Seid heilig!

Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig. (Lev 19,2)

Neben den einzelnen Vorschriften für Priester und Opfer ist die Heiligkeit des gesamten Volkes ein zentrales Anliegen des Buches Levitikus. Der heilige Gott hat Wohnung genommen inmitten seines Volkes Israel. Daher muss auch Israel ein heiliges und priesterliches Volk sein, damit eine kultische Gemeinschaft mit Gott möglich ist. Durch das Opfer werden Verfehlungen getilgt, wodurch eine Wiederherstellung der Heiligkeit möglich ist. Durch die Heiligung des Alltags wird die Lebensordnung, die in der Schöpfungsordnung (Gen 1) grundgelegt ist, bejaht und eingelöst. Aber es ist auch eine Tatsache, dass Störungen der Weltordnung durch menschliches Verschulden zur Realität der Schöpfung gehören, was die Wiederherstellung der Heiligkeit durch bestimmte Opfer oder Rituale stets nötig sein lässt.

Gottes Heiligkeit in der Welt sichtbar zu machen ist zunächst eine Aufforderung an den Menschen. Alle Gläubigen sind dazu berufen, Zeugnis zu geben von dem Gott, an den sie glauben. Mehr als das Zeugnis durch Worte überzeugt das Zeugnis durch das Leben. In einem heiligen, gerechten und liebenden Leben sollen die Gläubigen den Gott der Heiligkeit, des Lebens und der Liebe erfahrbar machen.

Dieses Zeugnis ist den Menschen aber nur möglich, weil Gott ihnen schon immer die Zusage gegeben hat:

Ihr seid heilig, weil ich, der Herr, euer Gott, heilig bin.

Die Würde des Menschen ist in Gott begründet, der den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat. Gott denkt groß vom Menschen, er hat ihm Würde verliehen und schenkt ihm seine Liebe. So hat der Mensch teil an der Heiligkeit Gottes.

Immer wieder muss Gott aber auch den Menschen sagen: Ich bin heilig! Die Menschen neigen immer wieder dazu, sich Gottes zu bemächtigen, in seinem Namen das zu tun, was nicht Gottes Wille ist, Gott in das enge Gebäude ihrer Gedanken einzusperren und an Gottes Heiligkeit zu zweifeln. Gott lässt sich aber nicht von den Menschen missbrauchen. Er wird seine Heiligkeit zeigen, auch gegenüber denen, die seinen Namen missbrauchen.

Bereits das Alte Testament kennt die Forderung der Nächstenliebe, die Jesus in der Bergpredigt formuliert:

Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Stammesgenossen zurecht, so wirst du seinetwegen keine Schuld auf dich laden. An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten Lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr. (Lev 19,17-18)

Wer sich lieblos seinem Nächsten gegenüber verhält, der verletzt auch seine Liebespflicht gegenüber Gott und stört die Heiligkeit, in der das Volk leben soll. Wir sehen hier aber deutlich, dass das Liebesgebot nur auf Menschen des eigenen Volkes hin ausgerichtet ist. Erst Jesus wird das Liebesgebot auf alle Menschen ausweiten und sogar noch auf die Feinde. Erst wenn der Mensch – mit Hilfe Gottes – sein Herz zu einer solch grenzenlosen Liebe ausweitet, wird er Gott ähnlich sein, der seine Liebe allen Menschen schenkt.

Ihr seid Gottes Tempel

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr. (1Kor 3,16-17)

In der Gemeinde von Korinth hilten sich einige für besonders geisterfüllte Menschen, doch das Leben in der Gemeinde gleicht nicht einer Gemeinschaft von Vollkommenen. Es gibt Missstände, kapitales Fehlverhalten von Menschen, die als gläubige Christen als Heilige in der Welt leben sollten. In der Gemeinde sind Gruppen entstanden, die miteinander in Streit liegen. Jede Gruppe schreibt sich ein anderes Motto auf die Fahnen und meint, so besser, weiser, geisterfüllter zu sein als die anderen.

Paulus sieht die Gemeinde als Gottes Ackerfeld, Gottes Bau. Alle Missionare und Gemeindeleiter bauen mit am Haus der Gemeinde, alle bauen auf dem gleichen Fundament, Jesus Christus, aber jeder hat seinen eigenen Baustil. Das Haus hat jedoch nur Bestand, wenn mit festem Material gebaut wird.

Jeder Getaufte ist Tempel Gottes. Das ist eine Tatsache, die es zu achten gilt. Alle Missionare und Prediger müssen mit den Gläubigen so umgehen, wie mit wertvollem Tempelgerät. Sie müssen die Würde und Heiligkeit des einzelnen achten und dürfen nichts tun, was diese Würde verletzt. Wir können hier an die Missbrauchsfälle denken, die ein Beispiel dafür geben, wie Menschen andere, die ihnen anvertraut haben, verletzt haben. Aber auch schon kleinere Vergehen von Gemeindeleitern können in den ihnen anvertrauten tiefe Wunden hinterlassen.

Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr! Wir müssen uns dieses Wort des Paulus immer wieder vor Augen halten, wenn wir anderen Menschen begegnen. Uns steht es nicht zu, über andere zu urteilen. Wir müssen jedem Menschen begegnen mit Respekt und Achtung vor dessen Heiligkeit und Würde. Nicht umsonst hat die Kirche diesen Text des Paulus in Verbindung mit Jesu Gebot der Nächsten- und Feindesliebe ausgewählt.

Herr, gib mir die Kraft zu lieben,

auch wenn ich nicht lieben kann.

Lass mich das Gute im anderen sehen,

wo ich blind dafür bin.

Lass in meinem Herzen keinen Hass aufkommen,

und über meine Lippen kein böses Wort.

Nur Liebe,

grenzenlose Liebe,

für alle, auch für die,

über die ich mich ärgere und die ich nicht verstehen kann.

Herr, verändere meinen Blick auf die Menschen,

dass ich sie sehe, wie du sie siehst,

als deine Geschöpfe, von dir geliebt,

dein Tempel und Wohnung deines Geistes.

Amen.

Recht und Gerechtigkeit

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. (Mt 5,17)

Jesus lehrt nicht ein neues Gesetz. Er steht fest in den Geboten, die sein Vater dem Volk Israel gegeben hat. Aber wie Israel das Gesetz lebt, ist Gott zu wenig. Aus dem lebendigen Gebot Gottes hat Israel starre Vorschriften gemacht. Das ganze Leben war durch Gebote geregelt, aber es gab auch Ausnahmen, die dem eigentlichen Sinn des Gesetzes widersprachen. So wurde aus Gottes Gebot Menschengesetz. Jesus will diese starren Mauern des Gesetzes durchbrechen, nicht indem er Gottes Gesetz aufhebt, sondern indem er ihm seine ursprüngliche Lebendigkeit und Dynamik zurückgibt.

Als Christen sind wir dazu aufgerufen, nie wieder die Menschen in die engen Mauern von Geboten zu sperren. Aber auch ein freizügiges “alles ist erlaubt” wäre die falsche Alternative. Immer neu nach Gottes Gebot fragen und in jedem Augenblick versuchen das zu tun, was Gott will, ist eine größere Herausforderung als einfältiger Legalismus. Sie bringt Spannung ins Leben und letztlich die Freude darüber, zu sehen, wie sich die Welt verändert und Gottes Licht in ihr erstrahlt.

Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Mt 5,20)

Gerechtigkeit fängt im Herzen an. Nicht erst die offensichtliche Übertretung eines Gesetzes ist Unrecht, sondern schon eine negative Haltung dem anderen Menschen gegenüber, so beispielsweise unversöhnlicher Zorn oder die Geringschätzung der eigenen Frau.

Wenn es zum Äußersten kommt, zu Mord, Ehescheidung oder Meineid, dann ist es meist zu spät für ein Zurück, für eine Versöhnung. Wir sollen bereits dann, wenn wir merken, dass etwas in der Beziehung nicht stimmt oder wir mit einem Menschen plötzlich in Streit geraten, prüfen woran es liegt, und unser Möglichstes tun, den Frieden wieder herzustellen.

Wenn man erst anfängt, einer Sache nachzugehen, wenn ein Mensch zu Tode gekommen ist, dann ist es eigentlich zu spät. Der Hass, der sich letztlich im Akt des Tötens entlädt beginnt schon früher. Schon wenn es zu Zorn, Streit oder gar Beschimpfungen kommt, gilt es einzuschreiten. Hier kann noch Versöhnung gestiftet werden. Bereits beim ersten Tropfen Gift, der in einen Körper tritt, muss mit der Heilung begonnen werden, nicht erst, wenn der ganze Körper vergiftet ist.

Unser Streit mit anderen Menschen hat auch eine direkte Auswirkung auf unsere Beziehung zu Gott. Ich kann nicht mit einem anderen im Streit sein und vor Gott so tun, als sei nichts gewesen. Das Entscheidende dabei ist nicht, dass ich etwas gegen einen anderen habe, viel wichtiger ist, dass ein anderer nichts gegen mich hat. Ein Streit ist erst gelöst, wenn in den Herzen beider Gegner Frieden eingetreten ist.

Ehebruch beginnt nicht erst, wenn er vollzogen wird. Bereits dann, wenn ich in der Treue zu meinem Partner schwach werde, öffnet sich ein Tor, durch das sich eine unrechtmäßige Beziehung anbahnen kann. Auch hier gilt es, den Anfängen zu wehren. Jesus wird hier sehr radikal. Wenn ich meine Blicke nicht zügeln kann, dann wäre es sogar besser, das Auge auszureißen, als dem verführerischen Blick nachzugeben.

In orientalischen Gesetzbüchern bis zur islamischen Scharia heute ist es üblich, einem Menschen für ein Verbrechen durch den Verlust des Gliedes zu bestrafen, durch welches das Verbrechen verübt wurde. Wer Diebstahl begangen hat, dem soll die Hand abgehauen werden. Jesus ist hier noch radikaler. Nicht erst, wenn das Verbrechen geschehen ist, soll der Mensch bestraft werden, sondern es wäre besser für einen, der sich nicht selbst im Griff hat, bevor er ein Verbrechen begeht, sich selbst die Hand abzuhauen, damit er nicht schuldig wird.

Diese Forderungen dürfen nicht wörtlich verstanden werden. Aber dennoch soll ihre Radikalität uns aufrütteln, damit wir uns bewusst sind, wie sehr bereits Kleinigkeiten das Miteinander der Menschen und die Beziehung zu Gott stören können.

Leben oder Tod (Jesus Sirach)

Das Buch Jesus Sirach erteilt praktische Lebensregeln, wie ein Leben in Gerechtigkeit und Gottesfurcht gelingen kann. Das Ziel eines solchen Lebens ist es, Weisheit zu erlangen. Doch wenn man diese Lebensregeln näher betrachtet, erkennt man, dass viele von ihnen für eine ganz bestimmte Zeit geschrieben sind. Jede Zeit aber hat ihre eigenen Herausforderungen. Umso mehr erstaunt der folgende Abschnitt, der die Verantwortung des Menschen bei der Suche nach Weisheit unterstreicht. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, gemäß der Weisheit Gottes zu leben und jeder Mensch kann den Weg dazu finden, sein Leben selbst zu gestalten.

Er hat am Anfang den Menschen erschaffen und ihn der Macht der eigenen Entscheidung überlassen. (Sir 15,14)

Dieser Satz des Jesus Sirach klingt modern. Die Willensfreiheit ist eine der Grundeigenschaften des Menschen. Er wird nicht allein von Trieben gesteuert, sondern hat die Möglichkeit, diese zu kontrollieren. Das setzt aber voraus, dass ein Mensch bereit ist, an sich zu arbeiten, und das ist oft schwer. Aber wer ein erfülltes Leben sucht, für den ist das unerlässlich. Willensstärke ist lernbar, weil sie jedem Menschen in die Wiege gelegt wurde.

Gott gab den Menschen seine Gebote und Vorschriften. Wenn du willst, kannst du das Gebot halten; Gottes Willen zu tun ist Treue. (Sir 15,15)

Wenn du willst kannst du es. Was will ich wirklich? Will ich mich nur treiben lassen von Unterhaltung und Konsum, oder will ich mein Leben gestalten und mit Sinn erfüllen? Jeder Mensch hat eine Aufgabe in der Welt, für die er allein Verantwortung trägt. Aber diese Aufgabe steht nicht plötzlich da, sondern wir müssen sie suchen. Und es gibt viele Versuchungen, die uns von unserer Aufgabe abbringen wollen.

Sein Leben zu gestalten, setzt Treue und Beständigkeit voraus, Treue auch ganz besonders in den kleinen Dingen. Wir wissen oft intuitiv, was zu tun wäre, entscheiden uns aber dagegen, weil wir zu bequem sind oder anderes verlockender erscheint, aber es gilt:

Gott hat uns seine Gebote zu wissen gegeben, und wir haben keine Ausflucht, als wüssten wir Gottes Willen nicht. Gott lässt uns nicht in unlösbaren Konflikten leben. Er macht unser Leben nicht zu ethischen Tragödien, sondern er gibt uns seinen Willen zu wissen. (Dietrich Bonhoeffer)

Feuer und Wasser sind vor dich hingestellt; streck deine Hände aus nach dem, was dir gefällt. Der Mensch hat Leben und Tod vor sich; was er begehrt, wird ihm zuteil. (Sir 15,16-17)

Feuer oder Wasser, Tod oder Leben, was wähle ich? Ich komme um eine Wahl nicht herum. Wer nicht wählt, der entscheidet sich stets für das weniger Gute. Das Gute zu erlangen, setzt stets unsere Suche und Entscheidung voraus. Wir tragen Verantwortung für unser Leben und damit auch für diese Welt, denn es liegt in meiner Verantwortung, ob sich das Lebensfreundliche und Gute in der Welt vermehrt oder der Tod. Der Tod ist die Folge einer fehlenden Entscheidung für das Gute. Wer nicht für das Gute eintritt, gibt den Übeltätern Raum, jenen, die andere ausbeuten, unsere Welt zerstören und letztlich Tod und Verderben über andere bringen.

In seiner Verantwortung, das Gute zu erkennen und es auch zu tun, steht der Mensch ständig in der Spannung zwischen Gehorsam und Freiheit.

In der Verantwortung realisiert sich beides, Gehorsam und Freiheit. Sie trägt diese Spannung in sich. Jede Verselbständigung des einen gegen das andere wäre das Ende der Verantwortung. … Der Gehorsam zeigt dem Menschen, dass er sich sagen lassen muss, was gut ist und was Gott von ihm fordert, die Freiheit lässt den Menschen das Gute selbst schaffen. (Dietrich Bonhoeffer)

Dabei kommt es nicht darauf an, Großes zu vollbringen. In den kleinen Dingen des Alltags bringt sich unsere Liebe zum Leben zum Ausdruck.

Nicht die Welt aus den Angeln zu heben, sondern am gegebenen Ort das sachlich – im Blick auf die Wirklichkeit – Notwendige zu tun und dieses wirklich zu tun, kann die Aufgabe sein. (Dietrich Bonhoeffer)

Wir sollen uns stets bewusst sein, dass alles, was wir tun – und sei es noch so klein und verborgen -, eine Bedeutung hat für die ganze Welt. Wir können uns unserer Verantwortung nicht entziehen. Alles, was wir tun, dient entweder dem Tod oder dem Leben, einen Weg dazwischen gibt es nicht. Wir müssen uns entscheiden und wenn wir es nicht tun, haben wir auch bereits eine Entscheidung getroffen.

Kraft des Lichtes

Gottes Gerechtigkeit ist seine Barmherzigkeit, das hat Gott uns nicht erst in Jesus Christus offenbart. Gerechtigkeit bedeutet nicht menschliche Selbstgerechtigkeit und Heuchelei, die nur äußerer Schein sind, der das ungerechte Herz verbirgt. Gerecht ist der Mensch, der anderen zu ihrem Recht verhilft. Der ungerecht Gefangene hat ein Recht auf Befreiung, der Versklavte hat ein Recht auf Freiheit, der Hungrige hat ein Recht auf Nahrung, der Obdachlose hat ein Recht auf eine menschenwürdige Wohnung, der Nackte hat ein Recht auf Kleidung und der Verwandte hat ein Recht darauf, dass seine Familie ihn in einer Notlage unterstützt.

Auch nach der Formulierung der Menschenrechte besteht in unserer Welt noch enormer Handlungsbedarf, damit wirklich Gerechtigkeit herrscht. Wir erleben vielmehr, wie die Ungerechtigkeit immer weiter zunimmt, wie reiche und mächtige Staaten auf Kosten armer Länder leben, wie Reiche immer mehr Reichtum anhäufen, während die Armen immer ärmer werden. Die Finsternis nimmt zu auf unserer Welt.

Doch Resignation ist keine Lösung. Werden wir zu Lichtbringern in der Welt, indem wir für die Gerechtigkeit eintreten. Nicht mit großen Parolen und Programmen, sondern konkret in unserem Alltag. Nicht auf andere mit dem Finger zeigen, dem Hungrigen Brot schenken und dem, der unsere Hilfe braucht, liebevoll begegnen, das sind kleine Schritte auf dem Weg zur Gerechtigkeit, kleine Lichter, die aber ein helles Licht ergeben, wenn viele sie entzünden.

Es heißt, dass weniger als zehn Prozent der Bevölkerung mehr als neunzig Prozent des Reichtums besitzen. Das mag uns wütend und deprimiert machen. Aber wir können uns einmal überlegen, was geschehen würde, wenn die große Masse der neunzig Prozent sich zusammen tun würde, und jeder von ihnen ein Licht der Gerechtigkeit entzünden würde. Wie hell würde dieser Schein die Welt erleuchten und über all die Ungerechtigkeit triumphieren.

Vertrauen wir darauf, dass Gott mit denen ist, die für seine Gerechtigkeit eintreten.

Die Seligpreisungen (4)

Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. (Mt 5,8)

Die sechste Seligpreisung beinhaltet die größte aller Verheißungen, Gott zu schauen. Kein Mensch kann Gott anschauen, so war die Überzeugung der Menschen des Alten Testaments. Selbst ein großer Prophet wie Elija verbarg sein Gesicht, als Gott an ihm vorüberzog. Gott zu schauen, das überlebt nur ein Mensch, der keine Sünde hat, und selbst der Frömmste weiß, dass er nicht ohne Sünde ist.

Wenn Jesus denen, die reinen Herzens sind, verheißt, Gott zu schauen, dann bedeutet dies, dass der Graben zwischen Gott und Mensch, den die Sünde des Menschen aufgerissen hat, überbrückt ist. Die Brücke zu Gott sieht Jesus aber nicht in asketischen Höchstleistungen und akribischer Erfüllung religiöser Vorschriften, sondern allein darin, dass jemand ein reines Herz hat. An anderer Stelle wird Jesus sagen, dass nicht das den Menschen verunreinigt, was in ihn hineingeht (also aus Sicht der Juden unreine Speisen oder Berührungen), sondern was aus dem Menschen herauskommt.

Das Herz ist Sitz der Seele des Menschen. Aus einem verdorbenen Herzen kommen Schlechtigkeit und Bosheit, Neid und alle anderen Übel, die Menschen einander antun. Wenn das Herz aber rein ist, dann entströmt ihm Liebe und nichts als Liebe. Wir wissen, wie schwer das ist. Wie leicht lassen wir uns dazu hinreißen, über andere schlecht zu denken, ein böser Blick, ein unfreundliches Wort, all das kommt so leicht aus uns hervor.

Somit ist die Erlangung der höchsten Verheißung auch mit der höchsten Anstrengung verbunden. Es bedarf ständiger Wachsamkeit und lebenslanger Übung, das Herz rein zu halten. Für die Wüstenväter, die in Einsamkeit und Schweigen wohnten, war es die größte Herausforderung. Antonius der Große sagt:

Wer in der Wüste sitzt und die Herzensruhe pflegt, wird drei Kämpfen entrissen: dem Hören, dem Reden, dem Sehen. Er hat nur noch einen Kampf zu führen: den mit dem Herzen. (Apophthegmata Patrum)

Der Mensch muss erst einmal lernen, es mit sich selber auszuhalten. Wir entdecken unser Herz, wenn wir einmal alle Zerstreuungen und jedes Unterhaltungsprogramm abschalten. Wir müssen aber auch dazu bereit sein, das anzuschauen, was wir verdrängt haben. Ehrlich zu mir selbst sein, das ist der erste Schritt zu einem reinen Herzen. Es werden viele Wunden und Verletzungen zum Vorschein kommen. Diese können wir in das Licht der göttlichen Gnade halten und um Heilung bitten. Manchmal bedarf es dazu auch der professionellen Hilfe dazu befähigter Menschen.

Wenn wir so den Blick auf uns selbst gewagt haben, müssen wir ehrlich darauf schauen, wie wir anderen begegnen. Wo hege ich Zorn und Groll gegen andere, wo kann ich nicht verzeihen? Wo habe ich anderen wehgetan und muss selbst um Verzeihung bitten? Wenn wir achtsam sind, werden wir entdecken, wie weit wir noch von einem reinen Herzen entfernt sind. Aber das soll uns nicht entmutigen. Wir können jeden Augenblick neu anfangen. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen gibt uns die neue Chance, unser Herz zu üben.

Ein reines Herz haben, das bedeutet, nicht auf Äußerlichkeiten zu achten und nur nach außen hin gut scheinen zu wollen. Das wäre Heuchelei, die Jesus scharf kritisiert. Ein reines Herz haben, das bedeutet, wirklich aus ganzem Herzen gut sein. Gott allein sieht das Herz. Menschen können wir täuschen, Gott nicht. Darum ist nicht jeder, der vor den Menschen groß erscheint, auch vor Gott groß. Gott allein aber ist der Maßstab dafür, ob unser Herz rein ist, und würdig ihn zu schauen.

Der Mensch ist das, was er vor Gott ist, das und nicht mehr. (Franz von Assisi)

Die Seligpreisungen (3)

Selig die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. (Mt 5,6)

Gerechtigkeit haben wir nötig wie das tägliche Brot. Wer täglich unter Ungerechtigkeiten leiden muss, der verkümmert wie einer, der nichts zu Essen und zu Trinken hat. Hunger und Durst sind aber auch konkrete Folgen von Ungerechtigkeit. Jeder Reichtum eines Menschen stürzt viele andere in Armut. Es gibt keine Rechtfertigung für den Reichtum. Wer aber wegen der Ungerechtigkeit dieser Welt Hunger und Durst leiden muss, der ist glücklich zu preisen.

Doch, so fragen wir, was hat der Hungernde und Dürstende von dieser Seligpreisung? Ist sie nicht ein Hohn? Nun können doch die Reichen erst recht voller Spott sagen: Dann ist es doch gut, dass wir unseren Reichtum genießen, wenn der Hungernde und Dürstende dafür das Glück bei Gott bekommt. Auch 2000 Jahre nach der Bergpredigt ist es doch immer noch so, dass es den Reichen gut geht und die Armen unglücklich sind.

Und doch liegt in den Worten Jesu eine Kraft, die den Hungernden und Dürstenden zusagt, dass ihre Situation nicht unumkehrbar ist. Aber was heißt satt werden konkret? So zu werden wie die Reichen? Das wünschen sich ja die viele. Gerade darum ist diese Seligpreisung Jesu eine Herausforderung sowohl für dir Satten als auch für die Hungernden.

Jeder Mensch hat die gleiche Würde, aber jeder Mensch hat unterschiedliche Fähigkeiten. Gerechtigkeit entsteht nicht, indem alles gleich gemacht wird und alle gleich behandelt werden. Gerechtigkeit entsteht, wo ein Mensch den anderen achtet und sich nicht über andere erhebt. Gerechtigkeit gibt dem andern, was recht ist und zwar dauerhaft und unverlierbar. Wer viele Fähigkeiten hat, soll den nicht verachten, der es nicht so weit gebracht hat wie er. Wenn die Menschen verschiedener Schichten und Klassen sich nicht gegeneinander abgrenzen, sondern miteinander leben und teilen, was sie haben, dann können alle satt und glücklich werden und die Gerechtigkeit blüht auf.

Wie konkret der Hunger nach Gerechtigkeit sein kann, zeigt uns ein Gebet aus Lateinamerika:

Gott, wir danken dir für Brot.
Wir bitten dich um Brot für die,
die hungern müssen.
Wir bitten dich um Hunger nach Gerechtigkeit
für die, die Brot haben.
Gott, wir danken Dir für Brot. Amen.

Die Seligpreisungen (2)

Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. (Mt 5,4)

Trauer kann vielfältige Formen haben, sie kann Trauer um den Verlust eines lieben Menschen sein. Menschen leiden aber oft auch an den konkreten Verhältnissen, in denen sie leben. Unter den Zuhörern Jesu waren sicher viele, die kaum das Nötigste zum Leben hatten und Unterdrückung und Ausbeutung am eigenen Leib erfahren mussten. Sie alle dürfen darauf hoffen, dass es jemanden gibt, der sie ernst nimmt mit ihren Sorgen und Nöten und sie nicht mit leeren Worten vertröstet. Auch wenn es oft nicht so scheint, ist in jeder Lage ein Ausweg möglich. Gottes Zusage gibt Hoffnung und macht Mut, einen neuen Anfang zu wagen.

In der frühen Auslegung sah man in den Trauernden vor allem diejenigen, die über ihre Sünden trauern. Wie bei der vorangegangenen Seligpreisung der Armen, sollten wir uns auch hier davor hüten, Trauer nur in einem spirituellen Sinn zu sehen. Wie es verschiedene Formen von Armut gibt, so gibt es auch verschiedene Formen der Trauer. Jesu Aussagen sind immer konkret und daher meint er jede Form von Trauer, die über unser eigenes Versagen, über uns angetanes Unrecht oder über einen schmerzlichen Verlust. All diese Formen der Trauer sind “gottgewollt” und wenn wir ihnen im Vertrauen auf Gottes Hilfe Zeit und Raum in unserem Leben gewähren, wird Gottes Trost erfahrbar.

Jesus selbst hat das Leid und Trauer auf sich genommen. Er wusste, dass zum menschlichen Leben nicht nur die Freude gehört, sondern ebenso das Leid. Wer nur die Freude sieht, ist in Gefahr, oberflächlich zu werden. Wer auch Leid erfahren hat, dringt leichter in die Tiefe und überlässt sich eher hoffend und vertrauend Gott. Aber doch hat Jesus nie die Trauer und das Leid verherrlicht. Sie gehören zum Leben. Man soll sie annehmen, aber nicht suchen.

Doch wie kommt Jesus dann dazu, die Trauernden selig zu preisen, sie ob ihrer Trauer zu beglückwünschen? Wie kann er das tun, ohne dass es für die Trauernden unpassend, stillos wirkt oder als leere Vertröstung auf die Zukunft? Ist Trauer nicht vielmehr etwas, das nicht sein sollte, nicht sein darf? Jesus stellt hier wie so oft unser alltägliches Empfinden auf den Kopf. Jesus will uns sagen, dass mit seinem Wirken das Himmelreich bereits angebrochen ist. Jesus nimmt den Menschen ihre Not und beseitigt damit die Ursache ihrer Trauer. Wer einen Grund zur Trauer hat, bekommt damit zugleich die Möglichkeit geschenkt, Gottes Trost auf eine neue, überwältigende Weise zu erfahren. Dieser Trost Gottes aber ist es, der die Menschen selig, glücklich macht.

Das ist alles schön gesagt, aber erfahren wir das auch? Zeigt uns unsere Erfahrung nicht viel mehr, dass es auch nach der angebrochenen Gottesherrschaft, nach der Auferstehung Jesu und nach der Sendung des Heiligen Geistes viel Trauer und viel Trauernde gibt? Die Wende zum Heil hat offensichtlich nicht zu einem Dauerzustand des Getröstet-Seins unter den Gläubigen geführt. Welchen Sinn hat also diese Seligpreisung der Trauernden noch für die Glaubenden, für uns heute? Es genügt nicht, zu sagen, es war einmal so zur Zeit Jesu und wird nach unserem Tod wieder so sein, dass Gott die Trauernden trösten wird. Dieser Trost muss vielmehr auch jetzt und heute konkret erfahrbar sein.
Die Seligpreisung der Trauernden ist in sich schon eine frohmachende Botschaft, weil sie im Trauern selbst ein Verhalten sieht, das den Keim der Gottesherrschaft in sich trägt und aus dem das Heil dieser Gottesherrschaft mitten in der Zeit zu einer trostspendenden Frucht heranreifen kann. Die Trauer selbst ist ein Teil des Reiches Gottes. Aber wie ist das möglich? Trauer tut doch weh, sie ist eine Herausforderung. Oft wird sie unterdrückt, wir scheuen uns davor, Trauer öffentlich zu zeigen.

Wenn wir aber Trauer zeigen können, so ist dies ein Zeichen von Stärke und nicht von Schwäche. Wo wir dem Drang nach Erinnerung, nach Erzählen und Mitteilen, nach Verstehen und Aufarbeiten nachgeben, da kann Trauer ungemein lösend wirken, da führt sie uns behutsam zum Loslassen-Können, zum Versöhntwerden, zum Annehmen des Geschehenen, ja zu neuem Lebensmut und zu neuen Anfängen. Selig, wer so trauern kann, denn er wird darin dem tröstenden Gott begegnen!

Die Seligpreisungen (1)

Im vorangegangenen Kapitel hat Matthäus uns knapp vom ersten Auftreten Jesu berichtet, von seinem Ruf zur Umkehr, ersten Heilungen und der Berufung der ersten Jünger. Jesu Auftreten ist nicht ohne Wirkung geblieben. Viele Menschen waren spontan von ihm fasziniert und wollten mehr von ihm erfahren. Jesus sieht die Volksscharen, die ihm folgen, und steigt auf einen Berg, um zu ihnen zu sprechen.

“Selig sind …” Neun Mal gebraucht Jesus diese Formulierung. Wenn wir genau hinsehen, fällt uns auf, dass die erste und die achte Seligpreisung mit der Verheißung enden: denn ihnen gehört das Himmelreich. Die neunte unterscheidet sich stilistisch von den übrigen, hier heißt es nicht “Selig sind …” sondern “Selig seid ihr”. Auch dies wird als Belegt dafür gesehen, dass hier ein ursprüngliches Achter-Schema vom Evangelisten erweitert wurde.

Die neunte Seligpreisung ist deutlich länger und hat einen zweiten Abschnitt, der mit den Worten beginnt “Seid fröhlich und getrost”. Wenn man diesen zweiten Abschnitt als eigene Seligpreisung sieht, kommt man dann auf die Zahl von zehn Seligpreisungen, die als Parallele zu den Zehn Geboten gesehen werden kann. Ähnlich wie Mose in der Tora die Zehn Gebote den übrigen Gesetzen voranstellt, bilden für Jesus die Seligpreisungen den Auftakt zu seiner Lehre.

Bevor wir die Seligpreisungen im Einzelnen betrachten, noch ein kurzer Blick auf die Bedeutung des Begriffs “selig”. Im griechischen Urtext steht hier das Wort “makarios”, im Lateinischen “beatus”. Im Deutschen können wird das mit “selig, glücklich, gepriesen” wiedergeben. Freude und Heil für die Armen und Trauernden. Makarios, das ist kein Wort, bei dem man ruhig bleiben kann, das spurlos an einem vorübergeht. In dem Wort stecken Emotionen, es lässt uns aufstehen. Es ist eine Ermutigung. Ihr Armen und Trauernden bleibt nicht sitzen in eurem Elend. Erkennt und staunt, ihr seid zur Heiligkeit berufen, steht auf, die Freude und das Glück warten auf euch. Es ist nur ein kleiner Schritt, aber ihr müsst ihn wagen, ins Ungewisse, aber im Vertrauen darauf, dass Gott bei euch ist und euch beschenkt.

Wenn es etwas gibt, was die Heiligen kennzeichnet, dann ist es dies, dass sie wirklich glücklich sind. Sie haben das Geheimnis dieses echten Glücks entdeckt, das auf dem Grund der Seele wohnt und dessen Quelle die Gottesliebe ist. Darum werden die Heiligen seliggepriesen. Die Seligpreisungen sind ihr Weg und ihr Ziel zur Heimat hin. Die Seligpreisungen sind der Weg des Lebens, den der Herr uns lehrt, damit wir seinen Spuren folgen. (Papst Franziskus)

Die Heiligen, das sind alle, die Gottes Ruf folgen, die aufstehen und ein neues Leben wagen, mit Jesus auf sein Wort hin. Der Weg dieser Menschen unterscheidet sich grundlegend von dem der anderen Menschen in der Welt. Wer Jesus nicht kennt, dem mag dieser Weg unsinnig erscheinen, es ist in der Tat kein Weg, auf dem man zu irdischem Ruhm und Reichtum gelangt, aber er führt zu etwas, das wichtiger und größer ist als dies, er führt zu tiefem Glück und unvergänglicher Freude.

Schwach und Stark

Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten. (1Kor 1,27-28)

Gott ist den Weg nach unten gegangen, um uns Menschen nahe zu kommen. Er kam nicht als mächtiger Herrscher, sondern als schutzloses Kind. Als Erwachsener hat Gottes Sohn kein Heer um sich versammelt, sondern zwölf einfache Menschen. Er hat die Verachtung der Menschen erduldet und starb den schmachvollen Tod am Kreuz. Gerade dieser Tiefpunkt aber, die scheinbare Schwäche Gottes, lässt am Ostermorgen in der Auferstehung seine Kraft auf ungeahnte Weise deutlich werden. Was aus menschlichen Augen als Niederlage galt, wird zum größten Triumph.

Wer Jesus nachfolgt, muss wie er den Weg nach unten gehen, sich nicht an irdischen Besitz und Einfluss klammern, sondern vor der Welt als schwach und schutzlos erscheinen. Jeder aber, der diesen Weg geht, kann in seinem eigenen Leben erfahren, wie sich die scheinbare Schwäche in unbeschreibliche Stärke verwandelt. Wer sich nicht auf menschliche Macht verlässt, dem kann Gott eine ganz andere Kraft und einen ganz anderen Schutz schenken, die über das hinausgehen, was Menschen vermögen. Wer bereit ist, auf irdischen Besitz zu verzichten, dem kann Gott einen ganz anderen Reichtum schenken, der viel mehr wert ist als alles Geld der Welt.

Konkrete Beispiele für diesen Weg gibt Jesus uns in der Bergpredigt, die wir in den nächsten Tagen betrachten wollen. Uns Menschen fällt es schwer, diesen Weg zu gehen. Paulus will uns Mut machen, uns nicht davor zu fürchten, um der Nachfolge Jesu willen als schwach und gering vor der Welt zu erscheinen. Im Vertrauen auf Gottes Kraft dürfen wir so immer wieder die Wunder seiner Macht erleben.