Ihrem Wunsch gemäß wurde ihr Sarg auf einen Wagen geladen und Ochsen sollten ihn an den Ort ziehen, an dem sie bestattet werden sollte. Der Leichenzug durchquerte auf wundersame Weise den Inn und blieb vor dem Rupertkirchlein in Eben stehen. Dort wurde die Heilige begraben. Die erste urkundliche Erwähnung der Heiligen stammt aus dem Jahr 1434. Damals wurde das Rupertkirchlein nach einer Erweiterung neu geweiht und als Kapelle zur hl. Notburga bezeichnet. Im 16. Jahrhundert ließ Kaiser Maximilian die Kirche neu bauen. 1735 wurden Notburgas sterbliche Überreste als Ganzkörperreliquie in die Kirche von Eben überführt.

Die Verehrung der hl. Notburga reicht über Eben und Tirol hinaus in die Steiermark, nach Bayern, Slowenien, Kroatien und Istrien. Sie ist ein Idealbild christlicher Nächstenliebe und Frömmigkeit. Dargestellt wird sie in der ländlichen Kleidung einer Dienstmagd, Ährenbündel und Schlüssel verweisen auf ihre Tätigkeit, Brot, Kanne und Sichel auf die beiden bekanntesten Wunder. Sie ist Patronin der Dienstboten, der Bauern und der Armen.

Erster Timotheusbrief

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Der erste Brief an Timotheus gehört ebenso wie der zweite Brief an Timotheus und der Brief an Titus zu den sogenannten Pastoralbriefen. Diese richten sich nicht, wie die anderen Paulusbriefe, an die christliche Gemeinde einer Stadt, sondern an eine einzelne Person. Timotheus war etwa seit dem Jahr 50 einer der engsten Mitarbeiter des Paulus. Die moderne Exegese sieht diese Briefe nicht als echte Paulusbriefe, sondern als Werke eines oder mehrerer Paulusschüler, die um das Jahr 100 nach dem Tod des Apostels in Kleinasien entstanden sind.

So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte. Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der erste. Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut beweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen. (1Tim 1,14-16)

Das Erbarmen, das Gott dem Paulus erwiesen hat, indem er ihn vom Christenverfolger zum Apostel der Heiden berufen hat, gilt hier als Beispiel dafür, wie Gott alle Menschen retten möchte. Christus ist nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder. Aber wer ist ein Sünder?

Die Kirche legt uns verschiedene Beichtspiegel vor, Register, nach denen wir genau beurteilen können, ob, wann und wie oft wir gesündigt haben. Zudem werden die Sünden in lässliche, schwere und Todsünden eingeteilt. Auch das Judentum kennt feste Gebote und jeder Verstoß dagegen kann genau bestimmt werden. Gesetzeslehrer, wie Paulus einer war, wissen genau um diese Gebote Bescheid und versuchen sich streng daran zu halten.

Je mehr man die Gebote kennt, desto mehr weiß man aber auch: ein Mensch kann nie alle diese Vorschriften streng einhalten. Es gibt immer wieder Situationen, in denen man schwach wird oder einfach das Temperament mit einem durchgeht. Wie kann Jesus uns daraus retten? Wir fallen ja immer wieder bedürfen immer neu der Vergebung. Sind wir da überhaupt noch zu retten?

Wir dürfen Sünde nicht auf den Begriff des Verstoßes gegen Gebote reduzieren. Sünde geht tiefer. Sünde bedeutet das gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Gott, wenn der Mensch an Gottes Liebe zweifelt. Der Mensch kann nicht durch die Einhaltung von Geboten gerettet werden. Rettung bedeutet, im tiefsten Bewusstsein erfahren zu haben, dass Gott mich liebt.

Diese Liebe Gottes hat Jesus uns gezeigt und ist dafür in den Tod gegangen. Ein Mensch, der diese Liebe Gottes erfahren hat, kann nicht mehr weiter leben wie bisher. Er wird immer mehr danach streben, Jesus ähnlich zu werden und selbst ein Zeichen der Liebe Gottes zu sein. Das ist die Rettung, wenn Gottes Liebe zum tragenden Fundament des Lebens wird. Gottes Liebe gilt allen Menschen und jeder ist fähig, diese Erfahrung zu machen. Dafür gilt es Gott, dem König der Ewigkeit, immer wieder Dank zu sagen.

Philemonbrief

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Der Philemonbrief ist der kürzeste Paulusbrief und zugleich der persönlichste. Paulus hat ihn wahrscheinlich um das Jahr 55 während seiner Gefangenschaft in Ephesus verfasst. Paulus befindet sich in einer prekären Situation. Onesimus, ein entlaufener Sklave des Philemon, der ein bedeutendes Gemeindemitglied der Kirche von Kolossä ist, hat bei Paulus in Ephesus Zuflucht gesucht. Paulus möchte den jungen Mann, der ihm eine große Hilfe ist, ungern verlieren. Als Sklave aber ist Onesimus Eigentum des Philemon und Paulus erweist sich rechtlich als Dieb, wenn er Onesimus nicht an Philemon zurückgibt. Das könnte ein schlechtes Licht auf Paulus werfen.

Paulus ist bemüht, die Situation in gegenseitigem Einvernehmen zu regeln. Er schickt Onesimus mit dem Brief im Gepäck zu Philemon zurück und bittet darum, ihn freizulassen und zu Paulus zurück zu schicken. Jedoch lässt er Philemon die Freiheit, selbst zu entscheiden, was er für richtig hält. Auch das Geld, das Onesimus dem Philemon für seine Flucht gestohlen hat, ist Paulus bereit, aus eigener Tasche zu zahlen. Wir wissen nicht exakt, wie die Sache ausgegangen ist, aber wahrscheinlich hat Philemon den Onesimus freigelassen. Der Legende nach soll Onesimus später Bischof von Ephesus geworden sein und schließlich in Rom den Märtyrertod erlitten haben.

Paulus, selbst ein Gefangener, in Ketten um Christi Willen, bittet für Onesimus, der ein Gefangener des Systems der Sklaverei ist. Auch wenn Paulus dieses System an sich nicht abschaffen kann, so kann er doch Philemon, den Besitzer des Onesimus, dazu ermuntern, im Kleinen etwas zu ändern. Onesimus kann frei werden. Und wenn immer mehr Menschen nach dem Beispiel des Philemon handeln und ihre Sklaven frei lassen, dann wird sich auch das System der Sklaverei ändern.

Was sagt uns dieser Brief heute? Es gibt bei uns keine Sklaven mehr, werden wir sagen, und das ist gut so. Dennoch gibt es aber auch bei uns Systeme der Unfreiheit und Unterdrückung. Wir merken es vielleicht nicht, weil die Unterdrückten nicht vor unserer Haustüre leben, sondern am anderen Ende der Welt. Auch die Unterdrückung ist global geworden. Aber wenn nahezu jedes Kleidungsstück, das wir tragen, von Menschen hergestellt worden ist, die kaum das Nötigste zum Leben haben, wenn die Rohstoffe vieler unserer Technikprodukte unter menschenunwürdigen Bedingungen gefördert werden, sind wir die Nutznießer eines Systems der Unterdrückung und moderner Sklaverei.

Wir können dieses System nicht ändern. Aber wir können unseren Beitrag leisten, dass wir nicht von dieser Ausbeutung profitieren, sondern von unserem Überfluss denen ihren gerechten Lohn zahlen, die das produzieren, was wir kaufen. Dazu müssen wir genau hinsehen, uns nicht von Schnäppchenangeboten verführen lassen. Weniger, dafür besser einkaufen, von kleinen Herstellern, aus regionaler Produktion. Wenn immer mehr Menschen genau darauf achten, wo das her kommt, was sie einkaufen, kann sich Schritt für Schritt dieses System ändern.