Apostel Thomas

Jesus sagte: Nicht aufhören zu suchen soll der Suchende, bis er findet. Und wenn er findet, wird er verwirrt sein, und wenn er verwirrt ist, wird er sich wundern, und er wird Herr sein über die Welt.

So heißt es im 2. Spruch des apokryphen Thomasevangeliums und dieser Spruch ist zugleich die Überschrift über das Leben dieses beeindruckenden Apostels, der ganz zu Unrecht den Beinamen „der Ungläubige“ bekommen hat. Thomas war sicher ein sehr temperamentvoller Mensch und sehr entschlossen. Dies sehen wir an den eindrücklichen Worten, die ihm das Johannesevangelium in den Mund legt, als den Jüngern langsam klar wurde, welche Gefahren mit dem Ziel Jerusalem verbunden waren, das Jesus mit ihnen anstrebte. „Lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben.“ (Joh 11,16)

Jesus ist für Thomas zum Mittelpunkt seines Lebens geworden, sein Glaube an ihn war unerschütterlich. Er konnte sich nach seiner ersten Begegnung mit Jesus kein Leben ohne ihn mehr vorstellen. Als Jesus am Kreuz gestorben ist, war er zunächst wie alle andern Jünger verwirrt, ist aus Jerusalem geflohen und brauchte Zeit, um sich wieder zu sammeln. Er kehrte später als die anderen nach Jerusalem zurück und hat so die erste Erscheinung Jesu im Kreis der Apostel verpasst.

Er wollte seinen Glauben an die Auferstehung Jesu nicht nur auf das Zeugnis der anderen Apostel gründen. Er, der eine so enge Beziehung zu Jesus hatte und dem Jesus so viel bedeutete, wollte selbst erfahren, was Jesu Auferstehung bedeutet. Und so bekommt er am darauffolgenden Sonntag sein eigenes, ganz persönliches Ostererlebnis und ist überwältigt vom Geheimnis der Auferstehung Jesu.

Er hat gesucht und in Jesus alles gefunden. Als er Jesus scheinbar verloren hatte, war er verwirrt, aber Jesus hat ihm eine Lebendige Erfahrung des Wunders seiner Auferstehung zuteilwerden lassen. Nun gab es für Thomas keinen Zweifel mehr, er wusste alles und so gehörte ihm die ganze Welt. Er ist weiter gereist als alle anderen Apostel, bis ins ferne Indien ist er gelangt und hat den Glauben verkündet.

Die antike Welt war größer, als wir sie uns oft vorstellen. Unter Kaiser Augustus und seinen Nachfolgern hat das Römische Reich seine größte Ausdehnung erlangt, von Britannien im Norden bis Ägypten im Süden, von Spanien im Westen bis nach Arabien im Osten. Zwar hätte Rom gerne noch weitere Gebiete erobert, aber es ist im Norden, Süden und Osten an die Grenzen seiner Macht gestoßen. Die lange angestrebte Grenze an der Elbe war militärisch nicht zu erreichen. Die unwegsamen Urwälder Germaniens und dessen Krieger verhinderten eine weitere Ausbreitung. Im Süden begrenzten die Sahara und kriegerische Beduinenstämme ein weiteres Vordringen Roms nach Afrika. Im Osten war das Parther-Reich ein mächtiger Gegner, gegen den Rom auf Dauer nicht ankam und auch auf der arabischen Halbinsel konnten die Römer trotz einiger Militäraktionen nicht Fuß fassen.

Über Arabien verlief bereits in der Antike eine wichtige Handelsroute. Kostbare Luxusgüter wie Weihrauch und Seide kamen von dort in die Städte des Römischen Reiches. Wer mit solchen Luxusgütern handelte und die Kontrolle über diese Handelsrouten hatte, konnte reichen Gewinn erzielen. Von Arabien aus gab es regelmäßige Handelsverbindungen weiter über den Indischen Ozean nach Indien, das zur damaligen Zeit ebenso wie China bereits eine hoch entwickelte Kultur hatte. Die Quellen berichten auch von indischen Delegationen, die offiziell Rom besucht haben.

Der Weg vom Mittelmeer über Ägypten und Arabien nach Indien war zwar ein mühsamer und gefährlicher Weg, aber ein Weg, auf dem regelmäßiger Handel stattfand und damit ein intensiver Austausch von Gütern und Ideen. Er war sicher nicht so einfach zu bereisen wie die Straßen des Römischen Reiches und die Schiffsverbindungen über das Mittelmeer, auf denen Paulus sich bei seinen Missionsreisen bewegte. Man brauchte Mut, diesen Weg zu nehmen, Abenteuerlust, die Fähigkeit, auf Menschen anderer Kulturen einzugehen, deren Sprache und Sitten man nicht kannte. Nur wer das Vertrauen der fremden Kaufleute gewinnen konnte, die auf allen Stationen der Route ihre Partner hatten, bekam überhaupt eine Chance, sicher auf diesem Weg durchzukommen.

Thomas hatte den Mut zu diesem Abenteuer und er hat es verstanden, mit Fremden umzugehen. Wahrscheinlich hatte er vorher interessante Geschichten über den Weg durch Arabien, das ferne Meer im Osten und das fantastische Indien gehört. Wie damals, als Jesus auferstanden war, hat er sich nicht mit den Erzählungen anderer begnügt. Er wollte selbst erfahren, was es mit all diesen Ländern auf sich hat. Und er wollte den Menschen dort von Jesus Christus erzählen. Daher hat er sich auf die Reise begeben und ist schließlich um das Jahr 52 nach Indien gekommen. Darüber berichten uns die apokryphen Thomasakten. Sie stammen aus späterer Zeit und sind stark von der Legende durchdrungen.

Viele zweifeln daran, dass Thomas überhaupt Indien erreicht hat und dort eine Kirche gegründet hat, die bis heute Bestand hat. Mag es deshalb sein, dass manche sich in ihrer Engstirnigkeit nicht vorstellen können, dass sich auch weit entfernt vom Römischen Reich, auf das sich unsere Kirchengeschichte der alten Zeit konzentriert, bereits seit frühesten Zeiten eine Kirche entwickelt hat. Oder weil die Quellenlage nicht eindeutig ist. Die Christen Indiens selbst sind fest davon überzeugt, dass ihre Tradition bis auf den Apostel Thomas zurückreicht. Sie haben eine eigenständige Entwicklung, die eng mit den Kirchen des Nahen Ostens verbunden ist, die ebenso wie die indische Kirche bald aus dem Blickfeld der auf das Römische Reich konzentrierten Kirche verschwunden ist.

Als die Portugiesen im 16. Jahrhundert an den Küsten Indiens auftauchten, fanden sie dort zu ihrem Erstaunen Christen. Jedoch galten damals nur die unter der Leitung des Papstes in Rom stehenden Christen als wirkliche Christen. Diese Engstirnigkeit des Westens hat bereits im Jahr 1054 zur Trennung von Ost- und Westkirche geführt, eine schmerzhafte Trennung, die bis heute anhält. Mit den Portugiesen begann auch in Indien eine Trennung unter den Christen zwischen denen, die die Einheit mit Rom suchten und denen, die ihre Unabhängigkeit bewahren wollten.

Gerade in der heutigen Welt, in der die Menschen aller Weltteile näher zusammen gerückt sind als je zuvor, in der das Christentum aber auch wieder zu einer bedrohten Religion geworden ist, täte es Not, unter den Christen weltweit zu einer neuen Einheit und Solidarität zu finden und die Christen aller Länder zu einer weltumspannenden christlichen Einheit zusammenzuführen, die einerseits an dem einen wahren Glauben an Jesus Christus festhält, zugleich aber auch die unterschiedlichen Riten und Traditionen akzeptiert. Es geht nicht an, dass wir auch heute noch wie im Mittelalter Christen anderer Konfessionen als Feinde ansehen, anstatt in ihnen Verbündete zu sehen für den Aufbau des Reiches Gottes.

Beten wir ständig und gerade heute am Festtag des Heiligen Thomas darum, dass Jesus Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist, verherrlicht werde unter allen Völkern der Erde und dass alle Völker vereint werden in diesem einen Glauben an den Herrn Jesus Christus, der die Apostel ausgesandt hat, die Menschen aller Völker auf der Erde zu taufen auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Eine interessante Darstellung des Hl. Thomas findet sich auf der Kanzel der Allerheiligenkirche in Warngau. Ein Engel hält neben ihm das Herz Jesu. Mit seinem Wunsch, die Seite Jesu zu „begreifen“ können wir sagen, dass der Hl. Thomas der erste Verehrer des Herzens Jesu ist. Aus Jesu Seite flossen Blut und Wasser, Ströme der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit. Sicher war es auch diese Erkenntnis des Herzens Jesu, die ihn voll Glauben beten lies: Mein Herr und mein Gott!

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