Kategorie: Schriftzitate
3. Lied vom Gottesknecht
Gott, der Herr, gab mir die Zunge eines Jüngers, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger.
Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück. Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.
Doch Gott, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate. (Jes 50,4-7)
Die vier Gottesknechtslieder schildern in poetischen Worten das Schicksal des Propheten Deuterojesaja unter den verschleppten Israeliten im babylonischen Exil. Sie wurden aber zugleich zum Bild für das leidende Gottesvolk und zum Vorausbild für Christus. Gerade die Leiden des Propheten im Dienst Gottes für das Volk erfüllte Christus auf einzigartige Weise durch seinen Kreuzestod zum Heil der Menschen. Daher haben das dritte und vierte Gottesknechtslied einen festen Platz in der Liturgie der Passionszeit, das dritte Gottesknechtslied wird am Palmsonntag, das vierte am Karfreitag gelesen.
Knecht Gottes meint den von Gott in besonderer Weise in Dienst Gerufenen. Durch das Hören auf Gottes Botschaft gleicht dieser einem Schüler oder Jünger, der die Worte des Meisters hört, diese betrachtend verinnerlicht und in der Tat erfüllt. Wenn auch Christus in seiner göttlichen Natur weit mehr war als ein Schüler Gottes, so hat er doch als Mensch immer wieder die betende Zwiesprache mit seinem Vater im Himmel gesucht. Wenn wir Christus nachfolgen, bekommen die Worte des Propheten auch für uns eine drängende Aktualität.
Gottes Wort ist Zuspruch für die Menschen. Es dient nicht der inneren Erbauung des Jüngers, sondern er soll es verkünden zur Stärkung des Volkes. Der Knecht Gottes, auch wenn er selbst geschlagen wird, übt keinerlei Unterdrückung aus, sondern stärkt und baut seine Mitmenschen auf. Woher nimmt er aber die Kraft? Allein aus seiner Verbindung zu Gott.
Der Diener Gottes muss immer wieder in lebendige Zwiesprache mit Gott treten. Das ist das unerschütterliche Fundament seines Lebens. Am Beginn jedes Tages, vor jedem Tun und auch am Ende des Tages versetzt er sich in die Gegenwart Gottes. Was will Gott heute von mir? Was will er jetzt in dieser konkreten Situation von mir? Er verliert sich nicht in falschem Aktionismus und richtungslosen Irrwegen. Die Konzentration auf Gott gibt ihm Richtung und Entschiedenheit.
Gott ist es, der ihm das Ohr geöffnet hat. Gott hat ihn gerufen. Ein interessantes Bild. Wenn Gott ruft, dann öffnet er die Verbindung zwischen sich und uns. Gott ergreift die Initiative, der Mensch aber entscheidet, ob er Gottes Ruf zu sich dringen lässt oder ignoriert. Gott ruft, aber er zwingt nicht. Er wartet, ob wir bereit sind, die Verbindung aufrecht zu erhalten. Wer aber als von Gott Gerufener das verkündet, was Gott zu ihm gesprochen hat, tritt mit einer unüberbietbaren Autorität auf.
Immer aber sind es nur wenige, die auf den Knecht Gottes hören. Etliche mögen gleichgültig sein, manche aber treten in Opposition zum ihm. Gerade die Mächtigen sind oft nicht bereit, sich der Autorität seines Auftretens unterzuordnen. So ergeht es den Boten Gottes zu allen Zeiten. Auch Christus führte sein Auftreten in göttlicher Vollmacht zur Anklage wegen Gotteslästerung und Hochverrat.
Christus ist das perfekte Abbild des leidenden Gottesknechts. Die Evangelien schildern die Verspottung und Folter, die Jesus angetan wurden. Er wurde verhöhnt, bespuckt und gegeißelt. Dabei blieb er stumm, wie ein Lamm angesichts des Scheerers, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Er wehrte sich nicht vor den Schlägen, gab keine Beleidigung zurück. Wer selbst einmal zu Unrecht beschuldigt und verhöhnt wurde, der weiß, dass es viel mehr Kraft erfordert, hier ruhig zu bleiben, als sich zu wehren. Das Schweigen Jesu ist also nicht Zeichen von Schwäche, sondern von innerer Größe.
Und doch wahrt er sein Gesicht. Wir sehen es auch bei den Märtyrern. Erhobenen Hauptes gehen sie stolz in den Tod. Der Gerechte lässt sich nicht unterkriegen. Er weiß, dass er für die Gerechtigkeit einsteht und dass diese letztlich siegen wird, auch wenn er für sie in den Tod geht. Gott wird für seine Sache eintreten. Wenn es hart auf hart kommt, können wir die Gerechtigkeit nicht mehr mit Worten verteidigen, sondern nur noch durch Standhaftigkeit bis in den Tod. Doch die Gerechtigkeit wird nicht untergehen, sondern Gott wird immer neu seine Knechte rufen.
Neu Schöpfung
Christus ergreifen
Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. (Phil 3,10-12)
Jesus Christus ist für Paulus die Mitte des Glaubens. Er, der die Menschen durch seinen Tod und seine Auferstehung gerecht macht vor Gott. Durch ihn sind wir hinein genommen in Gottes liebendes Herz. Das bedeutet Friede und Freude, im Herzen Gottes zu ruhen. Aus dieser Liebe und der Gerechtigkeit des Glaubens heraus sollen wir leben in der Freiheit der Kinder Gottes, die nicht ängstlich auf irdische Regeln bedacht sind, sondern sich als Menschen wissen, die von Gottes Fülle beschenkt sind.
Paulus wird hier sehr persönlich. Er sagt der Gemeinde, dass selbst er als Apostel nicht vollkommen ist. Kein Mensch ist vollkommen. Aber darauf kommt es auch nicht an. Die Vollkommenheit wird uns erst noch geschenkt, wenn wir einmal mit Christus beim Vater sind. Hier auf Erden sind wir Suchende, die sich nach der Vollendung sehnen. So werden wir mehr und mehr Christus ähnlich.
Dass wir noch fern vom Ziel sind und uns des Siegespreises nicht gewiss sein können, soll für uns Ansporn sein zu noch größerem Eifer. Auch wenn der Siegespreis ein reines Geschenk von Gottes Gnade ist, so ist er doch nicht ohne unsere Anstrengung erreichbar. Hier wird das Geheimnis von Gottes Gnade deutlich. Wenn wir nur die eine oder nur die andere Seite betrachten, gehen wir in die Irre. Das Heil erwerben wir nicht allein durch unsere Anstrengung, aber ohne unsere Anstrengung werden wir es verlieren. Es wird uns ganz von Gott geschenkt, aber wir müssen so leben, dass wir uns des Geschenkes Gottes würdig erweisen.
Wir können uns auch nicht auf vergangenen Lorbeeren ausruhen. Der Siegespreis kommt am Ende. Jetzt stehen wir im Wettkampf in immer neuen Runden. Wir sammeln Punkte, aber doch können wir immer wieder neu beginnen. Sieger wird nicht, wer am meisten Punkte hat, sondern wer bis zum Ziel durchhält. Dieses Bild ist tröstlich, aber es rüttelt uns auch auf. Es stellt uns vor eine ständige Herausforderung, aber es ist auch ein Bild großer Hoffnung.
Wir können jeden Tag neu mit dem Training beginnen. Auf das, was hinter uns liegt, brauchen wir nicht zu schauen. Natürlich, wir sind auch geprägt von unserer Vergangenheit und wenn wir großen Mist gebaut haben, sollten wir das auch irgendwie in Ordnung bringen, aber solange wir leben wird es nie einen Punkt geben, an dem wir nicht neu anfangen können.
Vergessen, das heißt nicht: sich nicht mehr erinnern, die Vergangenheit auslöschen wollen, sondern: nicht mehr darin verhaftet sein, loslassen können, damit auch: frei werden können, Raum schaffen für etwas Neues, für Gottes schöpferisches Handeln in meinem Leben. Es kann auch heißen: sich versöhnen mit der eigenen Lebensgeschichte. Alles beginnt mit dieser bewussten Entscheidung der Kehrtwendung und Hinwendung auf Neues hin.
Wenn dein Herz wandert oder leidet,
bringe es behutsam an seinen Platz zurück,
und versetze es sanft
in die Gegenwart deines Herrn.
Und selbst wenn du in deinem Leben
nichts getan hast,
außer dein Herz zurückzubringen
und wieder in die Gegenwart Gottes zu versetzen,
obwohl es jedes Mal wieder fortlief,
nachdem du es zurückgeholt hattest,
dann hast du dein Leben wohl erfüllt.Franz von Sales
Psalm 24
Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt, / der Erdkreis und seine Bewohner.
Denn er hat ihn auf Meere gegründet, / ihn über Strömen befestigt.
Der Beginn des Psalms benennt eine Tatsache: Die Erde gehört dem Herrn. Gott hat die Welt geschaffen. Sie ist in seiner Hand. Gott ist Herr des Universums. Alles, was auf der Erde lebt, gehört Gott. Er hat Meer und Land getrennt, hat den fruchtbaren Boden und die Pflanzen und Tiere darauf geschaffen. Er hat dem Menschen, den er mit Geist und Freiheit ausgestattet hat, die Erde anvertraut, sie zu nutzen und zu verwalten.
Er ist der Gott der Ordnung … der das Ich aus dem gestaltlosen Urgrund herausruft und über ihm befestigt. Darum ist auch … nur die Lebensweise des Menschen göttlich, die in einem spezifischen Sinne menschlich, gottebenbildlich ist, eine vernunftgeleitete, verantwortliche Lebensweise, die ihrerseits das Erdreich über den Wassern befestigt, ohne deshalb das Wasser, den unersetzlichen Urgrund des Lebens, auszutrocknen. (Robert Spaemann)
In den folgenden Versen schildert der Psalmist die Zutrittsbedingungen für das Heiligtum:
Wer darf hinaufziehn zum Berg des Herrn, / wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
Der reine Hände hat und ein lauteres Herz, / der nicht betrügt und keinen Meineid schwört.
Unschuldige Hände und ein reines Herz heißt es wörtlich übersetzt. Hände, an denen kein Blut klebt und die nicht gierig zusammenraffen, sondern Hände, die sich dem anderen helfend entgegen strecken, die selbstlos schenken und zum Gebet zu Gott erhoben sind.
Ein Herz, das nicht zur Mördergrube geworden ist und voll ist von Hass und bösen Gedanken, sondern ein Herz, das voller Liebe ist, ehrlich und wahrhaftig. Diesen Menschen spricht der Psalmist den Segen Gottes zu.
Er wird Segen empfangen vom Herrn / und Heil von Gott, seinem Helfer.
Das sind die Menschen, die nach ihm fragen, / die dein Antlitz suchen, Gott Jakobs. [Sela]
Menschen mit reinen Händen und lauterem Herzen empfangen Gottes Segen und werden so zu Menschen, die Gott suchen. Ist diese Reihenfolge nicht unlogisch? Steht nicht am Anfang die Suche nach Gott, unser Bemühen, ihn zu finden? Müssen wir uns nicht zuerst um das reine Herz mühen, damit Gott zu uns kommen kann?
Wenn es so wäre, bliebe Gott den Menschen fremd. Kein Mensch kann aus eigener Anstrengung so rein und heilig werden, dass er Gott gleich wäre. Es ist vielmehr Gott, der die Initiative ergreift und uns rein und heilig macht durch seine Gnade. Gott kommt dem Menschen entgegen, um ihn zu sich zu führen. Wenn ein Mensch von Gottes Gnade angerührt wurde, dann ist er bereit, sich auf dem Weg zu Gott zu machen. Doch viele Menschen nutzen das Geschenk Gottes nicht und bleiben lieber in ihrer kleinen Welt, als sich auf den Weg zu machen zum Tempel Gottes – sie bleiben lieber armselige Menschen, als ihre Leib zum Tempel Gottes zu machen.
Nachdem der Psalmist den Weg des Menschen zum Heiligtum gezeigt hat, schildert er mit machtvollen Worten den Weg Gottes zu seinem Heiligtum, dem Ort, wo Gott und Mensch sich begegnen. Für Israel war es der Tempel in Jerusalem, in dem die Lade Gottes – Zeichen der Gegenwart Gottes während der Wanderjahre – nun ihren festen Ort bekommt.
Ihr Tore, hebt euch nach oben, / hebt euch, ihr uralten Pforten; / denn es kommt der König der Herrlichkeit.
Wer ist der König der Herrlichkeit? / Der Herr, stark und gewaltig, / der Herr, mächtig im Kampf.
Ihr Tore, hebt euch nach oben, / hebt euch, ihr uralten Pforten; / denn es kommt der König der Herrlichkeit.
Wer ist der König der Herrlichkeit? / Der Herr der Heerscharen, / er ist der König der Herrlichkeit. [Sela]
Als Christen hören wir hier den Ruf des Trishagion:
Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarm dich unser.
Gott ist der Heilige, der Starke und Gewaltige, der Unsterbliche, der Allerbarmer. Er, der so erhaben ist über die Welt und die Menschen, er kommt den Menschen entgegen, wird selbst Mensch, nimmt Wohnung unter den Menschen, nicht mehr in einem Tempel, sondern als Mensch unter Menschen und bleibt in den Zeichen von Brot und Wein mitten unter uns, bis er einst wiederkommen wird, um das Vergängliche in Unvergängliches zu verwandeln.
Er kommt uns entgegen, um uns zu sich zu führen. Er schenkt uns seine Gnade. Erkennen wir das Geschenk, das er in uns gelegt hat, stehen wir auf, machen wir uns auf den Weg, nicht in die Ferne, sondern in unsere Mitte, wo Gott den Kern unserer Heiligkeit gelegt hat. Werden wir das, wozu Gott uns geschaffen hat. Werden wir zum Heiligtum, durch das Gottes Gegenwart in dieser Welt erfahrbar wird.
1. Korintherbrief 10,1-13 – Warnung
Ihr sollt wissen, Brüder, dass unsere Väter alle unter der Wolke waren, alle durch das Meer zogen und alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und im Meer. Alle aßen auch die gleiche gottgeschenkte Speise und alle tranken den gleichen gottgeschenkten Trank; denn sie tranken aus dem Leben spendenden Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus. (1Kor 10,1-4)
Paulus mahnt die Korinther dazu, sich nicht in falscher Selbstsicherheit zu wiegen. Als mahnendes Beispiel führt er die Geschichte Israels an. Der Exodus, der Auszug aus Ägypten, ist das Schlüsselerlebnis in der Geschichte Israels. Das ganze Volk machte dir Erfahrung von Gottes rettender Tat der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens.
Paulus sieht den Exodus als Vorausbild dessen, was die christliche Gemeinde heute erfährt. Wie Gott durch Mose das Volk durch das Rote Meer in die Freiheit führte, so sind die Christen durch die Taufe von der Sklaverei der Sünde befreit worden. Wie Gott das Volk Israel in der Wüste wunderbar versorgt hat, durch Wasser aus dem Felsen und Manna, so ist die Eucharistie die wunderbare Speise des neuen Gottesvolkes. Alle Christen haben Teil an Christi Leib und Blut, der Speise ewigen Lebens.
Und doch ist die Erfahrung dieser Wohltaten keine Garantie für das ewige Heil. Im Volk gab es solche, die aus Gier mehr Manna sammelten, als sie benötigten, und dafür bestraft wurden. Als Mose am Sinai war, machte sich das Volk ein Goldenes Kalb und trieb Götzendienst. Viele murrten und wollten lieber wieder in die Sklaverei zurück, als den beschwerlichen Weg durch die Wüste zu gehen. Nicht das große Ziel war ihnen wichtig, sondern einfach nur die Bequemlichkeit des Alltags. Auf dem Zug durch die Wüste kamen viele um, Mose musste immer wieder den Herrn um Verzeihung für das Volk anrufen. Diejenigen, die aus Ägypten ausgezogen waren, durften das gelobte Land nicht sehen, sondern erst der folgenden Generation wurde der Einzug gewährt.
So dürfen sich auch die Christen angesichts der Sakramente nicht in falscher Sicherheit wiegen. Gott will das Heil aller Menschen, er schenkt seine Gnade umsonst, aber der Mensch kann sein Heil auch verwirken. Gott sorgt sich um uns, wie der Gärtner im Gleichnis, der den fruchtlosen Baum nicht umhaut, sondern jahrelang weiter pflegt, dass er doch noch Früchte trägt. Aber es gibt keine Garantie für das Heil. Das sollen wir immer wieder bedenken.
Wer also zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht fällt. (1Kor 10,12)
Hochmut kommt vor dem Fall, so lautet ein bekanntes Sprichwort. Wer meint, der beste zu sein, alles richtig zu machen und über den anderen zu stehen, für den kommt oft ein böses Erwachen. Selbst wenn wir etwas Tolles gemacht haben und viel Lob erhalten, kann uns im nächsten Augenblick ein Missgeschick passieren und alles ist dahin.
Das bedeutet nicht, dass wir mit negativen Gedanken durchs Leben gehen sollen und uns über nichts mehr freuen dürfen. Aber wir sollen wachsam sein. Wir dürfen dankbar sein für das, was uns gelingt, sicher auch ein wenig stolz, aber wir sollen das immer auch als ein Geschenk sehen und nicht übermütig werden.
Wir dürfen stolz darauf sein, Christen zu sein. Heute machen wir eher die andere Erfahrung, dass Christsein eben nichts Besonderes ist, dass wir die Sakramente nicht mehr Wunder des Heils erfahren, wie beispielsweise Israel den Exodus. Auch das ist eine Versuchung, die Versuchung zur Gleichgültigkeit. Machen wir uns immer neu bewusst, welche Großtaten Gott an uns erwiesen hat. Wir sind Kinder Gotts. Gott ist unser Vater, der auf uns schaut und für uns Sorge trägt.
Wir dürfen und sollen ein gesundes Selbstbewusstsein haben, müssen uns aber auch vor falscher Selbstsicherheit in Acht nehmen. In den Beispielen, die Paulus aufgezählt hat, zeigt sich, wie verhängnisvoll diese sein kann. Johannes Chrysostomus sagt:
„Wenn nämlich jene, die so große Wohltaten genossen, solches leiden mussten, wenn andere, bloß weil sie gemurrt haben, und wieder andere, weil sie Gott versucht haben, so hart gestraft wurden, und wenn jenes Volk nach so großen Dingen Gott nicht fürchtete, so wird uns dieses Schicksal, wenn wir nicht vorsichtig wandeln, umso mehr treffen. Paulus sagt treffend: „Wer zu stehen meint“, denn ein solches Stehen ist nicht das rechte, sondern es ist ein Vertrauen auf die eigene Kraft und wer so steht, wird bald fallen.“
Johannes Chrysostomus sieht die Menschen aber in einer ganz anderen Situation. Vielen sind gefallen und liegen am Boden, auch in der Kirche. Viele mögen zwar nach außen hin kraftvoll wirken, „könnte man aber die Seelen nackt schauen, wie man in einem Heer nach der Schlacht die einen tot, die andern schwer verwundet erblickt, so würde man dasselbe auch hier in der Kirche erblicken.“ Er ruft daher dazu auf, einander die Hand zu reichen und einander zu helfen, aufzustehen:
„Darum ermahne ich nicht nur dazu, dass wir uns vor dem Fall hüten, sondern den Gefallenen rufe ich zu, dass sie aufzustehen vermögen. Lasst uns also, Geliebte, wiewohl spät, erheben! Lasst uns aufstehen und tapfer dastehen! Wie lange wollen wir liegen bleiben? Wie lange wollen wir berauscht und von irdischen Begierden betäubt so fortleben? Ich bitte und ermahne: reichen wir einander die Hand und stehen wir auf!“
Haben wir den Mut, ehrlich zu unseren Fehlern zu stehen und unsere Sünden zu bekennen. Haben wir die Demut, um Verzeihung und Hilfe zu bitten. Greifen wir nach der Hand, die uns entgegengestreckt ist, um uns aufzuhelfen. Der Heilige Johannes Chrysostomus sagt:
„Auch ich gehöre zu den Verwundeten, die des heilenden Arztes bedürfen, aber darum sollt ihr den Mut nicht verlieren; denn sind die Wunden auch schwer, so sind sie doch heilbar. Wir haben nämlich einen Arzt, der uns, mag auch das Übel den äußersten Grad erreicht haben, viele Wege zur Besserung zeigt.“
Christus ist unser Arzt, er kann uns Heilung verschaffen. Er zeigt uns verschiedene Therapien, wie wir Heilung erlangen können. Wenn wir anderen verzeihen, so wird auch uns verziehen, durch Gebet und Almosen werden Sünden getilgt.
„Lasst uns also die Größe seiner Erbarmung erwägen und ihn versöhnen und vor ihm unsere Schuld bekennen, damit wir nicht beim Hinscheiden aus diesem Leben ohne Nachsicht der äußersten Strafe verfallen!“
Chrysostomus mahnt aber auch, nicht mit Gottes Barmherzigkeit zu spielen. Es muss uns ernst sein mit unserer Umkehr. Gerade auch das Geld birgt eine Versuchung, die uns immer wieder blind werden lässt:
„Wir vernachlässigen das Seelenheil aus Liebe zum Geld. Wie darfst du nun Gott bitten, dass er dich verschone, da du dich selbst nicht verschonst und das Geld der Seele vorziehst? Ich staune über den Zauber, der in dem Geld oder besser gesagt, in den Herzen der Verblendeten liegt. Doch gibt es auch sicherlich Menschen, welche dieses Blendwerk herzlich verlachen, denn was liegt wohl darin, das unsere Augen bezaubern könnte? Ist es nicht ein lebloses Wesen? Ist es nicht vergänglich? Ist sein Besitz nicht unsicher, verbunden mit Furcht und Gefahr, Mord und Nachstellungen, mit Feindschaft und Hass, mit Trägheit und allerlei Bosheit? Ist es nicht Staub und Asche? Welcher Wahnsinn! Welche Krankheit!“
Wir können dieser Versuchung dadurch begegnen, dass wir uns Gott viel größer und Herrlicher vorstellen als alle Pracht dieser Welt und alles, was wir uns mit Geld kaufen können. Machen wir uns die Wunder bewusst, die Gott an uns gewirkt hat. Wir sind neu durch seine Gnade. Lassen wir uns immer wieder erneuern, lassen wir Gott an uns wirken, dass wir durch seine Gnade wachsen zu wahrer Größe.
Gottes Sorge
2. Fastensonntag – Gemeinschaft mit dem Herrn
Ahmt auch ihr mich nach, Brüder, und achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt. Denn viele – von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche – leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott der Bauch; ihr Ruhm besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn.
Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann.
Darum, meine geliebten Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Ehrenkranz, steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn, liebe Brüder. (Phil 3,17-4,1)
Es ist ein inniges Anliegen, das Paulus hier am Herzen liegt und sichtlich schmerzt. Er erinnert sich an viele, die ihm wohl seit der Zeit seiner Missionstätigkeit sehr vertraut waren. Jetzt aber gehen sie andere Wege. Sie halten sich nicht an das Evangelium, das Paulus in seinen Gemeinden verkündet hat. Was sie genau zu Feinden des Kreuzes Christi gemacht hat, erwähnt Paulus nicht. Vielleicht haben sie ihre Position in der Gemeinde zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt, haben es dann mit dem Glauben nicht mehr so ernst genommen und sich eine eigene Religion zusammen gebastelt, die dem nicht mehr entsprach, was Paulus über Jesus Christus verkündet hat.
Umso mehr ermahnt Paulus diejenigen, die ihm und seinem Evangelium bisher treu geblieben sind, das auch weiterhin zu bleiben. Wer seinem Beispiel folgt, geht sicher auf dem Weg des Heiles und soll sich von anderen vermeintlichen Heilsbringern nicht verunsichern lassen.
Unsere Heimat ist im Himmel. Jesus Christus, der für und gestorben und auferstanden ist, ist Garant für unser Heil. In ihm ist Gott uns nahe gekommen und bleibt uns nahe. In ihm hat Gott uns die Gemeinschaft mit sich angeboten.
Paulus weist darauf hin, dass der Leib vergänglich ist. Christus wird unseren Leib verwandeln. Er meint damit sicher nicht, dass wir unseren Leib vernachlässigen sollen, aber wir sollen ihn auch nicht vergöttern. Der Leib ist das irdische Zuhause unserer Seele und sie soll es dort gut haben, im Himmel aber bekommt sie eine neue Wohnung von Gott geschenkt.
Daher lohnt es nicht, nach Irdischem zu streben. Es ist vergänglich und Christus wird es sich letztlich unterwerfen. Als Christen sind wir schon zu Bürgern des himmlischen Reiches geworden. Auch wenn wir jetzt noch in der Fremde leben, ist Christus uns dennoch nahe.
Weil aber unsere wahre Heimat noch verborgen ist, lassen sich viele beirren. Noch dazu, wenn es so viele Irrlehrer gibt. Was ist richtig, was ist wahr? Wie kann ich bei all dem den richtigen Weg finden?
Das Richtige ist nicht immer das, was sich gut anhört und selbst auch nicht immer das, was sich gut anfühlt. Es gilt auch einige Entbehrungen auf sich zu nehmen und Durststrecken zu durchschreiten, um zum Ziel zu gelangen. Aber doch ist der Weg nicht so schwer, dass das Ziel unerreichbar wäre.
Es ist gut, Vorbilder im Glauben zu haben, wie Paulus ein Vorbild für seine Gemeinden war. Wir brauchen solche Vorbilder. Das sind Menschen die mehr gesehen haben von Gottes Größe, wie die drei Apostel am Berg Tabor oder Paulus bei seiner Berufung vor Damaskus, als ihm der Herr begegnet ist. Solche Menschen können uns den Weg weisen, uneigennützig, und mit einer tiefen Sehnsucht im Herzen, dass alle das Heil erlangen.
1. Fastensonntag – Dank
Dankbarkeit, über die Früchte des Landes, das ist es, was Mose das Volk lehrt. Die Israeliten sollen immer im Gedächtnis behalten, woher sie kommen. Ihr Urvater Abraham kam als Fremder in das gelobte Land, die Stammväter zogen mit ihren noch kleinen Familien nach Ägypten, dort wurden sie zu einem großen Volk, das Gott aus Ägypten herausgeführt hat.
Nun lebt Israel im gelobten Land, in dem Land, in dem Milch und Honig fließen. Gott hat es dem Volk geschenkt. Gott schenkt immer neu die Ernte des Landes. Das sollen die Israeliten nicht vergessen und Gott ihr Dankopfer bringen.
Auch uns schenkt Gott das, was wir zum Leben brauchen. Sicher ist es auch die Frucht menschlicher Anstrengung. Aber dass der Boden fruchtbar und das Klima günstig ist, das ist auch ein Geschenk.
Dankbar sein für das, was wir zum Essen haben, dankbar den Menschen gegenüber, die dafür gearbeitet haben (und für diese Arbeit oft nur einen Hungerlohn bekommen), dankbar Gott gegenüber, der uns diese Erde geschenkt hat.
Guter Gott,
gib uns ein hörendes Herz,
damit wir von deiner Schöpfung
nicht mehr nehmen, als wir geben,
damit wir nicht willkürlich zerstören,
um unserer Habgier willen.
Damit wir uns nicht weigern,
ihre Schönheit mit unseren Händen zu erneuern,
damit wir nichts von der Erde nehmen,
was wir nicht wirklich brauchen.
Lass uns stets dankbar sein
für alles, was du uns schenkst.
1. Fastensonntag – Rettung
Ist Rettung wirklich so einfach? Oder ist das, was Paulus hier sagt, doch schwerer umzusetzen, als es auf den ersten Blick scheint?
Habe ich den Mut, mich zu Jesus Christus zu bekennen? Vor anderen, in der Öffentlichkeit, nicht nur unter Gleichgesinnten, sondern auch da, wo Kritik an diesem Bekenntnis geübt werden könnte? Manchmal hindert uns falsche Rücksichtnahme an diesem Bekenntnis, öfter aber die Angst, uns bloßzustellen.
„Jesus ist der Herr“ – der Herr meines Lebens, der Herr der ganzen Welt. Kann ich das aus vollem Brustton der Überzeugung sagen? Oder nur kleinlaut, mit einem großen Aber? Jesus ist der Herr, aber man muss ja auf die anderen Rücksicht nehmen, die nicht daran glauben. Jesus ist der Herr, aber wer bin ich, dass ich das behaupten darf. Die Kirche sagt, Jesus sei der Herr, aber ich will keinen Gott, der Herr ist …
Merken wir, wie sich in uns Zweifel über dieses Bekenntnis breit machen? Will ich fest zu diesem Bekenntnis stehen? Was hindert mich daran?
Glaube ich mit ganzem Herzen an die Auferstehung Jesu? Bin ich mir unerschütterlich sicher, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat? Was bedeutet für mich der Satz „Jesus lebt!“ ?
Jesus ist Herr und Jesus lebt. Er ist mächtig und hier und jetzt in unserer Mitte. Er ist da, um mich zu retten, um alle Menschen zu retten, um unser Leben in seiner Hand zu tragen. Wenn um uns die Welt aus den Fugen gerät, wenn wir täglich von Unheil hören und wir uns selbst bedrängt fühlen, Jesus ist da. An ihn können wir uns halten.
Rettung ist so einfach und für alle erreichbar. Warum machen wir es uns selbst oft so schwer?








