Erfüllung des Gesetzes (Mt 5)

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. (Mt 5,17)

In der Bergpredigt zeigt uns Matthäus Jesus als den neuen Mose. Wie Mose dem Volk Israel das Gesetz Gottes vermittelt hat, so bringt Gott in Jesus Christus nun allen Menschen sein neues Gesetz. Es ist aber nicht neu, sondern geht aus dem Gesetz des Alten Bundes hervor. Die Gebote, die Gott dem Volk Israel gegeben hat, sind nicht schlecht und Gott hat es sich auch nicht anders überlegt. Vielmehr haben die Menschen Gottes ursprüngliches Gesetz falsch verstanden. Gottes Gebote sind zeitlos, müssen aber immer wieder neu an die sich wandelnden gesellschaftlichen Umstände angepasst werden.

Verhaltensformen, die für ein Nomadenvolk hilfreich waren, passen nicht in die Welt des Römischen Reiches zur Zeit Jesu, genauso wie Verhaltensformen, die sich in einer überwiegend agrarischen Gesellschaft herausgebildet haben, nicht in eine moderne globale Gesellschaft eines fortschrittlichen Industriestaates passen. Das heißt aber nicht, dass die Weisungen aus alter Zeit im falsch sind. Es geht darum, ihren eigentlichen Kern zu entdecken und diesen in die neue Zeit zu übersetzen. Wir müssen zu jeder Zeit neu entdecken, wie wir am besten als Menschen zusammenleben können. Die Welt ist im Wandel. Gewohnte Strukturen lösen sich auf. Jede Generation hat hier neu ihre Wege zu suchen, aber sie braucht die menschlichen Umgangsformen nicht komplett neu zu erfinden. Das Neue geht aus dem Alten hervor und baut auf ihm auf.

So will auch Jesus kein neues Gesetz geben, sondern er will das bestehende Gesetz neu auslegen. Wir können in den Worten Jesu eine Steigerung erkennen. Er stellt die Zehn Gebote regelrecht auf den Kopf. Die Zehn Gebote beginnen mit den Weisungen, wie der Mensch sich Gott gegenüber verhalten soll, und enden mit den Weisungen für das menschliche Zusammenleben. Jesus aber fängt hier mit dem menschlichen Zusammenleben an und kommt dann zu einer neuen Art und Weise der Begegnung mit Gott. Dabei fängt er im mitmenschlichen Bereich mit einer Weisung an, über die allgemeiner Konsens besteht, dass Menschen einander nicht töten sollen. Aber damit ist es nicht genug. Mitmenschlichkeit geht tiefer, sie geht soweit, alle Menschen zu lieben, ja sogar so weit, selbst unsere Feinde zu lieben.

Wenn der Mensch zu einem so tiefen liebevollen Miteinander bereit ist, dann erst ist er bereit für eine ganz neue Begegnung mit Gott, einer Begegnung, die sich nicht auf Äußerlichkeiten wie bestimmte Kulthandlungen oder das Aufsagen bestimmter Gebete beschränkt, sondern die zu einer lebendigen Beziehung zwischen Gott und Mensch führt. Für einen solchen Menschen ist Gott nicht ein höheres Wesen oder eine höhere Macht, sondern Gott ist für ihn ein Vater, dem der Mensch ganz vertrauen kann und der Sorge trägt um das Leben jedes einzelnen.

Diese Nähe Gottes zu den Menschen war auch im Alten Bund nicht fremd. Wir kennen den wunderschönen Psalm 23, der Gott als Hirten zeigt. Viele Worte der Propheten sprechen von der Liebe Gottes zu seinem Volk und zu jedem einzelnen Menschen. Aber sie ging etwas verloren, indem die Menschen sich mehr darauf konzentriert haben, jedes einzelne kleine Gebot zu erfüllen, anstatt Gott als liebenden Vater zu sehen. Auch im Christentum ist diese Entwicklung zu erkennen. Es ging hauptsächlich darum, die Gebote zu halten, Verfehlungen zu beichten und andächtig die Hl. Messe zu besuchen. Aber die Nähe und Liebe Gottes konnten dabei nur wenige erfahren. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass sich heute so viele von der Kirche abwenden, weil sie es verpasst hat, die Weisung Gottes rechtzeitig für eine neue Zeit zu übersetzen.

Jeder Mensch ist dazu aufgerufen, der Weisung Jesu auch heute zu folgen, von einem ausdruckslosen Nebeneinander von Menschen, das sich allein an die wichtigsten Regeln des Zusammenlebens hält, zu einem liebevollen Miteinander, das über ein gegenseitiges Annehmen und Verzeihen bis hin zu einer tiefen Liebe selbst zu den Feinden führt. Dann können wir auch Gott neu begegnen und erfahren seine Liebe, mit der er uns stets umsorgt und unser Leben trägt. Warten wir nicht, bis andere den ersten Schritt tun. Gott steht bereit, jeden einzelnen mit seinen liebevollen Armen zu umfangen.

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