Palmsonntag

Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte … (Mt 21,1a)

Über zwei Kapitel hinweg hat uns Matthäus vom Weg Jesu mit seinen Jüngern nach Jerusalem berichtet. Nun sind sie am Ziel angekommen, Jerusalem, dem Zentrum des jüdischen Glaubens mit dem imposanten Tempel des Herodes. Galiläa war Provinz, weit weg von den Schaltstellen der Macht. Dort war Jesus weitgehend sicher. In Jerusalem aber sitzen die religiösen Führer der Juden, denen Jesus schon lange verdächtig ist, und auch die römische Besatzungsmacht ist hier stark präsent.

Jesus hat den Weg nach Jerusalem bewusst gewählt. Hier will Jesus bewusst Aufmerksamkeit erregen. Er zieht nicht heimlich in die Stadt ein, vielmehr wird es ein Triumphzug werden. In Jerusalem zeigt sich Jesus offen als Messias und fordert so die Menschen zur Entscheidung – für ihn oder gegen ihn. Es ist alles vorbereitet, Jesus weiß, wohin er seine Jünger schicken muss, um das passende Reittier zu besorgen.

… und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los, und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen.
Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig, und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers. (Mt 21,1b-5)

Jesus erfüllt, was der Prophet Sacharja (Sach 9,9) verheißen hat. Er ist der neue König von Israel, in dessen Reich Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Er kommt nicht stolz hoch zu Ross, sondern demütig auf einem Esel, wie es der Prophet angekündigt hat. Aber gerade durch die Erfüllung des Prophetenwortes lässt Jesus keinen Zweifel daran: er beansprucht die Herrschaft über die Stadt, er beansprucht die Herrschaft über die Herzen.

Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. (Mt 21,6-8)

Bisher war Jesus nicht darauf aus, die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu ziehen. Er hat seine Wunder im Verborgenen gewirkt, wollte nicht, dass die Menschen davon sprechen. Ihm ging es vor allem darum, einem konkreten Menschen zu helfen oder ein Zeichen zu geben, auf keinen Fall aber, selbst vor den Menschen groß dazustehen. Jedes Mal, wenn nach einem Wunder die Menge begeistert war, hat Jesus sie auf ein tieferes Geheimnis hingewiesen, woraufhin die Menge meist ratlos war.

Jesus ist bisher auch noch nie geritten, immer war er zu Fuß unterwegs. Doch nun ist es anders. Er lässt sich von den Menschen feiern. Er lässt zu, dass die Menschen ihn König, Sohn Davids, nennen. Doch auch hier ist es anders als es bei Königen normalerweise ist. Es sind nicht Soldaten, die ihm zujubeln, sondern einfache Menschen. Sie haben keine großen Geschenke. Sie breiten ihre Kleider über den Weg und reißen sich Zweige von den Bäumen ab zur Huldigung. Jesus reitet auf einem kleinen Esel, er ist der Friedenskönig. Er will sein Reich des Friedens auf der Erde errichten, das nicht mit Waffengewalt die Herrschaft über die Menschen durchsetzt, sondern in Liebe die Herzen aller Menschen vereint.

Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!
Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa. (Mt 21,9-11)

Alles ist gut vorbereitet. Jesus weiß, was er tut. Die Leute wissen es auch. Sein Einzug in Jerusalem bleibt nicht verborgen. Die ganze Stadt gerät in Aufregung und die Menschen strömen zusammen, um dem neuen König zu huldigen. “Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!”

Zu Recht waren sie ergriffen, als sie das wunderbare Geschehnis erblickten. Ein Mensch wurde wie Gott gepriesen, aber gleichzeitig wurde Gott im Menschen gepriesen. Ich glaube jedoch, dass selbst diejenigen, die die Loblieder sangen, nicht wussten, was sie priesen; vielmehr trat plötzlich der Geist in sie ein und goss ihnen Worte der Wahrheit ein. (Johannes Chrysostomus)

Anders als bei weltlichen Königen, denen man den Segen Gottes wünscht und für die man Gott bittet, dass ihr Handeln segensreich sein möge, geht von Jesus selbst das Heil aus. Kein irdischer Herrscher kann sich anmaßen, den Menschen das Heil zu bringen. Er kann durch eine segensreiche Regierung die Rahmenbedingungen für ein gutes Leben der Menschen herstellen, aber nicht deren Heil wirken. Doch Jesus bringt das Heil für den ganzen Menschen und für alle. Dieses Heil erlangt, wer sich der Herrschaft Gottes unterstellt.

Die Menschen geben Zeugnis von Jesus, als viele nicht wissen, wer hier so machtvoll in die Stadt einzieht. Das ist Jesus aus Nazaret in Galiläa, ein Prophet. Doch Jesus ist mehr als ein Prophet. In den folgenden Tagen wird er in Jerusalem durch seine Worte und Taten den Menschen zeigen, was die nun anbrechende Gottesherrschaft bedeutet. Und dann wird er seinen Thron besteigen und nach seinem Tod am Kreuz den ihm gebührenden Platz zur Rechten Gottes einnehmen.

Recht und Gerechtigkeit

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. (Mt 5,17)

Jesus lehrt nicht ein neues Gesetz. Er steht fest in den Geboten, die sein Vater dem Volk Israel gegeben hat. Aber wie Israel das Gesetz lebt, ist Gott zu wenig. Aus dem lebendigen Gebot Gottes hat Israel starre Vorschriften gemacht. Das ganze Leben war durch Gebote geregelt, aber es gab auch Ausnahmen, die dem eigentlichen Sinn des Gesetzes widersprachen. So wurde aus Gottes Gebot Menschengesetz. Jesus will diese starren Mauern des Gesetzes durchbrechen, nicht indem er Gottes Gesetz aufhebt, sondern indem er ihm seine ursprüngliche Lebendigkeit und Dynamik zurückgibt.

Als Christen sind wir dazu aufgerufen, nie wieder die Menschen in die engen Mauern von Geboten zu sperren. Aber auch ein freizügiges “alles ist erlaubt” wäre die falsche Alternative. Immer neu nach Gottes Gebot fragen und in jedem Augenblick versuchen das zu tun, was Gott will, ist eine größere Herausforderung als einfältiger Legalismus. Sie bringt Spannung ins Leben und letztlich die Freude darüber, zu sehen, wie sich die Welt verändert und Gottes Licht in ihr erstrahlt.

Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Mt 5,20)

Gerechtigkeit fängt im Herzen an. Nicht erst die offensichtliche Übertretung eines Gesetzes ist Unrecht, sondern schon eine negative Haltung dem anderen Menschen gegenüber, so beispielsweise unversöhnlicher Zorn oder die Geringschätzung der eigenen Frau.

Wenn es zum Äußersten kommt, zu Mord, Ehescheidung oder Meineid, dann ist es meist zu spät für ein Zurück, für eine Versöhnung. Wir sollen bereits dann, wenn wir merken, dass etwas in der Beziehung nicht stimmt oder wir mit einem Menschen plötzlich in Streit geraten, prüfen woran es liegt, und unser Möglichstes tun, den Frieden wieder herzustellen.

Wenn man erst anfängt, einer Sache nachzugehen, wenn ein Mensch zu Tode gekommen ist, dann ist es eigentlich zu spät. Der Hass, der sich letztlich im Akt des Tötens entlädt beginnt schon früher. Schon wenn es zu Zorn, Streit oder gar Beschimpfungen kommt, gilt es einzuschreiten. Hier kann noch Versöhnung gestiftet werden. Bereits beim ersten Tropfen Gift, der in einen Körper tritt, muss mit der Heilung begonnen werden, nicht erst, wenn der ganze Körper vergiftet ist.

Unser Streit mit anderen Menschen hat auch eine direkte Auswirkung auf unsere Beziehung zu Gott. Ich kann nicht mit einem anderen im Streit sein und vor Gott so tun, als sei nichts gewesen. Das Entscheidende dabei ist nicht, dass ich etwas gegen einen anderen habe, viel wichtiger ist, dass ein anderer nichts gegen mich hat. Ein Streit ist erst gelöst, wenn in den Herzen beider Gegner Frieden eingetreten ist.

Ehebruch beginnt nicht erst, wenn er vollzogen wird. Bereits dann, wenn ich in der Treue zu meinem Partner schwach werde, öffnet sich ein Tor, durch das sich eine unrechtmäßige Beziehung anbahnen kann. Auch hier gilt es, den Anfängen zu wehren. Jesus wird hier sehr radikal. Wenn ich meine Blicke nicht zügeln kann, dann wäre es sogar besser, das Auge auszureißen, als dem verführerischen Blick nachzugeben.

In orientalischen Gesetzbüchern bis zur islamischen Scharia heute ist es üblich, einem Menschen für ein Verbrechen durch den Verlust des Gliedes zu bestrafen, durch welches das Verbrechen verübt wurde. Wer Diebstahl begangen hat, dem soll die Hand abgehauen werden. Jesus ist hier noch radikaler. Nicht erst, wenn das Verbrechen geschehen ist, soll der Mensch bestraft werden, sondern es wäre besser für einen, der sich nicht selbst im Griff hat, bevor er ein Verbrechen begeht, sich selbst die Hand abzuhauen, damit er nicht schuldig wird.

Diese Forderungen dürfen nicht wörtlich verstanden werden. Aber dennoch soll ihre Radikalität uns aufrütteln, damit wir uns bewusst sind, wie sehr bereits Kleinigkeiten das Miteinander der Menschen und die Beziehung zu Gott stören können.

Die Seligpreisungen (4)

Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. (Mt 5,8)

Die sechste Seligpreisung beinhaltet die größte aller Verheißungen, Gott zu schauen. Kein Mensch kann Gott anschauen, so war die Überzeugung der Menschen des Alten Testaments. Selbst ein großer Prophet wie Elija verbarg sein Gesicht, als Gott an ihm vorüberzog. Gott zu schauen, das überlebt nur ein Mensch, der keine Sünde hat, und selbst der Frömmste weiß, dass er nicht ohne Sünde ist.

Wenn Jesus denen, die reinen Herzens sind, verheißt, Gott zu schauen, dann bedeutet dies, dass der Graben zwischen Gott und Mensch, den die Sünde des Menschen aufgerissen hat, überbrückt ist. Die Brücke zu Gott sieht Jesus aber nicht in asketischen Höchstleistungen und akribischer Erfüllung religiöser Vorschriften, sondern allein darin, dass jemand ein reines Herz hat. An anderer Stelle wird Jesus sagen, dass nicht das den Menschen verunreinigt, was in ihn hineingeht (also aus Sicht der Juden unreine Speisen oder Berührungen), sondern was aus dem Menschen herauskommt.

Das Herz ist Sitz der Seele des Menschen. Aus einem verdorbenen Herzen kommen Schlechtigkeit und Bosheit, Neid und alle anderen Übel, die Menschen einander antun. Wenn das Herz aber rein ist, dann entströmt ihm Liebe und nichts als Liebe. Wir wissen, wie schwer das ist. Wie leicht lassen wir uns dazu hinreißen, über andere schlecht zu denken, ein böser Blick, ein unfreundliches Wort, all das kommt so leicht aus uns hervor.

Somit ist die Erlangung der höchsten Verheißung auch mit der höchsten Anstrengung verbunden. Es bedarf ständiger Wachsamkeit und lebenslanger Übung, das Herz rein zu halten. Für die Wüstenväter, die in Einsamkeit und Schweigen wohnten, war es die größte Herausforderung. Antonius der Große sagt:

Wer in der Wüste sitzt und die Herzensruhe pflegt, wird drei Kämpfen entrissen: dem Hören, dem Reden, dem Sehen. Er hat nur noch einen Kampf zu führen: den mit dem Herzen. (Apophthegmata Patrum)

Der Mensch muss erst einmal lernen, es mit sich selber auszuhalten. Wir entdecken unser Herz, wenn wir einmal alle Zerstreuungen und jedes Unterhaltungsprogramm abschalten. Wir müssen aber auch dazu bereit sein, das anzuschauen, was wir verdrängt haben. Ehrlich zu mir selbst sein, das ist der erste Schritt zu einem reinen Herzen. Es werden viele Wunden und Verletzungen zum Vorschein kommen. Diese können wir in das Licht der göttlichen Gnade halten und um Heilung bitten. Manchmal bedarf es dazu auch der professionellen Hilfe dazu befähigter Menschen.

Wenn wir so den Blick auf uns selbst gewagt haben, müssen wir ehrlich darauf schauen, wie wir anderen begegnen. Wo hege ich Zorn und Groll gegen andere, wo kann ich nicht verzeihen? Wo habe ich anderen wehgetan und muss selbst um Verzeihung bitten? Wenn wir achtsam sind, werden wir entdecken, wie weit wir noch von einem reinen Herzen entfernt sind. Aber das soll uns nicht entmutigen. Wir können jeden Augenblick neu anfangen. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen gibt uns die neue Chance, unser Herz zu üben.

Ein reines Herz haben, das bedeutet, nicht auf Äußerlichkeiten zu achten und nur nach außen hin gut scheinen zu wollen. Das wäre Heuchelei, die Jesus scharf kritisiert. Ein reines Herz haben, das bedeutet, wirklich aus ganzem Herzen gut sein. Gott allein sieht das Herz. Menschen können wir täuschen, Gott nicht. Darum ist nicht jeder, der vor den Menschen groß erscheint, auch vor Gott groß. Gott allein aber ist der Maßstab dafür, ob unser Herz rein ist, und würdig ihn zu schauen.

Der Mensch ist das, was er vor Gott ist, das und nicht mehr. (Franz von Assisi)

Die Seligpreisungen (3)

Selig die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. (Mt 5,6)

Gerechtigkeit haben wir nötig wie das tägliche Brot. Wer täglich unter Ungerechtigkeiten leiden muss, der verkümmert wie einer, der nichts zu Essen und zu Trinken hat. Hunger und Durst sind aber auch konkrete Folgen von Ungerechtigkeit. Jeder Reichtum eines Menschen stürzt viele andere in Armut. Es gibt keine Rechtfertigung für den Reichtum. Wer aber wegen der Ungerechtigkeit dieser Welt Hunger und Durst leiden muss, der ist glücklich zu preisen.

Doch, so fragen wir, was hat der Hungernde und Dürstende von dieser Seligpreisung? Ist sie nicht ein Hohn? Nun können doch die Reichen erst recht voller Spott sagen: Dann ist es doch gut, dass wir unseren Reichtum genießen, wenn der Hungernde und Dürstende dafür das Glück bei Gott bekommt. Auch 2000 Jahre nach der Bergpredigt ist es doch immer noch so, dass es den Reichen gut geht und die Armen unglücklich sind.

Und doch liegt in den Worten Jesu eine Kraft, die den Hungernden und Dürstenden zusagt, dass ihre Situation nicht unumkehrbar ist. Aber was heißt satt werden konkret? So zu werden wie die Reichen? Das wünschen sich ja die viele. Gerade darum ist diese Seligpreisung Jesu eine Herausforderung sowohl für dir Satten als auch für die Hungernden.

Jeder Mensch hat die gleiche Würde, aber jeder Mensch hat unterschiedliche Fähigkeiten. Gerechtigkeit entsteht nicht, indem alles gleich gemacht wird und alle gleich behandelt werden. Gerechtigkeit entsteht, wo ein Mensch den anderen achtet und sich nicht über andere erhebt. Gerechtigkeit gibt dem andern, was recht ist und zwar dauerhaft und unverlierbar. Wer viele Fähigkeiten hat, soll den nicht verachten, der es nicht so weit gebracht hat wie er. Wenn die Menschen verschiedener Schichten und Klassen sich nicht gegeneinander abgrenzen, sondern miteinander leben und teilen, was sie haben, dann können alle satt und glücklich werden und die Gerechtigkeit blüht auf.

Wie konkret der Hunger nach Gerechtigkeit sein kann, zeigt uns ein Gebet aus Lateinamerika:

Gott, wir danken dir für Brot.
Wir bitten dich um Brot für die,
die hungern müssen.
Wir bitten dich um Hunger nach Gerechtigkeit
für die, die Brot haben.
Gott, wir danken Dir für Brot. Amen.

Die Seligpreisungen (2)

Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. (Mt 5,4)

Trauer kann vielfältige Formen haben, sie kann Trauer um den Verlust eines lieben Menschen sein. Menschen leiden aber oft auch an den konkreten Verhältnissen, in denen sie leben. Unter den Zuhörern Jesu waren sicher viele, die kaum das Nötigste zum Leben hatten und Unterdrückung und Ausbeutung am eigenen Leib erfahren mussten. Sie alle dürfen darauf hoffen, dass es jemanden gibt, der sie ernst nimmt mit ihren Sorgen und Nöten und sie nicht mit leeren Worten vertröstet. Auch wenn es oft nicht so scheint, ist in jeder Lage ein Ausweg möglich. Gottes Zusage gibt Hoffnung und macht Mut, einen neuen Anfang zu wagen.

In der frühen Auslegung sah man in den Trauernden vor allem diejenigen, die über ihre Sünden trauern. Wie bei der vorangegangenen Seligpreisung der Armen, sollten wir uns auch hier davor hüten, Trauer nur in einem spirituellen Sinn zu sehen. Wie es verschiedene Formen von Armut gibt, so gibt es auch verschiedene Formen der Trauer. Jesu Aussagen sind immer konkret und daher meint er jede Form von Trauer, die über unser eigenes Versagen, über uns angetanes Unrecht oder über einen schmerzlichen Verlust. All diese Formen der Trauer sind “gottgewollt” und wenn wir ihnen im Vertrauen auf Gottes Hilfe Zeit und Raum in unserem Leben gewähren, wird Gottes Trost erfahrbar.

Jesus selbst hat das Leid und Trauer auf sich genommen. Er wusste, dass zum menschlichen Leben nicht nur die Freude gehört, sondern ebenso das Leid. Wer nur die Freude sieht, ist in Gefahr, oberflächlich zu werden. Wer auch Leid erfahren hat, dringt leichter in die Tiefe und überlässt sich eher hoffend und vertrauend Gott. Aber doch hat Jesus nie die Trauer und das Leid verherrlicht. Sie gehören zum Leben. Man soll sie annehmen, aber nicht suchen.

Doch wie kommt Jesus dann dazu, die Trauernden selig zu preisen, sie ob ihrer Trauer zu beglückwünschen? Wie kann er das tun, ohne dass es für die Trauernden unpassend, stillos wirkt oder als leere Vertröstung auf die Zukunft? Ist Trauer nicht vielmehr etwas, das nicht sein sollte, nicht sein darf? Jesus stellt hier wie so oft unser alltägliches Empfinden auf den Kopf. Jesus will uns sagen, dass mit seinem Wirken das Himmelreich bereits angebrochen ist. Jesus nimmt den Menschen ihre Not und beseitigt damit die Ursache ihrer Trauer. Wer einen Grund zur Trauer hat, bekommt damit zugleich die Möglichkeit geschenkt, Gottes Trost auf eine neue, überwältigende Weise zu erfahren. Dieser Trost Gottes aber ist es, der die Menschen selig, glücklich macht.

Das ist alles schön gesagt, aber erfahren wir das auch? Zeigt uns unsere Erfahrung nicht viel mehr, dass es auch nach der angebrochenen Gottesherrschaft, nach der Auferstehung Jesu und nach der Sendung des Heiligen Geistes viel Trauer und viel Trauernde gibt? Die Wende zum Heil hat offensichtlich nicht zu einem Dauerzustand des Getröstet-Seins unter den Gläubigen geführt. Welchen Sinn hat also diese Seligpreisung der Trauernden noch für die Glaubenden, für uns heute? Es genügt nicht, zu sagen, es war einmal so zur Zeit Jesu und wird nach unserem Tod wieder so sein, dass Gott die Trauernden trösten wird. Dieser Trost muss vielmehr auch jetzt und heute konkret erfahrbar sein.
Die Seligpreisung der Trauernden ist in sich schon eine frohmachende Botschaft, weil sie im Trauern selbst ein Verhalten sieht, das den Keim der Gottesherrschaft in sich trägt und aus dem das Heil dieser Gottesherrschaft mitten in der Zeit zu einer trostspendenden Frucht heranreifen kann. Die Trauer selbst ist ein Teil des Reiches Gottes. Aber wie ist das möglich? Trauer tut doch weh, sie ist eine Herausforderung. Oft wird sie unterdrückt, wir scheuen uns davor, Trauer öffentlich zu zeigen.

Wenn wir aber Trauer zeigen können, so ist dies ein Zeichen von Stärke und nicht von Schwäche. Wo wir dem Drang nach Erinnerung, nach Erzählen und Mitteilen, nach Verstehen und Aufarbeiten nachgeben, da kann Trauer ungemein lösend wirken, da führt sie uns behutsam zum Loslassen-Können, zum Versöhntwerden, zum Annehmen des Geschehenen, ja zu neuem Lebensmut und zu neuen Anfängen. Selig, wer so trauern kann, denn er wird darin dem tröstenden Gott begegnen!

Die Seligpreisungen (1)

Im vorangegangenen Kapitel hat Matthäus uns knapp vom ersten Auftreten Jesu berichtet, von seinem Ruf zur Umkehr, ersten Heilungen und der Berufung der ersten Jünger. Jesu Auftreten ist nicht ohne Wirkung geblieben. Viele Menschen waren spontan von ihm fasziniert und wollten mehr von ihm erfahren. Jesus sieht die Volksscharen, die ihm folgen, und steigt auf einen Berg, um zu ihnen zu sprechen.

“Selig sind …” Neun Mal gebraucht Jesus diese Formulierung. Wenn wir genau hinsehen, fällt uns auf, dass die erste und die achte Seligpreisung mit der Verheißung enden: denn ihnen gehört das Himmelreich. Die neunte unterscheidet sich stilistisch von den übrigen, hier heißt es nicht “Selig sind …” sondern “Selig seid ihr”. Auch dies wird als Belegt dafür gesehen, dass hier ein ursprüngliches Achter-Schema vom Evangelisten erweitert wurde.

Die neunte Seligpreisung ist deutlich länger und hat einen zweiten Abschnitt, der mit den Worten beginnt “Seid fröhlich und getrost”. Wenn man diesen zweiten Abschnitt als eigene Seligpreisung sieht, kommt man dann auf die Zahl von zehn Seligpreisungen, die als Parallele zu den Zehn Geboten gesehen werden kann. Ähnlich wie Mose in der Tora die Zehn Gebote den übrigen Gesetzen voranstellt, bilden für Jesus die Seligpreisungen den Auftakt zu seiner Lehre.

Bevor wir die Seligpreisungen im Einzelnen betrachten, noch ein kurzer Blick auf die Bedeutung des Begriffs “selig”. Im griechischen Urtext steht hier das Wort “makarios”, im Lateinischen “beatus”. Im Deutschen können wird das mit “selig, glücklich, gepriesen” wiedergeben. Freude und Heil für die Armen und Trauernden. Makarios, das ist kein Wort, bei dem man ruhig bleiben kann, das spurlos an einem vorübergeht. In dem Wort stecken Emotionen, es lässt uns aufstehen. Es ist eine Ermutigung. Ihr Armen und Trauernden bleibt nicht sitzen in eurem Elend. Erkennt und staunt, ihr seid zur Heiligkeit berufen, steht auf, die Freude und das Glück warten auf euch. Es ist nur ein kleiner Schritt, aber ihr müsst ihn wagen, ins Ungewisse, aber im Vertrauen darauf, dass Gott bei euch ist und euch beschenkt.

Wenn es etwas gibt, was die Heiligen kennzeichnet, dann ist es dies, dass sie wirklich glücklich sind. Sie haben das Geheimnis dieses echten Glücks entdeckt, das auf dem Grund der Seele wohnt und dessen Quelle die Gottesliebe ist. Darum werden die Heiligen seliggepriesen. Die Seligpreisungen sind ihr Weg und ihr Ziel zur Heimat hin. Die Seligpreisungen sind der Weg des Lebens, den der Herr uns lehrt, damit wir seinen Spuren folgen. (Papst Franziskus)

Die Heiligen, das sind alle, die Gottes Ruf folgen, die aufstehen und ein neues Leben wagen, mit Jesus auf sein Wort hin. Der Weg dieser Menschen unterscheidet sich grundlegend von dem der anderen Menschen in der Welt. Wer Jesus nicht kennt, dem mag dieser Weg unsinnig erscheinen, es ist in der Tat kein Weg, auf dem man zu irdischem Ruhm und Reichtum gelangt, aber er führt zu etwas, das wichtiger und größer ist als dies, er führt zu tiefem Glück und unvergänglicher Freude.