Gregor von Nyssa

Gregor von Nyssa gehört zusammen mit seinem älteren Bruder Basilius dem Großen und dessen Freund Gregor von Nazianz zu den drei „großen Kappadokiern“, die einen wichtigen Beitrag zur Durchdringung der Lehren der Christologie und Trinitätslehre im 4. Jahrhundert geliefert haben.

Schon früh haben sein älterer Bruder Basilius und seine Schwester Makrina einen großen Einfluss auf die christliche Bildung Gregors. Nach seinen Studien wird Gregor zunächst Rhetor, bis er seinen Beruf aufgibt und sich ganz dem asketischen Leben widmet. Aus der Einsamkeit wird er zum Bischof von Nyssa gewählt, ein Amt, das er treu verwaltete. Nach dem Tod seiner Bruders übernimmt er dessen Rolle als Verteidiger des orthodoxen Glaubens gegen die Irrlehrer und wird zu einer der zentralen Gestalten auf dem Konzil von Konstantinopel im Jahr 381.

Gregor strebt in seinem Denken und Tun danach, „das Leben nicht mit unnützen Dingen zu vertun, sondern das Licht zu finden, das erlaubt zu erkennen, was wirklich förderlich ist.“ Seine Theologie war nicht allein akademische Reflexion, sondern Ausdruck eines spirituellen Lebens, eines gelebten Glaubens. Seine zahlreichen Werke beschäftigen sich mit dem Zusammenhang von Gottheit und Menschheit in Jesus Christus, wobei er dessen vollkommene Göttlichkeit und zugleich dessen vollkommene Menschheit betont. Bei seiner Auslegung der Heiligen Schrift beschäftigt er sich vor allem mit der Schöpfung und der Gottebenbildlichkeit des Menschen.

„Nicht der Himmel ist nach dem Bild Gottes geschaffen worden, nicht der Mond, nicht die Sonne, nicht die Schönheit der Sterne, nichts anderes, was es in der Schöpfung gibt. Nur du (menschliche Seele) bist Bild der Natur geworden, die allen Verstand übersteigt, Ebenbild unvergänglicher Schönheit, Abdruck wahrer Göttlichkeit, ein Sammelbecken des seligen Lebens, Abbild des wahren Lichtes – du wirst wie Er, wenn du es anschaust, denn durch den Glanz, der durch deine Reinheit zurückstrahlt, ahmst du Denjenigen nach, der in dir leuchtet. Nichts Seiendes ist so groß, dass es deiner Größe gleichkäme.“

Der Mensch soll ein Leben führen, das dieser Würde entspricht, um so seine Gottebenbildlichkeit, die durch die Sünde beschmutzt ist, immer klarer zum Leuchten zu bringen.

„Wenn du durch eine gewissenhafte und achtsame Lebensführung den Schmutz wegspülst, der sich auf dein Herz gelegt hat, wird in dir die göttliche Schönheit wieder aufleuchten. … Wenn du dich selbst beobachtest, so wirst du in dir denjenigen sehen, der das Verlangen deines Herzens darstellt, und selig sein.“

Doch dies zu erlangen, ist nicht das Werk menschlicher Anstrengung, sondern Geschenk Gottes. 

„Es ist nicht unser Werk, und es ist nicht einmal das Gelingen eines menschlichen Vermögens, der Gottheit ähnlich zu werden, sondern Ergebnis der Großzügigkeit Gottes, der unserer Natur von Anfang an die Gnade Seiner Ebenbildlichkeit verliehen hat.“

Für die Seele geht es nicht darum, „etwas von Gott zu erkennen, sondern Gott in sich zu haben“. Ziel des menschlichen Lebens ist die Anschauung Gottes. Nur in ihr wird er seine Erfüllung finden. Hier auf Erden finden wir die Gemeinschaft mit Gott im Gebet.

„Durch das Gebet wird die Verbindung mit Gott hergestellt; wer aber mit Gott verbunden ist, ist notwendig von dem geschieden, was Gott widerstrebt. Das Gebet ist der Schutz der Mäßigung, die Zügelung des Zornes, die Unterdrückung des Hochmutes. … Das Gebet ist das Siegel der Jungfräulichkeit, die Treue in der Ehe, … die Zuversicht der Wachenden, die Bürgschaft der Ernte für die Landwirte, die Rettung der Seefahrer.“

Wenn wir Gott in uns haben, wenn der Mensch Gott liebt, dann will er aufgrund der Gegenseitigkeit, die dem Gesetz der Liebe eigen ist, das, was Gott selbst will, und wirkt gemeinsam mit Gott dafür, das göttliche Bild in sich zu formen, so dass „unsere geistige Geburt das Ergebnis einer freien Entscheidung ist und wir uns in gewisser Weise selbst erzeugen, indem wir uns so erschaffen, wie wir selbst sein wollen und uns unserem Willen entsprechend nach dem Vorbild formen, das wir uns wählen.“

Der Mensch wird also immer mehr zum Bild Gottes, indem er Jesus Christus immer ähnlicher wird. In Jesus Christus begegnet uns Gott in menschlichem Gesicht. In seiner Nachahmung tritt unsere Gottebenbildlichkeit immer stärker hervor. Gregor betont, dass hierbei neben dem Streben nach einem reinen Leben auch ganz besonders die Sorge für die Armen wichtig ist.

„Verachte diejenigen nicht, die am Boden liegen, so als ob sie deswegen nichts wert wären. Betrachte wer sie sind, und du wirst ihre Würde erkennen: Sie stellen für uns die Person des Erlösers dar. Und so ist es: denn der Herr hat ihnen in seiner Güte seine eigene Person verliehen, damit durch sie diejenigen zum Mitleid bewegt werden, die hartherzig sind und den Armen feindlich gegenüberstehen. … Zeige dich großzügig gegenüber diesen Brüdern, die vom Unglück getroffen werden. Gib dem Hungrigen das, was du deinem Bauch absparst. … Was nutzt es dir denn zu fasten und auf Fleisch zu verzichten, wenn du dann in deiner Bosheit nur nach deinem Bruder schnappst? Welchen Nutzen ziehst du vor Gott daraus, wenn du das deine nicht isst, um dann unrechtmäßig dem Armen das aus den Händen zu reißen, was ihm gehört?“

Leben und Lehre müssen zusammengehen. Frömmigkeit besteht nicht allein in Worten, sondern sie muss sich auch in Taten zeigen. Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Daher führt der Weg des Menschen zur Gottebenbildlichkeit über die Achtung seiner menschlichen Würde. Nicht in der dualistischen Abwertung der Menschlichkeit gelangt der Mensch zu Gott, sondern indem er seine Menschlichkeit von der Befleckung durch die Sünde reinigt und sie so in ihrer von Gott geschaffenen Schönheit zum Leuchten bringt. Wir dürfen uns an Gottes Schöpfung erfreuen und wenn wir sie recht betrachten, dann wird uns alles darin zu einer Quelle des Gebetes:

„Wer hat mir die Erde unter die Füße gebreitet? Wer hat das nasse Element so geschaffen, dass es der erfinderische Menschengeist schiffbar machen konnte? Wer hat mir den Himmel gefestigt wie ein Gewölbe? Wer trägt mir die Fackel der Sonne voraus? Wer entsendet die Quellen in den Schluchten? Wer hat den Flüssen ihre Rinnsale bereitet? Wer hat mir zur Hilfe die unvernünftigen Tiere unterworfen? Wer hat mich, als ich seelenloser Staub war, gerufen zur Teilnahme an Leben und Vernunft? Wer hat jenen Lehm nach dem Gleichnis des göttlichen Vorbildes gestaltet? Wer hat das in mir durch die Sünde entstellte göttliche Ebenbild wieder zur ursprünglichen Schönheit zurückgeführt? Wer zieht mich, nachdem ich aus dem Paradiese ausgeschlossen, vom Baum des Lebens weggetrieben und in den Abgrund der Sinnlichkeit geworfen bin, wieder zu jener Glückseligkeit empor, die zuerst uns geworden war? Keiner ist, der es erfasste, sagt die Schrift. Denn wenn wir darauf unseren Blick richten würden, so würden wir gewiss in keinem Augenblick unseres Lebens aufhören, Gebete des Dankes zu verrichten.“

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