Neue Hoffnung

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Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. (Jes 11,1)

Isai ist der Vater von König David. Wir kennen die Geschichte, als der Prophet Samuel zu ihm kommt, weil Gott ihn dazu beauftragt hat, einen seiner Söhne zum König zu salben. Es ist nicht der älteste und stärkste unter ihnen, sondern der jüngste, der draußen ist, um die Schafe zu hüten. Doch David zeichnet sich aus durch Talent und Ideenreichtum. Er besitzt die Weisheit, mit der es ihm gelingt, ein Königreich aufzubauen, von dem bis heute gesprochen wird.

Zur Zeit des Jesaja ist der Glanz dieses Königreiches verblasst. Die Nachkommen Davids reichen nicht an ihren Ahnherren heran. Das Land ist von äußeren Feinden bedroht und bald wird es ganz vernichtet werden, wenn Israel in die Verbannung nach Babylon ziehen muss. Grund dafür ist auch die innere Schwäche, die Bequemlichkeit, die Ungerechtigkeit, auf die das Reich gebaut ist. Der König und die Vornehmen kümmern sich nicht um das Elend der Armen sondern schauen nur auf ihren eigenen Gewinn.

Das Königshaus sollte dastehen wie ein großer Baum, doch der Baum wurde umgehauen, nur ein Baumstumpf ist geblieben. Aber aus diesem Stumpf wächst ein neuer Trieb hervor. Aus dem kleinen Reis wird wieder ein starker Baum werden. Aber er unterscheidet sich vom alten durch seine Frische.

Jesaja und mit ihm ganz Israel hat die Hoffnung, dass nach dem Untergang etwas Neues entsteht, das nicht wie das Alte wieder umgehauen wird, sondern Bestand hat und vor allem stets seine Lebenskraft aus der Verbindung mit Gott schöpft.

Es gibt Zeiten des Vergehens und Zeiten des Neuanfangs, Zeiten des Schmerzes und Zeiten der Freude, in der Geschichte der Völker und im Leben jedes einzelnen Menschen. Dass wir die Hoffnung nie verlieren, dass aus jedem Baumstumpf ein neuer Trieb hervor wachsen kann, hilft uns das folgende irische Segensgebet:

Vergiss die Träume nicht, wenn die Nacht wieder über dich hereinbricht und die Dunkelheit dich wieder gefangen zu nehmen droht. Noch ist nicht alles verloren. Deine Träume und deine Sehnsüchte tragen Bilder der Hoffnung in sich. Deine Seele weiß, dass in der Tiefe Heilung schlummert und bald in dir ein neuer Tag erwacht.

Ich wünsche dir, dass du die Zeiten der Einsamkeit nicht als versäumtes Leben erfährst, sondern dass du beim Hineinhorchen in dich selbst noch Unerschlossenes in dir entdeckst.

Ich wünsche dir, dass dich all das Unerfüllte in deinem Leben nicht erdrückt, sondern dass du dankbar sein kannst für das, was dir an Schönem gelingt.

Ich wünsche dir, dass all deine Traurigkeiten nicht vergeblich sind, sondern dass du aus der Berührung mit deinen Tiefen auch Freude wieder neu erleben kannst.

Die Bücher der Makkabäer (1)

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Die beiden Bücher der Makkabäer gehören nicht zum hebräischen Alten Testament. Sie sind nur griechisch überliefert und zählen daher zu den sogenannten deuterokanonischen Schriften. Die katholische Tradition reiht sie am Ende der Bücher der Geschichte ein. Sie berichten über Ereignisse aus dem 2. Jahrhundert v.Chr. und haben ihren Namen von Judas, der Hauptperson der Bücher. Dieser hat den Ehrennamen Makkabäus (von hebräisch “makkäbät” = Hammer) erhalten, der später auch auf seine Brüder übertragen wurde. Das geschichtliche Umfeld, in dem es zu den Ereignissen kam, die die Bücher schildern, wird zu Beginn des ersten Buches der Makkabäer kurz skizziert.

Alexander der Große hatte binnen kürzester Zeit nach seinem Sieg über die Perser ein Weltreich von bisher nicht gekannter Größe erobert. Nach seinem überraschenden Tod im Jahr 323 v.Chr. teilten seine Generäle das Reich unter sich auf, wobei es auch zu kriegerischen Rivalitäten kam. Für unseren Zusammenhang sind nur die beiden Reiche im Osten relevant, das Reich der Seleukiden und das der Ptolemäer. Während das Reich der Ptolemäer hauptsächlich Ägypten umfasste, erstreckte sich das Reich der Seleukiden über Kleinasien, Syrien, Babylonien und Persien. Auch der jüdische Staat stand unter der Herrschaft der Seleukiden.

Antiochos IV. Epiphanes (175-164 v.Chr.) kämpfte gegen die Ptolemäer. Auf seinem Rückweg aus Ägypten plünderte er den Jerusalemer Tempel und ließ in der Stadt Besatzungssoldaten zurück. Er förderte die Verbreitung einer einheitlichen hellenistischen Kultur in seinem gesamten Reich und erließ ein Verbot zur Ausübung der jüdischen Religion. Der Tempel in Jerusalem wurde zu einem Tempel des Zeus umgewandelt. Viele Juden waren von der hellenistischen Kultur beeindruckt und wandten sich von den Bräuchen der Vorfahren und dem jüdischen Gesetz ab.

Es bildete sich aber um den Priester Mattatias eine starke Gruppe, die bereit war, für den jüdischen Glauben zu kämpfen. Viele gesetzestreue Juden schlossen sich ihnen an. Nach dem Tod des Mattatias übernahm dessen Sohn Judas, genannt der Makkabäer, zusammen mit seinen Brüdern die Führung. In harten Kämpfen konnten sie im sogenannten Makkabäeraufstand (167-160 v. Chr.) weite Teile des jüdischen Staates unter ihre Kontrolle bringen. Der Tempel wurde neu geweiht und die treuen Juden grenzten sich gegen die hellenistische Kultur ab. Das erste Buch der Makkabäer schildert die Kämpfe gegen Antiochos IV. Epiphanes und dessen Nachfolger. Den Seleukiden gelang es trotz mehrerer Feldzüge nicht, die jüdischen Freiheitskämpfer zu bezwingen.

Das zweite Makkabäerbuch stellt keine Fortsetzung des ersten dar, sondern erzählt die gleichen Ereignisse wie dieses, nur in anderer Auswahl und mit anderer Akzentuierung und Bewertung. Es will nicht eine Erzählung von Ereignissen sein, sondern zeigen, was das  Wesen Israels ausmacht. In beiden Büchern wird die Bedeutung des Tempels in Jerusalem als Zentrum des jüdischen Glaubens sichtbar. Bis heute feiern die Juden im fröhlichen achttägigen Chanukka-Fest Wiedereinweihung des Tempels im Jahr 164 v.Chr. unter Judas dem Makkabäer.

Gott liebt alles, was ist

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Gott, du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben, oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre? Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens. (Weish 11,24-26)

Das Buch der Weisheit lässt uns darüber nachdenken, in welcher Beziehung Gott und Welt zueinander stehen. Gott ist Schöpfer, die Welt seine Schöpfung. Dieses Bild war einfach, als man noch die Erde als Mittelpunkt der Welt sah und den Menschen als Krone der Schöpfung. Heute aber ist die Erde ein winziger Planet in den unendlichen Weiten des Universums und der Mensch, ist er wirklich das einzige Wesen mit höherer Intelligenz in dieser Welt?
Hat Gott also wirklich sein Augenmerk so sehr auf diese Erde und den Menschen gerichtet? Ist Gott nicht vielmehr doch eine Fiktion des Menschen? Was bedeutet Schöpfung angesichts der neuen Erkenntnisse, die wir in den vergangenen Jahrzehnten über das Universum gewonnen haben? Eine Antwort auf diese Frage ist nicht leicht. Wir wissen aber heute, dass die Naturwissenschaften allein die Welt nicht erklären können. Die Existenz einer geistigen Welt lässt sich durch die Naturwissenschaften genau so wenig widerlegen wie die Existenz Gottes. Auch wenn sich in den religiösen Gedanken über die Schöpfung oft zeitgemäße Vorstellungen früherer Zeiten wiederfinden, heißt das nicht, dass christlicher Schöpfungsglaube angesichts der Erkenntnisse der Naturwissenschaften obsolet geworden wäre.
Es gibt eine enge Verbindung zwischen geistiger und materieller Welt, auch wenn das Bestreben des Menschen darauf gerichtet ist, alles mit seinen eigenen Mitteln machbar zu machen. Wir erleben heute, wie der Mensch alles selbst in den Griff bekommen möchte. Selbst die allernatürlichsten Vorgänge wie Zeugung und Wachstum will man nicht länger der Natur überlassen. Mithilfe der Gentechnik versucht der Mensch, bis in die tiefsten Wurzeln der Natur einzudringen und diese zu beherrschen.
Können wir angesichts dieser nahezu überall vom Menschen gestalteten Natur noch die ursprüngliche Schönheit der Schöpfung entdecken? Es gibt heute viele Gruppen, die wieder ganz neu im Einklang mit der Natur zu leben versuchen und die Landwirtschaft nicht als Industrie betrachten, die Nahrungsmittel produziert, sondern als ein nachhaltiges Pflegen der Natur und Ernten von dem, was diese uns schenkt. Die Erde gibt uns viel, wenn wir nur dankbar und verständig sie zu nutzen verstehen. Und das Erstaunliche ist, dass dies oft produktiver ist, als der Einsatz vieler chemischer Mittel.
“O Gott, wie schön ist deine Welt!” So singen wir in einem Kirchenlied aus dem Gotteslob. Indem wir Christen die ganze Natur, alles was auf dieser Welt ist, als Schöpfung Gottes sehen, erschaffen von ihm zu seinem Lob und zur Freude des Menschen, müssten wir eigentlich die besten Naturschützer sein. Wir sollen die Schöpfung lieben und sie bewahren, weil sie das Werk unseres Gottes ist.
Aber immer wieder erleben wir, dass so vieles in der Welt kaputt gemacht wird. Hinter all dieser Zerstörung steht im letzten die Sünde. Sünde bedeutet alles, was sich gegen Gott wendet und somit auch gegen alles, was Gott gemacht hat, gegen die Schöpfung Gottes und damit letztlich auch gegen den Menschen. Man will uns weiß machen, dass die Gebote Gottes den Menschen einengen und dass nur in der Befreiung von ihnen die Freiheit des Menschen liegt. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die Gebote Gottes sind die Ordnung der Schöpfung und wer sich gegen sie stellt, stellt sich gegen Gott und seine Schöpfung und gelangt so nicht zu mehr Freiheit, sondern wird zum Sklave seiner selbst und der Sünde.
Gott als Schöpfer anzuerkennen bedeutet, in der Welt für Gerechtigkeit zu sorgen. Gottes Schöpfung bietet genug für alle. Aber einige wenige wollen alles für sich, und daher müssen andere Mangel leiden. Wenn wir heute wissen, dass wir die Schöpfungsberichte nicht wörtlich nehmen dürfen, so dürfen wir diese Texte doch dahingehend lesen, dass sie zeigen, wie Gott diese Welt gedacht hat, nämlich dass der Mensch in Einklang lebt mit der Natur, sie pflegt und sich von ihren Gaben beschenken lässt. Dass der Mensch vor allem lernt, dass alles für alle gemacht ist und nicht dafür, dass einige im Wohlstand leben und andere ausgebeutet werden. Christlicher Glaube drängt uns daher, für Gerechtigkeit einzutreten, und so dem Plan Gottes für seine Schöpfung immer wieder neu Wirklichkeit werden zu lassen.
Die Welt ist Gottes Eigentum, wir dürfen sie nicht auf zerstörerische Weise ausbeuten. Jeder Mensch ist in seiner Einmaligkeit von Gott geliebt. Wir dürfen nicht über andere Menschen herrschen und sie für unsere Zwecke missbrauchen. Versuchen wir, immer neu Zeichen der Liebe Gottes in der Schöpfung zu entdecken, indem wir andere Menschen achten und ihnen verzeihen und indem wir staunend die Wunder der Natur betrachten. In allem wohnt Gottes Geist. Wir sind Teil eines großen Ganzen, in dem alle voneinander abhängig sind. So hat Gott die Welt gewollt, dass jeder das hat, was er braucht und wir in Einklang leben mit dem, was Gott für uns geschaffen hat.

Allerheiligen

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Himmlische Chöre preisen den Höchsten.

Engel und Menschen danken ihm ewig.

Sterbliche Wesen rief er zum Leben,

gab seine Gnade Sündern und Armen.

Heilige Freunde, Zeichen der Hoffnung,

Tod und Verderben habt ihr bestanden.

Ihr seid vollendet, lebt in der Freude.

Uns ruft von ferne eure Gemeinschaft.

Jenseits des Todes wartet das Leben,

das für uns alle Christus erwirkt hat.

Ihm sei die Ehre, der uns berufen,

ewig im Lichte vor ihm zu stehen. Amen.

Das Fest Allerheiligen ist der Festtag aller Heiligen, jener, die von der Kirche offiziell heiliggesprochen wurden und auch jener, deren Heiligkeit nicht der ganzen Kirche offenbar wurde, die mit ihrem Leben leuchten in dem kleinen Kreis der Menschen, die sie umgibt und um deren Heiligkeit niemand weiß als Gott.

Sie alle sind uns Vorbild zum Leben. Wenn mich jemand fragt, was die Heiligen auszeichnet, so ist es ihre Einsicht und ihr Mut, das zu tun, was in der konkreten Situation ihrer Zeit und ihres Lebens notwendig war. Solche Menschen brauchen wir an jedem Ort und zu jeder Zeit. Nur die Heiligen können der Welt Frieden und Gerechtigkeit bringen, die wir so sehr ersehnen.

Gott wir danken dir für alle heiligen Menschen. Wir danken dir dafür, dass sie uns zeigen, wie wir unsere Aufgabe in der Welt erfüllen können.

Schenke uns immer wieder Phantasie und Mut durch deinem Heiligen Geist und stärke in uns das Gute, das du in uns hineingelegt hast.

Amen.

Der Zöllner Zachäus

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Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt. (Lk 19,1)

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Jericho ist die letzte größere Stadt vor Jerusalem, bevor der Weg durch unwegsames Gelände von der Jordansenke in das judäische Bergland hinaufführt. In allen Evangelien geschieht vor dem Einzug Jesu in Jerusalem noch einmal ein bedeutendes Wunder. Bei Johannes ist es die Auferweckung des Lazarus in Betanien, bei den Synoptikern ist Jericho die letzte Station Jesu vor Jerusalem. Sie berichten uns von der Heilung eines Blinden (bei Matthäus sind es zwei) in dieser Stadt, Markus nennt diesen Blinden mit Namen, Bartimäus, und macht ihn so zu einem der großen “Stars” der Evangelien. Bei den anderen bleibt er namenlos. Lukas erwähnt als einziger Evangelist einen anderen “Star”, der in Jericho ein ganz besonderes Erlebnis mit Jesus hatte.

Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich. (Lk 19,2)

Zachäus war ein beim ganzen Volk verhasster Mensch. Wir werden in den nächsten Versen sehen, dass sich diesmal nicht nur die besonders frommen Juden über die Begegnung Jesu mit diesem Menschen aufregen, sondern das ganze Volk. Zachäus gehörte zu den Zöllnern, ja er war sogar der oberste Zollpächter der Stadt. Wie wir wissen, durften Zöllner damals eigentlich nur den festgesetzten Zoll abkassieren, den sie an die römische Besatzungsmacht abzuliefern hatten, sie kannten aber ihre speziellen Tricks, wie sie die Menschen betrügen konnten, um selbst mehr Gewinn zu machen. Mit gefälschten Gewichten beispielsweise wird die zu verzollende Ware natürlich schwerer und teurer. So hatte Zachäus, wie viele seiner Kollegen, auf Kosten seiner Landsleute ein beträchtliches Vermögen angehäuft.

Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein. Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. (Lk 19,3-4)

Zachäus war klein. Er ist vielleicht der einzige Mensch in den Evangelien, dessen Körpergröße wir bis heute kennen. Dies mag zum einen daher kommen, dass Lukas uns verständlich machen will, warum er auf einen Baum steigen muss, um Jesus zu sehen. Wir können uns aber auch vorstellen, dass Zachäus zur Gemeinde der frühen Christen gehört hat und man seine Geschichte, die Lukas dann in seinem Evangelium aufgenommen hat, gerne als Anekdote erzählte. Schaut mal, da ist der Zachäus. Er hat Jesus persönlich getroffen. Frag ihn mal, wie es damals war. So ähnlich können wir uns ein Gespräch unter den ersten Christen vorstellen.
Zachäus ist neugierig. Er will Jesus sehen. Hat er eine besondere Erwartung an ihn, oder ist es einfach nur der Wunsch, diesen Wunderheiler, von dem die Leute so viel erzählen, mit eigenen Augen zu sehen? Wir wissen es nicht. Es muss damals ein ganz schönes Gedränge gegeben haben, als Jesus durch Jericho zog. Wir können uns gut vorstellen, wie Zachäus hinter den Menschen, die dicht gedrängt an der Straße standen, immer wieder hochgehüpft ist, um doch einen Blick auf Jesus zu erhaschen. Durch die Menge hindurch nach vorne ist er nicht gekommen. Er wurde sofort erkannt und überall, wo er durchschlüpfen wollte, schlossen sich die Menschen noch fester zusammen.
Da sieht Zachäus diesen Baum und er weiß, dass seine einzige Chance, Jesus zu sehen, darin besteht, auf eben diesen Baum zu klettern. Ihm ist es in diesem Moment egal, dass er sich damit zum Gespött der Menschen machen könnte. Er muss Jesus einfach sehen, koste es, was es wolle.

Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein. Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. (Lk 19,5-6)

Zachäus musste Jesus unbedingt sehen, und genau deshalb muss Jesus auch unbedingt in seinem Haus zu Gast sein. Jesus sieht in ihm nicht den verhassten Zöllner, sondern einen von Gott geliebten Menschen. Jesus hat bemerkt, dass Zachäus etwas ganz außergewöhnliches getan hat und darum schenkt er ihm auch eine außergewöhnliche Begegnung. Dies macht die Liebe deutlich, die Gott allem schenkt, was er geschaffen hat. Denn Gott hasst zwar die Sünde, aber nicht den Sünder, der ja als Mensch ein Geschöpf Gottes ist. Gott ist immer wieder dazu bereit, einen Menschen anzunehmen, wenn er sich nur von Gott lieben lassen will. Das ist die wahre Schöpfungsordnung Gottes, dass über allem seine Liebe steht.
Machen wir uns einmal bewusst, wie wir auf andere Menschen blicken. Da gibt es zum einen prominente Persönlichkeiten. Presse und Fernsehen vermitteln uns ein Bild von diesen Menschen. Ah das ist der und der, sagen wir, wenn wir von ihnen hören. Sie gehen für uns ganz in ihrer Rolle auf und nur selten sehen wir den wahren Menschen hinter dieser Rolle. So hatte auch Zachäus eine Rolle in Jericho. Er war der oberste Zollpächter. Als solchen sah ihn das Volk. Aber den Menschen, der dahinter stand, kannten sie nicht. Jesus aber sieht diesen Menschen Zachäus mit seinen Freuden und Schmerzen, seinen Fragen und dem, was ihn bewegt. Diesen Menschen ruft Jesus vom Baum herab und kehrt bei ihm ein.

Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. (Lk 19,7-8)

Mit Zachäus geschieht nun etwas Außergewöhnliches. Umkehr nennen wir das auch und es ist wirklich eine Wende um 180 Grad. Zachäus ist bereit, auf seinen ganzen Reichtum, den er im Laufe der Jahre angehäuft hat, zu verzichten. Die eine Hälfte seines Vermögens schenkt er den Armen und die andere Hälfte wird wohl dafür drauf gehen, dass er denen, von denen er zu viel verlangt hat, dies vierfach ersetzt.
Die Menschen aber sind entsetzt. Wie kann Jesus gerade bei diesem Sünder einkehren. Sie wissen nichts von der Umkehr des Zachäus und wissen nur wenig von Gottes Barmherzigkeit. Auch heute können wir mit Gottes Barmherzigkeit wenig anfangen. Es ist leichter, nach vorgefertigten Mustern zu denken, als sich immer wieder seine vorgefasste Meinung auf den Kopf stellen zu lassen. Doch Jesus nachfolgen heiß auch, nie über einen Menschen geringschätzig zu denken oder ihn zu verurteilen, sondern immer neu mit dem Wunder der Barmherzigkeit Gottes zu rechnen.

Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. (Lk 19,9-10)

Soviel wir auch gesündigt haben, Gott ist immer wieder bereit, uns anzunehmen, wenn wir aufrichtig umkehren zu ihm. Er fragt auch uns heute:

Warum klagt ihr mich an, wenn ich Sünder aufrichte? Denn soweit entfernt von mir ist der Hass auf die Sünder, dass ich ihretwegen gekommen bin. Als Arzt bin ich gekommen, nicht als Richter; deshalb werde ich zum Gast der Kranken und ertrage ihren Gestank, um ihnen Heilmittel zu verschaffen. (Johannes Chrysostomus)

Jesus ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. Lassen auch wir uns von Jesus finden, so wie Zachäus auf einen Baum gestiegen ist, damit Jesus ihn auf jeden Fall finden kann. Die Sünde muss sich verstecken, wer aber umkehrt und das Gute tut, der darf sich offen zeigen, auch wenn er sich dadurch vielleicht auch mal zum Narren macht. Das Ergebnis lohnt den Einsatz.

Zweiter Thessalonicherbrief

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Anders als beispielsweise beim ersten und zweiten Korintherbrief stellt der zweite Thessalonicherbrief nach Ansicht heutiger Exegeten keine Fortsetzung des Briefwechsels des Apostels Paulus mit der Gemeinde von Thessalonich dar, sondern ist eine gegen Ende des ersten Jahrhunderts verfasste Schrift eines unbekannten Autors, der im Namen und mit der Autorität des Apostels Paulus Irrlehren bekämpfen will, die sich zu seiner Zeit in der Kirche verbreiten, und die möglicherweise auf eine Fehlinterpretation der Lehre über die Auferstehung zurückgehen, die Paulus im ersten Thessalonicherbrief formuliert hat.

Das Präskript des zweiten Thessalonicherbriefes weist eine starke Ähnlichkeit zu dem des ersten Thessalonicherbriefes auf, wie sie sich sonst unter den Paulusbriefen nicht findet. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Autor damit die Leser von der Echtheit des Briefes überzeugen möchte. Betrachtet man die beiden Briefe näher, so zeigen sich auch auffällige Parallelen in der Gliederung. Der Verfasser von 2Thess muss also 1Thess gekannt haben, jedoch findet sich kein Verweis auf einen Vorgängerbrief.

Jeder Abschnitt in 2Thess hat ein Gegenstück in 1Thess, jedoch setzt 2Thess bei der Argumentation seines Schwerpunktthemas, der Frage nach der Parusie, der Wiederkunft des Herrn, ganz neue Akzente. Auch der Hinweis auf die persönlichen Bezüge zwischen Apostel und Gemeinde, die in 1Thess zum Ausdruck kommen, fehlen in 2Thess, und der Brief wirkt im Gegensatz zu 1Thess viel unpersönlicher.

Nach dem Gruß folgt der Dank des Verfassers und der Ausdruck seiner Freude über den Zustand der Gemeinde. Ähnlich positiv hat sich Paulus in 1Thess geäußert. Die Freude über die Standhaftigkeit der Gemeinde in den Verfolgungen nutzt der Verfasser als Überleitung zu seinem Hauptthema, der Frage nach der Wiederkunft des Herrn und dem damit verbundenen Gericht Gottes. Hier formuliert 2Thess unabhängig von 1Thess sein eigenes Anliegen. In der sogenannten kleinen Apokalypse spricht der Brief vom gerechten Gericht Gottes und seiner Vergeltung denen gegenüber, die die Gemeinde bedrängen.

Anders als in den hoffnungsvollen Bildern des 1Thess wird hier ein düsteres Bild des Göttlichen Gerichts gezeichnet, in dem klar zwischen Heil und Unheil, Rettung und Verderben unterschieden wird. Angesichts des drohenden Gerichts betet der Verfasser für die Gemeinde und bittet Gott, dass er diese ihrer Berufung würdig mache und den Glauben und dem Willen zum Guten in den Gläubigen vollenden möge.

Wir beten immer für euch, dass unser Gott euch eurer Berufung würdig mache und in seiner Macht allen Willen zum Guten und jedes Werk des Glaubens vollende. So soll der Name Jesu, unseres Herrn, in euch verherrlicht werden und ihr in ihm, durch die Gnade unseres Gottes und Herrn Jesus Christus. (2Thess 1,11-12)

Das Leben der Gläubigen auf Erden und vor allem ihr Übergang in das einstige ewige Leben soll eine Verherrlichung des Namens Jesu sein. Anders als 1Thess mit seinen vielfältigen Anweisungen für das Gemeindeleben sieht 2Thess das Ziel christlichen Lebens jedoch primär im Jenseits, in der eschatologischen Vereinigung der Gläubigen mit Jesus Christus. Dieses Einswerden der Gläubigen in Jesus Christus ist die Berufung der Christen.

Christus, lebe du in mir.
Unterwirf mein Leben den Gesetzen deines Lebens.
Mach mein Leben deinem Leben gleich.
Lebe du in mir, bete du in mir, leide du in mir.
Mehr verlange ich nicht.
Denn wenn ich dich habe, bin ich reich.
Wer dich gefunden hat,
hat die Kraft und den Sieg seines Lebens gefunden.

Karl Rahner

Gott als Richter

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Gott ist ja der Gott des Rechts, bei ihm gibt es keine Begünstigung. Der Herr ist der Gott des Rechts, bei ihm gibt es keine Begünstigung. Er ist nicht parteiisch gegen den Armen, das Flehen des Bedrängten hört er. Er missachtet nicht das Schreien der Waise und der Witwe, die viel zu klagen hat.

Rinnt nicht die Träne über die Wange und klagt nicht Seufzen gegen den, der sie verursacht? Denn von der Wange steigt sie zum Himmel empor, der Herr achtet darauf und es missfällt ihm. Die Nöte des Unterdrückten nehmen ein Ende, das Schreien des Elenden verstummt. Das Flehen des Armen dringt durch die Wolken, es ruht nicht, bis es am Ziel ist. Es weicht nicht, bis Gott eingreift und Recht schafft als gerechter Richter. (Sir 35,15-22)

Gott als Richter, dieses Bild war noch vor einigen Jahren viel stärker verbreitet als heute. Man möchte heute nicht mehr so gern vom Gericht Gottes reden in einer Gesellschaft, in der es kaum mehr Grenzen gibt. Ein Gott, der über alles hinweg sieht und alles verzeiht, erscheint da viel populärer.

Doch wo führt es hin, wenn es keine Grenzen mehr gibt? Werden dann nicht bald gewisse Menschen diese Freiheit missbrauchen, um ihren Vorteil daraus zu ziehen? Unmerklich schnürt sich auch heute das Netz um unsere ach so freie Gesellschaft und viele gehen freiwillig in den Käfig, der aus den Daten gesponnen wird, die sie so sorglos über sich preisgeben. Und dann ist es plötzlich wieder da, das Gericht, nun besetzt von selbsternannten Richtern, die sich ungefragt über das Tun ihrer Mitmenschen erheben.

Die Worte vom richtenden Gott, die Jesus Sirach schreibt, sollten den Menschen Trost geben. Die damalige Zeit kannte noch keine unabhängigen Gerichtsverfahren wie sie in unserem Rechtsstaat üblich sind. Oft waren die Richter bestechlich. Wer mehr zahlen konnte, bekam Recht, auch wenn er im Unrecht war. So war es für arme Menschen nahezu unmöglich, ihr Recht durchzusetzen.

Gott ist nicht bestechlich. Er lässt sich nicht davon beeinflussen, wie viel einer geben kann. Es war zu allen Zeiten üblich, Gott Opfer zu bringen, es gab den Zehnten, den jeder an den Tempel oder die Kirche zu entrichten hatte. Das gehörte zur Ordnung der Gesellschaft, in der auch die Priester ihren festen Platz hatten.

Aber wenn einer in Not ist, dann hilft Gott ohne Ansehen der Person. Er wird den Reichen nicht ungestraft lassen, der das Geld für seine zahlreiche Opfer durch die Ausbeutung anderer erworben hat. Gott schaut nicht auf das Opfer, sondern auf das Herz. Und wenn ein Armer mit reinem Herzen zu ihm ruft, so wird Gott dessen Ruf eher vernehmen als das Gebet eines Menschen, der Opfer anhäuft, dessen Herz aber nicht rein ist vor Gott.

Gottes Urteile sind gerecht, weil er die Menschen bis in ihr tiefstes Inneres kennt. Vor menschlichen Richtern kann manches verborgen bleiben. Gott aber weiß alles. Er ist unbestechlich, weil er selbst keinen Vorteil hat aus den Gaben, die Menschen ihm darbringen. Auch die Freundschaft mit Mächtigen vermehrt seine Größe nicht. Gott ist groß, auch wenn er nur der Gott der armen und einfachen Menschen ist. Geben wir uns vertrauensvoll in seine Hände

Barmherziger Gott, Richter der Welt,

du bist unbestechlich in deinem Maßstab,

doch voller Erbarmen in deinem Urteil.

Vergib uns,

dass wir aus Sorge um unseren Vorteil

das Unrecht oft nicht klar benennen,

und nicht so handeln, wie du es uns lehrst.

Wir nutzen unsere Möglichkeiten zu wenig,

um etwas zu ändern an unserem Leben

und an den Verhältnissen dieser Welt.

Gib, dass uns nicht die Macht blendet,

sondern dass wir für die Freiheit eintreten

und gegen Not und Unterdrückung kämpfen.

Gott, dir können wir nichts vormachen.

Sende dein Licht und deine Wahrheit,

dass sie uns leiten zu neuer Klarheit.

Schenke uns den Mut, ehrlich und

konsequent die Gerechtigkeit zu leben.

Das Gebet des Mose (Ex 17,8-13)

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Israel ist nach dem Auszug aus Ägypten bereits mehrere Monate in der Wüste unterwegs. Vieles ist seither geschehen. Das Volk hat mehrere Durststrecken hinter sich, auf denen Gott lebenspendendes Wasser geschenkt hat. Täglich findet das Volk Manna als Nahrung in der Wüste und ab und zu gibt es auch Fleisch durch vorüberfliegende Wachtelschwärme. Aber alles in allem ist es ein beschwerlicher Weg und mehr als einmal waren die Israeliten drauf und dran, lieber wieder in die Sklaverei nach Ägypten zurückzukehren, als den ungewissen Weg in ein neues Land zu suchen.

Bei all den Strapazen stellt sich dem Volk nun auch noch ein Feind in den Weg und sucht den Kampf mit Israel. Es handelt sich um die Amalekiter, die fortan als Erzfeind des Volkes Israel gelten. Über die Amalekiter lässt sich historisch wenig sagen, da sie in außerbiblischen Quellen bisher nicht eindeutig identifiziert werden konnten. Sie werden uns im Alten Testament als räuberisches Nomadenvolk vorgestellt, das in den Gegenden zwischen Ägypten und dem Gelobten Land lebt.

Die Amalekiter werden als Teil der Edomiter gesehen. Esau, der Bruder Jakobs, wird in den Geschlechterlisten des Alten Testaments als Stammvater der Edomiter genannt. Amalek ist ein Enkel Esaus und gehört zu den Häuptlingen Edoms. Der Krieg gegen die Amalekiter durchzieht als blutige Spur die Geschichte Israels bis in die Königszeit hinein und der Befehl zur Ausrottung der Amalekiter gilt als göttliches Gebot. Dies zeigt, wie tief der Hass zwischen den beiden Völkern ist. Psalm 83 nennt Amalek in einer Reihe anderer Völker als Repräsentant der feindlichen Völkerwelt, ja der Chaosmächte schlechthin, die Israel bedrohen und als Volk auslöschen wollen.

Die Erzählung in Ex 17,8-16 begründet die Erzfeindschaft zwischen Amalek und Israel und gilt zugleich als theologische Lehrerzählung die Kraft des Gebets. Auf Geheiß des Mose wählt Josua mehrere Männer als Krieger aus, um gegen Amalek in den Kampf zu ziehen. Doch das Kriegsglück Israels entscheidet nicht allein der Kampfgeist dieser Männer. Während Josua mit seinen Männern in den Kampf zieht, steigt Mose zusammen mit Aaron und Hur auf einen Berg, von dem aus er die Schlacht überblicken kann.

Das inständige Gebet des Mose entscheidet schließlich die Schlacht, denn solange Mose seine Hände mit dem Gottesstab, der schon den Weg durch das Rote Meer gebahnt hat, erhoben hat, ist Israel stärker. Verständlicherweise geht Mose nach einiger Zeit die Kraft aus, seine Hände drohen zu sinken, sobald er aber die Hände sinken lässt, gewinnt Amalek an Macht. Aaron und Hur bringen daraufhin einen Stein herbei, auf den Mose sich setzen kann und stützen seine Arme zu beiden Seiten. So geht Israel schließlich siegreich aus dem Kampf hervor.

Gott hat den Sieg gewirkt durch die Anführer Israels, die einander gegenseitig beigestanden sind. Josua mit seinen Männern hätte den Kampf nicht gewonnen, wenn Mose nicht inständig für den Sieg gebetet hätte. Mose hätte nicht die Kraft zu diesem Gebetsbeistand gehabt, wenn ihn nicht Aaron und Hur gestützt hätten. So sind alle aufeinander angewiesen und in dieser Solidarität wirkt Gottes Kraft. Israel soll erkennen, dass es gegen seine Feinde nur bestehen kann, wenn es diese Solidarität untereinander verbunden mit dem festen Glauben an Gott bewahrt.

Auch für uns heute ist diese Erzählung ein Beispiel für die Kraft des Gebetes. Gebet, das ist gegenseitiger Beistand. Gott will, dass wir seine Kraft durch unser Zusammenwirken erfahrbar werden lassen.