Makarius der Große (ca. 300 – 390)

Makarius wurde um das Jahr 300 in dem Ort Shabsheer (Shanshour bei Ashmoun) im Nildelta geboren. Es heißt, dass seine Eltern fromme Christen gewesen sind. Nichts desto trotz wollten sie ihn aber gegen seinen Willen verheiraten. Doch Makarius spürte schon früh die Sehnsucht nach einem ehelosen Leben im Dienste des Herrn. Als der Tag der Hochzeit herannahte, stellte sich Makarius mehrere Tage krank. Dann bat er seinen Vater, zur Erholung einige Zeit in der Einsamkeit der Wüste verbringen zu dürfen. Dort hatte er während des Gebets eine Vision. Engel trugen ihn auf einen Berg und zeigen ihm die Weite der Wüste mit den Worten:

„Gott hat diese Wüste dir und deinen Schülern zur Heimat gegeben.“

Bald darauf starben die Eltern des Makarius und er verschenkte sein Erbe an die Armen. Die Bewohner seines Heimatortes brachten Makarius zum Bischof von Ashmoun, damit dieser ihn zum Priester weihte. Daraufhin errichteten sie für ihn eine Kapelle vor der Stadt. Dort feierte Makarius die heiligen Geheimnisse und die Menschen kamen zu ihm, um ihm ihre Sünden zu bekennen. Nach anderen Überlieferungen wurde Makarius erst im Alter von etwa vierzig Jahren, als er schon in der Wüste lebte, zum Priester geweiht.

Es geschah, dass eine unverheiratete schwangere Frau behauptete, Makarius sei der Vater ihres Kindes. Der Heilige protestierte nicht gegen diesen Vorwurf, gab sogar den Erlös aus dem Verkauf seiner Handarbeiten der Frau als Unterhalt. Doch in der Angst der Geburtsstunde schrie die Frau heraus, dass Makarius nicht der Vater des Kindes ist. Die Bewohner des Ortes, die bisher der Frau geglaubt hatten, schämten sich, dass sie den Heiligen zu Unrecht beschuldigt hatten und wollten ihn um Vergebung bitten. Doch seine Zelle war leer. Makarius hatte sich ganz in die Einsamkeit der Wüste zurückgezogen.

Die westlich des Nildeltas gelegene sketische (auch nitrische) Wüste wurde damals zur Heimat unzähliger Mönche. Antonius der Große gehört zu den ersten dieser Wüstenväter, von deren Weisheit ihre Sprüche (Apophthegmata Patrum) bis heute Zeugnis geben. Makarius wurde ein Schüler Antonius des Großen und in der Nachfolge seines Lehrers bald selbst einer der bedeutendsten Wüstenväter der Anfangszeit.

Es war um das Jahr 330 als Makarius sich in das Innere der Wüste zurückzog. Er blieb dort bis auf wenige Ausnahmen für die restlichen etwa 60 Jahre seines Lebens. Als sich die Zahl seiner Schüler vermehrte, ließ er an dem Ort seiner Zelle eine Kirche errichten. Um das Jahr 360 gegründete Makarius das heute nach ihm benannte Kloster. Es wurde schon zu Lebzeiten der Heiligen die Heimat von etwa 4000 Mönchen und ist bis heute ein Zentrum christlichen Lebens in Ägypten.

Schon im Alter von 30 Jahren soll Makarius die Weisheit der Väter in sich getragen haben. Neben seinen Schülern kamen auch viele vornehme Menschen und Herrscher zu ihm in die Wüste, um ein Wort der Weisheit für ihr Leben mit nach Hause zu nehmen. Die Menschen schätzten sein Mitgefühl und sein Verständnis für ihre Sorgen und Nöten. Durch das Gebet des Heiligen geschahen viele Wunder.

Damit der Andrang der Menschen ihn nicht in seiner Ruhe als Einsiedler störte, soll er sich eigenhändig einen tiefen Stollen in den Berg gegraben haben, der zu einer Höhle führte, in der er die meiste Zeit verbrachte und zu der nur zwei seiner engsten Schüler Zutritt hatten.

Makarius war wie alle Wüstenväter ein strenger Asket. Immer wieder kommt in seinen Worten der Aufruf nach Beten, Fasten und Buße zum Ausdruck. Er selbst hat sich keine Annehmlichkeit dieser Welt gegönnt und lebte demütig vor Gott. So sagt er einmal:

Es ist das Kennzeichen des christlichen Lebens, dass ein Mensch, soviel er sich auch müht und soviel Rechtschaffenheit er auch leisten mag, sich dennoch so fühlt, als habe er nichts getan. Im Fasten zu sagen: Dies ist kein Fasten; beim Beten zu sagen: Das ist nicht Gebet; und bei der Beharrlichkeit im Gebet zu sagen: Ich habe keine Beharrlichkeit. Ich fange gerade erst an, den Glauben zu leben und Schmerzen auf mich zu nehmen. Und auch wenn der Mensch rechtschaffen lebt vor Gott, soll er stets sagen: Ich bin nicht rechtschaffen, nicht ich. Ich nehme keine Schmerzen auf mich, sondern ich mache nur jeden Tag einen Anfang.

Vielleicht erscheinen diese Worte heute vielen zu streng. Was kann uns ein solches Leben sagen? Kommt es bei uns nicht vielmehr darauf an, selbstbewusst und entschlossen zu sein? Ich bin … Ich kann … Ist ein Leben der Buße noch dem heutigen Menschen angemessen? Man darf die Selbstentsagung nicht mit der Aufgabe der eigenen Persönlichkeit verwechseln. Gerade durch die strenge Askese entwickelt der Mönch sein Selbst und die Selbstentsagung führt zur Demut, dass er sich wegen seiner asketischen Stärke nicht über andere erhebt. Demut darf man nicht mit Schwachheit verwechseln. Allzu gerne tragen Menschen mit einer schwachen Persönlichkeit ein unterwürfiges Gehabe zur Schau und halten das für Frömmigkeit. Doch geht ihnen mal etwas gegen den Strich, werden sie boshafter als manch andere Menschen.

Die Demut ist die einzige asketische Übung, die der Teufel nicht nachzuahmen vermag, wie es in einer Geschichte zum Leben des Heiligen heißt:

Makarius ging einmal an einem Sumpf entlang, als er auf dem Weg zu seiner Zelle war. Da begegnete ihm der Teufel mit einer Sichel und hätte ihn gerne erschlagen, vermochte es aber nicht. Da sprach er zum Heiligen: Makarius, wisse, dass ich von dir solche Pein leide, weil ich nichts gegen dich auszurichten vermag. Dabei tue ich doch alles, was du tust: du fastest und auch ich nehme keine Nahrung zu mir, du wachst und auch ich schlafe nie. Aber in Einem übertriffst du mich. Da sagte Makarius: Was ist dieses Eine? Und der Teufel antwortete: Es ist deine Demut, gegen die komm ich nicht an.

In einem anderen Ausspruch des Heiligen heißt es:

Seelen, die Gott und die Wahrheit lieben und die, mit großer Hoffnung und Glauben danach verlangen, sich ganz Christus hinzugeben, haben es nicht nötig, sich bei anderen in Erinnerung zu rufen. Sie ertragen es auch nicht, nicht einmal für einen Moment, von der himmlischen Sehnsucht und der hingebungsvollen Zuneigung zum Herrn getrennt zu sein. Aber voll und ganz an das Kreuz Christi genagelt, nehmen sie täglich an sich selbst das Empfinden eines geistlichen Fortschritts hin zum himmlischen Bräutigam wahr.

Diese Sehnsucht nach dem himmlischen Herrn trieb den Heiligen und ließ ihn alles Irdische gering achten. Ihm allein wollte er diesen. Und um frei zu werden für Christus lebte er die strenge Askese und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens im Gebet, in der Zwiesprache mit seinem geliebten Herrn.

Im Zusammenhang mit dem Streit um den Arianismus wurde Makarius wie viele andere Mönche, die sich hinter Bischof Athanasius von Alexandrien stellten, im Jahr 374 auf eine Insel im Nildelta verbannt. Athanasius war damals im Osten einer der entschiedensten Vertreter des auf dem ökumenischen Konzil von Nicäa verfassten Glaubensbekenntnisses, das sich erst nach langen Wirren in der christlichen Welt durchgesetzt hat. Viele der Heiden, die auf der Nilinsel lebten, sollen sich durch das Beispiel des Heiligen bekehrt haben.

Nach der Rückkehr aus der Verbannung lebte Makarius weiter in der Wüste. Er starb dort im Alter von 97 Jahren. Leute aus seinem Heimatort stahlen den Leichnam des Heiligen und errichteten ihm ein Grab. Erst Jahre später wurde er in das Makariuskloster übertragen, wo er bis heute ruht.

Hilarius von Poitiers – Morgenhymnus

Morgenlicht

 

Des Lichtes Spender voll der Pracht

dessen lieblichen Lichtes Schein

nun nach dem Ende langer Nacht

den anbrechenden Tag durchströmt.

 

Du wahrer Morgenstern der Welt

du bist nicht nur ein winz´ger Stern

der als der Bote komm´den Lichts

im Kleinen nur sein Licht ausstrahlt.

 

Heller als aller Sonnen Glanz

bist du vollkommen Licht und Tag,

erhellst die Tiefen unsres Seins

durchflutest unsren ganzen Geist.

 

Komm aller Dinge Schöpfer Du,

Licht aus des Vaters Herrlichkeit

für Deinen reichen Gnadenstrahl

öffnen sich uns´re Herzen weit.

 

Besonn´nes Denken siege stets

über des Fleisches eitle Gier

und als ein reines Heiligtum

erhalte der Geist uns´ren Leib.

 

Ehre Dir Christus, König, Herr,

Ehre dem Vater reich an Macht

zusammen mit dem Tröster Geist

jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.

Taufe des Herrn (2)

 

A1_Taufe

 

Rüste dich, Jordanfluss!

Siehe, Christus, Gott, kommt,

um von Johannes getauft zu werden,

damit er der Drachen unsichtbare Häupter zermalme

mit der Gottheit in seinen eigenen Wassern.

Freue dich, Wüste am Jordan,

ihr Berge, hüpft vor Freude!

Denn es kommt das ewige Leben,

heimzurufen den Adam.

Als Stimme des Rufers rufe,

Johannes, Vorläufer:

Bereitet die Wege des Herrn,

macht eben seine Straßen!

(Gebet der Ostkirche)

Taufe des Herrn (1)

Mit der Taufe Jesu beginnt die Zeit seines öffentlichen Wirkens. Jesus tritt aus der Verborgenheit des Elternhauses in Nazaret hervor. Doch die Welt erwartet ihn schon. Er tritt nicht ins Leere, muss sich nicht erst Aufmerksamkeit verschaffen. Als Jesus an den Jordan kommt, tritt er ein in das Panorama der Geschichte und füllt den Platz, der ihm dort bereitet ist.

Der Jordan spielt in der Geschichte Israels eine große Rolle. Ihn überschreiten die Stämme Israels, als sie nach dem Auszug aus Ägypten das Land in Besitz nehmen. Mose darf den Jordan nicht überschreiten, darf nur von ferne auf das verheißene Land blicken. Doch Josua stoppt mit der Bundeslade die Wasser des Jordan, damit Israel trockenen Fußes hindurchziehen kann.

Der Jordan galt aber ebenso wie die Wüste als Rückzugsort der bösen Geister. Darauf spielt der oben zitierte Hymnus an und auf vielen Ikonen ist neben Jesus der personifizierte Jordan als kleine Gestalt zu sehen. In der Welt des Heidentums war die ganze Natur voll von personifizierten Mächten, denen man Wirkkräfte zuschrieb.

Das Christentum hat diese Naturgötter entmachtet und einen ersten Schritt dahin macht Jesus, indem er dem Jordan seine Kraft nimmt. Er heiligt seine Wasser. Nun ist der Fluss nicht mehr ein Ort der bösen Geister, sondern wird zum heiligen Strom. Und indem Jesus den Jordan heiligt, heiligt er zugleich alle Wasser dieser Welt. Er gibt ihnen die Kraft, im Ritus der Taufe die Menschen von ihren Sünden zu reinigen. Darüber freut sich die ganze Natur, die Wüste beginnt zu blühen und die Berge hüpfen vor Freude.

Nicht um seine Sünden abzuwaschen steigt also der sündenlose Sohn Gottes in den Jordan, sondern um die Wasser zu bereiten für den Dienst der Reinigung.

Am Fluss Jordan offenbart sich Jesus in einer außergewöhnlichen Demut, welche die Armut und die Einfachheit des in der Krippe ruhenden Kindes in Erinnerung ruft, und nimmt die Haltung vorweg, mit der er am Ende seiner Tage auf Erden dazu kommen wird, die Füße der Jünger zu waschen und die schreckliche Erniedrigung des Kreuzes zu erfahren. Der Sohn Gottes, er, der ohne Sünde ist, stellt sich mitten unter die Sünder, er zeigt, dass Gott dem Weg der Umkehr des Menschen nahesteht. Jesus nimmt die Last der Schuld der ganzen Menschheit auf seine Schultern, er beginnt seine Sendung, indem er an ihre Stelle tritt, an die Stelle der Sünder, in der Perspektive des Kreuzes.

Benedikt XVI.

Gott nimmt die Schöpfung in den Dienst seines Heilsplanes. Die Wasser werden geheiligt und die ganze Schöpfung jauchzt vor Freude, weil sie befreit wurde vom Joch der Dämonen. Doch wenn wir heute auf die Schöpfung blicken, so sehen wir sie unter einem noch schwereren Joch leiden. Sie wird ausgebeutet von der Gier des Menschen. Kaum ein Ort kann mehr in unberührter Schönheit erstrahlen, Flüsse und Meere gehen zu Grunde am Müll der Menschen.

Vielleicht ist es auch ein Fehler von uns Christen, dass wir vieles rein geistig sehen. Wer bringt schon die Taufe Jesu konkret mit den verschmutzen Gewässern unserer Zeit, mit der Ausbreitung der Wüsten und der Sorge der Menschen um reines Trinkwasser in Verbindung? Jesus ist bewusst in den Jordan gestiegen, um die Wasser dieser Welt zu heiligen. Wir haben für das Wasser, das seither bei jeder Taufe im Dienst Gottes steht, eine besondere Verantwortung. Was Gott heiligt, darf der Mensch nicht achtlos vergeuden.

Jesus kam an den Jordan, um den Plan Gottes zur Heiligung der Schöpfung auszuführen. Sicher ist die Heiligung des Menschen der wichtigste Aspekt der Erlösung. Doch Jesus kam nicht nur, um die Menschen zu erlösen und ihnen den Weg in den Himmel zu öffnen, er kam auch, um die ganze Schöpfung aus Sklaverei und Knechtschaft zu befreien. So sind es auch die Gaben der Schöpfung, in denen Jesus seine bleibende Gegenwart unter uns Menschen zeigt, Brot und Wein werden verwandelt in Christi Leib und Blut.

Wir Christen sind gerufen, den Dienst Gottes an den Menschen und der ganzen Schöpfung konkret werden zu lassen. Wir sind gerufen zum Dienst der Versöhnung, um Hass und Gewalt unter den Menschen beizulegen. Wir sind gerufen, das Leben der Menschen zu schützen. Wir sind aber auch gerufen, für Gottes Schöpfung Sorge zu tragen, sie zu nutzen, aber zugleich auch zu pflegen.

Wie Jesus an den Jordan trat und seinen Platz in der Geschichte des Heils eingenommen hat, so gibt es auch für jede und jeden von uns einen Platz in dieser Geschichte, einen Ort, um Gottes Liebe zu den Menschen konkret werden zu lassen. Diesen Platz einzunehmen, ist der Sinn unseres Lebens. Machen wir uns auf, ihn zu finden.

Epiphanie

Epiphanie_11

Die Weisen bringen nun Gold, Weihrauch und Myrrhe dar. Gold gebührt nämlich dem König, Weihrauch wird beim Opfer für Gott verwendet, mit Myrrhe aber werden die Körper der Toten einbalsamiert. Den die Weisen anbeten, verkünden sie also auch mit geheimnisvollen Gaben: mit dem Gold als König, mit dem Weihrauch als Gott, mit der Myrrhe als Sterblichen.

Gregor der Große

Gebet

Herr Jesus Christus,

du selbst hast mir einen Weg zu einem wirklichen, mein Leben bestimmenden Glauben gewiesen. Es ist der Weg der alltäglichen und tätig hilfsbereiten Liebe zum Nächsten.

Auf diesem Weg begegne ich dir, unbekannt und erkannt.

Führe mich, Licht des Lebens, diesen Pfad. Lass mich ihn in Geduld gehen, immer weiter und immer neu. Gib mir die unbegreifliche Kraft, mich selbst an den Menschen zu wagen, in der Gabe mich selbst zu geben.

Dann trittst du selber in unbegreiflicher Einheit mit denen, die meine Liebe empfangen, im Nächsten mir entgegen:

Du bist es, der das ganze Leben der Menschen annehmen kann, und du bleibst zugleich der, in dem es, weggegeben an Gott, nicht aufhört, Liebe zum Menschen zu sein.

Mein Glaube an dich ist unterwegs, und ich sage mit dem Mann im Evangelium: Ich glaube; Herr, hilf meinem Unglauben.

Führe mich deinen Weg, du der du Weg zum Nächsten, unbekannt gesuchter Bruder und darin Gott bist. Jetzt und immer. Amen.

Karl Rahner

Flucht nach Ägypten

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Nur Matthäus berichtet uns von der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten. König Herodes tobt, als er merkt, dass die Sterndeuter ihn getäuscht und das Land verlassen haben, ohne ihm einen Hinweis gegeben zu haben, wo er den König der Juden finden könne. Er erteilt den Befehl, alle Kinder in Betlehem, dem Ort, in dem dieser König geboren sein soll, zu töten. Doch Gott hat seinen Sohn längst schon in Sicherheit gebracht.

Wieder ist es Josef, der treu für Maria und das göttliche Kind, die ihm beide von Gott anvertraut sind, sorgt. Ein Engel hat ihn zu schnellem Aufbruch gemahnt. Wahrscheinlich haben sie Hals über Kopf Betlehem verlassen und sind nur mit wenigen Habseligkeiten losgezogen.

Viele Künstler hat diese Szene zu Bildern inspiriert, wie die Heilige Familie da ihres Weges zieht, Maria mit dem Jesuskind auf dem Esel, Josef mutig voranschreitend. Darum herum Engel, die auf die Reisegesellschaft aufpassen. Oft wird auch die Rast auf diesem Weg dargestellt, Maria ruht sich mit dem Kind aus, Josef wacht in einiger Entfernung.

So romantisch diese Szene auf den Bildern scheint, die Wirklichkeit mag eine andere gewesen sein. Der Weg nach Ägypten ist beschwerlich, führt durch unwegsames Gelände, hinter jedem Felsen kann ein Räuber lauern. Der Weg nach Ägypten ist weit und wenn man die Überlieferungen der koptischen Christen betrachtet, hat der Weg in Ägypten auch nicht gleich im ersten Dorf hinter der Grenze geendet. Vielmehr ist die Heilige Familie durch das Nildelta gezogen, dann durch das Wadi Natrun, das später die Heimat so vieler Mönche werden sollte. Teilweise auf einem Boot den Nil befahrend ging es hinauf bis nach Oberägypten. Viele koptische Wallfahrtsstätten markieren bis heute diesen Weg.

Doch dem nicht genug. Ähnlich wie die Heiligen Drei Könige hat man auch die Heilige Familie in der Literatur einen weiten Umweg machen lassen, hat das Geschehen schlichterhand nach Mitteleuropa verlegt. Von Otfried Preußler stammt das amüsant geschriebene Buch „Die Flucht nach Ägypten – Königlich Böhmischer Teil“, das ich vor einigen Jahren mit Freude gelesen habe.

Als dann Herodes der Wüterich gestorben war, zog die Heilige Familie wieder nach Israel zurück. Natürlich war es auch hier ein Engel, der Josef zum Aufbruch mahnte. Wie hätte er in Ägypten vom Tod des Herodes erfahren sollen, in einer Zeit, die weder Zeitungen noch Fernsehen kannte. Und der Ägypter interessierte sich damals sicher nicht für das politische Geschehen in dem aus seiner Sicht unbedeutenden kleinen Land Israel.

Nun mag aber der bibelkundige Leser stutzen, ist vielleicht schon ins Stutzen geraten, als ich oben davon geschrieben habe, dass Josef in Betlehem seine Habseligkeiten zusammen packen musste. Moment mal, war er nicht eh schon auf der Reise, von Nazaret nach Betlehem? War denn die Flucht nach Ägypten nicht einfach die Fortsetzung dieser Reise?

Hier gibt es einige Unstimmigkeiten zwischen Lukas und Matthäus. Lukas geht davon aus, dass die Heilige Familie in Nazaret ansässig war. Der Zensus des Kaisers Augustus hat sie nach Betlehem verschlagen. Als dann Jesus geboren war, sind sie über Jerusalem nach Nazaret zurückgekehrt. Wir kennen ja die Szene von der Darstellung des Herrn im Tempel, die dem Gesetz gemäß am 40. Tag nach der Geburt stattgefunden hat. Wo die Heilige Familie diese vierzig Tage verbracht hat, davon berichtet uns Lukas nichts.

Matthäus geht davon aus, dass die Heilige Familie in Betlehem ansässig war. Die Sterndeuter besuchten das Jesuskind somit auch nicht im Stall von Betlehem, sondern in einem Haus, das sicher das Wohnhaus der Heiligen Familie gewesen ist. Da es aber wohl eine eindeutige Überlieferung gab, dass Jesus in Nazaret aufgewachsen ist, lässt Matthäus nun auch – wiederum auf den Wink eines Engels hin – die Heilige Familie auf der Rückkehr aus Ägypten an Betlehem vorbei direkt nach Nazaret marschieren.

Es ist müßig, darüber zu streiten, welcher der beiden Evangelisten Recht hat und welcher Bericht nun historisch ist. Genauso unangebracht ist es, aus historischer Sicht beide Evangelienberichte als fromme Legende abzutun und nichts davon als wahr anzusehen. Doch beide haben sie ihre Berechtigung, ihre Wahrheit, die sie vermitteln. Jeder der beiden Evangelisten schildert die historische Wahrheit der Geburt des Herrn aus seiner Sicht und wer diese tiefere Wahrheit erkannt hat, wird nicht mehr nach einer blassen historischen Erklärung suchen, die keinen Hund vom Ofen hervorlockt. Nie ist Geschichte die Aufeinanderfolge wissenschaftlich eindeutiger Fakten. Das ist eine Mär, die unsere vermeintlich so aufgeklärte Welt den Menschen weis machen will. Geschichte wird immer geprägt von der Subjektivität derer, die Geschichte erzählen und schreiben. Und Geschichte versteht nur, wer auch nach dem sucht, was hinter den überlieferten Quellen steht.

Die theologische Absicht des Matthäus, die hinter seiner Erzählung von der Flucht nach Ägypten steht, findet sich in Mt 2,15:

Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.

Jesus geht den Weg seines Volkes nach. Das Volk Israel musste einst das gelobte Land verlassen und ist nach einer schweren Zeit in Ägypten unter der Führung Gottes durch Mose den langen Weg durch die Wüste zurück in das Land Israel gegangen. Diese Rettungstat Gottes ist das zentrale Erlebnis in der Geschichte Israels. Immer wieder erscheint Ägypten als Land der Knechtschaft, immer wieder sprechen die Propheten davon, dass Gott sein Volk in der Not retten wird wie damals aus Ägypten. Jesus nimmt die ganze Geschichte seines Volkes hinein in sein Leben. Gott geht den Weg, den das Volk damals gegangen ist, noch einmal.

Doch nicht nur nach Ägypten geht Gottes Sohn. Er geht durch die Höhen und Tiefen jedes menschlichen Lebens. Er durchlebt Leiden und Freuden, die Menschen jemals erfahren. Er ist nahe in jeder Dunkelheit, um sein Licht auch an den finstersten Ort zu bringen. Daher ist es nicht so abwegig, wenn Schriftsteller den Weg der Heiligen Familie mit ihren Ideen ausschmücken. Jeder von uns ist Ägypten, zu jedem Menschen nimmt die Heilige Familie ihren Weg, um ihn hineinzunehmen in die Freude des Himmels, die in Jesus Christus der Welt offenbar geworden ist. So dürfen auch wir heute Ausschau halten nach der Heiligen Familie. Seinen wir uns gewiss, dass sie auf ihrem Weg durch die Welt auch durch unser Leben ziehen wird.

Johannes – Apostel und Evangelist

 

Weihnachten_16Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Joh 1,14

So lautet die Weihnachtsbotschaft des Johannes. Wenn wir bei ihm auch nichts von einem Kind in der Krippe im Stall vom Betlehem lesen, so erfassen doch diese seine Worte das Geheimnis der Menschwerdung Gottes auf intensivste Weise.

„Der Logos ist im Fleisch gekommen, ist sichtbar geworden und hat bei uns sein Zelt aufgeschlagen. In den folgenden Kapiteln macht Johannes nichts anderes, als die Konsequenzen aus diesem zentralen und provozierenden Vers zu ziehen. Wer Gott sucht, muss das fleischgewordene Wort suchen; in ihm kann er den Vater, das dreifaltige Geheimnis betrachten.“ (Carlo M. Martini)