Römer 12,1 – Leben aus Gottes Erbarmen

Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst. (Röm 12,1)

Nach den langen theologischen Ausführungen über Gottes Gerechtmachung aus dem Glauben und über die Rettung Israels angesichts dessen Unglaubens kommt Paulus nun zum praktischen Teil des Römerbriefes. Die Gläubigen sind gerecht gemacht vor Gott, sind von der Sünde befreit und durch die Taufe zu Kindern Gottes geworden. Sie sind das neue Volk Gottes, das in der Gemeinde vor Ort erfahrbar wird.

“Angesichts des Erbarmens Gottes”, mit diesen Worten fasst Paulus alles vorher im Brief Gesagte zusammen. Gott hat sich der Menschen erbarmt und schenkt allen, die an Jesus Christus glauben und durch die Taufe in das neue Volk Gottes eintreten, Erlösung und Vergebung der Sünden. Was dieses Erbarmen bedeutet, bringt Teresa von Avila mit wenigen Worten auf den Punkt:

Der Herr muss uns keine großen Geschenke geben. Es genügt, dass er uns seinen Sohn gesandt hat, der uns den Weg weisen soll. (Teresa von Avila)

Somit wir Erlösung konkret durch ein Leben aus dem Glauben nach der Weisung des Herrn, indem sich der Gläubige “als lebendiges und heiliges Opfer darbringt, das Gott gefällt.” Er stellt sich ganz, mit Leib und Seele, mit allem Denken und Tun, Gott zur Verfügung, um seinen Willen zu tun. Lebendig und heilig soll ein solches Opfer sein, nicht tot und verdorben. Die Werke dieser Welt, Unzucht, Heuchelei, Grausamkeit, führen zum Tod. Die Werke Gottes aber führen zum Leben. Wie diese Werke konkret aussehen, wird Paulus in diesem Kapitel noch näher darlegen: Liebe ohne Heuchelei, Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, Einmütigkeit, Vergebung sind hier nur einige Schlagworte. Johannes Chrysostomus erklärt dieses Opfer folgendermaßen:

Das Auge schaue nichts Sündhaftes an, und es ist zum Opfer geworden; die Zunge rede nichts Schlimmes, und sie ist zur Opfergabe geworden; die Hand tue nichts Verbotenes, und sie ist zum Opfer geworden. Aber das genügt noch nicht, sondern es bedarf auch guter Taten. Die Hand gebe Almosen, der Mund spreche Segenswünsche gegen Widersacher aus, das Ohr sei stets zum Anhören von Reden über göttliche Dinge bereit. Denn das Opfer darf nichts Unreines an sich haben, das Opfer soll ein Erstling von allem sein. So lasst denn auch uns Gott die Erstlinge der Hände, der Füße, des Mundes und aller andern Glieder darbringen! Ein solches Opfer ist Gott wohlgefällig, … die Art, zu opfern aber ist dabei eine ganz neue, und darum ist auch die Art des Feuers eine ganz eigene. Es braucht nämlich kein Holz oder sonstigen Brennstoff, sondern unser Feuer hat seine Lebenskraft aus sich selbst. Es verzehrt auch nicht die Opfergabe, sondern gibt ihr vielmehr Leben. (Johannes Chrysostomus)

Wer das neue Leben im Glauben an Jesus Christus lebt, der unterscheidet sich grundlegend von einem Weltmenschen. Auch wenn das Leben der Weltmenschen auf den ersten Blick als gut erscheinen mag, wenn sich sogenannte Gutmenschen als die Retter der Welt fühlen mögen, so entdeckt man hinter der äußeren Fassade oft gewaltige Schwachpunkte. Viel Dünkel und Eigennutz stehen dahinter und was zunächst so selbstlos erscheint, kann sich schnell zu einer totalitären Forderung und der Ausgrenzung Andersdenkender entwickeln.

Doch auch im Christentum ist selbstlose Liebe nicht allgegenwärtig. Immer wieder treten in der Kirche Machtstreben und Selbstsucht in den Vordergrund. Paulus ruft die Gläubigen zur Heiligkeit auf. Nicht nur Gutes zu tun, sondern es auch selbstlos zu tun, nicht nur nach außen den Anschein der Güte zu wecken, sondern auch im Inneren gütig zu sein. Zu seiner eigenen Überzeugung stehen, aber auch den Andersdenkenden anerkennen und annehmen in seiner Andersheit. Christliche Liebe muss tiefer gehen und weiter blicken als das Gutmenschentum. Das heißt vor allem, sich stets dessen bewusst zu sein, dass Gott uns zuerst geliebt hat, dass er uns sein Erbarmen erwiesen hat, und daher all unser Tun in seinem Dienst steht.

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