Die Botschaft vom Kreuz (1Kor 2)

Ich kam nicht zu euch, Brüder und Schwestern, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden. Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten. (1Kor 2,1-2)

In der Gemeinde von Korinth herrscht Zwietracht. Einzelne Gruppen haben sich gebildet, die sich darum streiten, welcher Prediger besser ist und wer das größte Maß an Weisheit besitzt. Menschen lieben es, sich zu vergleichen und ihre Gemeinschaften hierarchisch zu strukturieren. Sie identifizieren sich auch gerne mit einer bestimmten Führungspersönlichkeit oder einem prominenten Star. Im Alltag ist das oft harmlos, aber es braucht nicht viel, dass sich die einzelnen Gruppen stärker formieren und ihre Ansichten verabsolutieren. Entweder man gehört dazu oder nicht, es gibt kein dazwischen.

Zudem lassen sich Menschen leicht von guten Rednern beeinflussen. Was in glänzende Worte verpackt ist, kommt besser an als schlichte Tatsachen, und was kompliziert und geheimnisvoll daherkommt wird eher geglaubt als das, was leicht verständlich erscheint. Dabei machen komplizierte Worte noch lange kein Mysterium und überhaupt: Gott ist nicht kompliziert. Hätte er sich sonst einfache Fischer als seine ersten Jünger ausgesucht? Während seines Erdenlebens hat Jesus hauptsächlich mit einfachen Menschen zusammengelebt und sich an sie gerichtet.

Was aber nötig ist, um Gott zu verstehen, ist ein Sinneswandel, ein Umdenken. Wir sind geprägt von so vielen Denkstrukturen, die von unserem Elternhaus, unserer Erziehung oder den Medien beeinflusst sind. Wir merken das oft nicht, weil es für uns selbstverständlich ist. Aber genau darauf kommt es Jesus an, dass wir diese festen Denkstrukturen aufbrechen und lernen, Neues zu denken und dann auch zu tun. Das meint er, wenn er sagt, dass wir werden sollen wie die Kinder. Kinder haben oft weit mehr Phantasie als wir Erwachsenen, weil ihr Denken noch nicht in feste Strukturen gepresst wurde.

So eine feste Denkstruktur haben wir auch von Gott. Ein Gott muss groß sein, erhaben, mächtig. Ein Gott braucht einen Palast, um darin zu wohnen (wir nennen das Tempel), braucht wertvolle Gegenstände in seiner Umgebung und schließlich Menschen, die sich vor ihm in den Staub werfen. Nun ist Gott tatsächlich mächtig und verdient unsere Anbetung und unseren Lobpreis. Aber seine Macht steht eben gerade nicht in Analogie zu den Mächtigen dieser Welt, sondern unterscheidet sich grundlegend von ihnen.

In Israel setze nach dem babylonischen Exil und dem Untergang des weltlichen, davidischen Königtums eine Entwicklung ein, die Gott selbst an die Stelle des Königs setzte. Neben dem positiven Aspekt dieser Entwicklung, dass nun Gott in einer direkten Beziehung zu seinem Volk stand, gab es aber auch den negativen Effekt, dass Gott nun mehr und mehr wie ein orientalischer König dem Volk wieder entzogen wurde. Seine Wohnung war nicht mehr unter dem Volk, sondern im Allerheiligsten des Tempels, das nur der Hohepriester betreten durfte.

Viele alttestamentliche Texte sprechen von der Liebe Gottes zu seinem Volk, von seiner Nähe besonders zu den Schwachen und Unterdrückten, aber sie wurden mehr und mehr nur als Metapher dafür gesehen, dass für die Armen auch mal ein Brotkrumen vom Tisch fällt. Den großen Teil von Gott aber bekamen letztendlich die Priester und Mächtigen ab. Ihnen kam es zu, das einfache und unmündige Volk zu lehren und es mit Gesetzen und Riten im Zaum zu halten, dass es sich ja nicht seiner Unmittelbarkeit zu Gott bewusst wurde.

Nachdem nun die Menschen den Blick auf Gott verstellt hatten, musste Gott handeln und sich selbst den Menschen zeigen. Wie er das gemacht hat, wissen wir. Er kam als ein einfaches Kind in die Welt und hat schließlich die Menschen gelehrt und geheilt, obwohl er dazu von den religiösen Anführern keine Legitimation hatte. Aber Gott braucht keine Legitimation von Menschen, um sich zu offenbaren. Er tut es einfach, weil er es will.

Wir wissen auch, wie Gottes Weg als Mensch geendet hat, am Kreuz. Die Mächtigen konnten es einfach nicht dulden, dass Gott sie umgangen hat, um selbst zu den Menschen zu sprechen und damit die Unmittelbarkeit zwischen Gott und Mensch wiederzustellen. Das Kreuz ist schließlich Symbol dafür, dass Gott sich in aller Einfachheit und Direktheit an die Menschen gewandt hat. Gott wollte, dass der Blick auf ihn nicht durch komplizierte Lehren und pompöse Zeremonien verstellt wird.

Doch das mit dem Umdenken der Menschen hat auf Dauer nicht so gut geklappt. Auch Gottes neue Diener sind bald wieder in die alten Denkmuster verfallen. Die Unmittelbarkeit zwischen Gott und Mensch wurde schnell wieder begrenzt, eine neue Vielzahl von Geboten hielt die Menschen auf Abstand und Priester traten als Vermittler ein zwischen dem großen Gott und den einfachen Menschen, die letztlich nichts von Gott verstehen können und darum als Laien bezeichnet werden (Paulus bezeichnet am Beginn des Korintherbriefes alle in der Gemeinde als Heilige, welch ein Unterschied).

Wir biegen uns die Worte Jesu gerade, dass sie in das neue Bild passen, aber nur wenige haben den Mut, die Worte Jesu wirklich ernst zu nehmen. Selbst diejenigen, die gegen die Hierarchie in der Kirche aufbegehren und neue Strukturen fordern, sind letztlich in den alten Denkmustern gefangen und wollen lediglich eine Umverteilung der Macht, anstatt zu begreifen, dass der Glaube an Jesus Christus nichts mit Macht zu tun hat, sondern einfach nur Hingabe ist und Liebe.

Paulus wollte seine Gemeinden als Orte, in denen Männer und Frauen, Arme und Reiche, Gebildete und Ungebildete ohne Unterschiede zusammen leben, in denen jeder seine besonderen Gaben zum Aufbau der Gemeinde einbringt, aber derjenige, der mehr kann, sich nicht über den erhebt, der nicht so begabt ist, weil jeder einzelne für die Gemeinde letztlich gleich wichtig ist. Alle Menschen sind unterschiedlich, aber alle Menschen sind gleich wertvoll. Das versucht Paulus in vielen Facetten im langen Korintherbrief auszudrücken.

Das Wort vom Kreuz, das ist die Botschaft einer unendlichen Liebe. Es fällt den Menschen schwer, das wirklich zu verstehen, aber Jesus hat uns zugetraut, dass wir ihn verstehen können. Dazu müssen wir alle vertrauten Denkmuster von Oben und Unten, Macht und Ohnmacht, ja auch alle vertrauten Denkmuster von Religion ablegen. Dann erkennen wir den Kern der Botschaft Jesu, der sagt: Liebt einander, lebt in Eintracht zusammen, wie Schwestern und Brüder, unter euch soll es nicht Herren und Diener geben, Gott allein ist euer Herr, ihr alle seid Geschwister, seid gleich vor Gott, erhebt euch nicht gegeneinander, urteilt nicht übereinander, sondern nehmt einander an und sorgt füreinander.

Paulus wollte eine solche Gemeinschaft der Liebe aufbauen, wollte die Einheit aller in Christus. Dafür ist er durch die halbe Welt gelaufen, weil er die Liebe gespürt hat, die im Kreuz ihren mächtigsten Sieg errungen hat. Die Liebe wird nie vergehen, diese Wahrheit wird Paulus den Korinthern im 13. Kapitel des Briefes im Hohenlied der Liebe auf unvergleichliche Weise vor Augen stellen.

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