Der Prophet Jeremia

Jer1_Anfang

Das Buch des Propheten Jeremia hat eine komplizierte Überlieferungsgeschichte. Neben Sprüchen des Propheten sind auch viele Berichte über sein Leben überliefert. Einen solchen Geschichtsblock stellen die Kapitel 36-45 dar. Sie zeigen wichtige Ereignisse im Auftreten des Propheten unmittelbar vor der Eroberung Jerusalems im Jahr 586 v.Chr. Um diese Ereignisse besser zu verstehen, ist eine kurze historische Einordnung nötig.
Unter der langen Regierungszeit des Königs Joschija (640 bis 609 v.Chr.) erlebte das Reich Juda eine Phase des Aufschwungs. Grund dafür war die Schwäche des assyrischen Reiches. Dieses hatte im Jahr 722 v.Chr. das Nordreich Israel erobert und stellte seither auch eine Bedrohung Judas dar. Nun waren die Assyrer durch die aufkommende Macht des neubabylonischen Reiches selbst unter Druck geraten, doch das durch die Schwäche des assyrischen Reiches entstandene Machtvakuum währte nicht lange. Zunächst war es Ägypten, das seinen Einfluss nun wieder weiter in den Norden ausdehnen wollte. Ab etwa 612 v.Chr. kam es zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen Juda und Ägypten, in deren Folge König Joschija im Jahre 609 auf dem Schlachtfeld umkam. Der Pharao setzte Eljakim, den Halbbruder des Joahas, zum neuen König ein. Eljakim nannte sich von nun an Jojakim und regierte in den Jahren 609 bis 598 v. Chr.

Hatten die Ägypter kurzzeitig die Kontrolle über Juda gewinnen können, so wurden sie bald von dem nun immer stärker werden neubabylonischen Reich zurückgedrängt. Nach ihrem Sieg über die Ägypter in der Schlacht von Karkemisch im Jahr 605 v.Chr. konnten die Neubabylonier unter Nebukadnezzar endgültig ihre Machtposition festigen und machten Juda zu einem Vasallenstaat. Mit dieser Situation wollte sich König Jojakim aber nicht abfinden und lehnte sich im Vertrauen auf ägyptische Hilfe gegen Nebukadnezzar auf. Im Jahr 598 v.Chr. erschien Nebukadnezzar vor Jerusalem und belagerte die Stadt. Jojakim starb während dieser Belagerung, sein Sohn Jojachin öffnete Nebukadnezzar die Tore der geschwächten Stadt. Daraufhin kam es zur ersten Deportation der Juden in die babylonische Gefangenschaft, von der vor allem König Jojachin und die Oberschicht Jerusalems betroffen waren.

Nebukadnezzar setzte in Jerusalem Zidkija, einen Sohn Joschijas, als Vasallenkönig ein (597-587 v.Chr.). Er ist der letzte König des Reiches Juda und es wird von vielen Zusammentreffen zwischen ihm und dem Propheten Jeremia berichtet. Die Warnung des Propheten missachtend lehnte er sich im Vertrauen auf ägyptische Hilfe gegen Nebukadnezzar auf. Dies führte zur erneuten Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezzar und zum Ende des Reiches Juda im Jahr 587 v.Chr. Zidkija war ein schwacher König, der nicht viel vermochte gegen seine mächtigen Beamten. Es ist aber immer leicht, aus der Ferne zu urteilen. Hätte man doch damals so und so gehandelt. Warum hat man so lange auf Ägypten gesetzt, warum gerade auf Ägypten, das doch selbst Israel und Juda so geknechtet hat. Große geschichtliche Linien kann man immer erst im Abstand der Jahrhunderte ziehen. Wenn man selbst mitten in die komplexen Ereignisse der Geschichte verwoben ist, sieht die Lage ganz anders aus. Und wer weiß, was spätere Generationen über unsere Zeit sagen werden. Warum haben sie damals nicht erkannt, dass …

Es gibt manchmal Ereignisse in der Geschichte, die unabwendbar eintreten. Es gibt eine Zeit der Entscheidung, in der noch alles offen ist. Doch dann fallen gewisse Entscheidungen, Fronten verhärten sich und dann nimmt die Geschichte ihren Lauf. Warum musste ein so starkes Reich wie das Römische Reich untergehen? Warum fand das große christliche byzantinische Reich ein so trauriges Ende? Warum kamen die Türken bis an die Tore Wiens? Warum kam es zur Hölle der beiden Weltkriege? Wir könnten diese Liste unendlich fortsetzen.

Wir fühlen uns heute auf der Seite der Sieger. Europa und allen europäischen Ländern voran Deutschland zählt zu den reichsten Gegenden der Welt. Wir leben in einer Umgebung von Freiheit und Wohlstand, wie es sie in diesem Ausmaß wohl noch nie gegeben hat. Doch immer stärker werden die Bedrohungen dieses Zustandes erfahrbar. Im Innern bröckelt die Solidarität unter den Menschen. Wenige Menschen werden immer reicher, während viele immer ärmer werden. Viele Menschen wissen nicht mit ihrer Freiheit umzugehen und öffnen so die Tür für neue Formen der Unfreiheit. Von außen drängen die Menschen heran, auf deren Kosten wir uns so lange bereichert haben. Unsere Verschwendung und Gier zerstören die Erde. Wo führt uns diese Entwicklung hin?

Zu allen Zeiten treten Mahner auf, deren Blick über den eigenen Tellerrand hinausgeht. Sie warnen vor Fehlentwicklungen, solange diese noch revidiert werden können. Doch ihnen wird nur selten Gehör geschenkt. Der Blick der Menschen geht oft nur in eine Richtung und ist blind für Alternativen. Die politischen Führer bleiben ihrer Linie treu, solange es irgendwie geht. Erst eine Katastrophe kann diese Linie stoppen.

Eine solche Katastrophe war auch das Ende Jerusalems. Doch wir wissen heute, dass es nicht das Ende war. Jede Katastrophe birgt in sich auch die Möglichkeit zu einem Neuanfang. Nach dem Untergang traten Propheten auf, die dem Volk neuen Mut machten. Auch wenn es damals keiner geglaubt hätte, aber nach einigen Jahren werden die Juden freudig aus dem Exil in Babylon zurückkehren und die Trümmer Jerusalems wieder aufbauen. Aber zunächst kam eine schwere Zeit über Juda und seine Bewohner. Viele verloren alles, was sie hatten, viele mussten sterben.

Gottes Heilige Nacht

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Jene Nacht wurde unseren Vätern vorher angekündigt; denn sie sollten zuversichtlich sein und sicher wissen, welchen eidlichen Zusagen sie vertrauen konnten. So erwartete dein Volk die Rettung der Gerechten und den Untergang der Feinde. Während du die Gegner straftest, hast du uns zu dir gerufen und verherrlicht. Denn im Verborgenen feierten die frommen Söhne der Guten ihr Opferfest; sie verpflichteten sich einmütig auf das göttliche Gesetz, dass die Heiligen in gleicher Weise Güter wie Gefahren teilen sollten, und sangen schon im Voraus die Loblieder der Väter. (Weish 18,6-9)

Die Nacht, von der hier die Rede ist, ist die Nacht des Auszugs Israels aus Ägypten, der den Höhepunkt von Gottes Rettungstat an Israel darstellt. Das Pessach-Fest, das in dieser Nacht gefeiert wurde, ist bis heute das höchste Fest des Judentums. Vorangegangen waren lange, erfolglose Verhandlungen zwischen Mose und dem Pharao. Gott hat Ägypten mit vielen Plagen gestraft, doch immer wieder hat der Pharao seine Zustimmung zum Auszug Israels aus Ägypten widerrufen.

Im Kapitel 12 des Buches Exodus gibt Gott durch Mose dem Volk detaillierte Anweisungen, wie das Pessach-Fest begangen werden soll. Das Volk soll es feiern in Bereitschaft zum Aufbruch, die Hüften gegürtet, Schuhe an den Füßen. Es wird gefeiert als Mahl in der Familie. Während jedoch die Juden feiern, geht Gottes Würgeengel im Land Ägypten um und tötet alle Erstgeburt der Ägypter. Erst dieses grausame Ereignis veranlasst die Ägypter, Israel endlich aus dem Frondienst zu entlassen und in das gelobte Land ziehen zu lassen.

Die Nacht des Heils für das Volk Israel wird zugleich zu einer Nacht des Schreckens für Ägypten. Bis heute können wir nicht verstehen, warum Gott diesen Weg gegangen ist, um sein Volk zu befreien. Doch alle anderen Plagen, mit denen Ägypten geschlagen wurde und die großes Leid über das Volk gebracht haben, konnten das Herz des Pharao nicht erweichen. Er blieb hart und deshalb kam es zum Äußersten, daher mussten Unschuldige sterben.

Den neuen Bund, in den wir als Christen mit Gott stehen, schließt Gott nicht mehr mit dem Blut Unschuldiger. Hier macht sich Gott selbst zum Opfer für die Sünden der Menschen, wie wir im Exsultet der Osternacht singen:

O unfassbare Liebe des Vaters: Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin!

Auch wir Christen feiern in dieser Nacht unsere Befreiung. In deutlichen Anklängen an den Exodus Israels heißt es im Exsultet, dem großen Osterlob:

Gekommen ist das heilige Osterfest, an dem das wahre Lamm geschlachtet ward, dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben.

Dies ist die Nacht, die unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.

Dies ist die Nacht, in der die leuchtende Säule das Dunkel der Sünde vertrieben hat.

Dies ist die Nacht, die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben, scheidet von den Lastern der Welt, dem Elend der Sünde entreißt, ins Reich der Gnade heimführt und einfügt in die heilige Kirche.

In der Nacht geschieht Großes, Außergewöhnliches. Der Tag ist zum Arbeiten da, Alltag sagen wir. Da sind wir eingebunden in die gewöhnlichen Abläufe unseres Lebens. In der Nacht erholen wir uns vom Tag, der Schlaf gibt uns neue Kraft. Doch auch im Schlaf geschieht etwas, wir haben Träume, unser Gehirn verarbeitet die Eindrücke des Tages, manchmal finden wir im Schlaf der Nacht die Lösung eines Problems, über das wir am Tag vergeblich nachgedacht haben.

In der Nacht aber geschehen auch entscheidende Ereignisse. Wenn andere schlafen, kann unbeobachtet geschehen, was tagsüber nicht möglich ist. Nicht nur Diebe nutzen die Ruhe der Nacht. Wer mit anderen gemeinsam wacht, kann Erfahrungen machen, die am Tag nicht möglich sind. Viele große Heilige haben die Nächte im Gebet verbracht und so zu einer besonderen Begegnung mit Gott gefunden.

In der Nacht zu wachen ist mühsam, wir sind es gewohnt, zu schlafen. Wir brauchen unseren Schlaf. Aber doch gibt es Nächte, in denen es sich lohnt, zu wachen, weil wir sonst Entscheidendes verpassen. Gottes Volk hat im Verborgenen das Pessach-Fest gefeiert. Die Israeliten haben sich darauf vorbereitet, die Ägypter wussten von nichts. So entstand eine Gemeinschaft, ein Bund der Wachenden mit Gott. Und dem gemeinsamen Mahl folgte der Aufbruch.

Gott schläft nie. Gott ist immer da, gegenwärtig. Wenn die Geräusche des Tages verklingen, kann in der Stille der Nacht eine besondere Begegnung mit Gott geschehen. Im Großen und im Kleinen, vorbereitet und unvorbereitet, allein oder in Gemeinschaft, die Nacht bietet immer die Möglichkeit, tiefer mit Gott in Beziehung zu treten. Vielleicht hilft uns dieser Gedanke auch dann, wenn wir einmal eine unbeabsichtigt schlaflose Nacht haben.

Eine schlaflose Nacht ist immer eine lästige Sache. Aber sie ist erträglich, wenn man gute Gedanken hat. Wenn man daliegt und nicht schläft, ist man leicht ärgerlich und denkt an ärgerliche Dinge. Aber man kann auch seinen Willen brauchen und Gutes denken. (Hermann Hesse)

Kohelet – Windhauch

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Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch. (Koh 1,2)

Das hebräische Wort „häbäl“, das übrigens auch in dem Namen Abel steckt, kommt 37 Mal im Buch Kohelet vor, genauso oft wie das Wort „Gott“. Es ist nicht leicht, es im Deutschen angemessen wiederzugeben. Wörtlich übersetzt heißt es „(vergänglicher) Hauch, Windhauch, Nichtigkeit“. Die Einheitsübersetzung hat sich für diese wörtliche Wiedergabe entschieden und lässt so dem Leser den Raum zur eigenen Interpretation. Dies entspricht wohl auch der Absicht Kohelets, der sicher dieses Wort bewusst verwendet hat, um zu provozieren und seine Schüler zum Nachdenken anzuregen. Denn in seinem Buch entlarvt er viele Lehrsätze, die angeblich eine für alle Zeiten unumstößliche Weisheit vermitteln, als unbrauchbar.

Der Wind weht, du spürst seinen Hauch, aber dann ist er vorbei und hinterlässt nichts Bleibendes. Also gibt es nichts, woran der Mensch sich halten kann, weil alles so flüchtig und ungreifbar ist wie der Wind? Ist das ganze Leben des Menschen sinnlos, wie einige diesen Vers übersetzen: „Völlig sinnlos ist alles … es hat alles keinen Sinn“? Wenn dem so wäre, müsste Kohelet sich ja nicht die Mühe machen, seine Schüler zu lehren, denn wenn alles sinnlos wäre, was bliebe dann zu lernen? Es gibt sehr wohl einen Sinn, aber um diesen zu entdecken, muss man über all das Flüchtige, und ist es noch so fest in Stein gemeißelt, hinausgehen.

In der Vulgata heißt es: „O vanitas vanitatum vanitas“. Das lateinische Wort Vanitas hat einen stark melancholischen Beigeschmack, den man so bei Kohelet nicht findet. Im Gegenteil, seine Sprüche sind spritzig, sie sind originell und ansprechend formuliert. Er lässt sich nicht treiben auf einer Welle der Resignation, sondern packt die Themen beim Schopf, zieht sie mit der Wurzel heraus und betrachtet sie von allen Seiten.

Luther übersetzt den Vers folgendermaßen: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.“ Das deutsche Wort eitel gibt wohl am ehesten wieder, was Windhauch meint. Der Duden gibt für dieses Wort drei Bedeutungsfelder an: „(1) (abwertend) viel Wert auf die eigene äußere Erscheinung legend; bestrebt, als schön (und klug) zu gelten, (2) (gehoben veraltend) nichtig, vergeblich, (3) (veraltend, noch scherzhaft) rein, lauter“. Wir verwenden hauptsächlich nur noch die erste Bedeutung dieses Wortes. Von seinem Ursprung her ist aber die zweite Bedeutung die gewichtigere, und diese hatte auch Luther im Sinn bei seiner Übersetzung.

Mag alles auch nichtig und vergänglich sein, so ist das Leben für Kohelet keineswegs sinnlos. Das Leben hat durchaus einen Sinn, den es zu entdecken gilt. Doch was bleibt vom Leben angesichts des Todes? Weisheit, Nachkommen, Reichtum, all das, womit Menschen ihren Nachruhm sichern wollen, hat keinen Bestand. Wer kann wirklich sagen, dass er weise ist, und dass auch nach seinem Tod Menschen an seine Weisheit denken? Wer kann sicher sein, dass seine Nachkommen sein Andenken bewahren? Was geschieht mit dem Reichtum, den einer mühsam angehäuft hat? Kohelet ist hier sehr realistisch:

Denn es kommt vor, dass ein Mensch, dessen Besitz durch Wissen, Können und Erfolg erworben wurde, ihn einem andern, der sich nicht dafür angestrengt hat, als dessen Anteil überlassen muss. Auch das ist Windhauch und etwas Schlimmes, das häufig vorkommt. Was erhält der Mensch dann durch seinen ganzen Besitz und durch das Gespinst seines Geistes, für die er sich unter der Sonne anstrengt? Alle Tage besteht sein Geschäft nur aus Sorge und Ärger und selbst in der Nacht kommt sein Geist nicht zur Ruhe. Auch das ist Windhauch. (Koh 2,21-23)

Wir erleben das ja auch heute oft. Da ist einer, der hat Erfolg, baut mit Erfindergeist und unter größter persönlicher Anstrengung ein Unternehmen auf. Er hinterlässt seinen Kindern und Enkeln eine solide finanzielle Grundlage, doch diese haben nicht den Ehrgeiz, das Familienunternehmen weiterzuführen. Sie profitieren vom Gewinn und geben das Geld mit vollen Händen aus. Und so ist der Traum des Gründers, dass sein Name über Generationen hinweg in stolzen Lettern über dem Fabrikgebäude leuchtet, bald dahin.

Was bleibt von all dem, wofür einer sich anstrengt, seine Zeit opfert? Was bleibt davon, wenn einer tagelang auf Dienstreise ist, um die ganze Welt zu wichtigen Geschäftsterminen reist, ständig am Handy erreichbar und immer für die Firma da ist? Selbst wenn wir die horrenden Gehälter von Top-Managern betrachten, bedeutet dieser Reichtum Glück und erfülltes Leben? Ist das der Sinn des Lebens? Oder ist doch alles sinnlos?

Auch Kohelet weiß auf all diese Fragen keine einfache Antwort. Er weiß nur: mit einfachen frommen Sprüchen kommen wir da nicht weiter. Kohelet bietet verschiedene Antworten zur Auswahl an, die sich teilweise widersprechen. Die Antworten auf die großen Fragen des Lebens sind nicht vorgegeben, jeder soll die Möglichkeit haben, selbst seine Antworten zu finden. Dazu braucht es Hilfestellungen, Vorbilder, Texte, Menschen die zuhören, die nicht mit ihren vorgefertigten Antworten kommen oder ihre eigenen Antworten als alleinverbindlich betrachten. Es braucht Menschen, die Mut geben zum Weiterdenken und so anderen helfen, ihre eigenen Antworten auf die großen Fragen des Lebens zu finden.

Das Buch Kohelet

Worte Kohelets, des Davidsohnes, der König in Jerusalem war. (Koh 1,1)

Der Name Kohelet leitet sich ab von der hebräischen Wurzel qhl (Versammlung) und man kann ihn in etwa mit dem Wort Versammlungsleiter übersetzen. Luther hat dafür den Begriff Prediger gewählt, in der Vulgata heißt das Buch Ecclesiastes. Da Kohelet sich in der Überschrift und an weiteren Stellen im ersten Teil des Buches als König in Jerusalem und Davidsohn bezeichnet, zählt das Buch zusammen mit dem Buch der Sprichwörter, dem Hohenlied und dem Buch der Weisheit zu den salomonischen Schriften und trägt daher auch die Bezeichnung Prediger Salomo. Die Zuschreibung an König Salomo ist jedoch eine Fiktion.

Wahrscheinlich handelt es sich bei der Person Kohelets um einen Weisheitslehrer, der im 3. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem gelebt hat. Zu dieser Zeit gab es in Jerusalem keinen König, sondern Israel stand unter der Herrschaft der Ptolemäer, die als Nachfolger Alexanders des Großen von Alexandria in Ägypten aus über weite Teile des östlichen Mittelmeerraumes herrschten. Das Judentum wurde mit der Welt des Hellenismus konfrontiert, der die traditionelle religiöse Kultur zu verdrängen drohte. Zudem litt das Land schwer unter der hohen Abgabenlast.

Es war eine Zeit des Umbruchs, in der die traditionellen Werte auf dem Prüfstand standen. Wollte man diese Werte bewahren, mussten sie in die neue Zeit übersetzt und an die Jugend weiter gegeben werden. Dieser Aufgabe widmete sich Kohelet. Er lieferte keine Liste von Merksätzen der Tradition, die nach einer primitiven Schwarz-Weiß-Methode zeigen, was richtig ist und was falsch, sondern er hinterfragt die traditionellen Lehrsätze, stellt ihnen kritische Aussagen gegenüber und fordert so den Hörer/Leser dazu auf, sich selbst seine Meinung zu bilden. Das macht das Buch gerade auch für unsere heutige Zeit interessant. Auch heute geht es darum, unsere Tradition zu wahren, aber nicht durch reine Wiederholung alter Lehrsätze, sondern durch deren kritische Übersetzung in die Anforderungen unserer Zeit hinein.

In den ersten beiden Kapiteln wird deutlich, dass Kohelet selbst eine Ausbildung in der herkömmlichen Weisheit genossen hat. Er erkennt deren Unzulänglichkeit und stellt sich den Herausforderungen seines Zeitalters. Dabei scheut er sich nicht, tradiertes Wissen, welches mit der beobachteten Realität nicht übereinstimmt, als untauglich zu entlarven. Daher ist das Buch umstritten und es gab immer wieder Versuche, es doch in das traditionelle Schema zu pressen. Dem dienen wahrscheinlich auch die Schlussverse im Nachwort des Buches. Das Buch Kohelet ist eine der fünf Megillot (Festrollen), die zu den jüdischen Festtagen gelesen werden und wird zum Laubhüttenfest vorgetragen.

Sodom und Gomorra

Sodom_Gomorra

Sodom und Gomorra, diese beiden Städte sind bis heute sprichwörtlich für das sündige Treiben der Menschen. Gott will sehen, wie schlimm es wirklich um diese Städte steht, und sie wegen ihrer Sünden dem Erdboden gleich machen. Da fängt Abraham an, mit Gott zu handeln. Er erinnert ihn an sein Erbarmen. Gott kann doch nicht wollen, dass die Gerechten zusammen mit den Sündern vernichtet werden, und Gott gibt ihm Recht. Wenn sich dort fünfzig, ja auch nur zehn Gerechte finden, werden die Städte nicht zerstört. Doch jeder weiß, wie die Geschichte endet. Außer Lot, dem Verwandten Abrahams, findet sich dort kein einziger Mensch, der gerecht ist. Eine erschreckende Bilanz.

Die Männer machen sich also auf den Weg nach Sodom und werden dort von Lot gastfreundlich aufgenommen. Die Einwohner Sodoms aber versammeln sich vor dem Haus und fordern von Lot die Herausgabe seiner Gäste. Das Gastrecht ist im Alten Orient heilig. Lieber würde Lot seine beiden jungfräulichen Töchter herausgeben, als seine Gäste. Lot gerät in arge Bedrängnis und wäre fast selbst von den Bewohnern Sodoms getötet worden. Schließlich schlägt Gott die wütende Menge mit Blindheit, so dass sie ihr Vorhaben aufgeben müssen. Die Schlechtigkeit der Bewohner Sodoms aber ist nun nicht mehr zu übersehen.

Gleich am nächsten Morgen führt Gott Lot, seine Frau und dessen beide Töchter aus der Stadt. Sie sollen fliehen, sich dabei aber nicht umsehen. Die Schwiegersöhne Lots wollten mit ihren Familien nicht mitkommen. Als Lot in Sicherheit ist, zerstört Gott Sodom und Gomorra mit Feuer und Schwefel. Nichts bleibt übrig von den Städten in jener Gegend. Als aber die Frau des Lot sich umwendet, um das Ereignis zu sehen, erstarrt sie zu einer Salzsäule.

Es ist immer wieder nach den untergegangenen Städten Sodom und Gomorra gesucht worden. Man vermutet sie am südlichen Ende des Toten Meeres. Es ist eine unwirtliche Gegend, in der jede menschliche Ansiedlung unvorstellbar erscheint, und es nimmt nicht Wunder, dass die Erzählung sich gerade diesen Ort für die Handlung ausgesucht hat. Man hat in der Gegend südlich des Toten Meeres tatsächlich die Überreste einer bedeutenden Stadt entdeckt, die aller Wahrscheinlichkeit nach durch Feuer zerstört wurde. Die Datierung weist aber auf eine Zeit weit vor Abraham hin. Die Verfasser der Bibel könnten eine ihnen bekannte Erzählung vom Untergang einer Stadt dann an dieser Stelle der Abrahamserzählung eingefügt haben.

Die Einbettung in die Abrahamsgeschichte lässt zumindest auf dem zweiten Blick einen Hoffnungsschimmer in der Unheilsgeschichte aufblitzen. Gott will die Stadt nicht auf ein Gerücht hin vernichten, sondern macht sich selbst auf den Weg, um zu sehen, ob ihre Bewohner wirklich so sündhaft sind, wie es heißt. Er lässt sich mit Abraham auf einen Handel ein, er will davon ablassen, den Vernichtungsplan gegen die Stadt auszuführen, wenn sich dort nur zehn Gerechten finden. Aber die gibt es nicht.

Von einer Erzähltradition über den Untergang von Sodom und Gomorra, die unabhängig von der Abrahamsgeschichte überliefert ist, spricht die Erwähnung von Sodom im Ez 16,46-58 oder von Sodom und Gomorra im Zusammenhang mit den Städten Adma und Zebojim in Dtn 29,22. Hier wird ein Bezug zu Abraham mit keinem Wort erwähnt. Interessant ist auch, dass Sodom öfter für sich allein steht, Gomorra aber stets mit Sodom gemeinsam genannt wird. Der Prophet Hosea aus dem Nordreich Israel scheint eine Tradition über den Untergang von Adma und Zebojim (Hos 11,8) unabhängig von der vermutlich im Südreich Juda tradierten Erzählung über Sodom und Gomorra zu kennen.

Kolosserbrief (3)

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Der auferstandene Jesus ist immer lebendig und in seiner Kirche gegenwärtig, vor allem in der Eucharistie, dem Sakrament seines Leibes und Blutes. Die Gegenwart Christi unter uns ist nicht nur ein Trost, sondern auch eine Verheißung und ein Aufruf. Es ist ein Aufruf, als Missionare hinauszugehen, um die Botschaft der Zärtlichkeit, Vergebung und Barmherzigkeit des Vaters zu jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind bringen.

Papst Franziskus

Kolosserbrief (2)

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Der Christushymnus im Kolosserbrief soll der Gemeinde deutlich machen, dass Christus der Mittelpunkt des Glaubens ist, dass er alles beherrscht und neben ihm nichts sein kann, das nicht von ihm abhängig oder auf ihn hin geordnet wäre. Er beginnt mit einem Aufruf zum Lobpreis. Der Dank gilt dem Vater. Er ist der Ursprung von allem. Erst im nächsten Vers wird der Blick auf Christus gerichtet. Vater und Sohn sind untrennbar miteinander verbunden. Der Vater hat uns schon vor allem Anfang in seine Gemeinschaft berufen. Diese aber wird möglich durch den Sohn, der als Schöpfungsmittler und Erlöser alles in sich umschließt und zum Vater führt. Die Schöpfung ist von allem Anfang an auf Gott hin geordnet und in seinem Licht zu sein ist der Anteil, zu dem Gott die Menschen fähig gemacht hat.

Dankt dem Vater mit Freude!

Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind.

Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. (Kol 1,12-13)

Wörtlich übersetzt heißt es:

Er hat uns versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe.

Das Wort versetzt kennen wie z.B. von der Versetzung in eine andere Klasse oder auf eine andere Arbeitsstelle. Die Versetzung ist zum einen etwas, an dem derjenige, der versetzt wird, nicht aktiv beteiligt ist, das er aber doch beeinflussen kann. Die Versetzung in die nächste Klasse erfolgt weitgehend automatisch, wenn nicht schlechte Leistungen des Schülers dagegen sprechen. Die Versetzung auf einen anderen Posten in der Firma kann von den Erfordernissen des Betriebes abhängig sein, aber auch von der Leistung des einzelnen. So sieht auch Johannes Chrysostomus im Versetzt-werden die Bedeutung, “dass es nicht lediglich Gottes Werk, sondern auch Sache unserer Mitwirkung ist.”

Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden. (Kol 1,14)

Paulus zeigt, wodurch diese Versetzung in das Reich des Sohnes möglich wurde, nämlich durch die Vergebung der Sünden. Die Sünde ist es, die den Menschen an die Macht der Finsternis gefesselt hat. Der Mensch kann sich nicht selbst die Sünden vergeben. Er benötigt jemanden, der diese Vergebung wirkt. Gott selbst ist es, der die Vergebung schenkt, indem er seinen geliebten Sohn in die Welt gesandt hat. Der Sohn aber kann die Vergebung der Sünden wirken, weil alle Schöpfung in ihm und durch ihn und auf ihn hin geschaffen ist. Der geliebte Sohn ist der Schöpfungsmittler und kann daher auch zum Erlöser der Schöpfung werden. Was dies bedeutet, führen die folgenden Verse des Hymnus aus.

Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes,

der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.

Denn in ihm wurde alles erschaffen

im Himmel und auf Erden,

das Sichtbare und das Unsichtbare,

Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten;

alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.

Er ist vor aller Schöpfung,

in ihm hat alles Bestand. (Kol 1,15-17)

Die Rolle Christi als Erlöser kommt ihm nicht deshalb zu, weil er auf Erden etwas Großartiges vollbracht hätte, sondern sie ist in ihm bereits vor Erschaffung der Welt angelegt und grundgelegt. Der Sohn ist vor aller Zeit aus dem Vater geboren. Es gibt also keine Zeit, in der nur der Vater ohne den Sohn existiert hätte. Vater und Sohn gehören untrennbar zusammen, ebenso wie auch der Heilige Geist untrennbar zu Vater und Sohn gehört. Dar Vater ist der Schöpfer, die Schöpfung aber geschieht durch das Wort, den Sohn. Er geht aller Schöpfung voraus. In ihm wurde alles erschaffen und zwar restlos alles. Der Hymnus versucht hier, alle denkbaren Bereiche abzudecken, Himmel und Erde, Sichtbares und Unsichtbares, Throne, Herrschaften, Mächte und Gewalten.

Es gibt keinen Raum zwischen Himmel und Erde, der nicht in Christus geschaffen wäre, sowohl das Sichtbare, als auch das Unsichtbare ist durch ihn. Auch alle Welten der Engel und Geister, gerade auch jene, die die Irrlehrer den Kolossern vorstellen, unterstehen Christus. Es gibt keine Macht, und sei sie noch so sehr in der Finsternis, die unabhängig von Gott existieren würde.

Gott hat alles geschaffen. Welch ein Trost ist das für uns. Nichts kann uns trennen von Gottes Liebe. Aber doch stellt sich zugleich die Frage, warum es dann so viel Leid und Unheil gibt in der Welt. Diese Frage stellt Paulus hier nicht. Wir werden auch keine befriedigende Antwort auf diese Frage finden. Es bleibt uns allein, alle Zweifel durch das Vertrauen auf Gott zu überwinden, in der Hoffnung, dass er in aller Not und allem Leid einen Weg des Heils öffnet.

Nicht die Zweifel sollen uns regieren, sondern die Hoffnung. In unserem Herzen soll das unerschütterliche Vertrauen in Gottes Liebe herrschen. Dies ist der Glaube, von dem Jesus sagt, dass er Berge versetzt. Der Kleinmütige aber versinkt wie Petrus, als er noch unreif und übermütig zu Jesus über das Wasser laufen will. Gott verurteilt unseren Kleinglauben nicht. Gott weiß, dass wir Zeit und Erfahrung brauchen, um zu einem wirklich festen Glauben zu gelangen. Wir können einen solchen Glauben auch nicht machen, er wird uns geschenkt, aber das Geschenk können wir nur entdecken, wenn wir dafür bereit sind. Das ist die Versetzung, von der Paulus am Anfang des Hymnus spricht. Lassen wir uns von Gott versetzen in das Reich des Sohnes seiner Liebe, in dem alles erschaffen wurde, durch den und auf den hin alles ist und alles Bestand hat.

Er ist das Haupt des Leibes,

der Leib aber ist die Kirche.

Er ist der Ursprung,

der Erstgeborene der Toten;

so hat er in allem den Vorrang.

Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen,

um durch ihn alles zu versöhnen.

Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen,

der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut. (Kol 1,18-20)

Im zweiten Teil besingt der Hymnus das Geheimnis der Erlösung. Erlösung geschieht in der Kirche. Die Kirche ist Christi Leib, Christus aber ist das Haupt der Kirche. Viele Exegeten gehen davon aus, dass dieser Vers nachträglich vom Verfasser des Briefes in den übernommenen urchristlichen Hymnus eingefügt wurde. Er betont die Stellung der Kirche im Erlösungswerk Christi. Die Kirche ist das neue Volk Gottes, das Christus durch seine Auferstehung geründet hat.

Wie die Schöpfung durch Christus ist, so ist auch die Neuschöpfung in ihm. Die Auferstehung Christi ist der Anfang dieser Neuschöpfung. Auch hier wieder der universelle Gedanke. Alles will Gott durch Christus versöhnen. In Christus wohnt das Pleroma, die ganze Fülle. Es gibt keine andere Macht, durch die Erlösung werden kann. Allein das Kreuzesblut Christi wirkt unsere Erlösung, an der wir in der Taufe Anteil erhalten.

Beten wir, dass auch wir fest in der Hoffnung stehen, und dass Christus, der Ursprung unseres Lebens, auch dessen Mitte und Ziel ist. Das folgende Gebet kann uns helfen, das Gesagte zu vertiefen:

 

Christus, göttlicher Herr,

Dich liebt, wer nur Kraft hat zu lieben:

unbewusst, wer Dich nicht kennt,

sehnsuchtsvoll, wer um Dich weiß.

 

Christus, Du bist meine Hoffnung,

mein Friede, mein Glück, all mein Leben:

Christus, Dir neigt sich mein Geist;

Christus, Dich bete ich an.

 

Christus, an Dir halt ich fest

mit der ganzen Kraft meiner Seele:

Dich, Herr, liebe ich –

Suche Dich, folge Dir nach.

Amen.

Kolosserbrief (1)

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Der Kolosserbrief nennt Paulus und Timotheus als Verfasser. Wie in anderen Briefen, wird auch hier Paulus als Apostel bezeichnet. Timotheus wird durch seine Klassifizierung als Bruder des Paulus diesem an Würde gleichgestellt. Ungewöhnlich ist die Formulierung heilige Brüder, die nur hier vorkommt. Von ihrer Bedeutung her ist sie aber mit anderen Stellen der Paulusbriefe verwandt, in denen die Gläubigen als Heilige bezeichnet werden.

Die moderne Exegese betrachtet, trotz der Nennung des Paulus im Präskript und dem Hinweis auf den eigenhändig von Paulus geschriebenen Gruß am Ende des Briefes, die paulinische Verfasserschaft des Kolosserbriefes als literarische Fiktion. Sie begründet dies vor allem mit starken Unterschieden in der Christologie und Eschatologie zu anderen Paulusbriefen und sieht in dem Brief ein um das Jahr 70 entstandenes Werk von Paulusschülern. Jedoch können die Unterschiede auch mit einer Weiterentwicklung der theologischen Sichtweise des Paulus selbst und einer Anpassung an die Situation der Gemeinde erklärt werden.

Bereits die Kirchenväter sahen im Kolosserbrief einen späten Brief des Paulus. Wie die Briefe an Philemon, die Philipper und die Epheser zählt der Kolosserbrief zu den sogenannten Gefangenschaftsbriefen, die Paulus, ob real oder fiktiv, aus dem Gefängnis geschrieben hat.

Die Gemeinde in Kolossä war Paulus persönlich nicht bekannt. Der Kolosserbrief ist somit der einzige Paulusbrief, der an eine Gemeinde gerichtet ist, die Paulus weder selbst missioniert hat, noch selbst zu besuchen beabsichtigt. Die Mission war durch Epaphras erfolgt, der im Brief als „geliebter Mitarbeiter“ des Paulus bezeichnet wird und dessen Legitimation somit durch Paulus bekräftigt wird. Er hat Paulus vom Zustand der Gemeinde berichtet und auch von einer Irrlehre, die sich in Kolossä und anderen Gemeinden in der Umgebung ausgebreitet hat.

Der Brief will vor allem die durch diese Irrlehre verunsicherten Christen in ihrem Glauben stärken und die kirchliche Struktur festigen, die durch Paulus und seine Mitarbeiter repräsentiert wird, letztlich aber durch das von Christus legitimierte Apostelamt des Paulus auf Christus gründet. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass der Brief auch in der Gemeinde der Nachbarstadt Laodizea vorgelesen werden soll, gleichwie der Brief an diese Gemeinde, der uns nicht erhalten ist, auch in Kolossä vorgelesen werden soll. Aus diesem Grund sehen manche Exegeten in dem Kolosserbrief eher ein Rundschreiben an mehrere Gemeinden, als einen an eine einzelne Gemeinde gerichteten Brief.

Die phrygische Stadt Kolossä war zu Zeit des Paulus eine eher unbedeutende Kleinstadt. Sie liegt im fruchtbaren Tal des Lykos, eines Nebenflusses des Mäanders, an einer wichtigen Handelsstraße in der Nähe der zu jener Zeit weitaus bedeutenderen Städte Hierapolis und Laodizea. Seine einstige Bedeutung hatte Kolossä verloren, nachdem es mehrmals durch Erdbeben zerstört wurde, woraufhin wichtige Handels- und Verwaltungssitze von dort in sicherere Städte abwanderten. Obwohl es in jener Gegend sicher viele Juden gab, da in Geschichtsquellen berichtet wird, dass Antiochus III. diese dort angesiedelt hatte, bestand die Gemeinde in Kolossä weitgehend aus Heidenchristen.

Die Irrlehre, die damals um sich gegriffen hat, lässt sich anhand der Aussagen des Briefes nicht exakt definieren. Ihr zentraler Bestandteil war offensichtlich die Beachtung der Weltelemente, die als personale Schicksalsmächte gesehen wurden, was eine unchristliche Engellehre zur Folge hatte. Daneben werden asketische Speise- und Sexualgebote und die Forderung nach Beachtung bestimmter Zeiten erwähnt. Möglicherweise war mit dieser Lehre auch die in anderen Paulusbriefen viel diskutierte Forderung nach der Beschneidung der Heidenchristen verbunden. Dies alles bedeutet für Paulus eine Abkehr von Christus, der das Fundament des Glaubens ist, zu dem er die Kolosser zurückführen möchte.

Paulus – Ruhm im Kreuz

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Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. (Gal 6,14)

Wir hören heute das Schlusswort des Galaterbriefes. Paulus schreibt es eigenhändig, wie er wenige Zeilen vorher betont. Das ist eine besondere Auszeichnung, die seine Verbundenheit mit den Galatern deutlich machen soll. Die Aussöhnung mit ihnen liegt ihm wirklich am Herzen. Es geht ihm nicht um seinen eigenen Ruhm. Er will nicht, wie er es seinen Gegnern vorwirft, Menschen gefallen, sondern Gott. Ihm geht es um das Heil der Menschen.

Seine Gegner scheinen sich damit gebrüstet zu haben, dass sie die Galater zur Beschneidung „bekehrt“ haben. Paulus hat deutlich gemacht, dass die Beschneidung nichts ist, womit man sich rühmen kann. Allein das Kreuz Jesu Christi ist entscheidend. Unser Ruhm ist, dass Christus für uns gekreuzigt wurde. Worin andere eine Schande sehen, darin sehen wir Christen das Zeichen der Liebe Gottes und unseres Heiles. Durch das Kreuz Jesu Christi eröffnet sich eine neue Dimension. Nicht mehr die Dinge dieser Welt sind entscheidend. Wir leben nun nach anderen Maßstäben.

Unter Welt versteht er hier nicht den Himmel oder die Erde, sondern die irdischen Dinge, das sind Menschenlob, äußere Macht, Ruhm, Reichtum und alles dergleichen, das glänzend zu sein scheint. Dieses nämlich ist für mich tot. So muss der Christ beschaffen sein, dieses Wort muss immerdar in seinen Ohren ertönen. (Johannes Chrysostomus)

Der Christ lebt in der Welt, ist aber nicht mehr von dieser Welt. Seine Heimat ist im Himmel. Die irdischen Dinge besitzen für ihn keinen Wert mehr in sich, sondern nur, insofern sie dem Himmlischen dienen. Er hat sich freigemacht von den Verlockungen dieser Welt und lässt sich allein Locken von den Seligkeiten des Himmels. Das ist das Zeichen der neuen Schöpfung.

Denn es kommt nicht darauf an, ob einer beschnitten oder unbeschnitten ist, sondern darauf, dass er neue Schöpfung ist. Friede und Erbarmen komme über alle, die sich von diesem Grundsatz leiten lassen, und über das Israel Gottes. (Gal 5,15-16)

Dieser Satz ist eine knappe Zusammenfassung dessen, was Paulus im Brief ausführlich dargelegt hat. Mit Jesus Christus ist etwas Neues entstanden. Gott hat seinen Bund mit den Menschen erneuert. Der Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hat, bezog sich nicht nur auf Israel, sondern auf alle Menschen. Nun ist die Zeit da, in der sich diese Ausweitung des Bundes vom Volk Israel auf die ganze Welt vollzieht. Die Beschneidung aber hat in diesem neuen Volk Gottes, das sich auf den Glauben an Jesus Christus gründet, keine Bedeutung mehr.

In Zukunft soll mir niemand mehr solche Schwierigkeiten bereiten. Denn ich trage die Zeichen Jesu an meinem Leib. (Gal 6,17)

Noch einmal betont Paulus, welche Stellung er hat. Wie er am Anfang des Briefes seine apostelgleiche Berufung durch Jesus Christus deutlich gemacht hat, so macht er nun deutlich, dass er die Zeichen Jesu an seinem Leib trägt. Was meint er damit? Vielleicht will Paulus mit diesen Worten den Leser am Ende des Briefes noch einmal zum Nachdenken bringen. Das Zeichen Jesu an seinem Leib ist sicher nicht das Zeichen der Beschneidung, das Paulus als Jude trägt. Das Zeichen Jesu ist ein neues Zeichen. Warum aber spricht er hier von einem Zeichen am Leib, wenn er doch vorher so sehr die Geistigkeit des Glaubens betont hat?

Zeichen am Leib, Stigmata, wie es im griechischen Text heißt, kennen wir von manchen Heiligen, so zum Beispiel von Franziskus von Assisi oder Pater Pio. Die Wundmale der Kreuzigung Christi kommen bei diesen Heiligen zum Vorschein. Was nach außen hin als eine besondere Auszeichnung der Heiligkeit erscheint, ist für den Träger der Stigmata ein großes Leiden. Es ist nichts, das man sich wünschen sollte. Wer kann es ertragen, die Zeichen des Leidens Jesu am eigenen Leib zu tragen!

War Paulus auch stigmatisiert, oder meint er hier etwas anderes? Eine weitere Deutung dieser Stelle macht darauf aufmerksam, dass in der Antike religiös motivierte Tätowierungen üblich waren. So waren zum Beispiel die Priesterinnen und Priester gewisser Kulte tätowiert. Die Tätowierung bringt die Zugehörigkeit zu einer Person oder Gottheit zum Ausdruck. Sklaven trugen das Brandmal ihres Herrn, Soldaten oft das SPQR des römischen Reiches. Der selige Heinrich Seuse, in einer späteren Zeit, hat sich mit einer spitzen Feder das Christusmonogramm JHS über seinem Herzen eingeritzt. Es wäre also durchaus möglich, dass Christen sich damals ein solches Erkennungsmal in die Haut brennen ließen.

Am wahrscheinlichsten aber erscheint mir die Deutung, dass Paulus hier die Wunden meint, die er um Christi willen zugefügt bekam. Diese schildert er ausführlich in 2Kor 11,23-33. Wegen seiner Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi wurde er mehrmals ausgepeitscht, geschlagen und gesteinigt, er ist gezeichnet von den Strapazen seiner Reisen, den langen Fußmärschen oft durch karge Landschaften, er ist gezeichnet von den im Gebet durchwachten Nächten und häufigem Fasten. Darin zeigt sich sein Einsatz für Jesus Christus auch körperlich. Das sind die wahren Zeichen des Glaubens am Leib. Dem gegenüber ist die Bescheidung eine lächerliche Kleinigkeit. Die Zeichen, die Paulus am Leib trägt, sind mühsamer erworben und, was das entscheidende ist, nicht bloß äußerer Schein, sondern Ausdruck tiefer Ausdauer und wahrer Frömmigkeit.

Die Gnade Jesu Christi, unseres Herrn, sei mit eurem Geist, meine Brüder. Amen. (Gal 6,18)

Es ist ein versöhnlicher Gruß, mit dem Paulus den Brief an die Galater abschließt. Lange hat er um die Gunst der Adressaten gerungen und ihnen gegenüber seine Überzeugung verteidigt. Nun geht er davon aus, dass die Galater seine Argumente annehmen und auf seiner Seite stehen. Die hoch emotional aufgeladene Stimmung soll nicht mehr das einträchtige Verhältnis zwischen Paulus und seinen Gemeinden trüben. Nicht allein durch Argumente, auch durch sein Gebet und seine Bitte um den Segen Gottes, will er die Galater vor den Irrlehrern schützen.