Nachfolge (Lk 9,57-62)

13C_Nachfolge

Als sie auf ihrem Weg weiterzogen, redete ein Mann Jesus an und sagte: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. (Lk 9,57-58)

Schickt Jesus den Mann weg, der ihn um Aufnahme in die Nachfolge bittet, oder zeigt er ihm nur, wie schwer dieser Weg ist? Der Weg mit Jesus führt nicht geradewegs ins traute Heim oder gemachte Nest. Wer Jesus folgt, weiß zunächst nicht, wohin es geht. Er lässt sich führen, im Vertrauen darauf, dass Gott für ihn bereits den Ort bereitet hat, an dem sein Leben fruchtbar werden kann.

Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben. Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! (Lk 9,59-60)

Es fällt schwer, diesen Satz Jesu zu erklären. Versuchen wir, uns in die Situation hinein zu versetzen. Da ist ein Mann, den Jesus in seine Nachfolge ruft. Sein Vater ist gerade verstorben. Der Mann trauert. Er will hingehen und zusammen mit seiner Familie dem Vater die letzte Ehre erweisen. Das ist nichts Ungewöhnliches, es ist vielmehr das, was in allen Kulturen und auch bei den Juden und uns Christen Sitte und Pflicht ist. Will Jesus verbieten, dass wir unseren Toten die letzte Ehre erweisen? Dies mit Sicherheit nicht. Die Christen haben darin niemals die Lehre Jesu gesehen, die Toten sich selbst zu überlassen.

Was aber will Jesus uns damit sagen? Jesus will bewusst provozieren. Ihm nachzufolgen ist wichtiger, als die so hoch stehende Forderung, den Toten die letzte Ehre zu erweisen. Jesu Verhältnis zum Tod ist ein anderes als das der Menschen. Als sein Freund Lazarus stirbt, hat er keine Eile, dessen trauernde Schwestern zu besuchen. Er nimmt nicht am Begräbnis teil, sondern kommt und ruft den Toten aus dem Grab. Als man ihn selbst tot ins Grab legt, verlässt er es als Lebender.

Jesus hat die Macht über Leben und Tod. Daher überlässt auch der Sohn, der die Nachfolge Jesu der Sorge um seinen toten Vater vorzieht, den Toten nicht sich selbst, sondern vertraut ihn Jesus an. Er vertraut darauf, dass Jesus ihm das Leben wiedergeben kann, wenn nicht in dieser Welt so doch im Reich Gottes. Es sind noch genug Verwandte da, die für das Begräbnis sorgen können, für ihn gibt es jetzt im Moment aber Wichtigeres.

Jesus will zeigen, welch hohen Stellenwert die Nachfolge hat und diese Nachfolge ist radikal. Sie fordert heraus, mehr als alles andere auf der Welt. Wer sie als plumpe Ausrede gebrauchen würde, um seinen irdischen Pflichten nicht nachkommen zu müssen, der lästert den Namen Gottes. Es gibt keine billige Nachfolge. Jesus verlangt alles, um alles geben zu können.

Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Abschied nehmen. Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes. (Lk 9,61-62)

Auch das dritte Nachfolgewort Jesu ist radikal. Der kundige Leser hört im Hintergrund Anklänge an die Berufung des Propheten Elischa im Alten Testament. Als Elischa beim Pflügen ist, kommt der Prophet Elija und ruft ihn, ihm zu folgen. Elischa bittet darum, von seiner Familie Abschied nehmen zu dürfen. Elija gewährt es ihm und Elischa bereitet mit dem Holz des Pfluges aus den Rindern, die dem Pflug vorgespannt waren, ein Abschiedsmahl für seine Familie. Jesus aber macht deutlich, dass sein Ruf noch radikaler ist als der des Propheten Elija. Er duldet keinen Aufschub.

Wen er rief, dem war damit gesagt, dass für ihn nur noch eine einzige Möglichkeit des Glaubens an Jesus besteht, nämlich die, dass er alles verlässt und mit dem menschgewordenen Sohn Gottes geht. Mit dem ersten Schritt ist der Nachfolgende in die Situation gestellt, glauben zu können. Folgt er nicht, bleibt er zurück, so lernt er nicht glauben. (Dietrich Bonhoeffer)

Erneut will Jesus hier bewusst provozieren. Er will nicht die Sorge für die Eltern abschaffen, die ja im vierten Gebot fest verankert ist. Nachfolge bedeutet nicht, dass für den, der in die Nachfolge eintritt, die Eltern ab sofort gestorben sind. Wenn aber die Familienbande zu stark sind, kann dies ein Hindernis sein, das vom Weg mit Jesus ablenkt. Die – vielleicht auch nur vorübergehende – radikale Trennung aber ermöglicht einer Verbindung auf einer neuen Ebene. Als man Jesus einmal seine Mutter zeigte, hat er auf die Menschen um ihn herum gedeutet und gesagt: Das hier sind meine Brüder, Schwestern und meine Mutter. Als Glaubende aber gehört die Mutter Jesu auch zu dieser Gemeinschaft. Als Glaubende stehen auch die Eltern des Jüngers zusammen mit diesem in der Gemeinschaft der Brüder und Schwestern des Herrn.

Die Nachfolge Jesu fordert radikalen Verzicht, aber gerade dieser Verzicht macht es möglich, dass Jesus alles schenken kann. Wer um Jesu Willen alles aufgibt, der gewinnt alles. Dies ist der Hintergrund, vor dem wir Jesu Worte verstehen können. Wer ängstlich an etwas festhält, und sei es das Ehrenhafteste auf der Welt, der ist nicht frei, um Jesus zu folgen und aus der Fülle des Reichtums Gottes zu schöpfen. Nachfolge ist radikal, aber sie eröffnet zugleich ungeahnte Möglichkeiten.

Wir fragen uns sicher, wer dann überhaupt Jesus nachfolgen kann. Jesus folgen, das geht nicht unter Zwang, sondern nur in dem grenzenlosen Vertrauen auf Gottes Güte und Barmherzigkeit. Nur wenn ich weiß, dass Gott mich keinen Mangel und keine Not leiden lassen wird, wenn ich ihm mein Leben schenke, kann ich das loslassen, was mich daran hindert, Jesus nachzufolgen.

Für jeden von uns gilt die Frage: Was hindert mich noch daran, Jesus ganz zu folgen, woran klammere ich mich und was kann ich loslassen, um zu einer größeren Freiheit zu finden? Bitten wir um den Mut für das Wagnis des Glaubens. Vielleicht können die Worte von Dietrich Bonhoeffer helfen, das Gesagte zu vertiefen.

Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.

Dagegen ist teure Gnade der verborgene Schatz im Acker, um dessentwillen der Mensch hingeht und mit Freuden alles verkauft, was er hatte; die köstliche Perle, für deren Preis der Kaufmann alle seine Güter hingibt; die Königsherrschaft Christi, um derentwillen sich der Mensch das Auge ausreißt, das ihn ärgert; der Ruf Jesu Christi, auf den hin der Jünger seine Netze verlässt und nachfolgt. Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die geklopft werden muss.

Teurer ist sie, weil sie in die Gnade ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, teurer ist sie, weil sie ihm so erst das Leben schenkt… Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat, und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist. (Dietrich Bonhoeffer)

Nach Jerusalem (Lk 9,51-56)

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Als sich die Tage seiner Hinwegnahme erfüllten, da richtete Jesus sein Antlitz fest darauf, nach Jerusalem zu wandern. (Lk 9,51)

In dieser wörtlichen Übersetzung (nach Peter Köster) wird die Bedeutung des Satzes klarer. Er bildet die Überschrift über die nun folgenden Kapitel. In dem nur wenige Verse vorher geschilderten Bericht von der Verklärung Jesu wurde den Jüngern ein Blick auf Jesu Göttlichkeit gewährt. Dann hat Jesus den Jüngern deutlich gemacht, dass er vor seiner Verherrlichung leiden und sterben müsse. Der Leser, der dem Lauf des Lukasevangeliums folgt, wurde also schon hinreichend auf das vorbereitet, was die hier genannte Hinwegnahme bedeutet. Jesu Leiden, Tod und Auferstehung, die sich in Jerusalem erfüllen, sind das Ziel des Weges Jesu.

Die nun folgenden Kapitel bis Lukas 19,27 bilden eine Einheit und zeigen Jesu Weg nach Jerusalem. In Worten und Taten führt Jesus die Jünger immer tiefer in sein Geheimnis ein. Am Ende dieses Weges steht dann der Einzug Jesu in Jerusalem, auf den seine Gefangennahme folgt. Jesus weiß, was ihn in Jerusalem erwartet, und ist fest entschlossen, diesen Weg zu gehen. Auch wenn er noch mehrere Wochen unterwegs sein wird und dabei vielen Menschen begegnet, so ist doch die Richtung klar.

Gleich am Anfang dieses Weges stellt sich Jesus ein Hindernis in den Weg, das einen kleinen Umweg erforderlich macht. Zugleich macht Jesus seinen Jüngern deutlich, was es heißt, mit ihm auf diesem Weg zu gehen. Es ist eine Entscheidung, die radikales Vertrauen auf Gott zur Grundlage haben muss.

Und er sandte Boten vor sich her. Und sie gingen hin und kamen in ein Dorf der Samariter, um ihm Herberge zu bereiten. Und sie nahmen ihn nicht auf, weil sein Antlitz gerichtet war, nach Jerusalem zu wandern. (Lk 9,52-53)

Jesus schickt Jünger voraus, die eine Unterkunft vorbereiten sollen. Der Weg führt durch samaritisches Gebiet. Wir kennen aus verschiedenen biblischen Erzählungen die Feindschaft zwischen Juden und Samaritern. Nach dem Untergang des Nordreiches im Jahr 732 v.Chr. wurden im Gebiet um Samaria fremde Volksstämme angesiedelt, viele Israeliten sind nach Juda geflohen, einige aber blieben in ihrer Heimat zurück. Auf jüdischer Seite war man bestrebt, den JHWH-Kult auf den Tempel in Jerusalem als dem einzig legitimen Heiligtum zu beschränken. Schon in den Königsbüchern des Alten Testaments wird deutlich, dass jeder Kult außerhalb des Tempels von Jerusalem Götzendienst und Abfall vom Gott Israels ist.

Im alten Israel aber kannte man verschiedene Heiligtümer. Die samaritanische Bevölkerung hielt an ihrer Verehrung Gottes auf dem Berg Garizim fest. Da beide Seiten aus ihrer Sicht den Gott Israels anbeteten, kann man von so etwas wie zwei jüdischen Konfessionen sprechen. Wir wissen aus unserer eigenen christlichen Vergangenheit, dass der Hass zwischen den Konfessionen, die den gleichen Gott verehren, größer sein kann, als die Ablehnung der Heiden, die andere Götter verehren.

Der Hass zwischen Juden und Samaritern beruhte auf Gegenseitigkeit. Man wollte nichts miteinander zu tun haben, mied jedwedes Zusammentreffen und erzählte sich die übelsten Geschichten von der Bosheit der jeweils anderen Gruppe. Jesus durchbricht diese Spirale des Hasses. Er macht keinen großen Bogen um samaritisches Gebiet, wie es fromme Juden zu tun pflegten. Und er erzählt auch keine Schauermärchen über die Samariter. Im Gegenteil. Im Johannesevangelium hören wir von der Begegnung Jesu mit der Samariterin und das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, das Lukas uns im nächsten Kapitel überliefert, gehört bis heute zu den bekanntesten Geschichten des Neuen Testaments.

Und doch wollen die Samariter Jesus nicht durch ihr Gebiet lassen, sie nehmen Jesu Angebot der Versöhnung nicht an. Jesus aber urteilt nicht über sie, er verurteilt sie nicht. Er sagt nicht: Da sieht man ja, wie schlecht diese Samariter sind. Er weiß, wie schwer es ist, tief verwurzelte Feindschaften zu heilen. Er will den Graben des Hasses nicht noch tiefer graben. Er lässt den Hass der Gegenseite nicht in sein Herz, und somit kann ein Schimmer des Friedens aufleuchten inmitten der Dunkelheit. Seine Jünger aber, die einen Blitz der Vernichtung fordern, weist er scharf zurecht:

Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet? Da wandte er sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen zusammen in ein anderes Dorf. (Lk 9,54-56)

Jesus ist nicht gekommen, um zu vernichten, sondern um zu retten. Niemand darf mit Gewalt zum Glauben an ihn gezwungen werden oder für die Ablehnung Jesu mit Gewalt bestraft werden. Was Jesus hier den beiden eifernden Donnersöhnen, wie Jakobus und Johannes an anderer Stelle genannt werden, deutlich macht, haben spätere Glaubensverkündiger leider immer wieder vergessen.

Jesus will uns zeigen, dass die vollkommene Tugend nicht rachsüchtig ist, dass dort, wo volle Liebe herrscht, der Zorn keinen Platz hat und Schwäche nicht auszuschließen, sondern zu unterstützen ist. Fern sei den Frommen die Verbitterung und fern den Großmütigen die Rachsucht! (Ambrosius)

Beten wir darum, dass wir wie Jesus die Kraft haben, dass wir auf Ablehnung nicht mit Ablehnung reagieren und die Flamme der Liebe in unserem Herzen nicht vom Hass ersticken lassen.

Christus als Gewand

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Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus. Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheißung. (Gal 3,26-29)

Auf immer wieder neue Weise will Paulus den Galatern deutlich machen, was es heißt, an Jesus Christus zu glauben. Wer glaubt und sich taufen lässt, ist zu einem neuen Menschen geworden. In Gal 2,20, der Lesung am vergangenen Sonntag, hat Paulus das so erklärt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Er wollte damit zeigen, dass der Glaube den Menschen in seinem Innersten so verändert, dass er in seinem Denken, Fühlen und Wollen Christus immer ähnlicher wird. Nun zeigt er, dass Glaube und Taufe den Menschen auch äußerlich verändern:

Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt.

Christus als Gewand anlegen, was meint Paulus damit? Wer “Gewand Christi” bei Google eingibt, der stößt dabei schnell auf den heiligen Rock in Trier. Hier haben wir ein Gewand, das Christus selbst getragen haben könnte. Zu den großen Wallfahrten können wir dieses Gewand Christi ansehen und verehren. Doch Paulus meint mit seinen Worten etwas anderes, als dass wir dieses Gewand Christi selbst anziehen sollten.

Wenn wir über das Thema Kleidung nachdenken, so fällt uns auf, dass wir bei uns in großen Menschenmassen selten zwei Menschen sehen, die gleiche Kleidung tragen. So vielfältig ist das Angebot an Kleidungsstücken, so groß ist unser Drang nach Individualität, dass wir uns von anderen unterscheiden wollen. Andererseits schafft das bewusste Tragen der gleichen Kleidung Gemeinsamkeit. Das sehen wir spielerisch, wenn zwei Menschen im “Partnerlook” gehen. Autoritäre Staaten möchten gerne ihre Bürger in Einheitskleidung stecken. Ähnliche Kleidung macht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe deutlich. Offizielle Anlässe verlangen nach einer angemessenen Kleidung, die Uniform der Soldaten macht die Vielen zu einer Truppe. Im kirchlichen Bereich kennen wir das Ordensgewand, das die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft zum Ausdruck bringt, oder das Kollar, das einen Priester kenntlich macht.

All dies hilft uns, das Wort des Apostels Paulus besser zu verstehen. Wir sollen als Christen unsere Ähnlichkeit mit Jesus Christus äußerlich zum Ausdruck bringen. Nicht durch uniforme Kleidung, die reine Äußerlichkeit bliebe, sondern durch eine Gemeinschaft über alle nationalen und gesellschaftlichen Grenzen hinweg. Der gemeinsame Glaube und die gemeinsame Ausrichtung auf Jesus Christus überbrückt alle Unterschiede aufgrund der ethnischen oder sozialen Herkunft. Ob einer reich oder arm, Mann oder Frau, Europäer oder Afrikaner ist, jeder Mensch kann Abbild Jesu Christi sein und ist gleichwertig in der Gemeinschaft der Glaubenden.

In dem speziellen Zusammenhang des Galaterbriefes geht es Paulus vor allem darum, den Galatern zu zeigen, dass sie auch ohne Übernahme der jüdischen Tradition der Beschneidung vollwertige Mitglieder in der Gemeinschaft der Kirche sind. Damals sind bei den Galatern judenchristliche Missionare aufgetreten, die in fälschlicher Berufung auf die Apostel in Jerusalem von den Heidenchristen die Beschneidung gefordert haben. Nur durch die Beschneidung, so meinten sie, könnten auch die Heiden Erben der Verheißung werden, die Gott an Abraham gerichtet hat. Gott hat ihrer Meinung nach das Heil an das Zeichen der Beschneidung gebunden. Paulus widerspricht dem. Im neunen Bund, den Christus gestiftet hat, ist nicht mehr die Beschneidung das verbindende Bundeszeichen, sondern allein die Taufe.

Paulus betont, dass sowohl die Juden, die das Bundeszeichen der Beschneidung tragen, als auch die Heiden, die dieses Zeichen nicht tragen, durch die Taufe das Heil Gottes erlangen und Kinder Gottes sind. Er geht noch darüber hinaus und argumentiert, dass es nach der Taufe gar keine Unterschiede aufgrund menschlicher Herkunft mehr geben kann.

Für uns heute mag diese Auseinandersetzung weit weg, die Abgrenzung zwischen Juden und Christen ist bald nach Paulus deutlich, vielleicht allzu deutlich, vollzogen worden. Wir können uns aber dennoch fragen, wo wir heute trotz Christentum und allgemeiner Erklärung der Menschenrechte, nach der alle Menschen die gleiche Würde haben unabhängig von „Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand“, immer noch Unterschiede in der Würde des Menschen gelten lassen und andere diskriminieren.

Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt.

Paulus gebraucht diesen Ausdruck, weil er so gewaltig ist. Denn wenn Christus Sohn Gottes ist, du aber ihn angezogen hast, so bist du, weil du den Sohn in dir hast und ihm ähnlich gestaltet wurdest, in eine Verwandtschaft und Form mit ihm gebracht worden. … Er begnügt sich aber auch mit dieser Redensart nicht, sondern erklärt dieselbe, dringt tiefer ein in die Art dieser Verbindung und schreibt: „Ihr alle seid einer in Christus Jesus“, das bedeutet, ihr alle habt eine Gestalt, eine Form, die Form Jesu Christi. Gibt es etwas, was gewaltiger ist als dieses Wort? Ein Mensch, der zuvor Heide oder Jude oder Sklave war, wandelt nun einher in der Gestalt nicht eines Engels, nicht eines Erzengels, nein, in der Gestalt des Alleinherrschers selber und vergegenwärtigt Christus in seiner Person. (Johannes Chrysostomus)

Ähnlich wie Johannes Chrysostomus ruft uns auch Papst Leo der Große in einer Predigt dazu auf, das Unglaubliche, das Gott an uns gewirkt hat, stets vor Augen zu haben und uns dessen würdig zu erweisen:

Christ, erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde. Denk an das Haupt und den Leib, dem du als Glied angehörst! Bedenke, dass du der Macht der Finsternis entrissen und in das Licht und das Reich Gottes aufgenommen bist.

Wir haben Christus als Gewand angelegt. Wir gehören zu Jesus Christus und sind dazu berufen, unser Leben seinem Leben ähnlich zu machen. Leben wir gemäß unserer Berufung. Tragen wir unseren Glauben in die Welt hinaus. Leben wir so, dass durch unser Tun den Menschen das Heil erfahrbar wird, das Gott der Welt geschenkt hat. Das bedeutet nicht, dass wir alle im Gleichschritt marschieren müssen, Nachfolge ist individuell und vielfältig, jeder hat seine je eigene Berufung. Aber doch gibt es einen gemeinsamen Ursprung, einen gemeinsamen Mittelpunkt, ein gemeinsames Ziel: Jesus Christus geht den Vielen voran, die er in seine Nachfolge ruft, auf ihn gilt es zu schauen.

Paul Claudel hat es einmal so formuliert:

Heilige sind Menschen, die in die Fußstapfen Jesu getreten sind, doch jeder mit seiner eigenen Schuhgröße.

Wir alle sind als Heilige berufen und dazu auserwählt, in dem Gewand des neuen Lebens zu wandeln, das Gott für jeden von uns in seiner Größe passend bereit gelegt hat.

Prophet Sacharja (2)

Sacharja_Durchbohrt

War im ersten Teil des Buches Sacharia euphorisch von der Rettung Judas und Jerusalems unter der Führung der beiden Heilsgestalten, dem Hohenpriester Jeschua und dem Davidspross Serubbabel, die Rede, die treu den Willen Gottes erfüllen, so ist nun eine andere Zeit angebrochen. Es sind Herrscher aufgetreten, die sich nicht um das Wohl des Volkes kümmern, sondern wie schlechte Hirten sich nur am Fleisch der Herde sattessen wollen.

Zugleich aber verheißt Sacharja in Sach 9,9 das Kommen eines Friedenskönigs. Doch erst einmal herrscht Krieg. Wir erkennen die Ursache dieses Krieges in der Verwerfung Gottes durch die treulosen Hirten. Jerusalem aber wird siegreich aus diesem Kampf hervorgehen. Im Volk werden Helden erstehen, die siegreich kämpfen. Dann spricht der Prophet mitten in dieses Bild des Gemetzels die Worte:

An jenem Tag werde ich danach trachten, alle Völker zu vernichten, die gegen Jerusalem anrücken. Doch über das Haus David und über die Einwohner Jerusalems werde ich den Geist des Mitleids und des Gebets ausgießen. Und sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben. Sie werden um ihn klagen, wie man um den einzigen Sohn klagt; sie werden bitter um ihn weinen, wie man um den Erstgeborenen weint. (Sach 12,9-10)

Es ist, als würde plötzlich der Kriegslärm schweigen und Stille das geschundene Land überziehen. Gottes Geist, der einst über den Wassern der Urflut schwebte, kommt über das Land. Den Menschen wird ihr Trug und ihre Eitelkeit bewusst und sie blicken auf das Zeichen des Durchbohrten, das mitten unter ihnen steht.

Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben.

Im Johannesevangelium (Joh 19,37) und in der Offenbarung des Johannes (Offb 1,7) wird dieses Wort eindeutig auf Jesus Christus bezogen, der am Kreuz gestorben ist. Das Volk Gottes hat in seiner Verblendung seinen Gott gekreuzigt, der gekommen ist, ihm das Heil zu bringen. Sie aber wollten mit ihren eigenen Waffen kämpfen und siegreich sein. Ihr falscher Eifer für das Gesetz, ihr falscher Stolz auf ihren Glauben hat sie blind gemacht. Nun aber weht Gottes Geist über das Todesfeld der Geschlagenen und öffnet ihnen die Augen.

Sie klagen und weinen und Gott vergibt ihnen die Schuld. Sie kehren um, schaffen alles Unreine und alle Lüge weg aus ihrer Mitte. Doch es gilt auch jedes Wort des Propheten:

 

„Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben“ – mit diesen Worten beschließt der Evangelist Johannes seine Darstellung der Passion des Herrn; mit diesen Worten eröffnet er die Christusvision im letzten Buch des Neuen Testamens, das wir „Geheime Offenbarung“ zu benennen pflegen. Zwischen der zweimaligen Anführung dieses prophetischen Wortes aus dem Alten Bund liegt die ganze Geschichte ausgespannt: zwischen Kreuzigung und Wiederkunft des Herrn; in diesem Wort ist ebenso die Rede von der Erniedrigung dessen, der wie ein Verbrecher am Galgen starb, wie von der Macht dessen, der kommen wird, die Welt zu richten – auch unser Richter.

„Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben“ – das ganze Johannesevangelium ist im Grunde nichts anderes als der Vollzug dieses Wortes, nichts anderes als das Bemühen, unsere Augen und unser Herz zu sammeln in den Blick auf ihn hin. Und die ganze Liturgie der Kirche ist nichts anderes als das Schauen auf den Durchbohrten, dessen verhülltes Antlitz der Priester auf dem Höhepunkt des Kirchenjahres, in der gottesdienstlichen Feier des Karfreitags, den Augen der Kirche und der Welt enthüllt: „Seht, das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen!“

„Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben“ – Herr, gibt uns, in dieser Stunde auf dich zu schauen, in der Stunde deiner Verborgenheit und Erniedrigung durch eine Welt, die das Kreuz als ärgerlichen Unfall übergehen will, die sich deinem Blick entzieht, ihn als unnütze Zeitvergeudung ansieht und nicht weiß, dass sie eben darin deiner Stunde entgegengeht, in der sich niemand deinem Blick wird entziehen können. (Benedikt XVI.)

An jenem Tag wird für das Haus David und für die Einwohner Jerusalems eine Quelle fließen zur Reinigung von Sünde und Unreinheit. (Sach 13,1)

Trauer und Schmerzen – das Herz ist verwundet, zerrissen. Jeder Mensch sehnt sich nach Liebe, doch wie oft wird diese Sehnsucht enttäuscht, zerbricht der kostbare Schatz in unseren Händen oder wird gar achtlos beiseite geworfen.

Die Sehnsucht nach Liebe durchzieht die Generationen des Menschengeschlechtes. Der Schrei nach Liebe hallt wider auf allen Plätzen dieser Erde und Schmerzensblut tropft auf unsere Straßen.

Woher kommt Rettung, woher Heilung für die gebrochenen Herzen, die so oft enttäuscht worden sind, und von einer Bitternis durch eine kurze Freude in die nächste Bitternis fallen? Ist es das Los des Menschengeschlechts, dass der Ruf nach Liebe ungehört verhallt?

Es gibt eine Quelle des Trostes, es gibt Heilung für die wunden Herzen. Kein einfaches Pflaster, keine schnellwirkende Medizin, keine billigen Pillen, aber etwas, das doch bei kontinuierlicher Anwendung heilsam wirkt.

Wir können unsere Herzen heilen im Licht der Liebe Gottes. Jesus Christus hat selbst den Schmerz in seinem Herzen empfunden. Aus Liebe hat er sein Herz durchbohren lassen. Aus seinem geöffneten Herzen fließt der Strom der göttlichen Liebe in diese Welt.

Blicken wir auf das aus Liebe durchbohrte Herz des Herrn. Lassen wir uns füllen von Gottes grenzenloser Liebe. Sie ist reichlich für alle da. Treten wir hinzu zum Quell der Liebe und tanken wir diese Liebe in unseren Herzen, damit unsere Wunden heilen und wir mit einem Herzen voller Liebe durch diese Welt gehen.

Indem wir auf Christus schauen, wissen wir uns zugleich von ihm selbst angeschaut. Er, den wir mit unserer Schuld durchbohrt haben, wird nicht müde, über uns den unerschöpflichen Strom seiner barmherzigen Liebe auszugießen. Möge die Menschheit erfassen, dass nur von dieser Quelle aus es möglich ist, die notwendige spirituelle Energie zu erlangen, um jenen Frieden und jenes Glück zu bauen, die Ziel der Sehnsucht aller Menschen sind. (Benedikt XVI.)

Prophet Sacharja (1)

Sacharja_Prophet

Im zweiten Jahr des Darius erging im achten Monat das Wort des Herrn an den Propheten Sacharja, den Sohn Berechjas, des Sohnes Iddos. (Sach 1,1)

Der Prophet Sacharja (“JHWH hat sich erinnert”) hat in der Zeit um 518 v.Chr. gewirkt, nur wenig später als der Prophet Haggai. Er wird auch in anderen biblischen Büchern erwähnt (vgl. Esra 5,1; Neh 12,16). Nach Nehemia 12,16 war Sacharja Priester. Er wurde in Babylon geboren und war mit seinem Großvater Iddo in der ersten Gruppe der Exilanten, die nach dem Befreiungsedikt des Perserkönigs Kyros unter der Führung von Serubbabel und Jeschua nach Jerusalem zurückkehrten.

Das Buch Sacharja ist Teil des Zwölfprophetenbuches. Es lässt sich in zwei Teile gliedern, wobei wohl nur der erste Teil, der die Kapitel 1 bis 8 umfasst, direkt auf den Propheten zurückgeht. Der zweite Teil, der die Kapitel 9 bis 14 umfasst, ist später (wahrscheinlich im 4. Jhd. v.Chr.) entstanden und wurde im Nachhinein dem Propheten zugeschrieben.

Die Zeit des Propheten ist geprägt vom Wiederaufbau der jüdischen Herrschaft im Land Israel nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Das Volk ist bedroht von äußeren Feinden, aber auch von inneren Auseinandersetzungen, die Worte des Propheten sollen Mut machen. In der Gestalt des Hohenpriesters Jeschua und des davidischen Herrschers Serubbabel sieht er die Heilsgestalten seiner Zeit, die für ihn zugleich Endzeit ist. Das Eintreffen von Gottes Heil steht nahe bevor. Serubbabel ist der letzte im Alten Testament erwähnte Herrscher aus dem Haus David.

Das Buch Sacharja enthält zahlreiche Hinweise auf den Messias, die in den Evangelien auf Christus gedeutet werden. Sach 9,9 prophezeit den Einzug Jesu in Jerusalem auf einem Esel, Sach 11,12-13 den Verrat durch Judas für 30 Silberstücke, Sach 12,10 die Durchbohrung der Seite des am Kreuz erhöhten Messias, Sach 13,7 die Zerstreuung der Jünger nach der Verhaftung Jesu, Sach 14,6-7 die Sonnenfinsternis in der Todesstunde Jesu. Der letzte Vers des Buches, Sach 14,21, wird auf die Tempelreinigung hin gedeutet. Die endzeitliche Schlacht in Harmagedon (Offb 16,16) leitet sich ab von der in Sach 12,11 erwähnten Totenklage in der Ebene von Megiddo.

Die Visionen erhält Sacharja nicht immer unmittelbar von Gott, sondern es tritt ein Engel auf, der ihm das Geschaute deutet. Damit kündigt sich die Wende von der Prophetie zur Apokalyptik an und wir können Ähnlichkeiten zum Buch Daniel und zur Offenbarung des Johannes feststellen. Die Texte im zweiten Teil des Buches sehen das Heil erst nach einer Eroberung Jerusalems durch die Feinde. Vor der Heilszeit steht die Notwendigkeit des Leidens. Am Ende des Buches steht die Vision vom Tag des Herrn.

Galater 2 – Leben in Christus

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Ich aber bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat. Ich missachte die Gnade Gottes in keiner Weise; denn käme die Gerechtigkeit durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben. (Gal 2,17-21)

Paulus will den Galatern deutlich machen, welche Freiheit ihnen der Glaube an Jesus Christus schenkt. Er will ihnen zeigen, wie der Glaube an Jesus Christus Leben bedeutet, die Übernahme des Gesetzes aber, die seine Gegner von den Galatern verlangen, den Tod.

Das Gesetz stellt eine unmögliche Anforderung an den Menschen. Es verlangt, genau dies und jenes zu tun und genau dies und jenes zu unterlassen. Es regelt das menschliche Leben bis ins kleinste Detail. Wer vollkommen nach dem Gesetz handelt, der ist gerecht vor Gott. Der Mensch kann sich durch das Gesetz also selbst vor Gott rechtfertigen, wenn er es bis ins kleinste Detail einhält. Aber, und das wissen auch die frommen Juden, kein Mensch kann das Gesetz bis ins kleinste Detail befolgen. Daher ist kein Mensch gerecht vor Gott, jeder ist ein Sünder und daher dem Tod geweiht, denn der Tod ist die Folge der Sünde, die aus der Übertretung des Gesetzes folgt.

Das Gesetz befiehlt nämlich, alle Vorschriften zu beobachten, und bestraft den Ungehorsam. Folglich sind wir ihm alle abgestorben, da keiner es ganz erfüllt hat. – Beachte auch hier die Zurückhaltung, mit der er gegen das Gesetz ankämpft! Er sagt nicht: das Gesetz ist mir gestorben, sondern: ich bin dem Gesetze gestorben. Der Sinn seiner Worte ist der: Wie ein Toter, ein Leichnam nicht imstande ist, auf die Vorschriften des Gesetzes zu hören, ebenso wenig bin ich es, der ich durch den Fluch desselben gestorben bin. Denn durch seinen Ausspruch bin ich dem Tode verfallen. (Johannes Chrysostomus)

Gott aber befreit die Menschen von dieser Gefangenschaft des Todes. Jesus Christus, der Sohn Gottes, hat selbst hat die Verurteilung des Gesetzes auf sich genommen und ist für alle in den Tod gegangen. Das Gesetz Gottes hat somit Gott selbst getötet. Doch dadurch, dass der Vater den Sohn von den Toten auferweckt, schenkt Gott neues Leben allen, die mit Christus in den Tod gehen. Die Taufe ist dieser Tod, aus dem jeder, der sich taufen lässt, als neuer Mensch hervor geht. In der Taufe erhält der Mensch Anteil an diesem neuen Leben, das Gott schenkt.

Durch die Worte: „mit Christus bin ich gekreuzigt worden“, spielt er an die Taufe an, durch die Worte aber: „doch nicht mehr ich lebe“ auf den darauffolgenden Lebenswandel, der unsere Glieder abtötet. Was aber besagt der Zusatz: „Christus lebt in mir?“ Er will sagen: Nichts geschieht meinerseits gegen Christi Willen. Wie er nämlich unter Tod nicht den gewöhnlichen Tod versteht, sondern den der Sünde, so versteht er auch unter Leben die Befreiung von derselben. Gott leben kann nur, wer der Sünde abgestorben ist. (Johannes Chrysostomus)

Das neue Leben, das Gott in der Taufe schenkt, ist für jeden Gabe und Aufgabe zugleich, Gabe, weil Gott es umsonst gibt, Aufgabe aber, weil jeder Mensch die ihm verliehene Gabe Wirklichkeit werden lassen muss. Jeder Getaufte ist dazu berufen, eine lebendige Ikone Jesu Christi zu sein und sich damit des neuen Lebens würdig zu erweisen, das Gott schenkt. In diesem neuen Leben aber spielt das alte Gesetz keine Rolle mehr. Gleichwohl aber gibt es auch für Christen Gebote, an die sie sich zu halten haben.

Wahrscheinlich ist das neue Leben aus dem Glauben sogar anspruchsvoller als das Leben nach dem Gesetz. Denn das Gesetzt machte klare Vorschriften. Stellt man aber das ganze Leben unter das Gebot der Liebe – und zwar auch der Liebe zu den Feinden – so wird weit mehr von uns verlangt, als es das Gesetz tut. Aber wir brauchen dabei nicht zu verzagen, denn nun ist es Christus, der durch uns handelt und uns Kraft gibt zu unserem Tun.

Nun wartet nicht mehr der Tod auf uns, weil wir es ja nicht schaffen, das Gesetz zu erfüllen. Gott weiß um unser Versagen. Nun warten Gottes liebende Hände auf uns, die uns immer wieder aufrichten, wenn wir fallen, und ihm unsere Hände entgegenstrecken, damit er uns aufhilft.

Christus, lebe du in mir.

Unterwirf mein Leben den Gesetzen deines Lebens.

Mach mein Leben deinem Leben gleich.

Lebe du in mir, bete du in mir, leide du in mir.

Mehr verlange ich nicht.

Denn wenn ich dich habe, bin ich reich.

Wer dich gefunden hat, hat die Kraft und den Sieg

seines Lebens gefunden.

Gebet nach Karl Rahner

Lk 7,36-50 Jesus und die Sünderin

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In jener Zeit ging Jesus in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch. Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl. (Lk 7,36-37)

Jesus ist zum Essen eingeladen bei einem Pharisäer. Wahrscheinlich möchte dieser gerne mit Jesus diskutieren, ihn prüfen, seine Meinung hören über die Auslegung des Gesetzes und darüber, wie der Mensch Gott dienen soll. Lukas berichtet nichts darüber. Es kommt auch nicht zu einem gelehrten Gespräch, sondern der Pharisäer bekommt lebendig die Antwort auf die Fragen, die er im Herzen hat, vorgeführt. Jesus geht es nie darum, gescheite Reden zu führen, an deren Ende dann eine wohlformulierte Absichtserklärung steht oder ein unpersönliches „man sollte tun“. Jesus handelt immer konkret.

Während der Pharisäer sich wohl ein ruhiges Essen mit Jesus erhofft hat, bei dem er selbst der Wortführer ist, kommt nun alles ganz anders, denn plötzlich steht da eine stadtbekannte Sünderin mitten im Zimmer. Wie ist sie da hereingekommen, wer hat sie eingelassen? Hat sie den Türsteher mit ihrem entschiedenen Auftreten überrumpelt? Wir wissen es nicht. Für den heiligen Ambrosius aber wird sie durch ihre entschlossene Suche nach Jesus zum Vorbild für uns alle:

Wo immer du von der Ankunft des Gerechten hörst, sei es im Haus eines Unwürdigen, sei es im Haus eines Pharisäers, eile hin, entreiße ihm, dem Gastgeber zuvorkommend, die Gnade, entreiß ihm das Himmelreich! … Wo immer du Christi Namen hörst, lauf hin! Von wessen Haus immer du vernimmst, es sei Jesus in dessen Inneres eingetreten, beschleunige auch du deine Schritte dorthin! Wenn du von der Weisheit erfährst, wenn du von der Gerechtigkeit erfährst, sie liege in den Gemächern eines Menschen zu Tisch, lauf hin!

Wer diese eindringlichen Worte des Ambrosius hört, der weiß, worum es geht: um die Rettung, um das Heil. Hier schickt es sich nicht zu warten und mit falscher Demut anderen den Vortritt zu lassen, sondern hier soll jeder zusehen, der erste zu sein. Aber keine Angst. Es ist genug Heil für alle da. Jeder, der mit einem solchen Eifer zu Jesus drängt, wird die Erfahrung der lebendig machenden Begegnung mit dem Herrn zuteil.

Sie trat von hinten an Jesus heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist. (Lk 7,38-39)

Die Frau durchbricht die familiäre Atmosphäre des Gastmahls. Ungebeten hat sie sich eingeschlichen, von hinten tritt sie an Jesus heran, kniet zu seinen Füßen und wäscht mit liebender Hingabe die Füße des Herrn mit ihren Tränen, trocknet sie mit ihrem Haar und salbt sie mit wohlriechendem Öl. Die Frau ist eine stadtbekannte Sünderin. Das weiß Jesus und trotzdem oder gerade deshalb lässt er sie gewähren.

Sie zurückzuweisen, hätte bedeutet, sie in ihrem alten Leben zu lassen, das eigentlich kein Leben war. Doch indem er sie gewähren lässt, zeigt er ihr besser als mir tausend Worten, dass er das, was sie geben kann, annimmt. Er will nichts für sich; er nimmt sie, wie sie ist, einfach deshalb, weil sie vor allem ein großes Verlangen hat, sich geliebt zu wissen: wirklich geliebt, endlich wertgeschätzt und respektiert. Er urteilt nicht über sie. Er verurteilt sie nicht. Und so hilft er ihr, zu einem authentischen menschlichen Leben zu finden: Sie fühlt sich wie neu geboren. (Raniero Cantalamessa)

Der Pharisäer sagt nichts dazu, er denkt sich aber seinen Teil. Seine Gedanken gleichen den Gedanken aller gesetzestreuen Menschen zu allen Zeiten: So etwas gehört sich nicht! Wie kann ein Mann Gottes sich so auf eine Sünderin einlassen und sich sogar von ihr berühren lassen? Er stellt Jesu Sendung grundlegend in Frage, denn wenn Jesus ein Prophet wäre, wüsste er, was hier geschieht, er scheint aber nicht zu wissen, dass diese Frau eine Sünderin ist, also kann er kein Prophet sein.

Jesus aber macht deutlich, dass der eigentliche Fehler nicht bei ihm liegt, sondern in der scheinbar logischen Argumentationskette des Pharisäers. Er rückt die Angelegenheit ins rechte Licht und führt dem Pharisäer die schockierende Tatsache vor Augen, dass er mit all seiner Frömmigkeit nicht besser dasteht als diese Frau, im Gegenteil. Die Frau erweist sich durch das, was sie an Jesus tut, als gerecht, der Pharisäer aber bleibt in seinen Sünden, weil er nicht bereit ist, die Vergebung als Geschenk Gottes anzunehmen.

Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister! Jesus sagte: Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast Recht. (Lk 7,40-43)

Jesus wendet sich nun dem Pharisäer zu, der bisher geschwiegen hat. Jesus ergreift das Wort, liebevoll spricht er seinen Gastgeber mit Namen an: Simon. Jesus erzählt ihm ein Gleichnis. Zwei Männer haben Schulden, einer sagen wir mal etwa fünftausend Euro, der andere fünfzigtausend. Beiden wird die Schuld erlassen. Der Pharisäer versteht. Jeder ist schuldig vor Gott, kein Mensch kann sagen, dass er vor Gott gerecht ist. Das wussten auch die Pharisäer. Bei all ihrer Gesetzestreue war ihnen doch klar, dass sie es nie schaffen werden, alle Gebote vollkommen zu erfüllen.

Auch wenn nun also der Pharisäer Simon von seiner Gerechtigkeit überzeugt ist, so weiß er doch um seine eigenen Sünden und Fehler. Auch er steht bei Gott in der Schuld und hofft darauf, dass Gott ihm diese erlassen wird. Aber er hat dabei eine andere Methode als die Frau. Simon denkt vielleicht, dass er, wenn vor Gott hintritt, zumindest all das aufzählen kann, was er an guten Werken des Gesetzes getan hat, dann, so mag er sich sagen, wird Gott vielleicht über die kleinen Fehler hinwegsehen. Aber Gott will nicht mit uns handeln, er will uns beschenken.

Eben darum, weil es keine würdige Wiedervergeltung gibt, die wir Gott leisten könnten – was wollten wir denn als Entgelt bieten für das Leiden seiner Menschheit, die er angenommen hat? Was für seine Geißelung? Was für sein Kreuz, seinen Tod, sein Begräbnis? – so wehe mir, wenn ich nicht liebe! … So lasst uns denn statt der Schuld Liebe, statt der Zahlung Hingebung, statt des Geldes Dank erstatten! Denn am meisten liebt, wem am meisten geschenkt wird. (Ambrosius)

Jesus will Simon nicht brüskieren. Er wendet sich seinem Gastgeber zuerst zu, richtet zuerst das Wort an ihn, dann erst wendet er sich der Frau zu. Simon hat wohl verstanden, was Jesus ihm sagen will, aber er ist in sich selbst gefangen. Er kann nicht wie die Frau authentisch vor Jesus hintreten. Wir wissen nicht, wie es mit Simon weiter gegangen ist. Es bleibt offen, ob er Jesu Worte annehmen konnte, oder nicht.

Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet. Du hast mir zur Begrüßung keinen Kuss gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküsst. Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben. Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt? Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! (Lk 7,44-50)

In den erklärenden Ausführungen Jesu tritt eine gewisse Diskrepanz zu dem Gleichnis zutage. Während im Gleichnis beiden Schuldnern einfach so die Schuld erlassen wird und die größere Liebe des einen die Folge davon ist, dass ihm mehr erlassen wurde, so spricht Jesus nun davon, dass der Sünderin mehr vergeben wird, weil sie mehr Liebe gezeigt hat. Jesus macht so das mit Worten unerklärbare Ineinander von Gottes Vergebung und unserem Tun deutlich. Gott will uns beschenken, ohne dass wir dafür etwas tun müssen, aber doch bedarf es unserer Disposition dazu, beschenkt zu werden.

Es ist stets die Liebe, an der wir gemessen werden. Wer selbst nicht liebt, kann auch Gottes Liebe nicht annehmen. Nicht, weil Gottes Liebe zu schwach wäre, sondern weil wir ihr mit unserer Lieblosigkeit eine Grenze setzen. Gottes Vergebung an uns kann nur dann konkret werden, wenn wir selbst bereit sind, zu vergeben. Jesus zeigt, wie Gott will, dass wir vor ihn hintreten: mit einem demütigen und liebenden Herzen. Nicht das Hervorheben unserer eigenen Gerechtigkeit lässt Gott unsere Sünden vergeben, sondern das Tun der Liebe. Unsere ganze Gerechtigkeit kann die Schwere unserer Schuld nicht aufwiegen, nur die Liebe hat Gewicht.

Wir können leicht aus der Distanz sagen, warum ist der Pharisäer so blind. Es wäre doch nur ein kleiner Schritt gewesen, dann wäre ihm die gleiche Fülle des Geschenkes zuteil geworden wie der Frau. Er hätte nur ehrlichen Herzens zu Jesus sagen brauchen: Ich verstehe, was du sagst, auch ich bin ein Sünder, Herr, verzeih mir. Stattdessen aber schweigt er. Er bringt diese Worte einfach nicht über seine Lippen.

Aber auch wir sind oft in uns gefangen. Wir ertappen uns immer wieder dabei, wie wir über andere urteilen, wie wir Hass in unserem Herzen aufsteigen lassen anstatt Liebe. Es fällt uns schwer, über unseren Schatten zu springen, wir wollen das Gesicht wahren. Auch wir treten Jesus lieber als vornehmer Hausherr gegenüber, der seinen Gast zwar freundlich, aber doch distanziert empfängt, anstatt wie die Frau uns nicht zu schade zu sein, vor Jesus niederzuknien und den Schmutz von seinen Füßen mit den Haaren abzuwischen.

Paulus – Galaterbrief

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Ich erkläre euch, Brüder: Das Evangelium, das ich verkündigt habe, stammt nicht von Menschen; ich habe es ja nicht von einem Menschen übernommen oder gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi empfangen. (Gal 1,10-12)

Das Missionswerk des Paulus in Galatien ist in seinem Kern bedroht durch Prediger, die von den heidnischen Galatern die Beschneidung und damit auch die Einhaltung der jüdischen Reinheitsvorschriften fordern. Paulus sieht sich als Apostel der Heiden, der die Kirche Christi unter den Heiden aufbaut, die zwar auf dem Fundament des Alten Bundes steht, aber nicht mehr an den alten Riten festhält. Das Christentum ist keine jüdische Sekte, sondern eine neue Religion.

Die Gegner des Paulus berufen sich darauf, nach der Lehre der Apostel zu handeln. Für sie ist Paulus kein richtiger Apostel, da er erst nach der Auferstehung Jesu zum Glauben gekommen ist. Daher erkennen sie seine Lehre nicht an. Sicher konnten sie auch viele andere mit ihren Argumenten überzeugen, denn auf den ersten Blick betrachtet sind die Apostel, die Jesus selbst berufen hat und die mit Jesus beisammen waren, bedeutender als Paulus, der Jesus nicht wirklich erlebt hat.

Daher ist es Paulus so wichtig zu betonen, dass er Jesus Christus gesehen hat. Der Auferstandene ist auch ihm erschienen und hat ihm den Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums unter den Heiden anvertraut. Wie die anderen Apostel von Jesus zu seinen Lebzeiten gelernt haben, so hat Paulus von ihm durch eine Offenbarung gelernt. Paulus hat es daher nicht nötig, erst bei den anderen Aposteln in die Lehre zu gehen. Bevor er dies näher ausführt, zeigt er, wie die Offenbarung Christi sein eigenes Leben grundlegend verändert hat.

Ihr habt doch gehört, wie ich früher als gesetzestreuer Jude gelebt habe, und wisst, wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte. In der Treue zum jüdischen Gesetz übertraf ich die meisten Altersgenossen in meinem Volk und mit dem größten Eifer setzte ich mich für die Überlieferungen meiner Väter ein. (Gal 1,13-14)

Paulus war vor seiner Bekehrung ein gesetzestreuer Jude, der in seiner Befolgung des jüdischen Gesetzes vorbildlich war und in seinem Eifer die meisten seiner Zeitgenossen übertraf. In diesem Eifer wollte er auch das Christentum, in dem er zunächst eine jüdische Sekte sah, die den Glauben der Väter verfälschte, im Keim ersticken. Alle Welt hat seiner Meinung nach davon gehört. Bis ins ferne Galatien ist der Ruf von ihm gedrungen. Dann aber ist etwas geschehen, das sein Leben und auch seine Überzeugungen grundlegend geändert hat. Er erkannte, dass dieser Christus, dessen Anhänger er verfolgte, wirklich der Sohn des Vaters war, des Gottes, für den er so eifernd kämpfte und dass Gott der Welt durch ihn eine neue Offenbarung geschenkt hat.

Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Heiden verkündige, da zog ich keinen Menschen zu Rate; ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück. (Gal 1,15-17)

Paulus weiß sich von Gott berufen, und das schon von Mutterleib an. Er stellt sich damit auf eine Stufe mit den Propheten und großen Gestalten des Alten Bundes. Oft gibt es über diese einen Bericht davon, dass schon bei ihrer Empfängnis und Geburt durch besondere Zeichen deren Erwählung deutlich wurde. So hören wir es ja auch im Lukasevangelium von Johannes dem Täufer. Oft sind es stilisierte Erzählungen, die einem gewissen Schema folgen, und somit zwar erbaulich sind, uns aber historisch als wertlos erscheinen. Von Paulus gibt es keinen Kindheitsbericht in der Heiligen Schrift. Wir lernen ihn nur als erwachsenen Mann kennen. Und doch gilt auch für ihn, dass seine Erwählung durch Gott bereits im Mutterschoß erfolgt ist.

Weil Paulus seine Offenbarung direkt von Gott erhalten hat, braucht er nicht erst zu Menschen in die Lehre zu gehen, bevor er selbst lehrt, auch nicht zu den Aposteln in Jerusalem. Die Offenbarung Gottes hat ihn in den gleichen Stand versetzt wie diese. Es ist daher nicht ein Zeichen von Überheblichkeit, dass er nicht zu den Aposteln geht, sondern Gottes Wille. Wenn er sich erst die Unterweisung und den Auftrag der Apostel für seine Verkündigung einholen müsste, würde er Gottes Auftrag nicht treu erfüllen.

Drei Jahre später ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Von den anderen Aposteln habe ich keinen gesehen, nur Jakobus, den Bruder des Herrn. (Gal 1,18-19)

Schließlich ist Paulus doch nach Jerusalem gegangen, aber erst nach drei Jahren, nachdem er in Arabien das Evangelium verkündet hat. Von dieser Missionstätigkeit des Paulus erfahren wir leider nichts Weiteres und auch in seinen Briefen geht es nicht mehr darauf ein. Seine Reise nach Jerusalem hatte allein den Zweck, Petrus den Fels (Kephas) kennenzulernen. Nicht, um von ihm zu lernen oder sich von ihm die oberhirtliche Bestätigung für seine Missionstätigkeit einzuholen, sondern allein aus Respekt und Freundschaft dem Petrus gegenüber ist Paulus nach Jerusalem gegangen. Er hat sonst keinen anderen der Apostel kennengelernt, außer Jakobus, den Bruder des Herrn, der damals wohl die Leitung der Jerusalemer Gemeinde innehatte.

Wir dürfen also aus dieser Stelle keinen Konflikt zwischen Paulus und Petrus herauslesen. Wenn auch in Gal 2,11 und anderen Stellen der Heiligen Schrift von einer Auseinandersetzung zwischen Petrus und Paulus die Rede ist, so handelt es sich dabei nur um die Klärung strittiger Punkte und nicht um eine grundsätzliche Differenz oder gar Feindschaft. Petrus war mit seinem Verhalten und seiner Lehre noch tiefer im Judentum verwurzelt als Paulus. Dem Fischer vom See Gennesaret ist es schwerer gefallen, seine von Kindheit an gelernte religiöse Praxis aufzugeben als dem gebildeten und weitgereisten Paulus.

Weil Petrus seine Verwurzelung im Judentum deutlich machte, konnten sich die Gegner des Paulus, die von den Heiden die Übernahme eben jener Bräuche forderten, auf ihn, den ersten der Apostel, berufen. Daher muss Paulus so deutlich machen, dass er selbst Petrus in nichts nachsteht und mit ihm in gegenseitigem Einvernehmen, ja sogar Freundschaft verbunden ist. Es ist ja auch tatsächlich so, dass sich die Apostel darauf geeinigt haben, von den Heidenchristen weder die Beschneidung noch die Einhaltung der jüdischen Reinheitsvorschriften einzufordern.

Vielleicht können wir hier Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus als Vergleich nehmen. Für Papst Benedikt XVI. sind die traditionellen Riten der katholischen Kirche besonders wichtig. Unter seinem Pontifikat kam es zu einer Stärkung traditioneller Gottesdienstformen. Papst Franziskus setzt andere Akzente. Und doch stehen beide fest auf dem Fundament des katholischen Glaubens. Jeder der beiden hat verschiedene Gruppen, die ihn besonders verehren, aber doch genießen beide als Papst das gleiche Ansehen. Ähnlich mag es auch mit Petrus und Paulus gewesen sein. Während Petrus mehr die Judenchristen angesprochen hat, war diesen Paulus stets verdächtig. Und doch sind beide von Christus berufen und stehen fest im Glauben an den Herrn. Die Kirche hat dies in ihrer Tradition auch immer betont, da sie die beiden Apostel am gleichen Tag (29.6.) gemeinsam feiert.

Was ich euch hier schreibe – Gott weiß, dass ich nicht lüge. Danach ging ich in das Gebiet von Syrien und Zilizien. Den Gemeinden Christi in Judäa aber blieb ich persönlich unbekannt, sie hörten nur: Er, der uns einst verfolgte, verkündigt jetzt den Glauben, den er früher vernichten wollte. Und sie lobten Gott um meinetwillen. (Gal 1,20-24)

Nach seinem Besuch in Jerusalem zieht Paulus weiter und missioniert in Syrien und Zilizien. Mit den Gemeinden in Judäa hatte er aber nichts zu tun. Diese gehörten zum Missionsfeld des Petrus und der anderen Apostel. Hier mischt sich Paulus nicht ein. Doch sein Ruf als Missionar dringt bis zu ihnen und sie freuen sich darüber, dass durch ihn Jesus Christus in der Welt bekannt gemacht wird. Dafür loben und danken sie Gott.

Barmherzigkeit

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Verlangt Jesus nicht etwas Unmögliches von uns? Zunächst verlangt er von uns die Feindesliebe. Was uns andere auch antun mögen, wir sollen stets gut zu ihnen sein. Ok, man kann seine Rachegelüste zähmen, versuchen, ruhig zu bleiben. Aber wenn im Herzen der Groll aufsteigt, dann wünscht man dem anderen doch leicht alles Mögliche nicht so gute. Stattdessen nicht nur im Stillen dem anderen nichts Böses wünschen, sondern etwas Gutes tun, übersteigt das nicht alle menschlichen Möglichkeiten? Und: wo kommen wir denn dann selbst hin, wenn alle auf uns rumtrampeln können, ohne dass wir uns wehren.

Genau hier müssen wir einlenken. Den Feinden Gutes tun ist eine aktive Handlung. Sie erfordert Größe. Das ist etwas ganz anderes, als auf sich herumtrampeln zu lassen. Wenn wir statt einem Blick voll Hass ein Geschenk der Liebe machen, dann ist der andere zunächst überrascht und vielleicht denkt er dann darüber nach, was er tut. Wer auf Feindschaft mit Hass antwortet, der vertieft den Graben zwischen den Menschen und wird selbst vom Sog des Hasses in die Tiefe gezogen. Wer aber mit einem Geschenk des Guten antwortet, nimmt dem Hass und der Feindschaft die Kraft und lässt die Möglichkeit des Friedens entstehen.

Jesus begründet seine Forderung nach Nächstenliebe und Feindesliebe mit der Barmherzigkeit des Vaters. Weil Gott an uns barmherzig gehandelt hat, sollen auch wir barmherzig sein. Gottes barmherziges Tun an uns geht all unserem Tun voraus. Gott handelt an uns barmherzig, noch bevor wir selbst etwas getan haben. Um Christ zu werden und das Heil zu empfangen, bedarf es keiner langen Jahre der Askese oder einer Reihe von Wiedergeburten durch mehrere Leben hindurch. Es braucht nur etwas Wasser und einen anderen Menschen, der die Taufformel spricht.

Wir sollen barmherzig sein, weil uns Barmherzigkeit zuteil wurde, nicht damit uns Barmherzigkeit zuteil wird. (Raniero Cantalamessa)

Gott bedarf unserer Barmherzigkeit nicht. Er handelt nicht gut an uns, damit wir uns ihm gegenüber als gut erweisen. Er lenkt unsere Barmherzigkeit hin auf unsere Mitmenschen. Ihnen gegenüber sollen wir das erfahrbar machen, was Gott uns hat erfahren lassen: dass wir bedingungslos geliebt und von Gott unendlich beschenkt sind.

Der Nächste, der Mitmensch, ist für mich das sichtbare Antlitz Gottes. (Raniero Cantalamessa)

Wir vergessen leicht, was Gott für uns getan hat, gerade in der heutigen Zeit, wo die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen in den Hintergrund gedrängt wurde. Unsere Leistung steht im Vordergrund und wenn es einer zu etwas bringen will, so muss er sich über andere behaupten, besser sein als andere. Wer sich umwendet, um einem anderen zu helfen, bleibt oft selbst zurück.

Das oberste Ziel unserer kapitalistischen Welt ist der Profit und dabei sind es einige wenige, die wirklich großen Profit machen. Noch hat ein relativ großer Teil unserer Gesellschaft teil an diesem Profit und kann sich mit Konsum und Unterhaltung vergnügen, aber immer deutlicher wird das Ausmaß der Zerstörung, die das kapitalistische Denken anrichtet. Die Menschen, die davon nicht profitieren, drängen sich immer stärker in unser Bewusstsein. Immer deutlicher wird das Ausmaß der Zerstörung der Erde.

Nur die Barmherzigkeit, die Barmherzigkeit Gottes zu den Menschen und der Menschen untereinander, kann die Welt retten.

Himmlischer Vater, durch die Verdienste deines Sohnes, der sich am Kreuz für uns „zur Sünde machte“, lösche aus den Herzen der Menschen, der Familien und der Völker die Rachsucht und gib, dass wir uns in die Barmherzigkeit verlieben. Gib, dass der Absicht des Heiligen Vaters beim Ausrufen dieses Heiligen Jahres der Barmherzigkeit eine konkrete Antwort unserer Herzen folgt, und dass allen die Freude zuteil wird, sich mit dir versöhnen zu lassen. Amen. (Raniero Cantalamessa)

Der Galaterbrief

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Paulus, zum Apostel berufen, nicht von Menschen oder durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und durch Gott, den Vater, der ihn von den Toten auferweckt hat, und alle Brüder, die bei mir sind, an die Gemeinden in Galatien. (Gal 1,1-2)

Bereits mit dem Eingangsgruß des Galaterbriefes macht Paulus die Autorität deutlich, auf der seine Verkündigung beruht. Er hat den Galatern das Evangelium gebracht, und nun sind diese im Begriff, anderen Missionaren zu folgen, die eine ganz andere Lehre vertreten als die des Paulus. Er aber ist nicht irgendein Missionar unter vielen, sondern von Gott berufener Apostel. Das, was er lehrt, stammt nicht von ihm selbst und er wurde nicht von Menschen in sein Amt eingesetzt. Seine Vollmacht stammt von Gott, von Jesus Christus und dem Vater, der Christus von den Toten auferweckt hat. Die Auferweckung Jesu Christi ist das entscheidende Ereignis, unter dem alles, was nun folgt, zu betrachten ist. Hier hat Gott etwas Neues gewirkt, das alles Vorhergehende in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Der Brief an die Galater ist nicht, wie sonst üblich, an die Gemeinde einer bestimmten Stadt adressiert, sondern an eine ganze Region. Galatien ist eine Gegend im Zentrum Kleinasiens und zugleich Name einer römischen Provinz, wobei beide Gebiete nicht deckungsgleich sind. Bei den Galatern handelt es sich um ursprünglich aus Gallien kommende Volksstämme, die auf wechselvolle Weise in diese Gegend gelangt sind und sich dort angesiedelt und mit der einheimischen Bevölkerung vermischt haben.

Die am Rand des galatischen Gebietes gelegenen Städte Lystra und Ikonion hat Paulus bereits bei seiner ersten und zweiten Missionsreise besucht. Auf seiner dritten Missionsreise durchwandert er das Innere des Landes. Hier wird Paulus einem ganz anderen und einfacher gestrickten Menschenschlag begegnet sein, als in den dichtbevölkerten multikulturellen Küstenstädten, in denen er bisher missioniert hat.

Betrachtet man das oft in seinen Briefen zum Ausdruck kommende Selbstverständnis des Paulus als Apostel der Heiden, so kann man verstehen, warum er sich die Mühe machte, diese abgelegene und nur über anstrengende Bergpässe erreichbare Gegend zu besuchen. Irgendwo hier mag ihm auch der Gedanke gekommen sein, dass seine Missionsarbeit in der östlichen Reichshälfte erledigt ist und es an der Zeit war, in den ihm weitgehend unbekannten westlichen Teil des Reiches aufzubrechen, wie er es im Römerbrief deutlich macht.

Paulus hat den Brief an die Galater wahrscheinlich in der Zeit zwischen den Jahren 53 und 55 geschrieben. Anlass ist das dortige Wirken von Missionaren, die entgegen der Lehre des Paulus die Beschneidung der Heidenchristen fordern und diese so enger an das Judentum binden wollen, was auch die Einhaltung der jüdischen Reinheitsvorschriften zur Folge hat. Paulus dagegen vertritt die Eigenständigkeit des Christentums, das zwar seine Wurzeln im Judentum hat – Jesus Christus, die Apostel, die ersten Christen und auch Paulus selbst sind Juden – aber nicht die Übernahme jüdischer Gesetzte für Heidenchristen bedeutet.

Die Streitfrage, wie weit von Heidenchristen die Einhaltung jüdischer Vorschriften gefordert ist, war auf dem Apostelkonzil in Jerusalem dahingehend entschieden worden, dass von den Heidenchristen weder die Beschneidung noch die Einhaltung jüdischer Reinheitsvorschriften gefordert ist. Für die Juden war aber gerade die Beschneidung das Zeichen dafür, dass ein Mensch sich dem Bund anschließt, den Gott mit Abraham geschlossen hat, und die strenge Einhaltung der jüdischen Vorschriften sollte Gottes Reich auf Erden sichtbar werden lassen. Beides war daher aus jüdischer Sicht unabdingbar, um das Heil zu erlangen.

Paulus aber vertritt die Ansicht, dass ein Mensch nicht mehr durch diese äußeren Zeichen Anteil am Heil Gottes erhält, sondern allein durch den Glauben an Jesus Christus, der sichtbar wird in der Taufe und einem Leben nach dem Gebot der Liebe. Sicher hat Paulus, der früher selbst ein eifriger Verfechter des jüdischen Gesetzes war, hier lange um eine schlüssige Erklärung gerungen. Im Galaterbrief und ebenso im Römerbrief macht Paulus deutlich, was es heißt, Anteil zu haben am Heil, das Gott den Menschen durch Jesus Christus geschenkt hat.

Diese Lehre vom Heil und der den Menschen durch Gott geschenkten Freiheit sieht Paulus nun von Irrlehrern bedroht. Es geht nicht um die Auseinandersetzung um irgendwelche Streitfragen, sondern um den Kern des christlichen Glaubens. Daher muss Paulus seine Autorität als Apostel so deutlich herausstellen und seine Lehre, die letztlich von Gott stammt, entschieden gegen die Irrlehrer verteidigen, wobei er sich nicht scheut, seine Gegner aufs Heftigste anzugreifen.