Glaube (1) – Edith Stein

Edith Stein sagt:

„Ein überzeugter Atheist wird in einem religiösen Erlebnis der Existenz Gottes inne. Dem Glauben kann er sich nicht entziehen, aber er stellt sich nicht auf seinen Boden, er lässt ihn nicht in sich wirksam werden, er bleibt unbeirrbar bei seiner wissenschaftlichen Weltanschauung, die durch den Glauben über den Haufen geworfen würde.“

Sind nicht auch wir oft solche Menschen, die zwar immer wieder religiöse Erlebnisse haben, aber sich nicht ehrlich den Konsequenzen stellen, die diese fordern? Leben wir nicht lieber unser bequemes Leben weiter, als uns von Jesu Wort aufrütteln zu lassen? Bleiben wir nicht lieber bei dem, was wir sicher haben, als uns auf den verborgenen Grund des Glaubens zu stellen, der nur dem offenbar wird, der den entscheidenden Schritt in die sichere Ungewissheit hinein wagt im Vertrauen auf Gottes Wort?

„Wir können weder Gott noch uns selbst treu sein, wenn wir die Erfahrung, die wir mit Gott machen, nicht mit unserem ganzen Wesen erwidern. Gott ruft uns nicht, damit wir schlafen, sondern damit wir – vom Ewigen Wort als sprechende Wesen erschaffen – wach werden und Ant-Wort geben.“ (Waltraud Herbstrith)

Geben (3)

Ich möcht´ mit offenen Händen

die Wege des Lebens geh´n

lieber alles verschwenden

als mit vollen Taschen ins Grabe seh´n

 

Ich möcht´ wie die Blume sein

die auf den Feldern steht

mit ihrer Pracht erfreut

jeden der schauend an ihr vorübergeht

 

Ich vertraue dem Leben

dem Gott, der mich trägt

und ich traue den Menschen

die liebend mein Herz umhegt

 

Was ich gebe

kommt vielfach zurück

und wenn ich schenke

ist es mein eigenes Glück

 

So steh´ ich und schaue

ins Leben hinaus

ich bin ganz bei mir

ich bin ganz zuhaus´

 

Und wenn dir´s gefällt

in meiner Nähe zu sein

so pflücke mich nicht

sondern wachse neben mir

Geben (1)

Wenn wir uns der Auslegung des heutigen Evangeliums (Lk 12,13-21) zuwenden, so müssen wir auch den folgenden Abschnitt (Lk 12,22-32) betrachten, denn dort zeigt Jesus das Gegenprogramm zu dem auf, was im ersten Abschnitt geschildert wird.

Jesus erzählt aus konkretem Anlass ein Gleichnis. Da ist einer aus der Menge, der Jesus zum Schiedsrichter machen will über Geldstreitigkeiten. „Wenn es ums Geld geht, hört die Freundschaft auf“, lautet ein altbekannter Spruch und wie viele Familien haben sich im Streit um Geldangelegenheiten heillos zerstritten. Jesus bietet dem Fragenden keine konkrete Lösung an. Er erzählt vielmehr ein Gleichnis, das ihn zum Nachdenken bringen soll und somit eine eigenständige Entscheidung ermöglicht.

Da ist ein Reicher und dieser Reiche hat wirklich Glück möchte man meinen, denn sein Reichtum wird immer größer. Er bringt eine so große Ernte ein, dass seine ohnehin schon großen Speicher nicht mehr ausreichen. Er lässt neue Speicher bauen, um alles unterbringen zu können. Eine Entscheidung, die auch heute viele so treffen würden.

Jetzt habe ich so viel, dass ich mich endlich zurücklegen und das Leben in vollen Zügen genießen kann. Doch das Leben macht dem Reichen einen Strich durch die Rechnung. Sein plötzlicher Tod macht all seine Pläne zunichte. Nutzlos stehen nun die großen Speicher herum. Wem wird all das gehören?

„Wenn du stirbst, nimmst du nichts von dem mit, was du gehortet hast, aber alles, was du gegeben hast.“ (Mamerto Menapace)

Jesus will mit seinen Worten sicher nicht sagen, dass wir uns um nichts kümmern sollen, dass wir aufhören sollten, die Felder zu bestellen, zu arbeiten … Er will uns vielmehr zum Nachdenken darüber bringen, welchen Stellenwert wir den materiellen Dingen in unserem Leben beimessen und wie wir mit ihnen umgehen.

Es ist nicht der Sinn des Lebens, dass wir uns abrackern und anhäufen, um irgendwann einmal genießen zu können. Leben, das beginnt nicht irgendwann einmal, sondern Leben, das ist jetzt und heute und jeden Tag. Wir sollen jeden Tag unseres Lebens bewusst leben und genießen, ob es ein Arbeitstag oder ein freier Tag ist.

Sicher, das mag vielen utopisch erscheinen. Nicht jeder hat das Glück, eine Arbeit zu haben, die er gerne tut und in der er voll aufgeht. Viele müssen jeden Tag für einen Hungerlohn hart schuften, damit ihre Familie überleben kann. Doch gerade dadurch wird die Schieflage unserer Gesellschaft deutlich. Denn wer erntet den Gewinn derer, die um ihr Überleben kämpfen müssen? Sind des nicht diejenigen, die immer mehr Reichtum anhäufen?

Der Mensch hat es in sich, wie der Reiche im Evangelium zu handeln. Wer hat, der will mehr. Daher sind auch Gesellschaftssysteme, die einen Ausgleich zwischen den Menschen befehlen wollen, gescheitert. Nur wenn einzelne bereit sind, ihren Reichtum zu teilen, kann eine menschliche Gesellschaft wachsen. So befiehlt auch Jesus keine Gütergemeinschaft, aber er zeigt den Weg des Teilens als Ideal auf, für das es sich zu entscheiden lohnt, denn letztlich macht es alle zu Gewinnern, den der gibt und den, der empfängt.

Doch wie komme ich zu einer solchen Einstellung? Hierzu ist der zweite Abschnitt wichtig, denn er zeigt auf, dass jeder Mensch selbst immer schon ein Beschenkter ist. Die eigene Leistung kann nur zu Gewinn führen, weil schon etwas da ist, das die Grundlage für diesen Gewinn bildet. Der Reiche hätte keine große Ernte einfahren können, wenn nicht das Wetter mitgespielt hätte, denn wie leicht kann ein Unwetter eine ganze Ernte vernichten.

Nur wer sich selbst als ein Beschenkter erfährt, wird dazu bereit sein, mit anderen zu teilen. Wenn ich gerade Glück im Leben habe und einen unerwarteten Gewinn mache, warum will ich dann alles für mich haben? Warum bin ich nicht dazu bereit, etwas von dem Überfluss, der mir geschenkt wurde, mit anderen zu teilen, die gerade nicht so viel Glück haben wie ich?

Jesus gebraucht sehr schöne Bilder aus der Natur, um seinen Zuhörern eine solche Lebenseinstellung plausibel zu machen. Vögel haben keine Scheunen, und doch finden sie Nahrung. Die Blumen erfreuen uns mit ihrer Blütenpracht. Ihre Schönheit ist zweckfrei. Sie wachsen, damit wir uns an ihnen freuen können, nicht für Geld.

Vielleicht ist dieses Bild der Lilie auf dem Feld der Schlüssel dafür, um das zu verstehen, was Jesus uns sagen will. Können nicht auch wir solche Blumen sein, die in der Welt wachsen, damit andere sich an ihnen freuen? Erde, Wasser uns Sonne, das was die Blume zum Leben braucht, stellt die Natur zur Verfügung. Die Blume verwandelt dies in die leuchtenden Farben ihrer Blüte. Die Blume will ihre Schönheit verschenken, damit andere sich an ihr erfreuen, und doch verliert sie nichts, wenn andere sie ansehen. Nur wenn jemand die Blume für sich haben will, wenn er sie pflückt, dann wird sie bald verdorren.

Der heilige Ambrosius sagt:

Wir gehen der gemeinsamen Gaben damit verlustig, dass wir uns besondere zu eigen machen. Vom Eigentum kann aber doch überhaupt nicht die Rede sein, wo nichts von Dauer ist, noch von sicherem Wohlstand, wo der Ausgang unsicher ist. Warum willst du denn Wert legen auf ‘deinen’ Reichtum, nachdem doch auch du den Lebensunterhalt nach Gottes Wollen mit den übrigen lebenden Wesen teilen sollst?

Es ist eine der größten Fehlentwicklungen in der Menschheitsgeschichte gewesen, dass sich in den Köpfen der Gedanke eingepflanzt hat, dass nur das etwas zählt, was ich für mich erreicht und zusammengerafft habe. Die Erde wird kahl, weil jeder an sich reißt, was er bekommen kann, und es in seine Speicher steckt, auch wenn es dort verdorrt und seine Schönheit verliert. Alles wird zu Geld gemacht, alles Leben einem leblosen Objekt untertan gemacht.

Wann werden wir wieder entdecken, dass Schönheit darin besteht, etwas einfach wachsen zu lassen und sich an seinem Anblick zu erfreuen und diesen Anblick bereitwillig mit anderen zu teilen?

Über den Altvater Johannes

Als der Altvater Johannes an seinem Ende war und bereitwillig und freudig zum Herrn ging, standen die Brüder im Kreis um ihn herum und wünschten, dass er ihnen ein gedrängtes Heilswort als Erbschaft hinterlasse, mit dessen Hilfe sie zur Vollendung in Christus kommen könnten. Er seufzte und sagte:

„Nie habe ich meinen eigenen Willen getan, und ich habe keinen etwas gelehrt, was ich nicht vorher selbst getan hatte.“

Apophthegmata Patrum

Hl. Pantaleon

Pantaleon bedeutet der „Löwenstarke“, die griechische Form des Namens lautet Panteleimon, was der ganz Mitfühlende heißt. Die Verbindung von Erbarmen und Stärke macht uns erst fähig, anderen Menschen wirksam zu helfen. Wer mitfühlend ist, aber keine innere Stärke besitzt, der verliert sich leicht an die Menschen, denen er helfen will. Wer aber Stärke ohne Erbarmen besitzt, der neigt leicht dazu, andere für seine Zwecke zu missbrauchen. Pantaleon hat zu innerer Ruhe und Stärke gefunden und es dabei nie aufgegeben, sich der Menschen zu erbarmen.

Pantaleon wurde wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts in Nikomedien geboren. Er war der Sohn eines heidnischen Senators, seine Mutter aber war Christin. Schon als Kind erkannte man seine Heilkräfte und sein Vater ließ ihn die Heilkunst erlernen. Ein heiliger Mann namens Hermelins unterwies ihn im christlichen Glauben, doch erst als ein von einer Schlange gebissenes Kind, für das keine Hoffnung mehr bestand, durch die Anrufung des Namens Jesu Christi geheilt wurde, ließ Pantaleon sich taufen.

Seine Fähigkeiten kamen dem Kaiser zu Ohren und Pantaleon wurde der Leibarzt des Kaisers Maximian. Dieses hohe Amt hinderte ihn aber nicht daran, auch dem einfachen Volk zu helfen. Unentgeltlich nahm er sich der körperlichen und seelischen Nöte der Armen an und unterstützte viele mit seinem Vermögen. Die Ostkirche verehrt ihn daher als einen der “Hagioi anargyrioi”, der unentgeltlich Helfenden.

Sein christlicher Glaube blieb nicht verborgen. Die Heilung eines Blinden überzeugte schließlich auch seinen Vater, der sich lange dagegen gesträubt hatte, und er ließ sich taufen. Es heißt, dass Pantaleon auch die Frau des Kaisers Maximian zum Christentum bekehren wollte. Er wurde beim Kaiser, der das Christentum nicht duldete, angezeigt. Maximian wollte seinen geschätzten Arzt zum Abfall vom Christentum und zum Opfer für die heidnischen Götter überreden, doch Pantaleon blieb standhaft:

„Lieber sollen meine Hände verdorren, als dass ich sie zum Schwur der heidnischen Götter erhebe.“

Daraufhin musste er viele Qualen erdulden, er wurde ohne Nahrung in einen Kerker gesperrt und mit glühendem Blech gebrannt, doch nichts konnte ihm schaden. Als man ihn ertränken wollte, spülten ihn die Wellen an Land, wilde Tiere wurden zahm und taten ihm kein Leid. Schließlich band man ihn an einen Olivenbaum und schlug ihn mit Ruten, bis er voller Wunden war, aus denen Blut rann.

„Wo aber sein Blut hinging, da wurde alles grün und schön und der dürre Ölbaum begann zu blühen und trug süße Frucht. Und überall wo sein Blut hinkam, ward alles voller Rosen, Lilien und Veilchen.“

Schließlich band man ihm die Hände über dem Kopf zusammen. Einen großen Nagel schlug man durch die Hände bis in seinen Kopf. So stand er da, gemartert, gebunden und starb vor den Augen des Volkes, das zu diesem Schauspiel zusammengeströmt war. Viele bewunderten seine Standhaftigkeit und ließen sich taufen. Man sammelte sein Blut in kleinen Fläschchen. Pantaleon starb im Jahr 305. Sofort setzte die Verehrung des heiligen Arztes ein. Bis heute gehört er zu den vierzehn Nothelfern.

Leben im Haus der Liebe

Rublev_DreifaltigkeitWir machen im Leben oft die Erfahrung, dass unser Streben nach Glück bedroht wird von unseren eigenen Ängsten, die uns daran hindern, das zu tun, wonach wir Verlangen haben. Auch von außen werden wir ständig bedroht von Stimmen, die uns niederdrücken wollen. So werden wir leicht mutlos und gewinnen gar den Eindruck, dass wir letztlich zu nichts taugen. Doch das ist eine Täuschung, die es zu überwinden gilt. Auch hierzu kann uns die Erzählung von der Begegnung Abrahams mit den drei Männern eine Hilfe sein.

Die drei Männer oder drei Engel, als die sie auch vorgestellt werden, wurden schon früh als ein Hinweis auf die Dreifaltigkeit Gottes gedeutet. Denn obgleich sie als drei erscheinen, ist es der eine Herr, der durch sie spricht. Andrej Rublev hat diese Begebenheit zu seiner berühmten Dreifaltigkeitsikone inspiriert. Und diese Ikone wiederum wurde für Henri Nouwen zu einem Bild für das Haus der Liebe. Er sagt:

„Für mich wurde die Betrachtung dieser Ikone immer mehr ein Weg, tiefer in das Geheimnis des göttlichen Lebens einzutreten und gleichzeitig ganz und gar engagiert zu bleiben in dem Ringen unserer hass- und angsterfüllten Welt.“

Wenn wir die drei göttlichen Personen auf der Ikone betrachten, so sehen wir sie in einem vertrauten Gespräch vereint, in vollkommener Liebe, Ruhe und Harmonie. Und doch ist der Kreis der drei Personen nicht in sich geschlossen, sondern der Betrachter fühlt sich eingeladen, in diesen Kreis einzutreten und dort selbst Vertrautheit und Liebe zu erfahren. Henri Nouwen sagt:

„Während ich lange Stunden vor Rublevs Dreifaltigkeit saß, merkte ich, wie allmählich mein Schauen zum Gebet wurde. Dieses schweigende Gebet ließ nach und nach meine innere Unrast hinwegschmelzen und hob mich empor in den Kreis der Liebe, einen Kreis, der von den Mächten der Welt nicht durchbrochen werden konnte. … Ich wusste, dass das Haus der Liebe, in das ich eingetreten war, keine Grenzen hat und jeden umgibt, der dort wohnen will.“

Es muss nicht Rublevs Ikone sein. Es gibt viele Bilder und Texte, die uns zu unserer Wohnung im Haus der Liebe führen können. Gerade in den Stunden der Unruhe und der Angst ist es wichtig, dass wir uns diese Texte und Bilder in Erinnerung rufen und uns durch sie zu unserer Mitte führen lassen. Nicht Angst und Hass sind der Ort, an dem wir das Leben finden, sondern allein das Haus der Liebe.

Manchmal spüren wir, dass uns unser Haus verloren gegangen ist, wir fühlen uns schutzlos dem ausgeliefert, was auf uns einströmt, winden uns hin und her und finden keinen Ort, an dem wir Ruhe und Geborgenheit erfahren. Diese Not quält uns, sosehr dass wir meinen, dass unser Leben keinen Sinn mehr zu haben scheint. Und die Menschen, deren Nähe wir suchen, scheinen sich noch weiter von uns zu entfernen.

Ich weiß nicht, ob es uns gelingen kann, allein mit unseren Kräften in der Welt uns dieses Haus der Liebe zu bauen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass dieses Haus der Liebe bereits existiert. Seine Tür steht weit offen für jeden, der eintreten möchte. Den Weg dahin gilt es zu finden, die Wegweiser gilt es zu erkennen und zu deuten.

Kehren wir noch einmal zur Ikone zurück und versuchen wir, ihren Wegweiser zum Haus der Liebe zu deuten. Drei Engel sitzen an einem Tisch beieinander. Ihre Haltung drückt Verbundenheit aus, sie scheinen einen Kreis zu bilden, der von tiefer Vertrautheit Zeugnis gibt. Und doch scheint dieser Kreis nicht geschlossen, sondern offen für den Betrachter, der somit eingeladen ist, in diese liebevolle Vertrautheit einzutreten. In der Mitte des Tisches steht in einer Schale das Lamm, das Abraham für die drei zubereiten ließ und das zugleich ein Symbol ist für den Opfertod Christi.

„Dieses Opferlamm ist die Mitte der Ikone. Die Hände von Vater, Sohn und Geist deuten seinen Sinn auf verschiedene Weise: Der Sohn in der Mitte weist mit zwei Fingern darauf und deutet so auf seinen Auftrag hin, Opferlamm zu werden, und zwar durch die Menschwerdung menschliches und göttliches Opferlamm zugleich. Der Vater zur Linken ermutigt den Sohn mit einem Segensgestus. Und der Geist, der den gleichen Herrscherstab trägt wie Vater und Sohn, zeigt dadurch, dass er auf die viereckige Öffnung vor dem Altar deutet, an, dass dieses göttliche Opfer ein Opfer ist für die Erlösung der Welt.“ (Henri Nouwen)

Wir glauben, dass uns Christus durch sein Leben und seinen Tod den Weg in die Mitte des göttlichen Lebens erschlossen hat. Durch ihn sind wir hineingenommen in diese liebevolle Vertrautheit, die in der Ikone zum Ausdruck kommt. Jesus selbst nennt sich den Weg, der zum Vater führt. Er hat uns gezeigt, wie wir leben sollen, damit wir zum Haus der Liebe gelangen.

Aber diesen Weg zu gehen ist nicht allein unsere Anstrengung. Es ist ein Geschenk, das Gott uns macht. Daher das Opfer. In seiner Liebe hat Christus sich für uns hingegeben. Er hat damit für uns alle den Eintrittspreis bezahlt in das Haus der Liebe. Wenn wir sein Geschenk annehmen, dürfen wir kostenlos eintreten. Wir sind gerufen, in diese Mitte der göttlichen Liebe einzutreten und von dort auf die Welt zu blicken, von dieser Mitte aus in der Welt zu handeln. Nur wenn wir so in Gottes Liebe sind, können wir ganz bei uns und ganz bei den Menschen sein.

In einem Jahr, wird deine Frau Sara einen Sohn haben … (Gen 18,1-10)

Wie gern würden wir in die Zukunft blicken und wissen, was uns erwartet, gerade dann, wenn es um unsere tiefsten Wünsche und Sehnsüchte geht. Abraham und Sara wünschten sich ein Kind. Sie waren schon alt, es schien so, als könnte dieser Wunsch nie mehr in Erfüllung gehen. Und doch hatte Gott einst zu Abraham gesagt, dass er der Vater vieler Völker sein werde. Doch wie sollte das möglich sein, ohne Nachkommen?

Zwar haben wir keine so großen Verheißungen von Gott bekommen wie Abraham, aber doch wünschen wir uns, einfach glücklich zu sein. Viele Menschen möchten den Partner für das Leben finden, mit dem eine gemeinsame Zukunft möglich ist, wünschen sich Kinder, und wünschen sich, dass auch beruflich im Leben alles soweit in Ordnung geht, dass die Familie ein gutes Leben haben kann.

Viele spüren die Sehnsucht danach, mehr aus ihrem Leben zu machen, als einfach nur arbeiten zu gehen und eine geregelte Existenz zu haben. Ein erfülltes Leben, darunter stellen sich viele Menschen unterschiedliche Dinge vor. Aber wie kann ich dieses erfüllte Leben finden? Wo ist mein Platz in dieser Welt? Wann ist die Zeit dafür da, dass endlich eintrifft, was ich ersehne?

Nächstes Jahr komme ich wieder …

Wie schön wäre es zu wissen, dass nächstes Jahr um diese Zeit im Leben eine entscheidende Wendung eingetreten ist, dass ich in einem Jahr um diese Zeit mit einem lieben Menschen zusammen bin, dass ich in einem Jahr um diese Zeit mich nicht mehr mit diesem und jenem Problem herumschlagen muss, dass in einem Jahr um diese Zeit ein entscheidender Schritt in der Berufswahl getan ist und ich meinem Platz in dieser Welt gefunden habe.

Kann ich mit dieser Hoffnung leben, oder überkommt mich die Hoffnungslosigkeit, wenn ich daran denke, dass wieder aus eine Bekanntschaft mit einem lieben Menschen keine Beziehung geworden ist, dass ich im Beruf keinen Schritt vorwärts komme, dass ich immer noch nicht weiß, wohin ich in meinem Leben gehen soll?

Manchmal möchten wir aus lauter Verzweiflung viel lieber den Kopf in den Sand stecken, jammern und Trübsal blasen, einfach nichts mehr tun, weil wir denken, es hat doch alles keinen Sinn, es bringt uns nicht weiter und wir werden nie das finden, wonach wir im tiefsten Grund unseres Herzens suchen.

Vielleicht kann uns in solchen Situationen die Geschichte von Abraham Mut machen. Plötzlich kamen da drei Männer, ein seltsamer Besuch. Und schweigsame Leute scheinen es gewesen zu sein. Als Abraham sie sieht, steht er auf und geht ihnen entgegen, obwohl es zur Zeit der Mittagshitze viel angenehmer gewesen wäre, im Schatten des Zeltes sitzen zu bleiben. Ohne langes Fragen tut Abraham, was das Gebot der Gastfreundschaft verlangt, er bittet sie zu bleiben und lässt schnell ein sättigendes Mahl zubereiten. Es soll ihnen an nichts fehlen und sie sollen ausgeruht und gestärkt von ihm aufbrechen können.

Das Leben weiterleben und offen sein für Begegnungen, aufstehen und etwas tun, wenn die Zeit dafür da ist, das ist eine Weisung, die uns diese Geschichte geben kann. Abraham hat nicht resigniert, er hat sein Leben einfach weitergelebt, obwohl seine Sehnsucht ungestillt blieb. Manch einer hätte da schon längst gefragt, was das alles bringen soll, hätte in den Tag hinein gelebt, wäre gar einer Sucht verfallen und hätte so noch mehr kaputt gemacht.

Abraham aber hat seine Hoffnung nie aufgegeben. Er hätte ja seine Sehnsucht vergessen können und es sich in seinem Leben schön einrichten können. Viele können nicht warten, bis ihre tiefste Sehnsucht erfüllt wird, sondern geben sich mit vordergründigem zufrieden. Wenn der Partner nicht kommt, mit dem ich eine innige Verbundenheit spüre, dann nehme ich halt jemand, bei dem es auch irgendwie passt. Wenn ich im Beruf nicht die Stelle finde, bei der ich mich ganz einbringen kann, dann mache ich halt das, was mir auch einigermaßen gefällt … Leben auf Sparflamme. Und was bleibt am Ende?

So will ich stets nach dem Größeren mich ausstrecken, bis ich wirklich merke, dass meine Sehnsucht erfüllt ist. Auch wenn es lange dauert und ich so manche Durststrecke zu durchleben habe. Aber ich will nicht nur das halbe Glück, nicht nur das halbe Leben. Und wenn ich stets die Sehnsucht in mir wach halte und sie nicht mit vordergründigem verdecke, wenn ich offen bin für das, was das Leben mir bringt, dann wird auch in meinem Leben der Moment kommen, in dem ich spüre: Ja, jetzt ist die Erfüllung ganz nahe und in einem Jahr werde ich ein ganz neuer Mensch sein, dann ist das Alte vergangen und etwas Neues geworden. Und es wird ein Glück sein, das ich mir jetzt kaum vorstellen kann.