Die ungewöhnliche Schönheit Mariens

Pulchra es et decora, filia Jerusalem: terribilis ut castrorum acies ordinata.

Schön bist du und anmutig, Tochter Jerusalems, furchterregend wie die geordnete Schlachtreihe eines Heeres.

Als ich versuchte, die vierte Antiphon der Marienvesper aus dem Lateinischen ins Deutsche zu übersetzen, kam ich ins Stocken. So ungewohnt klang der Text. Er stammt aus der lateinischen Fassung des Hohenliedes (Hld 6,4), dessen Text oft in den marianischen Kontext übernommen worden ist.

Das Hohelied, auch „Lied der Lieder“ genannt, wird König Salomo zugeschrieben und besingt die Liebe zwischen Mann und Frau. Geliebter und Geliebte suchen einander und können sich nicht finden, in ihren Liedern beschreiben sie die Schönheit des anderen und bringen ihre Sehnsucht zum Ausdruck.

Die Schönheit der Geliebten hat christliche Frömmigkeit auf Maria übertragen. Mit dem Geliebten singt die Kirche das Lob Mariens. Maria ist wunderschön. Der Ausdruck Tochter Jerusalems wird gerne im Hohenlied als Bezeichnung der Geliebten verwendet.

Doch dann dies: wo wir aus der Einheitsübersetzung die Formulierung „prächtig wie Himmelbilder“ gewohnt sind, steht im lateinischen Text etwas ganz anderes. Es ist nicht nachzuvollziehen, woher die Einheitsübersetzung diese zwar liebliche, jedoch mit dem Text der Schrift nicht vereinbare Übersetzung mit Himmelsbildern nimmt. Alle Übersetzungen nahe am Urtext von Martin Luther über Martin Buber bis hin zu modernen Kommentatoren stellen den Text in den militärischen Kontext. Bestärkt wird dies auch durch die Erwähnung der Stadt Tirza im ersten Teil des Verses. Tirza war eine alte, befestigte Königsstadt im Nordreich Israels.

Die Geliebte aus dem Hohenlied und ebenso Maria werden verglichen mit der geordneten Schlachtreihe eines Heeres. Ich stelle mit hierbei ein antikes Heer vor, dessen Anführer prächtige Rüstungen tragen und dem Fahnenträger mit wallenden Standarten vorangehen. Die Soldaten stehen in Reih und Glied. Es handelt sich nicht um eine wüste Kriegshorde, die sich schreiend auf den Gegner stürzt, sondern um ein Heer, das nach zuvor präzise exerzierten Regeln in die Schlacht zieht.

Sicher ein Bild, das herausfordert. Wir leben in einer Zeit des Pazifismus, das Bild des Krieges soll spätestens seit dem brutalen Vietnamkrieg aus den Köpfen der Menschen in der zivilisierten westlichen Welt verschwinden. Aber dennoch sind die Kriege auf der Erde nicht verschwunden. Überall toben Kämpfe, von den Medien beachtet wie beispielsweise in Syrien und Afghanistan, oder weitgehend unbeachtet in den ärmsten Ländern der Dritten Welt. Zudem hat sich der Kriegsschauplatz der Welt durch den militanten Terrorismus bereits bis in das Herz unserer Gesellschaft verlagert.

Als Christen müssen wir kampfbereit sein, um die Freiheit unserer Gesellschaft und mit ihr die Freiheit unseres Glaubens zu verteidigen. Doch unsere Waffen sind nicht Gewehre und Panzer, sind nicht Autobomben und Sprenggürtel. Unsere stärkste Waffe ist der Glaube an den einen Gott, den Herrn des Himmels und der Erde und an seinen Sohn Jesus Christus, der den Tod besiegt hat. Unser Übungsplatz sind nicht die Kasernen, sondern der Alltag unseres Lebens. Hier gilt es, die Reinheit des Herzens zu bewahren und den Verlockungen des Bösen zu widerstehen.

Uns voran zieht die Standarte des Kreuzes, wie wir im Hymnus „Vexilla Regis“ am Fest Kreuzerhöhung singen und Maria kämpft mit uns in den Schlachtreihen des Heeres. Sie ist unsere Fürsprecherin bei ihrem Sohn, dass wir im Kampf nicht erliegen, sondern siegreich daraus hervorgehen. Wir tun gut daran, uns dieses Bild zu eigen zu machen in den Kämpfen, die wir im Leben zu bestehen haben. Maria kämpft mit uns, sie kämpft für uns, sie ist die Frau der Apokalypse, die den Drachen bezwungen hat, der gegen die Kinder Gottes Krieg führt. Vertrauen wir uns ihrer Fürsprache an:

Wer ist es, die da aufsteigt wie die Morgenröte, schön wie der Mond, leuchtend wie die Sonne, furchtbar wie ein Heer in Schlachtbereitschaft?

O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir zu dir unsre Zuflucht nehmen.

Herr Jesus Christus, unser Mittler beim Vater, dir hat es gefallen, die allerseligste Jungfrau Maria, deine Mutter, auch uns zur Mutter zu geben, damit sie unsere Mittlerin bei dir sei. Gewähre denen, die von dir Gnaden erbitten, die Freude, alles durch Maria zu erlangen. Amen.

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