Immaculata

immaculata_6Heilige Maria, Mutter Gottes,

Königin des Himmels und Pforte des Paradieses,

Herrscherin der Welt und Allreinste der Jungfrauen,

sei uns gegrüßt!

 

Du bist ohne Erbschuld empfangen

und jeglicher Sünde bar.

Ohne Sündenmakel hast Du Jesus empfangen,

den Heiland der Welt.

Du bist die Unbefleckte Jungfrau

vor, in und nach der Geburt.

 

Lass mich durch Deine mächtige Fürsprache

gottselig, rein und heilig leben,

und bitte für uns und alle

bei Jesus, Deinem geliebten Sohn.

 

Nach meinem Tod nimm mich gnädig auf.

Halte fern von mir alle Übel des Leibes und der Seele.

Lass mich anderen helfen,

die Werke der Barmherzigkeit vollbringen,

und verleihe, dass ich in der Paradies-Herrlichkeit

mich ewig mit Dir freuen möge. Amen.

 

Ältestes Gebet zur Immaculata aus der Wallfahrtskirche von Neviges

Johannes der Täufer

Hart ist das Leben Johannes des Täufers, hart sind die Worte seiner Predigt. Von Gottes Ruf getroffen ist Johannes in die Wüste gegangen, in die steinige Einöde im Osten Israels. Karg ist sein Leben, bekleidet mit einem einfachen Mantel aus Kamelhaar ernährt er sich von dem, was ihm die Wüste bietet: von Heuschrecken und wildem Honig. Dann ruft ihn Gott, das Wort an das Volk Israel zu richten, dass die Zeit da ist, in der Gott den schon so lange und  sehnsüchtig erwarteten Messias senden wird. Durch Umkehr soll sich Israel für ihn bereit machen.

Wenn wir es recht betrachten, so scheint Johannes der Täufer damals auf einem ganz aussichtslosen Posten gestanden zu haben. In der Einöde in der Nähe des Flusses Jordan kündigt er einen Heilbringer an, von dem die ganze Welt erfahren soll und gibt sich als dessen Wegbereiter aus. Ein Irrer, wie es viele auf der Welt gibt? Doch an den Früchten wird man erkennen, was ein echter Prophet ist.

Das Wort des Johannes bleibt nicht ungehört. Viele sind es, die sich von Jerusalem und ganz Judäa auf den beschwerlichen Weg an den Jordan machen. Sie bekunden ihre Bereitschaft zur Umkehr durch den Empfang der Taufe. Johannes scheint auch sehr detaillierte Anweisungen gegeben haben, wie die Menschen ihre Bereitschaft zur Umkehr in ihrem Leben zum Ausdruck bringen können.

Der Messias, den Johannes verkündet, wird zum Gericht auf die Erde kommen. Eindrucksvoll ist das jedem Menschen damals vertraute Bild, wenn bei der Ernte die Spreu vom Weizen getrennt wird und jeder kann sich vorstellen, wie die trockene Spreu in kürzester Zeit vom Feuer verbrannt wird. Wir dürfen uns da ein großes Feuer vorstellen, eine Art Weltenbrand, und ein solch großes Feuer erhitzt die Luft, so dass ein Sturm entsteht. Doch dieser Feuersturm, den wir dann an Pfingsten erleben, wird ein ganz anderer sein als der, den sich Johannes ausgemalt hat.

Am dritten Adventssonntag werden wir die zweifelnde Frage des Johannes hören, ob Jesus Christus wirklich der Messias ist, den er angekündigt hat. Denn wenn wir auf das Leben Jesu schauen, so offenbart sich in ihm nicht ein Gott des Gerichtes, sondern ein Gott der Barmherzigkeit. Auch Jesus wird von der Notwendigkeit der Umkehr sprechen, von der Entscheidung für ein Leben, das Gottes Liebe zum Ausdruck bringt, von einem Gericht, das der Welt bevorsteht. Doch Jesus tut das nicht mit donnernden Worten. Er tut es, indem er Gottes Barmherzigkeit zeigt und deutlich macht, dass ein Mensch nur gewinnen kann, wenn er sich in die Hände dieses barmherzigen Gottes gibt.

Vielleicht können uns die Worte des Propheten Jesaja aus der ersten Lesung helfen, Gottes Handeln besser zu verstehen. Dort wird ein Messias angekündigt, der in Gerechtigkeit über die Gewalttätigen richtet. Die Bösen müssen in die Schranken gewiesen werden, damit das Leben der Guten möglich ist. Nur wenn Gerechtigkeit herrscht, kann das Friedensreich anbrechen, das Jesaja in so schönen Worten schildert.

Uns Menschen wird es nie gelingen, diese Gerechtigkeit durchzusetzen. Alle Versuche sind kläglich gescheitert. Wenn wir die Worte des Jesaja genau lesen, so fordert er auch nicht die Menschen dazu auf, zu richten. Nein, es wird Gott selbst sein, der richtet. Er allein vermag der Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen. Uns gelten die Worte der Mahnung zur Umkehr. Jeder ist aufgerufen, in seinem Leben darauf zu achten, wie er mehr Gerechtigkeit und Barmherzigkeit auf der Erde sichtbar machen kann. Wir sind nicht zum Richten und Urteilen berufen. Wir wissen nicht, was im Innern eines Menschen vor sich geht. Nur Gott kennt die Tiefen des Herzens.

Wenn die Kirche uns im Advent Johannes den Täufer so eindrucksvoll vor Augen stellt, dann deshalb, weil es an uns liegt, das Kommen des Messias in die Welt vorzubereiten und zwar dadurch, dass wir Menschen sind, die immer neu auf Gottes Wort hören und ihr eigenes Leben immer mehr an diesem Wort Gottes ausrichten.

Das Licht in der Blindgasse – Eine kleine Adventsgeschichte

Am unteren Ende des Marktplatzes zweigt relativ unscheinbar zwischen den vornehmen Häusern eine kleine Gasse ab. Folgt man ihr, so biegt nach einigen Metern eine noch unscheinbarere Gasse nach rechts ab, die man nur in wenigen Stadtplänen verzeichnet findet, da sie so klein ist. Blindgase wurde sie irgendwann einmal genannt und das vielleicht deshalb, weil sie nur ein kurzes Stück bis zu einem Haus führt und dort endet. Gerade mal sieben Hausnummern gibt es in dieser Gasse, drei ungerade auf der rechten und drei gerade auf der linken Seite. Das Haus am Ende der Gasse, obwohl weder links noch rechts, sondern eben einfach in der Mitte gelegen, hat die Hausnummer Sieben bekommen. In diesem Haus war früher einmal ein kleines Geschäft. Hans Ohrenbeißer verkaufte dort allerlei kleinen Handwerkerbedarf, Schrauben, Nägel und das passende Werkzeug dazu. In seiner kleinen Werkstatt hinter dem Haus hat er kleine Reparaturen durchgeführt, denn er war sehr geschickt. Die Leute kamen mit ihren kaputten Fahrrädern zu ihm. Aber auch, um ihre Messer schleifen zu lassen. Selbst kleinere Möbelstücke zimmerte Herr Ohrenbeißer in seiner Werkstatt.

Entgegen seinem Namen war Hans Ohrenbeißer ein sehr friedlicher Mensch. Er war nicht etwa Boxer oder so in einem früheren Leben. Nein, er wohnte schon immer im Haus Nummer Sieben, wie auch schon seine Eltern und Großeltern. Seine Frau ist früh gestorben und sie hat ihn mit einer bildhübschen Tochter zurückgelassen. Ina war sein ein und alles. Wenn er am Morgen aufwachte und ihr Lächeln sah, dann wusste er, dass es sich auch diesen Tag wieder lohnte zu leben und den nächsten und so weiter. Dieses Lächeln war sein Sonnenschein, auch wenn es um ihn herum immer trüber wurde. Immer weniger Leute kamen in sein Geschäft, schließlich machte er den Laden zu, er war zu alt, um große Modernisierungen durchzuführen, die sein Geschäft attraktiver gemacht hätten. Daher verirrte sich auch kaum ein Mensch mehr in die Blindgasse, außer dem Postboten, der die wenigen Briefe brachte, die Herr Ohrenbeißer noch bekam.

Irgendwann hat seine Tochter geheiratet. Ein ganz netter Mann vom anderen Ende der Stadt. Herr Ohrenbeißer freute sich für sie, auch wenn er nun allein im Haus zurück blieb, in seiner kleinen Wohnung im ersten Stock über dem Laden. Doch trotz seines Alters war er noch gut zu Fuß und konnte seine Tochter und dann auch das bald geborene Enkelkind regelmäßig besuchen. Dann konnte er immer etwas Lebensfreude tanken, die ihm über die stillen Tage in seiner einsamen Wohnung hinweghalf. An den langen Tagen bastelte er liebevoll in seiner Werkstatt aus Holz allerlei Spielzeug für den kleinen Jonas, Holzfiguren, eine Krippe, ein Polizeiauto, eine Eisenbahn. Immer hatte er neue Ideen und Jonas freute sich schon darauf, was sein Opa ihm als nächstes mitbrachte.

So hätte es noch lange weitergehen können. Doch das Leben spielt mit den Menschen und gerade wenn man dabei ist, es sich schön und gemütlich zu machen, reißt es einen jäh aus den süßen Träumen. Eines Abends stand Ina vor der Tür, in der einen Hand einen Koffer, in der anderen den kleinen Jonas. Als Herr Ohrenbeißer Tochter und Enkel da stehen sah, wusste er, dass etwas Schlimmes passiert sein musste, aber er fragte nicht, führte die beiden in die gemütliche Wohnstube und kochte erst einmal einen Tee. Seither wohnen Ina und Jonas wieder in der Blindgasse, im zweiten Stock unter dem Dach.

Ina hat einen guten Beruf bei der Bank, das Geld reicht aus, so dass sie für sich und ihren Sohn sorgen kann. Mit ihren Kollegen auf der Arbeit versteht sie sich gut. Doch oft vermisst sie die Geborgenheit, wenn sie nach Hause kommt. Aber ihre Tage sind so ausgefüllt, dass sie kaum zum Nachdenken kommt. Auch kommt ihr Vater langsam in ein Alter, in dem er nicht mehr alles selbst erledigen kann und mehr und mehr muss Ina sich um all die anfallenden Reparaturen kümmern, damit das Haus in der Blindgasse in einem einigermaßen guten Zustand bleibt.

Jonas hat gute Noten in der Schule. Mit seinen Freunden versteht er sich gut. Doch wenn ein Schulfest oder eine Sportveranstaltung anstehen – Jonas spielt leidenschaftlich gerne Fußball – dann wird ihm doch bewusst, wie sehr ihm ein Vater fehlt, auf den er stolz sein kann und der stolz ist auf seinen Sohn, nicht nur, wenn er wieder einmal das entscheidende Tor geschossen hat. Auch wenn seine Mutter ihm so viel Liebe schenkt, kann sie doch den Vater nie ganz ersetzen.

Es gab immer wieder Männer, die um Ina warben. Sie ist eine attraktive Frau. Aber sie hat auch ihren eigenen Kopf. Nachdem sie ihr Leben nun so gut selbst organisiert hatte, konnte sie keinen Mann brauchen, der nur eine liebe Frau im Haus hinter dem Herd suchte. Sie wollte nicht nur ein kleines Glück, um das Leben etwas angenehmer zu machen und die Einsamkeit zu vertreiben, sondern sie wünschte sich das große Glück, das das ganze Leben durchdrang und einen nie zur Ruhe kommen lässt, sondern hinführt zu immer neuen Entdeckungen.

„Du, Papa“, sagt sie eines Abends zu ihrem Vater, „was ist denn eigentlich mit dem Geschäft? Da steht alles noch so herum, wie du es vor zehn Jahren zurückgelassen hast. Ich habe da eine Idee, was wir machen könnten.“ Ihr Vater blickt sie etwas skeptisch an, er weiß, dass seine Tochter manchmal ungewöhnliche Ideen hat und er staunt immer wieder darüber, was sie so alles fertig bringt. Was hat sie wohl jetzt wieder im Sinn? Über den Laden hat er sich lange keine Gedanken mehr gemacht. Zuerst fand sich kein Mieter, denn wer hätte schon in dieser abgelegenen Gasse einen Laden eröffnen wollen. Nun wollte er auch keinen mehr, denn das bringt ja doch nur Komplikationen mit sich. Aber nun schien seine Tochter ihm ja die ohnehin nicht allzu großen Sorgen um den Laden abgenommen zu haben.

„Ich würde gerne ein kleines Café aufmachen, aber nicht eines für die schicken Leute, sondern eines, wo sich alte und einsame Menschen treffen können. Wir backen selber etwas Kuchen und die Leute können dann bei einer Tasse Tee gemütlich beisammen sitzen.“

„Da steckt aber viel Arbeit drin, wie willst du denn das Geschäft so einfach umbauen?“

„Ach lass mich mal nur machen, ich hab da schon meine Ideen. Den Ladentisch können wir gut als Tresen nehmen, die Regale dahinter für das Geschirr. Da müssen wir nur alles etwas aufräumen und neu Streichen, dann sieht das prima aus und den anderen Krempel schmeißen wir raus, dann haben wir Platz für die Tische.“

Tatsächlich hat Ina mit Hilfe einiger Freunde bis zum Samstag vor dem Ersten Advent alles hinbekommen. Der Laden war nicht wieder zu erkennen. Durch einen glücklichen Zufall hatte sie noch irgendwo Tische und Stühle herbekommen, die sie dann ebenfalls frisch lackiert hatte. Alles glänzte. Am Abend zuvor hat sie mehrere Kuchen gebacken, Kirschstreusel, Marmorkuchen und leckere Plätzchen. Das Teewasser kochte, es gab auch Glühwein und Kinderpunsch. In der Stadt hingen Zettel aus, die auf die Neueröffnung hinwiesen. Manch älteren Menschen in der Nachbarschaft, die sie kannte, hat Ina eine Einladung in den Briefkasten geworfen mit einem Gutschein für ein Stück Kuchen und eine Tasse Tee. Das Café sollte in der Advents- und Weihnachtszeit immer Samstags und Sonntags am Nachmittag geöffnet sein, dann würde man weitersehen.

Für das Schaufenster hat Ina sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Sie hat eine große Krippenlandschaft aufgebaut. Noch war der Stall von Betlehem leer und die Hirten auf den Feldern mit ihren Herden ahnten nichts von dem, was hier bald geschehen würde. Doch von fern waren schon die Heiligen Drei Könige mit ihrem prunkvollen Gefolge zu sehen, mit Pferden, Kamelen und Elefanten. Und die Engel im Himmel beratschlagten schon darüber, wie sie die große Freude auf Erden wohl am eindrucksvollsten verkünden könnten, welche Instrumente man wählten sollte und was wohl der beste Spruch wäre, um die Botschaft von dem, was da geschehen sollte – aber pssst, noch war es streng geheim – am besten rüberzubringen.

Zunächst schien es so, als würde niemand das kleine Café in der kleinen Gasse abseits des Marktplatzes ansteuern, aber dann kam doch eine ältere Dame aus dem Nachbarhaus. Früher, sagte sie, habe sie immer bei Inas Vater eingekauft, kannte auch noch den Großvater. Nun wollte sie mal sehen, was aus dem Laden, der so lange leer gestanden hat, geworden ist. Es kam auch noch ein älterer Herr, der zwei Straßen weiter wohnte. Dann kam eine Familie mit drei Kindern, die den Zettel am Marktplatz gelesen hatten und nun die Krippe anschauen wollten. Bald saß eine kleine Gruppe von Menschen zusammen und man unterhielt sich über dies und jenes. So sollte es nun jedes Wochenende sein. Ein kleiner Kreis älterer Stammgäste bildete sich heraus, die sich schon die ganze Woche auf das Zusammensein im Café freuten. Und immer wieder kamen neue Gäste hinzu.

Besonders freute sich Ina über die Kinder, die ihre Eltern vom Marktplatz weg in die kleine Gasse zogen und staunend die Krippe betrachteten. Und da gab es jedes Wochenende etwas Neues zu entdecken. An einem Wochenende sah man Maria, wie sie ihre Cousine Elisabeth im hintersten Winkel des Gebirges besuchte. In der anderen Woche sah man Maria auf dem Esel mit Josef, wie sie von zuhause aufbrachen. Dann sah man sie in Betlehem vergeblich an verschlossene Türen klopfen. Und dann war der Tag da, an dem das Kindlein in der Krippe lag, die Engel ihren lange vorbereiteten Lobgesang auf Erden anstimmten und die Hirten ganz verwirrt von ihren Schafen zur Krippe eilten.

Auch wenn das Café am Weihnachtstag geschlossen blieb, so war doch ganz neues Leben eingekehrt in die sonst so stille Blindgasse. Und immer wieder machten die Leute bei ihrem Weihnachtsspaziergang einen keinen Umweg vom Marktplatz weg, um nach der Krippe zu sehen. Und an den Abenden, an denen es früh schon dunkel wurde, leuchtete das Licht der Krippe aus dem Schaufenster bis an den Anfang der kleinen Gasse. In der Stadt war ein kleines neues Licht aufgegangen, neues Leben erwacht. Und die Menschen, die in die Blindgasse kamen, nahmen etwas mit von diesem Licht mit nach Hause und so kam es, dass es in der ganzen Stadt etwas heller zu sein schien als zuvor.

An einem Samstag – Ina erinnert sich noch genau an diesen Tag – kam ein junger Mann in das Café. Er setzte sich an einen Tisch im Eck und trank in Ruhe seinen Tee. Dabei las er in seinem Buch und schien die Welt um sich herum nicht wahrzunehmen. Er kam öfter, immer saß er an dem Tisch im Eck. Doch eines Tages fing er an, mit den älteren Menschen zu reden. Und schon nach einiger Zeit wurde er von den Stammgästen sehsüchtig erwartet und herzlich begrüßt. Sie freuten sich, wenn er da war und ihnen zuhörte, wenn sie ihre Geschichten erzählten. Sie freuten sich über sein Lächeln, das sie mit ihren Geschichten auf sein Gesicht zaubern konnten. Und eines Tages merkte auch Ina in ihrem Herzen, dass sie auf das Kommen dieses Gastes wartete. Doch das ist eine andere Geschichte, die wir vielleicht später einmal erzählen wollen.

1. Adventssonntag

AA1_GasseNun ist sie wieder da, die Adventszeit. Die Zeit der Weihnachtsmärkte und des Geschenkekaufens, die Zeit des Plätzchenbackens und der Lebkuchen in den Supermärkten. Die Zeit der Weihnachtsbeleuchtung und der Lichter. Auch wenn so Vieles kommerziell ausgeschlachtet wird, gelingt es doch immer noch, in dieser Zeit gewisse Gefühle zu wecken. Und vielleicht gelingt es uns, all den Konsum-Rummel draußen zu lassen und uns in unserer Wohnung eine kleine Advents-Oase einzurichten mit dem zart duftenden Grün der Zweige am Adventskranz und dem sanften Licht der Kerzen. Dann kann der Advent auch eine Zeit der Stille werden, eine Zeit der Besinnung und der Vorbereitung auf das Kommen des Herrn.

Der Advent lädt uns ein, innezuhalten und zurückzublicken auf das vergangene Jahr. Was ist in diesem Jahr alles geschehen, an schönen und an weniger erfreulichen Ereignissen? Welchen Menschen bin ich in diesem Jahr begegnet? Welche Menschen sind neu in meinen Bekanntenkreis getreten, welche haben sich daraus – vielleicht für immer – verabschiedet? Welche Veränderungen haben sich im Beruf ergeben? Lässt mir die Arbeit auch genügend Zeit für mich und die Menschen, die mir wichtig sind? Wo kann ich die Spuren Gottes entdecken in dieser Zeit? Wo fühlte ich mich von ihm getragen – wo hätte ich mir mehr seine Hilfe gewünscht? Gibt es etwas, das ich als ein ganz besonderes Geschenk betrachte?

Mit all diesen Gedanken können wir – nicht nur im Advent – an einem ruhigen Ort, vor einer brennenden Kerze, einem schönen Platz in der Natur oder in einer Kirche vor Gott hintreten. Wir schauen auf das, was vergangen ist, aber wir schauen auch aus nach dem, was kommt. Welche Entscheidungen stehen in der nächsten Zeit an? Was möchte ich in meinem Leben verändern – beruflich, im Umgang mit Menschen, in meinem Denken und Handeln? Was macht mir Sorgen? Worüber freue ich mich besonders? Was meine ich leicht zu schaffen, wo wünsche ich mir Hilfe? Wir dürfen alles in Gottes Hand legen und ihn um seinen Segen bitten für unseren Lebensweg und dem unserer Lieben.

In der ersten Lesung hören wir heute von der großen Wallfahrt der Völker zum Berg Zion, nach Jerusalem, der Stadt Gottes mit dem Tempel, in dem das Volk Israel die Wohnung Gottes unter den Menschen sieht. Ich möchte das Bild etwas umdeuten, damit es vielleicht etwas mehr in unsere Lebenswirklichkeit passt. Wir sind alle unterwegs auf dem Weg des Lebens, sind alle unterwegs zu einem Ziel – oder irren wir doch manchmal einfach ziellos umher? Es gibt viele Straßen, auf denen die Menschen gehen. Breite Straßen wie die Einkaufsmeilen unserer Städte, voller Lichter und Reklamen, voll mit Menschen. Wo führen sie hin? Haben sie ein Ziel? Oder halten sie die Menschen, die auf ihnen gehen, nur davon ab, vorwärtszukommen, weil die Menschen feststecken im Gedränge, von einem Geschäft zum nächsten gehen, aber ohne Richtung und Ziel sind?

Dann gibt es dunkle Gassen, in die niemand gehen möchte. Sie sind oft gleich hinter den hell erleuchteten Einkaufsmeilen, aber niemand will sie sehen. Dort ducken sich Menschen nieder, die gezeichnet sind vom Leben und die nicht hineinpassen in diese Welt des Glitzers und des Konsums. Einsam stehen sie da, eingehüllt in dicke Mäntel, die sie etwas vor der Kälte des Winters schützen, aber nicht vor der Kälte der Herzen, die ihnen entgegenschlägt. Biegen wir manchmal ab in diese dunklen Gassen, um dort ein kleines Licht anzuzünden?

Es gibt auch kleine, verborgene Wege, die man so leicht nicht findet. Man muss etwas die Augen zusammenkneifen, um nicht zu sehr geblendet zu werden vom Licht der hellen Schaufenster an den breiten Straßen. Dann entdeckt man zwischen all den Glitzerfassaden vielleicht einen kleinen unscheinbaren Durchlass. Und dann tut sich ein geheimnisvoller Weg auf, an dem es Vieles zu entdecken gibt. Hier können uns Menschen begegnen, die nicht in Hetze sind, sondern Zeit haben für ein Gespräch. Hier gibt es einen Ort der Stille, an dem wir zu uns selbst finden können, einen Ort, an dem wir unsere Gedanken ordnen können, um neu die Richtung für unser Leben zu bestimmen. Und dann werden wir merken, dass auch wir den Menschen ganz anders begegnen, die wir auf diesem Weg antreffen. Unser Herz wird weit. Wir merken, dass wir selbst ein Licht sind, das immer heller leuchtet.

Und dann entdecken wir am Ende dieser Straße ein schwaches Leuchten, und wenn wir näher kommen und genauer hinsehen, dann erkennen wir den Stall von Betlehem und das Kind in der Krippe. Dann erleben wir Weihnachten ganz neu. Wir erfahren, dass es nicht ein Geschehen ist, das längst vergangen ist und um uns herum geschieht, sondern dass wir mitten drin sind in diesem Fest, dass Weihnachten immer neu wird, wo ein Mensch zum Licht wird und Gottes Licht in die Welt trägt.

Apostel Andreas

Andreas_3Die Szene der Berufung von Petrus und Andreas finde ich sehr schön dargestellt auf dem Bild von Giusto de’ Menabuoi. In einer Predigt am Festtag des hl. Andreas spricht Gregor der Große davon, was es bedeutet, alles zu verlassen, um Jesus nachzufolgen:

Manch einer mag denken, was haben denn diese Fischer aufgegeben, die so gut wie nichts besaßen? … Viel hat verlassen, wer nichts für sich zurückbehielt, viel verließ, wer alles aufgab, mag es auch noch so wenig sein.

Ohne Zweifel besitzen wir unsere Habe mit Liebe, und was wir nicht haben, verlangen wir voller Leidenschaft. Viel haben also Petrus und Andreas verlassen, als beide sogar das Verlangen aufgaben, etwas ihr Eigen zu nennen. Viel hat verlassen, wer zusammen mit dem Besitz auch auf die Begierden verzichtet. Von denen, die nachfolgten, wurde also so viel verlassen, wie von denen, die nicht nachfolgten, begehrt werden konnte.

Niemand möge also zu sich sagen, auch wenn er sieht, wie einige viel aufgegeben haben: Ich will diese Weltverächter schon nachahmen, doch habe ich nichts, was ich aufgeben könnte. Viel gibt der auf, der auf irdisches Verlangen verzichtet. Denn unsere noch so geringen äußeren Gaben genügen dem Herrn. Er schaut nämlich auf das Herz, nicht auf die Sache; auch erwägt er nicht, wie viel ihm zum Opfer gebracht wird, sondern aus welcher Gesinnung heraus.

Denn wenn wir die äußere Sache erwägen: Seht, wie unsere heiligen Händler das ewige Leben der Engel um den Preis ihrer Netze und ihres Bootes erworben haben. Es gibt zwar keinen festen Preisanschlag, doch kostet das Reich Gottes so viel, wie du besitzt. Es kostete nämlich Zachäus die Hälfte seines Vermögens … Petrus und Andreas den Verzicht auf Netzt und Boot … die Witwe zwei kleine Münzen … einem anderen einen Becher kühlen Wassers. Bedenkt also, ob es etwas für einen geringeren Preis zu kaufen, etwas Kostbareres zu besitzen gibt.

Geduld (2)

Man berichtet vom Altvater Gelasios, dass er oft von dem Gedanken angefochten wurde, sich in die Wüste zurückzuziehen. Eines Tages sagte er zu seinem Schüler: „Tu mir den Gefallen, Bruder, und ertrage, was immer ich auch tue, und sprich die ganze Woche nicht mit mir!“

Er nahm einen Palmstab in die Hand und begann in seinem Hof herumzugehen. Wenn er müde wurde, setzte er sich ein wenig, und dann erhob er sich wieder und ging umher. Als es Abend wurde, sagte er zu sich selbst: „Wer in der Wüste umhergeht, hat kein Brot zum Essen, sondern nur Gras. Du aber in deiner Schwäche, iss ein wenig Keingemüse.“

Er machte es so, und dann sagte er zu sich: „Der in der Wüste schläft nicht unter einem Dach, sondern unter freiem Himmel, mach es also auch so!“ Er legte sich nieder und schlief im Hof. Das machte er drei Tage: Er ging im Hof herum, am Abend aß er ein paar Salatblätter, die Nächte verbrachte er im Freien schlafend, und dann war er erschöpft.

Da schalt er den Gedanken, der ihn belästigte und tadelte sich mit den Worten: „Wenn du die Werke der Wüste nicht erfüllen kannst, dann bleibe in Geduld in deinem Kellion sitzen und beweine deine Sünden und treib dich nicht herum. Denn überall blickt das Auge Gottes auf die Werke der Menschen, und nichts ist ihm verborgen, und er erkennt diejenigen, die das Gute tun.

Apophthegmata Patrum

Geduld

Ausgehend von einem Gespräch der Jünger über die Pracht des Tempels weist Jesus auf die Vergänglichkeit alles Irdischen hin und macht deutlich, dass eine Zeit kommen wird, in der all diese Pracht vergeht. Wir sprechen davon, dass Gott kommen wird zum Gericht, dass er es sein wird, der das Ende herbeiführt. Das ist richtig. Aber wenn wir genau hinsehen, so wird deutlich, dass letztlich die Menschen selbst schuld daran sind, dass es so weit kommt. Ohne Sünde könnte diese Welt sicher friedvoll eingehen in die Herrlichkeit Gottes, so aber bedarf es des Gerichtes, um die rechte Ordnung wieder herzustellen und die Welt für Gott bereit zu machen. Gregor der Große sagt über die Nöte der Endzeit:

„All dies stammt nicht von der Ungerechtigkeit des Strafenden, sondern von der Schuld der Welt. … Zuerst werden die Herzen der Menschen und später die Elemente verwirrt, damit, wenn die Ordnung der materiellen Welt erschüttert wird, sich zeigt, aus welcher Vergeltung heraus dies nun geschieht.“

Die aber, deren Herzen fest im Herrn verankert sind, brauchen sich in dieser Not nicht zu sorgen. Denn wenn auch Untergang und Zusammenbruch um sie herum herrschen, so wird ihnen doch „kein Haar gekrümmt werden“. Wie wir aber unsere Herzen fest machen im Herrn und das Leben gewinnen können, sagt uns Jesus im letzten Satz des Evangeliums:

„Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“ (Lk 21,19)

Eindrücklicher wird für mich dieser Satz, wenn ich ihn im Lateinischen höre:

„In patientia vestra possidebitis animas vestras.“

„In eurer Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen.“

Patientia, das meint Standhaftigkeit und Geduld, die Fähigkeit, auszuharren. Und das ist eine Tugend, die nicht nur für das Ende, von dem im Evangelium die Rede ist, notwendig ist, sondern unser ganzes Leben prägen sollte.

Wir kommen immer wieder in Situationen, in denen unser Leben zu stagnieren scheint, in denen wir verzweifelt sind und in denen wir meinen, dass uns – scheinbar unüberwindliche – Hindernisse in den Weg gelegt werden. Wie oft schon wollten wir aufgeben, meinten uns den Herausforderungen nicht gewachsen.

Aber wenn wir dabei bleiben, nicht aufgeben, weiter nach einem Weg suchen und darauf vertrauen, dass es jemanden gibt, der uns einen Weg öffnet, da ging es dann plötzlich wieder vorwärts.

Andererseits haben wir vielleicht auch manchmal schon aufgegeben, etwas weiter zu verfolgen, haben einen anderen, leichteren, Weg gewählt und dann mussten wir hinterher sehen, dass sich die Lage doch verändert hat. Hätten wir noch etwas gewartet, dann hätten wir erreicht, was wir damals so sehr ersehnt haben, nun aber haben wir uns selbst abgewandt und es ist durch unser eigenes Verschulden in unerreichbare Ferne gerückt, weil wir uns nicht mit genügend Ausdauer darum bemüht haben.

Es ist die Aufgabe unseres Lebens, unsere Ziele zu suchen, näherliegende hier in diesem Leben und das Ziel, auf das unser ganzes Leben hinsteuert. Jeder muss herausfinden, welche Ziele es sind, für die sich der volle Einsatz lohnt. Diese Ziele dürfen wir dann nicht mehr aus den Augen verlieren, auch wenn sie manchmal in unerreichbare Ferne gerückt scheinen und wir keinen Weg sehen, sie zu erreichen. Wenn wir ein Ziel wirklich geprüft und als das richtige erkannt haben, dann dürfen wir stets darauf vertrauen, dass uns einmal ein Weg dorthin aufgetan wird, zum Herzen eines Menschen und zum Herzen Gottes, der uns alle ruft in sein Reich.

Hören wir dazu noch einige Worte Gregors des Großen:

„Deshalb wird der Besitz der Seele in die Tugend der Geduld verlegt, weil die Geduld Wurzel und Hüterin aller Tugenden ist. Durch die Geduld aber besitzen wir unsere Seelen, da wir, wenn wir lernen, uns selbst zu beherrschen, anfangen, gerade das zu besitzen, was wir sind.“